Seelenfluch - Alicia Sérieux - E-Book

Seelenfluch E-Book

Alicia Sérieux

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Beschreibung

Band 2 von Alicia Serieux' Die Chroniken der Anderswelt. Erfahre jetzt, wie es mit Niamh und Cadan weitergeht. Wenn Licht und Schatten sich vereinen, wird die Herrschaft Nathairas enden... Wer eine Banshee beschwört, muss einen Preis zahlen. Niamh weiß das und ist bereit, zu opfern, was auch immer es kosten mag. Denn was sie in dieser Nacht erfährt, weckt einen fürchterlichen Verdacht. Während sich die Puzzleteile aus Vergangenheit und Gegenwart langsam zusammenfügen, erkennt Niamh, dass nicht alles so ist, wie es scheint, und die Wahrheit oft anders aussieht, als man denkt. Nathaira und ihr Schattenmann kommen ihr dabei gefährlich nah, und eine finstere Macht streckt ihre Klauen nach Cadan und ihr aus. Schon bald wird sich ihr aller Schicksal erfüllen. Gibt es noch Hoffnung für Cadan, Niamh und Tír na nÓg?

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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ALICIA SÉRIEUX

 

CHRONIKEN

DER

ANDERSWELT

 

 

 

 

 

 

 

Seelenfluch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Impressum

Realm & Rune Verlag

Heimat phantastischer Geschichten und spannender

Geschichte!

www.realm-and-rune.de

Insta/TikTok: @realm_and_rune

 

ISBN 978-3-69026-000-8

© 2024 Realm & Rune Verlag

Lektorat & Korrektorat: Tintenschwert, www.tintenschwert.de

Cover: Nightsky Graphics Book Design, Stella Ehrhardt

Anschrift: An der Obstwiese 9, 50171 Kerpen

 

 

 

 

 

Kapitel 1Die Nacht zu Samhain

Mein Kuss blieb unerwidert, was ich auch nicht anders erwartet hatte.

Ich schalt mich insgeheim für meine eigene Enttäuschung und erinnerte mich daran, dass wir gerade weitaus größere Probleme hatten als meinen romantischen Wunsch, der sich nicht erfüllte. Wir ließen uns mit Mächten ein, von denen wir nicht wussten, was sie für ihre Dienste fordern würden. Ich musste mich zusammenreißen und mich auf das konzentrieren, was vor mir lag. Auf das Versprechen, das ich Cadan gegeben hatte und in dieser Nacht brechen würde.

Wir traten aus dem Schatten Yggdrasils hervor und gesellten uns zu den anderen, als hätte es unser Gespräch nie gegeben. Lediglich die kaum wahrnehmbare Sehnsucht in seinem Blick, den er mir ein letztes Mal zuwarf, zeugte von den Vorkommnissen der letzten Minuten.

Doch was nützte mir das? Ich wurde einfach nicht schlau aus ihm. Mein Herz hatte ich vor ihm ausgebreitet, wenn auch nicht ganz freiwillig. Was gesagt war, konnte ich nicht wieder zurücknehmen. Insgeheim hatte ich jedoch gehofft, dass mein Geständnis seinen Schutzwall einreißen würde. Dass er mir ebenso seine Gefühle offenbaren würde, die ich zwar erahnte, doch nicht mit Sicherheit deuten konnte.

»Die Sonne ist untergegangen. Wir sollten beginnen.«

Embarrs Stimme riss mich aus meinen Gedanken und Cadan löste seinen Blick von mir. Mit einem knappen Nicken griff er zu seiner Wasserflasche, nahm einen großen Schluck und atmete tief durch. Er wirkt wie jemand, der gleich in einen Boxring steigen muss.

Jonathan trat näher zu mir und fragte flüsternd: »Hast du eine Ahnung, was hier gleich passieren wird?«

Ich schüttelte langsam meinen Kopf. »Nicht wirklich. Aber ich habe kein gutes Gefühl.«

Jonathan nickte zustimmend und legte seine Hand auf meine Schulter. Seine Berührung beruhigte mich ein wenig. Wenigstens war ich nicht die Einzige, die im Ungewissen gelassen wurde. Cadan straffte die Schultern und trat näher an den heiligen Baum heran. Wir anderen folgten ihm und blieben mit etwas Abstand stehen. Mein Herzschlag beschleunigte sich, als er sein Hemd über seinen Kopf streifte und es neben sich auf den Boden fallen ließ. Verstohlen musterte ich seinen muskulösen Oberkörper und die vielen Narben, die sich über ihn erstreckten. Ich hatte keine Ahnung, woher sie stammten. Nur diese eine, direkt unter seinem Rippenbogen erkannte ich als die wieder, die ihm der Mantikor zugefügt und ihn fast das Leben gekostet hätte. Man sah an ihrer hellroten Färbung, dass sie noch frisch war. Seine bronzene Haut schimmerte im Mondlicht und trotz der Narben sah er einfach wunderschön aus. Ich verstand nicht ganz, warum er sich ausziehen musste, und wurde nervös.

»Wieso tut er das?«, wandte ich mich an Embarr, der zu meiner Linken stand. Er sah mich abschätzend an, als müsste er darüber nachdenken, ob er mir antworten sollte.

»Das ist Teil des Rituals, um die Banshee zu rufen.« Ich runzelte verständnislos die Stirn und blickte wieder zu Cadan, der mit einer eleganten Handbewegung in die Luft griff und im nächsten Moment seine Flöte in der Hand hielt. Dann ließ er sich auf die Knie sinken, den Rücken zu Yggdrasil gewandt und legte das mystische Instrument an seine Lippen. Er warf mir einen letzten, flehenden Blick zu, dem ich am liebsten ausgewichen wäre. Ich wusste, was er bedeutete. Es war eine letzte Bitte, mich an mein Versprechen zu halten. Mühsam nickte ich ihm zu und hielt seinem Blick stand. Ich hoffte, dass er mir nicht ansehen konnte, dass ich ihn anlog. Mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Wie konnte ich es schaffen, an seine Stelle zu treten, ohne die geringste Ahnung zu haben, was da gerade vor meinen Augen geschah?

Cadan schien nichts von meinem Plan zu ahnen, denn er schloss seine Augen und begann, auf der magischen Flöte zu spielen. Die Melodie, die er spielte, war ganz anders als die, die ich vor nicht allzu langer Zeit von ihm gehört hatte. Tiefe Trauer erfasste plötzlich mein Herz und legte eine eiserne Schlinge darum. Reflexartig presste ich die Hand auf meine Brust. Tränen stiegen in meine Augen und verschleierten mir die Sicht, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte. Seine Melodie kroch unter meine Haut und ließ jede Faser meines Körpers erzittern. Ich hörte das Blut in meinen Ohren rauschen und war verwirrt über meine Reaktion auf sein Flötenspiel. Die Magie seines Spiels floss durch mich hindurch und hinterließ eine Schwermut, die mich beinahe in die Knie zwang.

Ein Blick zu den anderen zeigte mir, dass auch sie nicht von der Wirkung seines Liedes verschont blieben. Vika und Keena kämpfte ebenso mit den Tränen, wie ich es tat. Jonathan hatte jegliche Farbe aus seinem Gesicht verloren und Embarr ballte seine Hände zu Fäusten. Belenus winselte leise und ließ seine großen Ohren nach hinten sinken. Und Cadan spielte einfach weiter und ließ sein magisches Lied durch die finstere Nacht hallen.

Kein anderer Ton war mehr zu hören, weder der Ruf der Nachtvögel, noch das Rauschen der Blätter. Alles um uns herum schien dem Faun zu lauschen, der vor dem heiligen Baum kniete und mit geschlossenen Augen unbeirrt sein Lied spielte.

Wie aus dem Nichts zog Nebel auf und kroch über den moosbedeckten Waldboden. Wie Geisterfinger tastete er sich in unsere Richtung voran und waberte schon kurz darauf um meine Knöchel. Die Luft wurde viel kälter und ich konnte den Atem vor meinem Gesicht sehen. Mein Blick zuckte voller Sorge zu Cadan, der halbnackt vor dem großen Baum kniete. Der Nebel reichte ihm bis zu den Hüften und umschmeichelte ihn wie eine zutrauliche Katze.

Ich blinzelte, als ich glaubte, eine Bewegung im Schatten Yggdrasils zu erkennen. Hatte ich es mir nur eingebildet? Ich musterte die anderen und fragte mich, ob auch sie es bemerkt hatten. Doch ihre Blicke waren fest auf Cadan gerichtet, als ob sie das Geschehen um sie herum gar nicht mehr wahrnehmen würden. Ich kniff meine Augen zusammen, sah angestrengt in das Dunkel und keuchte erschrocken auf, als ich die Bewegung ein zweites Mal sah.

Nun bestand kein Zweifel daran, dass dort etwas lauerte. Mehr noch. Dieses Etwas schlich sich Stück für Stück an den Mann heran, der mir so viel bedeutete. Ich ballte meine Hände zu Fäusten und grub meine Fingernägel in meine Handflächen.

Direkt hinter Cadan schälte sich eine dunkle Gestalt aus den Schatten. Sie war klein und zierlich. Zwei rote Punkte leuchteten in der Dunkelheit auf und ich erkannte erst beim Näher-kommen der Gestalt, dass es ihre Augen waren. Wie ein Raubtier schlich sie näher an den Rebellenanführer heran, der ihre Anwesenheit nicht zu bemerken schien und einfach weiterspielte. Eine Melodie, die ein Trauerlied war.

»Siehst du das auch?« Jonathans Stimme ließ mich zusammenzucken. Ich nickte, ohne jedoch meinen Blick von Cadan abzuwenden. Meine Kehle fühlte sich staubtrocken an und meine Hände zitterten. Die Angst um ihn ließ meinen ganzen Körper erbeben.

Als die Gestalt direkt hinter ihm stand, konnte ich endlich ihr Gesicht erkennen. Es war das Gesicht einer jungen, schönen Frau. Ihr langes, rabenschwarzes Haar reichte ihr bis zu ihren schmalen Hüften. Sie trug ein schlichtes, weißes Gewand, das bis zum Boden reichte und ihre nackten Füße fast komplett verdeckte. Ihre Haut wirkte unnatürlich blass, selbst ihre vollen Lippen hatten keinerlei Farbe, während ihre großen Augen glühten und ihr Blick starr auf Cadan gerichtet war. Ich versuchte, ihren Gesichtsausdruck zu deuten. Das einzige Wort, das mir dazu einfiel, war Gier.

Mit einer unnatürlich schnellen Bewegung legte sie ihre blassen Hände auf Cadans Schultern, der nach wie vor mit dem Rücken zu ihr auf dem Boden kniete. In diesem Moment öffnete er seine Augen und hörte auf zu spielen. Der Kontrast ihrer beider Hautfarben hätte nicht stärker sein können. Die Hände der Banshee leuchteten fast auf seiner bronzenen Haut. Erst jetzt bemerkte ich ihre langen Fingernägel, die mehr an Klauen erinnerten.

Cadan ließ seine Flöte langsam sinken, saß ruhig und abwartend da, während die Banshee ihn interessiert musterte. Ich glaubte sogar zu sehen, wie sie die Luft genüsslich einsog.

Schnüffelt sie etwa an ihm?

»Ich habe dieses Lied schon lange nicht mehr gehört. Es gibt nicht mehr viele von euch, die das Faunblut in sich tragen.« Ihre Stimme erinnerte mich an das Schnurren einer Katze.

Ich mag keine Katzen.

Zu meinem Entsetzen glitten ihre Hände von Cadans Schultern hinab zu seiner Brust. Ihr Gesicht war nun ganz nah an seinem, doch er saß still und mit regungsloser Miene da.

Wie kann er nur so ruhig bleiben?

Ich biss nervös auf meine Unterlippe und sah hilfesuchend zu den anderen. Doch keiner meiner Begleiter machte den Eindruck, als wollte er in das Geschehen eingreifen. Vika fing meinen Blick auf und schüttelte langsam und warnend ihren Kopf.

»Wer bist du, der es wagt, mich zu rufen?«

Mein Blick zuckte wieder nach vorn. Cadan gefiel der Banshee offensichtlich, denn ihr Blick war mehr als interessiert.

Ein irrationales Gefühl der Eifersucht durchzuckte mich, so unsinnig es auch war. Diese Banshee kam ihm für meinen Geschmack viel zu nah. Plötzlich ergriff mich leichter Schwindel und ich spürte einen seltsamen Druck hinter meinen Augen. Mo dhàn. Dieses Wort hallte durch meine Gedanken und ihm folgten viele weitere. Faileasan. Chompanaidh.

Flüsternde Worte in meinem Kopf, deren Intensität mich schwanken ließen.

Was ist nur los mit mir?

»Mein Name ist Cadan. Mein Vater war Rogan, der Hauptmann und Leibwächter der königlichen Familie.« Ein leises Seufzen entfuhr der geisterhaften Frau.

»Sie sind alle schon lange tot.« Cadan nickte vorsichtig und warf der Banshee einen kurzen Blick aus den Augenwinkeln zu, den sie jedoch sofort bemerkte. Ein gruseliges Lächeln umspielte ihre blutleeren Lippen, während sie sich so weit zu ihm herabbeugte, dass er sie ansehen musste. »Sieh mir in die Augen, junger Faun. Lass mich das Gold in ihnen funkeln sehen.«

Folgsam hielt er ihrem Blick stand, der einen leicht verträumten Ausdruck annahm. Langsam, fast zärtlich strich sie eine seiner Haarsträhnen zurück.

»Goldener Blick, Haar wie Herbstlaub und die Gabe, wunderbare Musik zu spielen. Ich hatte schon immer eine Schwäche für euch Faune. Auch wenn kein reines Blut in deinen Adern fließt, genügt das, was du hast, vollkommen.«

Ihre Worte beunruhigten mich immer mehr und ich suchte verzweifelt nach einer Möglichkeit, dieses Wesen von Cadan fernzuhalten. Sie sah ihn so gierig an, als wollte sie ihn jeden Augenblick verschlingen. Die Banshee ließ ihre schlanken Finger durch sein Haar gleiten und sie schlang ihren anderen Arm noch fester um seine Brust. Sein Kiefer mahlte und man konnte ihm ansehen, dass diese Berührung alles andere als angenehm war.

Cluinn mi.

Woher kamen bloß diese Worte? Ich schüttelte benommen meinen Kopfund lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf das Geschehen, das sich direkt vor mir abspielte.

Cadan schluckte schwer, bevor er das Wort an das finstere Wesen richtete, das ihn fest umschlungen hielt. »Ich brauche deine Hilfe, schöne Banshee.«

Ein leises Kichern entfuhr der Todesfee. »Natürlich brauchst du die. Deshalb hast du mich schließlich gerufen. Aber du weißt, was zu tun ist.« Ihr Griff verstärkte sich und jeder meiner Muskeln spannte sich an. »Sprich die Worte, mein schöner Faun. Dann bin ich ganz dein.«

Während sie ihm ihre Forderung zuflüsterte, grub sie ihre Klauen in seine Brust. Blut quoll unter ihren Nägeln hervor und tropfte auf den Waldboden hinab, während Cadan schmerzerfüllt sein Gesicht verzog. Meine Augen weiteten sich vor Entsetzen und das pure Adrenalin pumpte durch meine Adern.

Noch bevor einer meiner Freunde reagieren konnte, hallte meine Stimme durch den nächtlichen Wald. »GENUG!«

Ein Zischen entfuhr der Banshee, während ihr Blick zu mir zuckte. Ich stürmte an den anderen vorbei und ihr entgegen.

»Niamh! Nein!« Vikas Ruf interessierte mich nicht. Nichts interessierte mich mehr, außer Cadan von dieser Banshee zu befreien. Instinktiv hob ich die Hand und spürte, wie Hitze durch meinen Körper wallte. Mit einer einzelnen, schnellen Bewegung riss ich die Todesfee von ihm los, schleuderte sie zur Seite und baute mich zwischen ihm und ihr auf. Offenbar gehorchten mir meine telekinetischen Kräfte endlich.

Die Banshee fing sich jedoch schon während ihres Sturzes und ihre Augen glühten in wütendem Purpur, während sie sich aufrichtete. »Wie kannst du es wagen?«

Gleich einer Furie stürzte sie auf mich und Cadan zu, hob ihre Klauenhand und wollte sie auf mich hinabfahren lassen. Blitzschnell riss ich meinen Arm in die Höhe und erschuf eine Lichtkuppel, die uns vor ihrem Angriff schützte. Die Banshee zischte, als sie sich an meinem Schutzwall aus purem Licht verbrannte. Ihr wütender Blick fixierte mich und ich konnte nicht verhindern, dass meine Hände schweißnass wurden.

So ein Wesen zu verärgern, ist vielleicht nicht gerade die beste Idee.

»Was tust du da?« Cadans entsetzte Stimme brachte mich kurz aus dem Konzept, doch ich fing mich schnell wieder und warf ihm über meine Schulter hinweg einen prüfenden Blick zu. Die Wunde an seiner Brust blutete, aber sie wirkte nicht allzu tief. Die wahre Verletzung hatte ihm mein Verrat zugefügt, schlimmer noch als es die Krallen der Banshee je gekonnt hätten. Ich sah es in seinem Blick.

»Ich wurde gerufen! Jemand muss den Preis bezahlen!« Das Schnurren war ganz aus der Stimme der Banshee gewichen und zu einem bedrohlichen Zischen geworden.

Die Lichtkuppel zu stabilisieren, kostete mich immense Kraft und ich war mich nicht sicher, wie lange ich sie noch aufrechterhalten könnte. Es war offenkundig, dass ich mein Vorhaben nicht durchdacht hatte. Meine Gefühle für Cadan hatten mich leichtsinnig handeln lassen und ich musste mir eingestehen, dass ich nicht weiterwusste. Doch eins war klar: sobald diese immer fragiler werdende, magische Kuppel zusammenbrach, waren wir verloren.

Denk nach! Denk!

Schweiß lief meine Stirn hinab und mein Atem ging schwer. Ich wusste nicht, ob ich kurz vor einem Schwächeanfall oder einer Panikattacke stand. Doch gerade, als ich glaubte zusammenzubrechen, geschah etwas mit mir. Eine tiefe Ruhe breitete sich in meinem Inneren aus. In meinem Kopf wirbelten Wörter umher, deren Bedeutung ich nicht kannte. Deren Ursprung ich nicht verstand. Abermals ging ein Ruck durch mich hindurch.

Ohne dass ich Einfluss darauf hatte, öffnete ich meinen Mund und Worte in einer unbekannten Sprache flossen einfach aus mir heraus:

»Thig a-mach às failsean

thig agus bi mo chompanaidh

thoir na tha a dhìth ort bhuam

agus thoir dhomh do neart

Leig leam bruidhinn ris na mairbh

oir chan eil comhairle aig na beòshlaint

Gabh mo fhuil mar thasgadh

Chan eil dad agam dhut

Thig thugam

cluinn mi.«

Ich sah mich zu Cadan um, der mich entsetzt anstarrte und warf ihm einen letzten, entschuldigenden Blick zu, bevor ich die letzten Worte der Beschwörungsformel aussprach: »Mo dhàn.«

Komm aus den Schatten

Komm und sei mein Geleit

Nimm von mir, was du brauchst

Und leihe mir deine Kraft

Lass mich mit den Toten sprechen

Denn die Lebenden wissen keinen Rat

Nimm mein Blut als Pfand

Ich bleibe dir nichts schuldig

Komm zu mir

Erhöre mich

Mein Schicksal

Wie ein Echo hallten die Worte in meinen Gedanken wider, nachdem ich sie in einer Sprache ausgesprochen hatte, von der ich nicht einmal geahnt hatte, dass ich sie beherrschte.

Erst jetzt wurde mir bewusst, was ich gerade getan hatte. Ich war den Handel mit der Banshee eingegangen. Einen Handel, dessen Preis ich nicht kannte. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

Resignierend ließ ich meinen Arm sinken und die Lichtkuppel löste sich auf. Kleine Lichtfunken tanzten noch für einige Sekunden in der kalten Nachtluft, dann waren auch sie verschwunden. Nun war ich schutzlos und die Banshee hätte mich ohne Weiteres in Stücke reißen können. Doch sie tat es nicht. Ihre rotglühenden Augen musterten mich interessiert. Cadan erhob sich und trat an meine Seite, woraufhin ihm die Banshee einen warnenden Blick zuwarf. Ich hob meine Hand und legte sie auf Cadans nackte Brust, um ihn aufzuhalten.

»Bleib zurück. Du hast mit diesem Handel nichts mehr zu tun.« Sein wütender Blick traf mich wie ein Schlag ins Gesicht.

»Du hattest es mir versprochen.« Seine Stimme bebte vor Enttäuschung und Wut, doch nun gab es kein Zurück mehr.

»Verzeih mir.«

Mein Flüstern ging in dem unheimlichen Kichern der Banshee unter und mein Blick zuckte zu ihr. Mit einem amüsierten Grinsen musterte sie mich und Cadan.

»Das ist wirklich allerliebst. Offenbar wirkt der Charme dieses Fauns nicht nur bei mir.« Sie machte eine kurze Pause, ließ ihren Blick noch einmal über Cadan wandern und brachte mich dazu, mit den Zähnen zu knirschen. Dann jedoch fixierte sie mich mit ihren gespenstischen Augen. »Nun gut, es ist wie es ist. Kommen wir zu unserem Handel. Komm näher.«

Die Stunde der Wahrheit. Ich wollte gehorchen und zu ihr gehen, doch Cadan ergriff mein Handgelenk und grollte: »Auf gar keinen Fall.«

Das Rot in den Augen der Banshee leuchtete wütend auf und sie schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Junger Faun! Bist du wirklich so dumm zu glauben, dass du noch irgendetwas daran ändern könntest? Deine süße, kleine Freundin hat in unseren Handel eingewilligt. Du kannst nichts dagegen tun und ich rate dir, es auch nicht zu versuchen.«

Ich warf ihm einen flehenden Blick zu. »Bitte. Lass mich gehen.«

Er wandte sich mir zu und ich erkannte pure Verzweiflung in seinem Blick. Es zerriss mir das Herz, ihm das anzutun. Doch etwas in mir wusste, dass nur dies der richtige Weg sein konnte. Auch wenn es mir selbst verrückt erschien.

»Lass mich gehen, Cay.« Doch er reckte trotzig sein Kinn und fixierte die Banshee mit einem Ausdruck in seinen Augen, der mir zeigte, dass er zum Kampf bereit war. Ich wollte mich von ihm losmachen, doch sein Griff war eisern. Die Todesfee schüttelte missbilligend ihren Kopf.

»Du lässt mir keine andere Wahl.« Sie hob ihre blassen Hände und der geisterhafte Nebel kroch an Cadans Körper hinauf, schlang sich um seine Arme, seine Beine, seinen Hals und zerrte ihn grob zu Boden. Er fiel unsanft auf seine Knie und ein leises Knurren entwich seiner Brust. Er wehrte sich mit aller Kraft gegen die magischen Fesseln, hatte jedoch keine Chance. Noch immer hielt er mein Handgelenk fest umschlossen und je länger er mich nicht freigab, umso fester schlangen sich die Nebelranken um seinen Körper und drückten zu. Ich fiel neben ihm auf die Knie und suchte seinen Blick, der hasserfüllt auf die Todesfee gerichtet war.

»Cadan, bitte! Lass mich los! Sie wird dich sonst noch umbringen.« Doch er ignorierte mein Flehen, woraufhin ihn die Ranken tiefer hinab auf die Erde drückten, sodass er sich kaum noch rühren konnte. Ich sah panisch von ihm zu der Banshee, doch der Ausdruck in ihren Augen sagte mir, dass es keinen Sinn hatte, sie um Gnade zu bitten.

Also wandte ich mich wieder an Cadan. »Der Handel ist beschlossen. So oder so wird sie mich holen. Etwas sagt mir, dass ich diesen Handel mit ihr schließen muss. Du musst mir vertrauen. Ich spüre, dass wir heute Nacht erfahren werden, wie wir Nathaira stürzen können.« Ich versuchte zuversichtlich zu klingen, dass ich unbeschadet aus diesem Handel hervorgehen würde. Doch tief in meinem Innern fürchtete ich mich vor dem, was mich nun erwartete.

Er drehte seinen Kopf, sodass er mich ansehen konnte. In seinem Blick konnte ich den Widerwillen und gleichzeitig die Angst um mich erkennen, doch er durfte beidem nicht nachgeben. Sonst war alles umsonst.

»Bitte. Lass mich gehen.« Mein Flehen war nicht mehr als ein Flüstern und nach einem letzten, verzweifelten Zögern lockerte er endlich seinen Griff und gab mich frei.

»Das werde ich dir nie verzeihen.« Seine Worte versetzten mir einen Stich, aber wenigstens gab er meiner Bitte nach.

Ich zwang mich, meinen Blick von ihm abzuwenden, stand langsam auf und straffte meine Schultern, woraufhin ich wachsam auf die Banshee zutrat. Sie beobachtete jede meiner Bewegungen genau. Ich sah zu meinen Freunden und bemerkte ihre hilflosen Blicke. Embarr hatte die Hände zu Fäusten geballt und Belenus fletschte die Zähne. Vika umklammerte den Griff ihres Schwertes und sah ratlos zwischen mir und Cadan hin und her. Jonathan schüttelte nur ungläubig seinen Kopf, während er mir mit seinem Blick folgte. Es war offensichtlich, dass ich sie kalt erwischt hatte. Keiner von ihnen hatte kommen sehen, was ich getan hatte. Doch glücklicherweise hatte auch niemand von ihnen eingegriffen.

Ich wandte mich von ab und schenkte der Banshee meine volle Aufmerksamkeit. Sie verschränkte die Arme vor ihrer Brust und musterte mich abschätzend, als ich vor ihr zum Stehen kam.

Dass ich sie so unsanft von Cadan fortgeschleudert hatte, war nicht der beste Start zwischen uns gewesen. Ohne die Beschwörung, die wie ein Reflex aus mir herausgeflossen war, hätte sie mich wahrscheinlich schon in Stücke gerissen. Doch der Handel schien nicht nur mich, sondern auch sie zu binden. Vorerst. Ich hielt ihrem ungehaltenen Blick stand und wartete geduldig darauf, dass sie das Wort ergriff. Doch stattdessen hörte ich nur ein Keuchen hinter mir und fuhr herum. Cadan wurde nach wie vor zu Boden gedrückt und hatte Mühe, genügend Luft zu bekommen.

»Lass ihn los. Er hat mich doch gehen lassen!« Ich sah sie flehend an, doch ihre Miene blieb versteinert.

»Ich denke nicht daran. Es ist ein Frevel, sich einer Banshee in den Weg stellen zu wollen.« Ich wollte gegen sie aufbegehren, bekam aber keine Gelegenheit dazu. Mit einer schnellen Bewegung stand sie direkt vor mir und legte ihre Klauenhand um meinen Hals. Erschrocken keuchte ich auf. »Du hast Glück, dass du die alte Magie beherrschst. Die magischen Worte verbieten es mir, dir Leid zuzufügen. So gern ich es auch tun würde.« Ihr Atem fühlte sich eisig in meinem Gesicht an. Ihr Blick zuckte kurz zu Cadan, bevor sie mich wieder fixierte. »Doch der Schutz der magischen Worte wirkt nur so lange, wie du dich an die Regeln hältst. Du musst mir den Preis zahlen, den ich für meine Dienste verlange. Was es auch sei. Ich hoffe, das ist dir klar.«

Ich brachte nur ein kurzes Nicken zustande, woraufhin sie ihren Griff etwas lockerte. Sie musterte jeden Zentimeter meines Gesichtes eingehend und sah mir tief in meine Augen. Das rote Glühen verstärkte sich und ich war nicht mehr in der Lage, mich zu rühren. Wie ein Kaninchen, das vor einer Kobra kauert.

Doch dann legte sie ihren Kopf schief und ihr Ausdruck veränderte sich. Der Ärger wich plötzlichem Erstaunen und sie ließ mich so schnell los, als hätte sie sich an mir verbrannt. Ich blinzelte benommen und schwankte für einen kurzen Moment. Vor meinen Augen tanzten Lichtflecken, als hätte ich zu lange in die Sonne gesehen.

Noch ehe ich mir Gedanken über ihre merkwürdige Reaktion machen konnte, fing sie sich wieder und fragte mit fester Stimme: »Nun, was ist dein Begehr?«

Ich atmete tief durch, um gegen den Schwindel anzukämpfen, den ihre Nähe verursacht hatte. Ich konnte Cadans Blick in meinen Rücken spüren, doch ich durfte mich jetzt nicht ablenken lassen. »Ich muss mit Rogan, dem Hauptmann der königlichen Garde, sprechen. Die weiße Hexe sagte mir, dass er die Antworten kennt, die uns helfen, die dunkle Fee zu stürzen.«

Die Banshee schnaubte verächtlich. »Ihr wollt Nathaira stürzen? Das ist unmöglich!«

»Die weiße Hexe sieht das anders. Es muss einen Grund dafür geben, dass sie mir diesen Hinweis gegeben hat. Ich muss mit Rogan sprechen. Egal zu welchem Preis.«

Die Banshee hob warnend ihren dürren Zeigefinger. »Sei vorsichtig, was du sagst. Der Preis für meine Dienste kann sehr hoch sein.«

Ich schluckte meine Angst hinunter und nickte demütig. »Das ist mir bewusst. Doch es gibt keinen anderen Weg.«

Die Todesfee musterte mich abermals und ich fragte mich, was es da noch zu überlegen gab. Ich hatte mich bereit erklärt, ihren Preis zu zahlen. Was wollte sie denn noch von mir hören?

Dann nickte sie und wies auf die Stelle, an der das Grab von Cadans Vater lag. »Dann sollten wir wohl keine Zeit verlieren. Folge mir.«

Ich setzte mich in Bewegung, um ihr zu folgen. Doch plötzlich hielt sie inne und funkelte wütend in die Richtung, in der meine Freunde ausgeharrt hatten. Offenbar wollten auch sie uns folgen. »Ihr rührt euch nicht von der Stelle. Sonst wird es euch leidtun.«

Ich warf ihnen einen warnenden Blick zu. Widerwillig tauschten sie Blicke aus, gehorchten jedoch und sahen uns besorgt hinterher. Cadan war noch immer gefangen in den Fesseln der Banshee, wenigstens hatte sie sie etwas gelockert und er konnte sich aufsetzten, um dem Geschehen aus der Ferne zu folgen. Ich wich seinem besorgten Blick aus und folgte der Banshee, die bereits vor Rogans Grab zum Stehen gekommen war. Meine Kehle war staubtrocken und ein bitterer Geschmack lag auf meiner Zunge. Ich hatte Angst. Große Angst sogar. Doch ich durfte jetzt nicht die Nerven verlieren. Ich fühlte, dass dies ein wichtiger Moment war, wenn auch ein sehr gefährlicher.

Mein Blick huschte über den moosbedeckten Grabstein und die seltsamen Runen, die darauf eingraviert waren. Die Banshee glitt lautlos an die Seite des Steins und bedeutete mir mit einem Nicken, näherzukommen. Ich schluckte den bitteren Geschmack hinunter und gehorchte. Als ich direkt vor ihr stand, streckte sie ihre bleiche Klauenhand nach mit aus. »Gib mir deine Hand.«

Mit einem mulmigen Gefühl legte ich meine Hand in ihre. Noch bevor ich verstand, was eigentlich geschah, schnitt sie mir mit einer schnellen Bewegung in meine Handfläche und presste diese auf den Grabstein. Ich keuchte erschrocken auf, als die Kälte des Steins in meine Hand eindrang. Die Banshee warf ihren Kopf zurück und begann, eine unheimliche Melodie zu summen. Die Kälte in meiner Hand verstärkte sich und es fühlte sich so an, als würde der Stein die Wärme und damit das Leben aus meinem Körper zu saugen.

Reflexartig wollte ich meine Hand zurückziehen, doch das ließ die Banshee nicht zu. Mit übermenschlicher Kraft presste sie meine Hand auf den Grabstein und ihr Summen wurde lauter. So laut, dass es in meinen Ohren dröhnte. Ich war nicht mehr fähig, mich zu bewegen. Mein Körper fühlte sich an, als würde er selbst nach und nach zu Stein werden. Ich sah an mir hinab und bemerkte ein seltsames Leuchten, das sich auf dem Grab ausbreitete. Wie Nebel, der aus purem Licht bestand. Der Lichtnebel wurde immer dichter und begann, sich wie eine Gewitterwolke aufzutürmen. Direkt vor mir häufte sich der Nebel zu einer Gestalt, die gut einen Kopf größer war als ich. Mein Herz begann, unregelmäßig zu schlagen und ich keuchte auf.

»Nia!« Cadans panischer Ruf ließ mich zu ihm herumwirbeln. Ich sah, wie er verzweifelt versuchte, sich von seinen Fesseln zu befreien. Embarr, Belenus und Vika setzten sich in Bewegung, um mir zu Hilfe zu kommen. Doch die Banshee war schneller. Sie unterbrach ihren Singsang, wirbelte zu ihnen herum und ein markerschütternder Schrei entfuhr ihrer Brust. Meine Freunde wurden zurückgeschleudert, als wären sie gegen eine unsichtbare Wand gelaufen.

Benommen blieben sie am Boden liegen. Cadan hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Ohren zu, blieb jedoch bei Bewusstsein. Gerade so. Ich starrte sie mit vor Schrecken geweiteten Augen an, während mir klar wurde, wie knapp wir vermutlich gerade dem Tod entronnen waren. Den Schrei einer Banshee überlebte man nur, wenn sie es so entschied. Dies war eine Warnung. Beim nächsten Mal würde sie ernst machen, dessen war ich mir sicher.

Eine Bewegung, die ich aus den Augenwinkeln wahrnahm, lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf die Nebelgestalt, die sich direkt vor mir manifestierte. Doch hinter dem Nebel glaubte ich, ein Gesicht zu erkennen. Nach und nach schälte sich eine Gestalt aus dem leuchtenden Rauch. Ein Mann mit breiten Schultern und muskulösen Armen. Seine Gesichtszüge waren markant und ernst, sein Haar leuchtend rot. Er trug einen Bart und kleine Falten rahmten seine Augen ein, die mein Herz höherschlagen ließen. Ich kannte diese Augen. Cadan hat die Augen seines Vaters.

Der Nebel legte sich und Rogan stand vor mir. Ich hatte eine geisterhafte, durchscheinende Erscheinung erwartet. Doch er stand vor mir, als wäre er aus Fleisch und Blut. Ich warf der Banshee einen fragenden Blick zu, doch sie reagierte nicht auf mich, sondern fixierte Rogan. Ihr Griff an meiner Hand lockerte sich, sodass ich sie endlich zurückziehen konnte. Ich hatte eine klaffende Wunde erwartet, doch meine Handfläche war unversehrt.

»Wer bist du? Und wie komme ich hierher?«

Der Klang von Rogans tiefer, melodischer Stimme fühlte sich vertraut an. Mein Verstand hatte die Erinnerungen verloren, doch mein Herz reagierte auf diesen Klang aus der Vergangenheit. Ich lächelte den Hauptmann traurig an, unfähig etwas zu sagen. Wo sollte ich nur anfangen? Wusste er überhaupt, dass er nicht mehr lebte? Dass wir ihn aus dem Reich der Toten zu uns gerufen hatten? Er musterte mich eingehend und seine Augen weiteten sich plötzlich. »Königin Aine? Seid Ihr das?«

Die Hoffnung in seiner Stimme schnürte mir die Kehle zu und ich blinzelte die Tränen fort, die sich in meinen Augen gesammelt hatten. Reiß dich zusammen! Ich schüttelte meinen Kopf und atmete tief durch. »Nein, Hauptmann. Ich bin nicht Königin Aine. Ich bin Niamh. Erinnert Ihr Euch an mich?«

Er schüttelte verwirrt seinen Kopf und trat einen Schritt näher auf mich zu. »Prinzessin Niamh? Das ist unmöglich! Die Prinzessin ist gerade erst acht Jahre alt geworden. Ihr seid jedoch eine erwachsene Frau!«

Er kann sich nicht erinnern. Hilfesuchend sah ich zu der Todesfee, die uns interessiert beobachtete. Ich hörte ihr Flüstern in meinem Kopf: »Manchmal brauchen die Toten einen Moment, um sich zu erinnern.«

Ich nickte und wandte mich wieder Rogan zu. »Es ist viel passiert, Hauptmann. Könnt Ihr Euch denn nicht erinnern?«

Er schüttelte erneut seinen Kopf. Dann sah er sich das erste Mal richtig um und wich erschrocken zurück, als er die Banshee entdeckte. Reflexartig griff er an die Stelle, an der er wohl früher sein Schwert getragen hatte. Doch da war kein Schwert mehr. Verwirrt sah er erst zu mir, dann fiel sein Blick auf den Grabstein zu seinen Füßen. Ich konnte förmlich sehen, wie er begann, sich zu erinnern. Der Verwirrung in seinem Blick folgte eine Traurigkeit, die ich fast körperlich spüren konnte.

»Natürlich. Wie konnte ich das bloß vergessen?«

Er sah für einen kurzen Moment gedankenversunken auf seine letzte Ruhestätte und ich ließ ihm die Zeit, die er brauchte. Ich konnte mir nicht vorstellen, was in ihm vorgehen musste. »Wenn Ihr hier vor mir steht, ist es mir wohl gelungen, Euch in Sicherheit zu bringen. Doch was führt Euch zu mir? Eure Rückkehr muss bedeuten, dass Nathaira tot ist, nicht wahr?«

Er blickte mich hoffnungsvoll aus seinen traurigen, goldbraunen Augen an und es brach mir das Herz, ihn enttäuschen zu müssen. »Leider haben sich die Dinge anders entwickelt, Rogan. Nathaira lebt. Sie ist in die Welt gekommen, in die Ihr mich geschickt habt und hat den Mann entführt, der mich großgezogen und mir ein sicheres zu Hause gegeben hat. Meine Erinnerungen an Tír na nÓg sind nicht zu mir zurückgekehrt. Zumindest nicht vollständig.«

Er schüttelte ungläubig seinen Kopf. »Das ist nicht möglich. Die weiße Hexe hat mir zugesichert, dass alles so kommen wird wie prophezeit.«

Ich seufzte tief und rang um die richtigen Worte. »Ich war bei ihr in der Hoffnung, meine Erinnerungen zurückzubekommen. Und mit ihnen das Wissen, wie ich Nathaira besiegen kann. Doch sie konnte mir meine Erinnerungen nicht zurückgeben. Sie meinte, dass Prophezeiungen sich ändern können, und hat mich hierhergeschickt. Sie sagte, Ihr hättet die Antworten, die uns helfen können.«

Er blinzelte mich irritiert an und fuhr sich mit einer nervösen Geste durch sein feuerrotes Haar. Ich schmunzelte, denn ich kannte diese Geste nur allzu gut von Cadan. Er hatte so viel von seinem Vater. »Wie könnte ich behilflich sein? Ich bin nicht mehr als eine Erinnerung.« Ich schüttelte meinen Kopf und trat einen Schritt näher auf den Hauptmann zu.

»Ihr seid weit mehr als das. Die weiße Hexe sprach vom Erben des Synn und dass Nathaira nur besiegt werden könne, wenn Licht und Schatten sich vereinen. Ergibt das irgendeinen Sinn?«

Rogan musterte mich mit einem seltsamen Gesichtsausdruck. Als würde all der Schmerz seines vergangenen Lebens erneut auf ihn einstürzen. Es war ganz offensichtlich, dass ihm meine Worte etwas sagten. Die Frage war nur, ob er es mir auch verraten würde. Ich straffte meine Schultern und hakte nach: »Ich weiß bereits, dass Synn eine dunkle Macht ist. Doch wer ist mit seinen Erben gemeint?«

»Synn ist nicht eine dunkle Macht. Es ist DIE dunkle Macht. Die dunkelste überhaupt. Finsterer und kälter als die schwärzeste Nacht. Ein Seelenverschlinger. Seine Erben sind die verlorenen Seelen, die sich ihm anschließen. Synn lechzt danach, so viele Seelen wie möglich an sich zu binden. Gelingt es ihm, ist nicht nur diese Welt verloren, sondern auch alle anderen.«

Ich betrachtete Rogan überrascht. »Warum sollte sich jemand mit so einer dunklen und bösen Macht einlassen, wenn dadurch seine Seele… naja… verschlungen wird?«

Rogan lachte bitter auf und begann auf und abzugehen, während er sprach. »Weil Synn seine Opfer mit dem Versprechen auf große Macht lockt. Je größer das Opfer, desto größer die Belohnung. Diesen Anschein hat es zumindest. Denn letzten Endes läuft alles darauf hinaus, dass nur Synn gewinnt bei jedem einzelnen Handel.«

Die kleinen Rädchen in meinem Gehirn ratterten und ganz langsam setzten sich einige Puzzleteile zusammen. »So konnte Nathaira also meine Eltern stürzen, nicht wahr? Sie hat sich an Synn verkauft und zum Tausch für ihre Seele diese immense, dunkle Macht erhalten. So konnte sie diese Welt von innen heraus vergiften.«

Rogan hielt in seiner Bewegung inne und sein Blick zuckte zu mir. Tiefe Trauer und Bestürzung lagen in seinen goldenen Augen. »Sie war nicht immer so. Es gab eine Zeit…. Sie war nicht immer…«

»Böse? Psychopatisch? Mordlustig? Such dir etwas aus«, entfuhr es mir wütend. Wie konnte er auch nur ansatzweise versuchen, das Vorgehen dieser bösen Hexe zu erklären? Sie hatte mir alles genommen und Rogan letztendlich sogar seines Lebens beraubt. Durch ihren finsteren Handel hatte er seinen Sohn verlassen müssen und ihn nicht aufwachsen sehen können!

Er seufzte tief und seine Schultern sackten hinab. Als läge die Last des Universums auf ihnen. Dein Wissen scheint schwer zu wiegen. »Nathaira war für eine sehr lange Zeit die erste Hofdame der Königin. Doch sie veränderte sich. Sie wurde missgünstig und machthungrig. Sie versuchte, Eure Mutter zu ihren Gunsten zu manipulieren. Doch die Königin war eine intelligente und einfühlsame Frau. Sie ermahnte Nathaira nur, anstatt sie aus dem Schloss zu werfen. Offenbar glaubte sie daran, dass ihre Vertraute auf den rechten Weg zurückfinden würde. Doch dann geschahen… Ereignisse… die Nathaira nur weiter an den Rand des Abgrundes trieben. Niemand konnte sie mehr vor ihrem Fall beschützen. Nicht einmal ich.«

Ich hörte seine Worte, doch ihre Bedeutung sickerte nur langsam zu mir durch. Wie Honig, den man durch ein Schlüsselloch träufelte. Ich musterte sein trauriges Gesicht, während sich meine Gedanken langsam sortierten. Nathaira hatte meiner Mutter nahegestanden und sie letzten Endes verraten. »Also hat sie ihre Seele an die Dunkelheit verkauft, um mächtig genug zu werden, dass sie meine Eltern stürzen konnte.«

Rogan lachte bitter auf und schüttelte seinen Kopf. »Das allein hätte nicht ausgereicht, um so viel Macht zu bekommen. Was sie getan hat, war viel schlimmer.«

Verständnislos fragte ich nach: »Was könnte denn schlimmer sein, als die eigene Seele zu verkaufen?«

Rogan presste die Lippen aufeinander und schluckte schwer. Ich sah hilfesuchend zu der Banshee, die meinem Blick jedoch auswich. Wusste sie vielleicht bereits, was er im Begriff war, mir zu erzählen? Ich wandte mich wieder dem Hauptmann zu, dessen Augen verräterisch glitzerten. Was auch immer sie getan hatte, musste furchtbar sein, wenn ein Krieger wie er mit den Tränen rang. Meine Kehle war wie zugeschnürt und meine Stimme nur noch ein Krächzen.

»Was hat sie getan, Hauptmann?« Ich sah, wie er abermals schwer schluckte und seinen Blick senkte. Er wirkte nicht wie ein Krieger, der »nur« seine Königin und seinen König verloren hatte. Er wirkte wie jemand, der weitaus mehr verloren hatte. Plötzlich traf mich die Erkenntnis wie ein Schlag in die Magengrube. »Sie war mehr als nur eine Hofdame für Euch, ist es nicht so?« Rogan zuckte unter meinen Worten zusammen, was mich nur in meinem Verdacht bestätigte. »Ist es nicht so?«

Meine Stimme war lauter, als ich es eigentlich beabsichtigt hatte. Doch ich musste endlich wissen, was vor so vielen Jahren geschehen war und war es leid, nur kleine Brocken zugeworfen zu bekommen. Wie sollte ich etwas bewirken, wenn mir niemand die ganze Wahrheit erzählte?

Der Hauptmann sah mich nicht an, während er mir antwortete: »Sie war… wir waren uns so nah. Doch ich konnte nicht verhindern, dass sie mir entglitt. Einst war sie warmherzig, klug und liebenswert. Ich hätte nie geglaubt, dass sie so weit gehen würde. Dass sie so etwas tun würde.«

Ohne großartig darüber nachzudenken, was ich tat, ging ich auf ihn zu und blieb direkt vor ihm stehen, sodass er mich ansehen musste. Es fiel ihm offensichtlich schwer, meinem Blick standzuhalten.

»Was hat sie getan?« Ich war bereit, meine Frage so oft zu wiederholen, wie es nötig war, um eine Antwort zu bekommen. Entschlossen sah ich ihm in seine Augen, die denen des Mannes, den ich liebte, so sehr ähnelten. In seinem Blick konnte ich den inneren Kampf erkennen, den er mit sich ausfocht. Doch ich musste es wissen. »Sagt es mir. Bitte.«

Meine Stimme war nicht mehr als ein Flüstern, denn meine Kehle fühlte sich furchtbar eng an. Ich wusste, dass damals schreckliche Dinge geschehen waren. Doch offenbar standen die Dinge schlimmer, als ich bisher angenommen hatte. Rogan holte tief Luft und nickte resigniert. Seine Stimme zitterte leicht, als er die Worte aussprach, die ihm so furchtbar schwerfielen. »Sie hat nicht nur ihre Seele geopfert, sondern eine weitere.« Er stockte und atmete schwer.

»Wessen Seele?«, hakte ich mit tonloser Stimme nach, als er nicht weitersprach.

Rogan sah mir mit ernstem Blick in meine Augen und antwortete mit bebender Stimme: »Die Seele eines Kindes.«

»Nein.« Ich hatte dieses Wort herausschreien wollen, doch dazu fehlte mir die Kraft.

Was dieses Monster getan hatte, erschütterte mich bis ins Mark. Ich hatte mit vielem gerechnet, doch nicht damit. Was Rogan mir da sagte, wirbelte wie ein Orkan durch meinen Kopf und ich versuchte verzweifelt, die Zusammenhänge zu erkennen. Die Seele eines Kindes. Ich ballte meine Hände zu Fäusten und grub meine Nägel in meine Handflächen, sodass der Schmerz mich davon abhielt, die Fassung zu verlieren. Wie abgrundtief böse musste ein Wesen sein, um zu so etwas fähig zu sein?

Doch ich durfte mich nicht ausbremsen lassen. Ich wusste, dass die Zeit mit dem Geist des Hauptmanns begrenzt war. Also riss ich mich zusammen und versuchte, die richtigen Fragen zu stellen. »Wer war dieses Kind?«

Ein tiefes Seufzen entfuhr der Brust des Hauptmanns, doch er wagte es nicht, mich anzusehen. »Wer war dieses Kind, Hauptmann?«, hakte ich etwas lauter nach und zwang ihn damit, mich anzusehen. Er öffnete seinen Mund, um etwas zu sagen, doch plötzlich blieb sein Blick an einem Punkt hinter mir haften.

Verwundert sah ich mich um und bemerkte, wie Cadans Blick den seines Vaters traf. Noch immer kniete er am Boden, gefangen in den magischen Fesseln der Banshee. Die Nebelranken schlängelten sich um seine Arme, seine Taille und seinen Hals und hielten ihn dadurch am Boden.

»Cadan.« Rogan wollte sich auf seinen Sohn zubewegen, doch als er einen Schritt nach vorn ging, stieß er gegen eine Art Kraftfeld, das ihn am Weitergehen hinderte. Auch Cadan wehrte sich gegen seine magischen Fesseln, die sich dadurch aber wieder weiter zuzogen.

Ich sah die Banshee flehend an. »Bitte, mach ihn los. Lass ihn mit seinem Vater sprechen.«

Die Banshee kräuselte missbilligend ihre bleichen Lippen. »Die Zeit der Toten ist begrenzt, auch in dieser Nacht. Samhain neigt sich dem Ende zu. Vielleicht solltest du die Zeit lieber nutzen, um die Fragen zu stellen, wegen derer du mich gerufen hast. Für ein Familientreffen ist der Preis eindeutig zu hoch, Prinzessin.«

Ich sah zwischen Cadan und seinem Vater hin und her und wusste nicht, was ich tun sollte. Es war grausam, Vater und Sohn so nah beieinander und doch so weit entfernt zu sehen. Cadan hatte seinen Vater so früh verloren und es gab bestimmt so vieles, was er ihm sagen wollte. Rogan hämmerte verzweifelt gegen das Kraftfeld, doch es war hoffnungslos.

Vielleicht nur noch eine Frage und dann würde ich die Banshee abermals bitten, die Fesseln zu lösen. Doch plötzlich begann Rogan, leise vor sich hin zu murmeln.

»Wie konnte sie das nur tun… die Seele unseres Kindes… er ist für immer verloren… wie soll ich es ihm nur sagen… wie soll ich ihm nur helfen… Licht und Schatten müssen sich vereinen… nur so kann man sie aufhalten… Synn aufhalten… es… wird dunkel…«

Er blinzelte immer wieder, als fiele es ihm schwer, klar zu sehen. »Was ist mit ihm?«, fragte ich die Banshee und trat näher an Rogan heran. Doch der beachtete mich nicht mehr, sondern starrte nur zu seinem Sohn. Was er gesagt hatte, erschütterte mich. Wenn das alles stimmte, bedeutete das…

»Er gleitet langsam wieder hinüber auf die andere Seite. Du solltest dich beeilen«, ermahnte mich die Todesfee.

Doch ich schüttelte meinen Kopf und entgegnete: »Nein, genug mit den Fragen! Lass Cadan gehen! Gewähre ihm diesen Moment mit seinem Vater.«

Doch die Banshee schüttelte langsam ihren Kopf. »Das war nicht Teil der Abmachung.« Ihr Grinsen brachte mein Blut zum Kochen. Was glaubte sie eigentlich, wer sie war?

»Ich befehle es dir!«, rief ich und spürte Hitze in mir aufsteigen.

Die Banshee lachte schallend auf. »Du kannst mir nichts befehlen, verirrte, kleine Prinzessin. Du bist keine Herrscherin. Zumindest noch nicht.«

Dies war der buchstäblich letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Wutentbrannt stürmte ich zu ihr und blieb direkt vor ihr stehen. »Lass. Ihn. Los.« Meine Stimme war nicht mehr als ein Knurren, doch die Banshee schürzte ihre Lippen und schüttelte ihren Kopf. »SOFORT!«

Mein Schrei hallte durch den Wald und ich schlug wutentbrannt auf den Grabstein des Hauptmanns. Ein lautes Krachen ertönte und ich fühlte, wie der Stein unter meiner Faust nachgab. Erschrocken starrte ich auf die Stelle und sah, wie pures Licht aus meiner Hand in den Stein sickerte. Der Riss, den mein Schlag offenbar verursacht hatte, breitete sich weiter aus, bis er die Erde erreichte. In dem Riss leuchtete dieses eigenartige Licht und schlängelte sich über den Waldboden bis hin zu Cadan. Verwundert beobachtete er das Geschehen und wie mein Licht in die Fesseln der Banshee fuhr. In Sekundenschnelle lösten sie diese auf und gaben Cadan endlich frei. Ich beobachtete das Licht mit offenem Mund, unfähig, mich zu rühren.

Langsam erhob er sich und setzte sich in Bewegung. Doch ein Blick auf den Hauptmann sagte mir, dass es wohl zu spät war. Seine Gestalt war bereits durchscheinend und sein Blick wie der eines Schlafwandlers. »Sag ihm, dass es mir leidtut. Sag ihm, wie sehr ich ihn vermisse… wie sehr ich ihn liebe…«

Cadan stürzte zu uns, doch es hatte keinen Zweck. Genau in dem Moment, in dem Cadan an meiner Seite zum Stehen kam, löste sich die Gestalt des Hauptmanns in Luft auf. Er streckte noch seine Hand nach ihm aus, doch er war bereits fort.

»Vater.« Der traurige Klang seiner Stimme zog mir das Herz zusammen. Ich wollte ihn berühren, seine Hand ergreifen oder irgendetwas tun, um ihn zu trösten. Doch mir wurde klar, dass ich der letzte Mensch war, von dem er sich wohl trösten lassen würde. Ich hatte ihn nicht nur belogen und verraten. Ich hatte ihm die einzige Chance genommen, noch einmal mit seinem Vater zu sprechen.

Das erste Mal kam mir in den Sinn, dass er vielleicht auch aus diesem Grund darauf bestanden hatte, den Handel mit der Banshee einzugehen. Ich hatte ihn dieser Chance beraubt. Selbst wenn ich sein Leben dadurch gerettet hatte. Unsere Freunde kamen näher und die Banshee hatte keine Einwände mehr dagegen. Mir fiel auf, dass sie plötzlich auffällig still geworden war. Ich sah zu ihr und begegnete ihrem eisigen Blick.

»Wie hast du das gemacht?« Ihre Stimme klang überraschend ehrfurchtsvoll und passte so gar nicht zu ihrem Gesichtsausdruck. Ich sah von ihr zu meinen Freunden und zu Cadan, die mich genauso interessiert musterten. Mein Blick fiel auf den zerborstenen Grabstein des Hauptmanns. Ich schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter und zuckte ratlos mit meinen Schultern.

»Ich… ich weiß es nicht. Ich wollte einfach mehr als alles andere, dass Cadan zu seinem Vater gehen konnte. Es machte mich wütend, dass du ihn nicht gehen lassen wolltest.«

»Wütend ist die Untertreibung des Jahrhunderts«, entfuhr es Jonathan, woraufhin er mahnende Blicke der anderen erntete und erschrocken die Hand vor seinen Mund schlug. Ich schüttelte ratlos meinen Kopf.

»Es tut mir leid. Ich… ich wollte diesen heiligen Ort nicht entweihen. Ich weiß selbst nicht, was schon wieder mit mir passiert ist.«

»Schon wieder? Ist das schon einmal passiert?«, fragte die Banshee interessiert. Ich bemerkte aus den Augenwinkeln Cadans fassungslosen Blick und vermied es, ihn direkt anzusehen. Also wandte ich mich der Todesfee zu und nickte zögernd. Sie trat näher an mich heran und hob mit ihren kalten Fingern mein Kinn so an, dass ich ihr in ihre roten Augen sehen musste. Ihre Berührung schickte eisige Schauer meinen Rücken hinab, doch ich wagte es nicht, mich zu rühren. Forschend musterte sie mein Gesicht und starrte mir in meine Augen. »Ich habe so etwas lange nicht mehr gesehen. Die Magie, die in dir wohnt, ist sehr mächtig. Niemand schafft es ohne weiteres, die Fesseln der Schatten zu lösen. Ich bin beeindruckt, meine Liebe.«

Ein wölfisches Lächeln formte sich auf ihren blassen Lippen. Ich blinzelte sie verwirrt an und sah zu, wie sie einen Schritt zurücktrat und den Schaden an dem großen Grabstein begutachtete.

»Vielleicht gibt es doch noch Hoffnung für Tír na nÓg.« Sie flüsterte die Worte so leise, dass ich nicht sicher war, ob sie sie ausgesprochen hatte oder ob ich sie nur in meinen Gedanken gehört hatte. Ihr Blick richtete sich auf mich und sie sah mit einem wissenden Lächeln zwischen Cadan und mir hin und her. »Er muss dir viel bedeuten, wenn dadurch so viel Kraft entfesselt wird. Das ist bemerkenswert.« Ich spürte, wie mir die Röte in meine Wangen stieg und ärgerte mich darüber. Ihr Blick zuckte zu Cadan und sie fügte hinzu: »Das gleiche gilt für dich. Ein Mann muss lebensmüde oder bis über beide Ohren verliebt sein, um sich in den Handel einer Banshee einzumischen.«

Cadan starrte sie schweigend an und seine Miene verriet nichts über seine Gefühlslage, ganz im Gegensatz zu mir. Abermals musterte mich die Todesfee von Kopf bis Fuß und wandte sich dann von mir ab. »Nun denn, ich schätze, ihr habt nun viel über das ihr beratschlagen müsst. Samhain neigt sich dem Ende zu. Seht zu, dass ihr diesen heiligen Ort nicht weiter mit eurer Anwesenheit entweiht.« Ich tauschte verwunderte Blicke mit meinen Freunden. Hatte die Banshee tatsächlich vergessen, ihren Tribut einzufordern. »Was meine Bezahlung angeht…«

Natürlich hat sie es nicht vergessen. Ich hätte mir am liebsten selbst gegen die Stirn geschlagen. Nichts war umsonst. Vor allem nicht in Tír na nÓg. Cadan trat einen Schritt nach vorn, sodass er halb vor mir stand in dem verzweifelten Versuch, mich vor der Banshee abzuschirmen. Hatte er denn gar nichts gelernt? Die Banshee hob verwundert ihre Augenbrauen.

»Wirklich? Soll ich dich noch einmal in Fesseln legen, mein heißblütiger Faun?« Sie hob warnend ihre Hand, doch ich trat hinter ihm hervor und ergriff beruhigend seine Hand. Ich hatte erwartet, dass er sie mir entziehen würde, doch er tat es nicht. Ich konnte seinen Blick auf mir spüren, doch ich wich ihm aus.

»Verzeih ihm, Banshee. Es ist wohl so etwas wie ein… Reflex. Ich bin bereit den Preis zu zahlen. Lass mich nur zuerst meinen Freunden das sagen, was mir Rogan anvertraut hat. Nur für den Fall, dass ich nach der… Bezahlung… nicht mehr dazu in der Lage sein werde.« Ich versuchte, meine Stimme so ruhig und fest wie möglich klingen zu lassen. Doch die Angst in meinem Innern verlieh ihr ein leichtes Krächzen, das ich nicht verhindern konnte.

Die Todesfee schenkte mir ein geheimnisvolles Lächeln und sah auf Cadans und meine Hände hinab, die sich noch immer festhielten. Sie gluckste leise. »Du hast Glück, schöner Faun. Deine Prinzessin hat dir mit ihrer Tat das Leben gerettet. Ich hätte dich mit in das Reich der Toten genommen, ohne zu zögern. Ein Spielzeug wie dich bekommt man nicht alle Tage angeboten und ich muss zugeben, dass ich diese Wendung bedauere.«

Abermals spürte ich den leichten Anflug von Wut und Eifersucht in mir aufsteigen, doch der Druck von Cadans Hand beschwichtige mich etwas. Ihr gieriger Blick glitt abermals über Cadans nackten Oberkörper, zuckte dann jedoch zu mir, wo er seinen Ausdruck änderte. Ich glaubte, Anerkennung darin zu sehen. Doch noch etwas anderes, das ich nicht einordnen konnte.

Die Banshee reckte ihr Kinn und begann in fast feierlichem Ton zu sprechen: »Also fordere ich meinen Preis hier und jetzt von dir ein, verlorene Prinzessin Tír na nÓgs.«

Mein Puls beschleunigte sich augenblicklich und ich machte mich auf das Schlimmste gefasst.

---ENDE DER LESEPROBE---