Schwarz wie deine Liebe - Julie Craner - E-Book

Schwarz wie deine Liebe E-Book

Julie Craner

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Beschreibung

Frisch von Eric getrennt, steht die Vampirjägerin Aurora vor den nächsten Problemen. Neben ungewollten Bodyguards und ihrem Hexenpartner, den sie vor ihrem Bruder verheimlichen soll, wird sie immer weiter in den Krieg zwischen den Vampiren hinein gezogen. Als sie mit ihrem Partner dann in eine Falle gelockt wird, ist es ausgerechnet ihr Exfreund, der sie rettet und ihre ungewollten Gefühle weiter aufflammen lässt. Sie weiß, dass sie in diesem Kampf nicht auf ihn verzichten kann, doch kann sie ihm nach seinen Lügen wirklich trauen? Und viel wichtiger, kann sie sich selbst trauen, ihm zu widerstehen?

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Epilog
Danksagung

Schwarz wie deine Liebe

Seelen der Dunkelheit 2

Von Julie Craner

Schwarz wie deine Liebe

Seelen der Dunkelheit 2

Ein Roman von Julie Craner

Impressum

E-Mail: [email protected]

Adresse:

Julie Craner c/o AutorenServices.de

Birkenallee 24

36037 Fulda

Lektorat: Sabrina Schumann

Cover by uncovert - Kim Leopold

Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Anm.: Im Buch verwende ich eine umgewandelte Geschichte der Familie Romanow. Bis auf die Ermordung der russischen Zarenfamilie und dem Anschlag von Dimitri Romanow auf Rasputin und dessen Verschwinden vor der Oktoberrevolution ist alles andere frei erfunden und entspricht nicht der Wahrheit.

Bisher erschienen:

Schwarz wie dein Herz – Seelen der Dunkelheit 1

Frisch von Eric getrennt, steht die Vampirjägerin Aurora vor den nächsten Problemen.

Neben ungewollten Bodyguards und ihrem Hexenpartner, den sie vor ihrem Bruder verheimlichen soll, wird sie immer weiter in den Krieg zwischen den Vampiren hinein gezogen.

Als sie mit ihrem Partner dann in eine Falle gelockt wird, ist es ausgerechnet ihr Exfreund, der sie rettet und ihre ungewollten Gefühle weiter aufflammen lässt.

Sie weiß, dass sie in diesem Kampf nicht auf ihn verzichten kann, doch kann sie ihm nach seinen Lügen wirklich trauen?

Und viel wichtiger, kann sie sich selbst trauen, ihm zu widerstehen?

Über die Autorin:

Die Berlinerin schreibt schon seit ihrer frühesten Jugend. Doch erst mit Mitte dreißig ist sie bereit, Ihre Geschichten einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Die studierte Apothekerin schreibt am liebsten Fantasy und Lovestories und hat 2019 ihren ersten Fantasy-Roman „Schwarz wie dein Herz – Seelen der Dunkelheit 1“ im Selfpublishing herausgebracht.

Was bisher geschah:

Aurora Zantoni erfährt von dem Mönch Bruder Michael, dass sie aus einer Vampirjägerfamilie stammt. Als hätte dieses Wissen etwas ausgelöst, wird sie prompt von Vampiren angegriffen und von ihrem Nachbarn Eric gerettet, der sich ebenfalls als ein Vertreter dieser Gattung entpuppt.

Als ihr Bruder Markus von einer Gruppe Vampire überfallen und verletzt wird, bittet sie ihn um Hilfe.

Als Gegenleistung soll sie Eric bei seinen Zielen helfen. Dadurch wird sie unfreiwillig in die Welt der Vampire hineingerissen. Zwischen Tänzen beim König der Vampire und dem Training für die Vampirjagd merkt sie, dass nicht alle Blutsauger schlecht sind, und beginnt, für Eric mehr zu empfinden.

Währenddessen verschwinden immer mehr Menschen, weil abtrünnige Vampire sich nicht mehr an die Regeln des Königs halten wollen. Es scheint alles auf einen Krieg hinauszulaufen.

Um Aurora zu unterstützen, schickt der Hexenrat ihr einen Trainingspartner, bei dem es sich um Markus’ besten Freund Gregor handelt, den sie seit ihrer Kindheit kennt. Seine wahre Abstammung hat er jedoch vor ihr verborgen Gehalten. Überrascht muss sie sich eingestehen, dass sie ihm nie geglaubt hätte, ein Hexer zu sein, als sie noch nicht wusste, dass Fabelwesen wirklich existieren. Zusammen lernen sie mit Bruder Michaels Hilfe, wie Vampirjäger zu kämpfen.

Inzwischen wird Eric bei einer Aufklärungsmission schwer verletzt. In seinem Delirium verwechselt er Aurora mit seiner verstorbenen Ex-Frau, der sie zum verwechseln ähnlich sieht. Enttäuscht von seiner Lüge trennt sie sich von Eric.

Fortan will sie ohne seine Unterstützung auf Vampirjagd gehen.

1

Ihre Holzschwerter krachten aufeinander, bevor sie auseinandersprangen. Schwer atmend fixierte Aurora den großen Mann vor sich und suchte nach einer Schwachstelle. Gregor verlagerte sein Gewicht. Dabei schwenkte die Klinge zur Seite und ließ ihn ungedeckt. Das war ihre Chance. Sie eilte mit ein paar Schritten auf ihn zu und zielte auf seine rechte Seite.

Gregor konnte gerade noch so ausweichen. Im letzten Moment fing er ihren Angriff mit seiner Waffe ab.

Kurz standen sie sich gegenüber. Jeder überlegte, wie er die Oberhand in diesem Kampf gewinnen konnte.

„Hast du endlich mit Markus geredet?“, fragte Aurora, um ihn abzulenken. „Ewig werde ich das nicht vor ihm geheim halten können.“

Leicht neigte Gregor den Kopf, sodass die braunen Locken über seine Augen fielen. „Noch nicht.“ Er ließ sein Schwert sinken und wich einige Schritte zurück.

„Gregor, ich habe nicht vor, meinen Bruder weiter zu belügen.“ Seufzend wischte sie sich mit dem Unterarm über die Stirn. „Das hat beim letzten Mal nicht gut funktioniert und ich will nicht wieder damit anfangen.“

„Ich weiß, aber ...“ Als er durch die Haare hindurchspäte, traf sie ein verlorener Blick.

Wovor hatte er solche Angst? „Markus wird dir nicht gleich die Freundschaft kündigen. Sieh dir nur an, wie gut er mit Eric klarkommt. Und mit dem braucht er nicht einmal befreundet sein.“ Aurora hob ihr Übungsschwert wieder an. Ein weiteres Mal trafen ihre stumpfen Klingen aufeinander.

„Natürlich muss dein Bruder mit deinem Freund befreundet sein“, konterte Gregor und schob sie mit dem Druck seiner Waffe von sich. Mit einem Schnitt von der Seite setzte er nach, doch Aurora konnte ausweichen.

„Eric ist mein Nachbar, nicht mein Freund“, korrigierte sie ihn. Sie holte zu einem weiteren Hieb aus, während Gregor sie irritiert anblinzelte.

„Wie meinst du das? Ich dachte ...“

Weiter kam er nicht, weil sie ihm mit mehr Krafteinsatz als sonst das Schwert aus der Hand fegte. Warnend starrte sie ihn an. Bruder Michael sollte nichts über ihre ehemalige Beziehung zu dem Vampir erfahren.

„Nun, ich denke, das hat gezeigt, dass ihr während des Trainings nicht reden solltet. Es stört die Konzentration“, meldete sich der Mönch in seiner schwarzen Kutte vom Rand der Matte. „Ich hab mir das jetzt lange genug angesehen. Wenn ihr streiten wollt, klärt das bitte außerhalb der Halle.“ Er deutete mit dem Kopf in Richtung Decke. Durch ein großes Glaskreuz drang ein wenig Licht zu ihnen. Die Trainingshalle befand sich im Keller des Klosters der Franziskanermönche. Der Glasweg des Innenhofes war so angelegt, dass er am Tag einen großen Teil des unterirdischen Übungsortes beleuchtete. Als Aurora das erste Mal diesen Bau gesehen hatte, der extra zum Kampftraining angelegt worden war, war sie mehr als überrascht gewesen. Sie hätte nie damit gerechnet, im Keller eines Mönchsordens eine so gut gefüllte Waffenkammer vorzufinden. Dekorativ hingen diverse Hieb-, Stich- und Schusswaffen an einer Wand der großen Halle, in der sie auch trainierten.

Eine Entschuldigung murmelnd beugte sich Gregor zu dem Holzschwert vor seinen Füßen, um es aufzuheben. Aurora sah zu ihrem Lehrer, der die Arme vor dem rundlichen Bauch verschränkt hatte, und nickte ihm leicht zu.

„Eure Aufwärmübungen sahen ganz gut aus. Wie wäre es, wenn wir den Schwierigkeitsgrad etwas erhöhen?“ Bruder Michael griff neben sich auf den Boden und hob zwei Holzdolche auf. „Bei der Energie, die ihr anscheinend habt, werdet ihr sicher keine Schwierigkeiten haben, mit zwei Waffen gleichzeitig zu kämpfen.“

Kurz ging er mit ihnen einige Abwehr- und Angriffsübungen durch, bevor es ernst wurde.

Nach ein paar Runden hatte Aurora Mühe, das schwere Holzschwert einhändig zum Schnitt zu heben und gleichzeitig mit dem Dolch vorzustoßen. Schwitzend stolperte sie vor Gregors nächstem Vorstoß rückwärts. Sein Schwert sauste von oben auf sie herab. Im letzten Moment riss sie ihren Kopf zurück. Sie spürte den Windzug in ihrem Gesicht, als die Spitze unsanft ihr Brustbein traf. Sie sog die Luft ein, während Gregor mit erschrockenem Blick seine Waffe von ihrem Körper zog. Das würde bestimmt einen blauen Fleck geben.

„Stopp.“ Laut ausatmend ließ sie die Arme sinken. Ihr rechter Oberarm brannte vor Anstrengung wie Feuer. „Ich denke, das reicht für heute. Ich muss morgen wieder früh raus zur Arbeit.“ Fragend drehte sie sich zu Bruder Michael um, der ernst nickte.

„Ja, ihr habt euch für heute genug verausgabt.“ Er nahm ihnen die Übungswaffen ab. „Ihr habt euch gut aufeinander eingestellt. Ich denke, ihr werdet ein erstklassiges Jägerteam abgeben. Bald seid ihr bereit für Außeneinsätze. Ich werde mit dem Hexenrat und der Inquisition über eure Fortschritte reden.“

Es gefiel ihr nicht, dass diese Leute, die sie nie gesehen hatte, darüber entschieden, ob sie auf Vampirjagd gehen durfte. Immerhin wäre sie nicht das erste Mal im Einsatz. Mit ihrem Exfreund Eric war sie ein paarmal unterwegs gewesen und sie hatten einige Vampire davon abhalten können, Menschen zu töten. Als sie einen Blick auf Gregor warf, schien sein Gesicht ihre Ungeduld zu spiegeln. Vielleicht konnte sie den besten Kumpel ihres Bruders überreden, ohne die Erlaubnis ihres Lehrers auf die Jagd zu gehen. Doch nicht mehr heute. Der Tag war lang genug gewesen. Nach ihrer Acht-Stunden-Schicht in der Apotheke war sie direkt zum Training gefahren.

Sie zog sich in dem kleinen Nebenraum der Trainingshalle um, ihre Sachen bewahrte sie in einem der Spinde dort auf. Nachdem sie sich auf einem der vier Holzstühle ihre Schuhe angezogen hatte, trat sie vor die Schwarz-Weiß-Fotografien, die eine Wand des Umkleidezimmers zierten. Unter anderem das Bild ihrer Großmutter am Tag ihrer Hochzeit. Sie hatte die Mutter ihres Vaters nie kennengelernt und fühlte sich ihr dennoch nah. Seitdem Aurora vor ein paar Wochen ihr Tagebuch gelesen hatte und wusste, dass ihre Familie väterlicherseits aus Vampirjägern bestand, wollte sie mehr über diesen unbekannten Zweig erfahren.

Ob die Frau auf dem Bild, die Aurora so ähnlich sah, wohl jeden Befehle befolgt hatte, den die Kirche ihr aufgetragen hatte? Oder hatte sie ihren eigenen Kopf durchgesetzt? Seufzend starrte Aurora in das bekannte und doch fremde Gesicht. Gerne hätte sie diese Frau einmal kennengelernt, hätte mit ihr geredet und sie um Rat gefragt.

Ein kurzes Klopfen löste sie aus ihren Grübeleien. „Aurora? Bist du fertig? Ich würde mich auch gern umziehen.“

Sie griff nach ihrem Mantel und ihrer Tasche und öffnete Gregor die Tür. Seine braunen Haare lockten sich feucht um sein Gesicht und er lächelte vorsichtig. „Ich möchte nicht drängeln, aber ich will aus den durchgeschwitzten Sachen raus.“

Nickend ließ sie ihn in den Raum. „Dann sehen wir uns zum nächsten Training. Passt dir morgen? Oder lieber übermorgen?“

„Morgen ist okay. Ab sieben Uhr abends könnte ich hier sein.“

Sie nickte ihm zu und zog eine Fahrkarte aus ihrer Tasche.

Gregor schaute auf ihre Hand. „Bist du nicht mit dem Auto unterwegs?“

Aurora schüttelte den Kopf. Da sie direkt von der Arbeit gekommen war, war sie heute mit der S-Bahn gefahren. „Nein, deswegen will ich schnell los. Sonst muss ich wieder ewig am Bahnhof stehen.“

„Warte einfach auf mich, ich fahr dich nach Hause.“ Grinsend strich er sich durch die etwas zu langen Haare, die ihm ständig vor die Augen fielen.

„Gregor, das musst du nicht.“

„Dein Bruder würde mir was erzählen.“ Er holte einen Bügel mit einem Anzug aus dem kleinen Spind, den er seit ihren regelmäßigen Trainingsrunden besetzte. „Keine Widerrede, ich werde dich nach Hause bringen.“

Schmunzelnd verließ sie das Zimmer. Sollte Gregor sich in sein Banker-Outfit zwängen, das seine wahre Natur als Hexer verborgen hielt. Erst nachdem ihr Mentor, Bruder Michael, beim Hexenrat nach einem Trainingspartner für Aurora gesucht hatte, hatte Gregor ihr die Wahrheit offenbart.

Vor Jahren hatte ihr Vater den Hexenrat um den Schutz seiner Familie gebeten. Zuerst hatten sich Gregors Eltern darum gekümmert, dabei waren Gregor, Markus und sie Freunde geworden. Kaum war er alt genug, hatte Gregor das Beschützen übernommen. Als er gehört hatte, dass die Kirche einen Übungspartner für die neue Jägerin suchte, hatte Gregor die Chance ergriffen und sich freiwillig gemeldet. Dadurch kannte Aurora nun die Zusammenhänge. Seitdem versuchte sie, Gregor dazu zu bewegen, ihrem Bruder die Wahrheit über sich zu sagen.

Die wenigen angeschalteten Lampen hinterließen ein dämmriges Licht in der Halle. Aurora spürte dieses drückende Gewicht, das sich um ihren Brustkorb legte und ihr das Atmen erschwerte. Oft passierte es, wenn sie nach dem Training zur Ruhe kam, dass die Bilder ihrer Gefangenschaft wieder auf sie einprasselten. Die dunklen Klinkersteine der Wände, die im Schatten fast an Felssteine erinnerten, und dieser modrige Geruch des Kellers, den selbst die Lüftung der Trainingshalle nicht neutralisieren konnte.

Vor ein paar Wochen war sie von Vampiren in einem unterirdischen Verlies gefangen gehalten worden. Ihr damaliger Freund Eric hatte sie gerettet. Als einer der Kommandanten der Armee des Vampirkönigs hatte er Wege gefunden, sie zu retten. Doch es gab Momente, da holten die Erinnerungen sie ein und versuchten, ihr die Luft aus den Lungen zu pressen. Ein kleiner Auslöser reichte aus.

„Aurora, ist alles in Ordnung? War das Training zu hart?“ Bruder Michael hatte sich von der Wand abgewandt, wo er die Übungswaffen an ihre vorgesehenen Plätze steckte. Er ging auf sie zu und hatte eine Hand ausgestreckt, als wolle er sie stützen.

„Ich brauche nur frische Luft“, presste sie hervor und eilte zum Ausgang der Halle. „Ich warte im Hof auf Gregor.“

Fetzen von brennenden Fackeln, messerscharfen Krallen und spitzen Zähnen in ihrer Haut folgten ihr bis in den kleinen Garten, der in der Mitte des Klosters angelegt war. Tief atmete sie die kalte Abendluft ein und versuchte, die Bilder ihrer Folterung von sich zu schütteln. Erschöpft vom Tag und ihren mentalen Kämpfen setzte sie sich auf eine der glatten Steinbänke und starrte auf eins der Beete. Sie konzentrierte sich darauf, in den vertrockneten Resten Pflanzen zu erkennen, doch bis auf den Lavendel mit seinen vertrockneten Blüten, die sich im Winterwind wiegten, war nicht viel auszumachen. Von dem kreuzförmigen Glasweg waberte ihr warmes Licht entgegen, genauso vom überdachten Außenweg des Klosters, der um den Garten führte und die quadratisch angelegte Klosteranlage miteinander verband. In der Kälte und der Dunkelheit der Nacht fühlte sich Aurora sicherer als in der warmen, hell beleuchteten Trainingshalle im Keller.

Seufzend zog sie ihre Mütze auf ihre kurzen blonden Haare und schüttelte den Kopf. Die Entführung hatte einiges verändert.

„Aurora, geht es dir gut? War meine Rüge zu harsch?“ Leise war Bruder Michael an sie herangetreten. Ihr Zusammenzucken ignorierte er und setzte sich neben sie. Sein Gesicht war halb von der schwarzen Kapuze der Kutte versteckt, doch seine Augen funkelten sie neugierig an.

„Nein, Sie haben völlig recht. Wir sollten uns auf das Training konzentrieren. Schließlich müssen wir so schnell wie möglich diesen abtrünnigen Vampiren Einhalt gebieten.“ Sie zog sich ihre schwarze Wollmütze tiefer in den Nacken. „Es ist nur dieser Kellergeruch, der mich manchmal an meine Gefangenschaft erinnert. Dann muss ich einfach raus.“

Mit einem verstehenden Brummen verschränkte der Mönch seine Hände in den Ärmeln der Kutte. „Du kannst gerne mit mir über die Erlebnisse sprechen. Und auch mit jedem anderen meiner Brüder, wenn dir das hilft, die Sache besser zu verarbeiten.“ Er drehte sich leicht zu ihr. „Ich möchte nicht noch einen Jäger auf die gleiche Art verlieren wie deinen Vater. Er hat immer alles für sich behalten, mit niemandem geredet und kaum mit jemandem zusammengearbeitet. Ich hoffe, du wirst nicht denselben Fehler machen.“

Seine Worte schnitten in ihr Herz, sie wollte nicht mit ihrem Vater verglichen werden. „Es geht mir gut.“ Schwungvoll erhob sie sich und sah in diesem Moment Gregor in den Hof treten. „Können wir?“

Irritiert blinzelte dieser. „Natürlich.“

Als sich nach einer kurzen Verabschiedung das Tor des Klosters hinter ihnen schloss, atmete Aurora tief durch.

„Habt ihr euch gestritten?“ Gregor wühlte in seiner Jackentasche, während er den Blick bewusst auf sein Auto gerichtet hatte.

Aurora schüttelte den Kopf und lief zur Beifahrerseite. Langsam griff sie an ihren Hals. Dort hing die Kette ihrer Großmutter. Der rote Anhänger fühlte sich plötzlich ungewöhnlich warm an. Vorsichtig zog sie ihn unter ihrem Pullover hervor und zeigte ihn dem Hexer. „Gregor.“

Er schaute von dem Schloss der Fahrertür auf und entriegelte das Auto. „Ich weiß. Ich spüre es, die dunkle Aura ist sehr stark. Steig sofort ein.“

Aurora schüttelte den Kopf und zog ihren schwarzen Dolch aus der Jackentasche. „Was ist, wenn sie das Kloster angreifen wollen? Ich bin mir nicht sicher, ob außer Bruder Michael noch einer der Mönche in der Lage ist, sich zu verteidigen.“ Leicht drehte sie ihren Körper, um mit dem warmen Stein an ihrem Hals die genaue Position ihrer Feinde zu ergründen. Inzwischen konnte sie anhand der Wärmebildung des roten Anhängers eine ungefähre Richtung ihrer Gegner ausmachen.

Sie blickte Gregor bedeutend an und deutete mit einer kaum wahrnehmbaren Kopfbewegung auf einen Punkt schräg hinter sich.

Langsam nickte er ihr zu und öffnete die Tür. Aurora wusste inzwischen, dass Gregor in allen möglichen Ablageflächen seines Autos Waffen versteckt hatte.

Er beugte sich leicht herab, ohne die Umgebung hinter ihr aus den Augen zu lassen. Als er sich wieder aufrichtete, sah sie es in seiner Hand silbern glitzern. Der Kontakt mit diesem Metall konnte einen Vampir lähmen.

„Da fällt mir ein, dass du mir immer noch nicht erzählt hast, was nun mit deinem Nachbarn ist.“ Fast beiläufig schlenderte er um das Auto herum zu ihrer Seite. Seine Hand war beinahe vollständig von seinem Jackenärmel verborgen.

„Ich sehe seiner Ex-Frau ähnlich, das ist passiert“, antwortete Aurora kurz angebunden. Sie drehte sich zur Seite. Tat so, als würde sie sich eine Träne aus dem Augenwinkel wischen, und versuchte, hinter sich etwas zu erkennen.

„Oh, das tut mir leid.“ Gregors gespielte Betroffenheit war nicht zu überhören. Leicht nahm er sie in den Arm. „Und was machst du jetzt?“

Es raschelte im Dickicht hinter ihnen. Aurora sah einen Schatten im Augenwinkel.

Sie griff nach Gregors Hand und nahm einen der Wurfsterne an sich. Sie drehte sich um und schleuderte ihn.

Ein unterdrückter Schrei ertönte.

Aurora griff in ihre Tasche und zog ihren schwarzen Dolch. Gregor trat neben sie, die silbernen Wurfsterne gut sichtbar präsentiert.

„Wartet, wir wollen euch nicht angreifen.“ Ein Mann mit wilden blonden Locken kam mit erhobenen Händen aus dem Gebüsch. Die weiße Haut und die schwarzen Augen verrieten seine vampirische Natur. Aurora kniff kurz die Lider zusammen. Er kam ihr bekannt vor.

„Ich gehöre zur Leibgarde des Königs. Mir wurde befohlen, die Jägerin zu beschützen.“

Natürlich, sie hatte ihn schon einmal gesehen. Das letzte Mal, als sie mit Eric auf dem Ball des Königs der Vampire gewesen war und er die magische Kette gestohlen hatte. Dabei hatte er sie als Ablenkung benutzt, um unauffällig in Vlad Tepes’ privaten Bereich zu gelangen. Damals hatte der Vampir sie frech angegrinst, weil er vermutlich dachte, Eric beim Rummachen mit der Jägerin erwischt zu haben, heute sah er besorgt aus.

„Ich brauche euren Schutz nicht.“ Aurora nickte in die Dunkelheit. „Braucht euer Begleiter Hilfe?“

Der schwarzgekleidete Vampir vor ihr ließ die Hände sinken. „Das wäre sehr freundlich.“

„Aurora, denkst du, das ist eine gute Idee?“

Sie lächelte Gregor an, als er sie aufhalten wollte. „Halt mir den Rücken frei. Ich glaub zwar nicht, dass diese Vampire mir etwas tun, aber man kann nie wissen.“

Sie folgte dem Leibwächter in das Gebüsch vor dem Kloster. An einen Baum gelehnt saß ein Mann. Der silberne Wurfstern ragte aus seiner Schulter und machte ihn bewegungsunfähig. Mehr als einmal hatte sie die Wirkung von Silber auf Vampire gesehen und war jedes Mal froh darüber gewesen.

Aurora behielt den bewegungslosen Vampir im Blick, als sie sich nach unten beugte und nach dem Wurfstern griff. Ruckartig zog sie ihn aus der Schulter. Sie war froh, dass es dunkel genug war, um nichts Genaueres von der Verletzung zu sehen. Blutige Fleischwunden waren nicht so ihr Metier. Immerhin war sie Apothekerin, keine Ärztin.

Ein leises Stöhnen und ein langsames Heben des Armes zeigten ihr, dass die Verletzung bald verheilt sein sollte.

„Sag dem König, dass ich keinen Schutz brauche.“ Sie drehte sich zu dem bekannten Gesicht des Blonden.

Doch dieser schüttelte den Kopf. „Sie stehen unter dem Schutz von Prinz von Ragenow. Solange er sich nicht selbst darum kümmern kann, wird der König dafür sorgen, dass seine Leibgarde diese Aufgabe übernimmt.“

Schnaubend erhob sie sich aus ihrer kauernden Haltung. „Das ist doch lächerlich. Immerhin hatte ich kein Problem, euch zu stoppen.“

Der Vampir zuckte mit den Schultern. „Wir haben uns auch nicht besonders viel Mühe gegeben, uns zu verstecken, Prinzessin.“

Als sie ihm einen strengen Blick zuwarf, grinste er nur.

„Nichts für ungut, aber wenn wir es drauf angelegt hätten, hättet ihr nicht so gute Chancen gehabt.“ Er streckte ihr die Hand entgegen. „Mein Name ist übrigens Baldur Odinsson. Da wir uns in Zukunft sicher öfter begegnen, ist es vielleicht angebracht, dass ihr wisst, mit wem ihr es zu tun habt.“

„Wir werden sehen.“ Sie ignorierte seine Hand und verschränkte die Arme vor der Brust. Es wurde Zeit, dass sie sich um eine Audienz beim König kümmerte. Mit diesem hatte sie sowieso noch etwas zu klären. Dabei hätte sie nicht gedacht, dass sie Vlads Telefonnummer je brauchen würde. Kurz nickte sie den beiden Vampiren zu.

Baldur half seinem Begleiter auf die Füße, nachdem dieser sich langsam zu bewegen begann.

Aurora ging zurück zu Gregor, der am Rand der Büsche stand und sie scheinbar die ganze Zeit im Auge behalten hatte. Als sie in den Berliner Abendverkehr eingetaucht waren, ließ Aurora sich entspannt in den Sitz fallen.

„Dein Nachbar hat also eine Ex, die aussieht wie du?“

Seufzend schaute sie aus dem Fenster. Warum konnte sie nicht einen kurzen Moment Ruhe haben?

„Mhm“ Sie wusste, dass Gregor sich wünschte, sie wäre mehr als eine Kampfpartnerin und Freundin. Doch er war der beste Freund ihres Bruders und Aurora hing an Eric, selbst nach ihrer Trennung.

Nachdem sich ihr Fahrer mehrmals lautstark geräuspert und ihr immer wieder Seitenblicke zugeworfen hatte, löste sie sich vom Bild der angestrahlten Kugel des Fernsehturms.

„Seine Tochter und seine Frau wurden von Jägern getötet. Als er halluziniert hat, hat er mich für sie gehalten.“

„Wow, das war bestimmt schlimm für ihn. Deswegen muss er sich aber nicht an dich heranmachen.“ An der nächsten roten Ampel drehte sich Gregor zu ihr. „Aurora, ich hab dich gewarnt. Man kann Vampiren nicht trauen. Du hast was Besseres verdient.“

„Danke.“ Sie wandte sich von ihm ab, damit er nicht sah, wie nahe sie den Tränen war. Sie hasste es, wenn Gregor so über Vampire redete. Immerhin hatte sie ein paar Exemplare kennengelernt, die ganz vertrauenswürdig waren. Und selbst wenn sie das Gefühl hatte, von Eric benutzt worden zu sein, hatte er ihr zu helfen versucht und sie in gewissen Angelegenheiten unterstützt.

Als das Auto vor ihrem Hauseingang hielt, schaltete Gregor das Licht im Innenraum an.

„Was willst du wegen deiner Vampirbegleitung tun?“ Gregor strich mit seinen Händen über das Lenkrad und mied ihren Blick.

Seufzend fuhr sich Aurora durch ihre kurzen Haare. „Ich muss mit dem König reden.“

„Du kannst nicht allein mit ihm sprechen. Das ist zu gefährlich. Ich werde dich begleiten.“

Lächelnd schüttelte sie den Kopf. „Er hat mir seine Leibgarde zum Schutz auf den Hals gehetzt. Mir passiert nichts.“ Sie grinste. „Ich weiß nicht, wie die Vampire zu Hexen stehen. Ihr scheint ein gespanntes Verhältnis zu haben.“

Gregor schnaubte. „Das ist eine Untertreibung.“

„Na also, ich mach das allein.“ Bevor er protestieren konnte, schlüpfte sie aus dem Auto. „Wir sehen uns und vergiss nicht, mit meinem Bruder zu sprechen.“ Schwungvoll warf sie die Tür ins Schloss und lief zu ihrem Hausaufgang. Als sie die Treppe hinaufstieg, hörte sie, wie eine Tür geöffnet wurde. Als sie die letzten Stufen zu ihrer Wohnung erreichte, sah sie, dass Eric im Eingang zu seinem Appartement stand. Mit fast schwarzen Augen starrte er sie an.

Aurora blieb stehen. Eric nickte ihr zu und automatisch erwiderte sie seine Geste. Im Grunde wollte sich nichts mehr, als sich in seine Arme zu werfen und alle Informationen über seine ehemalige Familie zu vergessen. Doch das Gefühl des Verrats saß tief. Blinzelnd wandte sie den Kopf zur Seite und eilte an ihre eigene Wohnungstür. Es fühlte sich so an, als würde er direkt hinter ihr stehen, kurz davor, sie in den Arm zu nehmen.

Hektisch drehte sie den Schlüssel und stürzte in ihren Flur. Die Tür ließ sie schwungvoll zufallen, ohne sich noch einmal zu ihrem Ex-Freund umzudrehen.

2

Eric spürte, wie Aurora den Hausflur betrat, und setzte sich zischend auf. Er konnte sich nicht erinnern, wann er je solche Schmerzen gehabt hatte. Das musste schon ein paar Jahrzehnte her sein. Nicht einmal in den zwei Weltkriegen war er so schwer verletzt gewesen.

Wenn er nicht über den Schreibtisch gesprungen wäre, nachdem er den Zünder entdeckt hatte, hätte er die Explosion wohl nicht überlebt.

Warum hatte er die Falle nicht bemerkt? Dann wäre er jetzt nicht in dieser Situation. Aurora hätte nicht von seiner verstorbenen Familie erfahren und alles wäre noch gut zwischen ihnen.

Mit zusammengepressten Lippen setzte er seine verheilenden Fußsohlen auf und erhob sich langsam. Er fühlte sich so eingerostet wie ein zweitausendjähriger Vampir, als er zu seiner Schlafzimmertür schlurfte.

„Warum bist du aufgestanden? Der Arzt hat doch gesagt, dass du wenigstens eine Woche liegen bleiben sollst, bis deine Haut sich wieder regeneriert hat.“

Erstaunt sah Eric von der Holzmaserung seines Bodens auf und schaute in das Gesicht seines ältesten Freundes. „Ich muss mit Aurora reden, bevor sie ihre Wohnung erreicht.“ Er wankte an Vlad vorbei. „Was macht der König der Vampire eigentlich hier in meinem bescheidenen Heim? Hast du nicht wichtigere Sachen zu tun, als meine Krankenschwester zu spielen? Wie die Abtrünnigen zu finden, die dich vom Thron stürzen wollen?“ Kurz blieb er neben Vlad stehen, der ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen anstarrte, dann ging er langsam weiter, während er sich mit einer Hand an der Wand abstützte.

„Vielleicht solltest du die Jägerin in Ruhe lassen. Ich bin mir sicher, dass sie nicht mit dir reden möchte.“

Kurz hielt Eric inne. Dessen war er sich bewusst, selbst wenn er ihre Gedanken wegen seiner Schwäche gerade nicht lesen konnte.

„Sie ist nicht Sarah“, setzte Vlad nach.

„Das weiß ich!“ Eric schnaubte und torkelte weiter in Richtung Wohnungstür. Auroras Schritte hallten die Treppe hinauf.

„Sicher?“ Der skeptische Unterton in Vlads Stimme ließ die dunklen Zweifel in ihm hochbrodeln, die er so erfolgreich unterdrückt hatte.

Eric drückte die Klinke nach unten und trat in den Türrahmen.

Aurora kam gerade die letzten Stufen hoch und blieb abrupt stehen. Ihr typischer Geruch nach Schokolade und Lavendel umhüllte ihn. Wie gerne würde er jetzt seine Nase an ihrem Hals vergraben und vielleicht sogar ein paar Tropfen ihres süßen Blutes kosten. Doch Auroras aufgerissene Augen sahen ihn flehend an. Wenn er doch nur wüsste, was in ihrem Kopf vorging ...

Vielleicht hatte Vlad recht. Sie brauchte Zeit, um zu verarbeiten, dass sie seiner verstorbenen Frau Sarah glich. Kurz nickte er ihr zu, sah, wie sie verwirrt seine Geste nachahmte und sich von ihm abwandte. Nachdem sie durch ihre Wohnungstür verschwunden war, schloss er seine eigene wieder.

Erschöpft lehnte er seine Stirn gegen das Holz. Fühlte er sich wirklich nur deshalb so sehr zu ihr hingezogen, weil sie seiner Frau ähnlich war? Und wenn er Aurora die ganze Wahrheit sagen würde, würde sie ihn noch mehr hassen? Denn bisher kannte seine Nachbarin nur die Spitze des Eisbergs. Sie wusste nicht wirklich, seit wann er ein Auge auf sie hatte.

„Vielleicht wird es Zeit, sie gehen zu lassen. Endlich neu anzufangen.“

Vlads Worte sollten wohl tröstend klingen, doch Eric fühlte nur ein großes schwarzes Loch in seiner Brust. Wenn es so einfach wäre! Aber er konnte Aurora nicht fernbleiben. Sie brauchte seinen Schutz, jetzt mehr denn je, auch wenn sie das nicht erfahren durfte. Die Vampire, die seinen König stürzen wollten, machten Jagd auf Vampirjäger, wollten die Ordnung durcheinanderbringen.

Er hob den Kopf und drehte sich langsam um. „Also, was machst du hier?“

Vlad lehnte immer noch mit verschränkten Armen am Türrahmen seines Schlafzimmers. „Ich wollte sehen, wie es dir geht.“ Eric hob fragend eine Augenbraue. „Und ich muss mit dir reden.“ Der König der Vampire stieß sich ab und deutete mit dem Kinn ins Schlafzimmer. „Vielleicht legst du dich wieder hin, dann muss ich mir keine Sorgen machen, dass du mir mittendrin zusammenbrichst.“

Kopfschüttelnd setzte sich Eric in Bewegung und steuerte das Wohnzimmer an. „Ich bin kein Invalide, also behandle mich nicht wie einen.“ Mit vor Schmerz zusammengebissenen Zähnen ging er in normalem Lauftempo auf seinen schwarzen Ledersessel zu und ließ sich laut ausatmend hineinfallen. Er wusste, er hätte Vlads Rat befolgen sollen.

Das halb versteckte Grinsen auf dem Gesicht seines besten Freundes zeigte ihm, dass dieser es genauso sah, als Vlad sich ganz elegant ihm gegenübersetzte.

„Was ist los? Habt ihr etwas in den Ruinen gefunden?“ Es war gerade einmal fünf Tage her, dass sie ein Einsatzlager ihrer Feinde gestürmt hatten und Eric bei einer Explosion schwer verletzt worden war. Dank der guten Heilungsrate der Vampire konnte er sich schon wieder bewegen und lag nicht wie verbrannte Holzkohle in seinem Bett. Was danach aus der Mission geworden war, ob sie etwas über die Anführer herausgefunden oder wichtige Dokumente gesichert hatten, hatte ihm bisher keiner mitgeteilt.

„Wir haben nicht sehr viel sicherstellen können. Ein paar Rechnungen und Waffen. Lorenzo und Alexander versuchen, aus den Spuren im Bunker und mithilfe der Seriennummern der Waffen brauchbare Informationen herauszufiltern. Doch wer auch immer dahintersteckt, weiß genau, was er macht.“ Vlad lehnte sich auf dem Sitzpolster des Sofas nach vorne und sah Eric direkt an. „Es geht mehr um das, was danach geschah.“ Kurz sah er auf den Boden und legte seine Ellbogen auf seinen Oberschenkeln ab. „Fürst Viktor war hier, als du bewusstlos warst.“

„Mein Onkel? Was wollte er? Hat er Aurora auf die Spur von Sarah und Gwen gebracht?“ Warum musste er Vlad alles aus der Nase ziehen? Wieso konnte er die Gedanken seines Freundes nur nicht lesen? Sonst verbarg dieser auch nichts vor ihm.

„Nein, das hast du allein geschafft in deinen Fieberträumen.“ Vlad lachte bitter auf. „Es geht eher darum, dass er nicht ganz unschuldig ist, bei dem, was dir passiert ist.“

„Wie meinst du das?“ Eric konnte nicht übersehen, wie Vlad seinem Blick auswich und gezielt einen Staubfussel auf dem Fußboden anvisierte. Selten hatte er den König der Vampire so defensiv gesehen. „Vlad?“

„Er hat zugegeben, dass er an Auroras Entführung beteiligt war. Und er wusste von der Falle, die dir damit gestellt werden sollte.“

Eric starrte seinen Freund an. Hatte er das richtig verstanden? Sein eigener Onkel hatte ihn in eine Falle gelockt und hätte ihn sterben lassen? Sein einziger Verwandter war ein Verräter?

„Vor drei Tagen hat er es Aurora offen gebeichtet, als die zwei an deinem Krankenbett standen. Offenbar fühlte er sich schuldig und wollte nicht, dass du verletzt wirst.“

Eric schluckte trotz der Trockenheit in seinem Hals. Er wünschte sich Auroras Duft herbei, wollte sich vom Lavendelgeruch ihrer Haut beruhigen lassen.

Das hatte er nicht erwartet.

Sein Onkel, der sich so gut an die neuen Gesetze angepasst hatte ... Victor von Ardelean, der als einer der ersten all seine Blutfarmen aufgegeben hatte, um dem König ohne Widerspruch zu gehorchen ... Er sollte ein Verräter sein?

„Hat er gesagt, wer dich stürzen will?“ Durchdringend sah er Vlad an, der es wieder schaffte, ihm in die Augen zu schauen.

„Nein, wir haben nicht viel aus ihm herausholen können. Anscheinend hält ihn ein Blutschwur davon ab, uns alles zu verraten. Lorenzo und Alexander geben ihr Möglichstes, den Bann zu brechen. Aber er scheint von einem sehr mächtigen Vampir heraufbeschworen worden zu sein. Bisher haben wir keinen Weg gefunden, Victor zum Reden zu bringen.“

Eric presste die Kiefer aufeinander. Bei diesem Eid schwor man durch den Austausch von Blut seine Treue. Ein mächtiger Vampir konnte damit außerdem die Loyalität seiner Untergebenen erzwingen, konnte Informationen und Erinnerungen unterdrücken und bei besonders ausgeprägten Kraftunterschieden sogar seine Untergebenen wie Marionetten benutzen.

Viele der Könige vor Vlad hatten sich so die Loyalität ihrer Bediensteten gesichert. Doch sein Freund verzichtete auf diese alten Methoden.

„Und jetzt willst du, dass ich mit ihm rede“, stellte Eric fest. Es war einem engen, starken Verwandten möglich, diese Willenlosigkeit mithilfe des ähnlichen Blutes zu lösen.

Leicht hob der König der Vampire eine Augenbraue. „Vielleicht kannst du etwas aus Victor herausholen, das er uns nicht gesagt hat.“ Leise seufzend sah er Eric an. „Aber nur, wenn du dazu bereit bist. Immerhin ist er dein Onkel und wir wissen beide, wie intensiv Verhöre werden können.“

Überwältigt fuhr er sich durch die kurzen, angesengten Haare. Seine empfindliche Kopfhaut brannte unter der Berührung. Er war sich nicht sicher, ob er Victor von Ardelean nach alldem, was passiert war, gegenübertreten konnte. Eric war bewusst, dass sein Onkel kein Freund von Beziehungen zwischen Menschen und Vampiren war. Immerhin war er früher der Leiter einer der größten Blutfarmen Europas gewesen. Diese geheimen Bunker, in denen entführte Personen geradeso am Leben gehalten wurden, um ihnen regelmäßig Blut zu nehmen und damit die Vampire zu ernähren, hatte Vlad bei seinem Amtsantritt verbieten lassen. Es hatte große Empörung unter seinem Volk gegeben, doch niemand traute sich, dem König offen entgegenzutreten, nicht einmal der Vampirrat.

Er schüttelte den Kopf. Sein Onkel wollte also den Sturz des Königs. Doch was genau erhoffte er sich damit?

„Okay, ich rede mit ihm.“ Erschöpft sah er zu Vlad, der ihm zunickte.

„Danke, ich weiß, dass das nicht einfach für dich ist. Ich wünschte, ich müsste dich nicht darum bitten.“

Eric stützte sich langsam von seinem Sessel hoch. „Dann los, ich will es hinter mich bringen.“

Schnaubend stellte sich Vlad vor ihm auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Pointiert schaute er an ihm hoch und runter. „Du bist nicht in der Verfassung, um mit ihm zu reden. Warte noch ein paar Tage, bis du wieder ohne Probleme stehen kannst. Zurzeit bist du nicht mal in der Lage, die Gedanken der Jägerin zu lesen, oder?“

„Sie ist stärker geworden. Ich wette, der Hexer schirmt sie ab.“ Brummend sah er in Richtung Wohnungstür. „Außerdem ist ein Großteil ihres Blutes aus meinem Körper verschwunden, als ich verletzt wurde.“

„Eric, hör auf, Ausreden zu suchen. Du bist noch nicht stark genug. Du musst dich ausruhen.“ Vlads ernste Miene verschwand und ein Lachen löste sich aus seiner Kehle. „Außerdem solltest du froh sein, dass du ihre Gedanken gerade nicht lesen kannst. Die kleine Jägerin ist mächtig sauer auf dich. Sie wird mir immer sympathischer.“

„Machst du dich über mich lustig?“ Aufgebracht sah er den Vampirkönig an.

„Nein, aber du solltest ernsthaft darüber nachdenken, ob an ihren Vorwürfen etwas dran sein könnte.“ Vlad legte ihm kameradschaftlich eine Hand auf die Schulter. „Es wäre euch beiden gegenüber nicht fair, wenn du in ihr den Ersatz für deine verstorbene Frau siehst.“

Eric wollte widersprechen, doch Vlad zog ihn am Arm aus seinem Sessel. Er musste seine Zähne zusammenpressen, um nicht aus Versehen einen Schmerzenslaut von sich zu geben. Fast grob bugsierte ihn Vlad zu seinem Schlafzimmer. „Jetzt ruh dich endlich aus und sei nicht immer so stur. Denk einfach darüber nach.“

3

Das warme Wasser der Dusche prasselte auf Auroras verkrampfte Muskeln.

Wieso musste sie sich in einen Vampir verknallen? Den natürlichen Feind eines Vampirjägers. Wie hatte es so weit kommen können? Warum tat die Trennung so weh?

Sie drehte das Wasser ab und rubbelte sich trocken. Nachdem sie in ihren Flanellschlafanzug gestiegen war, holte sie sich ihren Lavendeltee und stellte ihn im Schlafzimmer auf ihren Nachttisch. Müde ließ sie sich in ihr Bett fallen und boxte frustriert in ihr Kissen. Als sie ihre Füße über die Bettkante streckte, stieß sie gegen etwas Festes. Erstaunt hielt sie inne und linste über den Bettrand. Ein Stück eines Pakets schaute unter ihrem Schlafplatz hervor. Auf dem Adressaufkleber konnte sie lesen, dass es von ihrer Mutter war. Langsam stand sie auf und zog die Kiste zu sich heran. Es war über eine Woche her, dass sie diese, ohne ihr Beachtung zu schenken, unter ihr Bett geschoben hatte. Damals hatte sie nicht einmal darauf geachtet, von wem sie Post bekommen hatte.

Vorsichtig strich sie über den Deckel. Sollte sie das Paket jetzt öffnen? Irgendwie fürchtete sie sich ein bisschen vor dem, was sie darin finden würde. Als sie ihre Mutter darum gebeten hatte, ihr die alten Sachen ihres Vaters zu schicken, hatte Aurora nicht darüber nachgedacht, was das für Gefühle in ihr auslösen würde. Immerhin hatte sie alle Erinnerungen an ihren Vater lange verbannt. Hätte Aurora nicht herausgefunden, dass er ein Vampirjäger gewesen war, würde sie nicht mehr über ihn erfahren wollen. Doch nach all den Veränderungen in ihrem Leben konnte sie ihre Vergangenheit nicht ewig vergraben lassen. Vielleicht würden seine Sachen ihr in irgendeiner Weise nützlich sein oder es befanden sich ein paar Dinge ihrer Großmutter darunter.

Wie gerne wäre sie dieser Frau einmal begegnet. Ob sie noch am Leben gewesen war, als ihre Eltern geheiratet hatten oder als Markus und sie auf die Welt gekommen waren? Hatte ihr Vater sie vielleicht von ihnen ferngehalten? Sie hatte Bruder Michael nicht gefragt, wann und wieso ihre Verwandte gestorben war.

Aurora holte die Schere von ihrem Schreibtisch und löste vorsichtig das Klebeband. Ein Briefumschlag lag auf einer Lederjacke. Darin fanden sich ein paar alte Fotos und ein Zettel ihrer Mutter.

Meine liebe Tochter,

ich hoffe, mit dieser Kiste kannst du endlich Frieden mit deinem Vater schließen.

Als du mich um die Sachen von deinem Vater gebeten hast, bin ich stutzig geworden und habe Donald Bells angerufen. Er erzählte mir, dass du mit seinem Sohn Gregor trainierst, um eine Jägerin zu werden, so wie dein Vater. Ich wünschte, du hättest nie von der Vergangenheit deines Vaters erfahren, denn wir wollten euch immer davor beschützen. Bitte pass auf dich auf und denk daran, dass du seinen Weg nicht gehen musst, sondern dich einfach abwenden kannst von diesem Schicksal.

Ich habe miterlebt, wie es deinen Vater kaputt gemacht hat. Zwar hätten wir uns nie kennengelernt, hätte er mich nicht vor einem Vampir gerettet, doch ich habe immer gehofft, er könnte mit uns glücklich werden und würde sich nicht weiterhin verpflichtet fühlen, nach Monstern zu jagen.

Doch leider habe ich mich geirrt.

Bitte, Aurora, geh nicht seinen Weg. Und bitte sorge dafür, dass dein Bruder sich nicht in etwas verrennt. Er ist immer so leichtsinnig. Ich hoffe, dass ihr irgendwann offen mit mir redet und nicht alles vor mir verstecken werdet. Denk nicht, mir ist nicht aufgefallen, dass du bei meinem Besuch Sachen vor mir verschwiegen hast. Denk daran, dass du immer offen mit mir reden kannst und dass ich immer für dich da bin. Ich liebe dich, mein Kind.

Erstaunt starrte Aurora auf den Brief in ihrer Hand. Ihre Mutter hatte also die ganze Zeit gewusst, dass es Vampire gab. Und trotzdem hatte sie es ihren Kindern verschwiegen, um sie zu beschützen. Aurora hatte keine Ahnung, wie sie diese Sache bei ihrer Mutter ansprechen sollte. Vielleicht sollte sie dieses Thema fürs Erste in den Telefonaten mit ihrer Mutter ignorieren.

Sie widmete sich wieder dem Paket und schüttete den Inhalt des Briefumschlags vor sich aus. Die meisten Bilder waren Kinderfotos von Markus und ihr. Erinnerungen aus einer Zeit, in der alles in Ordnung gewesen zu sein schien.

Es gab wenige Bilder, auf denen sie als ganze Familie zu sehen waren. Das sonst ernste Gesicht ihres Vaters zierte ein leichtes Lächeln, während er auf seine Kinder blickte. Hätte sie damals gewusst, mit was ihr Vater zu kämpfen hatte, hätte sie einige seiner Verhaltensweisen vielleicht besser verstanden.

Die Stimmungsschwankungen, seine übertriebenen Reaktionen, wenn sie ihn zum Spaß erschreckten, und die Albträume, aus denen er schreiend erwachte. Seufzend legte sie die Fotos zur Seite.

Unter der Jacke fand sie eine Metallkiste. Sie strich über den angerosteten Deckel, in den ein rundes Symbol eingekratzt war. Es erinnerte sie an eins dieser Beschwörungssymbole aus einem Horrorfilm. Neugierig holte sie die ungewöhnlich schwere Kiste heraus. Ein kleines Hängeschloss hinderte sie daran, den Deckel einfach abzuheben. In dem Paket befanden sich jedoch nur noch ein paar Schreibhefte, kein Schlüssel. Dafür erkannte sie die Schrift ihrer Großmutter. Das mussten weitere Tagebücher sein. Aurora legte sie auf ihren Nachttisch, um sie später zu lesen.

Sie griff nach der abgewetzten Lederjacke und wühlte durch die Taschen, doch auch dort befand sich kein Schlüssel. Allerdings schien im Futter etwas Weiches eingenäht worden zu sein. Bevor sie sich diesem Geheimnis widmete, musste sie jedoch erfahren, was in der schweren Kiste war. Sie griff in die Schublade ihres Nachttisches, in die sie ihren schwarzen Dolch gelegt hatte. Mit der Spitze konnte sie den Schließmechanismus nicht drehen, also benutzte sie ihre Waffe, um den Bügel des kleinen Schlosses aufzuhebeln. Mit einigem Quietschen gab es schließlich nach. Mehrere Lederbeutel und eine Samtschatulle füllten fast die gesamte Kiste aus. Aurora nahm sich die Beutel. Aus manchen schauten die Griffe von Dolchen heraus. Die Schneiden waren angelaufen und sie strich vorsichtig über die Waffenblätter. Vermutlich war Silber darin verarbeitet. Die Klingen konnte sie sicher mit etwas Alufolie und Zitronensaft wieder zum Glänzen bringen. In einem der Täschchen befanden sich lange Nadeln, wie beim Akupunktieren. Auch diese waren grau angelaufen, wahrscheinlich ebenfalls aus Silber. Von der Länge her konnte sie diese sicher unbemerkt in den Ärmeln ihrer Pullover oder in Jackenaufschlägen verstecken. In einem der Lederbeutel waren mehrere Wurfsterne enthalten.

In der Samtschatulle verbargen sich ein kleiner Revolver und einige Kugeln. Der Farbe nach zu urteilen, enthielten auch diese das für Vampire schädliche Metall. Am Boden der Truhe ruhte ein dünnes Heft. Zögernd griff sie danach.

War dies ein weiteres Tagebuch? Vielleicht sogar von ihrem Vater? Sah es doch nur halb so alt aus wie die anderen größeren Hefte, die sie auf den Nachttisch gelegt hatte.

Als sie die erste Seite aufblätterte, begrüßten sie spitze Buchstaben und eng hingeworfene Worte. Ein zusammengefalteter Zettel fiel in ihren Schoß. Langsam öffnete sie diesen.

Meine lieben Kinder,

Wenn ihr dies lest, konnte ich euch nicht mehr Lebewohl sagen. Lange habe ich versucht, mein Geheimnis vor meinen Lieben geheim zu halten, um euch alle zu schützen. Doch am Ende hat es unsere Familie zerrissen. Ich hoffe, ihr werdet nie wissen, was es mit dieser kleinen Sammlung auf sich hat. Aber sollte es so sein, denke ich, dies wird einen kleinen Schutz für euch darstellen. Einen größeren findet ihr in meinem Allerheiligsten.

Hilfe und Beistand findet ihr im Ordenshaus der Franziskaner.

Meine Kinder, ich liebe euch sehr, egal wie oft ich euch den Rücken gekehrt habe. Ich konnte einfach diese ständigen Lügen nicht mehr ertragen. Ich wünsche euch, dass ihr niemals so viele Geheimnisse und Lügen vor eurer Familie haben müsst wie ich.

In Liebe, euer Vater

Aurora ließ mit zitternden Händen den Brief sinken. Die Schrift war bei den letzten Worten ihres Vaters vor ihren Augen verschwommen. Auf den Seiten des Heftes konnte sie seine Notizen sehen, kurze Stichpunkte, die Markus und ihr vielleicht noch nützlich sein würden.

Schniefend klappte sie es zu und packte alles in das Paket ihrer Mutter zurück. Tief durchatmend wischte sie sich über das Gesicht, entfernte die Tränen, die ihr während des Lesens entwischt waren.

Markus hatte recht, dass ihr Vater eine tiefe Wunde in ihr hinterlassen hatte. Früher konnte sie wenigstens einfach wütend auf ihn sein. Darauf, dass er seine Familie im Stich gelassen hatte. Doch nachdem sie wusste, was er die ganze Zeit versteckt hatte, konnte sie sein Verhalten sogar nachvollziehen.

Warum hatte er nicht mit ihnen gesprochen, ihnen die Wahrheit gesagt? Frustriert schob sie die Kiste wieder unter ihr Bett.

Und was hatte es mit diesem Allerheiligsten auf sich? Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass ihr Vater je davon erzählt hatte.

Aurora griff nach ihrem Handy, um ihren Bruder anzurufen. Vielleicht fiel ihm etwas dazu ein. Als sie sah, dass es schon ein Uhr morgens war, legte sie das Gerät zurück auf den Nachttisch. Falls er schlief, weil er sehr früh eine Vorlesung hatte, würde er sie für ihren Anruf killen. Das wollte sie unter keinen Umständen riskieren.

Lieber kuschelte sie sich in ihr Bett und griff nach einem der Tagebücher ihrer Großmutter. Eigentlich sollte sie schlafen, morgen musste sie wieder früh zur Arbeit. Doch sie war zu aufgeregt. Also vertiefte sie sich in die Lektüre.

 

4

Die Breitseite des Bokkens traf sie ein weiteres Mal. Keuchend atmete sie aus. „Verdammt! Noch mal!“ Es war frustrierend. Sie musste doch endlich diese Abwehrkombination hinkriegen, die sie in der Nacht im Traum gesehen hatte. Es war das erste Mal, dass sie von einem Kampf ihrer Großmutter geträumt hatte. Beim Training konnte sie die Bewegungen schneller nachahmen, doch diese spezielle Kombination machte ihr zu schaffen.

Gregor trat zurück. „Nein, es reicht.“ Als sie ihm widersprechen wollte, schüttelte er den Kopf. „Aurora, ich habe dich jetzt zehnmal an der gleichen Stelle getroffen. Du bist unkonzentriert. Wenn wir weitermachen, tue ich dir vielleicht noch ernsthaft weh. Für heute ist Schluss.“ Er verbeugte sich vor ihr und Bruder Michael und verschwand im Umkleideraum.

Tief durchatmend ließ sie ihr Übungsschwert sinken.

„Er hat recht, Aurora. Du wirkst fahrig und müde. Vielleicht solltest du heute einfach früher schlafen gehen und morgen, wenn du ausgeruht bist, könnt ihr an der Kata weitertrainieren.“ Der Mönch stellte sich vor sie und legte eine Hand auf ihre Schulter.

Wahrscheinlich sollte die Geste beschwichtigend wirken, doch es frustrierte sie nur noch mehr.

Sie wich einen Schritt zur Seite, um die Berührung unauffällig abzustreifen, und verbeugte sich leicht. „Okay, dann machen wir morgen weiter. Gibt es schon Nachricht, wann Gregor und ich auf die Jagd gehen können?“

Bruder Michael schüttelte den Kopf. „Nein, der Hexenrat benötigt oft eine Woche, bis alle Ratsmitglieder abgestimmt haben, und das Tribunal der Inquisition ebenso. Zurzeit gibt es so viel zu tun, dass es auch noch etwas länger dauern könnte.“

Sie musste sich einen Kommentar verkneifen. Da draußen starben Menschen, weil es Vampire gab, die sich nicht mehr an die Regeln halten wollten, und irgendwelche Leute, die nicht mitten im Geschehen waren, brauchten ewig, um Entscheidungen zu treffen.

Anstatt ihren Unmut herauszuschreien, brachte sie ihre Übungswaffe an ihren Platz zurück und zog sich schnell um, nachdem Gregor den Umkleideraum verlassen hatte.

Unter dem Foto ihrer Großmutter ärgerte sie sich immer noch darüber, dass sie nicht weitergekommen war. Dabei hatte sie seit letzter Nacht eine noch festere Verbindung zu ihrer verstorbenen Verwandten gespürt.

Als sie in den Hof des Klosters trat, kühlte die Abendluft sie etwas ab. Gregor lächelte sie zögernd an.

„Ich fahre dich gern nach Hause.“

Bereitwillig nahm sie sein Angebot an und sie verabschiedeten sich von Bruder Michael und dem Torwächter des Klosters, der ihnen die Tür aufhielt.

Ohne Vorkommnisse fuhren sie durch die Stadt, die in der erstrahlenden Weihnachtsdekoration unschuldig wirkte. Eine ganze Weile war es still. Aurora war sauer auf Gregor, weil dieser einfach ihr Training abgebrochen hatte. Doch es gab etwas, das sie noch mehr beschäftigte.

„Denkst du, es ist richtig, auf die Meinung einiger alter Männer zu warten, während weiterhin Menschen von Vampiren getötet werden?“

Sie schaute zur Fahrerseite, um seine Reaktion zu sehen, doch Gregors Miene blieb starr auf die Fahrbahn gerichtet.

„Ich denke, wir sollten uns nicht unüberlegt in Gefahr begeben“, entgegnete er. „Die Räte werden darüber diskutieren, ob wir wirklich bereit sind für den Außeneinsatz.“

„Außeneinsatz? Es geht nicht um irgendein Projekt“, regte sie sich auf. „Jeden Morgen lese ich in der Zeitung von neuen blutleeren Leichen. Wir müssen endlich handeln. Ich war effektiver unterwegs, als ich mit einem Vampir auf der Jagd war.“

„Du kannst dich nicht kopflos gegen eine Armee von Vampiren stellen. Vielleicht konntest du mit einem Blutsauger an deiner Seite erfolgreich sein, weil er weiß, wie diese kämpfen.“ Gregor redete langsam und ruhig, als analysierte er gerade den Verlauf eines neuen Immobilienfonds. „Bevor wir auf die Jagd gehen, sollten wir uns einen vernünftigen Angriffs- und Rückzugsplan überlegen. Außerdem müssen wir das mögliche Gebiet einschränken und ich müsste ein paar Bannsprüche vorbereiten, falls unsere Gegner in der Überzahl sind.“

Mit aufgerissenen Augen hatte Aurora sich aufgesetzt. „Das klingt, als hättest du dir schon längst Gedanken darüber gemacht, wie wir in Zukunft arbeiten.“

Ein kaum sichtbares Lächeln legte sich auf Gregors Gesicht. „Heißt das, dir gefällt mein Plan?“ Er wagte einen kurzen Seitenblick, bevor er sich wieder ganz auf die Straße konzentrierte.

„Wenn es bedeutet, dass wir nicht wochenlang auf eine Entscheidung warten müssen, sondern in den nächsten Tagen durchstarten können, dann ja.“

Er antwortete mit einem kaum sichtbaren Nicken, als er auf den Parkplatz vor ihrem Haus fuhr.

„Wenn du möchtest, könnte ich bis morgen nach ein paar Schutzzaubern sehen und nach Ortungszaubern für Vampirangriffe suchen.“

„Das ist eine gute Idee.“ Sie drehte sich zu ihm, während er das Fahrzeug stoppte. „Es scheint fast, als würdest du doch nicht immer allem folgen, was dir gesagt wird.“

Er schüttelte lächelnd den Kopf. „Ich dürfte mich fast überhaupt nicht mehr mit euch abgeben, wenn ich das tun würde.“ Er fuhr sich mit der Hand über den Nacken. „Der Hexenrat versucht, sich so weit wie möglich von Vampiren fernzuhalten. Wenn die wüssten, wie gut Markus und du euch mit den Vampiren versteht, dürfte ich keinesfalls mit dir trainieren.“

Breit lächelte sie ihn an. „O Gregor, verstößt du gegen die Regeln? Hätte ich dir gar nicht zugetraut.“

Kopfschüttelnd blickte er unter seinen Locken zu ihr. „Du hättest auch nicht gedacht, dass ich Magie in mir habe. Vielleicht bin ich doch noch für die ein oder andere Überraschung gut.“

Leicht zogen sich ihre Augenbrauen zusammen. Das klang mehr nach Flirten als nach freundschaftlichem Geplänkel. Möglichst unauffällig, aber mit eiligen Bewegungen löste sie den Gurt und öffnete die Autotür. „Danke fürs Fahren. Melde dich einfach bei mir, wenn du weitergekommen bist. Wir sehen uns dann übermorgen beim Training.“ Sie wollte lieber gehen, bevor sie Gregor falsche Hoffnungen sendete. Dieser eine Kuss zu Neujahr hatte gereicht.

„Aurora.“ Sie ignorierte Gregor und warf die Autotür ins Schloss. Ohne sich umzudrehen, hob sie winkend die Hand, während sie zum Haus eilte.

Als Aurora das Treppenhaus hochging, hörte sie, wie sich Erics Tür öffnete.

Als sie die letzten Stufen zu ihrer Wohnungstür nahm, lehnte er in seinem Türrahmen. Er sah erholter aus als gestern. Die Heilungsrate von Vampiren war beeindruckend. Trotzdem wollte sie ihn zurück ins Bett scheuchen, denn mit Sicherheit war er noch nicht vollständig genesen.

Sein linker Mundwinkel hob sich zu einem kleinen Lächeln. Lautlos verfluchte sie ihre Gedanken und wandte sich von ihm ab.

„Guten Abend.“

Seine dunkle, warme Stimme ließ sie innehalten. Den Schlüssel bereits im Schloss, drehte Aurora sich zu ihm um. Seine kurzen Haare standen wild vom Kopf ab. Ob er Schmerzen hatte? Sie musste sich auf die Zunge beißen, um dem Drang zu widerstehen, ihn zu fragen.

„Guten Abend, Eric.“ Sekundenlang sahen sie sich nur an.

„Aurora, ich wollte ...“

Schnell drehte sie sich um und schloss ihre Tür auf. „Gute Besserung, Eric.“

„... mich bei dir entschuldigen. Aurora, bitte.“ Seine Stimme klang flehend.

Sie brachte es nicht über sich, einfach hineinzugehen und die Tür hinter sich zu schließen. Verdammt, warum fühlte sie sich nur so schwach in seiner Gegenwart? Ihre Finger krallten sich in das Holz. Schließlich wandte sie sich zu ihm um.

„Ich weiß, ich hätte dir vom Verlust meiner Familie erzählen sollen. Aber ich wollte dich nicht verschrecken.“

„Eric, ich habe dich nach deiner Vergangenheit gefragt und du hast mir das Wichtigste daraus verschwiegen.“ Leicht schüttelte sie den Kopf. „Das hatte nichts mit mir zu tun. Du bist nicht darüber hinweg. Deshalb kann das zwischen uns nicht funktionieren.“ Egal, wie sehr es ihr wehtat. Erics Augen, mit den kleinen unruhigen gelben Flammen darin, machten es ihr nicht leichter.

„Es tut mir leid.“ Sie wusste nicht, ob es aus seinem oder ihrem Mund gekommen war, oder ob sie es gleichzeitig gesagt hatten. Doch sie floh in ihre Wohnung und schlug die Tür hinter sich zu.

Nachdem sie sich umgezogen und zusammen mit einem Stück aufgewärmter Pizza einen Liebesfilm angesehen hatte, den sie ab der Mitte nicht mehr ertragen konnte, rief sie ihren Bruder an.

Seit Tagen ging sie seinen Anrufen aus dem Weg. Wenn sie seinen Klingelton wieder einmal ignoriert oder wegen des Trainings verpasst hatte, schrieb sie ihm eine kurze Nachricht, dass sie trainiert hatte und dass es ihr gut ging. Bisher hatte sie Markus nichts davon erzählt, dass sie sich von einem seiner Lieblingsvampire getrennt hatte.

„Na endlich! Weißt du, wie lange ich schon versucht habe, dich zu erreichen?“ Markus‘ Begrüßung ließ sie zurück in das Sofapolster sinken. „Hättest du mir nicht wenigstens geschrieben, hätte ich wirklich Panik bekommen.“

„Es tut mir leid, ich hatte so viel mit dem Training und der Arbeit zu tun“, verteidigte sie sich.

„Ach, und dabei hast du ganz vergessen zu erwähnen, dass Eric fast bei einer Explosion draufgegangen wäre?“ Er schnaubte in das Telefon.

„Woher weißt du ...?“ Sie hatte seit dem Vorfall nicht mit Markus gesprochen.

„Na, Helen hat mir davon erzählt. Wie geht es ihm denn? Helen meinte, er ist zwar schwer verletzt, aber wird sich wieder erholen.“

„Ich glaube, gut“, antwortete sie und bereitete sich innerlich auf die nächste Frage vor.

„Wie? Du glaubst?“ Sie konnte förmlich Markus bohrenden Blick durch das Handydisplay spüren. „Was ist denn bei euch los?“

„Na ja, es könnte sein, dass ich mich von ihm getrennt habe.“ Kleinlaut zog sie die Schultern hoch.

„Was hast du?“ Sie musste das Telefon vom Ohr nehmen, da die Stimme ihres Bruders immer lauter geworden war. „Dein Freund ist schwer verletzt und du trennst dich von ihm? Wieso? Es lief so gut zwischen euch. Du kneifst doch nicht schon wieder?“

„Was soll denn das heißen?“ Sie atmete tief durch, um ihre Stimme wieder zu senken. Ruhig fuhr sie fort: „Er war verheiratet und hat es nicht für nötig gehalten, es mir zu sagen.“

„Und deshalb trennst du dich von ihm? Weil er geschieden ist?“ Unglauben drang ihr von Markus entgegen. „Warte mal, es ist doch nicht diese fürchterliche Amerikanerin, oder?“