Schwestern der Revolution - Arabelle Bernecker - E-Book

Schwestern der Revolution E-Book

Arabelle Bernecker

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4,99 €

Beschreibung

Furchtlos in der ersten Reihe standen Frauen bei Revolutionen seit jeher, doch sichtbar haben sie erst die neuen Medien gemacht. Als "das Mädchen mit dem blauen BH" in Ägypten oder die von Wasserwerfern beschossene "Frau im roten Kleid" in der Türkei gingen ihre Bilder um die Welt – und haben unseren Blick auf die Frauen, vor allem auch die aus arabischen Ländern, für immer verändert. Doch wer sind diese unerschrockenen Frauen aus völlig unterschiedlichen Kulturen, die jede für sich die mutige Entscheidung getroffen haben, sich gegen Diktatur und Ungerechtigkeit aufzulehnen, obwohl sie dafür einen hohen Preis zahlen müssen? In eindrucksvollen Porträts ziehen diese "Schwestern der Revolution", wie die Straßenschlacht-erprobte Ola aus Kairo oder die international vernetzte Aktivistin Breza aus Serbien, Bilanz.

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Seitenzahl: 292

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Arabelle Bernecker

Susanne Glass

Schwestern der

Revolution

Aktivistinnen im Kampf

gegen Diktatur und

Unterdrückung

Fotografien von

Bernd Kolb

HERBiG

Bildnachweis

Houria Toubal, Leïla Sedira.

Zaheena Rasheed Bild 1 und Bild 2

Johannes Tichy, Wien (Foto Arabelle Bernecker);

Alex Goldgraber, Wien (Foto Susanne Glass)

Alle anderen Fotos: Bernd Kolb

Besuchen Sie uns im Internet unter:

www.herbig-verlag.de

© für die Originalausgabe und das eBook:

2015 F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Wolfgang Heinzel unter Verwendung eines Fotos von Bernd Kolb

Satz und eBook-Produktion: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

www.Buch-Werkstatt.de

ISBN 978-3-7766-8212-0

Inhalt

Arabelle Bernecker, Susanne Glass

Frauen kämpfen für Veränderung, Männer um die Macht

Susanne Glass

Serbien

»Was in Serbien gelungen ist, muss doch auch anderswo zu schaffen sein«

Breza: »Frauen haben Mumm, Courage und Zähigkeit. Aber nicht dieses Testosteron-Dings«

Susanne Glass

Georgien

»Wir werden Rosen statt Kugeln auf unsere Feinde werfen!«

Nini Gogiberidze: »Wir waren voller Enthusiasmus damals, wir hatten die Angst vor dem System verloren«

Arabelle Bernecker

Tunesien

Aufstand der Unterdrückten

Lina Ben Mhenni: »Ich weiß, dass ich mein Leben riskiere«

Radhia Nasraoui: »Um mich zum Schweigen zu bringen, muss man mich töten«

Asma Kaouech: »Es ist meine Pflicht, optimistisch zu sein«

Arabelle Bernecker

Ägypten

Regieren mit eiserner Faust

Ola Shahba: »Das Schlimmste ist der Verlust der Freunde«

Dina Abou El Soud: »Mein Hostel war das ›House of the Revolution‹«

Sara Fouad: »Wir werden einen hohen Blutzoll zahlen müssen«

Arabelle Bernecker

Algerien

»Moslems gehen nach Mekka, Revolutionäre gehen nach Algerien«

Houria Toubal: »Die Besten von uns sind tot«

Leïla Sedira Laroussi: »Todesangst macht kreativ«

Susanne Glass

Malediven

»Wir sind auch eine Demokratie. Nur ohne politische Parteien«

Zaheena Rasheed: »Du bist die Nächste, die verschwindet!«

Susanne Glass

Philippinen

Ein Glassarg und ein Schuhmuseum für das Diktatorenpaar

Cecilia Pe Lero: »Das Wissen um diese furchtbare Diktatur hat mich geprägt«

Bernd Kolb

»Überall dort, wo Revolution in der Luft liegt, wird sie auch dringend benötigt«

Arabelle Bernecker, Susanne Glass

Den Kampf gewinnen, den Frieden verlieren?

Dank

Die Autorinnen und der Fotograf

Frauen kämpfen für Veränderung, Männer um die Macht

»Wenn das Volk eines Tages zu leben beschließt Muss das Schicksal sich beugen Muss die Finsternis weichen Müssen die Ketten aufbrechen.«

Abu al-Qasim asch-Schabbi, tunesischer Nationaldichter (1909–1934)

Wie würden wir handeln? In die Schusslinie der Polizei springen, um einen schwer verletzten Freund zu retten? Was wäre, wenn wir im Gefängnis brutal zusammengeschlagen oder sexuell misshandelt würden oder eine SMS mit einer Todesdrohung auf dem Handy aufblinkt? Ein naher Verwandter plötzlich verschwindet – und unauffindbar bleibt? Würden wir trotzdem, wie Ola in Ägypten oder Zaheena auf den Malediven, für unsere Überzeugungen weiterkämpfen? Unser Leben, vielleicht auch das unserer Familie, für Menschenrechte und Demokratie, gegen Unterdrückung und Willkürherrschaft riskieren?

Bei der Arbeit an diesem Buch haben wir uns viele, oft sehr persönliche Fragen gestellt. Die meisten sind unbeantwortet geblieben. Zum Glück, denn wir leben in einem Rechtsstaat. Aber eines wurde uns dadurch klar: Dies ist ein großes Privileg. Und die Fragen sind geblieben, genauso wie die Bilder und Geschichten dieser außergewöhnlichen Frauen. Sich mit ihren Schicksalen auseinanderzusetzen, hat schließlich auch unser Leben verändert. Nicht dass wir das so geplant hätten. Im Gegenteil, damit hätten wir nicht gerechnet.

Die Themen Revolution, Krisen, Bürgerkrieg, Staatswillkür sind ja nicht neu für uns. Wir beschäftigen uns beide seit vielen Jahren damit. Susanne ist mit 29 Jahren ins Kosovo gegangen, um für die ARD über den Krieg zu berichten. Später hat sie in Belgrad verfolgt, wie es der oppositionellen Bewegung gelang, das Regime des serbischen Diktators Milosevic friedlich zu stürzen. Inzwischen ist sie seit mehr als 15 Jahren als Korrespondentin in Südosteuropa unterwegs.

Arabelle hat seit 1999 für internationale Organisationen in Osteuropa, im Nahen Osten und Nordafrika gearbeitet. Hat dabei während des Kosovo-Konflikts in Albanien Flüchtlinge registriert und in Bosnien-Herzegowina zum Wiederaufbau der vom Krieg zerstörten staatlichen und zivilen Strukturen beigetragen.

Beide sind wir durch unsere Arbeit immer wieder in kritische Situationen geraten. Manches Mal war es noch gefährlicher, weil wir Frauen sind. Manches Mal hat uns genau das gerettet. Wir haben einander diese Erlebnisse erzählt – das schon. Aber viel ausführlicher waren unsere Diskussionen über die Einsatzgebiete: Wie wir die politische Situation vor Ort beurteilten, ob es im Job Probleme gab und wie und wohin wir den nächsten Trip organisieren würden.

Aber dann kam Arabelle eines Tages aus Algerien zurück und konnte nicht mehr aufhören, von Houria Toubal zu sprechen. Dieser charismatischen »Alten Kämpferin« (»ancienne combattante«) des algerischen Unabhängigkeitskriegs, die als Revolutionärin mit ihren Kameraden sechs Jahre in der Wildnis gelebt hat. Eine Frau, die in den Abgrund der menschlichen Seele geblickt und am eigenen Leib erfahren hat, zu welchen Extremleistungen man seinen Körper zwingen kann, wenn man muss – und die dennoch ein außergewöhnlich positiver, warmherziger Mensch geblieben ist.

Uns fiel auf, dass man viel zu wenig von ihr und ihresgleichen weiß, obwohl es doch schon immer Frauen gegeben hat, die in Kriegen, Aufständen und Revolutionen an vorderster Front mitgekämpft haben.

Wir hatten nicht zuletzt auf unseren Reisen immer wieder Frauen getroffen, die sich, wie Houria, auf beeindruckende Weise unter Lebensgefahr gegen Diktatur und Ungerechtigkeit aufgelehnt haben. Frauen, deren Geschichten uns bewegt und in ihren Bann gezogen haben. Weil sie von Mut handeln. Aber auch von Selbstaufgabe. Von Tollkühnheit, Prinzipientreue und Idealismus. Von der Fähigkeit, im Angesicht allergrößter Gefahr und trotz aller Rückschläge immer wieder aufzustehen und weiterzumachen.

Es hat sie immer gegeben, diese weiblichen Vorbilder. Doch erst jetzt, wo Twitter und Facebook das Monopol der klassischen Medien aufbrechen, beginnen sie endlich sichtbarer zu werden.

Wer sind nun diese »anciennes combattantes«, deren Erbe das Selbstverständnis der Algerierinnen bis heute prägt, oder die Aktivistinnen des Arabischen Frühlings, die unser Bild von der muslimischen Frau für immer verändert haben? – Die Idee für dieses Buch war geboren.

Frauen, die nicht nur ihr eigenes Schicksal in die Hand nehmen, sondern die Zukunft ihres Landes aktiv mitgestalten: Ihre Gesichter wollten wir zeigen und ihre Geschichten erzählen. Auch um zu unterstreichen, dass die alte, leidige Frage: »Ja, kann das denn eine Frau, ist das nicht viel zu gefährlich?« eigentlich längst beantwortet ist. Es geht hier deshalb gar nicht mehr so sehr um das »Ob«, sondern um das »Wie«: darum, wie Frauen Ausnahmesituationen bewältigen. Was sie motiviert und was sie fürchten. Aber auch: Mit welchem Ergebnis sie ihre Vorstellungen umsetzen.

Breza aus Belgrad hat es so formuliert: »Frauen müssen keine Heldinnen sein. Sie haben nicht dieses Testosteron-Dings. Sie stecken ihre Ziele lieber realistisch. Und sind damit oft erfolgreicher als Männer.« Breza muss es wissen. Sie hat Kontakt zu tatsächlichen und potenziellen Revolutionären und Revolutionärinnen auf der ganzen Welt. Vermutlich so viel Kontakt wie niemand sonst. Es ist ihr Job, Seminare für prodemokratische Aktivisten zu organisieren. Daher kennt Breza auch Cecilia, die auf den Philippinen für Rechtsstaatlichkeit kämpft, und Sara aus Ägypten, die extra nach Serbien gereist ist, um einen der CANVAS-Workshops (Centre for Applied Nonviolent Action and Strategies) zu besuchen. So wie auch Nini aus Georgien, die sich in Belgrad Tipps für die Rosenrevolution in Tiflis geholt hat. Inzwischen hält Nini selbst solche Workshops, derzeit unter anderem für Iraner oder Syrer.

Einige der Revolutionärinnen sind also ganz real, über alle Grenzen und Schwierigkeiten hinweg, miteinander verbunden. Bei anderen existiert die Verbindung eher im übertragenen, ideellen Sinne. »Schwestern im Geiste« sind sie alle. Und alle setzen sie für ihre Ziele ihre ganze Existenz aufs Spiel.

Die Frauen selbst sind sich der Gefahr, in der sie schweben, sehr bewusst. Gleichzeitig wollen sie ihre Geschichte teilen, um anderen Mut zu machen. Nicht zuletzt, weil Öffentlichkeit in manchen Fällen schützen kann. Sie kann aber auch extrem schaden. Für unser Buch bedeutete das eine heikle Gratwanderung: Was können wir über die für Außenstehende normalerweise geheimen CANVAS-Workshops erzählen? Welche Details darf man erwähnen, auf welche sollten wir zum Schutz der Frauen verzichten? Unsere Entscheidungen mussten wir immer wieder überdenken, da sich die Situation in den jeweiligen Ländern und damit auch die Bedrohungsszenarien für die Frauen während der Arbeit an diesem Buch ständig änderten. Wir haben uns in jedem Zweifelsfall für die Sicherheit entschieden. Einige Frauen haben wir zu ihrem eigenen Schutz wieder aus dem Fokus genommen.

Die Recherchen für dieses Buch waren dementsprechend abenteuerlich, und immer wieder sind wir auch an unsere eigenen Grenzen gestoßen. (Ein anschauliches Beispiel dafür ist auch der Bericht unseres Fotografen Bernd.) Nicht einmal in Tunesien, das in unseren Köpfen doch als freundliche Urlaubsdestination und Erfolgsgeschichte des Arabischen Frühlings gespeichert ist, liefen die Dinge erwartungsgemäß. Das Interview mit der Bloggerin und Kandidatin für den Friedensnobelpreis Lina Ben Mhenni war zum Beispiel schon vereinbart, es ging nur noch um das Wann und Wo. Plötzlich – Schweigen. Auf unsere Mails kam keine Antwort mehr. Schon knapp vor dem Aufgeben, entdeckten wir im Internet einen offenen Brief, in dem sich die Weltorganisation gegen Folter für Lina einsetzte und einen sofortigen Stopp aller Übergriffe verlangte. 2011 hätte das niemanden erstaunt. Aber im politisch sensiblen Wahljahr 2014, in dem die Regime größtes Interesse daran haben mussten, sich als rechtschaffen zu präsentieren? Ein überraschender Blick hinter die Kulissen des als »Erfolgsmodell« gepriesenen Tunesien. Weitere Recherchen ergaben, dass Lina im Krankenhaus lag, nachdem sie auf einer Polizeistation in Djerba zusammengeschlagen worden war.

Lina – getreu ihrem Motto »Die Arbeit einer Bloggerin endet nie« – war kurz nach ihrer Entlassung schon wieder zu einem Gespräch bereit. Auf zwei andere interessante Tunesierinnen mussten wir allerdings verzichten: Khaltoum Khennou machte just am Tag des geplanten Interviews ihre Präsidentschaftskandidatur publik und war ab diesem Moment nicht mehr Herrin ihrer Zeit. Und eine junge, schillernde Aktivistin mit exhibitionistischen Anwandlungen wollten wir nicht mehr ins Buch aufnehmen, nachdem sie unsere höfliche Anfrage mit exakt fünf Worten beantwortet hatte: »How much do you pay?«

Dies war allerdings das einzige Mal, dass wir diese Frage hörten. Was aber häufiger passierte, war, dass zwei Tage vor dem Abflug in eines der Länder unsere Panik wuchs, weil trotz größter Bemühungen kein einziges Treffen fixiert war, sondern – wenn überhaupt – nur lapidare Nachrichten kamen wie: »Ja, da bin ich wahrscheinlich sowieso da, ruf einfach an, wenn du in Kairo bist, dann machen wir etwas aus.« Das hat mit mediterraner Lässigkeit zu tun – bei der wir offenbar nicht mithalten können. Aber auch damit, dass unsere Frauen wissen, dass jeder ihrer Schritte überwacht und beobachtet wird. Egal über welche Medien sie kommunizieren, keines ist sicher. Zeit und Ort eines Treffens werden deshalb am liebsten so kurzfristig wie möglich fixiert. Manchmal tauchen die Frauen auch ganz bewusst für ein paar Tage ab. Oder sie sind tatsächlich wieder auf geheimer Mission bei einem der Workshops. Natürlich sind wir durch unsere Recherchen zeitweise auch selbst ins Visier von Überwachung und Geheimdiensten geraten.

Agenten und Revolutionärinnen – mit den romantisierenden Vorstellungen mancher Romane oder Filme hat die brutale und erniedrigende Realität nichts, aber auch gar nichts zu tun.

Wenn Ola am Tahrir-Platz – nur von ihrem Helm und einem Tuch vor dem Mund geschützt – die Tränengasgranaten der Polizei aus dem Weg räumt, dann spielt sich das ohne Filmmusik ab. Wenn die tunesische Menschenrechtsanwältin Radhia Nasraoui ihren Mann vom Flughafen abholt und er ihr nach einer kurzen Polizeibefragung blutüberströmt entgegenwankt, dann ist sie nicht von heroischen oder idealistischen Gedanken durchdrungen, sondern nur von dem bitteren Gefühl der Machtlosigkeit. Am deutlichsten manifestiert sich dieser krasse Widerspruch in einem Erlebnis, das Houria aus Algerien hatte: Als sie sich vor einer französischen Patrouille im Gebüsch versteckt, bleibt sie zwar unentdeckt, wird aber von einem der feindlichen Soldaten angepinkelt.

Demütigungen, Todesangst, grauenvolle Schmerzen – all das haben diese Frauen weggesteckt. Und wenn es in einem Interview Tränen gab, dann weinten diese Frauen niemals um sich selbst. Sondern immer um andere, um verlorene Familienmitglieder und Freunde. »Es ist so, als hätte ich meine Flügel verloren«, beschreibt die mittlerweile über 70 Jahre alte Algerierin Laroussi dieses Gefühl. Manche Wunden heilen nie.

Dass diese Frauen uns so vorbehaltlos in ihr Leben eingelassen haben, hat uns sehr berührt. Sie sind uns nicht nur ans Herz gewachsen, sie sind auch nach wie vor in unserem Alltag sehr präsent.

Für Arabelle beispielsweise waren die Arbeit an Polizeiprojekten einerseits und die Konfrontation mit exzessiver Polizeigewalt im Rahmen der Interviews andererseits alles andere als einfach. Training, Arbeitsplatz, Ausrüstung, Einsatzplanung, Gehalt – sie kennt die schwierigen Verhältnisse, unter denen die Exekutive in Nordafrika funktionieren muss, genau. Tagsüber überlegen, wie man die tunesischen Grenztruppen aufrüsten könnte, damit sie besser gegen terroristische Angriffe gewappnet sind, und abends für das Buch über die Menschenrechtsverletzungen der Polizei recherchieren? Ein Spagat, der nicht leicht zu bewältigen war.

Noch etwas hat sich geändert: Wir können die Nachrichten aus den Ländern der von uns Porträtierten nicht mehr mit der gleichen Unschuld verfolgen wie zuvor. Die Schlagzeile »Die Angst geht um in Ägyptens Zivilgesellschaft«[1]löst zum Beispiel ganz konkrete Sorgen aus: dass eine unserer Interviewpartnerinnen womöglich verhaftet wird, eine andere ihren Job verliert und die dritte die Finanzierung ihrer Projekte vergessen kann.

Das Inselparadies Malediven verbinden wir nun unweigerlich mit der Machete, die in Zaheenas Tür gerammt wurde.

Und als wir das YouTube-Video sahen, in dem Ola Shahba mit einem zugeschwollenen, rot-schwarz unterlaufenen Auge von den Übergriffen der Polizei erzählt, da drehte sich uns regelrecht der Magen um.

Was uns bei den Frauen in diesem Buch immer wieder aufgefallen ist, sind ihre Bescheidenheit und ein sehr starker Gerechtigkeitssinn. Ihrer Meinung nach tun sie nur, was sie tun müssen, ohne sich deshalb für etwas Besonderes zu halten. Wir aber sagen: Sie sind etwas Besonderes! Ihr kompromissloser Einsatz für Freiheit und Menschenrechte macht uns Mut und beweist, dass Veränderungen möglich sind. Und dabei müssen es nicht immer die ganz großen Umwälzungen sein.

Anmerkungen

[1] Frefel, Astrid: »Die Angst geht um in Ägyptens Zivilgesellschaft«. Der Standard, 24.11.2014

Serbien

»Was in Serbien gelungen ist, muss doch auch anderswo zu schaffen sein«

Da ist die Sache mit dem Fass. Plötzlich steht es an einer Straßenecke in Belgrad. Mit dem aufgemalten Konterfei des serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic. Der Knüppel daneben lädt ganz offensichtlich zum Zuschlagen ein. Es sind nicht wenige Passanten, die die Gelegenheit nutzen, da so richtig draufzuhauen. Und ihren Frust über das Regime des serbischen Kriegstreibers rauszulassen. Keine Schlägertypen. Sondern Frauen mit kleinen Kindern, Männer im Anzug und alte Mütterchen mit Kopftuch.

Die Polizei steht vor einem Dilemma. Auf ein Fass einzuschlagen ist doch nicht verboten. Sollen sich die Beamten lächerlich machen, indem sie deshalb alte Frauen festnehmen? Oder sollen sie das Fass – sinnbildlich für Milosevic – im Polizeiwagen abtransportieren? Auch hier ist ihnen der Spott sicher. Die Exekutive entscheidet sich unter der großen Häme der Milosevic-Gegner für die zweite Möglichkeit.

Und hat kurz darauf ein neues Problem: Weil die Staatsmedien die Widerstandsbewegung in den Nachrichten als Terroristen und Landesverräter bezeichnet haben, erscheinen noch am selben Tag mehrere Tausend Menschen vor den Polizeistationen. Sie räumen ein, zu der besagten »kriminellen Vereinigung« zu gehören, und wollen sich nun festnehmen lassen.

Nein, es ist sicherlich nicht angenehm, in diesen Herbsttagen im Jahr 2000 die Staatsgewalt in Serbien zu repräsentieren. Die Opposition bringt das Regime mit friedlichen, äußerst kreativen Mitteln zunächst in Verlegenheit, später zu Fall. Mitleid mit den Vertretern des Milosevic-Regimes ist aber nicht angebracht. Sie hatten auch keines. Gnadenlos haben sie viele Jahre lang die Regierung gegen eine demokratische Opposition verteidigt. Teils mit extremer Gewalt. Der skrupellose Machthaber stand für Krieg, Tod und Willkürherrschaft. Politische Gegner wurden misshandelt, verhaftet oder verschwanden für immer. Milosevic führte die Republiken Jugoslawiens in vier Kriege mit Hunderttausenden Toten.

Die Erosion Jugoslawiens begann bald nach dem Tod von Präsident Josip Broz Tito im Jahr 1980. Tito hatte den Vielvölkerstaat aus Serben, Kroaten, Bosniaken, Montenegrinern, Slowenen, Mazedoniern und Albanern noch mit viel Fingerspitzengefühl und kraft seiner Persönlichkeit zusammengehalten. Aber die nationalen Spannungen nahmen schon zu seinen Lebzeiten zu, genauso wie die wirtschaftlichen Probleme. Schließlich konnte auch die Tatsache, dass Hunderttausende jugoslawische Gastarbeiter Millionen D-Mark an Devisen nach Jugoslawien schickten, die Folgen jahrzehntelanger kommunistischer Misswirtschaft nicht mehr ausgleichen.

Ein Vielvölkerstaat stürzt ins Chaos

1986/87 kommt es zur Hyperinflation. Kriminalität und Korruption ufern aus. Je schlechter es den Menschen wirtschaftlich geht, desto mehr gewinnen die Nationalisten in den jugoslawischen Teilrepubliken die Oberhand. Allen voran Slobodan Milosevic in der mit sieben Millionen Einwohnern größten Teilrepublik Serbien. Ein nationalistischer Scharfmacher, der das Serbentum mythisch überhöht und mit seiner großserbischen Rhetorik und seinen Auftritten, wie etwa vor zwei Millionen angereisten Serben auf dem Amselfeld im Kosovo am 28. Juni 1989, die ohnehin angespannte Atmosphäre zusätzlich aufheizt.

Als sich die wirtschaftlich besser aufgestellten Republiken Slowenien und Kroatien 1991 von Jugoslawien abspalten wollen, mobilisiert Milosevic die Armee gegen sie.

Kurz darauf beginnt der Krieg auch in Bosnien-Herzegowina. Wo die Kämpfe besonders lang und grausam sind, weil dort orthodoxe Serben, katholische Kroaten und muslimische Bosniaken Tür an Tür leben. Die internationale Gemeinschaft sieht dem Morden auf dem Balkan viel zu lang hilflos zu. Versagt dann noch schrecklich, als die völlig überforderten und verängstigten niederländischen UN-Blauhelme der bosnisch-serbischen Armee und ihrem Anführer Ratko Mladic sogar dabei helfen, die Jungen und Männer aus der sogenannten UN-Schutzzone Srebrenica abzutransportieren. Das Massaker von Srebrenica an ungefähr 8000 Bosniaken im Juli 1995 gilt als das schlimmste in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg.

Und der oberste Kriegstreiber in Belgrad? Sitzt weiterhin fest im Sattel. Slobodan Milosevic unterzeichnet für die serbische Seite im November 1995 das Friedensabkommen von Dayton. Die Teilrepubliken hat er jetzt verloren, aber in Serbien regiert er weiter mit eiserner Hand.

Allerdings hat sich dort eine immer stärker werdende Opposition formiert. Einer der Hoffnungsträger ist ein junger Philosophieprofessor, der in Deutschland bei Jürgen Habermas studiert hat: Zoran Djindjic. Serbien ist international isoliert und leidet unter den wirtschaftlichen Folgen der Sanktionen. Viele Menschen sind kriegsmüde. In fast allen größeren Städten im Land ziehen Zehntausende durch die Straßen, um gegen Milosevic zu protestieren. Auch mit ziemlich originellen Aktionen. Etwa 1996/97 während der Abendnachrichten des Staatsfernsehens: Während die Sprecher die Regimepropaganda verlesen, gehen in vielen Wohnungen sämtliche Lichter an und aus und wieder an und aus. Und aus den Hinterhöfen kommt ohrenbetäubender Lärm. Denn: Die Frauen stehen an den Lichtschaltern, ihre Männer hämmern lautstark auf leere Benzinkanister.

Aber letztlich verhallen diese Proteste ebenso erfolglos wie viele andere Aktionen dieser Art. Auch weil die oppositionellen Gruppen untereinander nicht einig sind.

Ende 1998 eskaliert der Konflikt im Kosovo, wo die Mehrheit der ethnisch albanischen Bevölkerung schon lange gegen die serbische Unterdrückungs- und Diskriminierungspolitik rebelliert. Diesmal will die internationale Gemeinschaft kein zweites Versagen wie in Srebrenica verantworten müssen. Auf Drängen der USA beginnt die Nato im März 1999 einen Luftkrieg gegen Serbien, nimmt dafür viele zivile Opfer und die Zerstörung von Kulturdenkmälern in Kauf. Im Juni 1999 lenkt Milosevic ein. Und zieht seine Truppen aus dem Kosovo zurück. Er wird später im Zusammenhang mit dem Kosovo-Krieg als erstes Staatsoberhaupt von dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag wegen Völkermordes angeklagt werden. Den Sturz seines Regimes vollzieht der Westen aber nicht. Im Gegenteil: Die Nato-Bomben auf Serbien führen dort zunächst zu einer größeren Solidarisierung der Bevölkerung mit der Regierung. Die Opposition verhält sich zurückhaltend. Bis zu den Wahlen im September 2000.

DOS und Otpor! besiegeln das Ende des Slobodan Milosevic

Im Vorfeld gelingt es Zoran Djindjic, ein neues, großes Bündnis fast aller Oppositionsgruppen zu schmieden. Unter dem Namen DOS, Demokratische Opposition Serbiens. Der charismatische Djindjic verzichtet selbst auf die Spitzenkandidatur, da er weiß, dass er als Person stark polarisiert. Spitzenkandidat von DOS wird der bis dahin eher unbekannte, unscheinbare Juraprofessor Vojislav Kostunica. Gleichzeitig tritt eine neue Studentenbewegung namens Otpor! (Widerstand!) in Erscheinung. Die beiden Otpor!-Gründer Srdja Popovic und Slobodan Djinovic schaffen es, Zehntausende bisher nicht organisierte, überwiegend junge Menschen gegen Milosevic zu mobilisieren, indem sich Otpor! als Anti-Parteienorganisation initiiert. Das Symbol, eine geballte Faust, taucht bald auf Mauern und Häuserwänden in ganz Serbien auf. Gemeinsam mit eingängigen Otpor!-Slogans wie etwa »Gotov je!« – »Er (Milosevic) ist fertig!«, »Otpor! je volim Srbiju« – »Otpor! weil ich Serbien liebe« und »Vreme je« – »Es ist Zeit«.

Otpor! stützt sich auf die Theorien zu »Nonviolent Action« (»gewaltlose Aktion«) des amerikanischen Politikwissenschaftlers Gene Sharp. Dessen Ansatz lautet: Es ist möglich, eine autoritäre oder diktatorische Regierung durch eine gut organisierte, friedliche Revolution mit möglichst kreativen Mitteln zu stürzen.[2]

Vor der Wahl zieht Milosevic nochmals alle Register. Von Pressezensur bis zu politischem Mord. Ivan Stambolic, der in den 80er-Jahren Vorsitzender der Kommunistischen Partei Serbiens war und in dieser Funktion Vorgänger Milosevics, bezahlt mit dem Leben dafür, dass er sich nun für dessen Sturz starkgemacht hat. Stambolic verschwindet während eines Spaziergangs im Herbst 2000. Seine Leiche wird erst Jahre später gefunden.

Die Wahl, bei der DOS eine große Mehrheit bekommt, erkennt das Regime nicht an. Zunächst verkündet die Bundeswahlkommission ein Ergebnis, das eine Stichwahl erfordert hätte. Dann ordnet das ebenfalls unter Milosevics Einfluss stehende jugoslawische Verfassungsgericht sogar eine Wahlwiederholung an.

Jetzt schlägt die große Stunde der Opposition. Sie fordert die Anerkennung des Wahlergebnisses, organisiert tägliche Massendemonstrationen, die, ähnlich wie im Oktober 1989 in der DDR, immer stärkeren Zulauf bekommen. Außerdem finden im ganzen Land zivile Protestaktionen statt. Etwa das eingangs erwähnte »Fass-Schlagen« auf ein Konterfei Milosevics oder die Bereitschaft Tausender, sich als Staatsfeinde von der Polizei verhaften zu lassen.

Gerade die Studentenorganisation Otpor! ist besonders kreativ beim Entwickeln neuer, ungewöhnlicher Protestaktionen. Sie hält sich dabei streng an die Theorien Sharps, wonach wirtschaftlicher Boykott, Streik und politische Nichtzusammenarbeit entscheidende Mittel bei gewaltlosen Revolutionen sind. Dass es bei diesem Machtkampf nicht zu einem Blutvergießen kommt, ist nur der besonnenen und cleveren Strategie von DOS und Otpor! zu verdanken. Sie mobilisieren die Menschen und bemühen sich gleichzeitig, möglichst jede Aggression im Ansatz zu verhindern. Bei den Kundgebungen wird getanzt und gesungen, es treten regelmäßig beliebte Sänger auf. Ganz wichtig ist den Organisatoren auch, dass sämtliche Aktionen medial gut inszeniert sind. Und dass sie vor allem im demokratischen Ausland gesehen und gehört werden. Auch auf dieser Klaviatur spielen DOS-Gründer Zoran Djindjic und Otpor!-Führer Srdja Popovic perfekt. Djindjic unterhält weiterhin gute Kontakte nach Deutschland, wo er studiert hat. Popovic hat offenbar mächtige Unterstützer in den USA.

Ein Regime kommt unter den Bagger und CANVAS taucht auf

Am 5. Oktober 2000 kommt es zum großen Showdown. Hunderttausende sind vor das serbische Parlament in Belgrad gezogen. Sogar einen Bagger hat die Opposition mit ihrem Sinn für möglichst starke Bilder anrollen lassen. Deshalb wird der Sturz Milosevics auch als »Baggerrevolution« in die Geschichtsbücher eingehen. Der Baggerfahrer namens Joe räumt mit seinem zwei Jahrzehnte alten »International 530« die Betonblockaden vor dem Parlament beiseite. Macht den Weg zur Erstürmung frei. Die Sicherheitskräfte wehren sich noch mit Tränengas, allerdings nur kurz. Die Strategie der Opposition ist aufgegangen: Nach den zermürbenden Protestaktionen der vergangenen Wochen sind die Regimevertreter offenbar nicht mehr gewillt, ihr Leben für den Diktator zu riskieren. Binnen weniger Stunden schwenkt der gesamte Apparat um. Sogar das staatliche Fernsehen ist plötzlich auf der Seite des neuen Präsidenten Kostunica, der am 7. Oktober vereidigt wird.[3]

Die Opposition ist von ihrem Erfolg zunächst regelrecht berauscht.

»Was in Serbien gelungen ist, muss doch auch anderswo auf der Welt friedlich und mit ähnlichen Mitteln zu schaffen sein«, sagt sich Srdja Popovic – und nicht nur er. Diese Idee spukt in den Köpfen vieler Otpor!-Mitglieder. Und führt dazu, dass Srdja Popovic und Slobodan Djinovic schließlich eine neue Organisation gründen: CANVAS (Centre for Applied Nonviolent Action and Strategies, Zentrum für angewandte gewaltlose Aktion und Strategien) bildet Widerstandsgurus und Revolutionstrainer aus, die ihr Wissen auf der ganzen Welt weitergeben.

Am bekanntesten wird diese Unterstützung während der Rosenrevolution 2003 in Georgien und beim Arabischen Frühling 2010. Weil führende Mitglieder der Jugendbewegungen aus Georgien und später Ägypten zuvor an einem Otpor!- bzw. CANVAS-Kurs teilgenommen haben. Aber die Liste der Adressaten ist viel länger: CANVAS trainierte bisher Demokratie- und/oder Umweltaktivisten aus bald 50 Ländern, mischt also nicht nur bei größeren oder kleineren politischen Umwälzungen in Osteuropa und der Kaukasusregion mit, sondern hat auch Kontakte in Iran, Syrien, Kuba, Venezuela, Kolumbien, Guatemala, Chile, Südafrika, Nigeria, im Libanon oder auf den Philippinen. Und viele dieser Kontakte sind Frauen. Wie auch in der CANVAS-Zentrale in der Gandhi-Straße in Neu-Belgrad eine Frau die Fäden im Hintergrund zieht: Breza. Deren Nachnamen wir nicht nennen sollen, weil sie sich ohnehin ständig im Visier von Geheimdiensten bewegt.

In vielen Medienberichten heißt es, CANVAS werde als Nichtregierungsorganisation (NGO) hauptsächlich von Geldgebern in den USA unterstützt. So wird immer wieder etwa Freedom House unter der Leitung des ehemaligen CIA-Direktors James Woolsey als mächtiger Finanzier genannt. Ebenso die Open Society Georgia Foundation des amerikanisch-ungarischen Milliardärs George Soros. Aber CANVAS hat dies stets abgestritten. Auch Breza betont: »Wir haben niemals irgendeine Unterstützung von Soros erhalten. Wir haben es immer wieder abgelehnt, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Denn wir sind stolz auf unsere Unabhängigkeit und darauf, nicht unter dem Einfluss einer anderen Organisation oder Institution zu stehen. Und mit Freedom House haben wir in den Anfangsjahren nur einmal ein gemeinsames Projekt gemacht.«

Die fünf Festangestellten im CANVAS-Büro werden, so Breza, vor allem durch private Spenden finanziert. Zumeist sind es jedoch freie Trainerinnen und Trainer, die nach Bedarf zum Einsatz kommen, wie etwa Nini aus Georgien oder Cecilia von den Philippinen.

Revolution – ja, Gewalt – nein

Bei den Seminaren wird natürlich darüber diskutiert, wie es im Jahr 2000 in Serbien gelungen ist, den Diktator Milosevic gewaltlos zu stürzen. Auch einen Ratgeber hat CANVAS dazu auf den Markt gebracht, mit den 50 entscheidenden Punkten für einen erfolgreichen, gewaltlosen Kampf: Nonviolent Struggle: 50 Crucial Points.[4]

Es gibt einen Dokumentarfilm (Bringing Down a Dictator) und eine Computersimulation, mit der gewaltlose Revolutionen nachgespielt werden können.[5]

Im Mittelpunkt steht dabei stets die Frage: Welche Art von friedlichem Protest beziehungsweise zivilem Ungehorsam ist medial gut inszenierbar, motiviert auch bisher noch nicht politisch aktive Bevölkerungsgruppen und trifft die Machthaber an empfindlicher Stelle?

Ganz entscheidend für den Erfolg ist es laut CANVAS-Gründer Srdja Popovic, drei Prinzipien einzuhalten: Einheit der Gruppe, gute Planung und Gewaltlosigkeit. »Für einen erfolgreichen Kampf gegen Ungerechtigkeit, Krieg und Diktatur ist es wichtig, dass die Gruppe eine eindeutige Identität hat, eine klare Außenkommunikation und dass sie solidarisch mit anderen Widerstandsgruppen agiert. Natürlich helfen auch ein gängiges Symbol und ein einprägsamer Slogan.«

Und was Demonstrationen betrifft, so sind diese nach Srdjas Meinung in manchen Fällen zu riskant, besonders dann, wenn die Gefahr besteht, dass sie von Sicherheitskräften gewaltsam aufgelöst werden: »Deshalb sind oft Protestaktionen etwa wie die mit dem Licht-An-und-Ausschalten während der Nachrichten im Staatsfernsehen sicherer und effizienter. Damals hat sogar meine 82-jährige Großmutter mitgemacht. Die wäre sicher nicht mehr zum Protestieren durch die Straßen gezogen.«

Wogegen sich Srdja Popovic und CANVAS-Koordinatorin Breza heftig wehren, ist die häufige Darstellung, sie seien »Revolutionsexporteure«, die Umstürze in anderen Ländern anzettelten.

»Der Impuls kommt immer aus dem einzelnen Land«, sagt Srdja. »Und er muss von den Menschen dort umgesetzt werden. Für gewaltlosen Widerstand braucht es Hunderttausende Menschen. Die können nur mit lokalen Visionen motiviert werden. Menschen sind bereit, sich für die Familie oder ihr eigenes Land verhaften zu lassen. Aber sicher nicht für ein paar Ausländer, die in ihrem Land eine Revolution ausrufen wollen.«

Ein verlorenes Jahrzehnt?

So erfolgreich der Sturz des Regimes in Serbien und anderswo verlaufen ist und so vielversprechend der Einsatz für Demokratie und Menschenrechte zunächst oft aussieht – es ist offenbar schwierig, den Erfolg langfristig zu erhalten. Das gilt ganz besonders für den Arabischen Frühling. Aber beispielsweise auch für Georgien und für Serbien, die Heimat der Revolutionsberater von CANVAS.

In Belgrad bezeichnen mittlerweile viele die Zeit seit dem Sturz von Milosevic als verlorenes Jahrzehnt.

Es beginnt damit, dass es schon bald nach der Revolution zum absehbaren Bruch der beiden sehr unterschiedlichen DOS-Führungspersönlichkeiten Vojislav Kostunica und Zoran Djindjic kommt. Djindjic gelingt es, Kostunica teilweise zu entmachten, indem er diesem den politisch wenig einflussreichen Posten des jugoslawischen Präsidenten überlässt, während er selbst serbischer Ministerpräsident wird.

Aber so sehr sich Djindjic auch bemüht, seine guten Westkontakte zu nutzen, er muss feststellen, dass die internationale Gemeinschaft Serbien möglichst schnell wieder aus dem Fokus verlieren möchte. In den Luftkrieg hatte man noch Millionen investiert und in der Zeit der Revolution gegen Milosevic regelmäßig in ausländischen Medien berichtet, aber jetzt sinkt das Interesse rapide. Djindjic bettelt in Europa und den USA um finanzielle Unterstützung für sein wirtschaftlich komplett zerstörtes Land. Und wird weitgehend mit Almosen abgespeist. Die Internationale Geberkonferenz macht eine Milliardenaufbauhilfe für Serbien davon abhängig, dass Slobodan Milosevic an das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag ausgeliefert wird. Djindjic lässt Milosevic am 28. Juni 2001 nach Den Haag bringen.

Damit stürzt er das Land in eine Regierungskrise. Denn auch wenn die meisten Serben Milosevic mittlerweile verachten – die Ablehnung der westlichen Institutionen ist nach den Nato-Bomben gegen Serbien groß. Das UN-Kriegsverbrechertribunal wird als parteilich empfunden.

Schließlich wird Djindjic zum Verhängnis, dass er als serbischer Ministerpräsident zwar die bisherige Führungselite bei Geheimdiensten, Justiz und Innenministerium ausgetauscht hat, die mittleren Kader aber blieben und mit ihnen ihre Netzwerke. Als er schließlich dagegen vorgehen will, ist es zu spät: am 12. März 2003 wird der 50-Jährige von einem ausgebildeten Scharfschützen auf offener Straße erschossen. Der Hoffnungsträger ist tot und mit ihm die Hoffnungen auf Demokratisierung und Westannäherung.

Sein Mörder Zvezdan Jovanovic und dessen Komplizen werden zwar gefasst und verurteilt, die Hintermänner aber nie enttarnt. Djindjics Demokratischer Partei gelingt es, sich noch fast ein Jahrzehnt an der Macht zu halten. Doch dieser Machterhalt ist auch schon alles, was seine Nachfolger vollbringen. Denn sie vermeiden die vollständige Abrechnung mit den nach wie vor existierenden Geheimdienststrukturen aus der Milosevic-Zeit. Serbien wird weiterhin beherrscht von Klientel-Parteienwirtschaft, nationalistischen Tendenzen und den Auswirkungen der Wirtschaftskrise.

Slobodan Milosevic stirbt 2006 während des laufenden Prozesses in seiner Zelle in Den Haag an einem Herzinfarkt, ohne dass den Hunderttausenden Hinterbliebenen und Opfern der Kriege die Genugtuung seiner Verurteilung gegönnt gewesen wäre.

Mit dem aktuellen Präsidenten Tomislav Nikolic, dem Ministerpräsidenten Aleksandar Vucic und Außenminister Ivica Dacic sind in Serbien heute wieder Männer und Parteien an der Macht, die zu Zeiten des Milosevic-Regimes zu dessen Unterstützern und Verbündeten gehörten. Allerdings mit dem wichtigen Unterschied, dass sich alle geläutert und auf EU-Kurs zeigen. Mittlerweile hat Serbien den Status eines EU-Beitrittskandidaten, für Reisen innerhalb der EU gibt es keine Visa-Pflicht mehr.

Eine Absage an Twitter-Revolutionen und Facebook-Widerstand

Trotz aller Enttäuschung über Stagnationen oder Rückschläge: Das völlige politische Chaos, Konterrevolutionen oder putschende Militärs sind Serbien erspart geblieben.

Die serbischen Revolutionsberater von CANVAS, wie Srdja Popovic oder Breza, wissen also nicht nur, wie es gelingen kann, einen Diktator mit friedlichen Mitteln gewaltlos zu stürzen. Sie haben auch erlebt, dass ein Regime-Sturz längst nicht automatisch zu mehr Demokratie und Menschenrechten führen muss. Und haben auch daraus ihre Lehren gezogen, die sie nun weltweit verbreiten.

»Jede Revolution ist anders«, sagt Breza. »Gandhis Bewegung gegen die britische Kolonialherrschaft in Indien, die Anti-Pinochet-Revolution in Chile, die US-Bürgerrechtsbewegung unter Martin Luther King, Lech Walesas Solidarnosc in Polen, die Bewegungen in Serbien oder im Nahen Osten – sie alle unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht grundlegend. Aber eines haben sie gemeinsam: Regime auf der ganzen Welt sind von der Duldung der Menschen abhängig. Wenn diese wegfällt, gerät das System ins Wanken.« Und Srdja Popovic betont: »Zum Erfolg gehören auch der richtige Zeitpunkt und ein guter Alternativplan. Und man sollte bereits im Vorfeld möglichst genau festlegen, welche Ziele man erreichen möchte. In Serbien waren das: freie Wahlen, Pressefreiheit, eine unabhängige Justiz, Frieden mit den Nachbarn und ein EU-Kurs.« Popovic glaubt, dass dies trotz aller Rückschläge in seinem Land auch deshalb weitgehend erreicht wurde, weil sich nach dem Sturz Milosevics dessen frühere Gegner als Kontrollinstanz der Nachfolgerregierung verstanden haben. So ließ Otpor! nach der Revolution etwa Plakate aufhängen, auf denen der Bagger zu sehen war, der am Tag des Sturms auf das Parlament den Demonstranten den Weg frei machte. Und darüber stand als Mahnung an die neue Regierung: »Serbien hat 45 000 Bagger und 7 Millionen potenzielle Baggerfahrer!«

Vom Gerede über Twitter-Revolutionen und Facebook-Widerstand halten die CANVAS-Aktivisten wenig. Sie sagen: Die neuen Medien hätten die Organisation des Widerstands sicher leichter gemacht. Aber wer denke, dass er vom Sofa aus per Mausklick eine Revolution erfolgreich führen könne, sei auf dem Holzweg. »Letztlich ist die Straße der einzige Ort«, so Breza, »wo Regime gestürzt werden. Alles andere ist kein Aktivismus, sondern nur ›Klicktivismus‹.« Sie selbst und ihre Mitstreiterinnen sind jedenfalls ohne Zweifel Aktivistinnen, die mutig rausgehen – wenn es sein muss, über Kontinente hinweg.

Breza

Aktivistin mit weltweitem Netzwerk

»Frauen haben Mumm, Courage und Zähigkeit. Aber nicht dieses Testosteron-Dings«

Das Treffen war längst ausgemacht. Alles arrangiert. Aber kurz davor sagt Breza ab. »Susanne, es tut mir leid. Aber die Lage ist so angespannt. Ich kann besser agieren, wenn ich in Deckung bleibe. Ich bitte Dich um Verständnis. Breza.«

Ein harter Schlag. Ein großer Teil unseres Buchprojektes war damit infrage gestellt. Denn Breza ist die Frau, bei der im Hintergrund unzählige Fäden eines internationalen Netzwerks zusammenlaufen. Eine, die weltweit bei prodemokratischen Revolutionen mitmischt. Natürlich konnten wir verstehen, dass sie die Öffentlichkeit meidet. Einerseits. Aber auf der anderen Seite auch wieder nicht.

Denn ihre Organisation ist nicht geheim. Breza arbeitet für eine serbische NGO namens CANVAS (Centre for Applied Nonviolent Action and Strategies, Zentrum für angewandte gewaltlose Aktion und Strategien). CANVAS ist aus der Studentenorganisation Otpor! (Widerstand!) hervorgegangen, die beim Sturz des serbischen Diktators Slobodan Milosevic im Jahr 2000 in Belgrad eine entscheidende Rolle gespielt hat. Begeistert von der Erfahrung, dass es möglich ist, mit unkonventionellen Mitteln ein Regime gewaltlos zu stürzen, beschlossen einige Otpor!-Mitglieder, ihre Erfahrungen weiterzugeben. Eine Art »Ausbildung« für prodemokratische Aktivisten weltweit anzubieten. Nach außen hin wird CANVAS von zwei Männern vertreten: von Slobodan Djinovic und Srdja Popovic, den Gründern der NGO. Vor allem Srdja Popovic tritt als NGO-Sprecher auf und gibt Interviews.

Freiwillig in der zweiten Reihe?

Aber das streng geheime Geschäft intern hält eine Frau am Laufen: Breza koordiniert die Workshops. Bei sehr vielen ist sie selbst vor Ort. Sie hält Kontakt zu Trainern und Aktivisten – und vor allem auch zu den Trainerinnen und Aktivistinnen. Schon im Vorgespräch hat Breza gesagt, dass Frauen ihrer Erfahrung nach sehr effizient und durchsetzungsfähig revolutionäre Ziele verfolgten. Aber letztlich lese man dann doch vor allem Heldengeschichten über Männer in der Zeitung.

Soll das also ewig so bleiben?, frage ich Breza in meiner Antwort auf ihre Absage-Mail. Dass die Frauen im Hintergrund bleiben? Gerade daran wollten wir ja etwas ändern.

Einige Zeit später erklärt sie sich doch zu einem Treffen bereit. Aber sie will ihren Nachnamen nicht veröffentlicht sehen. Und sie möchte auf den Fotos nicht klar erkennbar sein.

»Weißt du, ich reise ständig durch die ganze Welt zu unseren Schulungen. Auch in Länder mit repressiven Regimen. Damit ich weiterhin unbehelligt über die Grenzen komme, ist es wichtig, dass mein Name und Gesicht nicht bekannt sind.«

Als Treffpunkt hat sie ein edles Restaurant im Zentrum von Belgrad vorgeschlagen. Dort wartet sie überpünktlich. Breza, die den Namen einen grazilen Baumes trägt: Birke. Eine attraktive junge Frau, Anfang 30. Ein offenes Lachen, das sofort sympathisch ist. Elegant gekleidet mit Blazer und Seidenschal. Sie scherzt mit dem Kellner, bestellt zum Mittagessen ein Glas Rotwein. Wie sie auftritt, könnte Breza in einer Werbeagentur arbeiten oder bei einer Immobilienfirma. An den Nebentischen käme wohl keiner darauf, dass diese junge Frau von Serbien aus Revolutionen auf der ganzen Welt anzettelt. Sie spricht offen, ohne Allüren. Denn sie hat sich nun entschieden, mitzumachen und unserem Buch-Projekt zu vertrauen. Und diese Serbin steht zu ihren Entscheidungen und zu ihrem Wort.