Seelenfeuer - Alicia Sérieux - E-Book

Seelenfeuer E-Book

Alicia Sérieux

0,0
4,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Lass dich entführen in die Welt hinter dem Schleier. Fremde Wesen, dunkle Feen und ein vergessenes Schicksal. Alicia Sérieux' Fantasy-Roman über die irische Sagenwelt wird dich verzaubern. Das Herz erinnert sich, lange schon, bevor der Verstand es vermag. Was wäre, wenn eine Welt hinter unserer Realität existierte? Eine Welt, in der Magie existiert? Was wäre, wenn Traum und Wirklichkeit verschmelzen? Wenn Tiere sprechen könnten und kalter Stein zum Leben erwacht? Niamhs Welt wird in einer einzigen Nacht auf den Kopf gestellt, als ihr Ziehvater von einem dunklen Schatten aus ihren Albträumen in ein weit entferntes Reich verschleppt wird: in die Anderswelt, Tír na nÓg. Vor ihr liegt ein Abenteuer, in dem es um alles geht: Zukunft und Vergangenheit, Liebe und Hass, Gut und Böse, Leben und Tod... Begleitet von Gefährten aus einem längst vergessenen Leben wagt sie den Schritt ins Ungewisse, um ihre Familie zu beschützen. Als sie in der Fremde auf Cadan, den Rebellenanführer trifft, erahnt sie, dass manche Verbindungen tiefer gehen. So tief, dass sie sogar Raum und Zeit überdauern.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



 

ALICIA SÉRIEUX

 

CHRONIKEN

DER

ANDERSWELT

 

 

 

 

 

 

 

Seelenfeuer

Impressum

Realm & Rune Verlag

Heimat phantastischer Geschichten und spannender

Geschichte!

www.realm-and-rune.de

Insta/TikTok: @realm_and_rune

 

ISBN 978-3-9825255-8-7

© 2024 Realm & Rune Verlag

Lektorat & Korrektorat: Tintenschwert, www.tintenschwert.de

Cover: Nightsky Graphics Book Design, Stella Ehrhardt

Anschrift: An der Obstwiese 9, 50171 Kerpen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für meine Kinder, auf dass auch sie immer ihren Weg zurück nach Hause finden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

»Ach, schöne Frau, willst du mir folgen in ein wunderbares Land, wo immer Musik erklingt? Das Haar derer, die dort wohnen, gleicht den Blütenblättern von Pfingstrosen, und ihre Leiber haben die Farbe von Schnee…«

 

»…Wenn du mir folgst zu meinem mächtigen Volk, will ich dich mit einer Krone aus Gold schmücken, Honig, Wein, Bier, frische schäumende Milch – alles ist dort in Hülle und Fülle, du meine Schöne!«

Auszug aus »Midhirs Lied von der Anderswelt«

(Unbekannter irischer Autor des 9.Jahrhunderts)

 

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 Verloren und Gefunden

Kapitel 2 Schattenträume

Kapitel 3 Alte Freunde

Kapitel 4 Der silberne Pfad

Kapitel 5 Tír na nÓg

Kapitel 6 Der letzte Widerstand

Kapitel 7 Die Reise der Erinnerungen

Kapitel 8 Was war und was ist

Kapitel 9 Leben und Tod

Kapitel 10 Geister der Vergangenheit

Kapitel 11 Yggdrasil

 

Kapitel 1Verloren und Gefunden

 

Weiches Moos unter meinen Füßen und sanfter Wind, der zärtlich durch mein Haar streicht. Das Rauschen der Blätter, durch die sanft das Sonnenlicht bricht. Ein leises Plätschern aus der Ferne. Die Luft erfüllt vom Duft farbenfroher Blumen, die um mich herum erblühen. Die ihre purpurnen, sonnengelben und tiefroten Blüten dem Licht entgegenstrecken.

Ich glaube, ein leises Lachen aus der Ferne zu hören. Vorsichtig setze ich einen Schritt vor den anderen und spüre, wie der weiche Waldboden unter meinen nackten Füßen nachgibt. Wie ein warmer, flauschiger Teppich. Der Farn, der rechts und links meines Weges wächst, kitzelt meine nackten Oberarme während ich ihn vorsichtig zur Seite schiebe, um vorbeigehen zu können.

Was am Ende meines Weges ist, weiß ich nicht. Doch etwas zieht mich weiter. Wie ein ferner Ruf, den nur ich allein hören kann. Bunte Schmetterlinge flattern umher und Vögel zwitschern in den hohen Bäumen ihre Lieder. Es ist warm, doch der kühle Wind, der immer wieder in den Baumkronen über mir raschelt, fühlt sich angenehm erfrischend an. Immer weiter folge ich dem Pfad, ohne zu wissen, wo er endet. Mit jedem Schritt schlägt mein Herz schneller.

Wieder glaube ich, ein weit entferntes Lachen zu hören. Dieser Klang fühlt sich vertraut an. Ich beschleunige meine Schritte, immer den Blick geradeaus gerichtet. Das Licht am Ende des Weges wird immer heller und ich muss dagegen anblinzeln. Es blendet mich mehr und mehr, je näher ich herankomme. Doch ich spüre, dass ich kurz vor meinem Ziel bin. Nur noch wenige Schritte…

Ein Rascheln im Gebüsch lässt mich innehalten. Aufmerksam blicke ich in die Schatten des Waldes, um etwas zu erkennen. Habe ich mir die Bewegung in den Schatten nur eingebildet? Wieder glaube ich etwas in den Büschen zu sehen und mein Herz will in meiner Brust zerspringen. Etwas kommt auf mich zu. Oder jemand. Ich sollte Angst haben, das sagt mir mein Verstand. Doch mein Herz widerspricht energisch. Es weigert sich einfach, ängstlich zu sein. Als wüsste es etwas, das meinem Verstand verborgen bleibt. Ich höre ruhige Schritte, die langsam auf mich zukommen. Äste, die leise knacken, als sich dieser jemand auf mich zubewegt. Doch ich kann niemanden erkennen.

Das Licht, das durch die Baumkronen fällt, erzeugt einen Tanz aus Licht und Schatten. Geblendet kann ich in den Schatten kaum etwas erkennen. Doch plötzlich schält sich eine Gestalt aus dem Dickicht. Mein ganzer Körper kribbelt bis in meine Fingerspitzen, als ich sehe, wie sie mir ihre Hand entgegenstreckt. Obwohl ich keine Ahnung habe, wer da auf mich zukommt, fühle ich mich zu der Gestalt hingezogen. Unsichtbare Finger greifen nach mir und ziehen mich ihr entgegen. Sie streckt mir ihre Hand entgegen und augenblicklich weiß ich, dass ich sie ergreifen will. Ergreifen muss.

Wie in Trance strecke ich meine Hand nach ihr aus und mache einen Schritt auf sie zu. Doch kaum habe ich einen Fuß in ihre Richtung und abseits meines Pfades gesetzt, verdunkelt sich meine Umgebung. Der sanfte Wind frischt auf und verwirbelt wild die Blätter des Waldbodens, zerrt an meiner Kleidung und bringt mich zum Straucheln. Ich lehne mich ihm entgegen und spüre seine elementare Kraft.

Verzweifelt versuche ich die Hand zu erreichen, die mir die Gestalt nach wie vor entgegenstreckt, und versuche angestrengt, ein Gesicht in den Schatten zu erkennen. Doch ich habe keine Chance. Kurz bevor ich die Hand meines Gegenübers berühren kann, ist auch alles schon wieder vorbei. Finsternis hüllt mich ein und zieht mich fort. Weit fort…

Ich öffnete meine Augen und richtete mich erschrocken auf. Mein Herz raste und ich schnappte nach Luft. Im ersten Moment wusste ich nicht einmal, wo ich mich gerade befand. Der mir sonst so vertraute Ort fühlte sich für den Bruchteil einer Sekunde seltsam fremd an. Ich atmete tief ein und aus, um meinen rasenden Puls etwas zu beruhigen. Mit einer fahrigen Bewegung strich ich mir mein Haar zurück, das schweißnass an meinem Gesicht klebte. Mein Blick schweifte durch das Zimmer und erst, als ich mich vergewissert hatte, dass ich allein war, entspannte ich mich etwas.

Obwohl ich wusste, dass es wieder nur ein Traum war, war ich aufgewühlt. Seit Wochen träumte ich immer wieder denselben Traum. Immer und immer wieder. Erneut hatte er genauso geendet, wie er es immer tat. Meine Arme und Beine fühlten sich an, als krabbelten tausende von Ameisen durch meine Venen. Was war nur los mit mir?

Eine Bewegung neben mir ließ mich zusammenzucken. Doch als die vertraute, kalte Hundeschnauze meinen Arm streifte, war der Schreck verflogen.

»Fox! Du weißt doch, dass du nicht auf mein Bett darfst!«, rügte ich meinen besten Freund und zog ihn an mich. Treue, braune Hundeaugen musterten mich und seine großen Ohren stellten sich auf. Sein schlanker Körper drückte sich an mich. Dieses vertraute Gefühl bewirkte, dass sich mein Herzschlag allmählich wieder normalisierte. Mein Fox. Vor Jahren war er uns einfach so zugelaufen. Eines Morgens hatte er einfach vor unserer Haustür gesessen. Als mein Vater die Tür geöffnet hatte, war er einfach so hereinspaziert, hatte sich neben mich auf die Couch gelegt und war seit diesem Tag nicht mehr von meiner Seite gewichen.

Da war ich acht Jahre alt gewesen. Meine Adoption lag zu diesem Zeitpunkt ein halbes Jahr zurück und mein Adoptivvater brachte es nicht übers Herz, diesen anhänglichen Hund aus dem Haus zu werfen. Er hegte wohl die Hoffnung, dass mir so das Einleben etwas leichter fallen würde.

Mein Adoptivvater war ein liebevoller und verträumter Mann, auch wenn er eigentlich Wissenschaftler war. Er hatte vor vielen Jahren an der Universität in Dublin Kunstgeschichte gelehrt, wobei seine Leidenschaft der Mythologie galt. Doch als seine Frau krank wurde, war er mit ihr an den kleinen Ort an der Küste in West Cork gezogen, nicht weit von Eyeries. Trotz der Seeluft und der Ruhe verlor sie jedoch den Kampf gegen ihre schwere Erkrankung und starb ein Jahr vor meiner Ankunft. Ich kannte sie nur von Bildern, die überall in unserem kleinen Cottage verteilt standen. Wie gern hätte ich sie kennengelernt. Die Frau mit dem sanften Lächeln und den gütigen Augen.

In Eyeries kannte jeder den Professor aus Dublin und Dr. William Kane war immer ein gern gesehener Gast auf den hiesigen Festivitäten. Seit vielen Jahren kümmerte er sich um das kleine Heimatmuseum, in das er mich immer gern mitnahm und mir Geschichten zu den Artefakten erzählte. Unsere Familie war klein, aber wir waren glücklich und Fox passte perfekt in unsere Welt.

Und so beschlossen wir, unseren frechen Streuner, der sich gerade genüsslich auf meinem Bett ausstreckte, Fox zu nennen. Denn er sah einem Fuchs zum Verwechseln ähnlich. Seine rote Fellfarbe verstärkte diese Ähnlichkeit und wir mussten aufpassen, dass er bei unseren Spaziergängen durch die Wälder nicht versehentlich für einen Fuchs gehalten wurde. Ich war seine liebste Bezugsperson, vom allerersten Tag an. Auf meinen Vater hörte er wenig bis gar nicht. Obwohl er ein sehr geduldiger und sanftmütiger Mann war, schaffte es Fox immer wieder, ihn durch seinen Ungehorsam zu frustrieren. Doch das änderte nichts daran. Er war einfach mein Fox.

In unserer Familie war nie ein Geheimnis daraus gemacht worden, dass ich adoptiert war. Niemand wusste etwas über meine leiblichen Eltern, noch woher ich eigentlich stammte. Mein Adoptivvater hatte mich bei einem seiner einsamen Abendspaziergänge am Strand in der Nähe seines Hauses gefunden. Ich saß einfach im Sand und starrte stumm auf das Meer hinaus. Er brachte mich zu einem Arzt, der jedoch keine körperlichen Verletzungen feststellen konnte. Doch ich wirkte der Welt entrückt, als würde ich die Dinge um mich herum nicht wirklich wahrnehmen. Mein Dad entschied, mich in seine Obhut zu nehmen, bis geeignete Pflegeeltern gefunden wurden.

Aber das geschah nie, was mein Glück war. Denn ich konnte mir keinen schöneren Ort vorstellen als unser kleines Cottage am Rande der See. Es schien fast so, als hätte das kleine Städtchen Eyeries vergessen, dass ich eigentlich nicht zu ihnen gehörte. Nach einiger Zeit war ich einfach die Tochter von Dr. William Kane geworden. Als hätte das Schicksal diesen Ort für mich vorgesehen. Da ich weder wusste, woher ich kam, noch irgendetwas bei mir trug, was ein Hinweis hätte sein können, gab es keine Anhaltspunkte für eine Suche. Das Einzige, an das ich mich erinnern konnte, war mein Name: Niamh. So wurde aus dem Findelkind ohne Erinnerung Niamh Kane, die Tochter des etwas schrulligen und durch mich nicht mehr ganz so einsamen Professors.

Mein Blick glitt zu dem eingerahmten Familienfoto, das auf meinem Nachttisch stand. Darauf war mein Adoptivvater, ich und Fox zu sehen. Es war kurz nachdem der Streuner zu uns gefunden hatte, entstanden. Ich war ein kleines, dürres Mädchen mit großen, traurigen Augen gewesen. Mein kastanienbraunes Haar ordentlich zu einem Zopf frisiert und mit scheuem Blick sah ich in die Kamera. Mein Dad erzählte mir einmal, dass ich sehr ängstlich und unsicher war. Wohl nichts Ungewöhnliches für ein Kind, von dem keiner wusste, woher es kam und was es wohl schon alles durchgemacht hatte. Doch das Seltsamste war, dass ich selbst es auch nicht wusste.

Meine Erinnerungen begannen genau genommen erst ab dem Tag, an dem ich das Haus meines Adoptivvaters das erste Mal betreten hatte. Die Ereignisse davor waren wie ausgelöscht. Das alles lag nun schon über zehn Jahre zurück und ich fragte mich, ob diese seltsamen Träume vielleicht etwas damit zu tun hatten. Ich war nun neunzehn Jahre alt, aber hieß es nicht immer, dass traumatische Erlebnisse erst mit der Zeit an die Oberfläche treten?

Ich hatte nie darüber nachgedacht, nach meinen leiblichen Eltern zu suchen. Größtenteils aus Angst aber auch aus Hilflosigkeit, da ich nicht wusste, wo ich mit der Suche hätte anfangen sollen. Es war, als hätten sie nie existiert. Doch irgendwoher musste ich ja schließlich stammen. Ich seufzte, während ich Fox’ Bauch kraulte. Vielleicht hatte mein Unterbewusstsein seine Gründe, mich all meiner Erinnerungen zu berauben. Vielleicht war es einfach besser so.

Der kalte Nachtwind heulte und die Äste der großen Eiche vor unserem Haus kratzten an der Fensterscheibe meines Zimmers. Offenbar zog ein Herbststurm auf, was nichts Ungewöhnliches war, wenn man in einem Haus an der irischen Küste lebte. Ich schob Fox sanft ein Stück zur Seite und schwang meine Beine über die Bettkante. Das Kribbeln in meinen Armen und Beinen hatte zum Glück etwas nachgelassen. Langsam erhob ich mich, trat an das Fenster und blickte hinaus auf unsere Einfahrt, die sich direkt hinter der großen Eiche erstreckte.

Das Haus meines Adoptivvaters war ein Traum. Früher war es einmal ein altes Cottage gewesen, so wie es ganz viele in Irland gab. Er hatte es über Jahre hinweg liebevoll renoviert, wohl auch um sich und seine Frau von ihrem schweren Schicksal abzulenken. Sie hatten nie eigene Kinder bekommen können und hatten nur einander. Er schuf ihr ein wunderschönes Zuhause, wohl in der Hoffnung, dass es ihr bei ihrer Genesung helfen würde. Doch seine Bemühungen waren leider vergeblich. Kurz nachdem er die Umbauten beendet und das alte Cottage in ein gemütliches Zuhause verwandelt hatte, war seine Frau für immer eingeschlafen. Sie hatte sich immer ein Haus am Meer gewünscht.

Mein Blick schweifte über das große Außengelände, durch das der Wind peitschte. Der große Garten, der sich vor dem Haus erstreckte, endete an einem kleinen Hang. Dieser fiel sanft auf die Küste hinab und führte zu einem kleinen Strand, der versteckt zwischen hohen Felsen lag. Mein Adoptivvater hatte eine Art Treppe in die Felsen schlagen lassen, damit wir ohne größere Blessuren an den Strand gelangen konnten. Dort unten gab es viele kleine Höhlen und Verstecke, in denen ich allerlei Schätze entdecken konnte. Muscheln, Seesterne, vom Meer glatt geschliffene Steine und Glasscherben. Schätze, die ich in jedem Winkel meines Zimmers platziert hatte, wie meine eigene, kleine Ausstellung.

Doch das Glanzstück unseres Gartens war etwas ganz Besonderes: die lebensgroße Statue eines Zentauren. Kurz nachdem ich zu meiner neuen Familie gekommen war, hatte mein Vater sie am Strand gefunden. Sie musste wohl von einem Schiff gefallen und bei uns an Land gespült worden sein. Da mein Vater von den alten Sagen und Legenden fasziniert war, mussten wir ihm einfach einen Ehrenplatz widmen. Er ließ den Zentauren unter großem Aufwand in unseren Garten stellen. Dort ragte er nun auf, den steinernen Blick auf das Meer gerichtet. In der rechten Hand hielt er einen Speer fest umschlossen, seinen muskulösen Oberköper kampfbereit aufgerichtet. Sein langes Haar machte den Eindruck, als würde es im Meereswind wehen. Er stand halb auf den Hinterbeinen, die Vorderbeine erhoben, als wollte er sich jeden Moment in einen Kampf stürzen. Die Statue hatte mich von Anfang an in ihren Bann gezogen.

Trotz seiner kriegerischen Pose war er für mich ein stummer Freund, in dessen Nähe ich am liebsten gesessen und meine Lieblingsbücher gelesen oder gespielt hatte. Manchmal saß ich auch einfach nur da und musterte seine steinernen Gesichtszüge. Die flache Nase und die ernsten Augen, mit denen er suchend in die Ferne blickte. Sein Mund, die Lippen fest verschlossen, als wollten sie ein Geheimnis wahren. Die markanten Wangenknochen und die hohe, glatte Stirn. Oft sah ich ihn so lange an, bis ich mir einbildete, eine Bewegung in seinen Zügen zu erkennen. Natürlich wusste ich, dass das unmöglich war und meine lebhafte Fantasie einfach mit mir durchging. Doch oft wünschte ich mir insgeheim, dass ich mich nicht täuschte.

Mein Adoptivvater nannte mich immer »Träumerchen«. Denn das tat ich am liebsten. Als ich älter wurde, erzählte er mir Geschichten über magische Wesen und weit entfernte Orte. Geschichten über Feen und Nixen. Über Hexen und Kobolde. Wie gebannt hing ich an seinen Lippen. Oft dachte er sich auch Geschichten über unseren Zentauren aus. Wir stellten uns gemeinsam vor, wie er über weite Steppen galoppierte und kriegerisch seinen Speer schwang. Glaubten, seinen Ruf im Rauschen der Wellen zu hören und malten uns die tollsten Abenteuer aus, die er wohl schon erlebt hatte. Es gab für mich nichts Schöneres, als mit ihm in unsere kleine, geheime Welt abzutauchen, die so gar nichts mit der Realität gemeinsam hatte.

Ich schmunzelte, als mein Blick auf mein Bücherregal fiel, in dem es fast ausschließlich Bücher über Märchen und Sagen gab. Ich wusste alles darüber. Aber mein absolutes Lieblingsbuch hatte seinen angestammten Platz auf meinem Nachttisch. Behutsam nahm ich es in meine Hände und strich zärtlich über den Einband. In goldenen Lettern stand da der Titel: »Geschichten und Legenden der Anderswelt«. Mein Vater schenkte mir dieses Buch zu meinem zehnten Geburtstag, denn er hatte eine seltsame Entdeckung gemacht.

»Wusstest du, dass du genau so heißt wie die Feenkönigin, die einst in Tír na nÓg regiert hat?« Seine Augen leuchteten vor Begeisterung, als er mir das erzählte. Auf meinen ungläubigen Blick hin schlug er die entsprechende Seite auf und zeigte auf die Stelle darin, an der tatsächlich mein Name stand. Mit vor Staunen geweiteten Augen sah ich zu ihm auf und begegnete seinem liebevollen Blick. »Wer weiß, vielleicht kommst du ja aus Tír na nÓg.«

Er strich mir zärtlich über mein Haar und für einen Moment glaubte ich, den Hauch von Trauer in seinen Augen zu erkennen. Vermutlich glaubte er, ich würde mich nach Antworten über meine Herkunft sehnen. Doch so war es nicht, denn ich war glücklich. Man konnte sich nicht nach etwas sehnen, das man nie gekannt hatte. Ich erinnerte mich an rein gar nichts von der Zeit, bevor er mich am Strand gefunden hatte.

Über die Jahre war dies die geheime Welt meines Vaters und mir geworden. Wann immer es uns möglich war, tauchten wir in unsere Geschichten ein und vergaßen die Welt um uns herum.

Daran lag es vielleicht auch, dass ich mich in unserem abgeschiedenen und verträumten zu Hause so wohlfühlte. Nie konnte ich viel mit anderen Menschen oder Gleichaltrigen anfangen. Ich wusste, dass es meinem Vater oft Sorgen bereitete, denn er hätte mich gern umringt von vielen Freundinnen kichernd und über Jungs sprechend gesehen. Doch ich war schon als Kind nachdenklich und verträumt gewesen, womit die anderen Kinder in meiner Schule nichts anfangen konnten.

»Du bist offenbar eine alte, keltische Seele.« Das war seine Lieblingserklärung dafür, dass ich es einfach nicht schaffte, dazuzugehören. Nie lud man mich auf Geburtstage oder Spielverabredungen ein. Ich war das seltsame Mädchen, das sich weder vor Spinnen noch Käfern ekelte, sondern sie auf ihre Hand krabbeln ließ um sie behutsam aus dem Klassenzimmer nach draußen zu tragen. Das eine stille Beobachterin war, anstatt über den Schulhof zu toben. Mit der Zeit wurde ich quasi unsichtbar, was mich jedoch nicht kümmerte. Ich fühlte mich in meiner kleinen Welt wohl und hatte kein Bedürfnis danach, jemand anderen als meinen Vater einzulassen.

Oft schien es mir, als wäre ich für die reale Welt ungeeignet. Ich hatte immer gehofft, dass ich mich eines Tages in dieses neue Leben, das mir geschenkt worden war, einfinden würde. Meinen Platz finden und ein ganz normaler Teil unseres Städtchens würde. Mittlerweile war ich neunzehn Jahre alt, doch geändert hatte sich nichts.

»Irgendwann wirst du bestimmt so eine alte Bibliothekarin, die zusammen mit zwanzig Katzen im Dachboden deiner Eltern wohnt«, zogen mich die beliebten Mädchen meiner Jahrgansstufe auf. Doch diese Vorstellung gefiel mir insgeheim sogar. Ich würde an den stillsten Orten nicht allein sein, solange ich nur meine Bücher bei mir hatte.

Ich legte das Buch zurück auf meinen Nachttisch und schlurfte hinüber zu meinem Kleiderschrank, um mir eine Strickjacke zu holen. Die Abende wurden langsam kälter. Der Herbst hüllte die Welt in sein buntes Kleid und ließ es unter seinen wilden Liedern erzittern. Ich liebte die Herbststürme. Mich zu Hause mit meinem Lieblingsbuch in eine warme Decke zu wickeln und die Welt sich einfach weiter drehen zu lassen, ohne dass man von mir verlangte, an ihr teilzuhaben, brachte mir inneren Frieden.

Ich blieb vor meinem Schrank stehen und betrachtete mich in dem großen Spiegel. Mein braunes Haar hing zerzaust bis zu meinen Schultern und ich sah verschlafen aus. Meine Augen waren leicht gerötet, wodurch ihr Grün umso intensiver wirkte. Ihre leichte Mandelform hatten meinen Vater oft über meine Herkunft spekulieren lassen. Ich pustete eine Haarsträhne aus meiner Stirn, öffnete die Schranktür und holte meine Strickweste heraus.

Während ich mich darin einwickelte, trat ich wieder an mein Fenster und sah hinaus in die stürmische Nacht. Wie die meisten meiner Kleidungsstücke war mir meine Strickjacke einen Tick zu groß. Dank meiner kleinen und zierlichen Statur hätte ich wohl passendere Kleidungsstücke in der Kinderabteilung finden können. Doch nachdem ich volljährig war, fühlte ich mich definitiv zu alt dafür.

Mein Blick schweifte hinab zu meinem alten, steinernen Freund. Die Statue meines Zentauren stand wie schon seit Jahren, mit dem Blick aufs Meer gerichtet und seinen Speer kriegerisch über den Kopf haltend. Als Kind hatte er mir leidgetan, wie er schutzlos im Regen und Sturm hatte stehen müssen. So allein. Einmal hatte uns ein so starker Sturm getroffen, dass der Sockel des Zentauren bedrohlich gewackelt hatte. In wilder Panik rannte ich in den Regen hinaus und umklammerte ihn, als hätte ich je eine Chance gegen die Naturgewalten. Glücklicherweise hielt der Sockel, denn sonst hätte mich der schwere Stein ohne Weiteres zermalmt.

Meinem Adoptivvater machte mein Verhalten oft Sorgen, denn er konnte es nur schwer nachvollziehen. Er schob es auf meine Vergangenheit, die selbst für mich im Nebel lag. Vielleicht würde sich alles zum Besseren wenden, könnte ich mich bloß erinnern. Vielleicht war es aber auch besser so. Ich hatte einmal gelesen, dass unser Unterbewusstsein schon weiß, warum es uns vor manchen Erinnerungen bewahrt und uns vergessen lässt. Doch es gab immer öfter Momente, in denen ich mich danach sehnte zu wissen, wer ich war und woher ich kam. Ich fühlte, dass ich irgendwo hingehören wollte. Dass mir etwas fehlte. Die Sehnsucht nach einem Ort, der sich richtig für mich anfühlte.

Das leise Knarren meiner Zimmertür riss mich aus meinen Gedanken. »Nia, ich mache mich dann so langsam auf den Weg ins Museum. Ist bei dir alles in Ordnung?«

Ich hörte die Sorge, die in der Stimme meines Vaters mitschwang. Als hätte er bereits gewusst, dass ich wieder schlecht geschlafen hatte. Nachdem ich schon in der Nacht zuvor diese Unruhe in mir gehabt hatte, hatte ich mich ein wenig nach dem Nachmittagstee hingelegt und musste sofort eingeschlafen sein. Bestimmt hatte er immer wieder nach mir gesehen, denn das tat er schon seit dem Tag meiner Ankunft.

Ich wandte mich zu ihm um und schenkte ihm ein müdes Lächeln. Ihn in seinem feinen Smoking zu sehen, war ein seltener Anblick. Als Professor für Kunstgeschichte, der das hiesige Museum leitete, mochte er es meist eher leger. Doch an diesem Abend war er nicht um den Smoking herumgekommen.

In seinem dunklen Haar, das er ordentlich zurückgekämmt hatte, erkannte ich einige neue silberne Strähnen, die mir bisher nicht aufgefallen waren. Er war groß und schlank, doch nicht auf die sportliche Art und Weise. Eher wie jemand, der so vertieft in seine Arbeit war, dass er meist einfach das Essen vergaß. Doch auch die langen Wanderungen trugen ihren Teil zu seiner Statur bei. Seine warmen, braunen Augen sahen mich liebevoll und gleichermaßen besorgt an. Ihm konnte ich nichts vormachen. Das hatte ich noch nie gekonnt.

Fox sprang von meinem Bett und legte sich in sein Körbchen, das direkt danebenstand.

»Fox wird es wohl nie lernen, dass Hunde nicht in Menschenbetten gehören«, murrte mein Vater und betrachtete kopfschüttelnd meinen besten Freund.

Der gähnte bloß genüsslich und rollte sich in seinem Körbchen zusammen.

»Wahrscheinlich nicht«, gluckste ich.

Der Blick meines Vaters wanderte von Fox zurück zu mir.

»Hattest du wieder diese seltsamen Träume?«

Ich dachte kurz darüber nach, ihn anzuschwindeln. Nur, um ihm nicht noch mehr Sorgen zu bereiten. Doch er kannte die Antwort ohnehin schon und so zuckte ich bloß resignierend mit den Schultern. Er seufzte tief, während er in mein Zimmer eintrat und sich auf den Rand meines Bettes setzte. Er bedeutete mir, mich zu ihm zu setzen. Als ich mich neben ihn auf die weiche Matratze sinken ließ, nahm er meine Hand in seine und suchte meinen Blick. Ich wagte kaum, ihn anzusehen. Denn ich kannte den besorgten Ausdruck in seinen Augen bereits allzu gut.

»Das geht jetzt schon seit Wochen so, Nia. Ich mache mir langsam wirklich Sorgen. Du schläfst so gut wie keine Nacht mehr durch und so langsam sieht man es dir auch an. Vielleicht sollten wir uns doch Hilfe suchen…«

»Ich werde auf keinen Fall zu einem Seelenklempner gehen!«, begehrte ich auf und entzog ihm meine Hand.

Es war nicht das erste Mal, dass er mit diesem Vorschlag kam.

»Du musst doch zugeben, dass das nicht normal ist. Vielleicht ist es dein Unterbewusstsein. Erinnerungen, die allmählich an die Oberfläche dringen wollen«, redete er mit ruhiger Stimme auf mich ein. Ich schnaubte genervt.

»Was war bei mir schon jemals normal?«

Bevor mein Vater noch etwas darauf entgegnen konnte, piepste sein Handy und er holte es mit fragendem Blick aus seiner Smokingjacke. Er überflog den Text kurz.

»Eine Nachricht von Jonathan. Er ist schon im Museum und braucht noch meine Hilfe bei den Vorbereitungen. Ich werde wohl etwas früher aufbrechen müssen.«

Ich musste unwillkürlich schmunzeln. Jonathan war Vaters Assistent, der seinen Forschungen und Ideen begeistert folgte. Es bestand kein Zweifel darin, dass er eines Tages der Nachfolger meines Vaters werden würde. Doch er war weit mehr als das. Seit er für meinen Vater arbeitete und ich ihn das erste Mal gesehen hatte, schlug mein Herz jedes Mal einen Takt schneller, wenn er in meiner Nähe war. Ich bildete mir ein, diese Tatsache vor meinem Vater und vor allem vor Jonathan verheimlichen zu können. Ganz sicher war ich mir allerdings nicht.

»Ist schon in Ordnung. Ich halte hier die Stellung zusammen mit Fox«, feixte ich und warf meinem Hund einen prüfenden Blick zu.

Doch der schnarchte bereits wieder leise vor sich hin. Ein Wachhund war er beim besten Willen nicht, denn wenn er nicht gerade mit mir und Vater durch die grünen Hügel zog, schlief er am liebsten. So hatte er schon einige Stürme und Gewitter einfach verschlafen, was ungewöhnlich für ein Tier war. Normalerweise wurden Haustiere bei drohenden Unwettern unruhig, doch auch in dieser Hinsicht waren wir alles andere als normal.

»Bist du dir sicher, dass du nicht mitkommen möchtest? Jonathan würde sich bestimmt über deine Anwesenheit freuen.« Mein Vater versuchte dies so beiläufig wie möglich zu erwähnen, doch ich wusste genau, auf was er hinauswollte. Immer wenn ich ihn ins Museum begleitete, um mit ihm in den alten Sagen zu stöbern, waren wir umeinander herumgeschlichen, ohne jedoch in ein richtiges Gespräch zu kommen.

Meinem Vater war dies natürlich nicht entgangen, deshalb hatte er sich offenbar vorgenommen, uns, sagen wir, etwas unter die Arme zu greifen. Was die Sache gefühlt noch komplizierter machte. Ich fragte mich immer wieder, weshalb ich mich so schwer damit tat, mich Jonathan zu nähern. Es schien, als stünde eine unsichtbare Barriere zwischen uns. Doch das war wahrscheinlich normal, wenn zwei schüchterne Menschen aufeinandertrafen. Ich hoffte darauf, dass Jonathan eines Tages den Anfang machen und mich um ein Date bitten würde. Doch heute Abend würde das gewiss nicht geschehen, denn ich war nicht in der Stimmung für Gesellschaft. Ich fühlte mich leicht fiebrig und müde seit ich aufgewacht war. Keine guten Voraussetzungen, um seinem Schwarm gegenüberzutreten.

»Ich bin heute zu Hause besser aufgehoben, Dad. Aber grüß ihn von mir.«

Mein Vater zuckte mit den Schultern und schenkte mir ein liebevolles Lächeln. Dann beugte er sich zu mir und gab mir einen sanften Kuss auf die Stirn.

»Also gut, dann bis später, meine kleine Fee.«

»Bis später. Viel Erfolg.«

Ich wusste, dass ihm solche offiziellen Anlässe nicht behagten, und man konnte es ihm an der Nasenspitze ablesen. Doch zu der Sammlung des Museums waren einige neue Raritäten hinzugekommen und diese wollten der Gemeinde vorgestellt werden. Auf diese Weise würden sich im besten Fall neue Geldgeber finden, die das Museum und seine Forschung unterstützten. Ich fragte mich, ob er sich nicht manchmal nach den Zeiten an der Uni sehnte, in denen er sich nicht mit solchen Dingen hatte herumschlagen müssen. Doch in all der Zeit hatte ich ihn nicht ein einziges Mal auch nur andeuten hören, dass er diesen Ort verlassen wollte. Auch wenn dieses Haus mit einigen traurigen Erinnerungen behaftet war, machte er einen glücklichen Eindruck.

Ich sah ihm nach, bis er mein Zimmer verlassen und die Tür hinter sich geschlossen hatte. Ich hörte das Knarren der alten Holztreppe unter seinen Schritten, während er hinunter ging. Langsam stand ich von meinem Bett auf und trat wieder ans Fenster. Noch immer tobte der Sturm und für einen kurzen Moment beschlich mich ein komisches Gefühl. Ein leichtes Unwohlsein, das man verspürt, bevor etwas passiert. Egal ob es etwas Gutes oder Schlechtes ist. Ein Kribbeln in der Magengegend, das sich verstärkte, als ich meinen Vater zu seinem Wagen eilen sah. Er winkte mir noch ein letztes Mal, bevor er einstieg und langsam in die Auffahrt einbog. Hätte ich ihn vielleicht doch begleiten sollen?

Ich schüttelte das seltsame Gefühl ab und ging zurück zu meinem Bett, nachdem der Wagen aus meinem Blickfeld verschwunden war. Ich ließ mich auf die weiche Matratze sinken und mit einem tiefen Seufzer nach hinten in meine Kissen fallen. Mit dem Blick zur Decke gerichtet beobachtete ich die Schatten der Bäume, die durch den Sturm umherpeitschten und einen wilden Schattentanz an meine Zimmerdecke warfen. Ich gähnte und spürte, dass meine Augenlider schwer wurden. Die Müdigkeit vieler schlafloser Nächte saß in meinen Knochen und ließ meinen Körper schwer werden. Nur für einen kurzen Moment wollte ich die Augen schließen. Doch der Schlaf riss mich aus der Wirklichkeit und schleuderte mich wieder einmal in eine ganz andere…

 

 

Kapitel 2Schattenträume

Meine nackten Füße schreiten über den weichen Waldboden. Das Sonnenlicht bricht sich zwischen den üppigen, grünen Baumkronen. Mein Blick ist erwartungsvoll geradeaus gerichtet, als ich zwischen den Farnen und Büschen hindurchschlüpfe. Das Gezwitscher der Vögel erfüllt die Umgebung und ich glaube, hier und da bunte Flügelschläge großer Schmetterlinge zu erkennen. Doch dafür habe ich kaum einen Blick, denn mein einziger Wunsch ist es, das Ende des Weges zu erreichen. Mein lang ersehntes Ziel. Der Wunsch zu sehen, was dort auf mich wartet, ist übermächtig.

Ich beschleunige meine Schritte und weiche dem Geäst aus, das mir peitschend ins Gesicht schlägt. Doch plötzlich halte ich inne und lausche. Was war das für ein Geräusch? Da ist etwas, das nicht hierhergehört. Etwas Fremdes, Verstörendes.

Widerstrebend wende ich meinem Blick von dem mir seltsam vertrauten Weg ab und spähe angestrengt in das finstere Dickicht. Wieder höre ich ein leises Knacken. Als schliche jemand durch das Geäst, direkt in meine Richtung. Mein Herzschlag beschleunigt sich. Ich kenne das alles schon. Ich war schon einmal hier. Dieser Gedanke trifft mich mit voller Wucht. Ja, ich war schon einmal hier. Schon so oft in letzter Zeit.

»Ich träume«, entfährt es mir.

In diesem Moment verdunkelt sich die Sonne und ein Sturm zieht auf. Blätter werden vom Waldboden aufgewirbelt und verfangen sich in meinem offenen Haar. Ich kneife meine Augen zusammen, da Sand und Blätter mich umwirbeln wie ein Tornado.

Trotz des Chaos, das plötzlich um mich herum ausbricht, sehe ich die dunkle Gestalt, die sich aus den Schatten des Waldes schält. Ich erwarte die gleiche Gestalt aus all meinen vergangenen Träumen. Doch diesmal ist alles anders. Ich kann es fühlen. Mein freudiges Herzklopfen verwandelt sich in angsterfülltes Herzrasen, während Adrenalin durch meine Adern pumpt.

Die Gestalt ist in ein langes, schwarzes Gewand gekleidet. Lange, dunkle Nägel zieren die schlanken, blassen Hände. Die Gestalt ist etwas größer als ich, wirkt jedoch durch ihre bedrohliche Ausstrahlung viel größer. Stechende, giftgrüne Augen, die an die einer Schlange erinnern, mustern mich und ein süffisantes Lächeln umspielt die scharlachroten Lippen.

Ich will zurückweichen, doch ich kann mich nicht bewegen. Meine Beine gehorchen mir nicht mehr. Die Fremde scheint dies zu bemerken, denn ein boshaftes Lachen entfährt ihr. Ein Lachen, das eine Gänsehaut über meinen Rücken kriechen lässt.

»Endlich bist du mein!«, zischt sie. Noch bevor ihre Worte in meinen Verstand vorgedrungen sind, stürzt sie sich auf mich.

Ein Schrei entfährt mir, als ich schützend die Arme über meinem Kopf zusammenschlage. Ich erwarte den Aufprall ihres hageren Körpers, doch nichts geschieht. Ich warte ein, zwei Atemzüge, dann lasse ich die Arme sinken. Verwundert blicke ich mich um.

Ich bin nicht mehr in dem mir vertrauten Wald, sondern stehe in der kleinen Allee, die zu meinem Zuhause führt. Zu meiner Rechten ist unser Haus, zu meiner Linken kann ich am Ende des Weges das große Tor sehen, das von unserem Grundstück führt. Ich muss blinzeln um zu erkennen, was sich dort abspielt.

Ich sehe den Wagen meines Adoptivvaters und eine dunkle Gestalt, die auf dessen Dach landet. Das Autodach gibt unter der Wucht des Aufschlags nach und ich zucke zusammen, als ich es bedrohlich quietschen höre. Die Gestalt dreht ihren Kopf zu mir und ich erstarre vor Furcht: eine massige, in einen schwarzen Umhang gehüllte Gestalt richtet sich zu ihrer vollen Größe auf, den Rücken zu mir gewandt. Ich sehe blasse Hände, die sich entschlossen zu Fäusten ballen, und wage kaum, zu atmen.

Ganz langsam dreht sich der Fremde in meine Richtung. Ich kann sein Gesicht nicht erkennen, da er die Kapuze seines Mantels tief ins Gesicht gezogen trägt. Doch was ich überdeutlich sehe, sind zwei eisblaue Augen, die in der Dunkelheit aufglühen. Wie ein loderndes Feuer, das gänzlich aus Frost und Hass besteht. Ich schlage die Hand vor meinen Mund, um nicht vor Schreck aufzuschreien. Noch nie zuvor habe ich solche Augen gesehen und ich frage mich, wie so etwas möglich ist. Ich bin mir sicher, dass ich noch träume, denn die ganze Welt scheint plötzlich Kopf zu stehen.

Noch bevor ich einen klaren Gedanken fassen kann, sehe ich, wie sich die Fahrertür öffnet und mein Vater aussteigt. Ich lasse meine Hand sinken um ihn zu warnen, doch kein Ton kommt über meine Lippen. Es ist, als würde sich eine unsichtbare Hand um meine Kehle legen und so jedes meiner warnenden Worte ersticken. Egal wie sehr ich es versuche, es hat keinen Zweck. Ich will zu ihm laufen und ihn zurück ins Auto schieben, doch ich kann mich nicht rühren.

Hilflos muss ich zusehen, wie der Blick meines Vaters verwundert zu der Gestalt auf dem Autodach gleitet und seine Augen sich vor Schreck weiten, als er sie entdeckt. Noch bevor er reagieren kann, packt die dunkle Gestalt meinen Vater und reißt ihn zu sich in die Höhe, als wöge er nicht mehr als eine Feder. Vor meinen Augen hüllt der Fremde sich und meinen Vater in einen plötzlich aufkommenden, schwarzen Nebel, sodass ich keinen der beiden mehr erkennen kann. Als sich der Nebel wenige Augenblicke später wieder legt, sind beide verschwunden.

Noch immer kann ich mich nicht bewegen und kein Laut kommt über meine Lippen. Ich will schreien, weinen, irgendetwas tun. Doch es bleibt bei meinen kläglichen, stummen Versuchen. Schlimmer. Plötzlich gibt der Boden unter meinen Füßen nach und ich beginne, darin zu versinken. Panisch rudere ich mit meinen Armen und suche nach einem Halt. Doch es ist vergebens. Ich sinke immer weiter ein. Immer weiter und weiter.

Als ich meinen Mund öffne, um zu schreien, füllt er sich mit staubiger Erde und ich bekomme kaum Luft. Ich bin überzeugt, dass dies mein Ende ist. Ich werde sterben. Ein letztes Mal ringe ich nach Luft und mein Mund öffnet sich zu einem letzten, stummen Schrei. Als der Boden über meinem Kopf zusammenschlägt, zieht mich die Dunkelheit in ihre mörderische Umarmung.

Ich schnappte nach Luft, während sich mein Körper in meinem Bett ruckartig aufbäumte. Unkontrolliert zitternd hatte ich Mühe, die Tränen zurückzuhalten. Noch nie zuvor hatte ich so furchteinflößend und verstörend geträumt. Noch immer sah ich die im Dunkel glühenden Eisaugen der Gestalt, die mich so hasserfüllt angestarrt hatten.

Ich versuchte, meine Atmung wieder unter Kontrolle zu bringen, denn mir war schwindelig von meinen hektischen Atemzügen. Das Gefühl zu ersticken war nicht ganz verklungen und ich glaubte sogar, den erdigen Geruch meines vermeintlichen Grabes in der Nase zu haben. Es hätte mich nicht gewundert, wenn Sand zwischen meinen Zähnen geknirscht hätte.

Fox, der sich offenbar wieder zu mir ins Bett geschlichen hatte, musterte mich mit hoch aufgestellten Ohren. Doch er wich keinen Millimeter von mir. Meine Kehle fühlte sich staubtrocken an und das Schlucken tat mir weh. Verlor ich nun endgültig den Verstand?

Draußen grollte tiefer Donner und ich zuckte erschrocken zusammen. Mein Haar klebte schweißnass in meinem Gesicht und mein Herz hämmerte gegen meine Brust. Nie hätte ich geahnt, dass mich ein Traum derart aus der Fassung bringen könnte. Doch ich hatte auch noch nie zuvor derart realistisch geträumt. Mein Blick schweifte durch mein Zimmer, das nur durch meine kleine Nachttischlampe erleuchtet war. Der Sturm peitschte durch die Äste der Bäume und ließ Schatten an meiner Wand tanzen. Ein Anblick, der nicht gerade hilfreich war, wenn man gerade aus einem Albtraum erwachte. Vielleicht würde es helfen, das große Deckenlicht einzuschalten, um die letzten Schrecken zu vertreiben und wieder Herrin meiner selbst zu werden.

Mit wackeligen Beinen stand ich auf und wollte zum Lichtschalter gehen, der am anderen Ende des Zimmers lag. Doch auf dem Weg dorthin trat ich ans Fenster und warf einen Blick hinaus in die Nacht. Prüfend sah ich hinab auf unsere Einfahrt und vergewisserte mich, dass dort wirklich niemand war. Ich war allein. Erleichtert atmete ich auf. Mein gesunder Menschenverstand versuchte mich zu beruhigen und mir klarzumachen, dass es nichts weiter als ein Albtraum gewesen war. Doch da war dieses seltsame Gefühl, tief in meinem Innern. Ein leises Flüstern, das mir sagte, dass etwas nicht stimmte.

Blitze zuckten über den Himmel und tauchten die Umgebung für Sekundenbruchteile in ihr unheimliches Licht. Ich öffnete mein Fenster und der Wind fuhr unsanft durch mein Haar. Ein paar lose Blätter, die auf meinem Schreibtisch gelegen hatte, wirbelten durch mein Zimmer. Doch das war mir egal, denn ich brauchte dringend etwas frische Luft. Ich lehnte mich ein Stück nach draußen und versuchte, unsere Auffahrt besser einsehen zu können. Vor allem die Stelle, die ich in meinem furchtbaren Traum gesehen und an der das Auto meines Vaters gestanden hatte. Doch es war vergebens. Aus diesem Winkel konnte ich definitiv nichts erkennen.

Ein leises Kratzen an meiner Zimmertür ließ mich erschrocken herumfahren. Doch da war bloß Fox, der hektisch an der Tür kratzte. Ich erschauderte. »Bitte sag nicht, dass du ausgerechnet jetzt Gassi gehen musst.«

Doch es half nichts. Der fordernde Blick aus seinen braunen Hundeaugen sagte mir klar und deutlich, dass genau das der Fall war. Vorsichtig schloss ich das Fenster und fluchte leise, als mich ein lautes Donnern abermals zusammenschrecken ließ. Warum war ich bloß so schreckhaft?

Vielleicht war es gar keine schlechte Idee, kurz vor die Tür zu gehen. Wenn ich mich davon überzeugte, dass da nichts Bedrohliches war, würde sich mein Puls vielleicht endlich wieder normalisieren. Also hüllte ich mich in meine Strickweste ein, ging zu meiner Zimmertür an der Fox ungeduldig wartete und öffnete sie. Sofort flitzte er die Treppe hinunter, so schnell, dass er in Sekundenschnelle in der Dunkelheit des Flurs verschwunden war.

»Fox! Langsam! Warte doch auf mich!«

So schnell ich konnte folgte ich ihm hinab ins Erdgeschoss. In der Eile vergaß ich die Lichter anzuschalten und huschte durch das dunkle Haus. Erst als ich bei der großen Eingangstür ankam, an der Fox schwanzwedelnd auf mich wartete, wurden mir die unheimliche Dunkelheit und die vielen finsteren Ecken bewusst. Ich erschauderte, während ich meine Hand nach dem Lichtschalter ausstreckte. Doch Fox’ ungeduldiges Scharren hielt mich abermals davon ab und verpasste mir gleichzeitig eine Gänsehaut.

»Ist ja gut, ist ja gut. Ich mache ja auf. Aber lauf bitte nicht zu weit fort.«

Natürlich wusste ich wie seltsam es für Außenstehende wirken musste, dass ich mit meinem Hund sprach, als wäre er ein menschliches Wesen. Doch ich bildete mir ein, dass er tatsächlich jedes meiner Worte verstand. Was nicht bedeutete, dass er auch genau das tat, was ich von ihm verlangte. Doch nun blinzelte er mich unschuldig an und kratzte nochmals an der hohen Eichentür, die mittlerweile schon die Spuren seiner Krallen aufwies.

Ich legte meine Hand auf die Türklinke und wieder durchströmte mich dieses diffuse Gefühl der Bedrohung. Ich biss auf meine Unterlippe und atmete tief durch. Meinen ängstlichen Zustand versuchte ich mit der Tatsache zu erklären, dass ich nach einem Albtraum in einem verlassenen und dunklen Haus aufgewacht war und draußen unnötigerweise auch noch ein Unwetter tobte. Natürlich fühlte ich mich unwohl, doch das änderte nichts an der Tatsache, dass Fox dringend raus musste. Ich beschloss, es schnell hinter mich zu bringen, und öffnete die Tür, ohne weiter über mein seltsames Gefühl in der Magengrube nachzudenken.

Als hätte ich nie etwas zu Fox gesagt schoss er an mir vorbei, die Eingangsstufen hinab, durch unsere Auffahrt und hinaus in die Dunkelheit. Ich sah das Rot seines Fells noch kurz aufleuchten, als ein weiterer Blitz über den Himmel zuckte. Doch dann war mein Hund verschwunden. Verschluckt von der Dunkelheit, die sich still vor mir ausbreitete. Fassungslos hielt ich einen Moment den Atem an, nur um erschrocken aufzukeuchen, als es abermals laut und krachend donnerte. Der kalte Wind blies mir entgegen, kroch mit eisigen Fingern unter meine Kleidung und ich wickelte mich fester in meine Strickweste ein. Was war das bloß für eine seltsame Nacht?

»Es sollte verboten werden, nach so einem Albtraum vor die Tür gehen zu müssen. Nachts. Wenn man ganz allein ist.«

Mein Blick schweifte durch die Umgebung und fiel letztendlich auf unsere Statue, deren Marmor gespenstisch im Dunkeln zu leuchten schien. Offenbar reflektiert das der Stein das spärliche Licht seiner Umgebung. Immer wenn ich Angst hatte, versuchte ich mir die Dinge durch Logik und Wissen zu erklären. Mit einem Wissenschaftler aufzuwachsen, hatte durchaus seine Vorteile. Ich hoffte inständig, dass unser Zentaur auch diesen Sturm ohne größeren Schaden überstehen würde.

Ich blickte an ihm vorbei in Richtung der Klippen. Das Meeresrauschen der sturmgepeitschten See war bis hierher zu hören. So sehr ich das Meer auch liebte… bei Nacht hatte es etwas Unheimliches. Aus dem tiefen Blau wurde ein undurchdringliches Schwarz und man wusste nicht, was sich vielleicht unter der dunklen Oberfläche verbarg.

Lautes Bellen riss mich aus meinen Gedanken. Mein Kopf zuckte zur Seite und ich spähte in die Dunkelheit, die den Weg, der aus unserer Auffahrt führte, einhüllte.

»Fox! Komm her!«, rief ich so laut ich konnte gegen den Sturm an.

Doch das Bellen hielt an. Er dachte nicht daran, zu mir zu kommen. Das war nichts Ungewöhnliches. Doch die Art, wie er bellte, machte mich stutzig. So aufgeregt und alarmiert klang er normalerweise nur, wenn sich Fremde unserem Grundstück näherten. Oder der Briefträger.

»Fox! Aus! Komm zurück!«, versuchte ich abermals mein Glück.

Doch es hatte keinen Sinn. Das laute Bellen hielt an. Zögernd ging ich die Eingangsstufen hinab und blieb am Fuße der steinernen Treppe stehen. Der nun einsetzende Regen peitschte mir entgegen und ich kniff meine Augen zusammen. Ich glaubte, meinen Hund in der fernen Dunkelheit schemenhaft zu erkennen. Ein schwacher, kupferroter Umriss, der aufgeregt hin und her huschte und anhaltend bellte. Mein Mund war plötzlich staubtrocken und ich schluckte schwer. Was hatte das Ganze bloß zu bedeuten? Ich setzte einen Fuß vor den anderen, obwohl ich am liebsten wieder zurück ins Haus geflüchtet wäre. Aber ich konnte meinen Fox doch nicht hier draußen lassen.

»Fox! Was soll das Theater? Komm rein! Ich hole mir noch den Tod!«, schimpfte ich, während ich mich weiter in die Dunkelheit vorwagte.

Langsam konnte ich ihn besser erkennen. Seine weiße Brust und die weißen Pfoten hoben sich in der Dunkelheit ab. Doch etwas weiter hinten konnte ich noch etwas erkennen… Ich blieb stehen und versuchte angestrengt, dieses Etwas zu identifizieren. Es sah aus wie ein großer, schwarzer Klumpen. Mein Herzschlag beschleunigte sich, während ich mich langsam näherte.

»Was zum…«

Plötzlich zuckte ein Blitz über den Himmel und erhellte die Umgebung für den Bruchteil einer Sekunde. Was er mir damit enthüllte, ließ mich vor Schreck erstarren. Der große, schwarze Schemen war der Wagen meines Vaters! Ich löste mich aus meiner Starre und eilte zu dem Auto. Kaum war ich dort angekommen, verstummte Fox. Das war es wohl, was er mir hatte zeigen wollen. Die Fahrertür stand weit offen und ich warf einen vorsichtigen Blick ins Innere. Der Wagen war leer. Keine Spur von meinem Adoptivvater. Ich legte meine Hand auf das Autodach und beugte mich weiter hinein, um noch einmal ganz genau nachzusehen.

Verwundert ließ ich meine Hand über das kalte, nasse Autodach gleiten. Etwas stimmte nicht. Langsam richtete ich mich wieder auf und erkannte, was sich so ungewöhnlich anfühlte. Etwas hatte das Autodach eingedrückt und darauf eine große Delle hinterlassen. Es musste etwas Schweres gewesen sein. Etwas Massiges, Dunkles…

Mir brach kalter Schweiß aus, als die Bilder meines Albtraumes vor meinem geistigen Auge aufflackerten. Der dunkle Fremde mit den Eisaugen. Ungläubig schüttelte ich meinen Kopf und zog meine Hand zurück, als hätte ich mich an dem eingedrückten Autodach verbrannt. Ich ballte meine Hände zu Fäusten und musste mich darauf konzentrieren, gleichmäßig zu atmen.

»Es war nur ein Traum. Es war nur ein Traum.«

Ich murmelte diese Worte wieder und wieder vor mich hin, als wären sie ein Zauberspruch, der das Gesehene ungeschehen machen konnte. Doch in meinem Geist sah ich immer wieder, wie die dunkle Gestalt auf dem Autodach meines Dads landete, sich zu mir umdrehte und mich mit ihrem Eisblick durchbohrte.

»Niamh?!« Ich schrie erschrocken auf und taumelte zurück. Unsanft landete ich auf meinem Hintern und sah mit vor Angst geweiteten Augen zu der Gestalt, die plötzlich hinter dem Wagen erschien. Kurz glaubte ich, den unheimlichen Fremden vor mir zu sehen. Doch dann erkannte ich, wer es wirklich war.

»Jonathan?!« Noch nie war ich glücklicher gewesen den Assistenten meines Dads zu sehen als in diesem Moment. Er trat etwas näher, sodass ich auch endlich sein Gesicht sehen konnte. Seine intelligenten, blauen Augen sahen besorgt zu mir hinab und die sonst so glatte Stirn war gerunzelt. Sein Tweedmantel, für den er eigentlich noch viel zu jung war, war durchnässt und das sonst so sorgfältig nach hinten gekämmte Haar hing ihm nass in die Stirn. Er musterte mich noch einen Moment, bevor sein Blick zu dem Wagen meines Vaters glitt. Als er die offenstehende Autotür bemerkte, runzelte er verwundert die Stirn.

»Was ist mit Professor Kanes Wagen passiert?« Sein Blick schweifte wieder zu mir, die ich noch immer auf dem nassen Boden saß. »Und warum sitzt du hier im Regen und starrst mich an, als wäre ich ein Geist?«

Ohne meine Antwort abzuwarten, reichte er mir seine Hand, die ich mit zittrigen Fingern ergriff. Die Geschehnisse der letzten Minuten und Jonathans plötzliches Auftauchen brachten mich komplett aus dem Konzept.

»Ich… das Auto… Fox… ich hatte diesen Traum…«, stammelte ich, während ich mich suchend nach allen Seiten umsah. Doch bis auf Jonathan, Fox und mich war niemand zu sehen. Ein Schauder lief über meinen Rücken.

»Mal ganz langsam. Was ist mit dem Wagen? Und was machst du bei diesem Wetter hier draußen? Du wirst dich bestimmt erkälten!«

Fox huschte aufgeregt zwischen uns beiden und hin und her. Jonathan sah verwundert zu meinem vierbeinigen Freund hinab.

»Und was ist bloß wieder in diesen Hund gefahren? Er verhält sich seltsamer als sonst.«

Fox legte seinen Kopf schief und starrte Jonathan vorwurfsvoll an.

»Ich weiß nicht, wie ich dir das erklären soll… aber ich befürchte, dass etwas Schreckliches passiert ist.«

Noch immer zitterte ich am ganzen Körper und ich konnte nicht sagen, ob es an meinen durchnässten Kleidern oder der unheimlichen Situation lag. Der bittere Geschmack auf meiner Zunge und das Kribbeln in meinen Beinen kündigte eine ausgewachsene Panikattacke an. Jonathan musterte mich ratlos und sein eindringlicher Blick machte mich nervös. Ich bot einen Anblick, den man wohl kaum als zurechnungsfähig bezeichnen konnte. Er musste glauben, ich hätte den Verstand verloren.

»Wo ist Professor Kane? Warum steht sein Wagen hier verlassen in der Auffahrt?«

Ich spürte, wie sich Tränen der Verzweiflung in meinen Augen sammelten, und schüttelte ratlos den Kopf.

»Ich weiß es nicht. Ich habe den Wagen so aufgefunden.«

Sein Blick sagte mir, dass er auf mehr Informationen hoffte. Doch die konnte ich ihm nicht geben. Was sollte ich ihm denn sagen? Dass ich von einem großen Schatten mit Eisaugen geträumt und dieser meinen Vater entführt hatte? Ich wusste nicht, was verrückter war. Mitten in der Nacht zitternd in einer Auffahrt im Regen zu stehen oder zu glauben, dass Albträume real werden konnten.

Auf mein Schweigen hin griff der Assistent meines Vaters mit einer fahrigen Bewegung in seine Manteltasche und holte sein Handy heraus. Während er wählte, strich er sich sein dunkles, nasses Haar aus der Stirn. Er kaute nervös an seiner Unterlippe während er wartete, dass, wen immer er auch anrief, abnehmen würde. Ich wollte fragen. Doch als ein Klingeln aus dem verlassenen Fahrzeug ertönte, erübrigte sich das. Jonathan beugte sich hinein und griff nach Dads Handy, das in der Mittelkonsole lag. Sein ratloser Blick glitt von dem Handy in seiner Hand zu mir. Als würde er ahnen, dass ich ihm Informationen vorenthielt. Ich beschloss, dass es keinen Sinn hatte, weiterhin zu schweigen. Er würde mir ohnehin nicht glauben, doch, was ich gesehen hatte, war alles, womit ich Dads Verschwinden erklären konnte.

»Ich hatte diesen Traum von einem dunklen Schatten mit eisigen, blauen Augen. Er hat Dad entführt, einfach so. Als ich aufgewacht bin, wollte Fox nach draußen und ist schnurstracks in die Auffahrt gerannt. Dann habe ich den Wagen so vorgefunden, kurz bevor du angekommen bist.«

Jonathans ungläubiger Blick bewirkte, dass ich den Kopf hängen ließ und spürte, wie meine Brust eng wurde. Natürlich glaubte er mir nicht. Ich konnte es ihm nicht verübeln. Ich hatte keine Ahnung, was genau ich gesehen hatte. Das Zittern in meinem Inneren wurde stärker und mir wurde schwindelig. Verlor ich vielleicht wirklich den Verstand? Mein Atem beschleunigte sich und ich hatte das Gefühl, als würde der Boden unter meinen Füßen bedrohlich schwanken.

Plötzlich legte Jonathan seinen Arm um meine Schultern und ich sah fragend zu ihm auf. Sein besorgter Blick fing meinen auf, während er sich in Bewegung setzte und mich sanft mit sich zog.

»Wir gehen jetzt erst einmal rein ins Warme und dann rufen wir die Polizei. Vielleicht wurde Professor Kane… ausgeraubt oder… ich weiß auch nicht. Dein Dad hat mir von deinen Albträumen in letzter Zeit erzählt. Doch egal wie unheimlich sie sind, es sind nur Träume. Es gibt keine Schatten, die Leute entführen. Es muss eine logische Erklärung für das alles geben«, redete er beruhigend auf mich ein.

Jetzt fühlte ich mich vollends wie eine Irre, die kurz davor war, durchzudrehen. Ich wandte mich noch einmal um und sah über meine Schulter zurück zum Wagen. Hoffentlich behielt Jonathan recht und alles würde sich bald auflösen. Doch tief in meinem Inneren nagte der Zweifel, dass die Ereignisse dieses Abends nicht so leicht zu erklären sein würden.

 

 

Kapitel 3Alte Freunde

Fox rannte bellend voraus und setzte sich vor die Eingangstür, wo er auf Jonathan und mich wartete. Meine Gedanken überschlugen sich, während wir auf das Haus meines Dads zugingen und die dunkle Auffahrt mit dem verlassenen Wagen fürs Erste hinter uns ließen. Mein Verstand sagte mir, dass das, was ich glaubte, gesehen zu haben, nicht möglich war. Aber konnte ein Traum denn so real wirken? Hatte ich womöglich halluziniert?

Vielleicht hätte ich doch auf den Rat meines Dads hören und mir schon vor Wochen professionelle Hilfe suchen sollen. Ich träumte schon seit Langem sehr lebhaft, doch dieses Mal war es anders. Ich glaubte eine Bedrohung zu spüren, die wie ein Schwert über mir schwebte und jeden Moment auf mich herabsausen würde.

»Alles ist genau wie in meinem Traum. Aber das kann nicht sein«, murmelte ich vor mich hin.

Jonathan warf mir einen weiteren besorgten Blick zu und wollte gerade etwas entgegnen, als sein Blick plötzlich in die Richtung zuckte, in der das Meer lag. Man konnte förmlich sehen, wie ihm seine Worte im Halse stecken blieben, während er auf einen Punkt in der Ferne starrte.

---ENDE DER LESEPROBE---