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Geisterschiffe und ihre Geheimnisse Mit "Seefahrts-Mythen" lädt Joslan F. Keller zu einer packenden Entdeckungstour durch die Mysterien der Meere ein. Die Faszination für unbemannte Schiffe und verschwundene Crews wird in 30 packenden Erzählungen lebendig, die sowohl Geschichte als auch Fantasie ansprechen. Keller verknüpft geschickt Fakten mit Mystik und schafft so ein unvergleichliches Leseerlebnis. Illustrierte historische Recherchen Kellers Buch überrascht nicht nur mit seinem schriftstellerischen Geschick, sondern auch mit 30 detailreichen Illustrationen, die die Geschichten zum Leben erwecken. Ein Muss für Entdecker und Geschichtsinteressierte Ob passionierter Seefahrer oder neugieriger Leser – dieses Buch bietet jedem etwas. Die Kombination aus realen Begebenheiten und fesselnden Legenden lässt sowohl Spannung aufkommen als auch den Forschergeist erwachen. • Spannende Mischung aus Fakten und Mythen • Bildgewaltige Erzählungen zu 30 Geisterschiffen • Faszinierende Geschichten für alle, die das Unheimliche lieben
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Seitenzahl: 263
Veröffentlichungsjahr: 2026
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JOSLAN F. KELLER
VON GEISTERSCHIFFEN,SEGELNDEN WRACKSUND VERSCHWUNDENENMANNSCHAFTEN
Aus dem Französischen von Melanie Köpp
DELIUS KLASING VERLAG
Prolog
I GEISTERSCHIFFE : LEGENDEN UNDMYSTERIEN
Der fliegende Holländer
Die Caleuche
Der Geisterschoner aus Dieppe
Das Schiff aus der Chaleur-Bucht
Die Princess Augusta
Die Lady Lovibond
Die Yarmouth
Begegnung der USS Kennison
II HERUMTREIBENDE WRACKS
Die HMS Resolute
Die Baychimo
Die Jian Seng
Die Ryōun Maru
Die Lyubov Orlova
Die Falkvag
Die MV Alta
Das Bermudadreieck
III VERSCHWUNDENE BESATZUNGEN
Die Mary Celeste
Die J. C. Cousins
Die Carroll A. Deering
Die København
Die MV Joyita
Das Mysterium der Luxusyacht Kaz-II
Die Niña
Die Yong Yu Sin No. 18
IV GRAUSAME ENTDECKUNGEN
Die Octavius
Die Marlborough
Das rätselhafte Schicksal der SS Ourang Medan
Die tragische Odyssee des Manfred Bajorat
Das U-Boot UB 65
Bibliographie
Der Autor
Unerklärliche Phänomene auf See – zwischen Mythos und Realität
Fragen Sie in Ihrem Umfeld, ob jemand den Begriff »Geisterschiff« kennt. Je nachdem, wie sehr sich Ihr Gegenüber für das Thema interessiert, werden Sie wahrscheinlich die üblichen Antworten erhalten. Es wird die Filmreihe »Fluch der Karibik« genannt, der Mythos der maryceleste (ohne wirklich zu wissen, worum es dabei geht), und die Musikliebhaber kennen natürlich die berühmte Oper von Richard Wagner über den Fliegenden Holländer. Das Thema Geisterschiffe ist meist von einer düsteren Aura umgeben, dabei geht es eher um Fantasie als um Realität. Vor allem aber dreht es sich um Mythen und Legenden.
Wenn wir annehmen, dass auf der Erde unter dubiosen Umständen Phänomene auftreten, die die Wissenschaft noch nicht erklären kann (das ist die Definition des Paranormalen), warum sollten wir dann nicht logischerweise davon ausgehen, dass auch Ozeane und Meere, die 70 Prozent der Erdoberfläche bedecken, Schauplatz von Erscheinungen sein könnten, die sich jeder Vernunft entziehen?
Darauf deuten jedenfalls die zahlreichen faszinierenden und zugleich erschreckenden Geschichten hin, die sich Generationen von Seeleuten über Jahrhunderte hinweg am abendlichen Feuer erzählt haben. Ist das einfacher Aberglaube, der seit Urzeiten tief in der Menschheit verwurzelt ist? Hat man mit diesen Legenden die Langeweile während langer Seereisen oder die Angst vor der unendlichen Weite der Ozeane vertrieben? Es wäre natürlich leicht, diese
Geschichten als Märchen für naive Erwachsene abzutun. Und doch gibt es manche Schiffe, die mit einem Fluch belegt zu sein scheinen, als würden sie während ihrer gesamten Dienstzeit auf See von unsichtbaren Mächten verfolgt.
Als ich anfing, mich mit Geschichten über Geisterschiffe zu beschäftigen, und zwar mit den Augen eines Fachmannes für Unerklärliches, der nicht wirklich seefest ist, erwartete mich eine Überraschung nach der anderen. Wie ein zerbrechliches Boot stieß ich selbst auf verschiedene Arten von Untiefen in Form von Paradoxien.
Keine Geschichte gleicht der anderen
Zuerst fiel mir die Vielfalt der Geisterschiffe und ihr unterschiedlicher Charakter auf. Zwar finden sich hier und da Gemeinsamkeiten zwischen den einzelnen Mythen, doch sehr schnell treten die Besonderheiten jedes einzelnen Schiffes in den Vordergrund, und die jeweilige Geschichte entfaltet ihren einzigartigen Verlauf. Was haben eine geheimnisvolle Brigg, die aus dem Nebel auftaucht, und ein rostiger Frachter, der zwischen den Kontinenten hin und her treibt, miteinander gemeinsam?
Ursprünglich verstand man unter einem Geisterschiff ein verfluchtes Schiff, das dazu verdammt war, mit einer Besatzung aus Skeletten und Geistern für immer auf den Weltmeeren zu treiben. In der Fantasie der Menschen war dieses Schiff oft von einem gespenstischen Licht umgeben. Dabei ging man entweder von einem verschollenen Schiff aus, das aus dem Jenseits zurückgekehrt war, oder von einem, das unter tragischen Umständen Schiffbruch erlitten hatte. Erst in jüngerer Zeit wird der Begriff »Geisterschiff« auch für Wracks verwendet, die auf See gefunden werden und deren Besatzung verschwunden oder vollständig ums Leben gekommen ist.
Geisterschiffe gibt es wirklich!
Auch wenn sie Gegenstand zahlreicher Legenden sind, gibt es Geisterschiffe viel öfter, als man denkt, ihre Existenz ist zweifelsfrei belegt. Vor nicht allzu langer Zeit (am 16. Februar 2020) strandete die mvalta an der irischen Küste. Das 77 Meter lange Frachtschiff war über ein Jahr lang unbemerkt auf dem Atlantik getrieben. Das mag unwahrscheinlich klingen, ist aber wahr.
Drei Jahre zuvor, im Oktober 2017, fanden die Einwohner der Küstenstadt Sallum in Ägypten ein Geisterschiff an ihrem Strand. Das Schiff wurde als die mvmaria identifiziert, ohne dass ihre Flagge oder ihr Eigner bekannt waren. Dieses aus dem Nichts aufgetauchte Schiff sah nicht verlassen aus, sondern schien bis vor Kurzem noch in Betrieb gewesen zu sein. Es kursierten Gerüchte, dass die mvmaria in das Schleusen von Flüchtlingen verwickelt gewesen sei.
Doch dies sind nicht die einzigen Geisterschiffe. Im Februar 2020 berichtete die Zeitung Ouest-France von etwa zehn großen Schiffen, die ziellos auf dem Meer umhertrieben, wobei einige von ihnen inzwischen vollständig vom Radar verschwunden sind – und dabei sind Hunderte kleinerer umhertreibender Boote noch nicht einmal mitgezählt.
Ein schmaler Grat zwischen Legende und Wahrheit
Schon unter den ersten bekannten Berichten über Abenteuer zur See tauchen Erzählungen über verfluchte Schiffe auf. Seither fasziniert und erschreckt der Mythos Geisterschiff die Menschen aller Zivilisationen und auf allen Weltmeeren gleichermaßen. Sowohl bei den Römern als auch bei den Wikingern galten bestimmte Schiffe als Unglücksbringer, und das war möglicherweise schon der Fall, als sich der Mensch auf dem Wasser noch in Einbäumen fortbewegte.
Die gedankliche Verbindung zwischen einem Schiff und dem Jenseits reicht bis in die Urzeit zurück: Um ins Reich der Toten zu gelangen, muss man ein Boot nehmen. Im alten Ägypten durchquert die Barke mésektet in der Nacht die Unterwelt, damit Re, der Sonnengott, bei Tagesanbruch wiederauferstehen kann. In der griechischen Mythologie hat der Fährmann Charon die Aufgabe, die Verstorbenen über einen der Flüsse der Unterwelt, den Acheron oder den Styx, zu bringen, damit sie in das Reich der Toten kommen.
Es ist nicht immer einfach, zwischen Fiktion und Fakten zu unterscheiden. Akademische Historiker interessieren sich kaum für das Thema, die Boulevardpresse hat sich hingegen schon immer damit beschäftigt. So fehlt es oft an zuverlässigen und konkreten Informationen, während sagenumwobene Erzählungen, die im Laufe der Zeit verfälscht oder ausgeschmückt wurden, im Überfluss vorhanden sind.
Ich habe mich dafür entschieden, eine willkürliche Auswahl von etwa 30 Mythen zu untersuchen. Es ging mir nicht darum, alle existierenden Geschichten zu katalogisieren, sondern vielmehr darum, ihre Vielfalt aufzuzeigen. Und im Laufe dieser Untersuchung gelangte ich zu einer paradoxen Erkenntnis: Die als legendär präsentierten Geschichten haben oft einen wahren Kern oder basieren auf einem realen Schiff. Andererseits sind Berichte über Geisterschiffe, die seit Jahrzehnten als authentisch gelten, in Wirklichkeit häufig reine Fiktion, dennoch verbreiten sie sich weiter, angeheizt durch die sozialen Netzwerke.
Die Gefahren maritimer Anomalien
In der Welt des Paranormalen werden unerklärliche Erfahrungen manchmal als Anomalien bezeichnet. Angesichts der Umstände, unter denen die Geisterboote auftauchen, könnte man sie durchaus als maritime Anomalien betrachten. Diese Schatten der See sind von einer geheimnisvollen Aura umgeben, und in gewisser Weise wirkt ihre Anwesenheit auf dem Wasser unnatürlich und ungerechtfertigt.
Wenn von Geisterschiffen die Rede ist, wird jedoch selten erwähnt, welche Probleme sie verursachen. Oder dass sie eine echte Bedrohung darstellen können. Sie sind in erster Linie eine echte Gefahr für andere Schiffe auf See, mit denen sie kollidieren können, insbesondere nachts, wenn sie unbeleuchtet umhertreiben. Geisterschiffe können auch gegen Kaimauern oder andere Hafenanlagen prallen. Zudem zeigen diese Schiffe die Schwächen des modernen Seerechts auf. In der Regel werden sie in internationalen Gewässern aufgegeben, wo die nationalen Behörden nicht verpflichtet sind zu handeln. Es gibt ein internationales Abkommen über die Bergung von Wracks, das 2007 in Nairobi verabschiedet wurde und 2015 in Kraft trat. Dieses gibt den Staaten ein rechtliches Mandat, Wracks zu bergen oder bergen zu lassen, wenn diese eine Gefahr für Menschenleben, Güter auf See sowie die Meeresumwelt darstellen. Ist dies der Fall, kann der Staat, in dessen Hoheitsgebiet sich das Schiff befindet, den Eigentümer oder Reeder auffordern, die von dem Schiff ausgehende Gefahr zu beseitigen.
In der Praxis jedoch setzen moderne Geisterschiffe ihre Irrfahrt auf See so lange fort, wie sie sich in internationalen Gewässern befinden. Oft kennt man ihren genauen Standort nicht, da ihr Ortungs- und Leitsystem in den meisten Fällen fehlt oder nicht mehr funktioniert. Es ist unglaublich, dass sich die Länder nur dann für diese schwimmenden Phänomene interessieren, wenn sie sich ihren Küsten nähern.
Die Gefahr für die Umwelt ist nicht minder bedeutsam. Umweltschützer sind zu Recht besorgt über diese Schiffe, die, wenn sie in seichten Gewässern sinken, das umgebende Ökosystem schädigen können, indem sie Korallenriffe, Mangroven, Sümpfe, Austernhabitate usw. zerstören. Ob sie nun auf dem Wasser treiben oder unter Wasser liegen, Geisterschiffe schaden der Umwelt auch durch die Freisetzung von Schadstoffen. Durch das Austreten von Chemikalien, Ölen, Farben, Abwässern und anderen Giftstoffen verschmutzen sie die Gewässer und deren Fauna.
Wenn Sie sich fragen, wie man solche Schiffe mitten auf dem Ozean einfach treiben lassen kann, bedenken Sie, dass diese einen geringen Marktwert haben und dass die Reeder, deren Schiffe manchmal unter Billigflaggen fahren, weder die Lust noch die Mittel haben, die hohen Kosten für das Schleppen und anschließende Abwracken auf sich zu nehmen. Was die zuständigen Länder betrifft, so neigen sie dazu, sich der Last entledigen zu wollen, indem sie manchmal anordnen, das Schiff auf hoher See aufzugeben.
Alle Experten sind sich jedoch einig, dass sich diese Phänomene mit der Zunahme von Stürmen und der Veränderung der Meeresströmungen immer häufiger wiederholen werden. Geisterschiffe werden also weiterhin für Gesprächsstoff sorgen.
Es ist nun an der Zeit, in diese verblüffenden, unglaublichen Geschichten und die salzig schwefelige Aura, die sie umgibt, einzutauchen. Auch wenn – wie bereits erwähnt – jeder Fall einzigartig ist, habe ich mich entschlossen, sie in vier wesentliche Kategorien einzuteilen. An erster Stelle stehen die legendären Schiffe, die seit Jahrhunderten die Geschichten der Seeleute beflügeln, darunter der berühmteste Mythos von allen: der Fliegende Holländer.
Dann gibt es die treibenden, verlassenen Wracks, die seit dem 18. Jahrhundert aus verschiedenen Gründen (Schiffbruch, Brand, Epidemie) von ihren Besatzungen auf See aufgegeben wurden und jahrelang, ja sogar jahrzehntelang auf dem Wasser treiben, bevor einige von ihnen geborgen werden. Ende des 19. Jahrhunderts richtete das Hydrographische Amt in Washington, USA, sogar eine spezielle Abteilung für die Erfassung dieser treibenden Wracks ein.
Die beiden letzten Kategorien lassen uns noch tiefer in die Welt des Unerklärlichen eintauchen. Bei den meisten Geisterschiffen konnte die Besatzung fliehen, und die Gründe für die Aufgabe des Schiffes sind bekannt. Es gibt jedoch Fälle, in denen das Verschwinden der Seeleute und Passagiere von Bord ein völliges Rätsel bleibt, was zu manch außergewöhnlichen Spekulationen führt. Und schließlich wird in einigen, wenn auch äußerst seltenen Fällen das verschollene Schiff gefunden, doch alle Menschen an Bord sind tot. Diese makabren Funde nähren heute zahlreiche Mythen und urbanen Legenden.
Ich wünsche Ihnen eine angenehme Kreuzfahrt an Bord dieser geheimnisvollen Spukschiffe, die nicht nur die Ozeane durchkreuzen, sondern auch unsere Fantasie!
Joslan F. Keller
Diese Erzählung ist die Grundlage des modernen Mythos
Die mehrere Jahrhunderte alte Geschichte über den verfluchten Kapitän ist in der westlichen Kultur nach wie vor präsent, hat sich zu einem festen Bestandteil der maritimen Folklore entwickelt und zahlreiche Künstler inspiriert.
Wenn Sie nach dem bekanntesten Geisterschiff fragen, ist es sehr wahrscheinlich, dass Ihnen zunächst die maryceleste genannt wird, aber auch der fliegendeholländer dürfte den meisten ein Begriff sein. Ein seltsamer Name für ein Geisterschiff, nicht wahr? Die Geschichte ist von großer Bedeutung, da sie die Grundlage für viele Erzählungen über außergewöhnliche Schiffe bildet, die aus dem Nichts irgendwo auftauchen. Die Legende vom fliegendenholländer reicht mehrere Jahrhunderte zurück, das genaue Datum lässt sich jedoch nicht bestimmen. Die erste schriftliche Erwähnung stammt aus dem frühen 18. Jahrhundert, aber mündliche Überlieferungen und andere ähnliche Legenden lassen vermuten, dass die Erzählung sogar noch älter ist.
Wie dem auch sei, die Furcht vor dem fliegendenholländer ist bei Seeleuten aller Nationen tief verwurzelt. In seinem Dictionnaire infernal (3. Auflage von 1844, veröffentlicht von Paul Mellier) schreibt Jacques Collin de Plancy (1793-1881), der französische Autor mehrerer Werke über das Okkulte und Unheimliche, dass die Seefahrer »an die Existenz eines holländischen Schiffes glauben, dessen Besatzung wegen Piraterie und grausamer Verbrechen von der göttlichen Gerechtigkeit dazu verdammt ist, bis zum Ende aller Zeiten auf den Meeren herumzuirren. Eine Begegnung mit diesem Schiff gilt als unheilvolles Omen.«
Der Archetyp des Geisterschiffs
Was das Schiff selbst betrifft, so variieren die Beschreibungen zwar je nach Quelle oder Adaption, doch herrscht Einigkeit darüber, dass der fliegendeholländer ein gespenstisch anmutendes Schiff ist. In graue Farben getaucht und mit dunklen, zerfetzten Segeln segelt es meist in dichtem Nebel, aus dem es ohne Vorwarnung auftaucht. In der Regel handelt es sich um eine Brigg, also ein Zweimast-Segelschiff mit einem großen Mast achtern und einem kleineren Fockmast vorn. Beide Masten sind mit Rahsegeln bestückt.
In einigen Varianten nimmt der fliegendeholländer die Gestalt eines seltsam leuchtenden Schiffes an oder strahlt einen gespenstischen Schein aus, was das übernatürliche Aussehen noch verstärkt. Die Legende sagt nichts darüber, in welchem Gebiet man dem Geisterschiff begegnen könnte. In den meisten Erzählungen, die diese Legende aufgreifen, ist jedoch von Ozeanen und Regionen die Rede, die für ihre Stürme bekannt sind, wie das Kap der Guten Hoffnung in Südafrika oder andere gefährliche und unruhige Seegebiete. Es gibt unzählige Versionen des Mythos, was die Aura um diese maritime Legende nur noch geheimnisvoller macht.
Der verfluchte Kapitän
Der Name »Fliegender Holländer« (»Flying Dutchman« auf Englisch) bezeichnet sowohl das Schiff als auch seinen Kapitän. Über diesen sind unterschiedliche Darstellungen im Umlauf. Einigkeit herrscht lediglich darüber, dass der unglückliche Seemann verflucht war. Davon abgesehen gehen die Versionen aber sehr weit auseinander!
Für manche hat die Legende ihren Ursprung in den Heldentaten eines holländischen Kapitäns aus dem 17. Jahrhundert namens Bernard Fokke. Der versierte Seemann und Angestellte der Niederländischen Ostindien-Kompanie war dafür bekannt, dass er seine Fahrten zwischen Europa und Asien mit einer für die damalige Zeit erstaunlichen Geschwindigkeit absolvierte. Da er buchstäblich über das Wasser »flog«, gab man ihm den Spitznamen »Der fliegende Holländer«. Böse Zungen zögerten nicht, dieses Talent durch einen Pakt mit dem Teufel zu erklären.
Diese irrationalen Erklärungen gipfeln darin, dass die extreme Hässlichkeit des Kapitäns diesen Pakt rechtfertigen soll. Eine von Fokkes Reisen endete jedoch in einer Katastrophe, da der Kapitän mit seinem Schiff und der Crew verschwand. Daraufhin kam die Legende vom fliegendenholländer auf, und in dieser stand Fokke logischerweise am Ruder des Geisterschiffs. Es stellt sich jedoch die Frage, ob die Legende den Irrfahrten von Kapitän Fokke vorausging.
Welche Version stimmt?
Die erste schriftliche Erwähnung des fliegendenholländers stammt aus dem Jahr 1790 und ist in einem Reisebericht des Schotten John MacDonald mit dem Titel »Travels in Various Part of Europe, Asia and Africa During a Series of Thirty Years and Upward« (Reisen zu verschiedenen Teilen Europas, Asiens und Afrikas über einen Zeitraum von 30 Jahren und länger) zu finden. Der Überlieferung zufolge »wollte ein Holländer, der an einem stürmischen Tag am Kap ankam, in den Hafen einlaufen, fand jedoch keinen Lotsen, der ihn begleiten wollte, was zum Verlust des Schiffes führte«.
Doch kaum fünf Jahre später schlägt der Engländer George Barrington in seinem Buch »A Voyage to Botany Bay« (Eine Reise nach Botany Bay) eine andere Version vor. Ihm zufolge waren es Seeleute eines holländischen Kriegsschiffes, die für diesen Aberglauben sorgten, da ihr Schiff angeblich plötzlich als gespenstische Silhouette erschienen sei.
Im Mai 1821 taucht die Legende erneut auf, diesmal in der britischen Zeitschrift Blackwood’s Magazine. Der Artikel eines unbekannten Autors handelt von einem Kapitän namens Vanderdecken (oder Van der Decken). Als dieser versuchte, das Kap der Guten Hoffnung zu umrunden, soll er einem verheerenden Sturm getrotzt und sich geweigert haben, seinen Kurs zu ändern, sehr zum Leidwesen seiner Besatzung. Der Kapitän soll daraufhin die Mächte des Himmels herausgefordert haben, weshalb dem Schiff der Untergang drohte. Eine leuchtende Erscheinung soll ihm angeblich gegenübergestanden haben, und der Kapitän soll diese wütend bedroht, beleidigt und mit einer Pistole auf sie geschossen haben. Ein unerbittlicher Fluch sei daraufhin dem jähzornigen Seemann auferlegt worden: Da er so viel Freude daran gehabt habe, Seeleute zu quälen, müsse er nun als böser Geist des Meeres mit seinem Schiff Unglück über alle bringen, die es zu Gesicht bekämen. Zur Strafe wurde Vanderdecken dazu verdammt, für immer über die Ozeane zu segeln. Sein Fluch verbot ihm, zur Ruhe zu kommen, stattdessen musste er unaufhörlich weitersegeln. Seine einzige Rettung lag in der schwachen Hoffnung, jemanden zu finden, der bereit wäre, seinen Platz einzunehmen.
Diese Fassung, die seit 1832 in Frankreich bekannt ist, inspirierte zahlreiche abgewandelte Versionen, die alle die niederländische Flagge, unter der das Schiff fuhr, und das Kap der Guten Hoffnung in Südafrika als Ort des Geschehens gemeinsam haben. Im Übrigen entwickeln sich die Ereignisse entsprechend der Fantasie der Autoren: Der Kapitän schmuggelt oder wird von seiner Mannschaft ermordet, der Teufel legt dem Schiff Hindernisse in den Weg, oder man macht die Bekanntschaft von Piraten oder leidet unter einer Pestepidemie.
Der König von England legt ein beunruhigendes Zeugnis ab
Nach Meinung von Historikern ist die Geschichte vom fliegenden holländer wirklich nur eine Legende, da sie auf keinerlei historischer Grundlage beruht. Da es aber bekanntlich keinen Rauch ohne Feuer gibt, haben einige Autoren die Hypothese aufgestellt, dass die Geschichte durch Erzählungen von Seeleuten inspiriert worden sei, die schreckliche Stürme oder ungewöhnliche Abenteuer auf hoher See erlebt hatten. Im Laufe der Zeit sollen sich diese Erzählungen miteinander vermischt haben, und so sei die Legende entstanden, wie wir sie heute kennen.
Es gibt zahlreiche Berichte von Matrosen und anderen Seefahrern, die behaupten, dem fliegendenholländer begegnet zu sein. Doch das sind keine Beweise, sondern nur Anekdoten, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden und sich dabei verändert haben. Unter all diesen manchmal nebulösen Berichten tritt jedoch ein Zeugnis besonders hervor, da es vom jungen Herzog von York stammt, der später unter dem Namen Georg V. den englischen Thron bestieg. Während seines Dienstes in der britischen Marine segelte der junge Mann 1881 mit seinem Bruder Prinz Albert Victor auf dem Schulschiff hmsbacchante. Am 11. Juli, gegen 4 Uhr morgens, als das Schiff in australischen Gewässern in Richtung Sydney unterwegs war, berichtete der zukünftige König, mit eigenen Augen ein Geisterschiff gesehen zu haben, das er als den fliegendenholländer identifizierte. Ohne Vorwarnung kam Wind auf, und die bacchante begann, heftig zu schlingern. Sie kam nur mühsam in dem nun unruhigen Wasser voran, plötzlich tauchte wie aus dem Nichts ein weiteres Schiff auf, das mit voller Geschwindigkeit auf das Schulschiff zuraste.
In seinem Reisetagebuch verfasste der Herzog von York diese detaillierte Notiz:
Eine Brigg fuhr etwa 200 Meter vor unserem Bug vorbei undnahm Kurs auf uns. Ein seltsames rotes Licht beleuchtete denMast, die Brücke und die Segel. Der Ausguck meldete das sich nähernde Schiff, und auch der Wachoffizier konnte es vonder Brücke aus deutlich sehen. Ein Fähnrich wurde auf dasVordeck geschickt. Aber er sah gar nichts, es gab keine Anzeichen für ein echtes Schiff. 13 Personen wurden Zeugen dieserErscheinung. Die Nacht war klar und das Meer ruhig. Dietourmaline und die cleopatra, die vor uns an Steuerbord fuhren, fragten uns mit Handzeichen, ob wir das seltsame rote Licht ebenfalls gesehen hätten.
Kurz darauf stürzte der Matrose, der auf einem Mast im Ausguck stand, in den Tod. Eine Folge der Begegnung mit dem Geisterschiff oder reiner Zufall? Zuvor hatte ein britischer Kapitän 1835 von einem Schiff berichtet, das auf ihn zugerast, dann aber auf mysteriöse Weise wieder verschwunden sei. Später, im Jahr 1939, sollen ein Dutzend Menschen ein ähnliches Schiff vom Glencairn Beach aus gesichtet haben, einem Strand südöstlich von Kapstadt in Südafrika. Wenn man den Zeugen glauben darf, durchquerte das unbekannte Schiff die Zone mit hoher Geschwindigkeit, alle Segel waren aufgebläht, obwohl es nicht den geringsten Wind gab.
Immer noch präsent in der Popkultur
Von allen Geschichten über Geisterschiffe ist es zweifellos die des fliegendenholländers, die die Popkultur am meisten geprägt und zahlreiche Werke in Literatur, Kino und Musik inspiriert hat. Die jeweiligen Autoren haben sich dabei oft große Freiheiten gegenüber der ursprünglichen Erzählung herausgenommen.
Bereits 1797/1798 lässt Samuel Taylor Coleridge ein Geisterschiff, inspiriert vom fliegendenholländer, in sein berühmtes episches Gedicht Die Ballade vom alten Seemann einfließen. Der erste explizite Roman über den fliegendenholländer ist »Das Geisterschiff« (1839) des Schriftstellers und Schiffskapitäns Frederick Marryat. Sein Protagonist, Philippe Vanderdecken, ist der Sohn des Kapitäns des verfluchten Schiffes. Als sein Schiff das Kap der Guten Hoffnung passiert, begegnet es einem großen Schiff:
[Es] schien gegen einen heftigen Orkan anzukämpfen, obwohl es windstill war. Bald tauchte es unter, bald tauchte es wieder auf, immer auf vollkommen ruhigem Wasser: mal verschwand es unter den Wellen, mal tauchte es wieder an der Oberflächeauf. […] Schließlich sah man es wenden; und während diesesManövers war es so nah, dass man die Männer auf der Brücke hätte zählen können. Doch in diesem Moment hüllte es plötzlich Finsternis ein, und man sah es nie wieder.
Ein Jahr zuvor, 1838, hatte Edgar Allan Poe im zehnten Kapitel seines Romans »Die Abenteuer des Arthur Gordon Pym« von einer Begegnung mit einem verlassenen holländischen Schiff berichtet, auf dem Leichen verstreut lagen. Zwar wird der fliegendeholländer nicht direkt erwähnt, doch die Anspielung ist offensichtlich.
Selbst Victor Hugo hat der Legende zu Ruhm verholfen. In einem seiner Gedichte aus der Sammlung »Die Legende der Jahrhunderte«, die zwischen 1855 und 1876 verfasst wurde, bezieht sich der Autor von »Die Arbeiter des Meeres« mit folgenden Worten auf den fliegendenholländer:
Es ist der Holländer, das Boot
Flammen zeigen auf ihn so rot!
Verdammtes Schiff verflucht!
Unheilvoll, in der Tat!
Der Kapitän ist ein düsterer Pirat
Seinen Weg aus der Hölle sucht.
Im Kino greift der Film »Pandora und der Fliegende Holländer«, der 1951 von Albert Lewin gedreht wurde, den Mythos des Geisterschiffs wieder auf. Pandora Reynolds (Ava Gardner), eine amerikanische Sängerin, die sich vorübergehend in Spanien aufhält und alle Männer fasziniert, schwimmt eines Tages vor dem Hafen von Esperanza auf ein seltsames Boot zu. Dort trifft sie einen merkwürdigen Seefahrer, Hendrick Van der Zee (James Mason), in den sie sich verliebt. Die Geschichte wird uns von Geoffrey erzählt, der zufällig ein altes Manuskript entdeckt hat, das eine bisher unveröffentlichte Version der Legende vom fliegendenholländer enthält.
Die der breiten Öffentlichkeit besser bekannte Saga »Fluch der Karibik«, die 2003 startete und bislang fünf Filme umfasst, hat den Mythos wieder populär gemacht, auch wenn die angebotene Version von der traditionellen Legende nur das verfluchte Schiff beibehält, dessen Mannschaft aus Toten und Verdammten besteht. Die Drehbuchautoren haben sich den fliegendenholländer als ein sagenumwobenes Schiff vorgestellt, das von der Nymphe Kalypso erschaffen wurde und auf dem der Pirat Davy Jones die Seelen der auf See verstorbenen Seeleute ans Ende der Welt bringen muss. Wenn er seine Mission zehn Jahre lang erfolgreich erfüllt, wird ihm Unsterblichkeit gewährt. Jedoch erscheint Kalypso zum vereinbarten Zeitpunkt nicht zum Treffen, und der Pirat reißt sich schließlich in seiner unstillbaren Sehnsucht das Herz heraus, das anschließend in einer Truhe auf der Isla Cruces begraben wird. Daraufhin werden Davy Jones und seine Crew mit einem Fluch belegt und in schreckliche Meereswesen verwandelt.
Der fliegendeholländer ist auch Protagonist zahlreicher Zeichentrickwerke, vom Comic »Dagobert Duck« (Dagoberts Geisterschiff, 1959) über den Comic »Silbersurfer« (Episode Now Strikes the Ghost vom September 1969) bis hin zu einigen Episoden des weltweit meistverkauften Mangas »One Piece« (erscheint seit 1997).
Schließlich hat der Mythos auch viele mehr oder weniger populäre Songs inspiriert, darunter The Flying Dutchman von der britischen Rockband Jethro Tull aus dem Jahr 1979 und die berühmte Oper Der fliegende Holländer, die Richard Wagner 1843 komponierte. Letzterer ließ sich von der Novelle »Die Memoiren des Herrn von Schnabelewopski« des deutschen Dichters Heinrich Heine inspirieren, um das Thema für das Libretto zu finden. In dieser kurzen Erzählung wird ein gespenstischer Kapitän dazu verdammt, für immer auf den Meeren zu segeln, um die Liebe einer Frau zurückzugewinnen. Trotz seiner Begeisterung bei der ersten Lektüre 1838 begann Wagner erst nach seiner Englandreise mit der Komposition. Damals war ein heftiger Sturm aufgekommen, der das Schiff zwang, in einem norwegischen Fjord Zuflucht zu suchen. Dort hört der Komponist die Lieder der örtlichen Seeleute und findet den Namen der Heldin, Senta. Die Musik zu seiner Oper komponierte er innerhalb von sieben Wochen.
Ein prunkvolles Schiff treibt vor der Küste Chiles
Die caleuche soll nur nachts in der Nähe der chilenischen Insel Chiloé in Form eines großen beleuchteten Segelschiffs segeln. An Bord findet ein nicht endendes Fest für die Seelen verstorbener Seeleute statt. Nur einige Schamanen sollen die Fähigkeit besitzen, an diesem makabren Fest als lebendige Person teilzunehmen.
Nicht weit von der Südküste Chiles und der Seen-Region liegt Chiloé, die zweitgrößte Insel des Landes und die fünftgrößte Amerikas. Sie ist in Nord-Süd-Richtung 184 Kilometer lang und an ihrer breitesten Stelle 69 Kilometer breit. Die Insel ist an der Stelle, die der Küste am nächsten ist, nur 2,3 Kilometer vom Festland entfernt.
Chiloé ist ein wichtiger Fischereistandort, denn die Lachszucht entwickelt sich dort besonders gut. Außerdem ist der Ort bekannt für seine bunten Stelzenhäuser, die sogenannten Palafitos, und vor allem für seine zahlreichen Holzkirchen, von denen etwa fünfzehn zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören. Die Jesuiten haben dort im 17. Jahrhundert das Christentum eingeführt. Wenn Sie einmal einen Tag auf dieser Insel mit ihrem ozeanischen Klima verbringen, wird Ihnen vielleicht einer der 155.000 Einwohner eine nicht ganz alltägliche Geschichte zuflüstern, nämlich die der caleuche.
Das schwimmende Paradies für die Seelen der Seeleute
Die caleuche (ausgesprochen ka-le-u-tsche) ist der Legende nach ein prächtiges weißes Geisterschiff, das von tausend Lichtern beleuchtet wird und einige ziemlich erstaunliche Eigenschaften besitzt. Es soll nur nachts segeln, was zunächst allein nichts Besonderes ist. Zum anderen soll es die Seelen aller auf See verstorbenen Seeleute sowie die von Hexen und Zauberern beherbergen.
Das Erstaunlichste ist, dass die caleuche in der Lage sein soll, ihr Aussehen zu verändern und schnell unter Wasser zu tauchen, um zu verschwinden. Das hat ihr übrigens ihren Namen eingebracht hat, denn »Caleuche« kommt von »Kaleuntun«, was in Mapudungun (der Sprache der Mapuche-Indianer) »sich verwandeln« bedeutet. Ein amphibisches Geisterboot, das autonom wie ein U-Boot ist – das ist wirklich etwas Besonderes!
Wenn das prunkvolle Schiff an der Oberfläche auftauche, finde auf ihr ein scheinbar nie enden wollendes Fest statt. Wie bei manchen Luxusyachten, von denen nach Einbruch der Dunkelheit die gedämpften Klänge einer privaten Feier zu hören sind, feiern die Seelen der verstorbenen Seeleute prunkvoll und ohne müde zu werden ihren Aufenthalt in der Ewigkeit. Letztlich wird die caleuche als nichts anderes als eine Art schwimmendes Paradies, auf dem Gesang, Musik und Gelächter für immer in der Nacht erklingen, beschrieben.
Übernatürliche Wesen am Ruder
Täuschen Sie sich nicht, die caleuche ist kein herumtreibendes Geisterschiff. Die Seelen seien dort nicht auf sich allein gestellt, denn am Ruder sollen der Legende nach drei übernatürliche Wesen stehen: die Sirena Chilota (eine Meerjungfrau aus der Mythologie von Chiloé), die Pincoya und ihr Bruder, der Pincoy. Die Pincoya ist eine weibliche Figur aus der Mythologie der Chiloé. Sie wurde als Kind einer Frau und eines Seelöwen geboren. Sie hat den Ruf, alle zu verhexen, die sie ansehen. Man könne sie auch nackt am Ufer tanzen sehen, nur mit ihren langen Haaren bekleidet. Je nachdem, ob sie sich zum Meer wendet oder nicht, soll sie ein gutes Jahr für die Muschelernte versprechen.
Die caleuche durchkreuze die Region um Chiloé, um neue Besatzungsmitglieder zu finden oder neue Seelen zu bergen, die auf See ums Leben gekommen sind.
Die geheimen Kräfte der Schamanen
Auf der Insel Chiloé behauptet eine Gruppe von Personen, die sehr wohl lebendig sind, das Privileg zu haben, gelegentlich an dem Fest an Bord teilzunehmen. Die Hexer (Brujos) und Schamanen aus Chiloé bilden eine beunruhigende Bruderschaft mit zweifelhaftem Ruf. Man kann nur dann selbst ein Brujo werden, wenn man von anderen Brujos in die Gemeinschaft aufgenommen wird. Dazu muss man einen geheimen Initiationsritus durchlaufen, der unter anderem mehrere Nächte allein auf einem der Friedhöfe der Insel beinhaltet. Diese Gemeinschaft wird von der Kirche aufgrund ihrer antichristlichen Bräuche nicht gern gesehen. Sie praktizieren beispielsweise eine Salbung, die die christliche Taufe außer Kraft setzt.
Über diese Schamanen kursieren alle möglichen Gerüchte. Sie sollen angeblich von Insel zu Insel fliegen, sich in Tiere verwandeln und sogar Flüche aussprechen können. Ihre Treffen sollen in einer geheimen Grotte stattfinden. Zu ihren Kräften gehöre die Fähigkeit, an Bord der caleuche an dem ewigen Fest teilzunehmen. Dazu müssten die Brujos lediglich das Seepferd von Chiloé herbeirufen. Dies ist ein lokales Fabelwesen von hellgelber bis dunkelgrüner Farbe und hybrider Erscheinung, halb Seepferdchen, halb Pferd, mit einer goldenen Mähne, vier Beinen, die in Flossen enden, und einer kräftigen Schwanzflosse. Nur die Brujos von Chiloé können dieses außergewöhnliche Meerestier sehen, und sie nutzen es angeblich als Reittier, um zum Geisterschiff zu gelangen.
Die Herkunft ist unklar
Der Ursprung dieser Legende ist nach wie vor unklar. Handelt es sich um eine lokale Variante von aus Europa importierten Glaubensvorstellungen (das Schiff der Toten, Geisterschiffe wie der fliegendeholländer) oder um eine frei erfundene Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit basiert, wie dem Verschwinden des holländischen Schiffes calandre oder der vorübergehenden Besetzung der Insel durch den holländischen Freibeuter Baltazar de Cordes?
Die Geschichte der caleuche ist eine faszinierende Synthese aus Schamanismus, den Erzählungen der polytheistischen Religion der Mapuche und dem Einfluss der spanischen katholischen Kirche, ergänzt durch den Aberglauben der Seeleute. Auch heute noch ist diese fesselnde Legende aus der chilenischen Mythologie, die tief in der lokalen Kultur verwurzelt ist, sehr lebendig. Dank der Einwohner von Chiloé, die diese symbolträchtige Erzählung aus ihrem ohnehin schon reichen Erbe an Mythen, Märchen und bunten Legenden bewahren und von Generation zu Generation weitergegeben haben, beflügelt sie nach wie vor die Fantasie.
Die gefürchtete Rückkehr der labellerosalie
Diese Legende ist unter den Einwohnern von Dieppe wohlbekannt. In der Nacht von Allerheiligen soll ein Geisterschiff in den Hafen der Stadt Dieppe, die im Départment Seine-Maritime liegt, einlaufen, um die Seelen der Bewohner heimzusuchen. Es stellt sich die Frage, ob in dieser unglaublichen Geschichte ein Funken Wahrheit steckt.
Der überlieferten Erzählung zufolge, die über Generationen weitergegeben wurde, soll die Geschichte in einer Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November begonnen haben. Das Jahr ist allerdings unbekannt. Die Geschichte besagt: Die Bewohner des Stadtteils Pollet in Dieppe wurden plötzlich durch ungewöhnlichen Lärm aus dem Schlaf gerissen. Zu ihrer großen Überraschung fuhr ein von acht weißen Pferden gezogener Wagen durch die verlassenen Straßen. Ein sehr feierlicher und gleichzeitig makabrer Anblick, der manchen die Haare zu Berge stehen ließ.
Das Geisterschiff läuft in den Hafen ein
Am nächsten Tag war Allerheiligen. Das Meer war aufgewühlt, doch vom Leuchtturm aus sah der Wärter vor der Küste einen prächtigen Dreimaster, dessen große weiße Segel gesetzt waren. Neugierig geworden, beobachtete er ihn durch sein Fernglas und erkannte die labellerosalie. Er traute seinen Augen nicht, aber so sehr er auch das Schiff anstarrte, es war tatsächlich der Schoner mit diesem Namen. Das konnte jedoch unmöglich sein, denn die la bellerosalie war bei einem Sturm … ein Jahr zuvor … zerstört worden! Der Leuchtturmwärter erinnerte sich noch gut daran, dass die Einwohner von Dieppe sogar Wrackteile an einem Strand gefunden hatten.
Doch wie aus dem Nichts näherte sich nun das Schiff der Stadt Dieppe, als wäre nie etwas passiert. Eigenartigerweise beruhigte sich das Meer, und ein undurchsichtiger Nebel breitete sich über der Stadt aus. Die labellerosalie fuhr in die Hafeneinfahrt ein und glitt langsam und in völliger Totenstille bis auf die Höhe der Kirche Notre-Dame-des-Grèves am Kai der Somme im Stadtteil Pollet.
