Schweizer Terrorjahre - Marcel Gyr - E-Book

Schweizer Terrorjahre E-Book

Marcel Gyr

0,0

Beschreibung

1969 wird in Kloten ein Anschlag auf ein Flugzeug der El Al verübt, 1970 eine Swissair-Coronado über Würenlingen zum Absturz gebracht. Im selben Jahr werden drei Flugzeuge in die jordanische Wüste entführt und in die Luft gesprengt, darunter eine DC-8 der Swissair. Mit spektakulären Terroranschlägen trägt die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) den Nahostkonflikt nach Europa und in die Schweiz. Die Politik, allen voran der Bundesrat, ist überfordert. Würenlingen ist das grösste Verbrechen in der jüngeren Schweizer Geschichte. Doch es wurde nie aufgeklärt, der Tatverdächtige nie gefasst. Was bisher nicht bekannt war: Ein einzelner Bundesrat führte – ohne Absprache mit seinen Amtskollegen – geheime Gespräche mit der PLO. Ein zweiter bekannter Politiker stellte den Kontakt her. Mit den Recherchen konfrontiert, schildert dieser erstmals, wie es zwischen der Schweiz und der PLO zu einem Stillhalteabkommen kam, das auf diplomatischer Ebene lange nachwirken sollte.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 210

Veröffentlichungsjahr: 2016

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Marcel Gyr

Schweizer

Terrorjahre

Das geheime Abkommen mit der PLO

Verlag Neue Zürcher Zeitung

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek   Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

©2016 Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich   Der Text des E-Books folgt der gedruckten 1. Auflage 2016 (ISBN 978-3-03810-145-1).   Lektorat: Corinne Hügli, Richterswil Titelillustration: Cornelia Ziegler, Basel Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck   Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Eine Vervielfältigung dieses Werks oder von Teilen dieses Werks ist auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie ist grundsätzlich vergütungspflichtig. Zuwiderhandlungen unterliegen den Strafbestimmungen des Urheberrechts.   ISBN E-Book 978-3-03810-170-3  www.nzz-libro.ch

Vorwort

In unserer kurzatmig gewordenen Zeit legt sich der Mantel des Vergessens oftmals allzu schnell über wichtige Ereignisse. Am 21.Februar 1970 stürzte ein Swissair-Flugzeug auf dem Gebiet der Aargauer Gemeinde Würenlingen ab und riss 47Personen in den Tod. Die Mutmassung, dass palästinensische Attentäter die Katastrophe verursacht hatten, verdichtete sich bald zur Gewissheit.

Wer erinnert sich heute noch daran, dass die friedliebende Schweiz 1970 ins Fadenkreuz von Terroristen geraten war? Und wer weiss um das Faktum, dass die schreckliche Bluttat von den Ermittlungsbehörden nie aufgeklärt worden ist?

Der NZZ-Journalist Marcel Gyr hat nachgehakt. Sein ursprüngliches Interesse am Thema gründete auf vagen Kindheitserinnerungen, wuchs er doch wenige Kilometer von der Absturzstelle auf. In seinem ersten Zeitungsbeitrag, der im September 2014 erschien, schrieb Gyr: «Weshalb die zwei dringend Tatverdächtigen bis heute strafrechtlich nie zur Rechenschaft gezogen worden sind, ist nicht klar.»

Die nagende Ungewissheit, die den Terrorakt von Würenlingen auch nach Jahrzehnten noch begleitet, veranlasste den erfahrenen Reporter, selber auf Spurensuche zu gehen. Daraus resultierte zunächst eine Artikelserie über die Schweizer Terrorjahre 1969 und 1970, in der involvierte Ermittlungsbehörden, Zeitzeugen und Angehörige von Opfern zu Wort kamen.

Im Zuge seiner Recherchen stiess Marcel Gyr auf Erkenntnisse, die den Bombenanschlag von Würenlingen in ein völlig neues Licht rücken. Es zeigte sich, dass nach dem Terrorakt in Schweizer Amtsstuben ein streng geheimes Stillhalteabkommen mit der palästinensischen Befreiungsorganisation PLO vereinbart wurde. Auf eidgenössischer Seite war kein Geringerer als Bundesrat Pierre Graber federführend. Der damalige Aussenminister riskierte viel: Er unterliess es, wie Akten belegen, den Gesamtbundesrat zu informieren. Zum kleinen Zirkel der Eingeweihten gehörten der Bundesanwalt, der Chef des Nachrichtendienstes und ein ranghoher Vertreter der Genfer Polizei.

Die geheimen Absprachen mit nahöstlichen Drahtziehern liefen darauf hinaus, dass die PLO zusicherte, sie werde keine weiteren Anschläge gegen Schweizer Objekte mehr ausüben. Im Gegenzug sollten die Berner Behörden darauf hinwirken, dass die PLO namentlich auf der internationalen Drehscheibe Genf Fuss fassen konnte.

Die Erkenntnisse, die Marcel Gyr im vorliegenden Buch vorlegt, sind ebenso brisant wie spektakulär. Erst jetzt wird bekannt, dass ein sehr prominenter Genfer Soziologe an vorderster Front mitmischte: Der streitbare Jean Ziegler hatte sein nahöstliches Netzwerk aktiviert und den Deal eingefädelt, für den sein Genosse Pierre Graber auf Schweizer Seite geradestand. Erstmals spricht das Enfant terrible der Schweizer Politik über seine Rolle in der Geheimaktion, die mehr als vier Jahrzehnte zurückliegt.

Was sich im Nachgang zum Flugzeugabsturz von Würenlingen auf verschlungenen Pfaden abgespielt hat, kommt einem veritablen Politthriller gleich. Der von der sozialdemokratischen Seilschaft Graber/Ziegler eigenmächtig inszenierte Deal mit den gewaltbereiten Palästinensern muss als rechtsstaatlich bedenklicher Husarenritt qualifiziert werden. Handkehrum lässt sich nachträglich nur mutmassen, ob das Stillhalteabkommen weitere Bluttaten verhindern konnte. Und in der Rückblende mutet es fast schon unheimlich an, dass die involvierten Personen ihren geheimdiplomatischen Ritt auf der Rasierklinge abseits der schweizerischen Öffentlichkeit und der internationalen Staatengemeinschaft absolvieren konnten. Andernfalls wäre der politische Eklat unvermeidlich gewesen.

Dem Autor des vorliegenden Buches ist zu danken, dass er Licht auf eine dunkle Phase der jüngeren Schweizer Geschichte geworfen hat. Die minuziös recherchierte und sorgfältig beschriebene Chronologie der Ereignisse, die auf den Terrorakt von Würenlingen folgten, sind kein schönes Kapitel schweizerischer Politik. Es ist aber richtig und wichtig, dass die Öffentlichkeit– und speziell auch die Hinterbliebenen der Opfer– die wahren Begebenheiten erfahren. Marcel Gyr hat mit seiner profunden und hartnäckigen Recherche journalistische Arbeit im besten Sinne geleistet.

René Zeller

Stv. Chefredaktor und Inlandchef der

Einleitung

Es war ein verregneter Samstagnachmittag mit Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt, als am 21.Februar 1970 eine Swissair-Coronado in ein Waldstück in der aargauischen Gemeinde Würenlingen abstürzte. Alle 47Insassen waren sofort tot. Beim Flugzeugabsturz handelte es sich um einen Terroranschlag– im Frachtraum war eine Paketbombe explodiert. Schon bald stand für die Ermittler fest: Ein Mitglied einer palästinensischen Kommandogruppe hatte das Paket mit der präparierten Bombe tags zuvor in München zur Post gebracht. Aus Versehen gelangte die Paketbombe nicht in eine Maschine der israelischen Fluggesellschaft El Al, sondern über Umwege in die Coronado der Swissair.

Das grösste Verbrechen der jüngeren Schweizer Geschichte– es handelt sich um 47-fachen Mord– ist bis heute nicht geklärt. Vieles liegt noch immer im Dunkeln. «Der Mantel des Schweigens» sei über den Fall ausgebreitet worden, glaubt Robert Akeret. Er hatte den Bombenanschlag damals als Bülacher Bezirksanwalt untersucht. Der Tat dringend verdächtigt wurde ein gewisser Sufian Kaddoumi. Belangt wurde der Jordanier in all den Jahren aber nie. Bis heute wissen die Hinterbliebenen nicht, wer die Hintermänner für die Tötung ihrer Angehörigen sind beziehungsweise wieso der dringend Tatverdächtige strafrechtlich nie belangt worden ist.

Etwas mehr als ein halbes Jahr nach Würenlingen, im September 1970, entführte eine andere palästinensische Kommandogruppe eine DC-8 der Swissair mit 157Insassen in die jordanische Wüste nach Zerqa. Neben der Swissair-Maschine fielen zwei weitere Flugzeuge, ein amerikanisches und ein britisches, in die Hände der Palästinenser. Die Welt hielt den Atem an. Die Schweiz war in Schockstarre. Auf dem Höhepunkt der Zerqa-Krise wurde gar der Ausbruch eines dritten Weltkriegs befürchtet. Drei Wochen lang verhandelten die involvierten Regierungen um die Freilassung der ursprünglich mehr als 400Geiseln. Der schweizerische Bundesrat beriet sich täglich, ausnahmslos in Vollbesetzung, manchmal mitten in der Nacht.

Für die Schweiz handelte es sich um die grösste Staatskrise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Unvermittelt fand sie sich zwischen den Fronten des blutig ausgetragenen Nahostkonflikts wieder. Entsprechend stand die Landesregierung unter enormem Druck. Zu den Forderungen der Geiselnehmer gehörte die Freilassung von drei in der Schweiz gefangenen palästinensischen Attentätern. Diese hatten im Februar 1969 auf dem Flughafen Kloten ein Flugzeug der El Alüberfallen und dabei den Copiloten tödlich verletzt. Später waren sie, unter heftigem Protest aus den arabischen Staaten, zu mehrjährigen Freiheitsstrafen verurteilt worden.

Das vorliegende Buch wirft ein völlig neues Licht auf die damaligen Ereignisse. Es wird enthüllt, dass die Schweiz auf dem Höhepunkt der Zerqa-Krise geheime Gespräche mit einem einflussreichen Führer der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) führte. Auf Schweizer Seite war für die Verhandlungen ein einzelner Bundesrat verantwortlich: Pierre Graber. Der Aussenminister agierte im Alleingang, ohne jegliche Absprache mit den anderen Bundesräten oder den Verantwortlichen in den übrigen von der Flugzeugentführung betroffenen Ländern. Aus den geheimen Gesprächen, von denen bisher nichts an die Öffentlichkeit gedrungen ist, resultierte ein Stillhalteabkommen zwischen der Schweiz und der PLO: Während die palästinensische Seite in Aussicht stellte, die Schweiz vor weiteren Terroranschlägen zu verschonen, wurde der PLO zugesichert, sie auf dem diplomatischen Parkett zu unterstützen.

Auf Schweizer Seite waren neben Bundesrat Graber der damalige Bundesanwalt sowie der Geheimdienstchef am Deal beteiligt. Verhandlungschef für die PLO war ein gewisser Farouk Kaddoumi– Namensvetter und zumindest ein naher Verwandter, wenn nicht sogar der Bruder von Sufian Kaddoumi, des Hauptverdächtigen für den ungeklärten Bombenanschlag von Würenlingen.

Dies und weitere Merkwürdigkeiten werfen Fragen auf– insbesondere, ob das Strafverfahren im Fall Würenlingen Teil des Genfer Stillhalteabkommens war. Frisch im Amt, hatte Bundesanwältin Carla Del Ponte die Ermittlungen 1995 mit viel Brimborium nochmals aufgenommen. Einige Jahre später wurde das Verfahren klammheimlich eingestellt– obwohl Del Ponte das Verbrechen zuvor, in Anwendung eines juristischen Kniffs, als unverjährbar erklärt hatte. Seither herrscht vonseiten der Behörden Funkstille.

Umso mehr bemühten sich zuletzt Zeithistoriker, Journalisten und Dokumentarfilmer, das Geheimnis rund um Würenlingen zu lüften. In zahlreichen Büchern, Reportagen und TV-Dokumentationen schälte sich in den vergangenen Jahren die These heraus, wonach die Schweizer Behörden zu Beginn der 1970er-Jahre eine Art Schutzgeld an die Palästinenser bezahlt haben sollen. Die These geht auf den britischen Autor David Yallop und dessen Biografie des als Top-Terroristen bekannten «Carlos» zurück: Mehrere Luftfahrtgesellschaften hätten über Jahre hinweg Millionenbeträge aufgewendet, um von Terroranschlägen verschont zu werden. Dies behauptete Yallop, alimentiert mit Informationen aus Geheimdienstkreisen, in seinem «Carlos»-Buch.

Umgemünzt auf die Schweiz spielte sich nach Einschätzung verschiedener Beobachter folgendes Szenario ab: Die Swissair, damals ein staatsnaher Betrieb, überwies das angebliche Schutzgeld via den schillernden Westschweizer Bankier François Genoud an die Palästinenser. Genoud, zeitlebens ein bekennender Verehrer Hitlers, hatte nachweislich engen Kontakt zu den palästinensischen Kommandogruppen. Mit ihnen teilte er den militanten Antisemitismus. Eine Kooperation wäre also durchaus denkbar gewesen. Mit grossem investigativen Aufwand wurde immer wieder versucht, diese These zu untermauern– stets jedoch, ohne den endgültigen Beweis zu erbringen.

Auch ich verfolgte während meiner Recherchen zunächst die Schutzgeldthese via Swissair/Genoud. Aber auch mir gelang es nicht, sie zu erhärten. Den entscheidenden Hinweis auf die in diesem Buch vorgelegte Enthüllung erhielt ich schliesslich aus dem Umfeld der Popular Front for the Liberation of Palestine (PFLP). Die Volksfront zur Befreiung Palästinas war in den Terrorjahren 1969/70 die aktivste Kommandogruppe. In diesen Kreisen kursiert bis heute die Version eines Stillhalteabkommens zwischen der Schweiz und den Palästinensern. Als Bindeglied diente nicht der Alt-Nazi Genoud, sondern ein prominenter Schweizer am anderen Ende des politischen Spektrums: der sozialdemokratische Linksaussen Jean Ziegler. Dieser hatte schon damals beste Kontakte sowohl zur palästinensischen Dachorganisation PLO als auch in den Bundesrat. Bringt man den neuen Namen ins Spiel, fügt sich plötzlich Teilchen um Teilchen zum Puzzle zusammen.

Dass das Genfer Stillhalteabkommen über 45Jahre im Geheimen blieb, hat vor allem zwei Gründe. Innenpolitisch fürchteten die Beteiligten die Reaktion der breiten Öffentlichkeit. Sie hätte die Verhandlungen mit der damaligen PLO unter keinem Titel toleriert. Auf internationaler Ebene wäre die Schweiz nicht nur unter diplomatischen Beschuss Israels geraten. Auch die von der Geiselaffäre mitbetroffenen Staaten USA, Grossbritannien und die Bundesrepublik Deutschland hatten sich wiederholt und explizit gegen separate Verhandlungen mit den Geiselnehmern ausgesprochen. Diese Solidarität hatte Bundesrat Graber mit seinem Alleingang untergraben.

Der damalige Verhandlungschef der PLO, Farouk Kaddoumi, lebt noch immer im tunesischen Exil. Ein Besuch in seinem Büro in Tunis und weitere Gespräche mit Zeitzeugen bestätigten den Verdacht. Der Deal wurde in einem Genfer Hotelzimmer per Handschlag abgeschlossen. Das Geheimabkommen hatte für die Schweiz auf diplomatischer Ebene über viele Jahre hinausreichende Folgen. Das belegen erstmals ausgewertete Akten des Politischen Departements und des Geheimdiensts auf eindrückliche Weise.

Im vorliegenden Buch wird die Entstehung des bewaffneten Kampfs der palästinensischen Befreiungsbewegung nachgezeichnet, es wird aufgezeigt, wie die Schweiz ins Fadenkreuz des Terrorismus geriet und wie sie mithilfe des geheimen Abkommens mit der PLO versucht hat, weiteren Schaden abzuwenden. Im Übrigen werden erstaunliche Verbindungen zum Olympia-Massaker 1972 in München sowie zum Bombenanschlag 1988 auf eine Pan-Am-Maschine im schottischen Lockerbie hergestellt.

Von der ersten Generation der Angehörigen der Opfer des Bombenanschlags von Würenlingen– vor allem Ehepartner und Geschwister– sind inzwischen fast alle gestorben. Ihre zahlreichen Bemühungen, Licht ins Dunkel der stockenden Ermittlungen zu bringen, blieben zeitlebens ohne Erfolg. Jetzt macht sich die Generation der Kinder der Getöteten, die längst erwachsen sind, bemerkbar. Gegenüber der Neuen Zürcher Zeitung hatte Ruedi Berlinger Ende 2014 eindrücklich geschildert, wie belastend es für ihn ist, nicht die ganze Wahrheit zu kennen. Der Sohn des abgestürzten Swissair-Piloten zeigt angesichts der damaligen Ausnahmesituation zwar Verständnis für allfällige Deals der Schweizer Behörden. Gleichzeitig will er aber nach so vielen Jahren endlich die Hintergründe erfahren. Nur so könne er Frieden schliessen mit seinem Schicksal, als Siebenjähriger auf derart dramatische Weise den Vater verloren zu haben.

1Der dunkle Verdacht

Zwei Wochen lang wird im Trainingscamp der palästinensischen Kommandogruppe im Nablus-Gebirge des Westjordanlands die immer gleiche Übung durchgespielt. Der jordanische Staatsbürger Abdel Mehsen und ein Komplize schiessen mit ihren Sturmgewehren auf ein leeres Ölfass, das auf Holzpfählen mit Gummireifen steht. Das Ölfass stellt ein Flugzeug der El Al dar, an dem nach dem Beschuss und dem erzwungenen Ausstieg der Passagiere Sprengkörper angebracht werden sollen. Für diesen zweiten Teil der Aktion werden die junge Amena Dahbor sowie ein weiterer Komplize ausgebildet. Effektiv gesprengt wird das Ölfass, vermutlich aus Spargründen, aber erst am letzten Tag des Trainingslagers. Das ist irgendwann Ende Januar 1969. Bei der Kommandogruppe handelt es sich um die Popular Front for the Liberation of Palestine (PFLP, Volksfront zur Befreiung Palästinas, fortan palästinensische Befreiungsfront genannt). Zusammen mit einem Dutzend weiterer Kommandogruppen war die PFLP unter dem Dach der Palestine Liberation Organization (PLO) vereint. Die mit Abstand grösste Kommandogruppe der PLO war die von Yasir Arafat geführte Fatah. Untereinander waren die verschiedenen Fraktionen zum Teil heftig zerstritten.

Während des Trainingscamps wissen die vier Kämpfer noch nicht, wo sie dereinst effektiv eine El-Al-Maschine unter Beschuss nehmen sollen. Das wird ihnen erst einige Tage später mitgeteilt, als ihnen die Einsatzleitung der PFLP die Flugtickets aushändigt. Chef der Kommandogruppe ist George Habash, ein Kinderarzt aus Libanon. Mit den Tickets fliegt Amena Dahbor, in Begleitung ihres Liebhabers Abdel Mehsen, mit der niederländischen Fluggesellschaft KLM zunächst von Amman nach Wien. Dort übernachtet das Paar im Hotel Weisser Hahn. Tags darauf reisen die beiden mit der Swissair nach Zürich weiter.

In seinem Koffer transportiert Mehsen während der gesamten Reise zwei Sturmgewehre des Typs AK-47Kalaschnikow, Kaliber 7,62. Die Magazine der Gewehre liegen im Koffer von Dahbor, sie sind mit der passenden Munition abgefüllt. Eine eigentliche Sicherheitskontrolle gibt es 1969 an den Flughäfen noch nicht. Trotzdem schauen sich Zollbeamte am Flughafen Zürich das mit Waffen gefüllte Gepäck der beiden späteren Attentäter an. «Doch die Zollbeamten entdeckten die in den Koffern der beiden befindlichen Waffen und die dazugehörige Munition nicht», heisst es später im Schlussbericht der Bezirksanwaltschaft Bülach. Den Bericht verfasst haben zwei junge Bezirksanwälte, Robert Akeret und der spätere Strafrechtsprofessor Jörg Rehberg.

Nach der glimpflich verlaufenen Gepäckkontrolle quartieren sich Mehsen und Dahbor im Hotel Leoneck in der Zürcher Innenstadt ein. Zu ihnen stossen die beiden Komplizen, Mohamed Abu el-Heiga und Ibrahim Tawfik Yousef. In den folgenden Tagen rekognosziert das Quartett mehrmals das Flughafenareal. Bei einer dieser Taxifahrten entdeckt man den Parkplatz N, von dem aus schliesslich der Angriff auf ein Flugzeug der El Al erfolgen sollte. Am Nachmittag des 18.Februar 1969 fahren die vier ein weiteres Mal zum Flughafen, diesmal nicht mit dem Taxi, sondern mit einem geliehenen VWKäfer. Auf dem verschneiten Parkplatz knipsen sie zunächst Erinnerungsfotos, gerade so, als befänden sie sich auf einem vergnüglichen Ausflug in den Schnee.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit eröffnen Mehsen und sein Komplize durch die Umzäunung hindurch das Feuer auf das Linienflugzeug LY432 der El Al, das zur Startbahn rollt. 62Einschüsse werden später im Rumpf der Boeing720 gezählt, die meisten im Bereich des Cockpits. Der Co-Pilot erleidet einen Steckschuss im Daumen. Der Pilot wird von zwei Kugeln im Bauch getroffen, er erleidet einen Durchschuss der Milz. Fünf Wochen später erliegt der 27-jährige Familienvater seinen Verletzungen.

Obwohl das Flugzeug wie geplant zum Stillstand kommt, können Dahbor und ihr Komplize die Sprengstoffladung nicht, wie im Trainingscamp so oft geübt, an der Boeing befestigen. Denn völlig unerwartet wird aus dem Flugzeug zurückgeschossen. In der 1. Klasse sitzt Mordechai Rachamim, der als sogenannter «Tiger» für die Sicherheit an Bord des israelischen Flugzeugs verantwortlich ist. Bewaffnet mit einer Pistole der Marke Beretta, stürmt der Sicherheitsbeamte zunächst ins Cockpit, von wo er durch ein Fenster erste Schüsse abfeuert. Daraufhin verlässt er das Flugzeug über die Notrutsche, rennt über die Piste, steigt über die Umzäunung und trifft auf dem Parkplatz auf einen der Terroristen– es ist Mehsen. Aus kürzester Distanz feuert Rachamim drei Schüsse auf den 32-jährigen Attentäter ab. Er ist sofort tot. Ob der Getötete bei der Schussabgabe Rachamims noch bewaffnet war, bleibt bis zuletzt umstritten.

Abb. 1:  Drei der vier Attentäter von Kloten kurz vor dem Überfall auf die El-Al-Maschine.

Abb. 2:  Einer der palästinensischen Attentäter wird erschossen.

Von Bülach auf die Weltbühne

Keine 20Minuten nach den tödlichen Schüssen, es ist inzwischen kurz vor 18Uhr an diesem 18.Februar 1969, prostet Robert Akeret an einem Apéro seinen Kollegen zu. Akeret, seit Kurzem Untersuchungsrichter bei der Bezirksanwaltschaft Bülach, feiert gerade den Abschluss seines Praktikums bei der Kantonspolizei Zürich, als die kleine Runde die Nachricht von der wilden Schiesserei auf dem Flughafen erreicht.

Kurz darauf wird Akeret mit den Ermittlungen des Klotener Überfalls auf die El-Al-Maschine betraut. Der Anschlag bildet den Auftakt zu einer Serie von Attentaten, welche die Schweiz in den Jahren 1969 und 1970 erschüttert. Ein Jahr nach Kloten, im Februar 1970, stürzt im aargauischen Würenlingen eine Convair «Coronado» der Swissair ab. Alle 47Insassen kommen ums Leben. Schon bald stellt sich heraus, dass der Flugzeugabsturz die Folge eines Bombenanschlags war. Mit den Ermittlungen wird wiederum Robert Akeret betraut. Wenige Monate später, im September 1970, wird eine DC-8 der Swissair in die jordanische Wüste nach Zerqa entführt, zusammen mit zwei weiteren Flugzeugen aus den USA und aus Grossbritannien. Während über drei Wochen wird mit den Entführern um die Freilassung der mehreren hundert Geiseln verhandelt.

Die drei Attentate in den Terrorjahren 1969/70 haben einen gemeinsamen Nenner: Bei der Täterschaft handelt es sich um Mitglieder verschiedener Kommandogruppen der palästinensischen Befreiungsfront. Die Schweiz gerät völlig unvorbereitet in die Wirren des Nahostkonflikts. Das Land, das mitten in Europa vor den Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs weitgehend verschont blieb, steht plötzlich im Mittelpunkt einer asymmetrischen Kriegsführung mit Bombenanschlägen und Flugzeugentführungen. Dass die Terrorakte Robert Akeret auch 45Jahre später, lange nach seiner Pensionierung, nicht losgelassen haben, hat einen einfachen Grund: Strafrechtlich wurden sie nicht sauber aufgearbeitet. Wiederholt geriet der Rechtsstaat aus den Fugen. So wurden die verurteilten Attentäter von Kloten alsbald wieder freigepresst– mit der Geiselnahme von Zerqa. Der Tatverdächtige für den Bombenanschlag von Würenlingen war zwar schnell identifiziert, er wurde aber nie zur Verantwortung gezogen. Und erst recht verlieren sich die Spuren der Geiselnehmer von Zerqa in der jordanischen Wüste.

Das hinterliess bei Akeret das ungute Gefühl, über das Ganze sei der Mantel des Schweigens ausgebreitet worden. Alles sei «einen Stock höher» entschieden worden, mutmasste er Ende 2014 in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ). Mit dem «Stock höher» meinte er in erster Linie die Bundesanwaltschaft. «Auf dieser Ebene müssen Dinge passiert sein, die ich nicht durchschaue», gab Akeret seiner Verwunderung Ausdruck. Mit seinem Gespür, dass etwas nicht stimmen kann, lag Akeret richtig, wie sich im Laufe der Recherchen für dieses Buch zeigen sollte. Auch seine Vermutung, die Bundesanwaltschaft sei bei den «undurchschaubaren Dingen» involviert gewesen, sollte sich bestätigen. Wie wir noch sehen werden, spielten zudem ein Bundesrat, ein langjähriger Nationalrat sowie der Geheimdienstchef entscheidende Rollen.

Aber blenden wir zurück in den Sommer 1969, als Robert Akeret, noch keine 29Jahre alt, im Fall des Klotener Attentats ermittelt. Bis anhin hat es der Untersuchungsrichter aus Bülach vor allem mit Kleinkriminellen, Ganoven oder Milchpanschern zu tun gehabt. Mit den Ermittlungen zum Klotener Überfall auf die El Al wird Akeret unvermittelt auf die Weltbühne katapultiert. Zum international beachteten Fall ist er gekommen, weil er für das Gebiet rund um den Flughafen zuständig ist.

Damals wurden die Strafverfahren auf Bundesebene, wie in vielen Kantonen, in zwei Schritten durchgeführt– die Ermittlungs- und die Anklagebehörde waren getrennt. Weil aber die Bundesanwaltschaft über keine eigene Ermittlungsbehörde verfügte, delegierte sie diesen Teil des Strafverfahrens jeweils an einen Kanton. Der Kanton Zürich wiederum übergab den Fall der Bezirksanwaltschaft Bülach. Aus opportunistischen Überlegungen– die Aargauer Untersuchungsbehörden wären überfordert gewesen– übernahm Akeret ein Jahr später auch den Fall Würenlingen.

Im Fall der Klotener Attentäter wird schon in der Untersuchungsphase jeder Schritt der Schweizer Justizbehörden mit Argusaugen beobachtet. Die arabische Welt solidarisiert sich mit den drei palästinensischen Angeklagten. Akeret sieht sich einem diplomatischen Trommelfeuer ausgesetzt. Als besonders aktivistisch zeigt sich in dieser Phase Algerien, das sich erst wenige Jahre zuvor in einem blutigen Unabhängigkeitskampf von Frankreich losgelöst hat. Der algerische Staatschef Houari Boumedienne bezichtigt die Schweiz der Voreingenommenheit zugunsten Israels, Aussenminister Abdelaziz Bouteflika beschwert sich in einer Demarche beim Uno-Generalsekretär und beim Präsidenten der Menschenrechtskommission. Die Intervention führt dazu, dass das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) die palästinensischen Gefangenen in den Zürcher Gefängnissen besucht, um die Haftbedingungen abzuklären. Zudem bietet Algerien neben den ordentlichen Verteidigern einen eigenen Rechtsanwalt auf. Es handelt sich um den jungen Jacques Vergès, der später als «Anwalt des Teufels» bekannt wird, weil er neben dem äusserst gewaltbereiten Linksterroristen «Carlos» oder dem Nazi-Kriegsverbrecher Klaus Barbie auch verschiedene Diktatoren verteidigt. In der Schweiz hatte Maître Vergès Einreiseverbot, wegen «kommunistischer Umtriebe». Als er eines Tages unangemeldet in Bülach auftaucht, wird er von Polizisten sanft zum Bahnhof zurückbegleitet.

Abb. 3:  Robert Akeret mit dem Schlussbericht zum Flugzeugabsturz in Würenlingen.

Heisser Kakao und ein grüner Wollpullover

In dieser aufgeheizten Stimmung führt Robert Akeret seine Ermittlungen zu Ende. Aus Sicherheitsgründen wird der Prozess in Winterthur durchgeführt, wo es eine unterirdische Verbindung zwischen Gerichtsgebäude und Gefängnis gibt. Für den Präsidenten des Geschworenengerichts, Hans Gut, ist es der letzte Prozess vor der Pensionierung. Im Zentrum des Medieninteresses steht Amena Dahbor. In der Untersuchungshaft hatte sie Bezirksanwalt Akeret einen grünen Wollpullover gestrickt– ein Geschenk, das dieser schweren Herzens nicht annehmen konnte. Das Stricken war offenbar bei palästinensischen Frauen beliebt. Ein Jahr später verlangte auch Leila Khaled, eine zweite bekannte Luftpiratin, im Londoner Polizeigefängnis nach Wolle und Stricknadeln. Aus Sicherheitsgründen wurden sie ihr allerdings verwehrt.

In der Schweiz erweist sich Amena Dahbor als die Cleverste des angeklagten Trios. Obwohl die Jüngste im Bunde, ist die erst 22-jährige Lehrerin offensichtlich die Anführerin. In der Haft soll sie die Anweisung für zwei Hungerstreiks gegeben, derweil aber selber genüsslich heissen Kakao getrunken haben. Dies scheint auch dem renommierten Autor Werner Wollenberger nicht entgangen zu sein, der den Winterthurer Prozess für die Weltwoche verfolgt. Er schreibt: «Amena Dahbor, dunkelhäutig, in Grenzen hübsch, wirkt adrett. Sie war beim Coiffeur, ihr blaues Kostümkleid sitzt stramm, von den Wirkungen des Hungerstreiks sieht man wirklich nichts mehr.»

Abb. 4:  Amena Dahbor steigt aus einem Polizeiauto.

Für viele überraschend, ist auch Mordechai Rachamim am Prozess erschienen. Gegen eine Kaution war er aus der U-Haft entlassen worden. In seiner Heimat war der 23-jährige, gut aussehende Sicherheitsbeamte als Volksheld empfangen worden. Ministerpräsidentin Golda Meïr ernannte ihn zu ihrem persönlichen Bodyguard. Am 22.Dezember 1969 spricht ihn das Gericht nach dem Grundsatz «in dubio pro reo», im Zweifel für den Angeklagten, frei. Die Anklage hatte für Rachamim wegen Totschlags eine bedingte Freiheitsstrafe von zwei Jahren gefordert. Im Gegensatz dazu werden alle drei palästinensischen Angeklagten antragsgemäss schuldig gesprochen und wegen vorsätzlicher Tötung mit zwölf Jahren Zuchthaus bestraft. In der schriftlichen Urteilsbegründung heisst es später, sie seien nicht Verbrecher im kriminellen Sinne. «Für den abgrundtiefen und geradezu erschreckenden Hass haben sie sich nicht selber zu verantworten», befinden die Richter. «Dieser Hass ist ihnen schon in frühester Kindheit eingetrichtert worden.»

Nach dem Urteil von Winterthur sind die Schweizer Behörden in Alarmbereitschaft. Täglich wird mit einem Vergeltungsschlag der Palästinenser gerechnet.

Am 21.Februar 1970 scheint es so weit zu sein: Die Swissair wird zum Opfer eines Bombenanschlags. Doch alsbald stellt sich der vermeintliche Racheakt als tragischer Zufall heraus. Ein nach Jerusalem adressiertes, rund vier Kilogramm schweres Paket ist tags zuvor von einem gewissen Sufian Kaddoumi zwischen 8Uhr und 11.15Uhr in München auf dem Postamt2 aufgegeben worden. Zuvor hatte Kaddoumi im nahe gelegenen Hotel Rosengarten übernachtet. Wegen einer Flugplanänderung wird die Sendung, in der sich die Bombe befindet, von der Post kurzfristig umgeleitet. Sie gelangt nicht, wie von den Attentätern beabsichtigt, auf die El-Al-Maschine nach Israel, sondern über Umwege auf den Flug SR330Zürich–Tel Aviv. Über dem Vierwaldstättersee aktiviert ein Höhenmesser, der in ein Radio eingebaut ist, die Zündung der Bombe. Auf dem Transferflug von München nach Zürich war die Paketbombe wegen zu geringer Flughöhe noch nicht explodiert. Er könne sich noch gut erinnern, wie der Pilot des Münchner Transferflugs bleich geworden sei, als er ihm schilderte, wie wenig zur Explosion gefehlt habe, erinnert sich Akeret.

Schlecht meinte es das Schicksal hingegen mit Rudolf Crisolli. Als Chefreporter des deutschen Fernsehsenders ZDF wollte er von einem Einsatz in Vietnam über Europa in den Nahen Osten reisen. Sein Reisebüro hatte ihm zunächst einen Flug der El Al gebucht. Das war Crisolli nicht geheuer. In der Annahme, bei der Swissair sicherer zu sein, liess er den Flug umbuchen– und kam so in die Absturzmaschine von Würenlingen. Dies erzählt Crisollis Neffe GeorgM. Hafner in seiner eindrücklichen TV-Dokumentation «München 1970– Als der Terror zu uns kam».

Abb. 5:  Der israelische Sicherheitsbeamte Mordechai Rachamim kam auf Kaution frei.

«Goodbye everybody»

Nach der Explosion der Paketbombe bricht im Frachtraum der Swissair-Coronado Feuer aus. Die Piloten leiten einen U-Turn ein und versuchen zurück nach Kloten zu fliegen. Doch bald wird das Cockpit in so dichten Rauch gehüllt, dass die Crew nicht einmal mehr die Instrumente sehen kann. Mit einem tränenerstickten «330 is crashing