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Ergänzend zur Schulmedizin erfreuen sich Behandlungsmethoden und Naturheilmittel aus der traditionellen Schweizer Volks- und der Komplementärmedizin grosser Beliebtheit. Wie man mit Essigsocken Fieber senkt oder welche Kräutertees Halsweh lindern: Dieses Handbuch hilft, die eigene Gesundheit zu stärken, sich selbst zu kurieren und zu erkennen, wann eine ergänzende schulmedizinische Behandlung notwendig ist. Mit dem umfassenden Beschwerde Register lässt sich das jeweilige Leiden leicht und verlässlich zuordnen, einer Erkrankung kann vorgebeugt oder ein Symptom gelindert werden. Dieses Buch zeigt, wie welche Mittel wirken und wie man die benötigten Zutaten bereithält und zur Anwendung bringt – ob ein Frauen oder Männerleiden auftritt oder ein Kind krank wird. Entstanden ist das Buch in Zusammenarbeit mit den Fachspezialistinnen für Komplementärmedizin der St.-Peter-Apotheke Zürich.
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Seitenzahl: 396
Veröffentlichungsjahr: 2021
Ruth Jahn, Dipl. Natw. ETH, ist Wissenschaftsjournalistin mit dem Spezialgebiet Gesundheit. Sie ist Autorin des Beobachter-Ratgebers «Kinder sanft und natürlich heilen» und Co-Autorin von «Cool durch die heissen Jahre» und «Schluss mit Schlafproblemen». Ruth Jahn lebt in Bern.
Autorin und Verlag danken der St. Peter Apotheke in Zürich für die fachliche Begleitung bei der Erarbeitung von Rezepten und Empfehlungen zur Phytotherapie, Homöopathie und Spagyrik. Mitgewirkt haben: Max Bandle, Apotheker; Hildegard Flück, Apothekerin und Homöopathin FPH; Elfi Seiler, Drogistin, und Caroline Speiser, Apothekerin, sowie Carla Wullschleger, Apothekerin und Homöopathin (www.stpeter-apotheke.com).
Für das Fachlektorat danken Autorin und Verlag Professor em. Dr. med. Reinhard Saller, emeritierter Professor für Naturheilkunde am Universitätsspital Zürich; Dr. med. Christian Marti, Facharzt für Innere Medizin FMH, WintiMed und mediX, Zürich; Dres. med. Berti und Martin Kehrer, Hedingen; Dr. med. Eva Roth-Chramosta, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin FMH, Zürich; Dr. med. Gian Bischoff, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin FMH, Altstetten; Beat Brunner, Fachspezialist Bildung beim Schweizerischen Samariterbund.
Dieser Ratgeber basiert auf dem aktuellen Wissensstand in Medizin und Naturheilkunde (Stand Juni 2021). Indikation, Dosierung, Anwendungen und Nebenwirkungen von Heilmitteln können sich verändern. Erkundigen Sie sich bei einer Fachperson
(Arzt, Apothekerin, Drogist).
Beobachter-Edition
4., komplett überarbeitete und aktualisierte Auflage, 2021
© 2007 Ringier Axel Springer Schweiz AG, Zürich
Alle Rechte vorbehalten
www.beobachter.ch
Herausgeber:
Der Schweizerische Beobachter, Zürich
Lektorat: Christine Klingler Lüthy, Wädenswil; Barbara Haab
Umschlaggestaltung und Layout: Frau Federer GmbH, fraufederer.ch
Illustrationen: Malin Widén
Herstellung: Bruno Bächtold
Gedruckt in der EU
E-ISBN 978-3-03875-407-7
Vorwort
1 | Kräfte der Natur
Rezeptfrei und bewährt
Selber heilen und vorbeugen
Erfahrungsschatz Volksmedizin
Zusammen stark: Schul- und Komplementärmedizin
SCHWEIZ SPEZIAL: Zwei Pflanzenpioniere
Selbstbehandlung mit Bedacht
Beobachtungsgabe gefragt
Wie Sie dieses Buch benutzen
Nützt es nichts, so kanns doch schaden
2 | Künzle, Kneipp und Essigsocke
Wasser, Wickel und Bürste
Die Wirkung des Wassers
Kopf-Dampfbad
Gurgeln
Nasendusche
Bäder und Güsse
Warme Bäder
Ansteigende Bäder
Wechselwarmes Fussbad
Fussbad mit Senf oder Ingwer
Kalte Bäder und Güsse
Bürstenmassage
Wickel
Kühlende Wickel
Wadenwickel und Essigsocken
Wärmende Wickel
Ölauflagen
Hautreizende Wickel
SCHWEIZ SPEZIAL: Das heilende Gestein von Würenlos
Heilen mit Pflanzen
Vielfältige Pflanzenapotheke
Heilpflanzen kaufen oder sammeln?
Heilkräuter aus dem eigenen Garten
Tees für alle Fälle
Tees richtig zubereiten
Tinkturen und ätherische Öle
Homöopathie
Kleine Kügelchen, grosse Wirkung
Homöopathische Selbstmedikation
SCHWEIZ SPEZIAL: Heilkräuterwissen gut vermittelt
Spagyrik
Pflanzen im Spray
Spagyrik richtig anwenden
Schüsslersalze
Mineralstoffe für den Alltag
Schüsslersalze richtig anwenden
Heilsame Entspannung
Stress, lass nach!
Wirksame Methoden
Tipps für den Alltag
Gesunde Bewegung
Länger und besser leben
Tipps für den Alltag
Ausgewogene Ernährung
«Ehrliche» Küche
Farbige Vielfalt
Weitere Tipps
Genug trinken leicht gemacht
Gesundheitsfaktor Gewicht
3 | Beschwerden von A bis Z
Atemtrakt
Asthma
Bronchitis
Husten
MEDIZIN SPEZIAL: Fieber – heilsam oder schädlich?
Augen
Bindehautentzündung
Gerstenkorn (Urseli, Grittli)
Blase, Niere
Blasenentzündung (Zystitis)
Blasenschwäche (Harninkontinenz)
Harnsteine
Frauenleiden, Männerleiden
Menstruationsbeschwerden
Prostata, vergrösserte
Scheidenentzündung, Scheidenausfluss
Wechseljahrbeschwerden
SCHWEIZ SPEZIAL: Wo Hildegard von Bingen wieder auflebt
Gehirn
Kopfschmerzen
Migräne
Gelenke, Muskeln, Knochen
Arthritis (Rheumatoide Arthritis)
Arthrose
Gicht
Hexenschuss (Lumbago), Ischialgie
Knochenschwund (Osteoporose)
Sehnenscheidenentzündung
Tennisellbogen, Golferellbogen
Wadenkrampf
Hals, Nase, Ohren
Halsschmerzen (Rachenkatarrh)
Hausstaubmilben-Allergie
Heiserkeit
Heuschnupfen (Pollinose)
Mandelentzündung (Angina)
MEDIZIN SPEZIAL: Erkältung, Corona oder Grippe?
Mittelohrentzündung
Nasenbluten
Nasennebenhöhlenentzündung
Ohrenschmerzen
Ohrgeräusche (Tinnitus)
Schnupfen
Haut und Haar
Akne
Fieberblasen (Lippenherpes)
Fusspilz
Haarausfall
Insektenstiche
Kontaktekzem, Kontaktdermatitis
Nagelbettentzündung
Neurodermitis (Atopische Dermatitis)
Warzen
Zeckenbisse
MEDIZIN SPEZIAL: Allergien
Herz und Kreislauf
Arteriosklerose (Arterienverkalkung)
Blutarmut (Anämie)
Blutdruck, hoher (Hypertonie)
Blutdruck, niedriger (Hypotonie)
Cholesterinspiegel, erhöhter
Herzbeschwerden
Krampfadern, Venenleiden
MEDIZIN SPEZIAL: Gesund altern
Mund und Zähne
Aphthen
Mundgeruch
Mundschleimhautentzündung
Zahnfleischentzündung
Zahnschmerzen
Psyche
Depressive Verstimmung
Nervosität, innere Unruhe, Prüfungsangst
Nikotinsucht, Tabakentwöhnung
Schlafstörungen
Unfälle, Verletzungen
Gehirnerschütterung
Prellungen
Sonnenbrand
Verbrennungen
Vergiftungen
Verstauchungen
Wunden, Schürfungen, Spreissel
Verdauungstrakt
Blähungen
Durchfall
MEDIZIN SPEZIAL: Erste Hilfe
Hämorrhoiden
Leberbeschwerden
Magenschleimhautentzündung (Gastritis)
Nahrungsmittelallergie
Sodbrennen
Übelkeit, Erbrechen
Verstopfung
MEDIZIN SPEZIAL: So stärken Sie Ihre Abwehr
4 | Das kranke Kind
Zuwendung heilt
Oder doch zum Arzt?
Tipps für die Pflege
Kinderbeschwerden von A bis Z
Dellwarzen
Durchfall, Brechdurchfall
Fieber
Halsschmerzen
Husten
Kopfläuse
Milchschorf (Säuglingsekzem)
Neurodermitis
Ohrenschmerzen
Schnupfen
Verstopfung
Windeldermatitis, Mundsoor
Zahnen
Anhang
Checkliste: Ihre Hausapotheke
Homöopathische Hausapotheke
Adressen und Links
Literatur
Liste aller erwähnten Heilpflanzen
Stichwortverzeichnis
Gross ist das Bedürfnis, Hausmittel und andere Ansätze der Selbstbehandlung anzuwenden. Damit verknüpft ist der Wunsch nach seriösen und individuell angemessenen Informationen. Diese sollen einerseits die Eigeninitiative nicht über Gebühr eingrenzen und andererseits klare Hinweise zu Anwendungsmöglichkeiten, Durchführung und notwendigen Einschränkungen bieten.
Der vorliegende, neu überarbeitete Ratgeber positioniert sich in genau diesem Spannungsfeld: Er ist eine gleichermassen anregende wie seriöse und praxisbezogene Informationsquelle. Die Methoden und Mittel, die Sie in diesem Nachschlagewerk finden, entstammen zumeist der Naturheilkunde und verschiedenen Bereichen der Komplementärmedizin. Die Behandlungsanleitungen eignen sich gut zur Selbsthilfe, denn sie ermög lichen Eigeninitiative und fördern die Eigenkompetenz.
Das Buch greift auch Traditionen aus der Laien- und Volksmedizin auf. Das Wertvolle daran: Die ausgewählten Methoden lassen sich bei zahl reichen Beschwerden, zumindest zeitweilig, als alleiniger Behandlungsversuch einsetzen oder, in Absprache mit Fachleuten, mit einer Reihe anderer Therapieansätze kombinieren. Mit der persönlichen Auswahl aus dem breiten Spektrum können Sie Ihre Behandlungen jeweils individuell gestalten beziehungsweise mitgestalten.
Hausmittel und Selbstbehandlungen bauen zu einem grossen Teil auf Erfahrungen auf. Teilweise sind es Einzelerfahrungen, mitunter sind es auch grössere Erfahrungsschätze. Hausmittel sind übrigens eine noch unterschätzte Quelle für die Forschung. So werden insbesondere pflanz liche Hausmittel seit einigen Jahren bereits vermehrt in ethnobotanischen und ethnomedizinischen Studien analysiert.
Prof. Dr. Reinhard Saller
Professor em. für Naturheilkunde, Universität Zürich
Zürich, im November 2021
Dieses Buch hilft Ihnen, sich bei alltäglichen Beschwerden mit Hausmitteln und Naturmedizin selbst zu behandeln. Das erspart manchen Arztbesuch – und das Kneippen, Wickeln, Teekochen oder Sirupherstellen kann sogar Spass machen.
Zahlreiche «Bresteli», also wenig gravierende Gesundheitsstö rungen, lassen sich selbständig managen. Sofern man es möchte und es sich auch zutraut. Selbstmedikation, wie die Verarztung in Eigenregie auch genannt wird, ist dabei äusserst sinnvoll: Sein eigener Gesundheitsförderer, seine eigene Hausärztin zu sein, heisst, aktiv etwas für seine Gesundheit zu tun, heisst, sich selbst Sorge zu tragen – oder seine Nächsten bei der Selbstheilung zu unterstützen. Das erspart manchen Termin bei der Ärztin. Zu dem helfen Haus mittel, die ständig steigenden Kosten im Gesundheits wesen zu drosseln.
Die Selbstmedikation ist ein fester Bestandteil des Gesundheitssystems: Der Markt mit rezeptfreien Medikamenten macht über ein Fünftel des Gesamtumsatzes von Medikamenten in der Schweiz aus. Wer sich selbst heilen will, greift dabei gerne auf «etwas Natürliches» zurück: Unter den frei über den Ladentisch erhältlichen Arzneien machen laut dem Schweizerischen Apothekerverband Pharmasuisse komplementärmedizinische immerhin 15 Prozent aus. Solche ohne Indikationsangabe für ein bestimmtes Leiden noch nicht mit eingerechnet. Alles in allem ist die Palette an Kräutern, homöopathischen Kügelchen, pflanzlichen Tinkturen und anthroposophischen Salben deshalb noch weit grösser. Verlässliche Zahlen hierzu fehlen allerdings.
In der Schweiz mit Abstand am gefragtesten sind Phytoarzneimittel, also solche mit pflanzlichen Wirkstoffen. Gefolgt von homöopathischen und anthroposophischen Arzneien. Am häufigsten kurieren die Menschen hierzulande damit Erkältungen (auch vorbeugend), Schlafstörungen, Verstopfung und kleinere Verletzungen. Diese vier Indikatoren alleine machen laut Pharmasuisse bereits 40 Prozent aller verkauften komplementärmedizinischen Medikamente aus.
Nahezu jede Dritte, jeder Dritte hat sich laut der neuesten Schweizerischen Gesundheitsbefragung in den letzten zwölf Monaten von einem Therapeuten oder einer Ärztin komplementärmedizinisch behandeln lassen – mit Homöopathie, pflanzlichen Arzneien und anderen Naturheilverfahren. Dieser Anteil ist in den letzten Jahren stetig gewachsen. Und wird vermutlich weiter steigen. Die Nutzung komplementärmedizinischer Methoden geht dabei interessanterweise Hand in Hand mit einem guten Gesundheitsbewusstsein: Menschen, die etwa Heilpflanzen anwenden, achten auch besonders darauf, was ihrer Gesundheit guttut.
Für den Hausgebrauch stehen unzählige Hausmittel aus dem Fundus der Eltern, Gross eltern und früherer Generationen zur Verfügung. Sie haben die Wahl! Sie können Therapie und Arznei bis zu einem gewissen Grad auf Ihre persönlichen Wünsche und Vorstellungen abstimmen – ein bedeutender Faktor für die Genesung. Besonders für ältere Menschen stellen Hausmittel etwas «Anheimelndes» aus ihrer Vergangenheit dar, etwas mit einer rituellen Kraft, auf das sie sich gerne besinnen.
Zwei weitere Vorteile von Haus- und Naturmitteln: Sie lindern jeweils eine Vielzahl von Krankheiten, haben also ein breites Wirkungsspektrum – und dabei wenig Nebenwirkungen. Kein Wunder, interessieren sich auch heute wieder breite Bevölkerungsschichten der Schweiz für die früher praktizierte Volksmedizin.
Schliesslich ist das traditionelle Gesundheitswissen in der Schweiz tief verwurzelt. Besonders in den ländlichen Regionen und in schwer zugänglichen Alpentälern war der Grossteil der Bevölkerung bis vor wenigen Jahrzehnten praktisch ganz auf sich gestellt – ohne Zugang zu studierten Ärzten oder Kliniken. Dafür holte man sich bei Hebammen und erfahrenen Kräuterfrauen Rat. Und: Nahezu jede Familie schöpfte aus einem reichen Erfahrungsschatz an Hausmittelchen und Kräuterrezepturen, den man jeweils Kindern und Kindeskindern weitergab. Bauern und Bäuerinnen wendeten am Krankenbett ähnliche Kniffe an wie auf der Kuh- oder Rossweide: «Üseri die wiss Chue hets di letscht Woche prezis so ka, do hammera grad Brubeerbletter kochet und z sufe gee, das het era wädli gholfe, machids eer grad au aso», zitiert etwa Johann Künzle eine Appenzeller Bäuerin, die eine Gräfin von einem «heftigen Abweichen» befreien konnte.
Folgendes haben die in diesem Buch empfohlenen Mittel und Methoden gemeinsam: Sie sind
natürlich (verwendet werden meist Wasser, Pflanzen und Hilfsmittel aus der Küche),
erprobt, bewährt und (gemäss Erfahrungswerten) wirksam,
sicher und einfach anzuwenden,
zur Therapie verschiedenster Beschwerden geeignet,
arm an Nebenwirkungen und
überall in der Schweiz (zumeist in Apotheken, Drogerien) rezeptfrei erhältlich.
Oft werden Heilmethoden der Volks- und der Komplementärmedizin als Gegenpol zur Schulmedizin gesehen. Für manche Menschen sind sie ein Gegenstück zur neuzeitlichen, naturwissenschaftlich orientierten Medizin, zur als unmenschlich geltenden «Apparatemedizin».
Doch es gibt auch einen gemeinsamen Weg. Heute unterstützen viele Hausärztinnen und Kinderärzte die sanften Selbstheilungsversuche. Schweizweit offerieren immerhin bereits über 1000 Medizinerinnen und Mediziner neben schulmedizinischen Thera pien auch Homöopathie, anthroposophische Medizin, Phytotherapie und andere Naturheilverfahren. Sie wissen: Mit der Schulmedizin sind sie auf der sicheren Seite – und mit volks- oder komplementärmedizinischen Methoden beziehen sie den Menschen als Ganzes mit ein.
Übrigens: Dass neben der Schulmedizin auch die Komplementärmedizin Berücksichtigung verdient, schreibt seit 2009 mit Artikel 118 a auch unsere Verfassung vor. Und komplementärmedizinische ärztliche Leistungen sind seit 2017 den übrigen gleichgestellt.
Der Komplementärmedizin wird man mit den gängigen wissenschaftlichen Kriterien allerdings kaum gerecht. Wirksamkeitsnachweise der Schulmedizin basieren seit vielen Jahrzehnten zunehmend auf sogenannten doppelblind angelegten Studien mit Placebokontrolle. In diesen Studien, an denen viele Patienten mit der gleichen Krankheit teilnehmen, wird die Wirkung einer bestimmten Behandlung mit der einer Scheinbehandlung (Placebo) verglichen. Studienleiterinnen und Patienten wissen dabei nicht, welche der beteiligten Patienten ein Medikament und welche bloss ein Placebo erhalten, beide sind «blind».
Wussten Sie, dass in den Präparaten der chemischen Industrie oft Pflanzenstoffe stecken? Weltweit sind die meisten Arznei- und Heilmittel pflanzlichen Ursprungs. Das berühmteste Beispiel ist die Salicylsäure, die aus der Rinde von Weidensträuchern isoliert wurde und von der das Medikament Aspirin abstammt. Bereits der griechische Arzt Hippokrates (460 – 375 v. Chr.) wusste um den schmerzstillenden Effekt des Weidensaftes. 1897 bauten deutsche Chemiker die Substanz leicht verändert im Labor nach und machten den Kräutertrank zu einem der erfolgreichsten Pharmaprodukte aller Zeiten.
Schulmedizin: Unter diesem Begriff wird die herkömmliche, an Hochschulen gelehrte und von ausgebildeten Ärztinnen und Pflegenden praktizierte Medizin zusammengefasst. Die schul medizinische Diagnose und Behandlung orientiert sich vor allem an den Naturwissenschaften und an klinischen Studien.
Komplementärmedizin: Sie versteht sich als Ergänzung zur Schulmedizin und umfasst traditionelle wie auch moderne Therapien, zum Beispiel Phytotherapie, Homöopathie oder Akupunktur. Die Komplementärmedizin schenkt dem Individuum und seinen Selbstheilungskräften Beachtung.
Bei Mitteln und Methoden der Naturmedizin stellen sich hier einige praktische Probleme: Wie soll bei der Austestung eines kalten Armbads eine Scheinbehandlung aussehen? Wie das Placebo, um zu eruieren, wie gut Preiselbeersaft gegen Blasenentzündungen wirkt?
Zum andern wird in klinischen Studien der helfende Arzt als Störfaktor betrachtet und man versucht, ihn oder sie als wirksamen Teil der Behandlung möglichst «auszuschalten». Doch viele komplementärmedizinische Methoden bauen gerade auf die Beziehung zwischen Patient und Therapeutin.
Kommt dazu: Essigsocke und Co. sind punkto wissenschaftlicher Erforschung auch deswegen im Hintertreffen, weil kaum jemand ein wirtschaftliches Interesse daran hat, deren Wirksamkeit nachzuweisen. Forschungsgelder fliessen eher in Studien, die synthetische oder biotechnologische Wirkstoffe unter die Lupe nehmen. Hausmittel und manch pflanzliche Therapie sind diesbezüglich benachteiligt. Was sie auszeichnet, sind vielmehr Erfahrungswerte.
SCHWEIZ SPEZIAL
Naturheilkraft hat in der Schweiz Tradition. Zwei der berühmtesten Exponenten der Phytotherapie sind Johann Künzle und Alfred Vogel.
Sein Büchlein «Chrut und Uchrut» von 1911 wurde über zwei Millionen Mal verkauft, war das beliebteste Buch der Schweizerinnen und Schweizer und wohl das populärste Heilpflanzenbuch aller Zeiten.
Schon während seines Theologiestudiums war Johann Künzle (1857 – 1945) im Herzen ein Kräuterbesessener, ein «junger Botanist», so wie im Titel eines seiner Bücher. Mit 23 soll er mit Rotem Fingerhut und Maiglöckchen eine Herzkrankheit seiner Mutter geheilt haben. Später, als Pfarrer in kleinen Ostschweizer Gemeinden, sammelte er alte Heilkräuterrezepte der Landbevölkerung, betätigte sich als Laienheiler und schrieb nebenbei Kräuterbücher.
Künzle hatte damit solch durchschlagenden Erfolg, dass er bald seinen Beruf an den Nagel hängte, um sich ganz dem Heilen zu widmen. Die Bevölkerung verehrte ihn wie einen Heiligen, aber Ärzte verklagten ihn: Er habe sich in medizinische Bereiche eingemischt. So wechselt Künzle 1921 – nicht zum ersten Mal – seinen Wirkungsort, geht nach Zizers, Graubünden. Denn der damalige Bischof von Chur ist von seinen Methoden begeistert, gewährt ihm «Zuflucht». Doch nach nur drei Tagen wird er wieder von einem Arzt angezeigt.
1922 stellt sich Johann Künzle seinen Kritikern und legt – mit 65 Jahren – bei der Sanitätsbehörde ein medizinisches Examen ab.
Bis zu seinem Tod mit 87 Jahren empfängt er Kranke aus der Schweiz, Österreich und anderen Ländern und laboriert an seinen gepressten Kräutertabletten, die er Lapidartabletten nennt. Seine Devise: «Vertrauen haben in die Heilkräfte der Pflanzen und Ausharren in der Kur, das ist das grosse Gebot. Wer sich danach richtet, wird nicht enttäuscht werden!»
Alfred Vogel (1902 – 1996) war ein vielseitiger Mensch: Er war Firmengründer, Forschungsreisender, Farmer, Naturarzt, Leiter eines Diät-Kurheimes, Ernährungstherapeut, Pflanzenheilkundler, Bestsellerautor und mehr. Alles tat er mit Leidenschaft – und mit einem ausgeprägten Sendungsbewusstsein. 1929 gründete er eine eigene Zeitschrift, «Das neue Leben», der Vorläufer der heute noch erscheinenden «Gesundheits-Nachrichten». Er schrieb ausserdem Bücher – das bekannteste ist der 1952 erschienene «Kleine Doktor» – und noch mit über 80 Jahren ging er auf Vortragstourneen.
Nach einer kaufmännischen Lehre wurde Alfred Vogel mit knapp 20 Jahren Reformhausbesitzer in Basel, wo er unter anderem Produkte der Marke Avoba (A. Vogel Basel) vertrieb – etwa Avoba-Feigensirup oder Avoba-Rohreis. Als Ernährungstherapeut warnte er vor der modernen Lebensmittelindustrie, «dem Gespenst des 20. Jahrhunderts».
Später verlegte er sich mehr und mehr auf Heilpflanzen und produzierte unter anderem Frisch pflanzensäfte, die er in seinen Laboratorien herstellte. Und in den 50er-Jahren, auf einer seiner Forschungsreisen durch Nordamerika, lernte Alfred Vogel bei einem Sioux-Häuptling eine bei uns bis dahin unbekannte Pflanze kennen, den Roten Sonnenhut (Echinacea purpurea) – das heute wohl bekannteste pflanzliche Immunstärkungsmittel.
Im Appenzeller Teufen, dem früheren Wohnort von Alfred Vogels Familie, wo er auch sein «Diät-Kurhaus Vogel» führte, kann heute ein grosser Heil kräuter-Schaugarten besichtigt werden. Führungen nach Voranmeldung (Tel. 071 335 66 11, www.avogel.ch).
Eigeninitiative in Gesundheitsfragen ist berechtigt. Denn jeder Mensch will nach seiner Fasson gesund werden. Sinnvoll ist sie auch, weil sie mithilft, die Kostenexplosion im Gesundheitswesen zu bremsen. Selbstmedikation hat aber auch ihre Grenzen: Wer eine gesund heitliche Störung in Eigenregie behandelt oder dies stellvertretend für seine Kinder und andere Familienangehörige tut, sollte sich über die Risiken der Selbstbehandlung im Klaren sein.
Seine eigene Gesundheitsmanagerin zu sein, bedeutet zunächst einmal, seine Beschwerden oder Empfindlichkeiten richtig einzuordnen. Dann gilt es, eine geeignete Therapie oder Vorbeugungsmassnahme zu finden und diese richtig dosiert und zum richtigen Zeitpunkt anzuwenden. Die meisten Heilmethoden lassen sich übrigens kombinieren – untereinander oder mit der Schulmedizin.
Selbstmedikation bedingt demnach eine gute Selbstbeobachtung: Schenken Sie körperlichen und seelischen Signalen Aufmerksamkeit – so können Sie Warnzeichen als solche wahrnehmen. Am besten merken oder notieren Sie sich, wann Sie welche Symptome erstmals bemerkt haben, was für Veränderungen Sie an sich feststellen, welche Körpertemperatur Sie messen, wann Sie welche Medikamente in welcher Dosierung einnehmen. So können Sie, falls ein Besuch bei der Ärztin oder beim Arzt nötig wird, sofort das Wichtigste zusammenfassen.
Beachten Sie: Wenn Sie nicht auf die Selbstbehandlung ansprechen und sich der erwartete Therapieerfolg nicht einstellt, ist ein Arztbesuch angezeigt. Wenn also das homöopathische Mittel oder der Kräutertee nicht wirkt, wenn die Symptome unverändert bleiben, wenn sie immer wiederkehren, sich verändern oder sich gar verschlimmern, sollten Sie den Besuch in der Praxis nicht aufschieben. Zögern Sie auch nicht, an Abenden oder am Wochenende einen ärztlichen Notfalldienst zu rufen. Oder, wenn Sie intuitiv das Gefühl haben, dass es sehr ernst ist, die Ambulanz (Tel. 144).
Ebenfalls zum Arzt, zur Ärztin sollten Sie, wenn
Sie eine schwere Krankheit haben (z. B. ein Magengeschwür, eine Hirnhautentzündung, Herzbeschwerden etc.).
Sie hohes Fieber, Schüttelfrost oder Schmerzen haben.
Sie sich schwer krank fühlen.
Sie ganz subjektiv unter Ihrem Gesundheitszustand leiden.
sich unklare oder neuartige Symptome zeigen.
Sie verunsichert sind.
Dieser Ratgeber geht auf häufige Beschwerden ein, die nicht lebensbedrohlich sind und nicht von vornherein fachmännische Hilfe erfordern. Das Buch unterstützt Sie bei der Anwendung von wirkungsvollen Rezepten der Volksheilkunde. Sie finden darin die besten Therapien aus Volksmedizin, Homöopathie und Pflanzenmedizin, die Sie autonom anwenden können, um Ihre Gesundheit zu stärken und sich selbst zu kurieren.
Die beschriebenen Hausmittel und Heilmethoden eignen sich besonders gut, um
Ihre körperliche Abwehr zu stärken und Krankheiten vorzubeugen.
harmlose Krankheiten und vorübergehende Unpässlichkeiten zu kurieren.
langwierigere, chronische Krankheiten unterstützend (immer in Absprache mit der Ärztin) zu behandeln.
Krankheitsrückfälle zu vermeiden.
Suchen Sie in einem ersten Schritt in Kapitel 3 nach Ihrem Krankheitsbild. Die Beschwerden sind nach Körperteil respektive nach Beschwerdegruppen gegliedert.
Kapitel 4 gibt Tipps zu häufigen Kinderkrankheiten. Das Inhaltsverzeichnis und das Stichwortverzeichnis erleichtern Ihnen die Suche nach einem bestimmten Krankheitsbild.
Unter den einzelnen Einträgen in Kapitel 3 und 4 finden Sie neben der Beschreibung der Symptome und des Hintergrunds der Krankheit Hinweise auf innerlich oder äusserlich anwendbare Heilmittel, die sich für die Selbstbehandlung eignen.
Informieren Sie sich zunächst jeweils anhand der Rubrik «Zur Ärztin / zum Arzt, wenn …» oder «Die Ambulanz 144 rufen, wenn …», ab wann Sie medizinische Hilfe in Anspruch nehmen sollten.
Wählen Sie dann das Mittel aus, das Ihnen angemessen erscheint. Die einzelnen Hausmittel und naturmedizinischen Mittel und Methoden lassen sich auch gut miteinander kombinieren. Aber: Mehr hilft nicht unbedingt mehr! Und: Auch Naturmedizin kann unerwünschte Wirkungen haben. Beachten Sie deshalb die Hinweise zu Risiken und Nebenwirkungen (siehe unten).
Im Kapitel 2 werden die einzelnen Heilmethoden vorgestellt und praktisch erläutert: die Phytotherapie, verschiedene physikalische Therapien wie Bäder, Güsse und Wickel, die Homöopathie, die Spagyrik und Schüsslersalze. Lesen Sie nach, wie Sie diese Heilmethoden richtig anwenden und ob Sie eventuell auch Vorsichtsmassnahmen beachten müssen. Sie lernen beispielsweise, wie Sie Wickel richtig anlegen, was Sie bei einem kalten Armbad beachten müssen, aber auch, bei welchen Vorerkrankungen Sie zum Beispiel vom Kneippen Abstand nehmen sollten. Hier finden Sie auch Faustregeln für die Zubereitung von Heilkräutertees und für die Anwendung von Tinkturen, ätherischen Ölen, homöopathischen Mitteln etc.
Bitte beachten Sie neben den Tipps zu innerlichen und äusserlichen Anwendungen auch die Empfehlungen unter der Rubrik «So helfen Sie sich selbst» respektive «So helfen Sie Ihrem Kind». Denn unter Umständen erreicht man mit gezielten Veränderungen im Verhalten oder beim Lebensstil mehr als mit einem ganzen Arsenal an Hausmittelchen oder Kräuterpillen.
Die Therapievorschläge in diesem Buch gelten nicht für Schwangere und Stillende, Säuglinge oder Kinder. Ausnahme: Kapitel 4, «Das kranke Kind»; Die Empfehlungen dort gelten (wenn nichts anderes erwähnt ist) für Kinder ab zwei Jahren. Alle anderen Hinweise in diesem Buch sind ausschliesslich für Erwachsene gedacht.
Bei schweren chronischen Krankheiten verstehen sich die beschriebenen Therapien als Begleitmassnahme, die Sie mit der Ärztin absprechen sollten.
Die meisten Hausmittel, pflanzlichen und homöopathischen Arzneimittel bergen wenig Risiken und haben ein breites Wirkungsspektrum. Sie lassen sich also nicht nur bei einigen wenigen Krankheitsbildern einsetzen, sondern bei verschiedenen Beschwerden. Das sind ideale Voraussetzungen für die Selbstmedikation. Ganz um das Risiko von Nebenwirkungen kommt aber auch dieser Ratgeber nicht herum: Einzelne «sanfte» Heil- und Hausmittel können neben den erwünschten Wirkungen auch unerwünschte zeitigen. Aber keine Sorge: Auf diese werden Sie jeweils explizit hingewiesen oder Sie finden Verweise auf der Verpackung respektive in der Packungsbeilage eines Produkts.
Gewisse Teekräuter, pflanzliche Pillen oder Kneipp’sche Therapien haben zudem Gegenanzeigen: Das heisst, sie können unter Umständen für gewisse Personen ungeeignet sein. Zum Beispiel sollten Menschen mit einem gestörten Warm-kalt-Empfinden auf Wassertherapien verzichten, weil ihnen das Sensorium für die richtige Wassertemperatur fehlt und sie sich verbrühen oder die Haut verkühlen könnten. Oder: Falls Sie dazu neigen, tagsüber einzuschlafen, sollten Sie keine Wickel mit Ingwer, Meerrettich oder Senf anlegen, weil diese bei überzogener Einwirkzeit die Haut schädigen können (mehr dazu auf >).
Auch Heilmittel, die «reine Natur» enthalten, können überdosiert werden, Hautreizungen oder Allergien auslösen. Bei manchen Heilpflanzen kommt es darauf an, wo am Körper sie angewendet werden: Kamillentee beispielsweise sollte nicht in die Augen kommen. Besondere Vorsicht sollten Sie auch bei ätherischen Ölen walten lassen: Diese sollten generell nicht an Schleimhäute gelangen. Im Kapitel 2 bei den einzelnen Heilmethoden und im Abc der Beschwerden werden Sie auf die erforderlichen Vorsichtsmassnahmen aufmerksam gemacht.
Und selbstverständlich kommt es auf die Dosis an: Blutwurztee (Tormentilla) zum Beispiel, ein probates Mittel gegen Durchfall, sollte nicht überdosiert werden. Sicherheitshalber begrenzen Sie deshalb die Einnahme des Tees auf etwa drei Tage. Salbeiblätter wiederum können bei zu langem Gebrauch zu Schwindel oder Herzklopfen führen. Weiter sollten Sie sich bewusst sein, dass Schlafförderer wie Baldrian unter Umständen eine sogenannte Paradoxwirkung verursachen können, das heisst, das Schlafmittel macht nicht müde, sondern womöglich nervös und zittrig.
Achten Sie auch auf Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten: Manche pflanzliche Arznei macht andere (vielleicht lebenswichtige!) Medikamente weniger oder auch stärker wirksam. Erkundigen Sie sich deshalb bei Ihrer Apothekerin oder Ihrem Arzt ganz konkret, ob sich ein gewünschtes Heilmittel mit den anderen Medikamenten, die Sie einnehmen (einzeln aufzählen!), kombinieren lässt. Das depressionslindernde Johanniskraut zum Beispiel ist bekannt für Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten: Hochkonzentrierte Präparate aus dem Kraut «beissen» sich etwa mit Arzneimitteln, die den Blutdruck senken, oder mit Aids-Medikamenten. Und auch nach einer Organtransplantation kann Johanniskraut gefährlich werden: Denn es führt dazu, dass die (lebenswichtigen) Medikamente, die vor einer Transplantatabstossung schützen, im Körper zu rasch abgebaut werden. Gewisse Johanniskrautmittel können auch zu unerwünschten Schwangerschaften führen, weil sie die Antibabypille in ihrer Wirkung beeinträchtigen.
Bei Ginkgo ist ebenfalls Vorsicht geboten: Präparate mit Ginkgoblättern sollten Sie nicht mit Aspirin oder Rheumamitteln kombinieren – ansonsten drohen Gerinnungsstörungen oder Blutungen. Und vor Operationen sollten Ginkgopräparate vorsichtshalber abgesetzt werden.
Auch innerlich angewendete Heilerde kann die Wirkung anderer Medikamente beeinträchtigen: Nehmen Sie deshalb nie Heilerde gleichzeitig mit anderen Heilmitteln ein, sondern warten Sie mindestens ein, zwei Stunden.
Fazit: Der Beipackzettel oder die Angaben auf der Verpackung sind – falls vorhanden – auch bei komplementärmedizinischen Arzneien Pflichtlektüre! Halten Sie sich an die empfohlene Dosierung und beachten Sie etwaige Anwendungseinschränkungen. Ansonsten: Fragen Sie Apotheker oder Drogistin. Auch wenn Sie ein Heilmittel länger als ein paar Tage oder als regelrechte Kur anwenden möchten: Beraten Sie sich vorher mit einer Fachperson. Und setzen Sie ein Heilmittel sofort ab, falls Sie unerwünschte Wirkungen verspüren.
Dieser Ratgeber empfiehlt traditionelle Hausmittel und naturheilkundliche Methoden mit breitem Wirkungsspektrum. Kräutertees, erwähnte Fertigarzneien sowie Zutaten für die Rezepte erhalten Sie in spezialisierten Apotheken, Drogerien oder Reformhäusern.
Abhärtung ist die zentrale Losung der Anhängerschaft von Sebastian Kneipp (1821 – 1897). Doch zu Unrecht assoziiert man Kneippen nur mit Wassertreten im Storchenschritt und in hochgekrempelten Hosen. Zur Lehre des «Priesters mit der Giesskanne» gehören neben kalten Anwendungen auch wohlig warme Bäder, Dampfbäder, Bürstenmassagen und mehr.
Die Therapie mit Wasser ist bewährt und beliebt: In Badekuren wird die Hydrotherapie unter anderem erfolgreich gegen Schlafstörungen oder Infektanfälligkeit angewendet. Aber auch zur Selbstbehandlung eignen sich Kneipp’sche Wassertherapien, denn Bäder, Güsse und Waschungen kann man schliesslich nicht nur im Bach oder im Thermalbad machen, sondern bequem im eigenen Badezimmer.
Wie Wasser heilt, ist nicht restlos geklärt. Sicher ist: Kaltes oder warmes Wasser reizt Thermorezeptoren in der Haut. Diese Reize wirken nicht nur auf die Haut selbst, sondern – via Nervenbahnen – auch auf das Körperinnere. So steigt beispielsweise nach einem warmen Fussbad nicht nur die Durchblutung der Füsse, sondern auch die der Nasenschleimhaut. Das wiederum beeinflusst den Stoffwechsel in der Nase und bringt unter anderem mit sich, dass mehr Zellen des Immunsystems in die Nase gelangen.
Auch auf weiteren Wegen wird die Infektabwehr angekurbelt. Deshalb sind regelmässige Kneipper besser vor Krankheitserregern geschützt.
Die Kneipp’sche Wassertherapie mit ihren Kälte- und Wärmereizen ist auch eine Art Kraft- und Konditionstraining für das Herz-Kreislauf-System: Kaltes Wasser lässt die Gefässe sich zusammenziehen, warmes dehnt sie aus. So werden sie elastischer und verbessern ihre Funktion als Blutdruckregulierer. Auch der Blutfluss in den Atemwegen wird durch Wasserreize angekurbelt, was möglicherweise einen gewissen Schutz vor Asthma und Bronchitis darstellt. Selbst die Hirnleistung älterer Menschen soll (mithilfe von Nackenwickeln und Stirngüssen) verbessert werden können, besagen neue Studien.
Wer über einem Topf mit heissem Wasser inhaliert, benetzt Nasen- und Rachenraum sowie die oberen Atemwege. Die Inhaltsstoffe des Dampfes lassen geschwollene Schleimhäute abschwellen und machen die Atemwege wieder frei.
Das kommt auch den Ohren zugute: Sie sind über die sogenannte Eustachische Röhre mit Rachenraum und Nase verbunden und werden somit besser belüftet. Das wirkt Ohrenentzündungen entgegen.
Nicht anwenden: bei akuten Asthmaanfällen, Augenleiden, entzündlichen Hautleiden, hochakuten Nasennebenhöhlenentzündungen, niedrigem Blutdruck, Sensibilitätsstörungen, Schwäche.
Füllen Sie eine Schüssel oder einen Topf mit der kochend heissen Flüssigkeit und lassen Sie diese auf etwa 70 Grad abkühlen.
Halten Sie Ihren Kopf in den Dampf und legen Sie sich ein Handtuch über Kopf und Nacken – sodass möglichst wenig Dampf entweicht. Atmen Sie durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus.
Dauer des Dampfbads: maximal 10 Minuten. Bis zu dreimal täglich.
Achtung: Halten Sie einen Sicherheitsabstand zum Topf ein, damit die Dämpfe auf der Haut nicht zu heiss sind. Und achten Sie wegen der Verbrühungsgefahr darauf, dass das Gefäss nicht kippt. Halten Sie die Augen während des Dampfbadens geschlossen.
Kinder oder betagte Menschen sollten nicht alleine dampfbaden. Was Sie bei Kindern beachten müssen, lesen Sie auf >.
Entspannen Sie sich anschliessend, legen Sie sich zum Beispiel ins warme Bett. Meiden Sie zugige oder kalte Luft.
Isotonische Salzlösung (1 TL Kochsalz auf 5 dl Wasser, aufkochen)
Etwas gehackte Zwiebel kurz in Wasser aufkochen
Apfelessig (1 Schuss Essig auf 2 dl Wasser, kurz aufkochen)
Tee: Kamille, Isländisch Moos, Ringelblume, Salbei, Thymian u. a. (siehe Grundrezept für die äusserliche Anwendung, >)
Verdünntes ätherisches Öl: Teebaumöl oder Eukalyptusöl (jeweils 1 – 3 Tropfen auf 1 l Wasser)
Mund und Rachenraum werden mit lauwarmer Flüssigkeit gespült. Das Gurgelwasser spült Schleim und Sekrete fort und wirkt mit Zusätzen entzündungshemmend, abschwellend und symptomlindernd.
Ein weiterer Extranutzen der Gurgelspülung ist das Befeuchten des Rachenraums – und gratis dazu: eine leichte Massage der dortigen Lymphbahnen.
Nehmen Sie einen grösseren Schluck der lauwarmen Flüssigkeit in den Mund, legen Sie den Kopf in den Nacken und gurgeln Sie ein bis zwei Minuten lang. Ziehen Sie das Gurgelwasser auch zwischen den Zähnen hin und her und spucken Sie es dann aus.
Bis zu fünfmal täglich.
Konzentrierte Salzwasserlösung (1 TL Kochsalz auf 2,5 dl Wasser)
Verdünnter Zitronensaft (Saft einer Zitrone auf 1 Glas Wasser) plus 1 TL Salz und 1 Prise Zucker
Tee: Isländisch Moos, Kamille, Malve, Pfefferminze, Ringelblume, Salbei, Thymian, Zistrose etc. (siehe Grundrezept für die äusserliche Anwendung, >)
Verdünnte Tinkturen: Hamamelis, Ringelblume etc. (jeweils ½ TL auf ein Glas Wasser)
Verdünntes ätherisches Öl: Teebaumöl (1 – 2 Tropfen auf 1 dl Wasser)
Haben Sie die Nase voll von Ihrer triefenden Nase? Regelmässige Nasenspülungen können Menschen, die zu Nasennebenhöhlenentzündungen neigen oder an Heuschnupfen leiden, Linderung bringen. Mithilfe einer speziellen Kanne leitet man warmes Salzwasser durch die Nase. Oder man befördert das Salzwasser mithilfe eines Sprays hinein. Der Effekt dieser salzigen Dusche ist wissenschaftlich verbrieft: Schleim, Erreger, Schmutz und Pollen werden aus der Nase gespült. Die Nasendusche macht die verstopfte Nase zudem frei, indem sie die Schleimhaut befeuchtet und abschwellen lässt. Und sie verhindert das Eindicken des Nasensekrets.
Nicht anwenden: bei Verletzungen der Nase.
«Isotonisch» bedeutet gleicher Druck. Eine isotonische Kochsalzlösung hat durch ihren (Salz-)Teilchengehalt den gleichen osmotischen Druck wie Flüssigkeiten des menschlichen Körpers. Die Lösung schmeckt deshalb auch ähnlich salzig wie Tränen. Fertige Lösungen können Sie in der Apotheke kaufen. Um sie selbst herzustellen, gibt man auf einen Liter abgekochtes Wasser 9 g gewöhnliches Kochsalz (oder Meersalz). Für Augenspülungen: Bitte Wasser und Salz exakt abwägen! Für andere Anwendungen: Geben Sie zwei gestrichene Teelöffel (TL) Salz auf einen Liter Wasser. Die Lösung maximal während zweier Tage im Kühlschrank aufbewahren.
Mit der Nasen-Spülkanne: Nasenkannen erhalten Sie in Drogerien und Apotheken. Füllen Sie die Kanne mit lauwarmer isotonischer Kochsalzlösung (siehe Kasten >). Beugen Sie sich über ein Waschbecken und legen Sie den Kopf schräg nach links. Stecken Sie den Ausgiesser der Kanne in das rechte Nasenloch und heben Sie die Kanne leicht an: Die Lösung fliesst über die rechte in die linke Nasenhöhle und beim linken Nasenloch wieder heraus. Während der Spülung atmen Sie durch den Mund. Anschliessend Spülung seitenverkehrt wiederholen. Maximal zweimal täglich.
Mit einem Nasenspray: Sie können fixfertige Einwegsprays mit isotonischer Kochsalzlösung kaufen. Oder geben Sie lauwarme isotonische Kochsalzlösung (siehe Kasten >) in einen wieder auffüllbaren Nasenspray (in der Apotheke erhältlich). Sprayen Sie einen Sprühstoss in jedes Nasenloch. Bis zu fünfmal täglich.
Teilen Sie Ihren Spray nicht mit anderen Personen. Waschen Sie den Nachfüllspray täglich mit heissem Wasser gut aus, und benutzen Sie keine abgestandene Lösung.
Achtung: Brennt die Nase bei der Spülung, überprüfen Sie die Salzkonzentration der Lösung! Schmerzt die Spülung in den Nasennebenhöhlen: Gehen Sie zur Ärztin!
Eine Wohltat bei so manchem Unwohlsein: kalte und wechselwarme Güsse sowie kalte, warme, ansteigende und wechselwarme Bäder. Unter «Bädern» versteht man in der Kneipp’schen Therapie sowohl Vollbäder als auch Teilbäder (Fussbad, Sitzbad, Armbad), mit oder ohne pflanzliche Zusätze.
ERFAHRUNGSMEDIZIN
Schon die alten Ägypterinnen und Ägypter nutzten ihn. Honig ist eines der ältesten Hausmittel – und durch seine Süsse bei Gross und Klein (erst ab 12 Monaten!) wohl das mit Abstand beliebteste. Honig hilft auch tatsächlich. Längst empfehlen ihn Hausärztinnen und Hausärzte bei Erkältungsbeschwerden und Husten. Auch bei Wunden und Verbrennungen ist seine Wirkung wissenschaftlich verbrieft.
Hausmittelklassiker Nummer eins ist sicher die heisse Milch mit Honig vor dem Zubettgehen, um entspannt in den Schlaf zu gleiten.
Wenn es im Hals kratzt oder Sie starker Hustenreiz plagt, trinken Sie Kamillen- oder Salbeitee mit Honig. Oder lutschen Sie an einem Löffel Honig, denn so produzieren Ihre Speicheldrüsen mehr Speichel, der Rachen bleibt schön feucht und die Reizung wird gelindert.
Bei Schnupfen, Angina oder Nasennebenhöhlenentzündung helfen Mischungen aus Meerrettich oder Ingwer und Honig.
Ein warmes Bad entspannt nach einem langen Arbeitstag, tut wohl, wenn eine Erkältung naht, befreit von Osteoporoseschmerzen, lindert Periodeschmerzen. Besonders bei Hautkrankheiten oder Krämpfen können pflanzliche Zusätze aus einem gewöhnlichen Bad auch eine wirksame Medizinalbehandlung machen.
Nicht anwenden: bei hochakuten Entzündungszuständen (Arthrose, Arthritis, Gicht), Fieberabfall mit Schwitzen oder warmen Extremitäten, Krampfadern, niedrigem Blutdruck, Sensibilitätsstörungen. Bei Herzkrankheiten fragen Sie vorher Ihre Ärztin.
Messen Sie die Wassertemperatur mit einem Badethermometer: Sie sollte bei warmen Voll- oder Teilbädern um 37, 38 Grad betragen (bei Neurodermitis oder Ekzemen nicht zu heiss!). Geben Sie eine rückfettende Bademilch ins Wasser (Apotheke / Drogerie).
Badedauer: 10 bis 20 Minuten. Ruhen Sie sich danach eine halbe Stunde im warmen Bett aus. Maximale Häufigkeit: in der Regel zweimal pro Woche.
Tee (Aufguss oder Absud): Ackerschachtelhalm, Eichenrinde, Hamamelis, Kamille, Stiefmütterchen, Thymian, Schwarztee u. a. (siehe Grundrezept für die äusserliche Anwendung, >)
Ätherisches Öl: Lavendel, Rosmarin (1 – 5 Tropfen in 1 – 2 EL Rahm geben). Oder Fertigbadezusätze verwenden
Bei beginnenden Erkältungen eignet sich ein ansteigendes Vollbad. Es regt die Schweissbildung und den Stoffwechsel an und kann dem Körper helfen, Fieber zu entwickeln (mehr dazu unter Fieber, >). Ansteigende Fussbäder regen die Ausscheidungen an, wirken entkrampfend und schmerzlindernd. Ansteigende Armbäder entspannen Körper und Psyche.
Ansteigende Bäder nicht anwenden: bei Fieber mit heissem Kopf oder Schwitzen, Krampfadern, beim akuten Asthmaanfall, bei schweren Formen von Arteriosklerose.
Sie benötigen ein Badethermometer aus Drogerie / Apotheke.
Ansteigendes Vollbad: Setzen Sie sich bis zum Hals ins Wasser, Haare nicht nass machen. Geben Sie eine rückfettende Bademilch ins Wasser (Apotheke / Drogerie). Beginnen Sie mit einer Badetemperatur von 36 Grad. Giessen Sie innert 15 Minuten nach und nach heisses Wasser zu, bis die Temperatur 37 bis 38 Grad beträgt.
Badedauer: 20 bis 30 Minuten. Maximal dreimal wöchentlich.
Ansteigendes Armbad: Für dieses Bad eignet sich das Waschbecken. Tauchen Sie beide Arme bis zur Mitte des Oberarms in das etwa 35 Grad kalte Wasser, giessen Sie dann nach und nach heisses Wasser dazu, bis die Wassertemperatur rund 39 Grad beträgt.
Badedauer: rund 10 Minuten. Einmal täglich oder je nach Bedarf.
Ansteigendes Fussbad: Dieses Bad können Sie in einem hohen Zuber oder einer speziellen Fussbadewanne (erhältlich in Drogerie, Sanitätsfachgeschäft, Apotheke) machen. Beim Fussbad sollte der Pegel bis unter das Knie reichen. Tauchen Sie beide Beine in 35 Grad warmes Wasser, giessen Sie dann nach und nach heisses Wasser dazu, bis die Wassertemperatur etwa 39 Grad beträgt. Halten Sie den restlichen Körper während des Fussbads warm!
Badedauer: rund 15 Minuten. Einmal täglich oder je nach Bedarf.
Nach einem ansteigenden Bad sollten Sie sich jeweils gut abtrocknen und für mindestens eine halbe Stunde warm zugedeckt nachruhen.
Der Wechsel von kalt und warm trainiert die Blutgefässe, wirkt kreislauf- und stoffwechselanregend und stärkt bei regelmässiger Anwendung die Abwehrkräfte. Das Wechselfussbad soll zudem auch zu einem besseren Schlaf verhelfen.
Nicht anwenden: bei Krampfadern, Sensibilitätsstörungen. Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen nur nach Absprache mit der Ärztin!
Sie benötigen ein Badethermometer und zwei Eimer oder zwei spezielle Fussbadewannen (in Drogerien, Apotheken oder Sanitätsfachgeschäften erhältlich). Der Wasserpegel sollte möglichst bis unters Knie reichen. Der erste Zuber enthält kaltes Wasser (in der Regel 12 – 18 Grad). Das Wasser im zweiten Behälter ist 38 Grad warm – bei Bedarf heisses Wasser nachfüllen. Tauchen Sie jeweils beide Beine zuerst für 5 Minuten ins warme Wasser, dann bis zu 20 Sekunden lang ins kalte. Wiederholen Sie die Prozedur ein Mal. Halten Sie den Körper während des Fussbads warm! Trocknen Sie nach dem Baden die Beine gut ab und gehen Sie anschliessend mit Strümpfen umher oder legen Sie sich für eine halbe Stunde ins warme Bett.
Einmal täglich.
Das Senfmehlfussbad ist ein Klassiker der Naturheilkunde. Aber nichts für Dünnhäutige: Denn es ist eine Reiztherapie, bei der sich die Haut stark rötet und zu brennen beginnt. Sie hilft etwa bei Kopfschmerzen, Schnupfen, Blasenentzündungen und Verstopfung. Die exotische Alternative mit Ingwer reizt die Haut weniger.
Nicht anwenden: bei hohem Blutdruck, empfindlicher Haut, Krampfadern, nicht intakter Haut, Sensibilitätsstörungen. Auch nicht bei Kindern oder desorientierten Personen.
Sie brauchen ein Badethermometer, einen Eimer, der breit genug für Ihre Füsse ist, oder eine Fussbadewanne (aus Sanitätsfachgeschäft, Drogerie, Apotheke). Verrühren Sie 20 g schwarzes Senfmehl aus der Apotheke oder Ingwerpulver in mindestens 6 Litern etwa 38 Grad warmem Wasser. Füllen Sie den Badezuber so hoch mit Wasser, dass sich beide Füsse und die Unterschenkel möglichst bis unters Knie im Wasser befinden.
Nach dem Bad spülen Sie die Beine mit Wasser gut ab, trocknen sie ab und cremen oder ölen sie ein. Ruhen Sie sich dann für eine halbe Stunde zugedeckt im Bett aus. Führen Sie insbesondere Senfmehlfussbäder höchstens zwei- oder dreimal pro Woche während einiger Wochen durch.
Die Badezeit darf höchstens 15 Minuten betragen (Vorsicht, nicht einschlafen!).
Achtung: Senf kann auf Textilien Flecken machen.
Beachten Sie: Senf und Ingwer enthalten hautreizende Substanzen. Beachten Sie die Sicherheitshinweise im Kasten auf >!
Für Warmduscherinnen und Warmbader gewöhnungsbedürftig: kalte Kneippanwendungen. Nichtsdestotrotz einen Versuch wert – springen Sie ins kalte Wasser! So profitieren Sie: Kalte Wasserreize kurbeln die körperliche Wärmeproduktion an. Sie erfrischen und wecken müde Lebensgeister – das kalte Armbad etwa wird nicht umsonst als «die Tasse Kaffee der Naturheilkunde» bezeichnet.
Kalte Bäder und Güsse nicht anwenden: bei akuten Harnwegsinfekten, Asthma, Neigung zu Wadenkrämpfen, Sensibilitätsstörungen, während der Periode. Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen nur nach Absprache mit dem Arzt!
Kalte Güsse: Hierfür benötigen Sie einen Gummischlauch von etwa 2 cm Durchmesser oder ein Giessrohr (aus dem Sanitätsfachgeschäft), die Sie an Duschkopf oder Wasserhahn montieren können. Auch ein entsprechend verstellbarer Duschkopf eignet sich. Die Wassertemperatur bei kalten Güssen beträgt in der Regel unter 18, 20 Grad. Sie dürfen den Wasserhahn aber auch auf wärmer einstellen. Die Gussführung verläuft von den Händen respektive Füssen herzwärts.
Die Beine begiessen Sie vom Fuss her aussen bis zur Leiste und dann an den Schenkel innenseiten wieder zurück zum Fuss.
Die Arme begiessen Sie von der Hand her über die Armaussenseite zur Achsel und innen wieder zurück zur Hand.
Kalte Güsse dürfen Sie nur anwenden, wenn Sie warme Füsse haben. Am besten stellen Sie sich während des Gusses auf einen Rost, damit die Füsse nicht auskühlen.
Nach dem Guss trocknen sich hartgesottene Kneipperinnen und Kneipper nicht ab, sondern streifen das Wasser nur ab. Anschliessend gut aufwärmen!
Kalte Güsse dürfen täglich, aber jeweils nicht länger als zwei Minuten durchgeführt werden.
Kaltes Armbad: Dieses Bad können Sie im Waschbecken nehmen. Füllen Sie kaltes Wasser (18, 20 Grad oder kälter) ein. Tauchen Sie beide Arme für maximal 30 Sekunden bis zur Mitte des Oberarms ins Wasser. Dabei verspüren Sie wahrscheinlich einen Kälteschmerz. Danach schwenken Sie die Arme, bis sie trocken sind, und sorgen dafür, dass sie warm sind.
Ein kaltes Armbad dürfen Sie nur machen, wenn Ihre Hände warm sind. Maximal einmal täglich.
Kaltes Fussbad: Hierfür benötigen Sie ein hohes Gefäss oder eine Fussbadewanne. Füllen Sie kaltes Wasser (18, 20 Grad oder kälter) ein. Tauchen Sie beide Beine möglichst bis unters Knie ins Wasser – für maximal eine Minute, bis Sie einen leichten Schmerz spüren. Gehen Sie dann umher, bis die Füsse trocken sind, und sorgen Sie dafür, dass die Füsse warm sind. Ein kaltes Fussbad dürfen Sie nur machen, wenn Ihre Füsse warm sind.
Maximal einmal täglich.
Kneipp für Wasserscheue: Das Trockenbürsten fördert die Durchblutung der Haut, wirkt blutdruckregulierend, fördert den Venen- und den Lymphfluss, macht müde Geister munter und stärkt die Wahrnehmung – ganz ohne dass Sie dabei nass werden. Bei regelmässiger Anwendung ist die Bürstenmassage auch ein probates Mittel, um Erkältungen und anderen Infekten vorzubeugen.
Nicht anwenden: bei Akne, entzündlichen Hauterkrankungen, Neurodermitis, starken Krampfadern.
Benutzen Sie einen Massagehandschuh oder eine Massagebürste.
Massieren Sie den Körper in kleinen kreisenden Bewegungen: Vom rechten Fuss über die Beinaussen- und -innenseiten zum Knie, zum Oberschenkel aussen, dann innen bis zur Hüfte. Danach dasselbe vom linken Fuss bis zur linken Hüfte. Anschliessend massieren Sie das Gesäss.
Dann beginnen Sie am rechten Handrücken bis zur Schulter, zuerst innen, dann aus sen. Den linken Arm genauso. Danach die Brust zum Brustbein hin massieren. Anschliessend vom Bauchnabel spiralförmig im Uhrzeigersinn nach aussen. Und schliesslich – mit aufgesetztem Stiel – den Nacken in Richtung Schulter und den Rücken von oben nach unten, bis zum Gesäss.
Möchten Sie das Gesicht miteinbeziehen, benutzen Sie hierfür eine besonders weiche Bürste.
Einmal täglich vor dem Aufstehen durchführen, am besten am offenen Fenster. Bis die Haut leicht gerötet ist. Anschliessend die Haut eincremen.
Vorsicht: Massage nicht abends durchführen, sonst könnte das Ein- und Durchschlafen schwierig werden.
Wickel – wohlig warm oder angenehm kühl – sind das Hausmittel par excellence. Vielen Menschen sind sie seit Kindheitstagen vertraut. Am besten in Erinnerung sind wohl die kühlenden Essigsöckli bei Fieber oder der wohltuend warme Zwiebelwickel bei Ohrenschmerzen.
Wickel wirken auf die Haut, beeinflussen dort Gefässe, Schweissdrüsen und Nerven. Aber nicht nur das: Auch das Herz-Kreislauf-System und der Stoffwechsel reagieren mit. Gelenke, Muskeln, Lymphsystem und innere Organe werden indirekt ebenfalls miteinbezogen. Und nicht zu vergessen: In jedem liebevoll angelegten Wickel steckt Zuwendung – ein weiterer Faktor, der zur Heilung beiträgt.
Wickel können Sie in unterschiedlichsten Grössen und an verschiedensten Körperstellen anbringen. Umwickelt werden können etwa: Bauch oder Hals, Gelenke, Oberkörper, Unter- und Oberarme, Waden.
Als Kompressen bezeichnet man wickelähnliche Auflagen, die aber nicht gewickelt werden. Kompressen legen Sie auf Augen, Wangen, Leber, Nieren, Ohren, auf die Stirn oder andere Körperstellen.
Wickel und Kompressen bestehen aus zwei Lagen Stoff:
Das Innentuch ist aus Baumwolle. Es wird feucht aufgelegt.
Das (grössere) Aussentuch ist aus Baumwolle oder Wolle. Es dient vor allem der Befestigung des Innentuchs.
Fixieren Sie die Wickel mithilfe eines Stücks Pflasterrolle (ähnlich einem Klebstreifen), mithilfe von Verbandklammern oder Sicherheitsnadeln.
Zusätze für Wickel und Kompressen können flüssig, breiig oder fest sein. Beachten Sie bei offenen Wunden und Augenanwendungen: immer abgekochtes Wasser verwenden!
Wickel sollten nicht einschnüren und sich gut anfühlen. Die Temperatur richtet sich nach den Bedürfnissen und dem Empfinden der Patientin, des Patienten! Die Auflage sollte nur so lange auf der Haut liegen, wie es dem Betroffenen angenehm ist. Während der Einwirkzeit kann man im Bett leicht zugedeckt ruhen. Denken Sie auch an einen Matratzenschutz.
Kühlende Auflagen sind besonders bei entzündlichen Vorgängen und bei Schmerzen geeignet. Sie entziehen dem Körper Wärme und bewirken eine lokale Gefässverengung, wirken abschwellend und schmerzlindernd. Nach Ablegen des Wickels wärmt sich die Haut wieder auf, die Gefässe weiten sich, die Muskulatur entspannt sich.
Kühlende Wickel eignen sich bei einer ganzen Reihe von Beschwerden – von rheumatischen Erkrankungen über Verletzungen und Entzündungen bis hin zum Bluthochdruck.
Nicht anwenden: bei Durchblutungsstörungen, Sensibilitätsstörungen, schweren Herz-Kreislauf-Störungen, schweren psychischen Krankheiten.
Die Einwirkdauer von kühlenden, nicht eiskalten Wickeln und Kompressen beträgt meist 20 bis 30 Minuten.
Coldpacks aus dem Gefrierfach hingegen sollten nur jeweils für etwa fünf Minuten am Stück auf der Haut liegen.
Kalte Wickel in der Regel zwei- bis höchstens dreimal täglich durchführen, Notfall-Coldpacks bei akuten Verbrennungen, Prellungen oder Entzündungen häufiger.
Achtung: Kalte Wickel und Kompressen nur auf warmer Haut anbringen. Nicht durchführen, wenn die Patientin friert, Hände oder Füsse kalt sind oder wenn Kälte als unangenehm empfunden wird.
Tränken Sie das Innentuch in der kalten Flüssigkeit (Tee oder mit Wasser verdünnte Tinktur). Wringen Sie es aus, legen Sie es auf die Haut, wickeln oder legen Sie dann das Aussentuch darüber. Fixieren. Geeignet sind:
Kalter Tee (Aufguss oder Absud): Ackerschachtelhalm, Augentrost, Hamamelis, Pfefferminz, Ringelblume, Salbei, Schwarztee, Stiefmütterchenkraut, Thymian u. a. (siehe Grundrezept für die äusserliche Anwendung, >)
Tinktur: Arnika, Hamamelis, Ringelblume (jeweils 1 EL Tinktur auf 2,5 dl Wasser).
Streichen Sie den Brei auf das Innentuch, legen Sie die bestrichene Seite direkt auf die Haut und legen oder wickeln Sie das Aussentuch darüber. Fixieren. Geeignet sind:
Quark. Magerquark aus dem Kühlschrank nehmen, einige Minuten bei Zimmertemperatur stehen lassen.
Heilerde. Heilerde in Pulverform mit kaltem Wasser zu einem streichfähigen Brei rühren. Eventuell einige Zeit im Kühlschrank stehen lassen.
Anstatt ein Coldpack zu kaufen, können Sie selber eins herstellen. Sie brauchen dazu 500 g Linsen und Baumwollstoff, aus dem Sie ein ungefähr 20 auf 10 cm grosses Säcklein nähen. Füllen Sie die Linsen hinein, binden Sie es mit einer Kordel zu – und ab ins Gefrierfach damit! Das selbst gemachte Coldpack ist angenehm schwer und schmiegt sich schön an den Körper.
Feste Zusätze formen Sie zu einem Päckchen, indem Sie diese dicht nebeneinander in das Innentuch reihen und dieses viermal einschlagen. Gegebenenfalls mit Pflaster-Klebeband zukleben. Dann quetschen Sie das Päckchen leicht, platzieren es auf der Haut und legen das Aussentuch darauf. Fixieren. Geeignet sind:
Zitronenscheiben. Eine kühlschrankkalte, unbehandelte Zitrone in dünne Scheiben schneiden.
Ist schnelle Kühlung gefragt, können Sie einen nassen Waschlappen für einige Minuten ins Tiefkühlfach des Kühlschranks legen. Oder Sie nehmen ein paar Eiswürfel und umwickeln diese mit einem Küchentuch.
Achtung: Eiswürfel und Eiswasser sollten die Haut nicht direkt berühren!
Wadenwickel und Essigsocken eignen sich zur Fiebersenkung. Beachten Sie: Nicht bei kalten Füssen anwenden oder wenn der Patient friert!
Er bedeckt den Unterschenkel vom Knöchel bis zum Knie. Bringen Sie zunächst einen Matratzenschutz an (kein Plastik) und messen Sie die Körpertemperatur. Tränken Sie dann zwei Innentücher in 35, 36 Grad kaltem Wasser (nach Belieben auch kälter und eventuell angereichert mit 2 EL Zitronensaft oder Essig auf 1 l Wasser). Wringen Sie die Tücher aus und umwickeln Sie damit beide Waden möglichst faltenfrei. Dann kommen die Aussentücher darum herum. Am Schluss decken Sie die Patientin, den Patienten mit einer leichten Decke zu und lassen sie oder ihn wenn möglich zehn bis fünfzehn Minuten im Bett ruhen. Vorher und nachher Temperatur messen. Wenn das Fieber nicht gesunken ist, zweimal wiederholen.
Die innere Schicht besteht aus zwei Baumwollsocken, die Sie in 36 Grad oder kälterem Essig- respektive Zitronenwasser tränken und dann gut auswringen. Als zweite Schicht ziehen Sie ein paar Nummern zu grosse Wollsocken darüber. Plastiksäcke sind ungeeignet, sie könnten einen Wärmestau verursachen!
Tipps zum Thema Fieber finden Sie auch auf >, zu Fieber bei Kindern in Kapitel 4 auf >.
ERFAHRUNGSMEDIZIN
Mutter Erde als Heilerin: Diese Idee fasziniert die Menschen schon seit der Antike. Heilerde ist pulverisierte Erde aus tiefen Gesteinsstaubschichten, die durch Verwitterung entstanden sind. Heilerde kann Schadstoffe binden und enthält zahlreiche Mineralien.
Kühlende Heilerdewickel eignen sich besonders bei einem verletzten Gelenk, bei Sonnenbrand, Insektenstichen oder einem akuten Rheumaschub. Muskelverspannungen lösen sich mit Kompressen, die erwärmten Schlamm enthalten. Bei fettiger Haut, Akne oder Schuppen wird die pulverisierte Erde in Kamillen- oder Salbeitee verrührt und wie eine Schönheitsmaske aufgetragen.
Speziell behandelte Heilerde darf auch innerlich zur Anwendung kommen: etwa gegen Durchfall, Magenentzündung oder Sodbrennen. Packungsbeilage beachten! Siehe auch >.
Warme oder heisse Auflagen auf der Haut führen dem Körper Wärme zu und bewirken eine Gefässerweiterung sowie eine verstärkte Durchblutung der Haut. Indirekt werden auch tiefere Regionen gewärmt, Muskeln entspannen sich, der Stoffwechsel wird angekurbelt, Krämpfe und Schmerzen lassen nach. Ausserdem haben warme Auflagen einen tröstenden und beruhigenden Effekt. Wärmende Wickel eignen sich bei einer ganzen Reihe von Beschwerden, vom Gerstenkorn (Urseli) über Wadenkrämpfe und Arthritis / Arthrose (nicht akut) bis hin zu Menstruationsbeschwerden.
Nicht anwenden: bei Blinddarmentzündung (Schmerzen im rechten Unter- / Mittelbauch) und anderen akuten Entzündungen im Unterleib, Schilddrüsenüberfunktion, Sensibilitätsstörungen.
Beim Vorbereiten und Anlegen warmer Wickel, die mit heissem Wasser zubereitet werden, besteht Verbrennungsgefahr – für den Patienten wie auch für die Helferin. Arbeiten Sie vorsichtig, eventuell mit Gummihandschuhen, und prüfen Sie die Temperatur vor dem Anlegen des Wickels. (Siehe auch Tipp unter Flüssige Zusätze unten.) Bei wärmenden Wickeln ist eine zweite Schicht aus Baumwolle oder Wolle (Aussentuch) besonders wichtig, damit sich die Wärme nicht zu schnell verflüchtigt.
Die Einwirkzeit von warmen oder heissen Wickeln beträgt in der Regel 20 Minuten beziehungsweise bis zum Abkühlen auf Körpertemperatur. Danach sollte man sich etwa 30 Minuten Ruhe im Liegen gönnen.
Warme Wickel zwei- bis dreimal täglich anlegen.
Achtung: Einen warmen Wickel nur anwenden, wenn der Patient, die Patientin diesen als angenehm empfindet. Bei fiebrigen Erkrankungen eignen sich warme Wickel nur in der Phase des Fröstelns bei Beginn des Fieberanstiegs! Nicht durchführen, wenn dem Patienten heiss ist oder wenn er schwitzt (mehr dazu unter Fieber, >, oder unter Fieber bei Kindern, >).
