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"Schütze den jungen Herrn. Er darf das Anwesen nicht verlassen!" Ophelia Santos, Überlebenskünstlerin und nirgends wirklich zu Hause, verschlägt es in den verschlafenen Ort Saint Saturnin in der französischen Provence und als Hausmädchen in die berüchtigte "Maison du Ciel". Mehr schlecht als recht besteht sie unter den Augen der strengen Hausverwalterin Madame Morel. Langsam findet sie heraus, dass der junge Hausherr von der Außenwelt abgeschirmt unter einer mysteriösen Krankheit leidet. Als sich eines Nachts die Ereignisse überschlagen, muss Ophelia sich der Verantwortung und den Geheimnissen des alten Anwesens stellen. Bald wird sie sich bewusst, dass zwischen den alten Mauern mehr lauert, als es auf den ersten Blick scheint. Schatten der Vergangenheit verweben ihr Schicksal untrennbar mit dem des jungen Hausherrn Alain Richaud.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Impressum
Realm & Rune Verlag
Heimat phantastischer Geschichten und
spannender Geschichte!
www.realm-and-rune.de
Insta/TikTok: @realm_and_rune
ISBN 978-3-69026-026-8
© 2025 Realm & Rune Verlag
Idee & Text: Alicia Sérieux
Lektorat & Korrektorat: Tintenschwert, www.tintenschwert.de
Cover: Stella Ehrhardt, @nightskygraphics
Buchsatz & Design: Sonja Blank
Adresse: An der Obstwiese 9, 50171 Kerpen, [email protected]
Für alle, die mit ihren Schatten kämpfen
PLAYLIST
Billie Eilish – Ocean eyes
Tri Yann – Tri Martolod (Gourfenn)
Indila – Love Story
Nolwenn Leroy – Dans Les Prisons De Nantes
Papa Roach – Leave a Light On
Billie Eilish – you should see me in a crown
Skott – Overcome
Billie Eilish – i love you
Billie Eilish & Khalid - lovely
Impressum
Widmung
PLAYLIST
Prolog
Aller Anfang ist schwer
Willkommen in der Maison du Ciel
Ein stilles Versprechen
Schattenherz
Wie das Meer nach dem Sturm
Die Schuld des Vaters
Die Stunde der Wahrheit
Eine schicksalhafte Reise
Ein Schritt nach dem anderen
Willkommen in Saint Nazaire
Bienvenue A Nantes
Freund oder Feind
Unerwartete Hilfe
Eine Begegnung im Schnee
Ein Besuch bei den Toten
Freund oder Feind?
Das letzte Aufbäumen
Das Ende ist bloß Illusion
Ende
Es ist nicht die Dunkelheit, die ich fürchte.
Sie schließt mich in ihre tröstende und betäubende Umarmung.
Da ist nichts.
Keine Vergangenheit oder Zukunft.
Kein Schmerz und keine Qual.
Sie vertreibt die Trauer um ein Leben, das mir schon längst nicht mehr gehört.
Meine düsteren Gedanken sind nichts weiter als ein fernes Rauschen.
Was ich fürchte, ist das Licht, das mich dann und wann heimsucht.
Denn Licht wirft Schatten, welche größer und bedrohlicher sind als jedes Monster aus den Albträumen meiner Kindheit.
Das Licht, welches mir Versprechen macht.
Falsche Versprechen, die es niemals halten kann und wird.
Ist es da, blendet es mich.
Ist es wieder fort, wirkt die Dunkelheit noch tiefer und grausamer.
Es ist nur ein kurzes Aufblitzen, welches mich das Unerreichbare sehen lässt.
Das mir für einen kurzen Moment zeigt, wie bedrohlich nah mir die Wände meines Gefängnisses bereits gekommen sind.
Und dann ist da diese Stimme in meinem Kopf.
Eine Stimme, die aus meinem tiefsten Innern zu mir spricht.
Immer wieder flüstert sie die gleichen Worte, deren Sinn sich mir entzieht wie das bereits wieder schwindende, trügerische Licht:
»Lass es geschehen.«
Tagebucheintrag Alain Richaud
Das große, schmiedeeiserne Tor ragte vor mir in den blauen Himmel auf und ich blickte zweifelnd auf den Zettel in meiner Hand. Ich musste aufpassen, dass ihn mir der warme, jedoch kräftige Wind nicht aus den Fingern riss. Genervt strich ich mein Haar hinters Ohr und sah mich skeptisch um. War das die richtige Adresse? Der schlecht gelaunte Taxifahrer hatte mitten im Nirgendwo gehalten und mir etwas harsch zu verstehen gegeben, dass wir unser Ziel erreicht hatten. Schon beim Aussteigen aus dem klimatisierten Fahrzeug war mir, als würde ich gegen eine Wand aus Staub und Hitze laufen. Die Sonne brannte auf meinem Gesicht, obwohl es schon später Nachmittag war. Ich musterte die Mauern, an denen das große Eingangstor befestigt war, auf der Suche nach einer Art Hausnummer oder irgendeinem Hinweis, der mir verriet, ob ich mich am richtigen Ort befand. Doch nichts ließ darauf schließen, ob dies wirklich die Adresse war, die auf meinem zerfledderten Zettel stand.
»Sind Sie sicher, dass wir hier richtig sind?«, fragte ich den Taxifahrer und warf ihm über meine Schulter hinweg einen zweifelnden Blick zu.
Der Mann mittleren Alters und mit von der Sonne gegerbter Haut lehnte sich über den Beifahrersitz und musterte mich ungeduldig durch das offene Fenster. Die Asche der Zigarette, die er in seinen Mundwinkel geklemmt hatte, war kurz davor, auf die Polster des Sitzes zu rieseln. Doch das schien ihn nicht zu stören. »Natürlich bin ich sicher! Jeder hier in dieser Gegend kennt das Anwesen!«
Ich hörte den ungeduldigen Unmut in seiner Stimme, der mir überdeutlich zeigte, was er von mir hielt. Es war mir nicht entgangen, dass die Menschen auf dem Land Fremden gegenüber nicht sehr aufgeschlossen waren. Obwohl ich seit einigen Wochen im einzigen Bistro des kleinen Städtchens gearbeitet hatte, zeigten mir dessen Einwohner nach wie vor die kalte Schulter und ließen keine Gelegenheit aus, mich spüren zu lassen, dass ich keine von ihnen war. Vielleicht lag es auch an meiner etwas flapsigen Art, meiner olivfarbenen Haut oder meinem dunklen, lockigen Haar, die mich als Fremde verrieten. Solange ich zurückdenken konnte, war ich das immer gewesen. Eine Fremde. Eine, die nicht dazu gehörte, immer auf der Durchreise war und nie sesshaft wurde. Doch ich hatte auch gelernt, dass man die Menschen so nehmen musste, wie sie eben waren. Also ignorierte ich den unfreundlichen Ton des Taxifahrers, nickte und kramte die letzten Euros aus meiner Jeanstasche.
»Wäre es vielleicht möglich, dass Sie mich noch die Auffahrt zum Anwesen hinauffahren?« Es würde einen professionelleren Eindruck machen, bis zur Eingangstür gefahren zu werden. Doch der Fahrer warf einen Blick auf meine letzten Scheine, die ich in der Hand hielt und schnaubte verächtlich.
»Mademoiselle, für die paar Kröten können Sie froh sein, dass ich Sie überhaupt bis hierher gebracht habe.«
Ungeduldig streckte er mir seine offene Hand entgegen und ich sah ein, dass es keinen Sinn hatte, weiter mit ihm zu verhandeln. Ich legte ihm meinen letzten Zehner in die raue Handfläche und beobachtete, wie er die Fensterscheibe hochfuhr und mit quietschenden Reifen davonbrauste. Eine dicke Staubwolke stieg empor und ich machte einen Satz nach hinten, in der Hoffnung, nicht allzu schmutzig zu werden. Doch ich war nicht schnell genug. Hustend klopfte ich mir den Staub von meinen zerlöcherten Jeans und schickte diesem unhöflichen Menschen stumme Flüche hinterher. Es war, weiß Gott, nicht das erste Mal, dass ich auf unfreundliche Menschen traf. Doch das machte den schalen Nachgeschmack solcher Begegnungen nicht besser.
Ich wandte mich von der Straße ab und dem großen Tor zu. Das Anwesen wurde von meterhohen Mauern eingeschlossen. Es waren die für die Gegend typischen Trockenmauern, von denen man nie wirklich wusste, wie sie sich all die Jahre hatten halten können. Flache, aufeinandergeschichtete Steine, die von nichts zusammengehalten schienen, als Hitze, Staub und guter Hoffnung.
Ich suchte das Tor nach einer Klingel oder Gegensprechanlage ab. Doch da war nichts. Prüfend warf ich einen Blick durch die Gitterstäbe und sah eine lange, geschlängelte Auffahrt, die von unzähligen Zypressen gesäumt war. Hinter den Bäumen erstreckten sich rechts und links riesige Lavendelfelder, deren lila Blüten sich sanft im warmen Mistral wiegten. Ihr süßer Duft vermischte sich in perfekter Harmonie mit dem herben Aroma der Zypressen. Ich atmete tief durch und bildetet mir ein, dass sich meine Nerven ein klein wenig beruhigten.
Dann legte ich meine Hände um die leicht verrosteten Gitterstäbe, rüttelte vorsichtig daran und erschrak, als das Tor laut quietschend und ohne Vorwarnung aufschwang. Verwundert ließ ich meinen Blick umherschweifen. Gab es vielleicht doch Kameras, die mein Kommen verrieten und die ich einfach nicht bemerkt hatte? Doch egal wie gründlich ich meine nähere Umgebung abscannte, ich konnte nichts dergleichen entdecken. Ich wartete einen Moment, bis sich mein Puls etwas beruhigt hatte, strich abermals mein störrisches Haar hinter mein Ohr und setzte mich in Bewegung. Ich spürte den Kies durch die dünnen Sohlen meiner Chucks und Staub wurde bei jedem meiner Schritte aufgewirbelt. Ich wollte mir nicht vorstellen, was für ein Erscheinungsbild ich abliefern würde, bis ich das Anwesen erreichte. Doch außer dem kleinen Rucksack, den ich lässig über meiner Schulter trug und den Kleidungsstücken an meinem Körper, besaß ich nicht viel. Mein letztes Geld hatte ich für die Fahrt zu diesem Ort ausgegeben. Die warme Brise des Mistrals strich fast tröstend über mein Gesicht und meine nackten Arme. Ich hatte mir angewöhnt, immer nach vorn zu blicken. Schloss sich eine Tür vor meiner Nase, suchte ich einfach nach der nächsten. Zur Not tat es auch ein Fenster. Irgendwie ging es immer weiter.
Es war ein unglaublicher Glücksfall, an die Adresse auf dem Zettel zu gelangen. An dem Tag, an dem der Besitzer des Bistros mich feuerte, hatte ihn mir dessen Köchin in die Hand gedrückt und gesagt: »Solltest du keine andere Möglichkeit haben, eine neue Arbeit zu finden, dann geh dort hin. Ich habe gehört, dass eine Haushaltshilfe gesucht wird. Die Leute aus dem Dorf wollen mit dem Anwesen nichts zu tun haben. Aber vielleicht findest ja du dort eine neue Bleibe.«
Dass die Leute aus dem Dorf sich von diesem Anwesen fernhielten, konnte mir nur recht sein. Immerhin hatten diese Bauern sich auch immer von mir distanziert, als hätte ich eine ansteckende Krankheit. Die Köchin war nie besonders freundlich zu mir gewesen, doch zumindest hatte sie ab und an mit mir gesprochen und mich mit Essen versorgt. Denn der Lohn für meine Arbeit war wirklich nicht üppig gewesen und hatte gerade so für die Miete meines kleinen Zimmers über dem Bistro gereicht. Wobei das Wort Zimmer fast zu gut für die winzige Rumpelkammer war.
Manchmal fragte ich mich, wie es nur so weit mit mir hatte kommen können. Ich konnte mich an keinen Tag meines Lebens erinnern, an dem ich nicht kämpfen musste. Oder fortlaufen. Vielleicht war ich einfach unter einem schlechten Stern geboren. Es gab nicht einmal jemanden, den ich dazu befragen konnte, denn meine Eltern hatte ich nie kennengelernt.
Mein Blick schweifte in die Ferne, die sich hinter einer kleinen Anhöhe vor mir auftat und was ich dort sah, riss mich aus meinen finsteren Gedanken. Am Ende des Kiesweges erstreckte sich ein riesiges Anwesen, welches man von dem rostigen Tor aus niemals erahnt hätte. Der Weg mündete in einen großen Hof, zu dessen Linker sich ein prachtvolles Gebäude befand. Es erstreckte sich über zwei Stockwerke und die typischen, hölzernen Fensterläden wirkten wie Augen, die mich neugierig betrachteten. Es bestand aus vier Flügeln, deren Dächer spitz in den Himmel ragten und mich an Kirchentürme erinnerten. An jeder Spitze erkannte ich jeweils einen Blitzableiter, was nicht ungewöhnlich war für diese Gegend. Die Gewitter in der Provence konnten heftig ausfallen.
Es war ein eindrucksvolles, jedoch etwas in die Jahre gekommenes Gebäude. Hier und da erkannte ich Stellen, an denen der Putz abbröckelte, was ihm jedoch auch einen gewissen Charme verlieh. Eine Treppe führte hinauf zu der ausladenden Eingangstür, an deren Seiten große Blumentöpfe aus Stein standen, die jedoch leer waren. Rechts davon entdeckte ich ein kleineres Gebäude, das verdächtig nach Stallungen aussah. Daneben erstreckten sich hohe Büsche und Bäume, hinter denen ich ein weiteres Gebäude erahnte. Der Garten, der sich um das Anwesen erstreckte, wirkte sehr gepflegt und auffallend grün, wenn man die Hitze und Trockenheit bedachte. Ich glaubte, hinter den Bauten einen kleinen Wald zu erkennen. Zumindest erstreckten sich einige Bäume über das Gelände und so war es unmöglich zu sagen, wo das Grundstück endete.
Ich pfiff leise und anerkennend durch die Zähne und wischte über meine schweißnasse Stirn. Wer auch immer hier lebte nagte offensichtlich nicht am Hungertuch und das vermutlich seit Generationen. Denn das Haupthaus schrie förmlich nach Geschichte.
Langsam setzte ich meinen Weg fort und konnte meinen Blick nicht von dem beeindruckenden, historischen Gebäude abwenden. Ich glaubte, eine Art Wappen über dem Eingang zu erkennen. Doch aus dieser Entfernung konnte ich nicht sehen, was genau darauf abgebildet war. Kurz bevor ich den großen Hof erreichte, hielt ich inne, nahm meinen Rucksack von meinem Rücken und fischte meine Wasserflasche aus dessen Innern. Mein Mund fühlte sich staubtrocken an und ich konnte nicht sagen, ob es an der Hitze oder der Aufregung lag. Ich sah meine Chancen auf diese Stelle schon schwinden, bevor ich überhaupt einen Fuß in das Haus gesetzt hatte. Solche Leute holten sich keine dahergelaufenen Aushilfskräfte ins Haus, die nichts vorzuweisen hatten außer ihrem zerfledderten Reisepass. Ich besaß weder Zeugnisse noch Empfehlungsschreiben, denn die Jobs, die ich bisher angenommen hatte, gaben so etwas nicht her.
Doch da ich schon einmal hier war, konnte ich es auf einen Versuch ankommen lassen. Wenn es stimmte, dass kein Dorfbewohner einen Fuß auf dieses Grundstück setzen wollte, hatte der Eigentümer des Anwesens keine große Auswahl. Vielleicht war das meine Chance.
Ich packte die Wasserflasche zurück in meinen Rucksack, kämmte mit den Fingern unbeholfen durch meine Locken, um sie etwas in Form zu bringen und setzte meinen Weg fort. Kurze Zeit später stand ich in dem großen Hof, der im Schatten des Hauptgebäudes lag und wo es dadurch angenehm kühl war. Ich ließ meinen Blick durch die Umgebung schweifen in der Hoffnung, jemanden zu entdecken, der mir sagen konnte, an wen ich mich wenden durfte, um mich für diese Stelle zu bewerben. Doch ich fand niemanden. Das Anwesen lag verlassen vor mir und ich fragte mich abermals, ob ich wirklich an der richtigen Adresse war. Der Wind strich durch die hohen Büsche zu meiner Rechten und das Rauschen ließ mich zusammenzucken. Seit wann war ich denn so schreckhaft?
Ich musterte die hohe Treppe, die hinauf zum Eingang des großen Hauptgebäudes führte und beschloss, dort nach einer Klingel zu suchen. Da es schon später Nachmittag war, vermutete ich, dass die anderen Angestellten schon Feierabend hatten und es deshalb so verlassen wirkte. Doch im Hauptgebäude musste ja jemand sein. Meine Hand schloss sich fester um den Gurt meines Rucksacks, während ich die Stufen zum Eingang erklomm. Oben angekommen erkannte ich mein Spiegelbild schemenhaft im Glas der großen Eingangstür und erschrak. Mein Haar stand in alle Richtungen ab und ich suchte verzweifelt meine Jeanstaschen nach einem Haargummi ab. Erleichtert atmete ich auf, als ich eines fand und mir mein störrisches Haar im Nacken zusammenband. Dann klopfte ich den Staub von meinen Jeans und wischte mit den Händen über meine ebenfalls staubigen Schuhe.
Prüfend sah ich an mir herab und beschloss, dass das einfach reichen musste. Auch wenn ich nicht gerade wie aus dem Ei gepellt wirkte. Etwas Staub und Gassendreck begleitete mich schon mein ganzes Leben und war nun mal ein Teil von mir. Doch vielleicht hatte ich ihn zum größten Teil fortwischen können, zumindest für diesen Moment.
Ich atmete tief durch und suchte nach einer Klingel oder ähnlichem. Doch alles, was ich fand, war ein altmodischer Türklopfer in der Mitte der großen Eingangstür. Er war geformt wie der Kopf eines Wolfes, der bedrohlich die Zähne fletschte.
»Sehr einladend«, murmelte ich und streckte unbeeindruckt meine Hand nach dem eisernen Türklopfer aus. Als meine Finger das Metall berührten, schauderte ich. Es war eisig kalt, obwohl wir bestimmt noch 35 Grad Außentemperatur hatten. Vielleicht war es aber auch nur meine eigene Nervosität. Es wäre nicht das erste Mal, dass mir meine Psyche einen Streich spielte, und ich beschloss, diesem flauen Gefühl in meiner Magengegend nicht allzu viel Bedeutung beizumessen.
Beherzt betätigte ich den Wolfskopf aus Metall und zuckte zusammen, als mein Klopfen durch das Innere des Hauses hallte und ich es sogar von außen laut und deutlich hören konnte. Etwas zu laut. Offenbar war ich zu beherzt an die Sache heran gegangen. Schuldbewusst zog ich meine Hand zurück und hielt den Atem an, während ich in die darauffolgende Stille lauschte. Ich wartete darauf, Schritte aus dem Innern des Anwesens zu hören. Doch die Sekunden verstrichen und es blieb still. Ich runzelte verwundert die Stirn und ließ meinen Blick ein weiteres Mal über den großen Hof schweifen. Doch ich konnte keine Menschenseele entdecken. War womöglich niemand zu Hause?
Etwas mutiger ergriff ich erneut den Türklopfer und betätigte ihn in der gleichen Intensität. Vielleicht hörte man ihn nicht, wenn man sich gerade in einem etwas weiter entfernten Flügel des Hauses aufhielt. Doch auch dieses Mal blieb es still. Ich schnaubte genervt und ließ meine Schultern nach unten sacken. So hatte ich mir das nicht vorgestellt! Ich hatte mein letztes Geld in die Fahrt hierher investiert, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass ich vielleicht niemanden antreffen würde. Typisch für mich. Ich war gut darin, auf Unvorhergesehenes zu reagieren, doch manchmal fehlte mir die Weitsicht. Wie in diesem Fall.
Ich wandte der Tür den Rücken zu und lehnte mich gegen das eiserne Geländer, welches die Eingangstreppe säumte. Der warme Wind strich durch mein Haar und ich schloss für einen Moment die Augen. Hier stand ich nun, mitten im Nirgendwo, ohne Arbeit und einen Platz zum Schlafen. Eine Option war, zu Fuß zurück ins Dorf zu gehen und zu hoffen, meinen alten Job mit der schlechten Bezahlung und dem unfreundlichen Chef zurückzubekommen. Doch das schien mir nicht gerade erstrebenswert. Auf keinen Fall war ich in der Lage, meinen Stolz so tief hinunterzuschlucken. Was ich jetzt brauchte, war ein Plan B.
Ein Rascheln ganz in der Nähe lenkte meine Aufmerksamkeit von meinen düsteren Gedanken auf einen Punkt im Gebüsch, welches auf der gegenüberliegenden Seite des Hofes wuchs. Ich öffnete meine Augen und suchte die Gegend nach der Quelle des Geräusches ab. Doch es blieb alles still. Vielleicht war es eine Windböe gewesen, die durch das Dickicht strich. Doch als ich meinen Rucksack über die Schulter warf und die Treppen hinabgehen wollte, sah ich die Bewegung klar und deutlich und hielt inne.
Mit zusammengekniffenen Augen spähte ich quer über den großen Hof zu dem Gebüsch, das nun verdächtig raschelte. Mein Puls beschleunigte sich, während ich gedanklich die Möglichkeiten durchging, was dort wohl lauern konnte. Im besten Fall war es der Gärtner, im Schlimmsten ein Wolf. In letzter Zeit hatte man immer wieder Wölfe in dieser Gegend gesichtet und davor gewarnt, bei Anbruch der Dunkelheit durch die Felder zu spazieren. Doch wagte sich ein Wolf so nah an ein Haus?
Noch bevor ich mich weiter in meine angstvollen Gedanken hineinsteigern konnte, ließ mich ein leises Räuspern vor Schreck aufschreien und mein Rucksack fiel zu Boden. Meine Wasserflasche und die wenigen Habseligkeiten, die ich besaß, purzelten die Stufen hinab und ich beinahe hinterher. In letzter Sekunde konnte ich mich noch am Geländer festhalten, bevor auch ich unliebsame Bekanntschaft mit den steinernen Stufen machte.
Mein Blick zuckte zu der Eingangstür, aus deren Richtung das Räuspern gekommen war, und ich erschrak abermals. Vor mir stand eine schlanke, hochgewachsene alte Dame, die mich aus großen, hellgrünen Augen abschätzig musterte. Die Farbe ihrer Iriden erinnerte mich unwillkürlich an Jade und sie wirkten viel jünger als der Rest ihrer Erscheinung. Ihre schmalen Lippen waren zu einem strengen Strich zusammengekniffen und ihr weißes Haar zu einem ordentlichen Knoten frisiert. Sie trug einen langen, dunkelblauen Rock und eine feine, weiße Bluse mit etwas altmodisch wirkenden Rüschen an den Manschetten. Ihre Hände hielt sie vor ihrem Bauch gefaltet, während sie einen Schritt nach vorn trat und unter dem Türrahmen stehenblieb.
Ich starrte sie an wie ein verängstigtes Kaninchen, das in das Blickfeld einer Kobra geraten war. Nur dass diese Kobra ihre schmalen Lippen missbilligend kräuselte, während ich mich mit einem entschuldigenden Lächeln aufrichtete und hoffte, einen nicht allzu derangierten, ersten Eindruck zu machen.
»Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?«, fragte mich die alte Dame, wobei ihr Tonfall keinesfalls zu ihren eigentlich freundlichen Worten passte. Er gab mir eher das Gefühl, eine lästige Störung ihrer offenbar kostbaren Zeit zu sein. Das fing ja gut an.
Ich räusperte mich und versuchte es abermals mit einem freundlichen Lächeln, das an ihr abprallte wie an einer Wand aus Eis. Sie verzog keine Miene.
»Verzeihen Sie mein etwas… seltsames Auftreten. Mein Name ist Ophelia Santos und ich komme aus dem Dorf ganz in der Nähe.« Sie zog skeptisch ihre schmalen Augenbrauen nach oben und ich glaubte, einen Hauch von Interesse in ihren ungewöhnlichen Augen zu erkennen. Doch der Eindruck verflog so schnell wie er gekommen war.
»Und was führt Sie zu uns?« Sie sprach nicht laut, doch ihre Stimme war so klar und intensiv, dass sie mich ein wenig einschüchterte. Doch das würde ich mir nicht anmerken lassen. Das tat ich nie.
Ich hielt dem Blick ihrer Jadeaugen stand und erklomm die wenigen Stufen, die mich von der Eingangstür trennten. Vielleicht würde die ältere Dame etwas weniger einschüchternd wirken, wenn sie keine vier Treppenstufen über mir stand und aus dieser Position auf mich herabblicken konnte. Doch auch als ich am oberen Ende der Treppe angekommen war, musste ich den Kopf leicht in den Nacken legen, um in ihr Gesicht zu sehen. Sie überragte mich um einen ganzen Kopf. Doch ich straffte meine Schultern und versuchte, meiner Stimme einen sicheren Klang zu geben.
»Im Dorf habe ich gehört, dass Sie eine Stelle in diesem Haus zu vergeben haben. Ich bin auf der Suche nach einer neuen Arbeit und hatte gehofft, mich als Haushaltshilfe bewerben zu dürfen.«
Wieder musterte sie mich von Kopf bis Fuß und ich trat nervös von einem Fuß auf den anderen. Ihr Blick schweifte von mir zu meinen Habseligkeiten, die noch immer verstreut auf der Treppe lagen.
»Ich nehme an, Sie besitzen Zeugnisse oder Empfehlungsschreiben?« Schon an der Art, wie sie diese Frage stellte wurde mir klar, dass sie die Antwort bereits erahnte. Ihr kühler Ton machte klar, was sie bisher von mir hielt.
»Ich habe die letzten Monate in dem kleinen Bistro am Rande des Marktplatzes gearbeitet. Kennen Sie es?«
Die Mundwinkel der alten Dame zuckten verräterisch, doch ich wusste nicht, ob es positiv oder negativ einzuordnen war. »Ich gehe grundsätzlich nicht ins Dorf, also sagt mir ihr letzter Arbeitsplatz leider nichts.«
Ich blickte ratlos zu ihr auf und rang um die richtigen Worte, die mich vielleicht in ein besseres Licht rückten. »Nun ja, ich habe bei allem mit angepackt, was gerade so anstand. Ich war so zu sagen das Mädchen für alles. Also, egal um was es geht, ich kann helfen.«
Sie musterte mich nachdenklich und ich hoffte inständig, dass sie mir eine Chance geben würde. Doch als sie ihren Kopf schüttelte, wurde meine Hoffnung jäh zerstört. »Ich denke nicht, dass das hier die richtige Stelle für Sie ist, mein Kind. Wir dachten an jemand… Kräftigeren als Sie. Es würden durchaus körperlich anstrengende Tätigkeiten auf Sie zukommen und ich denke nicht, dass Sie diesen gewachsen sind.«
Abermals ließ sie ihren strengen Blick über meine Erscheinung gleiten und ich musste mir eingestehen, dass sie mich einschüchterte. Was nicht allzu oft vorkam. Doch so leicht wollte ich mich nicht geschlagen geben.
»Oh, lassen Sie sich nicht täuschen! Ich kann durchaus mit anpacken. Während meiner Zeit im Bistro musste ich unzählige Getränkekisten schleppen und habe mich nie beklagt. Ich bin stärker als ich aussehe.«
Die alte Dame hob süffisant eine Augenbraue und seufzte tief. »Es ist immer das Gleiche mit der Jugend. Sie überschätzen ihre Kräfte, ohne zu wissen, welche Herausforderungen hier auf Sie warten.«
Mir entfuhr ein genervtes Schauben, woraufhin sofort ein strafender Blick aus den jadegrünen Augen folgte.
»Dann sagen Sie mir doch, was ich zu tun hätte! Immerhin bin ich den ganzen Weg in diese verlassene Einöde gekommen, nur um mich für diese Stelle zu bewerben! Ich bin sicher, ich werde Sie nicht enttäuschen. Geben Sie mir doch wenigstens die Möglichkeit, Sie von mir zu überzeugen.«
Die Worte sprudelten nur so aus mir heraus und ich verfluchte einmal mehr mein überschäumendes Temperament, das mich schon oft in Schwierigkeiten gebracht hatte. Doch ich konnte nicht anders, die ablehnende Art der alten Dame machte mich wütend. Offensichtlich gab es keine anderen Interessenten, zumindest konnte ich keine entdecken. Warum bekam ich nicht wenigstens eine Chance, mich zu beweisen? Ich hatte mein letztes Geld für das Taxi ausgegeben und eine Wohnung besaß ich auch nicht mehr. Wenn ich abgelehnt wurde, stand ich auf der Straße. Wieder einmal.
Die alte Dame sah tadelnd auf mich herab und wollte gerade etwas entgegnen, als unsere Aufmerksamkeit auf das Gebüsch am gegenüberliegenden Ende des großen Hofes gelenkt wurde. Etwas schien sich darin zu bewegen, und zwar so sehr, dass die pinkfarbenen Blüten des Oleanderbuschs erzitterten. Ein lautes Knurren, gefolgt von einem grellen Kreischen ließ mich erschrocken zurückweichen, sodass ich beinahe mit der alten Dame zusammenstieß. Auch sie starrte wie gebannt zu dem unheimlichen Schauspiel, das sich uns bot, und ich erkannte Ratlosigkeit in ihren strengen Zügen. Ich schloss aus ihrer Reaktion, dass das wohl nicht alle Tage vorkam.
Wieder ertönte das tiefe und unheimliche Knurren und ich rechnete fest damit, dass jede Sekunde ein Wolf aus dem Gebüsch preschen würde. Doch stattdessen sah ich große, weiße Flügel, die hektisch aufflatterten. Einen langen, schlanken Hals und einen spitzen Schnabel, der sich kreischend öffnete. Ein weißer Reiher brauch aus dem Gebüsch hervor und flog direkt auf uns zu. Im Flug packte er mit seinen Vogelkrallen meinen Rucksack, flog einen kleinen Bogen und segelte über unsere Köpfe hinweg ins Innere des Hauses. Wir mussten in Deckung gehen, um nicht von dem großen Vogel touchiert zu werden. Die Hausvorsteherin blickte ihm entsetzt hinterher, während ich mich um meine wenigen Habseligkeiten sorgte.
»Hey!«, rief ich empört, vergaß meine guten Manieren und stürmte durch die hohe Eingangstür ins Innere des Hauses.
»Was erlauben Sie sich?!«
Die empörten Rufe der alten Dame begleiten mich ins Innere des Anwesens, wo ich wie angewurzelt stehen blieb. Der Anblick der riesigen Eingangshalle verschlug mir die Sprache. Ich glaubte, in eine andere Epoche gefallen zu sein und musste unwillkürlich an die Serie »Bridgerton« denken, die ich vor kurzem gesehen hatte.
Zu meiner Rechten führte ein großer Durchgang in eine Art Salon und ich glaubte, einen großen Kamin zu erkennen. Zu meiner Linken führte eine weitere Tür in einen Raum, der voller Bücherregale stand. Das musste so etwas wie eine Bibliothek sein. Direkt vor mir wand sich eine breite Treppe empor, die in die oberen Stockwerke führte. Ganz oben, zwischen den beiden Gängen, entdeckte ich den weißen Vogel, der meinen Rucksack nun in seinen Schnabel geklemmt hatte und mich neugierig musterte.
»Das darf doch alles nicht wahr sein!«, schnaubte ich und versuchte, mit so ruhigen Bewegungen wie möglich auf den Reiher zuzugehen. Vielleicht würde er einfach meine Sachen fallen lassen und wieder auf dem gleichen Weg verschwinden, auf dem er hereingekommen war. Vorsichtig erklomm ich Stufe für Stufe, ohne den Vogel aus den Augen zu lassen. Auch er musterte mich in aller Seelenruhe und machte keine Anstalten, meinen Rucksack fallen zu lassen. Konnte mein Tag noch beschissener werden?Was hatte ich mir nur gedacht?
Ich hatte alles auf eine Karte gesetzt und jetzt stand ich hier. Ohne Arbeit, ohne Bleibe und ein verrückter Vogel klaute meine Sachen. Wenigstens blieb er ruhig stehen und ich war guter Hoffnung, ihn erwischen zu können. Als ich an der letzten Stufe ankam, wollte ich gerade meine Hand ausstrecken und meinen Rucksack ergreifen, da ertönte die Stimme der alten Dame hinter mir: »Mademoiselle, ich habe Ihnen nicht erlaubt, dieses Haus zu betreten!«
Der Reiher flatterte in die Höhe und floh in den Gang, der sich auf der linken Seite befand. Genervt strich ich ein paar Locken zurück, die sich bei der Verfolgungsjagd aus meinem Zopf gelöst hatten und wandte mich zu der alten Frau um. »Ich will nur meine Sachen! Danach sind Sie mich los, keine Sorge!«
Ohne auf ihre Antwort zu warten, folgte ich dem diebischen Vogel und bog in den Gang ein, in dem er verschwunden war. Vor mir erstreckte sich ein Flur mit vielen Türen, die jedoch alle geschlossen waren. Durch die seitlichen Fenster fiel das rötliche Licht der untergehenden Sonne. Der Tag neigte sich seinem Ende zu und bald würde die Nacht einbrechen. Der Boden war mit einem roten Läufer ausgelegt, der jedoch schon seine besten Tage hinter sich hatte. An den Wänden befanden sich Bilder von Stillleben oder Landschaftsbilder der Provence. Wer auch immer sie gezeichnet hatte, schien ein Liebhaber dieser Gegend zu sein. Ich hatte keine Ahnung von Kunst, doch diese Bilder waren schön. Aber meine Aufmerksamkeit wurde auf einen weißen Punkt ganz am Ende des langen Flurs gelenkt.
Die letzte Tür rechts stand offen und ich sah gerade noch, wie der verrückte Vogel mitsamt meinen Sachen darin verschwand. Hinter mir hörte ich die entschlossenen Schritte der alten Dame, die mir folgte. Doch noch bevor sie mich einholen konnte, rannte ich den Flur hinab und bog in das Zimmer mit der offenstehenden Tür ein.
Als ich es betrat, blieb ich unter dem Türrahmen atemlos stehen und blickte in das Innere des Zimmers. In dessen Mitte stand ein kleiner, runder Tisch, auf dem frische Blumen in einer Kristallvase arrangiert worden waren. Links entdeckte ich einen großen Schreibtisch und daneben ein Regal, das jedoch leer war. Eine Tür führte in einen angrenzenden Raum, von dem ich vermutete, dass es sich um ein Badezimmer handelte. An der Wand rechts von mir befand sich ein großes Bett, das aussah, als stamme es aus einer längst vergangenen Epoche. Es bestand aus dunklem Holz und besaß eine Art Baldachin, der an vier hohen Pfosten befestigt war. Der Stoff war in einem dunklen rot gehalten und erinnerte an Samt. Das Bett war ordentlich gemacht und sah aus, als hätte in letzter Zeit niemand darin geschlafen. Der leichte Staubgeruch, der in der Luft lag, bestätigte meinen Verdacht. Doch nun thronte der Reiher auf den weißen Laken, schüttelte sein schneeweißes Gefieder und blinzelte mich herausfordernd an.
»Echt jetzt?!«, seufzte ich und sah mich hilfesuchend um.
»Mademoiselle, was fällt Ihnen ein? Sie können doch nicht einfach durch diese Räume rennen, als hätten Sie den Verstand verloren!«, keuchte die alte Dame, die mich in diesem Moment einholte und nun ebenfalls den Raum betrat. Ich warf ihr einen entnervten Blick zu und deutete auf den Reiher.
»Sagen Sie das mal dem da!« Der Vogel blickte zu der Dame und ließ demonstrativ meinen Rucksack auf das fremde Bett fallen.
»Was hat das zu bedeuten?«. murmelte die alte Frau und machte einen Schritt auf das eigenwillige Tier zu. Doch augenblicklich schnappte es sich wieder seine Beute und flatterte aufgeregt mit den Flügeln.
»Bitte nicht! Alles, was ich habe, ist da drin!«
Mein Blick fiel auf das offenstehende Fenster und ich fürchtete, das verrückte Vieh würde jeden Moment mit meinen wenigen Habseligkeiten davonfliegen. Die alte Dame sah von mir zu dem Vogel und hob beschwichtigend ihre Hände, während sie vorsichtig einen Schritt von dem Tier zurücktrat. Mit jedem Zentimeter, den sie sich von dem tierischen Dieb entfernte, ließ er den Kopf mit meinem Rucksack etwas weiter sinken, bis dieser wieder auf das Bett plumpste. Erleichtert atmete ich auf und beobachtete, wie meine unfreiwillige Gastgeberin neben mir zum Stehen kam. Sie kräuselte missbilligend ihre schmalen Lippen, während sie das Tier musterte.
»Kommt hier so etwas öfter vor?«, fragte ich flüsternd, während ich darüber nachtdachte, wie ich wieder an meinen Besitz kommen konnte. Ich hatte schon von diebischen Elstern gehört, aber noch nie von kleptomanischen Reihern.
Die alte Dame warf mir einen seitlichen Blick zu und murmelte: »Leider öfter, als es mir lieb ist.«
Verwundert hob ich die Augenbrauen und wollte gerade nachhaken, was sie damit meinte, als der verrückte Vogel laut aufschrie und so heftig mit den Flügeln flatterte, dass mein Rucksack vom Bett rutschte und die wenigen Dokumente, die ich besaß, quasi vor die Füße der alten Frau fielen. Noch bevor ich reagieren konnte, hob sie sie auf und begann, darin zu lesen. Für eine Person, die offensichtlich sehr auf Diskretion und Etikette achtete, war das eine sehr unhöfliche Geste. Das fand ich zumindest.
Doch ich traute mich auch nicht, sie darauf hinzuweisen. Etwas an ihr flößte mir unheimlichen Respekt ein. In meinem Leben hatte ich schon immer Probleme mit Autoritätspersonen gehabt, seien es Pflegeeltern, Lehrer oder auch Arbeitgeber gewesen. Sobald jemand auf mich herabblickte, fuhr ich die Krallen aus. Das war wie ein angeborener Reflex, wenn man so wollte. Doch dieses Mal blieb er aus, was mich selbst am meisten wunderte.
Ich sah, wie sie meinen Pass kurz betrachtete und ihn dann auf der Kommode schräg hinter ihr ablegte. Dann öffnete sie den etwas lädierten Schnellhefter, in dem sich meine Papiere befanden. Darunter mein Führerschein, Anmeldepapiere, die ich bei meinem letzten Arbeitgeber hatte ausfüllen müssen und zu guter Letzt ein Dokument, das ihre ungeteilte Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie las es sich gründlich durch, dann huschte ihr Blick zu dem Vogel, der noch immer auf dem Bett stand und uns aus seinen dunklen Knopfaugen beobachtete. Dann wandte sie sich mir zu, machte jedoch keine Anstalten, mir meine Dokumente zurückzugeben.
»Sie sind eine Waise?« Ihre Frage war so direkt und kam so unvermittelt, dass mir der Unterkiefer herunterklappte. Normalerweise redeten die Menschen, die von meiner Vergangenheit erfuhren, erst einmal um den heißen Brei herum, da sie in kein Fettnäpfchen treten wollten. Doch diese alte Dame scherte sich nicht darum, wie ihre Direktheit bei mir ankam. Wieso sollte sie auch?
»Ich war eine Waise, als ich noch ein Kind war. Jetzt bin ich eine erwachsene Frau mit unklarer Familiengeschichte«, entgegnete ich etwas ungehalten und trat nervös von einem Fuß auf den anderen. Konnte diese Situation noch unangenehmer werden? Die Antwort gab sie mir mit ihrer nächsten Frage.
»Sie haben keinerlei Familienangehörige?«
Ich schnaubte ungehalten, da mich ihre direkten Fragen allmählich ärgerten. War das hier etwa ein Kreuzverhör?
»Keine, von denen ich wüsste«, antwortete ich, fühlte mich jedoch unwohl unter ihrem klaren, strengen Blick. Ich hatte keine Lust über meine Herkunft zu sprechen. Es war schlimm genug, dass man mich als Baby auf einem Schiff gefunden hatte, das in einem Hafen in der Bretagne geankert hatte. Ich wusste nur, dass es aus Kuba gekommen war, mit mir an Bord und sonst keiner Seele, die mich begleitet hatte. Was auf meine Ankunft folgte, waren viele Jahre in einem Kinderheim mit unzähligen Unterbringungsversuchen in Pflegefamilien, bei denen ich es jedoch nie längere Zeit ausgehalten hatte. Als Teenager riss ich immer wieder aus und lebte sogar einige Zeit auf der Straße. Als ich endlich alt genug war, verließ ich das Kinderheim und machte mich auf, um zu arbeiten und mein eigenes Leben zu gestalten. Seither hatte ich mich immer mit irgendwelchen Jobs über Wasser gehalten.
Die alte Dame klappte den Ordner zu und reichte mir endlich meine Unterlagen, die ich schnell entgegennahm, ohne in ihr Gesicht zu blicken. Ich wusste, dass darin entweder Mitleid oder Abneigung stehen würden und beides ertrug ich nicht. Denn so war es immer.
»Nun, es ist schon spät und ich gehe davon aus, dass sie keine Bleibe haben für heute Nacht. Ich schlage vor, Sie verbringen diese eine Nacht hier und morgen früh unterhalten wir uns noch einmal über die Stelle hier im Haus. Vielleicht findet sich ja doch etwas Passendes für Sie.« Ich sah überrascht zu ihr auf und begegnete ihrem kühlen Blick.
»Das…das wäre großartig«, stotterte ich, überrumpelt von dem plötzlichen Sinneswandel der alten Frau.
Sie hob skeptisch eine Augenbraue und entgegnete: »Freuen Sie sich nicht zu früh. Das Leben hier ist nicht gerade…. einfach.« Mein Blick zuckte zu dem weißen Reiher, der noch immer auf dem Bett stand und unserer Unterhaltung zu lauschen schien. Ich musste über den Gedanken schmunzeln, immerhin war es ja nur ein dummer, verrückter Vogel. »Sie können gleich ihre Qualitäten als Haushaltshilfe unter Beweis stellen, indem sie unseren unliebsamen Besucher aus dem Haus bugsieren. Immerhin ist dies hier das Gästezimmer und wenn sie das Bett nicht mit ihm teilen möchten, lassen Sie sich besser etwas einfallen.«
Ich sah sie verdutzt an, während sie sich von mir abwandte und den Raum verlassen wollte. Doch sie blieb im Türrahmen stehen und wandte sich noch einmal zu mir um.
»Es gibt eine Regel und ich bestehe darauf, dass Sie sich daran halten: Sie bleiben heute Nacht in ihrem Zimmer, egal, was Sie zu hören glauben. Das sollte Ihnen ja nicht schwerfallen.«
Ich blinzelte sie verwundert an und hätte gern nachgefragt, was es mit dieser seltsamen Regel auf sich hatte. Doch ihr Blick verriet mir, dass ich es besser nicht tat. Also schluckte ich meine Neugier hinunter und nickte.
»Verstanden, Madame…« Plötzlich fiel mir auf, dass sie mir ihren Namen noch gar nicht genannt hatte. Sie runzelte ihre Stirn, während sie mich wieder mit diesem missbilligenden Blick taxierte.
»Madame Morel, wenn’s recht ist«, beantwortete sie meine unausgesprochene Frage und wandte sich ab, um mich mit dem Tier allein zu lassen.
»Danke, Madame Morel!«, rief ich ihr unbeholfen hinterher und lauschte ihren Schritten, die sich immer weiter von mir entfernten. Nun blieb nur noch eine Sache, die zwischen mir und einem warmen, weichen Bett stand: der verrückte Reiher. »So, mein Freund. Jetzt zu dir.«
Entschlossen drehte ich mich um, da ich nicht vorhatte, mir meine Chance von einem Federvieh verderben zu lassen. Doch als ich mich dem Bett zuwandte, war es leer.
Es dauerte nicht lange, bis ich mich in dem fremden Zimmer etwas eingerichtet hatte. Viel besaß ich ohnehin nicht und die wenigen Habseligkeiten passten in eine einzige Schublade. Von meinem ersten Gehalt musste ich mir unbedingt neue Kleidung kaufen. Ich wollte nicht wie eine Straßengöre aussehen, immerhin war Madame Morel wie aus dem Ei gepellt und duldete wohl nicht ewig jemanden wie mich, der mit staubigen und zerrissenen Jeans herumlief. Vorausgesetzt, ich würde die Stelle bekommen.
Was genau die Meinung der alten Dame geändert hatte, war mir schleierhaft. War es vielleicht doch Mitleid, da dieser seltsame Wandel geschehen war, nachdem sie meine Geburtsurkunde überflogen hatte? Ich zog den Waisenbonus nicht gern, doch in diesem Fall war es vielleicht kein schlechter Zug gewesen. Auch wenn ich es nicht beabsichtigt getan hatte.
Noch immer fragte ich mich, wohin dieser verrückte Vogel verschwunden war. Ich hatte das ganze Zimmer durchsucht, nachdem Madame Morel mich allein gelassen hatte, doch er war nirgends zu finden gewesen. Er musste durch das offene Fenster geflattert sein, während ich von meiner vermeintlich neuen Chefin abgelenkt worden war. Sein Verschwinden war mir recht gewesen, denn unter all den Jobs, die ich je gehabt hatte, war Kammerjägerin noch nicht darunter gewesen.
Madame Morel hatte mich noch einmal aufgesucht und mir etwas zu essen gebracht. Frisches Baguette, dessen Duft allein mir schon das Wasser im Mund hatte zusammenlaufen lassen. Dazu etwas Käse, ein Stück luftgetrocknete Salami und ein paar Trauben. Für die meisten Menschen war das wohl nichts Besonderes, doch mir kam es wie ein Festmahl vor. Sie hatte mich noch einmal an mein Versprechen erinnert, auf keinen Fall mein Zimmer zu verlassen, bevor sie mich am nächsten Morgen abholen würde. Ich hätte ihr alles versprochen, solange sie mir nur den Teller mit den Leckereien gab.
Dann hatte sie mich ohne jedes weitere Wort allein gelassen und ich war froh darüber. Diese Frau verunsicherte mich, denn egal was ich sagte, es fühlte sich immer unpassend an. Nun saß ich im Schneidersitz auf dem großen, gemütlichen Bett und schob mir das letzte Stück Käse in den Mund. Ich zwang mich, ganz langsam zu essen und es auch zu genießen. Was mir schwer fiel, denn dies war meine erste Mahlzeit an diesem Tag. Das Fenster direkt neben meinem Bett gewährte mir einen Blick auf den sternenübersäten Nachthimmel. Ich schluckte den letzten Rest Käse hinunter und schwang meine Beine über die Bettkante.
Langsam erhob ich mich und trat an das Fenster, welches auf den großen Hof führte und ließ meinen Blick durch die Gegend schweifen. Alles schien ruhig, nur die hohen Oleanderbüsche wogten im Rhythmus des Mistrals, der kühle Luft mit sich brachte. Ich liebte den launischen Wind Südfrankreichs, der tagsüber angenehm warm und des nachts erfrischend kühl war. Ich öffnete das Fenster und atmete die frische Nachtluft tief ein, in der der Geruch von Lavendel und Regen mitschwang. Vorboten eines Gewitters, die in dieser Region nicht ungewöhnlich waren.
Als ich meine Augen wieder öffnete, zog etwas meine Aufmerksamkeit auf sich, was mir bei meiner Ankunft nicht aufgefallen war. Hinter den hohen Büschen entdeckte ich ein kleines Gebäude, nicht größer als die Stallungen. Doch ich konnte es nicht richtig erkennen, da es von den Büschen komplett eingeschlossen und es bereits dunkel war. Nur das Dach mit seinen Terrakottaziegeln war im Mondlicht gut zu erkennen, von denen einige bedrohliche Schieflage hatten. Sollte es wirklich ein Gewitter geben, würden sie diesem vielleicht nicht standhalten. Wer dort wohl lebte?
Doch plötzlich ließ mich ein lautes, kehliges Heulen zusammenzucken. Erschrocken wich ich von dem offenen Fenster zurück und lauschte. Doch außer dem Pfeifen des Windes, der durch die Fensterläden strich, war nichts mehr zu hören. Stille konnte furchtbar laut sein, wenn man sich kurz zuvor so furchtbar erschrocken hatte, und ich spürte, dass meine Hände zitterten. Wenn ich eine Sache nicht leiden konnte, dann waren es Hunde. Oder noch schlimmer: Wölfe!
Nicht weit von dem Anwesen erstreckte sich ein Korkeichenwald, den ich von meinem Fenster aus erahnen konnte. Ihre Silhouetten wirkten wie knorrige Finger, die sich dem Nachthimmel entgegenstreckten. Einmal mehr schalt ich mich für meine überschäumende Fantasie, die manche Situation gruseliger erscheinen ließ, als sie es eigentlich war. Ich schuldete meine Verfassung der Tatsache, dass ich mich in einem unbekannten Haus mit verrücktem Federvieh und einer mürrischen Hausdame befand und einfach Zeit brauchte, um die Geschehnisse zu verarbeiten. Womöglich war ich aber auch nur übermüdet und es war vielleicht das Beste, mich einfach schlafen zu legen. Wenn die einzige Bedingung, um diese Stelle zu bekommen, die war, dass ich mein Zimmer nicht verließ, war es wohl das Klügste, einfach schlafen zu gehen. Ich schloss das Fenster, jedoch nicht, ohne noch einmal einen prüfenden Blick in den Hof zu werfen. Doch da war nichts, kein Hund und vor allem kein Wolf.
Diese Tatsache beruhigte mich etwas und ich schlüpfte aus meinen Kleidern, kramte mein Schlafshirt aus meinem Rucksack und zog es mir über. Meine lockigen Haare band ich mir im Nacken zusammen und hoffte, dass sie am nächsten Tag nicht vollkommen verfilzt sein würden. Obwohl ein großes Bad mit einer einladenden Badewanne an mein Zimmer grenzte, war ich einfach viel zu müde und wollte einfach nur schlafen.
Die letzten Tage hatten mich erschöpft und die Begegnung mit Madame Morel und dem verrückten Vogel hatten mir den Rest gegeben. Ich konnte nur hoffen, dass ich die Stelle bekommen und somit eine neue Bleibe finden würde. Doch die Sorgen darüber schob ich in einen weit entfernten Winkel meiner Gedanken, sodass sie mich nicht vom Einschlafen abhalten würden. Eine müde Ophelia würde auf keinen Fall in der Lage sein, die kritische und strenge Madame Morel vollends von sich zu überzeugen. Also schlug ich die leichte Sommerdecke zurück und kuschelte mich in die weichen Kissen des großen Bettes. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal in so einem bequemen Bett gelegen hatte. Vermutlich noch nie. Ich seufzte zufrieden und schlang die Decke um meinen Körper. Obwohl es nicht kalt war, brauchte ich dieses Gefühl des Geborgenseins. Auch wenn ich nie einen festen Wohnsitz besessen hatte, fiel mir die erste Nacht an einem fremden Ort nie leicht. Doch die Müdigkeit ließ mir keine Gelegenheit, weiter über meine verkorkste Psyche nachzudenken. Kaum hatte ich die Augen geschlossen, schlief ich auch schon ein.
Ein lauter Knall riss mich aus meinem tiefen Schlaf und ich saß senkrecht in meinem Bett. Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich in die Dunkelheit, die für einen kurzen Moment durch gleißend helles Licht erhellt wurde. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals und ich brauchte einige Schläge, um mich daran zu erinnern, wo ich mich eigentlich befand. Mein Haar hatte sich aus dem notdürftigen Zopf gelöst und meine Locken versperrten mir die Sicht. Hektisch strich ich mir die Strähnen zurück und steckte sie in das Haargummi, das sich fast komplett verabschiedet hatte. Ich atmete ein paar Mal tief durch, um meinen rasenden Puls zu beruhigen und fragte mich, was mich wohl so brutal aus meinem Schlaf gerissen hatte.
Ein weiteres Krachen ließ mich zusammenzucken und das Prasseln an meinem geschlossenen Fenster verriet mir, dass ein Gewitter aufgezogen war. Verwundert sah ich zu dem Fenster an meinem Bett und nur wenige Sekunden später zuckte ein Blitz über den Nachthimmel.Ich schlug die Decke zurück und schwang meine Beine über die Bettkante. Der geflieste Boden unter meinen nackten Fußsohlen war eisig kalt und ich schauderte. Überhaupt kam es mir schrecklich kalt vor und ich griff nach meinem Hoodie, der vor meinem Bett auf dem Boden lag.
Als ich ihn mir übergezogen hatte, ging ich langsam zum Fenster und warf einen Blick hinaus. Es regnete in Strömen und Wind peitschte durch das Gebüsch, welches das kleine Gebäude dahinter umgab. Windböen ließen den Regen wie kleine Wellen über den Hof rollen und ich konnte mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal so viel Regen gesehen hatte.
Doch plötzlich hörte ich ein lautes Rumpeln, das sich so ganz und gar nicht nach Donner anhörte. Es war, als würde jemand ein schweres Möbelstück gegen eine Wand schieben. So hart, dass ich die Erschütterung fast körperlich gespürt hatte. Für einen kurzen Moment blieb es ruhig und ich lauschte in die Stille hinein. Doch bis auf das Prasseln des Regens und das Grollen des Donners dann und wann hörte ich nichts. Hatte mir meine Fantasie etwa einen Streich gespielt?
Mein Mund fühlte sich staubtrocken an und ich griff nach meiner kleinen Wasserflasche, die auf dem Nachttisch neben meinem Bett stand. Gerade, als ich die Flasche an meine Lippen gesetzt hatte, hörte ich wieder dieses fürchterliche Rumpeln. Vor Schreck fiel mir die Flasche aus der Hand und ihr gesamter Inhalt ergoss sich über den Fußboden. Ich fluchte leise und wäre beinahe auf dem glitschigen Boden ausgerutscht. Was ging nur vor sich in diesem Haus?
Ich beschloss zuerst die Sauerei zu beseitigen und marschierte in das Badezimmer, um ein Handtuch zu holen. Noch während ich zurückkehrte, um mein Malheur zu beseitigen, hörte ich plötzlich einen lauten Schrei. Einen Schrei, der mich mitten in der Bewegung einfrieren ließ und eine Gänsehaut über meinen Körper schickte.
Es war kein heller Schrei einer Frau, sondern etwas Dunkles. Etwas Grollendes, Kehliges. Der Schrei eines wütenden Menschen. Eines Mannes.
Sofort musste ich an Madame Morel denken, deren Zimmer sich ebenfalls irgendwo in dem großen Haus befinden musste. Eine alte Dame, die dem Verursacher dieses Brüllens schutzlos ausgeliefert war. Vielleicht hatte sich ein Einbrecher Zutritt verschafft? Doch würde dieser nicht eher leise sein, zumindest bis er seinen Beutezug beendet hatte? War es vielleicht ein Irrer, der in der Abgeschiedenheit dieses Hauses ein Versteck suchte? Oder ein Opfer?
Ich würde nicht hier sitzen und darauf warten, dass er mich fand! Und ich würde nicht zulassen, dass er der alten Dame etwas Schreckliches antat. Abermals hörte ich das laute Krachen und das wütende Brüllen, das darauffolgte. Das Gewitter war in weite Ferne gerückt, denn im Gegensatz zu dem vermeintlichen Eindringling kam es mir lächerlich harmlos vor. Schnell griff ich nach meiner Jeans und schlüpfte hinein. Ich entschied mich dagegen, Schuhe anzuziehen. Am besten war ich so lautlos wie möglich, um mich an den Fremden anzuschleichen. Was ich tun würde, wenn ich ihn fand, wusste ich noch nicht. Doch auch das würde mir noch einfallen. Entschlossen ging ich zu meiner Zimmertür und legte meine Hand an den Türgriff. Doch plötzlich fielen mir Madame Morels Worte ein.
Sie bleiben heute Nacht in Ihrem Zimmer, egal was Sie zu hören glauben!
Zögernd nahm ich die Hand wieder vom Türgriff und starrte unschlüssig auf meine Zimmertür. Was sollte ich tun? Sie hatte mir unmissverständlich klar gemacht, dass ich mein Zimmer auf keinen Fall verlassen durfte. Doch sie hatte ja nicht damit rechnen können, dass ausgerechnet in dieser Nacht ein Eindringlich auftauchen würde. Oder doch? Wieder hörte ich es Krachen und dieses Mal glaubte ich, zersplitterndes Holz zu hören. Hatte der Fremde womöglich Madame Morels Tür eingeschlagen? Versprechen hin oder her! Ich musste nachsehen was da vor sich ging! Sollte ich recht haben und dieser Fremde bedrohte die alte Frau, würde sie mich bestimmt nicht dafür bestrafen, dass ich ihr das Leben rettete! Hier ging es nicht um neugieriges Umherschnüffeln, sondern um die Sicherheit der alten Dame. Also ergriff ich die Türklinke und drückte sie so geräuschlos wie möglich hinunter.
Das leise Knarren der Scharniere ließ mich zusammenzucken und ich wartete einen Moment, bevor ich meinen Kopf durch den Türspalt steckte und einen Blick den Gang riskierte. Ein weiterer Blitz, der über den Himmel zuckte, erhellte den dunklen Flur für einen kurzen Moment und ich hielt gespannt den Atem an. Doch da war niemand. Wieder hörte ich das Poltern und wütende Brüllen und wäre am liebsten zurück in mein Zimmer geflüchtet.
Doch der Krach schien nicht aus nächster Nähe zu kommen, sondern aus der Richtung, in der die große Eingangshalle lag. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und trat aus meinem Zimmer heraus. Auf Zehenspitzen schlich ich den langen Flur hinab, bis ich an dessen Ende angekommen war und einen vorsichtigen Blick in die große Eingangshalle werfen konnte. Doch auch hier konnte ich niemanden entdecken. Das laute Donnern ließ mich zusammenzucken und ich unterdrückte einen Fluch. Ich hasste Gewitter an sich schon, doch ein Gewitter plus ein potenzieller Irrer in einem großen, unheimlichen Haus war doch etwas zu viel auf einmal für meine Nerven.
Mein Herz hämmerte gegen meine Brust und meine Hände waren schweißnass. Die seltsame Kälte, die in meinem Zimmer geherrscht hatte, ließ mich auch hier erschaudern. Selbst der weiche Läufer unter meinen nackten Füßen hielt die Kälte nicht wirklich ab. Vielleicht ließ mich aber auch nur meine eigene Angst so furchtbar frieren.
Nach einem weiteren, prüfenden Blick schob ich mich aus dem Schatten hervor und schlich über den Treppenaufgang zur anderen Seite. Hier begann der Ostflügel, in dem ich das Zimmer der alten Dame vermutete. Zumindest war sie in diese Richtung verschwunden, als ich ihr am Abend nachgesehen hatte.
Als ich abermals den furchtbaren Lärm vernahm, erkannte ich klar und deutlich, dass er ebenfalls aus dieser Richtung kommen musste. Denn dieses Mal hatte der Boden unter meinen Füßen gebebt und ich drückte mich mit dem Rücken an die Wand, um im besten Fall Schutz in der Dunkelheit zu finden, sollte der Eindringling überraschend meinen Weg kreuzen. Doch es geschah nichts.
Den Flur entlang erkannte ich vier Türen, die in verschiedene Zimmer führten. Alle waren fest verschlossen, bis auf eine ganz am Ende des Flurs. Sie stand einen Spaltbreit offen und ich konnte erkennen, dass Licht im Zimmer dahinter brannte. Kein helles Licht, wie es von einer Zimmerlampe stammen würde, sondern eher schummeriges Licht. Wie das einer Kerze oder eines Kaminfeuers. Beim nächsten Krachen schwang die Tür ein wenig weiter auf und ich sah Schatten durch das Zimmer huschen. Wieder hörte ich das laute, wütende Brüllen, doch dieses Mal hörte ich auch die Worte, die es beinhaltete: »WIE KANNST DU ES WAGEN?«
Diese grollende, tiefe Stimme ging mir durch Mark und Bein und meine Knie zitterten. Wer auch immer das war, war mehr als wütend. Er wirkte rasend! War Madame Morel etwa auch in diesem Zimmer? Es musste so sein! Mit wem sprach der Eindringling wohl sonst? Ich musste etwas unternehmen, bevor er der alten Dame womöglich noch etwas antat!
Doch wie sollte ich ihr helfen, unbewaffnet und schlotternd vor Angst? Ich sah mich hektisch um und entdeckte an der Wand gegenüber zwei sich kreuzende Säbel, die wohl als eine Art Dekoration aufgehängt worden waren. Vorsichtig schlich ich auf die gegenüberliegende Seite des Flurs und stellte mich auf Zehenspitzen, um einen der Säbel erreichen zu können. Das Metall quietschte leise, als ich es von der Halterung löste, und ich verharrte, um in die Stille zu lauschen. Hatte ich mich womöglich verraten?
Mein Herz schlug mir bis zum Hals, während ich abwartend in der Dunkelheit lauerte und hoffte, nicht jeden Moment attackiert zu werden. Doch das erneute Poltern sagte mir, dass er mich wohl nicht gehört hatte. Ich sah auf den Säbel in meiner Hand hinab und fühlte dessen Gewicht, währendmeine Kehle staubtrocken wurde. Noch nie zuvor hatte ich eine Waffe in den Händen gehalten, geschweige denn damit gekämpft und einen Menschen damit angegriffen. Doch ich konnte doch auch nicht tatenlos zusehen, wie Madame Morel ausgeraubt und womöglich verletzt wurde!
Entschlossen legte ich meine rechte Hand um den Griff des Säbels und wandte mich um. Noch immer sah ich die Schatten hektisch in dem diffusen Licht tanzen und wäre am liebsten einfach davongelaufen. Kein Job der Welt war es wert, dafür sein Leben zu riskieren. Ich würde mich schon irgendwie durchschlagen und mit etwas Glück per Anhalter in die nächste große Stadt kommen. Doch es ging nicht nur um mich. Madame Morel befand sich ganz offensichtlich in Gefahr und ich konnte sie nicht einfach so ihrem Schicksal überlassen. Natürlich hatte ich mein Handy in meinem Zimmer liegen lassen und ich hätte mich am liebsten dafür geohrfeigt. Vielleicht war es besser, dorthin zurückzukehren und die Polizei zu rufen. Doch bis ich das schaffte, war es vielleicht schon zu spät.
Also fasste ich mir ein Herz und trat näher an die offenstehende Zimmertür heran. Ich wagte kaum zu atmen, während ich durch den Spalt in den fremden Raum spähte. Viel konnte ich nicht erkennen, doch was ich sah, war das pure Chaos!
Auf dem Boden lagen Bücher, Kissen und Glassplitter verteilt. Vermutlich stammten diese von Vasen oder Gläsern, die im Eifer des Gefechts zu Bruch gegangen waren. Ich erkannte einen umgeworfenen Stuhl aus dunklem Holz, der vor einem massiven Schreibtisch gestanden hatte und nun auf der Seite lag während Unterlagen hinabfielen, als wären sie gerade erst aufgewirbelt worden. Doch etwas hatte sich verändert. Was es war, fiel mir erst auf, als es schon zu spät war. Denn plötzlich tauchten zwei nachtschwarze Augen direkt vor mir auf und ihr wütender Blick traf auf mich wie ein Schlag in die Magengrube.
Ich war unfähig, mich zu bewegen, und die Dunkelheit in den Augen nahm mir die Luft zum Atmen. Meine Hand schloss sich fester um den Griff des Säbels, doch ich war nicht fähig, meinen Arm zu heben. Das schummerige Licht erhellte dann und wann das Gesicht meines Gegenübers und gab feine Gesichtszüge mit einer geraden Nase, hohen Wangenknochen und vollen Lippen preis. Doch der Ausdruck darin versetzte mich in Todesangst! Noch nie zuvor hatte ich jemanden gesehen, der so viel Wut und Schmerz ausstrahlte.
Sein Haar fiel ihm wirr in die Stirn und unterstrich seinen erschreckenden Ausdruck. Ich wartete darauf, dass er sich auf mich stürzte, doch er starrte mich einfach nur an, während ich wie eine schockerstarrte Maus wirken musste, die dummerweise den Weg einer hungrigen Katze gekreuzt hatte. Noch nie hatte ich einen Mann gesehen, der gleichzeitig so schön und so furchteinflößend war!
Meine Lippen bebten und ich zitterte am ganzen Körper. Alles in mir schrie nach Flucht, doch ich war einfach nicht in der Lage, mich zu bewegen. Plötzlich spürte ich eine Hand, die von hinten nach meiner Schulter griff und mich unsanft von der Tür fort und zu sich herumriss. Erst jetzt konnte ich meinen Blick von seinem lösen und keuchte erschrocken auf, während ich nach hinten taumelte und mit dem Rücken gegen die Wand stieß.
»Was in aller Welt tun Sie hier?« Madame Morels Stimme war wütend, doch nicht so wütend wie der Blick, mit dem sie mich bedachte. Ich blinzelte sie verwirrt an und erkannte, dass sie ein langes, weißes Nachthemd und ein Schultertuch trug, das sie sich wohl in der Eile übergeworfen haben musste. Ihr weißes Haar hing in einem langen Zopf über ihrer Schulter und ihre grünen Augen weiteten sich, als sie meinem Blick begegnete.
Ich zeigte auf die Tür, hinter der der Verrückte wütete und stammelte: »Da… ein Einbrecher… oder schlimmer… wir müssen die Polizei…«
»Sie gehen sofort zurück in ihr Zimmer und bleiben dort!« Ich starrte die alte Damen verständnislos an und jedes weitere Wort blieb mir im Hals stecken. Hatte sie den Verstand verloren? Ich schüttelte meinen Kopf und ging einen Schritt auf sie zu, doch sie hob mahnend ihren Zeigefinger. »Halten Sie sich von dem jungen Herrn fern! Das kann ich Ihnen nur raten!«
»Junger Herr?« Jetzt verstand ich gar nichts mehr! In welchem Film war ich denn hier gelandet?
Madame Morel packte mich unsanft an meinem Oberarm und zog mich einige Schritte den Gang hinab, um mehr Abstand zwischen mich und das mysteriöse Zimmer zu bringen. Dann flüsterte sie scharf: »Sie gehen sofort in Ihr Zimmer und bleiben dort! Ich werde mich morgen früh mit Ihnen befassen. Haben wir uns verstanden?«
Ihr strenger Blick und die herrische Ausstrahlung verschlugen mir die Sprache. Es musste an dem Schrecken und der Angst liegen, dass ich zu keiner Widerrede fähig war, sondern einfach nickte und rückwärts von ihr abwich, während sie mich abschätzend dabei beobachtete.
Erst als ich mich von ihr abwandte und den Gang zurück zur großen Treppe einschlug, hörte ich ihre Schritte hinter mir, die sich entfernten. Als ich am Ende des Flurs angekommen war, wandte ich mich noch einmal nach ihr um und sah gerade noch, wie sie im Zimmer des unheimlichen Mannes verschwand. Doch kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, war alles still. Das Toben und Brüllen hörte auf und das Haus lag so still da, als wäre alles nur ein böser Traum gewesen.
Mit zitternden Händen wandte ich mich ab und eilte zurück in mein Zimmer. Dort angekommen schloss ich die Tür hinter mir ab, ging zu meinem Bett und setzte mich wie in Trance auf die Bettkante. Erst jetzt merkte ich, dass ich den Säbel nach wie vor in meiner Hand hielt. Ich lehnte die altmodische Waffe vorsichtig an den kleinen Nachttisch, der sich neben meinem Bett befand, und rieb mir meine kalten, zitternden Hände. Ich verstand nicht, was da gerade geschehen war.
Madame Morel hatte kein bisschen ängstlich gewirkt. Eher wütend, doch das hatte ich mir wohl selbst zuzuschreiben. Offenbar hatte sie das cholerische Verhalten des Mannes weniger beunruhigt als die Tatsache, dass ich mich nicht an ihre Anweisung hielt. Dabei hatte ich es ja nur gut gemeint und war nicht aus purer Neugier durch dieses gruselige Haus gewandert. Naja, vielleicht war ich doch etwas neugierig gewesen, doch hauptsächlich hatte ich mich um sie gesorgt. Doch das war ordentlich nach hinten los gegangen. Vermutlich konnte ich mir den Job jetzt abschminken, also beschloss ich, wenigstens diese Nacht in einem gemütlichen Bett zu genießen.
Aber bevor ich das tat, schob ich einen Stuhl unter die Klinke meiner Zimmertür. Nur für den Fall, dass der Irre doch aus seinem Zimmer ausbrach und mich aufsuchen wollte. Ich rüttelte ein wenig an dem Stuhl, um sicher zu gehen, dass er sich auch nicht rührte und ging dann zurück zu meinem Bett. Obwohl die seltsame Kälte verflogen und es in meinem Zimmer wieder ziemlich warm war, wickelte ich mich in meine Bettdecke ein und zog sie bis unter die Nase. Ich war, weiß Gott, kein ängstlicher Mensch, doch der Blick, mit dem mich der junge Mann bedacht hatte, ging mir noch immer durch und durch. Irgendwann übermannte mich die Müdigkeit und meine Augen fielen zu. Doch der nachtschwarze Blick des ungewöhnlich attraktiven Mannes begleitete mich bis in meine Träume.
Ein lautes Klopfen riss mich aus meinem unruhigen Schlaf und aus Träumen, in denen mich ein Fremder mit glühenden Augen durch dunkle Flure jagte und immer wieder meinen Namen schrie. Doch als ich langsam zu mir kam, hörte ich tatsächlich jemanden meinen Namen rufen. Jetzt war es jedoch keine tiefe, grollende Stimme, sondern die von Madame Morel. »Mademoiselle Santos! Es ist an der Zeit aufzustehen!«
Ich setzte mich erschrocken auf und griff so ungeschickt nach meinem Handy, dass es mir beinahe aus der Hand rutschte. Doch ich fing es in letzter Sekunde auf und sah auf die Uhr. Erschrocken keuchte ich auf. Es war schon fast zehn Uhr! Ich hatte viel zu lange geschlafen. »Verzeihen Sie bitte! Ich bin wach! In fünf Minuten bin ich bei Ihnen!«
Hektisch sprang ich aus dem Bett und sammelte meine Kleidung auf, die verstreut auf dem Fußboden lag. Im Eifer des Gefechts stieß ich gegen den Säbel, der scheppernd zu Boden fiel und mir damit beinahe einen Herzinfarkt bescherte. Ich fluchte leise und hoffte, dass die alte Dame schon wieder fort gegangen war und nicht direkt hinter der Tür auf mich wartete. Doch meine Hoffnung wurde jäh zerschlagen. »Was war das für ein Geräusch?«
Schweiß brach mir aus und ich suchte verzweifelt nach einer Erklärung, die sie mir abkaufen würde. »Das war nur meine Haarspange. Verzeihung!«
Ich schlug mir gegen die Stirn für diese dämliche Erklärung und verbarg mein Gesicht hinter meinen Händen. Konnte man so doof sein?!
»Ich warte unten im Salon auf Sie. Beeilen Sie sich.«
