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Du bist hässlich, haben sie gesagt. Du kannst nichts, haben sie gesagt. Du wirst nie so sein wie ich, hat sie gesagt.. Die 24-jährige Jane trägt ihre eigenen Dämonen auf ihren Schultern, die sie immer und immer wieder zu Boden zerren. Sie fühlt sich ungeliebt und einsam, kämpft gegen die schlimmen Erinnerungen aus ihrer Kindheit, in deren sie gemobbt und ausgegrenzt wurde. Die Einsamkeit brennt in ihrem herzen, wie ein Waldbrand, der alles niederzubrennen droht. Als wäre das nicht schon genug, sehen ihre Eltern seit jeher nur das Glück ihrer älteren Schwester Jessica, die wohl von einem Engel mit Schönheit und Klugheit gesegnet wurde. Seit Jahren lebt Jane nun schon in dem Schatten ihrer erfolgreichen Schwester und fühlt sich wie eine Versagerin neben ihr. Zumindest, bis der erfolgreiche Geschäftsmann Damien Blake auftaucht. Der gutaussehende und vor allem selbstbewusste Mann verkörpert nicht nur stärke, Dominanz und Leidenschaft. Mit seinem Interesse an ihr stellt er Janes Leben so ziemlich auf den Kopf. Nur ist sie nicht die einzige, die seinem Charme nicht widerstehen kann. Ein Buch voller dunkler Gedanken und großer Gefühle.
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Seitenzahl: 407
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Mandy Hopka
Schwesterkomplex
Wenn die Einsamkeit dein Herz zerbricht.
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Zeilen des Autors
Prolog
1
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Epilog
Das Warten versüßen?
Impressum neobooks
Ich wünsche dir viel Spaß beim Lesen!
Deine Mandy <3
PS: Wenn du Informationen über die Fortsetzung, meinen anderen Büchern oder auch über mich haben willst, besuche einfach meine Website oder folge mir bei Instagram ;D
www.mandybooks.jimdo.com
Instagram: just_a_vegan_writer
Dieses Buch widme ich meiner persönlichen Anna, da ich ohne ihr meinen eigenen Kampf nicht hätte gewinnen können.
Wir denken selten an das,
was wir haben,
aber immer an das,
was uns fehlt.
[Arthur Schopenhauer]
Kennt ihr das, wenn ihr aufwacht und euch fragt, wann ihr das letzte Mal richtiges Glück verspürt habt? Wann ihr so richtig glücklich wart? Damit meine ich nicht Freude oder Spaß. Ich spreche von diesem Gefühl, dass ihr vor Glück kaum atmen könnt. Jenes, welches euch Tränen vergießen lässt. Glaubt ihr an das Schicksal? Also ich schon. Wieso ist das Schicksal manchmal so ungerecht? Wieso gibt es Menschen die im Lotto Millionen gewinnen, während andere Hunger und Leid ertragen müssen? Wahrscheinlich zieht man vor seiner Geburt ein Los …
Na ja und irgendwann, wenn das Schicksal wieder einmal zugeschlagen hat, kommt für jeden der Moment, in welchem man seiner Trauer freien Lauf lassen muss, oder nicht? Es gibt keine Menschen, die immer nur stark sein können - selbst der kräftigste Mann der Welt nicht. Nein, jeder kommt früher oder später an diesen Punkt, wo man schwach irgendwo landet und seiner Trauer, seinen düsteren Gedanken freien Lauf lässt. Egal warum, egal weshalb. Jeder Mensch hatte sein eigenes Schmerzempfinden. Manche konnten eine Menge leid ertragen, sei es der Verlust eines geliebten Menschen oder gar eine Misshandlung. Andere wiederum ließen sich durch Ausgrenzung, finsteren Erlebnissen oder durch das erdrückende Gefühl der Einsamkeit in die Knie zwingen. Ihr fragt euch, in welche Kategorie ich zähle? Letzteres.
Jeder bereut doch etwas. Jeder hat doch tief in seinem Herzen ein kleines schwarzes etwas, welches man immer mit sich herumträgt, aber meistens nur still in einem schlummert. Meistens jedenfalls… Bis etwas geschah, was einem den Boden unter den Füßen wegzog und man es freiließ. Dieses kleine schwarze Etwas, was sich schnell zu einem großen Loch entwickeln konnte, von dem man glaubte, es niemals schließen zu können, aber irgendwie es dann doch – jedes Mal aufs Neue, schaffte, es zurück in sein Innerstes zu drängen. Auch ich hatte diese schwachen, schwarzen Momente. Vielleicht sogar mehr, als die meisten von euch. Ich sollte mich wohl erst einmal vorstellen, bevor ich euch weiter in meine Geschichte einleite. Ich heiße Jane Roth und bin eine ganz normale 24-jährige Frau, die in der Nähe von Dresden lebt. Also, nur um das jetzt Mal klarzustellen, ich bin wirklich normal. Ich besitze keine Superkräfte, unglaubliche Aura oder wahnsinnige Schönheit. Nein, die ganz sicher nicht, aber ihr müsst verstehen, dass ich eine von euch bin und nicht die Heldin dieser Geschichte.
Meiner Geschichte.
Es gibt nur einen Helden und dieser sollte männlich sein. Aber dazu komme ich noch früh genug. Jedenfalls bin ich und mein Leben eben ziemlich gewöhnlich. Wie jeder Durchschnittsbürger eben. Ich will jetzt auch nicht so rüber kommen, als wäre ich nicht zufrieden damit. Ich besitze zwar keine Markenklamotten oder kein teures Auto, aber das ist auch nichts, was ich wollte.
So etwas Oberflächliches brauche ich nicht.
Aber natürlich hätte ich gerne das, was Sie hat. Sie, meine liebe und engelsgleiche Schwester Jessica. Sie ist gut aussehend, intelligent und bekommt immer das, was sie will. Im Vergleich zu ihr, bin ich das reinste Mauerblümchen, nein, die reinste Nonne. Wer hätte denn auch nicht gern ein perfektes Aussehen? Ich meine, nicht einmal ein einziger Pickel hat sich in all den Jahren in ihr Gesicht verirrt! Wie machten diese Menschen das nur? Sie hatte eine so strahlend schöne Ausstrahlung, dass wohl selbst der Spiegel an der Wand ihr jeden Tag zurief, dass sie die schönste im ganzen Land sei. Jede Bewegung von ihr erinnerte mich an eine Balletttänzerin. Anmutig, bedacht und selbstsicher.
Um für euch einen Vergleich zuziehen, ich bin da eher Goofy. Natürlich beneidete ich sie um ihre so schönen, blauen Augen, die zwar ziemlich kühl und bösartig blicken konnten aber dennoch ihre Intelligenz unterstrichen, die sich hinter ihrer Platin blonden Mähne verbarg. Natürlich verstand ich nicht, weshalb sie so viel Make-up im Gesicht trug, obwohl sie doch so eine verflucht, natürliche Schönheit besaß, um die sie mit Sicherheit viele beneideten. Ich verstand einfach nicht, weshalb sie sich ihre Brüste vergrößern hatte lassen müssen, obwohl ihr Körper auch schon vorher die perfekten 90-60-90 gehabt hatte. Nur, um es mal anzumerken, ich habe vielleicht gerade mal Körbchengröße A. Aber jeder war seines Glückes Schmied, nicht war?
Obwohl wir doch dieselben Gene haben mussten, besaß sie so eine zierliche und kleine Statur, während ich mit meiner breiten Schulter, meinem nicht gerade flachen Bauch und meinem üppigen Po, mehr kurven hatte, als ein Formel 1 rennen. Klar, gegen den Heißhunger auf Schokolade konnte man etwas unternehmen, aber habt ihr schon mal eine Spätschicht geschoben, ohne dabei diese miesen Fressattacken zu bekommen? Habt ihr euch schon mal den Lobgesang eurer Eltern anhören müssen, die stundenlang nichts anderes taten, als meiner Schwester in ihren kleinen – aber sicherlich zuckersüßen, Arsch zu kriechen und ihr zu sagen, wie stolz sie auf sie waren? Mein Gott, wie sollte man das anders aushalten, als nebenbei ein paar Kekse oder Kuchen zu futtern? Ich will ja nun auch nicht lügen und sagen, ich sei Fett und dumm, aber verdammt, warum war sie nur so schlank? Warum ähnelten wir uns kein bisschen? Ich bewegte mich doch viel mehr als diese Tussi, die mit ihren mega High Heels, ihren knappen Röcken und den engen Shirts zu Vorlesungen gestöckelt war. Sie, die nichts anderes konnte, als ihr Gesicht in ein Kunstwerk zu verwandeln, hatte alles bekommen, was sie schon immer gewollt hatte – egal von wem. Sie brauchte nur mit ihren unechten Wimpern zu klimpern und schon lagen ihr alle Menschen zu Füßen. Woran das wohl lag? Vielleicht sollte ich aber weiter ausholen, damit ihr mich besser verstehen könnt?
Schon als wir klein waren, hatte ich sie beneidet. Darum, dass sie die Schulschönheit gewesen war. Beliebt, gemocht und akzeptiert. Ich wurde vom ersten Moment an, der ersten Unterrichtsstunde meines Lebens schon gehasst und ausgegrenzt. Für mich war die Schule früher ein Ort gewesen, an dem es einzig und allein um mein Überleben gegangen war. Ich hatte mich zu Hause in meinem Zimmer verkrochen und Bücher gelesen, Videospiele gespielt, nur um mich davon abzulenken, dass ich am nächsten Tag wieder dort hin musste. In diese Hölle aus Fieser und grausamer Kinder. Freunde? Zu dieser Zeit hatte ich nicht einmal die Bedeutung von Freundschaft verstehen können. Wirklich echte Freunde fand ich erst in der Berufsschule. Davor war alles nur schwarz, leer und einsam. Kennt ihr das Gefühl, dass fünfte Rad am Wagen zu sein? Aus der Not heraus akzeptiert zu werden? Gott, wie ich diese Klassenfahrten und Gruppenarbeiten gehasst hatte. Oder gar den Sportunterricht! Horror pur für einen Außenseiter wie mich. Warum diese Kinder das getan haben? Wer weiß, vielleicht saß ich einfach am falschen Ort, hinter den falschen Menschen? Vielleicht war es aber auch nur mein Schicksal gewesen. Ihr kennt doch sicherlich diese Personen, um die sich immer alle scharren? Die der Mittelpunkt jeder Schulklasse sind, weil jeder zu ihm oder ihr gehören will. Na ja, genau so jemand war Sie. Der Mittelpunkt dieser Scheiß Welt, die in genau zwei Klassen aufgeteilt war. Verlierer und Gewinner. Loser und Champions.
Glücklicherweise waren wir 4 Jahre auseinander und so hatte ich ihre Beliebtheit nicht lange ertragen müssen.
Jedenfalls, gut für mich war ihr Wunsch, eine erfolgreiche Anwältin zu werden und damit haufenweise Kohle zu verdienen. Dieser Job passte zu ihr, denn Jess hatte wahrlich eine gute Intuition. Sie besaß eine gute Menschenkenntnis und die Fähigkeit, sich jeden gefügig zu machen. Damit stand ihr eine große Karriere bevor.
Die Zeit verstrich und alles bewahrheitete sich.
Jess arbeitete an ihrem Ruf und ich schaffte irgendwie meinen Abschluss. Suchte mir eine Lehre und verdiente mein eigenes Geld. Ihr ahnt nicht, wie froh ich damals gewesen war, von diesen Menschen endlich wegzukommen. Mit der Lehre begann auch für mich ein neues Leben. Tja und danach, weitere Jahre später, wohnte ich bereits in meiner eigenen Wohnung, während meine Schwester jeden Tag mit ihrem hübschen kleinen Neuwagen durch die Stadt fuhr. Wohlgemerkt von Mami und Papi gesponsert. Als würde sich die Prinzessin mit einem gebrauchten zufriedengeben … Hätte ich noch ein Jahr länger zu Hause wohnen müssen, hätte ich mir definitiv ein Beispiel an Hannah Baker genommen. Denn tote Mädchen lügen nicht. Aber so weit war ich noch lange nicht an dem Abgrund aus Selbsthass und Selbstmitleid angekommen, dass ich mich in eine Badewanne setzen und mir die Pulsader aufritzen würde. Ansonsten könntet ihr das hier ja auch nicht lesen, nicht war? Ich schweife ab …, wo war ich? Ach ja, ich hatte endlich meine Sachen packen und aus diesem Irrenhaus ausziehen können. Es war das Erste, was ich getan hatte, nachdem ich auch die Berufsschule absolviert hatte. Weit weg von meinen blinden Eltern, weit weg von dieser Angebertussi die mich ohnehin nur beleidigte und niedermachte. Jess hat sich wirklich zu einer Furie entwickelt, wenn ich nun an früher dachte. Ich liebe meine Eltern, wie könnte ich sie auch nicht lieben? Und ich weiß, dass sie auch mich – wenn auch auf ihre Art und Weise, liebten. Vermutlich wollten sie einfach nur schon immer mein bestes, so wie es über fürsorgliche Eltern eben tun. Aber ich war eben – Gott weiß warum, nie wie meine Schwester. Ich wollte von Anfang an mein eigenes Leben. Ich wollte unabhängig sein, nichts von ihnen geschenkt und finanziert. Das, was ich von ihnen immer nur gewollt hatte, war ihre Liebe und Zuneigung. Nein! Das, was ich von ihnen am meisten hören wollte, war das sie stolz auf mich waren. Aber warum sollten sie das auch sein? Ich wollte nicht studieren, wahrscheinlich hätte ich es dank meinem IQ auch ohnehin nicht geschafft.
Vielleicht lag es auch einfach daran, dass es für mich in der Schule mehr ums Überleben gegangen war, als darum etwas zu lernen. Aber meine Schwester hatte den Weg vorgezeichnet und ich hatte ihr zu folgen. Leider tat ich dies eben nicht. Zum Unglück unserer besorgten Eltern. Sie merken einfach nicht, wie sie von ihr tagtäglich um den Finger gewickelt werden und genau das ärgert mich, versteht ihr? Während ich mir aus dem ersparten Geld einen Gebrauchtwagen gekauft hatte, war für meine Sis klar, so etwas wäre unter ihrer Würde. Wie sähe das auch aus? Eine Jura Studentin, mit einem kleinen VW-Golf, oder einem Opel? Nein, sie mussten ihr extra einen hübschen, funkelnden Mini kaufen, der so rot war, wie ihre immerzu geschminkten Lippen. Sie braucht ständig Geld für Klamotten und Partys und ich glaube, 100 Euro im Monat wären für sie nicht mal annähernd genug. Ich verstehe ja, dass sie als Studentin noch kein Geld verdient, aber es gibt doch so viele, die sich mit Nebenjobs etwas dazu verdienen. Die nicht immer Klamotten von teuren Marken tragen mussten und damit ihren Eltern noch mehr Geld aus der Tasche zogen, als sie für das Studium ohnehin schon hinblätterten. Jeder andere würde zumindest einen Funken Dankbarkeit dafür ausdrücken, was unsere Eltern da für sie tun! Aber wahrscheinlich kannte sie nicht einmal das Wort und deren Bedeutung, ganz gleich, wie hoch ihr Intelligenzquotient auch war. Nein, sie wollte ihre Freizeit lieber dafür nutzen, sich die Nägel – oder besser gesagt Krallen, zu lackieren. Mit ihren Freunden durch die Klubs zu ziehen, Männer abzuschleppen und in ihrem Zimmer von ihnen flachgelegt zu werden wie eine billige Nutte. Und mal im Ernst, wer wünscht sich zu seinem 25 Geburtstag von seinen Eltern eine Brustvergrößerung? Wenn sie psychische Probleme damit gehabt hätte okay, aber das Einzige, was sie damit wohl wollte, war mehr Männer anzuziehen. Für ihren Job einen Vorteil zu haben. Mehr angeben zu können.
Besser zu sein.
Perfekter. Und dafür hatten unsere Eltern fast 5000 Euro hingeblättert …
Warum sie das alles machen?
Glaubt mir, das frage ich mich schon all die Jahre, aber es ist sinnlos, dass zu verstehen. Es ärgert mich einfach, dass sie ihr das Geld hinterher schmeißen, ohne etwas dafür zu verlangen. Das sie Jess so verziehen, dass sie sich wohl schon selbst für die Königin dieser Welt hielt. Wenn ihr sie erst einmal kennenlernt, werdet ihr das besser verstehen. Ihre Art und weise lässt sich wirklich schwer in Worte fassen. Wer weiß, ansonsten war sie ja immer ihr Engel. Lieb, nett, konnte Gut mit den Augen betteln. Eine typische vorzeige Tochter eben. Sie hatte immer das aller beste Zeugnis und auch im Studium war sie unter den besten Studenten überhaupt. Vielleicht war es eben einfach nur ihr Stolz auf sie. Vielleicht wollten sie meine Schwester damit loben und weiter anspornen, ihr Bestes zu geben.
Meine Schwester hatte mir schon früh eingeredet, wie hässlich und fett ich doch war und ja, zu Grund- und Mittelschulzeiten war ich das wohl auch gewesen. Wenn man von nichts und niemanden akzeptiert wurde, war Schokolade manchmal das einzige Mittel um Trost zu finden. Ich habe ihr geglaubt, da selbst meine Schulkameraden das von mir dachten. Sie gaben mir merkwürdige Spitznamen, schlugen mich im Sommer, im Winter steckten sie mich in den Schnee. Im Unterricht bewarfen sie mich mit Gegenständen. Ich hatte schon früh einsehen müssen, dass mein Leben anders sein würde, als das von meiner Schwester, als das von so vielen Kindern dort draußen. Ich hatte früh gelernt, manches einfach zu akzeptieren. Wie hätte ich meinen Eltern auch noch sagen können, dass ich gemobbt und ausgegrenzt wurde? Dann hätten sie sich Sorgen gemacht und wären erst recht nicht stolz auf mich gewesen, wo meine Schwester doch die beliebte Klassenkönigin gewesen war. Die, die immer Freunde mit nachhause brachte, während ich allein in meinem Zimmer saß, mit einer Packung Kinder Riegel, während eine Folge Sailor Moon über meinen damaligen Fernseher flimmerte.
Dann, mit dem Beginn des Berufslebens, der Beginn eines neuen Lebensabschnittes, hatte sich meine Welt zumindest in einen Grauton verfärbt. Ich hatte Freunde gefunden, zu denen ich hatte flüchten können, wenn es mir Zuhause wieder einmal zu viel wurde. In den Augen meiner Eltern waren sie Nerds, Loser, Außenseiter, vielleicht sogar einfach nur ein paar verrückte Idiotien. Aber sie verstanden mich, teilten meine Hobbys und Leidenschaften. Wir hatten uns damals getroffen, um einfach nur abzuhängen, Serien gesuchtet und waren auf fast jeder Nerd Convention in der Gegend gewesen. Genau deshalb war ich wohl in ihren Augen der Rebell, im Gegensatz zu meiner engelsgleichen Schwester, die für so einen Kinderkram keine Zeit in ihrem Leben hatte. Aber wer weiß, vielleicht holte ich nur meine nicht vorhandene Kindheit nach? Für meine Eltern war es einfach unvorstellbar gewesen, dass ich mir nicht auch ein paar Busenfreunde anschaffte, Pyjamapartys schmiss, mir mit ihnen ebenfalls die Nägel lackierte und über Promis tratschte, die in der Bravo abgebildet waren. Warum wir nicht wie normale Teenager in Klubs und Bars abhingen. Eben normale Dinge für unser Alter taten. Aber was war schon normal in dieser Welt? Wer legte den bitte fest, was für unser Alter schon normal gewesen war?
Wie auch immer, deshalb war Sie ihr Engel und ich das böse, versagende Gegenstück. Wahrscheinlich war das heute auch noch so. Was hatte ich schon zu bieten? Zumindest waren mir diese Freunde selbst nach der Ausbildung geblieben. Im Grunde sind es sogar mehr geworden. Ganz so einsam war ich deshalb nicht mehr. Zurück betrachtet war die Berufsschule wohl die schönste Zeit meines Lebens. Dort gab es noch so wenig Verantwortung, weniger Probleme. Ich wurde akzeptiert, gemocht und nicht beschimpft und gehasst. Dort hatte ich Hoffnungen gehabt. Hoffnung, dass ich all das Grauen überlebt hatte und nun alles besser werden würde. Diese hatte ich zumindest ganze zwei Jahre in mir verspüren dürfen. Bis zum letzten Jahr. Bis Er aufgetaucht war … Er, der meine Welt aufs Neue eingerissen hatte. Wieso war nur alles so gekommen? Warum waren unsere Schicksale so Grund verschieden? Könnt ihr mir das vielleicht mal erklären? Immerhin sind wir doch von den gleichen Eltern aufgezogen worden? Sind im gleichen Umfeld aufgewachsen? Also warum dann? Als Kind hatte ich immer so sein wollen wie sie, nur um endlich akzeptiert zu werden. Um das haben zu können, was auch sie gehabt hatte. Mittlerweile war ich froh, dass es nicht so war. Dad hatte viel Geld, allerdings arbeitete er auch hart dafür und ja, natürlich hatten wir dadurch einen gewissen Standard. Aber musste man ihn deshalb gleich so ausnehmen, wie meine Schwester es tat?
Ich sah, wie wenig Geld er für sich oder Mom ausgab. Wusste durch belauschte Gespräche, dass ihr Studium sein Geld fraß. Das und wohl ihr immens hohes Taschengeld. Vielleicht hatte ich auch ausziehen wollen, um ihnen nicht länger auf der Tasche liegen zu müssen. Aber wirklich richtig vertrieben hatte mich Charlie. Charlie Benz, ihr erster Freund. Grundgütiger, wie ich diesen Muskelprotz gehasst hatte. Ihr wisst doch, wie diese Schönlinge sind. Hübsch, sich selbst überschätzend und die reinsten Flachzangen. Aber so wie meine Schwester jede Nacht das Haus zusammengeschrien hatte – und ja, ihr Zimmer lag neben meinem, musste er ja zumindest im Bett richtig was drauf gehabt haben. Dumm nur, dass sie Schluss machte, kurz, nachdem ich ausgezogen war. Lange rede kurzer Sinn, ihr versteht jetzt, was ich meine oder, wenn ich euch sage, dass das Schicksal echt beschissen sein kann? Ich bin so vieles, was sie nicht ist, als wäre sie Yang und ich Yin. Wir waren für immer miteinander verbunden, obwohl wir doch so unterschiedlich waren. Ich war so viel Durchschnitt und sie so herausragend in allen Dingen. Egal ob beim Zeichnen, Sport, Spiele oder sonst irgendetwas. Alles, was sie anfasste, wurde perfekt, als wäre sie bei ihrer Geburt durch einen Engel gesegnet worden. Ich war da nur der Tollpatsch mit den zwei linken Händen. Ich war eben ich. Eine brünette Frau, die nicht dumm und nicht dick war. Die in nichts wirklich gut zu sein schien. Die gern mal Dinge fallen ließ, über ihre Füße stolperte oder Sachen schnell wieder vergaß. Ich stand schon immer in ihrem Schatten und ja in manchen Momenten hasste ich es. Ich wollte ja überhaupt nicht beliebt sein. Ich wollte nicht, dass diese Aufmerksamkeit, die ihr immer zuteilwurde, plötzlich auf mich traf. Ich wollte einfach nur, dass ich aufhörte, mich mit ihr zu vergleichen. Ich wollte akzeptiert und gemocht werden. Wollte, dass dieses elende Gefühl, meine Eltern und am meisten mir selbst nicht gerecht zu werden, endlich von meinen Schultern verschwand, welches auf mir lastete und mich zunehmend zu Boden warf. Und auch, wenn ihr mir das jetzt vielleicht nicht glauben wollt, möchte ich wirklich nicht mehr mit meiner Schwester tauschen. So sehr beneidete ich sie heute längst nicht mehr. Ich war 24, sie 28. Wir waren erwachsen geworden und jeder hatte sein eigenes Leben. Ich wollte nicht mehr so sein wie sie, denn auch ich hatte Dinge, die sie wohl niemals haben würde. Ich könnte euch jetzt haufenweise Gefühle aufzählen aber sagen wir einfach mal, dass sie einen miesen Charakter hat. Sie kennt kein Dank, kein Mitgefühl. Wahrscheinlich weiß sie nicht einmal, wie man wirklich liebt, immerhin wechselt sie die Männer, wie ihre Unterwäsche. In meinen Augen war sie ein kaltes, gefühlloses Miststück geworden. Egozentrisch, arrogant und selbstgerecht. Egal wie klug und hübsch sie auch war und egal, wie sehr das Glück auch an ihr haftete, wie an mir das Pech, niemals würde ich meinen Charakter gegen ihren Körper ersetzen wollen. Niemals mein Chaotisches, aber auch normales Vorstadtleben, mit dem ihres oberflächlichen Lebens tauschen. Niemals würde ich meine Freunde gegen ihre Schönheit eintauschen wollen.
Eigentlich schon traurig, dass man so über seine Schwester reden muss und ich hoffe wirklich, dass das bei euch nicht auch so ist. Aber ich hatte eben noch nie das Gefühl gehabt, meine Schwester zu lieben. Wir beide waren einfach zu verschieden, als das wir uns lieben konnten. Meine ganze Familie war ein einziges Desaster. Vermutlich mehr meinetwegen. Es lag alles an mir.
Selbst an diesem einen Moment, der mich erst recht zerstörte, war ich schuld. Aber das ist etwas, worüber ich jetzt nicht reden kann, nicht jetzt, wo dieses schwarze Loch über mir lag, wie düsterer Nebel. Daran zu denken, war die eine Sache, darüber zu reden eine andere. Es machte es … irgendwie real, versteht ihr? Ihr werdet schon noch früh genug erfahren, wie dumm und naiv ich im letzten Ausbildungsjahr gewesen war.
Wie auch immer, man liegt, wie man sich bettet. Ich war eben da.
Existierte. Ging durch mein Leben, als wäre nichts. Aber tief in mir drin, so wie jetzt auch, war dieses kleine schwarze Loch, welches ich wieder zurückdrängen musste. Welches morgen früh, wieder in meinem Herz schlummern würde, als wäre es gar nicht da. Tief in mir drin war ich eine ziemlich kaputte Person, oder? Nun ja, diese Geschichte wäre wohl ziemlich langweilig, wenn ich weiterhin so über sie und mich philosophieren würde. Wenn ich euch nur erzählen würde, was mit mir alles nicht stimmte. Wen sollte das auch interessieren? Aber wisst ihr, da gab es jemanden, der alles durcheinander brachte. Den Helden dieser Geschichte. Jemanden, der nicht nur mich veränderte, sondern aus meiner Existenz ein Leben machte, für welches es sich plötzlich zu kämpfen lohnte. Jemand, der nicht das war, für den ich ihn anfangs gehalten hatte.
Aber dieser Mann besaß nicht nur Einfluss auf mich.
Dieser jemand, war wohl der gefährlichste Mann, dem wir beide jemals begegnet waren.
„Gib mir mal die Farbe“, bestimmte ich schon fast, als ich zu meiner Kollegin hinunterblickte. Ich stand auf einem kleinen Hocker, um einen besseren Blick in den Farbkasten der Maschine werfen zu können. Die Druckmaschine war gute 2 Meter hoch und ich leider nur 1,67.
Jenny reichte sie mir ohne Widerrede und blickte mich hoffnungsvoll an. Mit dem Spachtel nahm ich ein bisschen was von der frischen, schwarzen Farbe und mischte sie mit der, die bereits in der Maschine war. Danach stieg ich zu ihr hinunter und versuchte ihr Mut zu machen, indem ich ihr ein aufmunterndes lächeln schenkte. Jenny war als Azubi noch recht neu bei uns in der Firma und ja, auch ich kannte diese Aufträge nur zu gut, die einfach nur beschissen aussahen und man sich fragte, weshalb der Endkunde das nicht auch sah und diesen Rotz nicht reklamierte. Aber so war das in der Verpackungsproduktion nun mal. Man gab viel Geld für ein paar Etiketten aus, die schlussendlich niemanden interessierten und nach wenigen Tagen mit der leeren Verpackung wieder im Müll landeten. Da denkt niemand an den ganzen Frust und Ärger, den ein anderer damit gehabt hatte. „Probier es jetzt mal. Die Farbe ist viel zu flüssig für das Material. Das nächste Mal einfach weniger Verdünnung.“ Ich klopfte ihr auf die Schulter und sie blickte mich dankend an. Ich mochte dieses 18-jährige Mädchen. Kein Vergleich zu den anderen Azubis. Sie war einer der wenigen, die noch Nett, zuvorkommend und respektvoll mit älteren Leuten umging und vor allem noch Deutsch redete, anstatt Denglisch, oder wie man es auch nannte. „Danke, Jane!“ Fast schon viel sie mir um die Arme, so dankbar war sie mir.
Ich ließ das Mädchen wieder allein und trottete zu meiner Maschine zurück. Allerdings nicht, ohne einen Blick auf die Uhrzeit zu werfen. Gott sei Dank war es fast 22 Uhr und der Feierabend in greifbarer Nähe. Nur zu schade, dass morgen der Tag, der Tage war. Eigentlich war mir heute auch gar nicht nach lächeln zumute. Tatsächlich hatte ich sogar richtig miese Laune. Aber wenn jemand meine Hilfe benötigte, konnte ich sie ja auch schlecht wegschicken, mit der Begründung, meine Ruhe haben zu wollen.
Als ich an meinem Tisch ankam, der neben meiner Maschine stand, die noch immer fleißig ihre Etiketten druckte und aufrollte – die ja wie bereits erwähnt, so oder so wieder im Müll landeten, erblickte ich Anna. Wir hatten zusammen die Lehre gemacht und standen uns seitdem sehr nah. Nach der Mittelschule war sie meine erste richtige Freundin gewesen.
„Isst du schon wieder meine Oreos auf?“, fragte ich sie empört, als ich ihren Mund sah, der sich verdächtig hob und senkte. „Ich liebe diese Dinger einfach“, gab sie mit vollem Mund zu und ich zog einen Schmollmund. „Du weißt schon, dass die teuer sind?“ Ich lehnte mich an den Tisch, während sie gelangweilt auf meinem Stuhl herumlungerte und sich mit einem Selbst gefalteten Fächer Luft zu fächerte. Noch hatten wir Frühling, aber in diesen Hallen spürten wir schon jetzt, dass es eindeutig wärmer wurde. „Ich bringe dir in der nächsten Spätschicht, welche mit, versprochen!“ „Wer’s glaubt“, antwortete ich und blickte auf mein Handy. Ja es war Verboten, aber waren Verbote nicht da, um gebrochen zu werden? Was sollte ich auch machen? Ein Selfie mit meiner Maschine oder mit diesen Etiketten?
Gelangweilt öffnete sich Facebook fast schon von selbst. Der einzige Ort, wo man mit allen, die man mal getroffen hatte, irgendwie noch verbunden war, obwohl man sich ja im Grunde gar nicht mehr für sie interessierte. Früher waren es Freunde gewesen, vielleicht sogar enge Freunde, aber heute waren die meisten doch nur noch Gesichter und Erinnerungen unserer Vergangenheit. Man kommunizierte doch fast nur noch über Kommentare, Reaktionen oder ein paar coolen Emojis. Man las was sie erlebten, spionierte ihnen hinterher, ohne dass man den drang verspürte, mit ihnen wirklich in Kontakt zutreten. Die wenigsten dort, kannte man wohl persönlich und noch weniger von ihnen, traf man wohl auch im echten Leben.
Aber um die Zeit totzuschlagen war es ganz amüsant. Irgendwo waren wir doch alle neugierig. Das lag in der Natur des Menschen.
Ich stöhnte genervt, als ich das Bild von Jessica sah. Es prangte auf meiner Startseite ganz oben, als würde ich sowas von scharf darauf sein, zu wissen, was meine Schwester machte oder postete. Ich dachte, Facebook sammelt all unsere Daten? Konnten sie dann nicht auch wissen, dass ich lieber nichts von ihr sehen wollte? Anna blickte interessiert zu mir und fragte sich wohl, was ich entdeckt hatte. „Schau dir das an“, rief ich und zeigte ihr das Bild. Natürlich wusste Anna alles über mich und meine Sis. Anna war immerhin auch bereits Zeuge, von ihren heißen Nächten mit Charlie geworden. Einer der Gründe, weshalb wir damals zu Ausbildungszeiten lieber bei ihr übernachtet hatten, als bei mir. Unglaublich, dass es schon 8 Jahre her ist, dass wir uns zum ersten Mal begegnet waren, …
Sie stellte sich immer hinter mich und hasste Jess wohl ebenso wie ich. Wie eine richtige beste Freundin eben.
Sie lächelte verschmitzt. „Morgen ist es soweit. Bin mega aufgeregt. Wir sehen uns dort, XOXO“, las ich übertrieben eingebildet vor. „Tja aber verstehen kann man sie. Immerhin hat sie ihr Studium endlich abgeschlossen und schon einen richtig dicken Fisch an Land gezogen.“ Ich schnaubte verachtend und blickte auf das lächelnde Gesicht meiner Schwester. Zumindest bis ich bemerkte, dass man fast ihre Nippel im Ausschnitt sehen konnte. „Ach, die hat ihm ihre Titten gezeigt und wahrscheinlich durfte er einmal über sie drüber rutschen und das war’s.“ Anna verdrehte die Augen. „Warum denkst du sonst, spendiert dieser Kerl ihr eine Party? Nur um ihr bestandenes Studium zu feiern? Nur, um zu feiern, dass sie ihm den Arsch retten darf, wenn es darauf ankommt? Wer macht so etwas, außer meine Eltern?“
„Manche Menschen haben eben Geld. Was sollen sie sonst damit machen?“ Abwesend schob ich mein Handy wieder in meine Tasche zurück und mit einem Kopfschütteln stieß ich mich vom Tisch ab und begutachtete meine Produktion. „Sie könnten es an arme Kinder oder Hundewelpen spenden. Alles wäre logischer, als das!“ „Freue dich doch, so bezahlen deine Eltern weniger.“ Wieder schnaubte ich belustigt. „Das glaube ich erst, wenn sie ausgezogen ist und von meinem Vater keinen einzigen Cent mehr verlangt.“ Ich fing ihren Blick auf, als ich zu ihr an den Tisch zurückkehrte. „Warum kommst du nicht mit? Sie hätte bestimmt nichts dagegen?“, fragte ich sie, jedoch las ich ihre Antwort bereits an ihrem Gesicht ab. „Tut mir leid, aber ich hab mit Tommy schon was vor. Wir gehen ins Kino zum neuen Transformers Film. Aber warum gehst du eigentlich hin? Seit wann lässt du dich zu etwas zwingen? Und erst recht, wenn es um dein Wochenende geht?“ Ich presste die Luft aus meiner Lunge, die in diesen Hallen voller Lösemittel und Chemikalien sicherlich nicht sehr gesund war. „Meine Mutter. Sie würde mich umbringen, wenn ich nicht mitkomme. Glaub mir, ich mache das sicher nicht freiwillig, aber ich will sie nicht verletzen. Sie können ja nichts dafür, dass wir uns nicht grade lieben. Ich bin schon froh, dass wir mittlerweile eine halbwegs, normale Familie sind.“ Denn tatsächlich hatte der Umzug mehr bewirkt, als gedacht. Es war ein schönes Gefühl, wenn Mom mir sagte, dass sie mich vermisste. Was etwas war, was ich früher wirklich nicht gedacht hätte und dadurch, das Jessica und ich uns jetzt weniger sahen, geritten wir auch nicht mehr so oft aneinander.
Anna zuckte mit den Schultern, richtete sich auf und schob den Stuhl wieder zurück. „Du schaffst das schon. Was ist auch dabei. Du tanzt ein bisschen, trinkst ein paar Cocktails und wenn der Saal, den dieser Typ gemietet hat, tatsächlich so groß ist, kannst du ihr prima aus dem Weg gehen.“ Ich wusste, dass sie recht hatte, aber ich hasste es dennoch. Ich verstand einfach nicht, wer dumm genug war, so viel Geld für jemanden auszugeben, den er ohnehin auch noch bezahlen musste. Aber ich wusste auch nicht viel über diesen Job oder diesen Mann. Nur, dass er eine große Firma besaß und Jessica als Firmenanwältin einstellen wollte. Also warum dann dieser ganze Aufwand? Er war ja wohl kaum der Chef von Microsoft oder Apple! Und selbst die hatten bestimmt besseres zu tun!
Ich hatte mich extra in eines der schönsten Kleider gequetscht, dass ich besaß. Es war ja nun nicht so, dass ich mich nicht auch gern mal hübsch machte – okay, im Grunde hatte ich nur keine Lust auf die Beleidigungen meiner Schwester. Wenn ich nun in den Spiegel blickte, konnte ich jedes Mal spüren, wie mein Selbstbewusstsein anstieg. Es war wirklich beschämend, dass ich nur deshalb so selbstbewusst war, weil ich ein bisschen Make-up und ein hübsches Kleid mit hohen Schuhen trug. Als würde ich mich nur so schön fühlen können. Wenn ich mich am Morgen im Spiegel betrachtete, mit den Pickeln, die sich in meinem Gesicht verloren hatten, den langen, zerzausten Haaren und den nicht gerade gleichmäßig gezupften Augenbrauen, verspürte ich kaum mehr Selbstachtung. Wann hatte ich nur angefangen zu glauben, ich könnte mich jemals wieder akzeptieren? Wahrscheinlich war das vor ihm gewesen. Vor meinem dritten Ausbildungsjahr. In der Zeit, wo alles rosarot und schön gewesen war. Meine sonst so glatten, braunen Haare, hingen dieses Mal gelockt von meiner Schulter und bedeckten den Ausschnitt meines rubinroten Kleides. Jessica hatte mir extra befohlen nichts Blaues anzuziehen. Diese Farbe gehörte ihr. Denn wie sie meinte, würde diese ihre Augen Perfekt unterstreichen. Bla, bla, bla. Es war lang und reichte mir bis kurz vor meinen Knöcheln, sodass man meine hübschen, nicht ganz so hohen schwarzen Pumps gut sehen konnte. Welche Frau liebte denn bitte schön keine Schuhe? Die untere Hälfte des Kleides war aus leichtem Tüll, sodass sich der angenehme Stoff bei jeder Bewegung um meine Beine schlang. Gerade, als ich mir meine Kette umgelegt und meine unechten, Rose goldenen Ohrringe angesteckt hatte, klingelte es auch schon an meiner Tür. Hastig schnappte ich mir meine Handtasche und meine Jeansjacke und marschierte zu meinen Eltern hinunter, die bereits vor dem Haus parkten. Meine Mom umarmte mich herzlich und drückte mir einen dicken Schmatzer auf meine Wange. Wahrscheinlich wusste sie gar nicht, wie mir all die Jahre, genau das gefehlt hatte. Diese Zärtlichkeiten hatte es früher nie gegeben. Da gab es nur kummervolle Blicke und vorwurfsvolle Ratschläge zur Verbesserung meines Lebens. Vielleicht hatten sie jetzt einfach eingesehen, dass ich anders war als Jess?
„Hallo, Mutti“, begrüßte ich sie. Da sie mich so vergnügt anlächelte, lächelte ich zurück, auch wenn ich wusste, dass dieses so freudige Lächeln nicht mir galt, sondern der bevorstehenden Feier meiner Schwester. Ich konnte ihren stolz in ihren Augen glitzern sehen und mein Magen krümmte sich vor Eifersucht. Nie hatte sie für mich so gelächelt, sich so für mich gefreut, selbst als ich meinen Abschluss gemacht hatte. Aber was war schon eine billige Lehre, gegenüber einem Jurastudium … Ich hatte sowas von keine Lust auf diesen Abend. „Sieh dich an, du bist genauso schön wie Jessica.“ Auch mein Vater umarmte mich und zwinkerte mir anerkennend zu. Na ja, wenn er meinte. Ich wusste, dass mir dieses Kleid stand. Es betonte meinen Po und kaschierte meine wenig vorhandene Oberweite. Durch meine offenen und langen Haare hatte ich auch gelernt, meinen breiten Rücken kaschieren zu können. Vielleicht war das ja auch nur Einbildung, aber der Mensch bildete sich ohnehin zu viel ein. Er dachte viel zu viel über solche Dinge nach und zerbrach sich den Kopf nach Lösungen, die am Ende ohnehin niemanden interessierte. Hatte ich gelernt durch meinen Job so zu denken?
Als wir ankamen, staunte ich in der Tat nicht schlecht. Ich hatte aus Erzählungen meiner Schwester gewusst, dass der gemietete Saal groß, modern und in einer schönen, ruhigen Gegend liegen würde, aber dies hier überschritt alles, was ich mir darunter vorgestellt hatte. Das Haus lag am Rande eines Waldes und ein großer, mit Blumenbeeten und Bänken verzierter Rasen erstreckte sich vor diesem pompösen Haus. Jetzt – im Frühling, begann alles wieder zu blühen und wohl auch deshalb lag eine gewisse Atmosphäre über diesen Ort. Laternen erleuchteten die Wege, die den Rasen unterbrachen. Die Sonne stand schon so tief, dass die Bäume des Waldes kalte Schatten warfen. Ich zog die Jacke enger an mich. In den letzten Stunden hatte sich die angenehme Frühlingsluft ziemlich abgekühlt und ich bekam bereits eine Gänsehaut, von dem kalten Wind, der aufkam. Sofort erkannte meine Mutter Jess, die am Eingang stand, um ihre Gäste zu begrüßen. Wie zu erwarten trug sie ein wunderschönes, Kornblumenfarbenes Kleid, welches ihr nur knapp über den Po reichte. Allerdings war dieser Ausschnitt auch nicht ohne … Konnte sie sich damit überhaupt bücken, ohne dass vorne alles herausfiel oder hinten ihr Arsch herausrutschte? Während unsere Eltern überglücklich lächelten und Jess fest umarmten, schaffte ich es gerade mal halbherzig zu grinsen. „Alles Gute, Jess“, entgegnete ich und begutachtete ihre silbernen Kreolen, die an ihren Ohren baumelten und sicherlich einen Durchmesser von 7 cm hatten. Ihr Haar hatte sie zu einer schicken Hochsteckfrisur zusammen gebunden und mit Diamanten besetzten Spangen versehen. Na ja diese Diamanten waren unecht, das war keine Frage. Oder aber, eine Spende von ihrem Wohltäter. Oder Zuhälter … „Danke“, sagte sie knapp, bevor sie unsere Eltern so zuckersüß anlächelte, als wäre sie die gute Fee. „Ist es nicht wunderschön hier? So idyllisch und trotzdem modern und elegant. Kein Wunder, dass die Leute hier gern Heiraten. Ich möchte unbedingt meinen Geburtstag auch hier feiern, Papi“, sagte sie und blickte über die schöne Landschaft. Das war ja klar. Ich glaubte kaum, dass sie diese Feier allein bezahlen wollte. Auch, wenn sie ja jetzt schließlich selber Geld verdiente – wohlgemerkt! Mein Vater lächelte natürlich liebevoll, wenn auch besorgt. „Wie könnte ich dir einen Wunsch abschlagen, Prinzessin.“ Ich kotz gleich. „Das war in der Tat wirklich großzügig von deinem neuen Chef“, meinte ich provokant und verschränkte die Arme vor der Brust. Stolz lag in ihren Augen. „Was willst du damit andeuten, Schwesterherz?“ Ablehnend schüttelte ich den Kopf. Ich war heute wirklich nicht in der Stimmung, mit ihr einen Krieg zu starten. Am Ende wäre ich eh wieder die böse. Nein danke! „Ihr könnt ja schon mal hereingehen. Die Treppe hoch und dann hört ihr sicher bereits die Musik.“ Wieder lächelte sie, als wäre sie die Königin der Welt. Na das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Während meine Eltern noch bei ihr blieben, um ihr vermutlich noch zusagen, wie stolz sie auf sie waren, machte ich mich auf die Suche nach dem Saal, den dieser spendable Heer reserviert hatte. Scheinbar gab es hier mehr Zimmer, als in dem ganzen Haus, indem ich wohnte. Aber es war wirklich schick hier, dass konnte man nicht leugnen. Alles hier drinnen war im Barockstil gehalten. Große goldenen Kronleuchter hingen von den Decken. Dicke, verschnörkelte, weiß lackierte Eichentüren verschlossen mir die Sicht auf die anderen Räume und sogar die Tapeten und Fußböden wirkten zwar Alt aber durchaus edel auf mich. Ich war mir sicher, dass sie hier gut ausgebucht waren. Fast schon fühlte ich mich wie bei den Royals persönlich. Jess hatte recht, man brauchte nur dem klang der Musik zu folgen und schon stand man vor einer großen Flügeltür, die weit offen stand. Ich atmete noch einmal tief durch, warf noch einen flüchtigen Blick auf den goldenen Türgriff und betrat dann den Raum. Ich wusste, was jetzt auf mich warten würde. „Oh, Jane, wie schön dich zu sehen!“ Tante Ines trat auf mich zu. Sie war zwar die Neugierde in Person, aber irgendwie mochte ich sie trotzdem. „Schön dich zu sehen“, begrüßte und umarmte ich sie. Das ganze ging noch ungefähr eine halbe Stunde so weiter. Ja wir hatten eine Menge Verwandte. Allein mein Vater hatte 5 Geschwister, meine Mutter lediglich noch zwei Schwestern aber alle hatten Ehemänner, Kinder und sogar diese hatten schon Nachwuchs. Natürlich sollte man unsere Omas und Opas nicht vergessen. Und dann gab es da noch jede Menge junger, gutaussehender Hungerhaken, von denen man sofort wusste, dass sie zu meiner Schwester gehörten. Alle besaßen dieselbe arrogante Ausstrahlung. Gott sei Dank, bedachten sie mich nur mit höhnischen Blicken und kamen nicht zu mir hinüber stolziert, in ihren Prada Kleidern und ihren Taschen von Vuitton. Plötzlich fiel mir mit diesem Gedanken ein Satz aus einer Serie wieder ein. Da hatte mal jemand gesagt: Schöne Dinge, sind erst dann wirklich schön, wenn sie sich mit schönen Dingen umgeben.
Ich musste wohl wirklich weniger Serien schauen … Aber mal abgesehen davon, war daran auch etwas Wahres. Selbst der Prinz von Aschenputtel hatte sich erst in sie verliebt, als sie zur schönen Ballkönigin wurde. Wahrscheinlich hätte er sie vorher nicht einmal von der Seite angesehen. Diese Zicken sollten mich heute lieber in Ruhe lassen, denn ich hatte mittlerweile sehr gut gelernt, mich zu verteidigen. Zumindest mit Worten. Hätte ich das doch nur schon damals gekonnt!
Ja dieser Raum war unglaublich groß, aber durch unsere ganze Familie, wohl dennoch etwas zu klein. Als ich den Buffettisch sah, riss ich mich von Hilde –meiner Cousine, los. Klar, die meisten von ihnen waren wirklich okay. Aber ich mochte diese Familientreffen dennoch nicht. Wenn dich jeder fragt, wie es dir geht, was dein Job macht und ob du endlich auch einen Mann getroffen hast, kann dir das ziemlich auf die Nerven gehen. Besonders diese ständigen Fragen, nach meinem Liebesleben, nicht das es eines gäbe, nervten gewaltig. Natürlich gab es damals jemanden, aber an diesen jemand, wollte ich mich am liebsten nie wieder erinnern. Aus meinem Gedächtnis streichen, alles ungeschehen machen und so tun, als wäre nie etwas passiert … Das wäre wohl zu viel Glück für mich. Ich ermannte mich, nicht daran zu denken, denn jedes Mal, fühlte ich die innere Kälte in mir aufsteigen und sich um mein Herz legen. Manchmal wünschte ich mir, ich wäre so empfindungslos wie meine Schwester. Vielleicht mochte ich diese Fragerei deshalb nicht.
Liebe war eben nicht mehr mein Thema. Und ich mochte es lieber, nicht daran denken zu müssen, wie einsam ich in meinem inneren war. Liebe gehörte nicht mehr zu meinem Leben. Wie sollte ich auch jemand anderes lieben können, wenn ich mich nicht mal selbst Akzeptierte? Seitdem das geschehen war, hatte ich nie wieder etwas für einen Mann empfinden können. Traurig aber ich hatte mich an die Einsamkeit gewöhnt, die sich jede Nacht heranschlich, wie ein kleiner, tot bringender Teufel. Aber es war meine Schuld, meine ganz allein, dass es jetzt so ist, wie es ist. Warum nur fanden sie es bei mir schlimm, dass ich seitdem – und das ist jetzt gute 5 Jahre her, keinen Freund mehr hatte, aber bei Jess war es egal, dass sie jedes Wochenende einen anderen hatte. War das etwa besser? Wohl kaum! „Sie müssen Jane Roth sein, Jessicas Schwester.“ Ich drehte mich zu dieser tiefen, rauen Stimme herum, die Männlicher nicht sein konnte. Herrgott, das war kein Mann, das war Adonis in menschlicher Form. Ich konnte nicht anders, als ihn zu mustern. Seine Augen durchstachen mich und hielten mich gefangen, ließen mich zu Eis erstarren, während das Blut in mir zu kochen begann. Seine Haltung signalisierte Überlegenheit. Sein kantiges Gesicht, mit den vollen Lippen, seinen großen Augen und den hohen Wangenknochen sprachen von Selbstbewusstsein, vielleicht auch Arroganz. Diese dunklen, blauen Augen, strahlten etwas Sinnliches aber zugleich auch Unheilvolles und gefährliches aus. Umrahmt wurde dieses so markante Gesicht von kurzgeschnittenen, pechschwarzen Haaren. Ich wusste nicht genau warum, aber er wirkte einschüchternd auf mich. Vielleicht ja deshalb, da er so groß und breit war? Oder aber wegen diesen alles verschlingenden blicken. Er trug einen Smoking, in einem ebenfalls dunklen blau. Da er so viel anhatte, konnte ich diesen Körper nur erahnen, der sich darunter verbergen musste. Dennoch ragten gute 2 Meter Muskelmasse vor mir auf und ich musste denn Kopf beugen, um ihn anzusehen.
Dieser Mann war der Inbegriff von Stärke und Macht und ich spürte, dass man sich mit ihm lieber nicht anlegen sollte, da ich glaubte, dass diese starken Arme nicht nur den Einkauf tragen konnten. Er strich sich durch seine kurzen Haare und dabei lächelte er so verdammt charmant, dass mein Herz zu rasen begann und ein Kribbeln durch meinen Körper jagte. Sowas war mir gänzlich neu. Ich hätte niemals gedacht, dass mein Herz jemals so schlagen würde. Dass mein Atem aus meiner Lunge wich und ich nicht dem Tode geweiht war, sondern einfach nur wie eine bekloppte vor einem Mann stand, der sich bestimmt gerade fragte, was ich für ein Problem hatte. Ich hatte bis jetzt immer geglaubt, dass ich nun gänzlich gefühllos gegenüber Männern wäre … Hatte es vor ein paar Minuten noch gedacht, bis er mich aus meinen Gedanken gerissen hatte. Nun aber kreisten sie einzig und allein um ihn hier. Mister Adonis, der seine Hände lässig auf seiner Hüfte liegen hatte, zumindest, bis er mir eine entgegenstreckte. Nur Zugern wollte ich sie entgegennehmen, aber sein intensiver Blick, ließ mich nicht. Hielt mich noch immer in meiner starre gefangen. Ich hatte noch nie zuvor einen Mann getroffen, der eine so einschüchternde Aura besaß. „Wenn ich mich vorstellen dürfte, Damien Blake, der neue Arbeitgeber ihrer Schwester.“ Ich spürte, wie ich ihn mit offenem Munde anstarrte. Blickte auf seine starke Hand, die nun weniger einladen auf mich wirkte. „Hallo“, sagte ich knapp während die Luft in meine Lungen zurückkam. Jetzt ergab alles einen Sinn.
Ich drehte mich erneut zu dem Tisch herum, da ich seinen intensiven Blicken nicht länger standhalten konnte und griff als Ablenkung nach einem Glas Sekt, die auf einem Tablett hübsch angeordnet waren. Ich hatte ihn mir nicht nur älter vorgestellt, bei weitem auch irgendwie … ekelhafter. Wie diese Leute eben sind, die für Sex jemanden eine solch kostspielige Party spendierten. „Ihre Schwester hat nie erwähnt, dass sie so attraktiv sind.“ Beinahe hätte ich den Schluck, den ich gerade genommen hatte, wieder in mein Glas zurück gespuckt. „Sie nehmen auch kein Blatt vor den Mund“, erkannte ich abwertend und ohne mich ihm wieder zuzuwenden. So gutaussehend dieser Mann auch war, es war nicht zu übersehen, das er ein Womanizer war und vermutlich alles Vögelte, was nicht bei drei verschwunden war. Ich hatte anfangs gedacht, er sei der neue von Jess und nicht ihr Chef! War er dafür nicht zu Jung? Ich schielte zu ihm hinüber, als ich bemerkte, dass er mich noch immer musterte. Dieser Mann passte zu meiner Schwester, keine Frage. Aber warum nannte er mich dann attraktiv? Ich war bei weitem nicht sein Beuteschema, also was wollte er von mir?
„Ich bin nun mal sehr ehrlich.“ Er kam einen Schritt auf mich zu und unweigerlich spannte sich mein ganzer Körper an, als er sich nach vorne beugte, mich mit seinem Arm streifte und sich ebenfalls ein Glas nahm. Ich roch sein würziges Parfum, welches wohl so schnell nicht mehr aus meinen Gedanken verschwinden würde. War ich jemals einem Mann wie ihm begegnet? Bestimmt nicht, er gehörte in Kreise, die mir niemals zugänglich sein würden. Er hatte das Leben, was sich meine Schwester wohl schon immer gewünscht hatte. Wahrscheinlich hatte er genauso wenig Charakter, wie sie. Dann kannte er nicht einmal die Bedeutung von Ehrlichkeit.
„Kann ich Sie etwas fragen?“, begann ich und lächelte dabei gespielt freundlich. „Sicher, fragen Sie was immer Sie wollen.“ Auch er setzte erneut dieses charmante lächeln auf, welches gleichermaßen verschmitzt aber durchaus interessiert wirkte. „Wieso geben sie so viel Geld, für ihre neue Mitarbeiterin aus?“ Ich konnte einfach nicht anders. Ich erwartete nicht von ihm, dass er es zugab, aber ich wollte wissen, wie er sich erklärte. Amüsiert ließ er den Sekt in seinem Glas umher kreisen, während er mich nicht aus den Augen ließ. „Was denken sie warum?“ Mein Lächeln wurde durchtriebener. „Ich hoffe nur, es hat sich für sie auch gelohnt.“ Ich zog die Augenbrauen hoch, leerte mein Glas mit einem Zug und schritt davon. In diesem Moment sah ich garantiert genauso stolz aus, wie meine Schwester. Nur mit dem Unterschied, dass ich so etwas wie Würde besaß, Jess nicht. Ich spürte seine Blicke hinter mir. Dieser Mann war in der Tat ein Jäger und meine Schwester sein Opfer. Wahrscheinlich würde er sie fallen lassen, wenn es ihm mit ihr zu langweilig werden würde.
Dieser Abend war genauso, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Onkel Oliver war bereits kurz nach 20 Uhr sturzbetrunken und unterhielt damit die Menge. Die kleinen tanzten mit ihren Luftballons und schmissen das Konfetti, welches sie immer wieder vom Boden aufhoben, in die Luft. Woher sie nur ihre ganze Energie nahmen …
Die Erwachsenen tranken, redeten und Tanzten zu alten und neuen Liedern. Ich fragte mich, warum sie keinen DJ angeheuert hatten, sondern die Musik lediglich von CDs abspielten. Aus großen Lautsprecherboxen drang der Rhythmus von Foxtrott. Meiner Meinung nach hatten sie da an der falschen Stelle gespart, denn bei einem DJ hätte man sich wenigstens beschweren können. Ich beobachtete meine Eltern von der Bar aus. Wie sie eng umschlungen tanzten, als seien sie 16. Ich konnte nicht anders, als sie sehnsüchtig anzublicken. Nicht jeder hatte das Glück, nach so vielen Jahren noch so verliebt zu sein. Erst recht nicht mit zwei Kindern, die sich auf den Tod nicht ausstehen konnten. „Darf ich?“ Diese Frage schien keine zu sein, da Blake im gleichen Zuge, sich bereits auf den Barhocker neben mich setzte und sich einen Drink bestellte. Dieser Mann war einfach mehr als dreist. Diese Veranstaltung hier war seit mehr als 3 Stunden im Gange und dieser Kerl schien mich zu Stalken. Denn überall wo meine Augen landeten, trafen sie auf ihn und das lag nicht an mir, zumindest nicht nur … Ich gab zu, dass ich ihn ab und an ebenfalls in der Masse gesucht hatte und mein Herz sich erneut zu Wort gemeldet hatte, als er sich sein Jackett ausgezogen und die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt hatte. Aber ich war sicher nicht diejenige, die ununterbrochen seine Nähe suchte. Auf ihn konnte ich jetzt gut und gerne verzichten, zumal ich sah, dass Jess uns – oder wohl besser ihn, beobachtete. Ganz ehrlich, in diesem Augenblick genoss ich ihre bösen Blicke. Ich glaubte, es war das erste Mal, dass sie eifersüchtig auf mich zu sein schien. „Warum sitzt du hier so allein? Keine Lust zu feiern?“ Irgendwie machte seine Anwesenheit mich nervös und ich zupfte an meinem Kleid herum.
