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Ein Streifzug durch die Agrar- und Klimageschichte des "Landes im Gebirge" Erzählungen von kleinen und großen Katastrophen, die das Land im Laufe der Jahrhunderte heimgesucht habenWie sehen Zeitzeugen früherer Jahrhunderte die klimatischen Lebensbedingungen im "Land im Gebirge"? Bereits in hoch- und spätmittelalterlichen Quellen werden auffällige Klimaschwankungen erwähnt. Naturgemäß überwiegen in Tirol kalte Witterungsphasen, gerade in der sogenannten "Kleinen Eiszeit" zwischen 1560 und 1850. Besonderes Augenmerk widmen die Chronisten ungewöhnlichen Vorkommnissen, etwa riesigen Heuschreckenschwärmen, die ganze Getreidefelder kahl fraßen, oder extremen Hagelunwettern. Ein alljährliches Phänomen sind LawinenabgängeGenau beobachtet wurden auch die Tiroler Gletscher, die in der frühneuzeitlichen Kälteperiode tief in die Hochweiden vorstießen. Längere Kältephasen bedeuteten für die bäuerliche Bevölkerung Tirols, die ihre "Werkstatt unter freiem Himmel" hatte, erschwerende Bedingungen: Nasskalte Sommer hatten Missernten zur Folge, und die Beschaffung des Heus für das Vieh war in Kältewintern durch ungangbare Wege und hohe Lawinengefahr besonders schwierig. Tirol erlebte aber auch extreme Dürreperioden. Unwetterkatastrophen, Lawinenabgänge, Seeausbrüche, Wanderheuschrecken: Klimabedingte Katastrophenereignisse wurden häufig als göttlicher Fingerzeig im Hinblick auf eine erforderliche Besserung des Lebenswandels interpretiert. Die Menschen in den Bergen entwickelten im Lauf der Jahrhunderte aber auch einige Strategien, um mit den vorhandenen einfachen Mitteln drohenden Naturgefahren besser begegnen zu können.Aus dem Inhalt:- Grundzüge der Tiroler Agrar- und Klimageschichte: Vom Hochmittelalter bis ins ausgehende 19. Jahrhundert - Berglandwirtschaft, Naturereignisse und Wetterkapriolen in Tirol: Kleines Brot und saurer Wein - Der "Weiße Tod": Wenig Lebensraum und große Lawinengefahr im "Land im Gebirge"- 700 Jahre Tiroler Wettergeschehen im Zeitraffer
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Seitenzahl: 988
Veröffentlichungsjahr: 2014
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GEORG JÄGER
SCHWARZER HIMMEL – KALTE ERDE – WEISSER TOD
© 2011 by Universitätsverlag Wagner Ges.m.b.H., Erlerstraße 10, A-6020 Innsbruck
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
ISBN 978-3-7030-0902-0
Titelbild: Der vorstoßende Vernagtferner im Frühsommer des Jahres 1844 kurz vor dem Einmünden in die schluchtartige Verengung des Vernagttales. Nach einem Aquarell von Thomas Ender mit der Bezeichnung „Fernak-Ferner bei Fend im Ötztal“ (Bildarchiv Georg Jäger).
Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.uvw.at.
GEORG JÄGER
Wanderheuschrecken, Hagelschläge,Kältewellen und Lawinenkatastrophenim „Land im Gebirge“
Eine kleine Agrar- und Klimageschichte von Tirol
Unwetter
Wieder drohen finstre Wolken,Künden Unheil, Verderben und Tod.Und schon öffnen sich die Schleusen:Wieder bedrohen uns Kummer und Not.
Wie reißende Wölfe stürzen die WasserVom steilen Hang, vom Berge zu Tal.Die Blitze zucken, Donner grollen;Bereiten den Menschen Angst und Qual.
Hier stürzen die Wälder,Dort wandern die Felder,Geröll und Schutt bedecken die Flur.Die Bäche schwellen,Die Flüsse schnellen,Und nichts folgt mehr der gegebenen Spur.
Hier löschen die FlutenAm Herd schon die Gluten;Bedroht sind der Viehstand, die Scheune, das Haus.Hier ist keine Bleibe.Rett’, was du am Leibe,Und führe die Deinen sicher hinaus!
Und unaufhaltsam tobt die Gewalt;Alles vernichtend, macht nirgends Halt.Sie gräbt und frißt mit unendlicher Gier,Gleich einem riesigen Urweltgetier.Frißt weiter und weiter,Frißt Haus, Hof und Hab’,Verschont nicht die Kirche,Nicht Menschen, noch Grab.
Vor dieser Verwüstungsteht machtlos der Mensch!Er betet, er bittet,Er bittet und fleht:Der Herrgott möge das Unheil doch wenden!Und siehe, siehe,Die Sturmflut, sie steht!Und mit gläubigem HerzenUnd fleißigen Händen,Gestärkt im Gebet,Mutig von neuemZur Arbeit er geht.
EMIL WINKLER, Unwetter,in: Tiroler Bauernkalender, 55. Jahrgang, Innsbruck 1968, 158
Vorwort
I. Grundzüge der Tiroler Agrar- und Klimageschichte: Vom Hochmittelalter bis ins ausgehende 19. Jahrhundert
1. Berichte von Klimaschwankungen in denhoch- und spätmittelalterlichen Quellen
2. Die agrarklimatischen Verhältnisse während der „KleinenEiszeit“ (ca. 1560–1850)
3. Wetterhinweise in Pfarrchroniken aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
II. Berglandwirtschaft, Naturereignisse und Wetterkapriolen in Tirol: Kleines Brot und saurer Wein
1. Trockenheit bzw. Wasserarmut am Land und in der Stadt
2. Auf Dürre folgten riesige Heuschreckenschwärme und kahl gefressene Getreidefelder
3. Ein kosmischer Streifzug: Kometen oder Schweifsterne über den Himmel von Tirol
4. Furchtbare Hagelschläge mit „Taubeneiern“: Erschlagene Hennen, große Flurschäden und zertrümmerte Fenster
5. Die Witterung in Südtirol: Nach dem Tagebuch des Johannes Sigmund von Rost zu Kehlburg und Aufhofen zwischen 1678 und 1728
6. Wetterkapriolen in Nordtirol: Dargestellt am Beispiel des Kitzbüheler „Wetterpiechls“ von 1756 bis 1765
7. Nasskalte Sommer und klimabedingte Missernten im „Land im Gebirge“
8. Vorstoßende Gletscher und verwilderte Hochweiden am Beispiel der Ötztaler Alpen
9. Ausbrüche von Eisstauseen und Bergsturzseen: Vom aufgestauten Rofental zur „Gurgler Lacke“ und zum „Passeirer Kummersee“
10. Gletscherleichen im ewigen Eis: Von Fernern oder Keesen freigegebene menschliche Überreste in den Tiroler Bergen
11. Strenge Winter mit heulenden Wölfen: Folgen für Bevölkerung und Landwirtschaft
III. Der „Weiße Tod“: Wenig Lebensraum und große Lawinengefahr im „Land im Gebirge“
1. Mittelalterliche Lawinenkatastrophen zwischen 1250 und 1500
2. Der „Weiße Tod“ im bergbäuerlichen Siedlungsraum von 1500 bis 1900
3. Verlähnte Erzknappen und Sackzieher: Eine Katastrophenchronik über den „Weißen Tod“ von Bergwerksarbeitern
4. Die Lawinenschutzbauten bei den Bergbauernhöfen: Steinwälle und Mauerwerke, Pultdächer und Lahnhäusln
700 Jahre Tiroler Wettergeschehen im Zeitraffer
Literatur und Quellen
Zeitungsartikel
Internet-Adressen
Bildnachweis
Ortsregister
Personenregister
Die derzeitige Häufung von extremen Naturereignissen (z. B. Hagelschläge, Muren, Sturmschäden, Trockenheit, Überschwemmungen, milde oder strenge Winter usw.) hat auch die Entwicklung des Klimas in das Blickfeld der öffentlichen Diskussion gerückt. Seit jeher stellten derartige Katastrophen und Wetterkapriolen einen fixen Bestandteil des gesamten Alpenraumes dar, wie etwa der „Canossa-Winter“ von 1077 oder der „Tambora- Sommer“ von 1816 eindrucksvoll zeigen. Die Auswertung von weiter zurückliegenden Nachrichten gestaltete sich für diese umfangreiche Studie als sehr aufwändig, weil die entsprechenden mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Informationen über Dürrejahre, Lawinenabgänge, Unwetter und andere Hinweise nur verstreut vorhanden waren. Erst seit der Mitte des 18. Jahrhunderts lassen sich durch die zunehmende Häufung der Meldungen in den schriftlichen Aufzeichnungen umfangreichere Klimadatenreihen erschließen und systematisch aufbereiten. Schon im Jahr 1905 wurde auf der Internationalen Meteorologen-Konferenz in Innsbruck die Forderung erhoben, in den geschichtlichen Überlieferungen nach Hinweisen über außergewöhnliche klimatische Erscheinungen zu suchen. Da die Forschungen über Klimaschwankungen während des 20. Jahrhunderts in zunehmendem Maße an Bedeutung gewinnen, hat auch der 1957 in Würzburg abgehaltene Deutsche Geographentag dieses Fachgebiet als einen thematischen Schwerpunkt behandelt.
Da ich selbst im ländlichen Raum aufgewachsen bin und dort beinahe jedes Wochenende meine Freizeit verbringe, hat mich der Zusammenhang zwischen Bergklima und Landwirtschaft in Tirol seit jeher besonders interessiert. Der gewählte Buchtitel „Schwarzer Himmel – Kalte Erde – Weißer Tod“ bezieht sich u. a. auf die früher vorübergehend tirolweit eingefallenen Wanderheuschrecken sowie auf die bis heute oft vorkommenden Hagelschläge, Kältewellen und Lawinenkatastrophen, die bekanntlich das „Land im Gebirge“ immer wieder heimgesucht haben. Dabei wird auf die seit der frühen Neuzeit zahlenmäßig fast unüberschaubar gewordenen Hochwasserereignisse und Murenabgänge größtenteils verzichtet, die nur am Rande betrachtet werden können, weil es durchschnittlich jedes dritte Jahr in Tirol eine meist kleinere Überschwemmung gegegeben hat. Außerdem kann zu dieser Fragestellung das schon im Jahr 1883 von Karl Sonklar geschriebene einschlägige Buch „Von den Ueberschwemmungen“ herangezogen werden, welches sogar eine Chronik der Überschwemmungen in Tirol zwischen 1401 und 1882 enthält.
Die nun vorliegende Arbeit, welche sich vor allem an ein breiteres Publikum richtet, soll ein kleiner historisch-geographischer Beitrag zum leichteren Verständnis der agrarklimatischen Verhältnisse in Tirol im Laufe der Geschichte sein. Zur besseren Aufbereitung des umfangreichen Stoffes wurde auf Fußnoten im Text verzichtet. Ein ausführliches Literaturverzeichnis schließt die vorliegende Veröffentlichung ab, welche sich in drei große Abschnitte gliedert. Das erste Kapitel behandelt die Grundzüge der Tiroler Agrar- und Klimageschichte vom Hochmittelalter bis ins ausgehende 19. Jahrhundert, wobei nach Berücksichtigung der in hoch- und spätmittelalterlichen Quellen erwähnten Klimaschwankungen auf das besser belegbare Witterungsgeschehen während der neuzeitlichen Klimaverschlechterung oder „Kleinen Eiszeit“ (ca. 1560–1850) eingegangen wird. Eine genaue Auswertung verschiedener Pfarrchroniken aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schließt diesen Teil des Buches ab.
Das anschließende zweite Kapitel setzt sich ausführlich mit der Berglandwirtschaft, den Wetterkapriolen und Naturereignissen in Tirol auseinander. Dabei ist zunächst von der Trockenheit bzw. Wasserarmut am Land und in der Stadt die Rede, bevor auf die durch riesige Heuschreckenschwärme kahl gefressenen Getreidefelder eingegangen wird. Dazu kommen noch kosmische Erscheinungen (z. B. Kometen und Meteore), welche unter den damals lebenden Menschen Angst und Schrecken verbreiteten. Die furchtbaren Hagelschläge haben das Leben der Bauern mit ihrer Werkstatt unter freiem Himmel nachhaltig geprägt, was nicht nur in der Vergangenheit der Fall war, sondern auch für die Gegenwart gilt: Von Mai bis August hagelt es heutzutage durchschnittlich jeden dritten Tag! Die über ein halbes Jahrhundert andauernde extrem wechselhafte Witterung im Pustertal, die zur Zeit der „Kleinen Eiszeit“ tirolweit gang und gäbe war, wird nach dem Tagebuch des Johannes Sigmund von Rost zu Kehlburg und Aufhofen zwischen 1678 und 1728 wiedergegeben. Am Beispiel des Kitzbüheler „Wetterpiechls“ von 1756 bis 1765 werden die frühneuzeitlichen Wetterkapriolen in einem ganz kurzen Zeitraum dargestellt. Nasskalte Sommer und klimabedingte Missernten kamen im „Land im Gebirge“ immer wieder vor. Damit verbunden gab es neben den häufig auftretenden Hungersnöten auch vorstoßende Gletscher und verwilderte Hochweiden. Sogar mehrere Ausbrüche von Eisstauseen lassen sich nachweisen, was in der heutigen Warmzeit des beginnenden 21. Jahrhunderts nicht mehr vorstellbar wäre. Es gab auch gletscherfeindliche Zeiten, die zum Ausapern von sogenannten Fernerleichen führten. Die Auswirkungen strenger Winter mit heulenden Wölfen, wie sie sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts bemerkbar machten, dürften für die betroffene Bevölkerung in den Hochtälern besonders schlimm und unangenehm gewesen sein.
Das dritte Kapitel befasst sich mit einem alljährlich vorkommenden Phänomen, das wiederum einen sehr starken Gegenwartsbezug aufweist, nämlich mit dem „Weißen Tod“ in den Tiroler Bergen. Allein im Bundesland Tirol werden die ganzjährig bewohnten Gebirgstäler von fast 2.200 Lawinenstrichen durchzogen. Gerade auf den steilen Hängen herrscht bzw. herrschte durch den frisch gefallenen Neuschnee im Winter ständig eine große Lawinengefahr. Im vorliegenden Band spannt sich der thematische Bogen von den mittelalterlichen Lawinenkatastrophen bis hin zu den häufig überlieferten Lawinenereignissen im bergbäuerlichen Siedlungsraum von 1500 bis 1900. Auf eine Lawinengeschichte des 20. Jahrhunderts, die bekanntlich ein eigenes dickes Buch füllen könnte, wurde aus Platzgründen verzichtet. Neben der bäuerlichen Bevölkerung wurden auch die Fuhrwerksleute und vor allem die Bergwerksarbeiter (z. B. Erzknappen und Sackzieher) bei ihrer Arbeit durch Lawinen verschüttet, worauf ausführlich eingegangen wird. Von großer Bedeutung für die lawinengefährdeten Menschen im „Land im Gebirge“ sind bzw. waren eigene Lawinenschutzbauten (z. B. Steinwälle, Mauerwerke, Pultdächer und Lahnhäusln), welche ebenfalls etwas näher betrachtet werden. Das kurz gehaltene Schlusskapitel „700 Jahre Wettergeschehen im Zeitraffer“ hält nochmals in einem Überblick tirolweit wichtige agrarklimatische Ereignisse zwischen 1200 und 1900 fest.
Für das Zustandekommen dieser reich bebilderten Veröffentlichung habe ich dem Universitätsverlag Wagner und hier vor allem Frau Dr. Mercedes Blaas zu danken, die meinen Forschungen schon immer sehr aufgeschlossen gegenüberstand. Die Bildbearbeitung war das Hauptverdienst meiner Frau Mag. Karin Jäger, deren Mithilfe mir jeden der einzelnen Arbeitsschritte sehr erleichterte. Das vorliegende Buch sei meinem lieben Sohn Bernhard gewidmet.
Die Bedeutung des Klimas für die Menschen im Mittelalter und in der Neuzeit lässt sich kaum überschätzen. Bereits der alltäglichen Witterung kam ein großer Stellenwert zu. Wetterkapriolen und Wetterkatastrophen mit Blitz- und Hagelschlägen, mit Lawinenabgängen, Murbrüchen und Hochwasserereignissen führten regelmäßig zu tiefen Störungen, deren Folgen oft Jahre dauernde Existenzprobleme waren. Klimatische Extreme (z. B. Kälteeinbrüche mit Gletschervorstößen, Hitzewellen und Trockenperioden mit dem Einfall von Wanderheuschrecken) waren nicht selten auslösende oder verstärkende Ursachen für weiterwirkende Krisen wie Hungersnöte, Seuchen, Aufstände und Kriege. Die Zeitgenossen wussten um die ständige Bedrohung ihrer agrarischen Lebensgrundlage. Wenn die kalte Jahreszeit zu früh hereinbrach, dann konnte die Herbstaussaat des Wintergetreides überhaupt nicht mehr oder nur mangelhaft erfolgen. Dauerte der Winter zu lange, so konnte kein Sommergetreide angebaut werden. In beiden Fällen waren schlechte Ernteerträge oder Missernten die Folge, die zu Hungersnöten führten, denen viele durch Kälte und ungenügende Ernährung geschwächte Menschen zum Opfer fielen. Es fehlte an Saatgut. Damit war auch die wichtigste Voraussetzung für künftige Ernten nicht gegeben. Waren die Wintermonate endgültig vorüber, schmolzen Schnee und Eis. Die damit verbundenen Überschwemmungen brachten der Landwirtschaft oft große Schäden.
Für das Hoch- und Spätmittelalter mangelt es zwar häufig an Aufzeichnungen über Agrarkrisen und Klimaschwankungen im „Land im Gebirge“. Doch bieten neuere naturwissenschaftliche (dendrochronologische) und archäologische Forschungen zusammen mit einigen wenigen Schriftzeugnissen ausreichend Informationen über die Folgen des damaligen Klimawandels. Als sehr ergiebige Quellen erweisen sich in diesem Zusammenhang die städtischen Chroniken und die Annalen von Klöstern. Ein ausgeprägtes Interesse kann man bei den Tiroler Historiographen für Katastrophen, Seuchen und Hungersnöte feststellen. Den Hauptanteil hatten die Naturereignisse, vor allem Hochwasser, Hagelschläge und Heuschreckenplagen. Die sogenannte „Bozner Chronik“ widmete sich erstmals solchen Themen. Auch die nachfolgenden Geschichtsschreiber berichteten über derartige Ereignisse.
Aus den verschiedenen hoch- und spätmittelalterlichen Aufzeichnungen kann für Europa folgendes klimatisches Bild abgeleitet werden: Die mittelalterliche Wärmeperiode nahm ab 1300 n. Chr. ein rasches Ende. Ab 1320 geriet Europa zunehmend in den Griff einer Abkühlung, die schließlich um 1450 n. Chr. ihren ersten Höhepunkt erreichte. Die Jahresmitteltemperatur sank dramatisch um 1 bis 1,5 Grad Celsius. Die Abruptheit dieser Klimaänderung lässt sich deutlich am plötzlichen Rückgang des Weinanbaus ablesen. In Deutschland, wo zuvor auch in den nördlichen Regionen Wein angebaut werden konnte, zog sich der Weinanbau auf die klimatisch begünstigten Sonnenhänge in Südwestdeutschland zurück; in England verschwand er vollständig. Besonders hart war der Nordwesten Europas von dem Temperaturrückgang betroffen. In Schottland verkümmerte die Ackerwirtschaft, Grönland und Island wurden von der Bevölkerung weitgehend aufgegeben. Hoch im Norden sah sich die von Erik dem Roten 985 noch „voller Klima-Euphorie“ gegründete Wikinger-Kolonie mit zunehmend schwierigeren Lebensverhältnissen und Umweltbedingungen konfrontiert. „Da sie außerstande ist, sich anzupassen, schrumpft sie und verschwindet um das 15. Jahrhundert ganz von der Bildfläche.“ Ohne es richtig zu ahnen, erlebten auch die Bewohner im Alpenraum die ersten Erschütterungen einer bevorstehenden Klimaverschlechterung.
Aber auch im übrigen Europa waren die Auswirkungen dieser Klimaänderung auf das Wirtschaftsleben zu spüren: Die nasskalte Witterung veränderte vielerorts die Landwirtschaft. Lange, harte Winter, zu kurze Vegetationsperioden und nasse, kühle Sommer machten ungünstige Anbaugebiete unrentabel und in den Gebieten mit den guten Böden gingen die Ernteerträge drastisch zurück. Die Bevölkerung hungerte, Krankheiten und Seuchen, wie Pest und Cholera, griffen um sich. Viele Siedlungen wurden aufgelassen.
Während der mittelalterlichen Wärmephase (1000–1200 n. Chr.) verschoben sich in den Alpen und Mittelgebirgen Europas die Anbaugrenzen um durchschnittlich 100 bis 200 Meter nach oben. Die relativ lang andauernde günstige Witterung ermöglichte in England bis hinauf nach Südschottland und in Deutschland bis nach Ostpreußen und Pommern einen ertragreichen Weinanbau. In dieser Periode der Klimagunst wurde noch Weizen in Norwegen und Island („Eisland“) angebaut. Den Wikingern gelang von Island aus, dessen Küsten nur noch zwei Wochen im Jahr vereist waren, die Besiedlung Grönlands, das damals ein „grünes Land“ (Name!) mit Wäldern und einer rentablen Viehzucht bzw. Weidewirtschaft gewesen ist. Die alpinen Gletscher zogen sich weit zurück.
Entgegen bisherigen Vermutungen war es damals in den meisten Regionen der Welt wärmer als heute, was für viele Gebiete tatsächlich ein „Goldenes Zeitalter“ war. Die Sommertemperaturen lagen im Jahresmittel um 1,5 Grad höher! Das klimatische Bild der darauffolgenden zwei Jahrhunderte im Spätmittelalter (14. und 15. Jahrhundert) fiel weniger einheitlich aus. Ab etwa 1300 wurde es immer kälter. Die damaligen Gebirgsbewohner in den West- und Ostalpen ahnten vorerst noch nicht, wie hart die Zeiten werden sollten.
Kalte Winter und nasse Sommer führten im 14. Jahrhundert zu Missernten, Hungersnöten und einer Häufung von Überschwemmungen. Zur vollen Entfaltung kam die sogenannte „Kleine Eiszeit“ mit dem dramatischen Temperatursturz in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Die Abkühlung des Klimas zur Zeit der neuzeitlichen Vorstoßperiode erschien vor allem deswegen so gravierend und markant, weil ihr eine mittelalterliche Wärmephase vorausgegangen war. Gleichzeitig zunehmende Sommerniederschläge ließen überall im Alpenraum die Gletscher stark vorstoßen. Diese Klimaverschlechterung (1560–1850) führte endgültig zur Aufgabe von Weinbergen in extremen Standorten. An vielen Orten im Norden und Osten rentierten sich die Rebkulturen nicht mehr.
Die beiden frühesten Schilderungen von Hochwasserkatastrophen im „Land im Gebirge“ datieren aus der Mitte des 11. Jahrhunderts n. Chr. Dabei handelt es sich um eine ausführliche Beschreibung eines Phänomens in Tirol, das bis zum heutigen Tag immer wieder regelmäßig wiedergekehrt ist. Nach einer Notiz in den Annalen („Annales Altahenses maiores“) des niederbayerischen Klosters Niederaltaich trat im Jahr 1041 der Eisack bei Bozen aus dem Ufer und richtete verheerende Zerstörungen an. Der namhafte Tiroler Historiker Josef Riedmann schreibt zu diesem Elementarereignis folgende Zeilen: „Die Erde in den Weinbergen wurde bis auf den felsigen Untergrund hinweggeschwemmt und anderswohin verfrachtet, was in weiten Bereichen zur Unfruchtbarkeit des Bodens führte. Auf beiden Seiten des Flussbettes entstanden riesige Schäden an Häusern, Vieh und Äckern. In Verona schwoll die Etsch derart an, dass auch dort ungeheure Verluste zu verzeichnen waren. Die überlebenden Menschen sahen sich gezwungen, sich in das Gebäude zu flüchten, das ‚Aerina‘ genannt wird, und dort zu hausen. Man wird mit der Annahme nicht fehlgehen, dass diese detaillierten Nachrichten direkt oder indirekt auf einen Augenzeugen zurückgehen.“
Ein Chronist berichtet über diese große Überschwemmung Folgendes: „Der Eisack trat bei Bozen aus seinen Ufern und richtete an Häusern, Vieh, Aeckern und Weingärten die kläglichsten Verheerungen an. Aber auch die Etsch schwoll plötzlich zu einer ungewöhnlichen Höhe, setzte das ganze Etschland unter Wasser und wüthete namentlich in Verona. Hier gingen viele Menschen zu Grunde; ein Theil der Häuser, vieles Vieh, viele Felder wurden fortgerissen und die Einwohner, welche der Ueberschwemmung entrannen, waren zur Flucht in die Arena genöthigt.“ Es wurden also damals viele Äcker und Weinberge verwüstet. Die betroffenen Menschen flüchteten aus ihren eingestürzten Behausungen ins Freie, um noch ihre nackte Haut zu retten. Die Überschwemmungen von Eisack und Etsch waren demnach im südlichen Tirol verheerend. So stehen über dieses gewaltige Hochwasser von 1041 in einer anderen deutschen Übersetzung der „Annales Altahenses“ noch folgende Zeilen: „In demselben Jahre richtete der Fluß Eisack bei Bozen durch Übertreten seiner Ufer eine klägliche Verheerung an, wusch die Erde von den Weinbergen bis auf den Felsengrund weg, führte sie anderen, danebenliegenden zu, machte die meisten derselben auf diese Weise unbrauchbar und richtete zu beiden Seiten des Flußbettes eine ungeheure Vernichtung der Gebäude, des Viehes und der Äcker an. Aber auch der Fluß Etsch wuchs plötzlich durch Überschwemmung bei Verona derart, daß ein Teil der Häuser, des Viehes, der Menschen und Äcker zugrunde ging; und die Höhe der Überschwemmung zwang die Menschen, welche entronnen waren, in das Haus, das man Aerina (Arena Veronensis) nennt, zu fliehen und in demselben zu wohnen, bis das Wasser abgeflossen war.“
Auch das sogenannte „Chronicon Benedictoburanum“ berichtet im Jahr 1053 von einem großen Hochwasser der Etsch im Bereich des heutigen Südtirols. Dem Mönch Gottschalk vom bayerischen Kloster Benediktbeuern, der in Verona Reliquien der heiligen Anastasia entwendet hatte, war die Weiterreise mit der kostbaren Fracht von Salurn zum heimatlichen Kloster im Loisachtal nicht mehr möglich. „Denn dort (bei Salurn) war die Etsch dermaßen aus den Ufern getreten und hatte einen See gebildet, dass man zum Teil nur noch schwimmend weiterkam. In der Folge musste man, um der verheerenden Überschwemmung im Etschtal zu entgehen, auf einem steilen Pfad den Berghang hinauf, doch auf halber Höhe geriet ein Fässchen außer Kontrolle. Es löste sich aus der Befestigung am Tragtier und rollte hinunter in das vom Wasser erfüllte Tal. Da näherte sich ein Unbekannter in Mönchskleidung der kleinen Reisegesellschaft und versicherte ihr: Dank der heiligen Anastasia würde man Fass und Inhalt im Tale unversehrt wieder finden – und selbstverständlich erfüllte sich umgehend die Prophezeiung.“ Diese Geschichte aus der Chronik des Klosters Benediktbeuern dürfte neben der vorhin zitierten Belegstelle aus den Annalen des Klosters Niederaltaich den ältesten schriftlichen Hinweis auf eine Hochwasserkatastrophe im Bergland Tirol enthalten.
In ganz Mitteleuropa gab es im Jahr 1060 einen so strengen Winter, dass aufgrund der großen Menge Schnee, der sehr lange liegen blieb, viele Menschen ihr Leben verloren und Wölfe ihr Unwesen trieben. Danach folgte ein derartiges Hochwasser, wie sich kaum jemals ein solches im ganzen Deutschen Reich ereignet haben dürfte. Eine überlieferte Quelle aus der Stadt Nürnberg berichtet über dieses einschneidende Ereignis Folgendes: „Der Winter verhielt sich so hart im Königreich der Deutschen, daß durch die Unermeßlichkeit und durch die lange Dauer des Schnees und der Kälte viele Sterbliche des Lichtes beraubt wurden. Bald folgte ein solches Ausgießen der Gewässer, wie man kaum oder niemals berichtet, daß es in jenem Reich aufgetreten sei.“ Eine weitere Konsequenz des länger als sonst dauernden Winters war ein sehr großer Mangel an Getreide und Wein.
Der Reigen strenger Winter im 11. Jahrhundert erreichte seinen Höhepunkt im Jahr 1076/77. Dieser „Jahrhundertwinter“ (auch „Canossa-Winter“ genannt) begann schon früh im November und dauerte bis in den März hinein. In Augsburg schreiben die Chronisten darüber: „Beständige Strenge des Winters und eine Schroffheit an Schneefällen/Schneemassen vom 1. November bis nach dem 1. April, so daß die Bäume vertrockneten; dann war solch eine Unfruchtbarkeit an Feldfrüchten, daß auch der Samen versagte.“ Der Winter war ohne Unterbrechung streng, und die Schneelast blieb vom 15. November 1076 bis nach dem 15. April 1077 liegen. Die Bäume verdorrten. Danach brachte das Land so wenig Ertrag an Feldfrüchten, dass es sogar an Saatgut mangelte. Gerade die große Zahl von schriftlich fixierten Nachrichten ist an sich schon ein Indiz für die Besonderheit dieses extremen Winters.
Eine andere Quelle beschreibt noch die im Winter 1076/77 herrschenden Verhältnisse am Rhein: „Die Stärke und Härte des Winters hatte sich in diesem Jahr so sehr lebendig und strenger als gewöhnlich erhoben, so daß vom 11. November der Fluß Rhein, nachdem er durch die eisige Kälte gebunden worden war, beinahe bis zum 1. April als Fußweg passierbar blieb, und in sehr vielen Orten die Weinberge ganz und gar vertrockneten, nachdem sie durch die Kälte mit der Wurzel ausgetrocknet worden waren. Nicht nur die kleineren Flüsse, sondern auch der Rhein fror zu. Selbst in Oberitalien war die Kälte so stark, daß dort viele Reben erfroren.“
In dem ausführlich gehaltenen Bericht steht bei Lampert von Hersfeld über die im Jänner 1077 durchgeführte Winterreise König Heinrichs IV. durch die Westalpen (Großer St. Bernhard, Mons Jovis) auf seinem Weg nach Canossa Folgendes:
„Der Winter war äußerst streng, und die sich ungeheuer weit hinziehenden und mit ihren Gipfeln fast bis in die Wolken ragenden Berge, über die der Weg führte, starrten so vor ungeheuren Schneemassen und Eis, dass beim Abstieg auf den glatten, steilen Hängen weder Reiter noch Fußgänger einen Schritt tun konnten.“ Um diese abenteuerliche winterliche Alpenreise überhaupt fortsetzen zu können, brauchte Heinrich IV. geländekundige Bergführer: „Daher mietete er um Lohn einige ortskundige, mit den schroffen Alpengipfeln vertraute Einheimische, die vor seinem Gefolge über das steile Gebirge und die Schneemassen hergehen und den Nachfolgenden auf jede mögliche Weise die Unebenheiten des Weges glätten sollten. Als sie unter deren Führung mit größter Schwierigkeit bis auf die Scheitelhöhe des Berges (Mont Cenis, Grajische Alpen) vorgedrungen waren, da gab es keine Möglichkeit weiterzukommen, denn der schroffe Abhang des Berges war, wie gesagt, durch die eisige Kälte so glatt geworden, dass ein Abstieg hier völlig unmöglich schien. Da versuchten die Männer, alle Gefahren durch ihre Körperkraft zu überwinden: Sie krochen bald auf Händen und Füßen vorwärts, bald stützten sie sich auf die Schultern ihrer Führer, manchmal auch, wenn ihr Fuß auf dem glatten Boden ausglitt, fielen sie hin und rutschten ein ganzes Stück hinunter, schließlich aber langten sie doch unter großer Lebensgefahr endlich in der Ebene an. Die Königin und die anderen Frauen ihres Gefolges setzte man auf Rinderhäute, und die dem Zug vorausgehenden Führer zogen sie darauf hinab. Die Pferde ließen sie teils mit Hilfe gewisser technischer Vorrichtungen hinunter, teils schleiften sie sie mit zusammengebundenen Beinen hinab, von diesen aber krepierten viele beim Hinunterschleifen, viele wurden schwer verletzt, und nur ganz wenige konnten heil und unverletzt der Gefahr entkommen.“
Ein begeisterter Anhänger von Papst Gregor VII. beschreibt 1080 die Eisackstadt Brixen folgendermaßen: „Ein abscheulicher und ungemein rauher Ort, mitten in den schneebedeckten Alpen, wo unablässig Hunger und beinahe immer Kälte herrschen.“
Die hochmittelalterliche Gletscherhochstandsperiode erreichte überall in den Ostalpen (z. B. Gurgler- und Vernagtferner) ihren Höhepunkt im ausgehenden 13. Jahrhundert, wie es in der alpinen Fachliteratur heißt: „Die Jahrringchronologie von Hochlagenbäumen zeigt für das letzte Drittel des 13. Jahrhunderts einen deutlichen Wachstumseinbruch. Die Gletscher haben in einer Vorstoßperiode um 1300 eine Ausdehnung wie in der Neuzeit erreicht. Diese Fakten lassen folgende klimageschichtliche Interpretation zu: Das verringerte Jahrringwachstum weist auf niedrige Temperaturen in der Vegetationsperiode (Mai bis September) hin. Dieses ist nach dem längerfristigen Trend im Zeitabschnitt 1274 bis 1287 besonders stark ausgeprägt. Für Gletscherwachstum sind feucht-kühle Witterungsbedingungen Voraussetzungen, vor allem für die Abschmelzperiode im Sommerhalbjahr, und zwar für einen längeren Zeitraum. Jahrring- und Gletscherentwicklung geben eine Klimainformation für feucht-kühle, in den Hochlagen neuschneereiche Verhältnisse für das letzte Drittel des 13. Jahrhunderts.“
Im Anschluss an diese quellenmäßig belegbare Gletscherausdehung kam es neuerlich zu einem Gletscherschwund. Mit Hilfe der Zirbenchronologie können dann für die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts relativ günstige Klimaverhältnisse abgeleitet werden. Erst um 1450 trat ein Jahrringbreitenminimum auf, dem ein Vorrücken der Gletscher zu einer Ausdehnung wie jener um 1870/90 entsprach. Durch die bis 1490 belegbaren Gletschervorstöße (Venedigergruppe, Ötztaler Alpen) wurden mehrere Hölzer verschüttet.
Schon während des Mittelalters hatte der im hinteren Kaunertal gelegene Gepatschferner (Ötztaler Alpen) Eisausdehnungen, die mit den neuzeitlichen Ständen vergleichbar sind. Ein erster frühmittelalterlicher Vorstoß, der um 750 n. Chr. einsetzte, lässt sich noch ins ausgehende 8. Jahrhundert zurückverfolgen. Um das Jahr 809 befand sich der Gletscher weiter im Vorrücken und übertraf dabei den 1920er-Stand. Nach den bisher durchgeführten Baumringforschungen und C14-Datierungen war der Gepatschferner vom frühen 9. Jahrhundert bis zu Beginn des 12. Jahrhunderts durchgehend kleiner als etwa um 1920/40. Die Größe aus dem Frühmittelalter erreichte der Gletscher erst wieder 200 Jahre später um 1140/45 bzw. 1172, als er bei einem mehrphasigen Vorstoß neuerlich Bäume überschüttete.
Nach einer Stagnations- und Rückzugsphase im ausgehenden 12. Jahrhundert stieß der Gepatschferner im 13. Jahrhundert abermals vor und erreichte 1284 n. Chr. eine Gletscherausdehnung wie später um 1870. Im Zuge dieses nachweisbaren Vorstoßes bzw. spätestens im frühen 14. Jahrhundert erreichte der Gepatschferner seinen Maximalstand im Hochmittelalter. Erst im ausgehenden Spätmittelalter, um 1462, ist erneut ein Vorstoß fassbar, der eine ähnliche Dimension wie der hochmittelalterliche Maximalstand aufwies. Diese genau belegbaren mittelalterlichen Vorstöße wurden in ihrem Ausmaß während der Neuzeit noch zweimal, um 1679 und 1855, übertroffen. Wahrscheinlich etwas kleiner blieb der Gepatschferner bei einem weiteren frühneuzeitlichen Vorstoß, der 1621 begann und dann um 1630/35 den Höhepunkt erreichte.
Ein Vorstoß der Pasterze im Frühmittelalter, der die heutige Eisausdehnung überschritt und für den Gletscher eine Größe wie um 1925 annehmen lässt, ist für die Zeit von 655 bis 780 n. Chr. bei den Seebächen nachgewiesen. Besonders im Hoch- und Spätmittelalter zeigte der größte Gletscher des Ostalpenraumes genauso wie der Gepatschferner in den Ötztaler Bergen eine deutlich ausgeprägte Aktivität. Auch hier in der Glocknergruppe wurde zwischen 1280 und 1300 die maximale mittelalterliche Gletscherausdehnung erreicht, wie es auch im gletschergeschichtlichen Schrifttum heißt: „Markante Phasen schmaler Jahrringe einer Zirbe aus dem Bereich des Unteren Pasterzenbodens um 1290 und 1350 n. Chr. sind möglicherweise bzw. für die Jahre um 1470, 1495 und 1550 sehr wahrscheinlich auf Vorstöße der Pasterze zurückzuführen. Dabei rückte der Gletscher jeweils bis zu einer dem Stand von ca. 1890 vergleichbaren Ausdehnung vor. Erst im Frühsommer 1595 überschritt die Pasterze diese Eisausdehnung und erreichte wohl noch in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts an manchen Abschnitten des unteren Gletschervorfeldes die größte neuzeitliche Ausdehnung.“
Die hochmittelalterlichen Nachrichten über die in den Tiroler Bergen auftretende Kälte oder Wärme fließen im 11. und 12. Jahrhundert spärlich. So war etwa im Jahr 1063 die Aprilkälte dermaßen groß, dass zahlreiche Haustiere starke Erfrierungen erlitten und verendeten. 1135 verursachte eine große Hitze das Austrocknen der Brunnen; Wälder und Wiesen verdorrten. Am 30. August 1139 trat der Fluss Etsch über seine Ufer, worüber die „Annales Veronenses“ berichten. Die von Pater Justinian Ladurner verfasste Chronik von Bozen (1844) berichtet über das Jahr 1186 noch Genaueres: „Aber in diesem Jahre trat im Etschlande eine sonderbare Witterung ein, der Winter war warm, worauf ein früher Frühling folgte, denn schon in Jenner blühten die Bäume, im Februar sah man an den Bäumen schon Aepfel in der Größe von Haselnüssen, und schon junge Vögel, im Mai schnitt man das Korn, und Anfangs Juli waren die Trauben zeitig. Hingegen waren im darauf folgenden Jahre 1187 von Allem dem gerade das Widerspiel; es brachte eine furchtbare Kälte, wodurch Mißwachs und eine solche Theuerung und Hungersnoth entstand, daß viele Menschen und vieles Vieh vor Hunger umkamen, welchem Übel Graf Berthold von Meran nach Kräften zu steuern suchte.“ 1209 lässt sich ein sehr strenger Winter nachweisen. 1210 war der Winter so kalt, dass viele Menschen erfroren. 1250 zerstörte noch eine Kältewelle die bevorstehende Ernte.
Am 26. Juni 1239 stieg der Fluss Etsch so an, dass die neue Brücke, die Schiffsbrücke und alle anderen Brücken in der Stadt Verona zerstört wurden. Weiters enthalten die „Annales Veronenses“ noch folgende interessante Hinweise zu diesem dramatischen Ereignis: Über 50 Mühlen, die an der Etsch in der Stadt lagen, vernichtete der Hochwasser führende Fluss. „Die Brücke der heiligen Geburt und die Mauern des Tores von Morbio und in vielen andern Orten die Stadtmauern versenkte die Etsch. Mehrere Häuser in Insuolo und in der Stadt füllte sie mit Wasser an und zerstörte sie. Fast vier Tage lang und länger durchströmte das Wasser der Etsch die Stadt mit stärkster Strömung, und darauf ging es zurück.“
Über das Katastrophenjahr 1256 berichtet die Rattenberger Chronik Folgendes: „Durch eine verheerende Hochwasserkatastrophe wurde das Flussbett des Inn, das sich damals bei Kramsach befand, so stark vermurt, dass der Inn gegen Rattenberg abgedrängt wurde, wobei das Bett des alten Grabenbaches stark vertieft wurde.“
Am 25. Juni 1275 wurde ganz Tirol von Überschwemmungen heimgesucht. Im selben Jahr forderte das Rhein-Hochwasser bei Basel 1000 Tote, worüber die Basler Chronik schreibt: „1275 ergoß sich der Rhein dess 29 Brachmonts mit einer solch ungestümen Flut, des er zwey Joch von der Bruck hinfiret und bis in die hundert Personen ersäuft.“ Besonders ausführlich werden in den „Monumenta Germaniae“ für das Jahr 1275 Hochwasserereignisse an der Donau, in Deutschland und Italien geschildert: „Mühlen und Getreideernte wurden dabei beinahe vollkommen vernichtet, hohe Getreidepreise führten zu Aufruhr. Auch die Weinernte wurde durch ungewöhnlichen Frost beeinflusst, der Erntebeginn auf Ende Oktober versetzt und die Weinlese bis in den November verzögert.“ Der Wein dieses Jahres war in Österreich „herb“ und „sauer“ zu trinken.
Auch in der Klimageschichte Mitteleuropas wird das Jahr 1275 als auffallend kalt und regnerisch beschrieben: „Ab Anfang Mai regnet es, viele Flüsse treten wegen Dauerregen über die Ufer, so z. B. am 24. August der Main und die Elbe. Auch hier wird von Traubenernte im Schnee und saurem Wein berichtet.“ Nach diesen überlieferten historischen Witterungsnachrichten besteht heute kein Zweifel mehr, dass sich auch das archäologisch fassbare Hochwasser von Hall in Tirol im Sommer 1275 ereignet hat, das schon mit Hilfe der Jahrringanalyse auf den Zeitraum zwischen 1263 und 1277 eingegrenzt werden konnte. Zeitlich fiel damit die Überschwemmung der Unterstadt von Hall in ein schweres Katastrophenjahr mit gravierenden Folgen für den ganzen alpinen und mitteleuropäischen Raum. Nach Angaben der berühmten Chronik des Stiftes Marienberg (Obervinschgau), die vom damaligen Hofkaplan und Prior Goswin verfasst wurde, gab es im Jahr 1277 eine große Missernte. Dieser damals auftretenden Hungersnot und Teuerung von Weizen waren höchstwahrscheinlich ein besonders langer Winter und ein regnerischer Sommer vorausgegangen: „Anno domini MCCLXXVII tanta pestilencia erat in fame, quod modius siliginis vendebatur pro libris III veronensium.“
In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts wurde die Landwirtschaft im „Land im Gebirge“ von einer Sprunghaftigkeit des Klimas geprägt. Missernten und Viehseuchen waren die Folge, was für die Bevölkerung Hunger bedeutete. So standen im Mai 1303 die Tiroler Bauern vor ihrem erfrorenen Saatgut. Dem von 1306 bis 1309 in lateinischer Sprache angelegten Brixner Urbar können die verheerenden Folgen der nach Starkniederschlägen abgegangenen Muren im Antholzer Tal entnommen werden, weshalb die betroffenen Hofinhaber von bischöflicher Seite einen Nachlass in der Höhe des erlittenen Elementarschadens erhielten. Zwischen 1311 und 1313 fielen die Winter sehr kalt und die Sommer sehr nass aus. Es entstand ein Mangel an bäuerlichen Erzeugnissen.
Nach dem Inntaler Steuerbuch von 1312 kam es im Unterland (Gemeinde Wiesing) während der kalten Jahreszeit zu einer Heu- und Futterknappheit. Dabei beklagten sich die Wiesinger über den adeligen Herrn Thomas Freundsberger, dass er ihnen „heuer“ im Winter ihr Heu und Futter nahm, weshalb ihnen ihr Vieh verendete bzw. verhungerte („Ir vihe starb.“). Eine ähnliche Klage gab es auch in der Ortschaft Pill, wo die Tiere in den leeren Ställen verhungerten. Die Oberinntaler Gemeinde Grins im Stanzertal beschwerte sich, weil 24 Inhaber von Bauerngütern aufgrund „unleugbarer Armut aus dem Lande gezogen“ waren. Die ohnehin drückenden Steuerlasten der bäuerlichen Bevölkerung fielen zeitlich mit dem lokal rauer gewordenen Klima in den Bergen zusammen. Im Jahr 1312 sprechen die Quellen von ungünstiger Sommerwitterung und schlechten Ernten, die zu einer großen Hungersnot führten, an der viele Menschen starben.
Die Jahre von 1310 bis 1319 gelten in der Ernährungsgeschichte als sehr leidvoll. Aus vielen Teilen Europas wurde über den großen Mangel an Lebensmitteln und über die hohen Getreidepreise geklagt. Hunger herrschte „per totam Germaniam, provinciamque Tirolensem“, also über das ganze Deutsche Reich und über die Provinz Tirol. Lange Winter und regnerische Sommer werden als Ursachen genannt. 1316 kam es im Ötztal zu einer Hochwasserkatastrophe, worauf 21 Bauernhöfen der dritte Teil aller Zinsen und Steuern für die kommenden fünf Jahre wegen der an den Äckern und Feldern aufgetretenen Wasserschäden erlassen wurde. „Das Jahr 1337 war ein sogenanntes ‚Regenjahr‘. Es regnete oft, es regnete anhaltend; aus kleinen Bächlein wurden große, die großen schütteten ihr Wasser in die Hauptflüsse und so kam es, daß nach und nach Etsch, Eisack, Talfer, Rienz usw. gar arg anschwollen und aus den Ufern traten.“ In einer Urkunde heißt es, dass der Eisackfluss auf einer wilden Fahrt „alle Brücken, so von Neustift (bei Brixen) bis Bozen waren“, niederriss und teilweise mitführte.
Von 1337 bis 1339 wurde Südtirol von zwei extremen Hochwasserereignissen heimgesucht. Zunächst kam es 1337 zu der vorhin erwähnten großen Überschwemmung in Bozen und Umgebung. Der Eisack trat über die Ufer, brachte die Brücke zum Einsturz und überflutete die ganze Stadt dermaßen, dass man vom Virglberg bis zur Pfarrkirche mit Kähnen fahren konnte. Bei dieser Katastrophe gingen rund 160 Personen zugrunde, worunter sich auch drei Ratsherren befanden. 1339 ereignete sich wieder ein gewaltiges Hochwasser im „Land an Etsch und Eisack“, wenn unser Chronist darüber schreibt: „Zwischen Klausen und Bozen wurden alle Brücken weggerissen, bei Neumarkt fuhr man auf Flössen über die Etsch und gegen Tramin und niemand wusste, wo der Kalterer See lag, da das Wasser die ganze Thalfläche von einem Bergfuss zum andern bedeckte.“ Es hieß, dass die Etsch seit 100 Jahren nie so hoch gewesen sei. Und im Jahr 1340 schwemmte die Passer alle Brücken und Stege zwischen Meran und Mais fort und verursachte große Schäden.
Der Landeshauptmann Graf Volkmar von Burgstall schrieb 1338 an den damaligen Gubernator von Tirol und Markgrafen Karl von Mähren, den späteren Kaiser Karl IV., dass dem armen Bergbauern „Hans von Raye“ aus dem Rojental im oberen Vinschgau der Zins (25 Pfund Käselaibe und 36 Ellen Schafwolltuch) für die letzten zwei Jahre (Missernten?) erlassen bleibe, denn sonst müsse der Hofbesitzer mit seinen zehn kleinen Kindern und seiner Frau das Bauerngut verlassen und für immer außer Land ziehen. So hart war das Leben auf den entlegenen Tiroler Bergbauernhöfen. Nach einem zeitgenössischen Bericht aus dem Jahr 1352 wurden nicht weniger als 35 Hofstellen im Passeiertal von Überflutungen („alluvio“, „inundatio“) und Vermurungen heimgesucht.
Auf die markante Klimaschwankung von 1342 bis 1347, die eine der feuchtesten und kältesten innerhalb des vorigen Jahrtausends war, sollte in Tirol genauso wie in anderen Teilen Europas der „schwerste demographische Aderlaß“ folgen, nämlich die Pest von 1348 bis 1350. Die Hochwasserkatastrophe des Jahres 1342 war die größte Überschwemmung, die in Mitteleuropa historisch belegbar ist. Innerhalb von nur acht Tagen fiel in einzelnen Gebieten mehr als die Hälfte des jährlichen Niederschlages und verursachte eine Flutwelle, „wie sie in Höhe und Ausmaß seither nicht wieder zu beobachten war“, um den Wissenschaftler Rüdiger Glaser zu zitieren. 1347 wurde Matrei in Osttirol vom Hochwasser führenden Bretterwandbach vollständig zerstört. Es gab zahlreiche Tote. Nur zwischen 1360 und 1400 zeigte das Klima noch vorübergehend ein freundlicheres Gesicht. Allerdings begann das Jahr 1363 mit einem harten Winter, wobei ein Teil des Viehbestandes aufgrund von Futtermangel geschlachtet werden musste.
Das klimatisch begünstigte Südtirol wurde in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts von einer besonders starken Kältewelle erfasst. Im Dezember 1364 und im Jänner 1365 trat in Bozen eine solche Kälte auf, dass „kaum der vierte Theil der Reben lebendig blieb“, wie es in der Stadtchronik von Pater Justinian Ladurner zutreffend heißt. Das Rebensterben wirkte sich vor allem unten in den Talböden aus, sodass dort mehr als drei Viertel aller Reben zugrunde gingen. Dagegen hatte die Kälte an den Hängen oder Leiten („in den Leutn“) keine so negativen Folgen. Diese außerordentliche Abkühlung war nicht nur im Etschland zu spüren, sondern war dermaßen stark, dass „selbst das Meer bei Venedig zusammenfror“. Die Anrainer konnten auf diesem nördlichen Teil der Adria (von Mestre bis Venedig) wie auf hartem Boden gehen. Sogar für die mit Kaufmannswaren beladenen Güterwagen wurde der Transport auf der vereisten, zugefrorenen Wasserfläche möglich. „Vnnd was so kalt, das man allerlay Kauffmanschafft auf Wögn fuert von Maistens gen Venedig, vnd die Kelt was in dem December vnnd in dem Jenner.“
Über das von zahlreichen Naturkatastrophen geprägte Jahr 1400 können wir in der Rattenberger Stadtchronik folgende aufschlussreichen Zeilen nachlesen: „Heftige Frühjahrsstürme entwurzelten viele Bäume und rissen in der Stadt mehrere Hausdächer weg. Am Rettengschös donnerte während eines fürchterlichen Nachtgewitters eine mächtige Steinlawine zu Tal. Im Juli vernichteten mehrere aufeinanderfolgende Hochwetter die gesamte Ernte. Heftige Gewitterregen und die vom Sturm entwurzelten Bäume vermurten die Gebirgsbäche, wodurch das Inntal von einer verheerenden Überschwemmung heimgesucht wurde. Die Bewohner unserer Gegend baten daher um Nachlaß der ‚Korngiebigkeit‘ und anderer Abgaben, und aus den Aufzeichnungen ist zu ersehen, dass ihnen tatsächlich fast alle Steuern in diesem Jahr erlassen wurden.“
Während des hochmittelalterlichen Klimaoptimums herrschten in den Jahres- und Monatsbildern noch Festmahl-, Jagd- und Schlachtszenen vor, was sich aber dann vor allem zwischen 1330 und 1420 schlagartig geändert hatte. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts traten nämlich häufig Monatsdarstellungen mit Schnee (Winterbilder) auf, die den Beginn der „Kleinen Eiszeit“ belegen. So ist etwa im Monatsbild Dezember aus dem Jahr 1416 am Castello del Buonconsiglio von Trient (Adlerturm) Folgendes zu sehen: „In den Wäldern werden Bäume gefällt und zu Brennholz gemacht, das per Ochsenwagen in die Stadt gebracht wird. Die Jahreszeit wird nicht nur an den kahlen Bäumen deutlich – von den Türmen des Schlosses hängen sogar die Eiszapfen herab. Die Gesichter der Menschen sind verschlossen, fast mürrisch: Die Kälte scheinen auch die Trientiner des 14./15. Jahrhunderts nicht besonders gemocht zu haben.“
Die Präzision, mit der damals der Maler vor allem die Natur und die Arbeit darstellt, ist bemerkenswert. Die jahreszeitlich bezogenen Vergnügungen der Adeligen zeigen sich auf den Wandmalereien auch in Schneeballschlachten im Jänner 1415, was als Beleg für den damals vorhandenen Schneereichtum gelten kann.
Neben dem stets drohenden Hunger machte also den Bauern im Winter vor allem die Kälte zu schaffen, wie auch eine Miniatur aus dem Stundenbuch des Herzogs von Berry zeigt. Das Februarbild vom Jahr 1413 enthält die Winterdarstellung eines Hofes in Schneekälte, wobei sich im Vordergrund Personen am Feuer wärmen und im Hintergrund eine verschneite Landschaft naturgetreu wiedergegeben wird.
Für die knapp vor der Mitte des 14. Jahrhunderts einsetzende Klimaverschlechterung gibt es in der darstellenden Kunst ebenfalls einen konkreten Hinweis: 1339 malte Ambrosio Lorenzetti in einem Freskenzyklus im Palazzo Pubblico von Siena (Toskana) einen warm bekleideten Mann mit einem Schneeball im heftigen Schneetreiben.
Eine verschneite Winterlandschaft mit Bergkapelle, gezeichnet von Wilhelm Bürger. Seit jeher übte der Schneereichtum im Alpenraum auf Künstler, die sich mit dem Genre der Naturmalerei befassten, eine große Faszination aus.
Diese vergnügliche Schneeballschlacht von Adeligen wurde im Jahr 1415 auf einer Wandmalerei im Adlerturm von Trient im Castello del Buonconsiglio festgehalten und spiegelt den damals vorhandenen Schneereichtum in Welschtirol wider.
Diese Winterszene stellt zwei Jäger im Schnee dar. Detailansicht vom Monatsbild Jänner auf einem Fresko im Adlerturm von Trient, 1415.
Der Winter 1364/65 war überall in Mitteleuropa rekordverdächtig kalt, schneereich und lange andauernd. Eine Quelle aus Nürnberg umschreibt ihn folgendermaßen: „Es gefroren alle Wasser, daß man schwerlich mahlen konnte. Über alle schiffreiche Wasser konnte man mit großen Lastwägen fahren. In dieser unerhörten Kälte gingen die wilden Enten und andere Wasservögel in die Stadt ohne Scheu und suchten bei den Menschen ihre Nahrung, weil sie im Wasser nicht bleiben konnten. Sie hielten sich um die Rohrbrunnen auf und ließen sich mit den Händen fassen.“
Der Rhein war beispielsweise in Mainz vom 13. Januar bis zum 25. März 1365 so stark gefroren, dass man auf dem Eis den Markt abhielt. Bei Köln konnte man sogar über den Rhein gehen. In Regensburg waren alle Wasserläufe vom 3. Januar bis zum 3. März mit Eis überzogen. Aus Straßburg gibt es Hinweise, dass dort der Rhein noch viel länger, vom 29. Dezember 1364 bis zum 12. März 1365, zugefroren war. Selbst der Zürichsee in der Schweiz war zu Eis erstarrt. An manchen Orten verfütterte man Stroh von den Dächern an die hungernden Tiere.
Im strengen Winter 1365 froren sämtliche Flüsse im Gebirgsland Tirol zu und viele Menschen starben. Im Bozner Unterland gab es ständig Hochwasseralarm. Nach der 1403 erlassenen Dorfordnung von Salurn wurde zur Abwehr der häufigen Etscheinbrüche ein eigener Graben aufgeworfen, den damals Jahr für Jahr drei Mann in Ordnung zu bringen hatten. Neben den häufigen Überschwemmungen wurde dieses Gebiet auch von sommerlichen Kälteeinbrüchen heimgesucht.
Besonders ausführlich beschreibt im Jahr 1414 der italienische Humanist Leonardo Bruni bei seiner Reise von Verona nach Konstanz die klimatischen Verhältnisse im Ostalpenraum, wenn er beim Abstieg vom Reschenpass ins obere Inntal („Oberes Gericht“) auf die damalige Vegetation zu sprechen kommt, worüber der Salzburger Umwelthistoriker Christian Rohr schreibt: „Neben zahlreichen noch heute in Tirol heimischen Nadel- und Laubbäumen werden auch Zypressen erwähnt, ein deutlicher Hinweis auf das mildere Klima im Mittelalter. Zwar lässt sich im 14. und 15. Jahrhundert schon eine merkliche Klimaverschlechterung konstatieren, doch reflektiert der Baumbestand noch die Warmperiode der Zeit bis zum frühen 14. Jahrhundert.“
1420 war der Winter in Tirol so warm, dass im Februar die Blumen blühten. 1426 war ein Jahr des Überflusses, wo man ein Star Weizen um 12 Kreuzer, ein Star Roggen um fünf Kreuzer, ein Star Gerste um vier Kreuzer und ein Pfund Butter um einen Kreuzer bekam. Umgekehrt führte 1430 die große Sommerhitze dazu, dass alles Obst zugrunde ging und auch der Wein nicht wachsen konnte. Im Jahr 1431 kosteten in Bozen ein Fuder Traminer 12 Gulden und eine Yhrne Eppaner 30 Kreuzer. Unser Chronist vermerkt: „War ein theurs Jahr.“ 1432 wurde der Winter so streng, dass unzählige Menschen („infinitos homines“) in unseren geographischen Breiten erfroren. Ein Fuder mit altem Meraner Wein wurde mit 28 Pfund veranschlagt. Die Preise für ein Star Roggen und Weizen betrugen 12 bzw. 14 Kreuzer.
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