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Was sind sind Scream Queens und wo kommen sie her? Scream-Queens kamen mit dem Tonfilms auf und lösten in den USA einen dauerhaften Kult aus. Der Autor skizziert eine Kulturgeschichte des Schreis von der Antike bis zur Gegenwart . Er präsentiert zunächst Vorläuferinnen auf der Bühne, im Stummfilm und in der Literatur, um dann die Geschichte der Tonfilm-Scream Queens anhand von Kurzbiographien ausgewählter Personen nachzuerzählen, etwa Fay Wray, Jamie Lee Curtis, Evelyn Ankers, Susan Strasberg, Marilyn Burns, Cheryl "Rainbeaux" Smith, Neve Campbell und Mia Goth. Auch "inoffizielle" Scream-Queens finden ihre Würdigung: Schauspielerinnen, die trotz immenser Schrei-Begabung diesen Ehrentitel nie erhielten, darunter Maureen O'Sullivan ("Tarzan the Ape-Man", 1932) und Karin Dor ("Die Schlangengrube und das Pendel", 1967). Ebenso wenig fehlen Scream Queens wie Heather Langencamp ("Nightmare on Elm Street", 1985), deren Schreie von Synchron-Doubles stammen. Und nein, Scream Queens werden hier nicht als Trash Queens belächelt. Im Gegenteil: Solche Ironisierung resultiert aus der Verdrängung dessen, wofür die Scream Queen steht: Ausweglosigkeit, Verzweiflung, Verlorenheit und Panik bis zur Selbstauflösung. In US-Horrorfilmen der frühen Dreißiger entstanden, teilt sie dessen Vorläufer: Den filmischen Expressionismus der Stummfilmzeit, die britische Horrorliteratur, das Pariser Grand Guignol-Theater und die Weltwirtschaftskrise von 1929.
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Seitenzahl: 148
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Harald Harzheim Bemerkte als Elfjähriger bei einer Vorführung von KING KONG, dass Fay Wray ihn mehr faszinierte als der Riesenaffe. Damit hatte er sein Lebensthema gefunden: 1997 erste Publikation über Scream-Queens in der Neuen Züricher Zeitung (1997). Co-Autor bei Von Neuseeland nach Mittelerde – Die Welt des Peter Jackson (2004).
HARALD HARZHEIM
SCREAM-QUEENS
EINE KLEINE KULTURGESCHICHTE DES SCHREIS
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Schüren Verlag GmbH
Universitätsstr. 55 | 35037 Marburg
www.schueren-verlag.de
© Schüren 2025
Alle Rechte vorbehalten
Gestaltung: Erik Schüßler
Umschlaggestaltung: Wolfgang Diemer, Frechen
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH
ISBN 978-3-7410-0520-6 (Print)
ISBN 978-3-7410-0723-1 (eBook)
Vorspann
1Was ist eine Scream-Queen?
Der Tod und die Scream-Queen
Schrei, um zu überleben
Scream-Queens schreien einsam
Wie steht’s mit Scream-Kings?
Scream-Queen gleich Trash-Queen?
Wo bleiben farbige Scream-Queens?
2Geschichte des Schreiens in der Kunst
Kapitulation des Wagenlenkers
Der irrationale Schrei
Der un-menschliche Schrei
3Scream-Queens ante verbum: Die Vorläuferinnen
Paula Maxa im Grand Guignol
Penny Dreadful: Die Gnade des Schreiens
Stumme Scream-Queens
Sarah Schwartz: Das Scream-Double
Frühe Scream-Queens? – Vielleicht …
4Legendäre Scream-Queens
Fay Wray: «Ich fand’s übertrieben.»
Maureen O’Sullivan: Kultiviertes Schreien
Evelyn Ankers hatte sie alle
Susan Strasberg: New-Wave-Elektra
Janet Leigh: Endstation Motel
Karin Dor: Schreien bis zur Bewusstlosigkeit
Suzan Farmer: Trink Draculas Blut
Cheryl «Rainbeaux» Smith: Freigeist à la Monroe
Marilyn Burns: Meat is Murder
Jamie Lee Curtis: Nicht unterschreiben!
Heather Langenkamp: Are you ready for Freddy?
Neve Campbell: Schreien zwecklos
Jennifer Love Hewitt: Schreien lässt sich nicht erlernen
Asia Argento: Ekel des Eindringens
Amy Hesketh: In den Kerkern der Mächtigen
Mia Goth: Ein wenig sterben
Schreiender Nachwuchs I: Lauren LaVera
Schreiender Nachwuchs I: Lily-Rose Depp
Abspann
Die Bezeichnung «Scream-Queen», fast so alt wie der Tonfilm, ist ein Rollentyp des Horror-Genres. Seine Popularität? – Ungebrochen. Biography.com widmete ihm sogar das komplette Jahr 2024:
Von Cailee Spaeny in ALIEN: ROMULUS bis hin zu Maika Monroe in LONGLEGS war 2024 das Jahr der «Scream Queen». Lauren LaVera setzt den Trend als Hauptdarstellerin des Slasher-Nachfolgers TERRIFIER 3 fort.
Natürlich zog der Wandel der Geschlechterrollen auch an den Schrei-Künstlerinnen nicht spurlos vorüber. So verschwand der «männliche Retter» aus ihrem Radius. Scream-Queens tendieren zunehmend zur Selbsthilfe: Nach dem Aufschrei folgt die Abwehr.
Jenseits der Wandlungen transportieren dieser Rollentyp aber auch Überzeitliches, Existenzielles. Etwas, das jeden Imagewandel übersteht, das sich nicht auf soziologische Formeln bringen lässt, was ihre anhaltende Popularität ausmacht. Dem spürt der Autor dieses Buches nach.
Nein, Scream-Queens werden hier nicht als Trash-Queens belächelt. Im Gegenteil: Solche Ironisierung resultiert aus der Verdrängung dessen, wofür die Scream-Queen steht: Ausweglosigkeit, Verzweiflung, Verlorenheit und Panik bis zur Selbstauflösung. In US-Horrorfilmen der frühen 1930er-Jahre entstanden, teilt sie dessen Vorläufer: Den Expressionismus der Stummfilmzeit, die britische Horrorliteratur, das Pariser Grand-Guignol-Theater und die Weltwirtschaftskrise von 1929. Versucht wird eine Nachzeichnung dieser Inspirationslinien anhand konkreter Beispiele.
Im ersten Teil skizzieren wir eine Kulturgeschichte des Schreis, rekapitulieren seine Darstellung von der Antike bis zur Gegenwart. Dem folgt eine Präsentation an Vorläuferinnen auf der Bühne, im Stummfilm und in der Literatur. Der dritte und längste Teil erzählt die Geschichte der Scream-Queens anhand von Kurzbiografien. Allerdings ist deren Zahl so hoch, dass eine Auswahl unumgänglich war. Über die lässt sich natürlich streiten. So porträtierte der Filmemacher Donald Farmer für seine Dokumentation INVASION OF THE SCREAM QUEENS (1992) gänzlich andere Vertreterinnen als das vorliegende Buch. Auswahlkriterium: Dass die Darstellerin dem Rollentyp neue Akzente verliehen, seine Definition erweitert, in eine neue Richtung gelenkt, oder besonders deutlich zum Ausdruck gebracht hat. Um das Problem mangelnder Vollständigkeit wenigstens abzuschwächen, enthalten die Porträts regelmäßig Verweise auf ausgesparte Kolleginnen.
Zur Geschichte des Scream-Queen-Begriffs zählt auch dessen Ausweitung. So werden Horrordarstellerinnen inzwischen per se als Scream-Queens tituliert, egal, ob sie Schrei-Szenen absolvieren oder nicht. Der TV-Sender Spike vergab seine Scream-Awards (2006–11) an Filme, Regisseure und Darsteller. Die Gewinnerinnen der Kategorie «Scream-Queen» (2006–11) waren Kate Beckinsale, Asia Argento, Evangeline Lilly, Natalie Portman und Naomi Watts. Natürlich haben alle fünf gutes Schauspiel geboten. Keine Frage. Aber nicht jede hat den Schrei als Ausdrucksmittel verwendet. Weitere Beispiele sind Helen Chandler und Winona Ryder. Beide lieferten hervorragende Interpretationen der Mina Murray-Rolle in der jeweiligen DRACULA-Verfilmung (1931 und 1992), aber ebenfalls ohne Schrei-Szenen. Dennoch werden beide von diversen Fans oder Publizisten als Scream-Queens tituliert.
Weiterhin fällt auf, dass dieser Titel nur an Vertreterinnen des Genre-Kinos, Abteilung Horror und Thriller, geht. Arthouse-Diven bleiben ebenso ausgespart wie Bühnenstars und Hörspielsprecherinnen. Mögliche Gründe für solche Abgrenzung werden wir im ersten Teil diskutieren – ohne sie zu befürworten. Im Gegenteil: So porträtieren wir auch den Grand-Guignol-Bühnenstar Paula Maxa, dem das Horror-Genre vielfache Anregung verdankt. Außerdem outen wir Fälle, in denen Leinwand-Scream-Queens wie Maureen O’Sullivan oder Karin Dor auch in Hörspielen ihre Schreikunst zum Besten gaben.
Eine Prominenz wie in den USA haben Scream-Queens hierzulande keineswegs. Auch fehlt es in Deutschland an Literatur über diesen Rollentyp. Das verweist auf eine kulturelle Differenz. Dessen Aufhebung ist jedoch unabdingbar, denn: Eine Poetologie des Horrorfilms ist ohne Scream-Queens schlichtweg unvollständig. Dies zu demonstrieren und erste Abhilfe zu leisten, ist der Zweck dieses Buches.
Fotografie und Film sind Erfindungen des 19. Jahrhunderts, entstammen einer Zeit, in der ein materialistisches Weltbild die tradierte Religion und Metaphysik verdrängte: Aufklärung, Evolutionstheorie und Technisierung versprachen irdischen Fortschritt: Menschliche Bedürfnisse sollten ihre Erfüllung nicht erst im Jenseits, sondern bereits im Diesseits finden. Maschinen erleichtern die Arbeit, Medikamente heilen Erkrankungen und die Produktivkraft der Industrie sorgt für ausreichende Güterversorgung. Nur in einem Punkt versagte das technokratische Heilsversprechen: bei der Vergänglichkeit und dem Tod. Beides ließ sich weder abschaffen noch überwinden. Schlimmer noch: Mit dem Schwinden des Jenseitsglaubens, der Hoffnung auf die Unsterblichkeit der Seele drohte dem Leben völlige Entwertung. Hier versagte alles irdisch Machbare. Vor diesem Hintergrund lassen sich Fotografie und Film als Versuch deuten, das Grauen von Tod und Vergänglichkeit wenigstens zu abzuschwächen. Sie ermöglichen eine «Rückkehr der Gespenster» (Jacques Derrida). Vor allem der Film bewahrt die äußere Erscheinung einer Person. Gefilmte Menschen sind vor völliger Auslöschung bewahrt. In LA FEMME PUBLIQUE (DIE ÖFFENTLICHE FRAU, 1984, R: Andrzej Żuławski) erklärt Regisseur Lucas Kessling (Francis Huster) der jungen Schauspielerin Ethel (Valerie Kaprisky):
Weißt du eigentlich, was der tiefere Sinn eines jeden Films ist? Er soll die Erinnerung an unsere Toten bewahren. Es ist das einzige Mittel, das wir erfunden haben, damit unsere Toten weiterleben. Marilyn ist tot, Gabin, Jouvet, Vivien Leigh, Raimu und ich.
Das Medium Film steht für Ewigkeit, weil seine Informationen die Endlichkeit des materiellen Trägers überdauert: Sämtliche Bildinformationen lassen sich umkopieren: Vom frühen Filmstreifen über Videoband, DVD bis hin zur Festplatten-Datei. Damit besitzen die Bilder potenzielle Unsterblichkeit. Scream-Queen Maureen O’Sullivan erklärte im hohen Alter: «Es ist schön, unsterblich zu sein. Der Film hat uns Unsterblichkeit verliehen.»
Unter allen Kinogenres ist der Horrorfilm das maximal «selbstreflexive»: Es thematisiert nämlich den Grund seiner Existenz, jene (Todes-) Angst, die den westlichen Menschen zur Erfindung des Films getrieben hat. Es zeigt seinen endlosen Kampf gegen die Vergänglichkeit. Mag man den Tod im Alltag erfolgreich verdrängen oder verharmlosen: Irgendwann kommt der Moment, wo alle Schutzdämme brechen, wo die Welt sich in ihrer ganzen Unheimlichkeit offenbart. Wo man völliges Verlöschen als unausweichlich erkennt. Dann schlägt die Stunde des Horrorfilms – und der Scream-Queen. Ihr Schrei artikuliert gespürte Todesnähe, ungebremste Angst, ständige Verletzlichkeit. Sie repräsentiert die schlimmsten Momente, die grausigsten Grenzerfahrungen im menschlichen Dasein: Panik, Schmerz und gefühlte Todesnähe.
Menschliche Sterblichkeit ist ein un(an)greifbares Fatum. Der Tod kann zu jeder Zeit und durch unzählige Gründe herbeigeführt werden. Dieses grundsätzliche Ausgeliefertsein erfährt im Horror-Genre seine Symbol-Sprache: Wo Leben ist, lauert auch der Tod. Zu den populären Bildmotiven abendländischer Kunst zählt seit dem 16. Jahrhundert Der Tod und das Mädchen: Oft dargestellt als ein Skelett, das mit einer nackten, prallen Frau tanzt. Horrorfilme liefern eine Variante dieses Motivs: Der Tod und die Scream-Queen. Auch ihre Schönheit steht für «pralles Leben», während das Monster, der Killer an das Grauen der Endlichkeit erinnert. Nicht einmal die Jugend ist vor ihm sicher. Es gibt keine Garantie auf eine Mindestlebensdauer. Wie oft betrauern Angehörige verstorbener Kinder, Teenager oder Twens deren ungelebtes Leben. Egal, ob sie durch Verbrechen oder an Krankheiten gestorben sind. In solchen Momenten zeigt sich das Monströse der Biosphäre. Dann offenbart die Natur, dass ihr menschliches Schönheitsempfinden nichts bedeutet, sondern jegliches Dasein achtlos zerstört. In dem Volkslied Es ist ein Schnitter der heißt Tod (17. Jahrhundert) heißt es über den Sensenmann: «Er macht so gar kein Unterschied, geht alles in einem Schnitt».
Horrorfilme zeigen die Bedrohung des Lebendigen und die Reaktion der Attackierten: Schrei, Flucht oder Gegenwehr. In William Castles THE TINGLER (1959) wird der Angstschrei selbst zum Thema, zum Ausgangspunkt für eine fiktive Anthropologie, die der deutsche Verleihtitel SCHREI, WENN DER TINGLER KOMMT besonders hervorhebt: Der Pathologe Dr. Warren Chapin (Vincent Price) stößt bei der Obduktion einer ehemals Taubstummen auf ein unbekanntes Wesen. Es ähnelt einem Hummer, allerdings mit Fühlern anstelle der Scheren: Der Tingler. Seine Wohnstätte: das menschliche Rückgrat, seine Nahrung: die Angst des Wirts. Fürchtet sich ein Mensch, wächst sein Tingler bis auf 30 Zentimeter, bis das Genick bricht. Die einzige Überlebenschance: Schreien. Angstschreie lassen den Tingler wieder auf harmlose Größe schrumpfen. Blöderweise befreit Chapin so ein Vieh bei der Obduktion. Es entkommt und krabbelt in ein Kino … Castles Film erklärt den Schrei als überlebenswichtig. Er ist kein Zeichen von Feigheit, sondern ermöglicht den Selbsterhalt im Moment des Grauens. Wer ihn unterdrückt, riskiert den Tod. Castle, Regisseur mit Vorliebe für bizarre Gimmicks, ließ vor TINGLER-Vorstellungen eigens ein Percepto an den Kinosesseln installieren. So erhielt das Publikum während der Grusel-Szenen plötzliche Elektroschocks. Castle wollte nicht nur Scream-Queens auf der Leinwand, sondern auch im Publikum: Der Trailer zum TINGLER zeigt anstelle des Monsters kreischende Kinobesucherinnen …
Natürlich hat Castle recht, wenn er dem Schrei lebensrettendes Potenzial zuschreibt. Schreie führen nicht nur zur Entladung negativer Energie oder zur Lösung von Krampf und Erstarrung, sondern funktionieren auch als Signal an die Gemeinschaft, an das Rudel. Professor David Poeppel, Professor vom Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik (Frankfurt) hat festgestellt, dass Schreie sich von allen anderen Lautäußerungen des Menschen unterscheiden: Sie besetzen eine eigene «kommunikative Nische», die durch «Rauheit» (Poeppel) gekennzeichnet ist. Zum Vergleich: Wohlklingendere Geräusche, eine normale Sprechstimme beispielsweise, zeigen Amplitudenmodulationen von etwa vier bis fünf Hertz, Schreie dagegen von 30 bis 150 Hertz.
Einsamkeit verstärkt die Angst. Die Abwesenheit des Rudels vernichtet die Hoffnung auf Hilfe. Deshalb arbeitet der Horrorfilm – im Gegensatz zum Katastrophenfilm – mit der Isolation der Opfer. Er schafft Situationen, die Individuen ganz auf sich, auf die eigene Verlorenheit verweisen, wo sie dem Monster oder Killer schutzlos gegenüberstehen. Hier kommt die Scream-Queen zum Einsatz. Ihr Schrei ist ein Hilfsappell, der meist ungehört verhallt. Der Werbeslogan des ersten ALIEN-Films (1979) lautete: «Im Weltall hört dich niemand schreien.» Das heißt: Niemand kommt dir zu Hilfe. In TEXAS CHAINSAW MASSACRE (BLUTGERICHT IN TEXAS, 1974)werden Close-ups von Sallys (Marilyn Burns) verzweifeltem Blick mit Aufnahmen vom nächtlichen Mond assoziiert. Meint so viel wie: In der Panik spürt Sally eine Verlorenheit, als wäre sie das einzige Lebewesen im Universum. Der Mond ist ihr steinernes Grabmal. Die Scream-Queen steht für existenzielle Verlassenheit. Ihr Leid findet in keinem religiösen oder metaphysischen System eine Aufhebung. In ihrer Panikhölle zerschmelzen die letzten Illusionen.
Eine ähnliche Situation entsteht, wenn das Opfer nicht schreien kann, weil es beispielsweise stumm ist. Daraus ziehen Filme wie THE SPIRAL STAIRCASE (DIE WENDELTREPPE, 1946, R: Robert Siodmak) oder MUTE WITNESS (STUMME ZEUGIN (1995, R: Anthony Waller) ihre Spannung. In beiden Fällen befinden sich potenzielle Helfer im Umfeld, aber die Protagonistinnen (Dorothy McGuire bzw. Marina Sudina) sind stumm, können sie nicht herbeirufen. «Wie gut, dass du nicht sprechen kannst», freut sich der Killer (George Brent) in THE SPIRAL STAIRCASE. Wie beim TINGLER ist Stummsein lebensgefährlich.
Last but not least gibt es Bedrohungen, bei denen das Rudel bzw. die Gesellschaft nicht eingreifen kann – oder es auch nicht will: Weil sie die gefährdete Person verachtet, ihr die Solidarität aufkündigt. So bei Kriminellen, ökonomisch Abgestürzten oder diskriminierten Minderheiten. Hollywoods frühe Horror-Tonfilme entstanden in der sogenannten Depression-Ära, der Wirtschaftskrise nach dem 1929er Börsenknall. Weltweit verloren Millionen Menschen ihre Jobs und das Ersparte. Obdach- und mittellos irrten sie durch die Straßen. Sie litten stumm, weil sie wussten: Niemand wird ihnen helfen. Eine solche Geschichte erzählen die ersten Minuten von KING KONG (1933), der im Kapitel über Fay Wray ausführlich besprochen wird.
Scream-Queens gelten nicht bloß als «unseriös». Mancher Publizist bemitleidet sie sogar, erklärt sie zu Opfern einer Industrie, deren Bosse an Scheußlichkeit jedes Filmmonster überträfen. So schrieb das Wochenmagazin Spiegel über Jamie Lee Curtis (HALLOWEEN): «Das Blut war nicht echt. Der Sexismus schon. Fürchten, rennen, kreischen – der simple Job der ‹Scream-Queens› in Horrorfilmen.» Selbst ein differenzierter Kritiker wie Hans Schifferle «verteidigte» Susan Strasberg gegen diese Zuordnung.1 Weshalb dieses miese Image? Zum einen zählen Scream-Queens zum Horror-Genre. Einem Genre, das man jahrzehntelang in die Schmuddelecke abgeschoben hat. Vor allem während der 1970er- und 1980er-Jahre, als Zombie- und Kannibalenfilme sämtliche Pädagogen und Jugendschützer in Panik versetzten. Zudem vermittelt die schreiende Horror-Heldin ein (scheinbar) überholtes Frauenbild. Eine Auffassung, die von mancher Akteurin geteilt wird. So weigerte sich Gaylen Ross in DAWN OF THE DEAD (ZOMBIE, 1978) auf Anweisung loszubrüllen. Sie wollte auf angreifende Zombies ebenso cool reagieren wie ihre männlichen Kollegen. Regisseur George A. Romero akzeptierte ihre Kritik und konzipierte sie zur «starken Frau» um. Natürlich ist das Anliegen von Gaylen Ross nachvollziehbar. Schließlich gibt es kaum einen Scream-King (ebenso wenig wie eine männliche Drama-Queen). Ein Scream-King stünde im harten Widerspruch zum tradierten Männerbild des Genre-Kinos: Danach stellt der Mann sich der Gefahr, bekämpft sie, beschützt die Frau und den Nachwuchs. Oder er streitet – umgekehrt – als Anti-Held an der Seite des Todes, identifiziert sich mit ihm, führt dessen Werk aus: als Mörder, Henker, Richter usw. Der Mann repräsentiert Ideen, Vorhaben, Pläne, weniger das Leben selbst. Stirbt er, führt ein anderer seine Mission fort. Produzenten von Kriegspropaganda wissen: Der Tod von Männern provoziert nicht für gleiche Emotionalisierung wie der von Frauen und Kindern.
Männliche Genre-Helden schreien vor Schmerz oder aus Wut. Oder als Anstiftung zum Aufstand: So schrieb Sergej Tretjakow ein revolutionäres Drama mit dem Titel Brülle, China! (1926). In Jerzy Skolimowskis THE SHOUT (DER TODESSCHREI, 1978) dient das Screaming sogar als Waffe: Ein Wanderer (Alan Bates) hat von den Aborigines einen Schrei gelernt, der alles Leben in der Umgebung auslöscht – Menschen und Tiere. Oder Draculas unheimlicher Todesschrei in TASTE THE BLOOD OF DRACULA (WIE SCHMECKT DAS BLUT VON DRACULA?, 1970): Der hallt durch den Wald und versetzt einen Umherirrenden in Panik.
Nur wenige Darsteller wie Bruce Campbell (EVIL DEAD-Reihe, R: Sam Raimi) besitzen den Scream-King-Status, wobei Campbells Darstellung ab EVIL DEAD II: DEAD BY DAWN (TANZ DER TEUFEL II – JETZT WIRD NOCH MEHR GETANZT, 1987) ein hohes Maß an Selbstironie beinhaltet. Selbst Timothy Waldron, eine der ersten Transgender-Scream-Queens, verwendet Trash-Elemente bei der Selbstplatzierung zwischen den Geschlechterrollen.
Mit dieser Einschränkung steht das Genre-Kino im krassen Gegensatz zur bildenden Kunst. Darin schreien Männer ohne Hemmung drauflos. Man erinnere an den Scream-King auf Edward Munchs berühmten Schrei-Gemälde (1893).
Wie bereits betont: Der Rollentyp «Scream-Queen» gehört ins Genre-Kino. Kein weiblicher Arthouse-Star trägt dieses Etikett. In den Werken von Jean Luc Godard, Rainer Werner Fassbinder, Werner Herzog, Peter Greenaway oder Andrzej Żuławski kommen sie nicht vor – obwohl die Darstellerinnen durchaus Schrei-Szenen spielen. Aber niemand bezeichnet sie deswegen als Scream-Queens – weder Anna Karina, Julia Ormond, Isabelle Adjani oder Valerie Kaprisky. Ebenso wenig Barbara Sukowa, die in einer Szene aus BERLIN ALEXANDERPLATZ (1980) unaufhörlich schrie. Auch Léa Seydoux wurde beim Start von THE BEAST (2023) nur von wenigen Fans als Scream-Queen tituliert, trotz erstklassiger Kreisch-Szenen. Umgekehrt gilt: Wer einmal eine Scream-Queen-Karriere absolviert hat, wird dieses Image nie mehr los. Egal, was sie sonst noch spielt. In dem Punkt ergeht es weiblichen Horror-Stars wie den Porno-Diven. Oscars gewinnen sie nie. Was ist der Grund solcher Ausgrenzung? – Vielleicht, weil große Emotionen als suspekt gelten? Wer ein Übermaß an Gefühl zeigt, dem wird eine Therapie empfohlen: Tragische Heldinnen wie Ophelia oder Penthesilea säßen heute in der Psychiatrie, würden mit Psychopharmaka ruhig gestellt. In dem Punkt ist der Zeitgeist eine Realisierung von Friedrich Nietzsches «letztem Menschen». Der lässt sich auf große Emotion nicht mehr ein: «Ehemals war alle Welt irre» – sagen die Feinsten und blinzeln. Man ist klug und weiß alles, was geschehen ist: So hat man kein Ende zu spotten. Man zankt sich noch, aber man versöhnt sich bald – sonst verdirbt es den Magen.» (Also sprach Zarathustra). Die zunehmende Aversion gegen Pathos zeigt sich auch im Populärfilm: Während der letzten Jahrzehnte dreht Hollywood kaum noch Melodramen. Schon gar nicht mit dem Pathos, das Klassiker wie GONE WITH THE WIND (VOM WINDE VERWEHT, 1939) auszeichnete. Das spiegelt sich auch im schauspielerischen Handwerk: Wer als «seriös» gelten will, muss mit Ausdrucksmitteln geizen. Sonst droht der Vorwurf des «Overactings». Und wo man «Übertreibung» wittert, folgt rasch die Parodie. Das trifft besonders Scream-Queens, die für ungebrochenes Pathos stehen. Außerdem hat mancher B-Filmregisseur der 1950er- und 1960er-den Schrei in extrem hoher Stimmlage selbstparodistisch eingesetzt. Ohnehin zählt das Horror-Genre zu den Favoriten von Trash-Produzenten. Mit «Trash» sind hier keine «verunglückten» Filme gemeint, sondern absichtlichschräge Werke. Die Troma GmbH produzierte Kinostreifen wie SURF NAZIS MUST DIE (1987) im Akkordtempo. Entsprechend überdreht agieren die Scream-Queens in diesen Filmen, werden zu Trash-Queens, zum parodistischen Zitat eines vergangenen Frauenbildes. Es entbehrt nicht der Ironie, dass ausgerechnet Lloyd Kaufman, Mitbegründer von Troma, den Scream-Queens ein Hochmaß an künstlerischem Können attestierte: Bei ihnen gehe es um mehr,
