Seeluft macht glücklich - Janne Mommsen - E-Book

Seeluft macht glücklich E-Book

Janne Mommsen

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Beschreibung

Romantik, Witz und frische Seeluft: Der neue Janne Mommsen ist da! Jasmin ist Mitte dreißig und lebt in Köln. Freunde wissen, dass sie früher mal ein glücklicher Mensch war, aber in letzter Zeit ist sie nicht gerade eine rheinische Frohnatur. Nach einem Wasserrohrbruch beschließt sie, nach Föhr zu reisen, das sie aus Teenagerzeiten kennt. Damals war sie unsterblich in einen Insulaner verliebt. Vielleicht lebt dieser Sönke ja noch dort. Doch statt auf ihre Jugendliebe trifft Jasmin auf einen jungen Mann namens Thore. Er ist seit kurzem Single und will am liebsten sofort weg von Föhr. Wie praktisch, dass Jasmin bereits auf der Fähre den Plan gefasst hat, sich eine längere Auszeit zu nehmen: Jasmin und Thore tauschen einfach die Wohnungen. Er geht nach Köln, sie nach Föhr. Und so beginnt der Sommer ihres Lebens.

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Janne Mommsen

Seeluft macht glücklich

Roman

Über dieses Buch

Romantik, Witz und frische Seeluft: Der neue Janne Mommsen ist da!

 

Jasmin ist Mitte dreißig und lebt in Köln. Freunde wissen, dass sie früher mal ein glücklicher Mensch war, aber in letzter Zeit ist sie nicht gerade eine rheinische Frohnatur. Nach einem Wasserrohrbruch beschließt sie, nach Föhr zu reisen, das sie aus Teenagerzeiten kennt. Damals war sie unsterblich in einen Insulaner verliebt. Vielleicht lebt dieser Sönke ja noch dort.

Doch statt auf ihre Jugendliebe trifft Jasmin auf einen jungen Mann namens Thore. Er ist seit kurzem Single und will am liebsten sofort weg von Föhr. Wie praktisch, dass Jasmin bereits auf der Fähre den Plan gefasst hat, sich eine längere Auszeit zu nehmen: Jasmin und Thore tauschen einfach die Wohnungen. Er geht nach Köln, sie nach Föhr.

Und so beginnt der Sommer ihres Lebens.

Vita

Janne Mommsen hat in seinem früheren Leben als Krankenpfleger, Werftarbeiter und Traumschiffpianist gearbeitet. Inzwischen schreibt er überwiegend Drehbücher und Theaterstücke. Mommsen hat in Nordfriesland gewohnt und kehrt immer wieder dorthin zurück, um sich der Urkraft der Gezeiten auszusetzen.

1.

Die Sonne schien nur dafür erfunden, einmal am Tag um die Reetdachvilla herumzuwandern und diese von allen Seiten aus zu bescheinen. Das Anwesen streckte sich auf einem der wenigen Hügel der Insel dem Himmel entgegen. Das Reet auf dem Dach leuchtete mattgolden, die karminrot geklinkerten Wände strahlten zufrieden vor sich hin. Um das Haus herum lag eine riesige Rasenfläche. Hinter einer Mauer aus Natursteinen breitete sich das Wattenmeer aus, das irgendwo am Horizont in den Himmel überging. Gegenüber waren die Dünen der Insel Amrum mit dem rot-weiß gestreiften Leuchtturm in Nebel zu sehen. Das war friesisches High-End, mehr ging nicht.

Thore blickte prüfend auf die Nordsee, die wie ein flacher Spiegel dalag. Kein Regen in Sicht, die Temperaturen waren hochsommerlich. Er ging in die Küche, um die Torten und den Champagner zu holen. Am Vormittag hatte er bereits die Sessel und die Couch nach draußen geschleppt. Die hellen Ledermöbel wirkten auf dem gepflegten Rasen noch luxuriöser als drinnen.

Vor einer Woche hatten sie hier den dreiundsechzigsten Geburtstag seiner Mutter gefeiert. «Mor», wie alle sie auf Dänisch nannten, war in Kopenhagen direkt neben Schloss Amalienborg aufgewachsen, und sie hatte sich, als sie hier durch den Garten schritt, wie ein Mitglied des dänischen Königshauses gefühlt. Dass sie in Wirklichkeit Fischverkäuferin im familieneigenen Laden auf Sylt war und Thores Vater Fischer, spielte keine Rolle mehr.

Thore verwaltete Ferienhäuser auf der Insel Föhr. Dr. Kohfahl, einer seiner langjährigen Kunden und Manager eines Energiekonzerns, hatte ihm netterweise seine Villa für Mors Geburtstagsfest zur Verfügung gestellt. Nun sollte Thore im Gegenzug für ihn eine kleine, spontane Familienfeier ausrichten, was er gerne tat. Thore hatte bei der Wyker Konditorei Steigleder ein Kuchenbuffet vom Feinsten geordert, inklusive Champagner und Aquavit. Er befühlte die Flaschen. Die Temperatur war genau, wie sie sein sollte.

Vor dem Haus bremsten die ersten Wagen auf dem Kies. Würde gleich eine Gruppe von Herren im Smoking und Damen im Cocktailkleid kommen? Trat er selbst mit Jeans, schwarzem Jackett und hellblauem Hemd ohne Krawatte zu lässig auf?

Gerade wollte er zur Haustür gehen, um die Gäste zu begrüßen, da hörte er Stimmen. Anscheinend kannten sich die Leute hier aus und gingen direkt in den Garten. Als Thore sie um die Ecke biegen sah, staunte er nicht schlecht: Statt Kohfahls Familie stapften seine besten Freunde auf ihn zu! Der blonde Sportfanatiker Lars mit den breiten Schultern ging voran, der bullige Harky trug wie immer ein altmodisches Poloshirt und dazu eine Stoffhose, die blonde Wiebke, die mit ihren eins neunzig noch etwas größer war als er, hatte sich die Haare heute zu Zöpfen geflochten. Ihnen folgten Carola und der dünne Henning. Seine Freunde schienen ebenfalls erstaunt zu sein, ihn hier zu treffen.

«Du hier?», fragte Lars.

Woher kannten die bitte schön Herrn Kohfahl? Und wieso hatte keiner aus seiner Clique etwas zu ihm gesagt? Normalerweise hatten sie doch keine Geheimnisse voreinander. Hatte er irgendetwas nicht mitbekommen?

Er versuchte, die peinliche Situation mit einem Witz zu überspielen. «Sorry, Leute, geschlossene Gesellschaft. Das ist ein Privatgrundstück!»

Die Freunde guckten ihn betreten an, keiner brachte ein Wort raus. Was ging hier vor sich? Bevor er das Rätsel lösen konnte, trat Dr. Kohfahl auf den Rasen. Der schlanke Mann mit dem energischen Kinn zog einen kleinen Rollkoffer aus schwarzem Leder hinter sich her. Er war Ende vierzig, trug Jeans und ein weißes Hemd. In seinem graumelierten Haar steckte eine Pilotenbrille mit grün getönten Gläsern. Meist flog er mit dem eigenen Flugzeug von Essen nach Föhr.

«Tag, Herr Traulsen», begrüßte er Thore und blickte in die Runde. Dann gab er allen die Hand und stellte sich vor. Das erschien Thore noch geheimnisvoller: Seine Freunde kannten Kohfahl nicht und waren trotzdem bei ihm eingeladen?

Anscheinend war heute der Tag der großen Überraschungen. Denn nun schlenderten auch noch seine Exfreundin Keike und ihr neuer Freund Alexander händchenhaltend um die Ecke. Keike löste sich von Alexander und lief mit federnden Schritten auf Thore zu. Sie sah heute mal wieder toll aus, das musste er zugeben. Das schlichte türkisfarbene Strandkleid passte perfekt zu ihren blonden Haaren und den blauen Augen. Vor einem halben Jahr hatte er sich von ihr getrennt, und das war auch gut so. Zum Glück war zwischen ihnen alles geklärt, sodass sie sich unbefangen begegnen konnten. Alexander, ihren Neuen, hatte er schon einmal von weitem gesehen; ein nichtssagender, blasshäutiger Seitenscheitelträger.

«Moin, Thore», hauchte Keike, umarmte ihn kurz und drehte sich dann zu ihrem Freund um: «Das ist Thore – Alexander.»

Ihr Neuer gab ihm höflich-distanziert die Hand. Thore hatte gehört, dass er in Kiel Medizin studierte und etwas jünger war als Keike, Ende zwanzig. Gut, dass das alles kein Problem mehr für ihn war. Wie gesagt, er hatte sich getrennt und nicht umgekehrt. Keike und er waren drei Jahre zusammen gewesen, und das letzte Jahr hatte nicht gerade zu den schönsten seines Lebens gehört. Aber deswegen verlangte er ja nicht, dass sie nach der Trennung ins Kloster ging. Und dafür, dass er selbst noch niemand Neuen hatte, konnte sie wirklich nichts. Es war alles gut. Trotzdem wunderte er sich über Keikes Geschmack: Seit wann stand sie auf farblose Typen wie den?

Kohfahl trat zu ihnen. «Mein Neffe will heute hier feiern.» Er zeigte auf Alexander. Keikes neuer Lover war also mit Kohfahl verwandt, so ein Zufall! Thore nickte und ging zu seinen Freunden, die immer noch fremdelten. Dass niemand das Fest heute erwähnt hatte, war schon komisch. Ehrlich gesagt, war er deswegen ein bisschen sauer.

«Wir wussten nicht, dass du auch hier bist», entschuldigte sich Lars. Was es nicht besser machte.

«Alles okay, wieso solltet ihr nicht mit Keike feiern?», entgegnete Thore. Seine Freunde konnten ja nichts dafür, dass sie kein Paar mehr waren. «Gibt’s denn was Besonderes zu begießen?» Keike hatte im Dezember Geburtstag, das konnte es also nicht sein.

«Keine Ahnung. Keike meinte nur, wir sollten vorbeikommen, es sei eine Spontanparty angesagt», sagte Lars.

Jetzt bogen auch noch Keikes Eltern um die Ecke, Hans und Leevke aus Borgsum. Seine ehemaligen Schwiegereltern waren mächtig aufgetakelt: Klempnermeister Hans im Smoking, Leevke in voller Friesentracht mit schwarzem Kleid und weißer Schürze, inklusive silberner Brustkette. Das trug man auf Föhr nur an hohen Feiertagen.

«Moin, Thore, wie geiht di dat?», fragte seine Ex-Schwiegermutter, die äußerst erstaunt schien, ihn hier zu sehen.

«God, un di?»

«Ok god.»

Hans klopfte ihm stumm auf die Schulter, dann gingen sie zu Kohfahl hinüber, der gerade Champagner in die Gläser füllte.

«Ist wahrscheinlich nix Besonderes», sagte Lars.

«Und was machen dann Keikes Eltern hier?», fragte Thore.

«Keine Ahnung.»

Auf einmal kletterten Keike und Alexander auf den Terrassentisch. Sie nahm seine Hand und rief: «Alle mal Ruhe, bitte!»

Das klang nach einer offiziellen Ansage. Was sollte das werden? Alle wurden still.

«Also …», begann Keike, dann kullerten ihr die Tränen über die Wangen. Sie versuchte dagegen anzulächeln. Sogar weinend sah sie toll aus. «Ich wollte nur sagen, Alexander und ich haben uns heute verlobt.»

Sie deutete auf einen funkelnden Goldring an ihrem Finger. Alexander küsste sie, und alle jubelten und klatschten. Thore verstand die Welt nicht mehr. Mal abgesehen davon, dass Verlobungen im Allgemeinen selten geworden waren: Ausgerechnet Keike, die sich sonst so gerne über die Reichen dieser Welt mokierte, verlobte sich mit diesem Typen aus gutem Hause?

Kohfahl verteilte nun die Champagnergläser, dann wünschten alle dem Paar auf Friesisch Gesundheit: «Sünjhaid!»

Dass Thore stumm blieb, bekam im allgemeinen Getümmel niemand mit. Als der offizielle Teil seiner Arbeit erledigt war, stellte er sich etwas abseits an die Steinmauer. Das Wattenmeer hatte sich für den Nachmittag noch einmal besonders schön gemacht. Die tiefblaue See kräuselte sich in einer leichten Brise, die Dünen von Amrum ließen sich von der milden Sonne bescheinen und strahlten so hell herüber, als würde sie zusätzlich noch von innen beleuchtet. Sie hatten auflaufendes Wasser, das dunkelblaue Meer sah satt und zufrieden aus.

Klar, das Leben ging für Keike genauso weiter wie für ihn, das war ganz normal. Sie beide hatten ihre Chance gehabt und festgestellt, dass sie nicht füreinander geschaffen waren. Das war nicht dramatisch. Und wieso lag ihm Keikes Verlobung dann so schwer im Magen? Weil du sie jetzt nicht mehr haben kannst, Thore? Nun fang dich mal wieder, das ist lächerlich!

2.

Am nächsten Tag fegte ein launischer Wind über die Insel. Thore hatte das Gefühl, dass alle neuen Feriengäste gleichzeitig ankamen. Er hatte ununterbrochen zu tun. Zum Service seiner Firma gehörte der Transfer von der Fähre zu den Ferienhäusern, die teilweise weit verstreut in den Inseldörfern lagen. Darüber hinaus war er für die Abnahme des Putzdienstes zuständig und musste checken, ob Bettwäsche oder Geschirr fehlten. Sein Auftraggeber Holgi Petersen verließ sich voll auf ihn, Thore kümmerte sich um alles.

Gegen Mittag donnerte Thore mit seinem VW-Bus in den Hafen, um die Helmkes abzuholen, ein älteres Ehepaar, das dreimal im Jahr auf die Insel kam. Inzwischen duzte er sie sogar. Der Wind wehte ausnahmsweise stark von Osten, deswegen war die Flut nicht zurückgekommen und die Fahrrinne extrem flach. Die Fähre hatte Verspätung, weil der Kapitän zentimetergenau navigieren musste, um nicht aufzulaufen. Vielleicht konnte das Schiff auch erst eine Tide später kommen.

Ihm war es recht, so konnte er einen Moment durchatmen. Obwohl die Sonne nicht durchgängig schien, lagen die Urlauber auch heute am nahe gelegenen Strand. Braun wurde man an der Nordsee auch, wenn der Himmel bedeckt war, und das Wasser war genauso warm wie sonst – allerdings erst, wenn es wieder da war.

Sobald Thore etwas zur Ruhe gekommen war, kam ihm die Verlobungsfeier wieder hoch. Keike hatte gestern genauso gut ausgesehen wie an dem Abend, als sie sich kennengelernt hatten. Es war im guten alten Erdbeerparadies gewesen, einer legendären Disco, die es leider nicht mehr gab. Anfangs waren Keike und er ein Dreamteam gewesen, besser konnten zwei Menschen nicht zusammenpassen. Frühstück im Bett, gemeinsam in der Nordsee schwimmen, Liebe am Strand, Hand in Hand durchs Wattenmeer. Doch schon bald hatte Keike ihm Vorwürfe gemacht, er würde sich zu wenig um sie kümmern und sich mit Jobs zuschütten. Tatsächlich arbeitete er in der Hauptsaison viel. Das war normal auf Föhr, drei Viertel seines Jahreseinkommens verdiente er im Sommer, da schufteten alle Insulaner Tag und Nacht. Nicht selten war er nach der Arbeit noch ins Erdbeerparadies gehetzt, um mit Keike zu tanzen, obwohl er am nächsten Morgen wieder früh rausmusste. Sie warf ihm vor, dass er die Arbeit als Ausrede benutze, um sie auf Abstand zu halten. Das sah er anders.

Keike hatte es da in ihrer Wyker Goldschmiede einfacher gehabt. Bei ihr gab es feste Öffnungszeiten, dadurch war alles viel leichter zu planen. Vielleicht hätte er öfter mit ihr einen Ausflug aufs Festland machen sollen. Es hätte ja nicht gleich Venedig sein müssen. Flensburg, Husum oder Kiel hätten genügt. Keike hatte ihm unterstellt, dass er vor Nähe floh und sich nicht auf einen anderen Menschen einlassen konnte. War er wirklich so ein Egozentriker?

Thore sah zu, wie sich ein paar Kinder vor ihm im Schlick wälzten, bis ihre Gesichter nicht mehr zu erkennen waren. Das hatte er früher auch oft gemacht. Am liebsten hätte er jetzt mitgespielt, dann würde es ihm vielleicht bessergehen.

Plötzlich zuckte er zusammen. Hinter den Kindern tauchte Keike auf, Hand in Hand mit ihrem Verlobten. Ausgerechnet! Die konnte er gerade gar nicht gebrauchen. Wieso hockte sie nicht in ihrer Goldschmiedewerkstatt in der Wyker Altstadt und ihr Verlobter beim Studium in Kiel?

Thore tat so, als hätte er sie nicht gesehen, und blickte angestrengt in die andere Richtung. Was Keike sofort bemerkte, sie hatte ihn längst entdeckt. Zwei Minuten später stand sie mit Alexander vor ihm.

«Moin, Thore.»

«Moin.»

«Danke noch mal für die tolle Feier.»

Er lächelte unverbindlich. «Gerne.»

«Und?», fragte sie. «Im Stress?» Dumme Frage an jemanden, der entspannt an der Kaimauer lehnte.

«Wie immer.»

«Na denn … Schönen Tag noch.»

«Selber auch.»

Alexander hatte bei diesem bemerkenswerten Gespräch die ganze Zeit geschwiegen. Was hätte er auch groß sagen sollen?

 

Als wenn das nicht schlimm genug gewesen wäre, traf er Keike noch zwei weitere Male an diesem Tag! Einmal an der Borgsumer Mühle und einmal im Supermarkt. Föhr war nicht Australien, es war unmöglich, sich auf der kleinen Insel aus dem Weg zu gehen. Und das würde sich auch nicht ändern. Wenn er Pech hatte, traf er sie mehrmals die Woche.

Nach dem langen Arbeitstag fuhr Thore mit seinem Bus an den Nieblumer Strand und setzte sich dort in die Dünen. Es wurde um diese Jahreszeit, Mitte Juni, spät dunkel. Der Abglanz der Mitternachtssonne, die im Sommer nie unterging, strahlte bis nach Föhr. Nach Sonnenuntergang wurde der Himmel dunkelblau, Wellen nippten an der Strandkante, und die ersten Sterne funkelten von oben herab. Sehr romantisch – eigentlich. Nur rannten seine Gedanken im Kreis und kamen immer wieder bei Keike an. Wie kam er da jemals wieder raus?

Er brauchte dringend jemanden zum Reden. Also nahm er sein Handy und schrieb Lars eine SMS.

Morgen um drei an unserem Lieblingsplatz?

Kurze Zeit später kam die Antwort:

Geit klar.

Erschöpft lehnte Thore sich zurück und blickte in den samtblauen Himmel. Er hoffte, dass morgen alles besser wurde.

3.

Mitten im flachen Nichts kreuzten sich zwei Feldwege, die in beide Richtungen kilometerlang geradeaus gingen. Thore parkte seinen VW-Bus und setzte sich auf eine Bank, die irgendjemand mal dort hingestellt hatte. Wann und warum, wusste niemand, sie war einfach da. So weit er blickte, waren weder Baum noch Strauch zu sehen, nur Leere, bis zum Horizont. Eine unübersehbare Herde weißer Haufenwolken raste von Osten über ihn hinweg Richtung offenes Meer.

Von ferne sah er einen Punkt näher kommen, der erstaunlich schnell größer wurde. Es war Lars auf seinem feuerroten Rennrad. Sein Freund fuhr jeden Tag einmal rund um Föhr, meist morgens, bevor er als Lehrer seinen Unterricht an der Eilun-Feer-Skol antrat. Thore fand die Vorstellung, so früh aufzustehen, gruselig. Um diese Uhrzeit konnte er noch gar nicht sprechen, geschweige denn an Sport denken.

Lars steckte mitten in den Zeugniskonferenzen vor den großen Ferien und hatte wenig Zeit. Schön, dass er trotzdem gekommen war. Jetzt stand er in seinem gelben Tour-de-France-Trikot vor ihm, seine Radfahrerschuhe klackten, als er abstieg.

«Moin.»

«Moin.»

Er ließ sich keuchend neben Thore auf die Bank fallen. Thore reichte ihm ein Flens, was für Lars um diese Zeit normalerweise ein Tabubruch war. Aber schnacken mit einem Kumpel ging nicht ohne.

Keike hatte immer gemeint, dass Männer im Gegensatz zu Frauen nicht über Persönliches reden konnten. Das stimmte nicht, es lief nur etwas anders ab. Beide drückten im selben Moment den Bügelverschluss auf, und es gab den vertrauten «Plopp». Dann stießen sie an und brummten auf Friesisch: «Sünjhaid.» Nach dem ersten langen Schluck hielten sie die Flaschen im Schoß und guckten stumm in die Weite. Irgendwann nahm Thore einen weiteren Schluck und murmelte das Schlüsselwort:

«Frauen …»

Der Wind fegte über die Gräser hinweg und raschelte in den Büschen.

«Echt!», bestätigte Lars und spielte am Bügelverschluss herum. Dann schwiegen sie wieder und ließen zig Wolken über sich hinwegziehen.

«Immer dasselbe», brummte Thore.

Wieder Schweigen. «Aber ohne is auch schlecht.»

Das musste bei beiden erst mal sacken. Sie starrten angestrengt zum Horizont, als würde dort die Lösung angezeigt.

«Weiß nich», gab Thore zu bedenken.

Lars verzog das Gesicht. «Nur so allgemein.»

«Jo.»

Lars nahm einen großen Schluck. «Keike hat uns zu der Party in der Villa eingeladen. Keiner hat geahnt, dass sie sich verloben wollte.»

«Ist schon okay. Ich versteh Keike trotzdem nich.»

Lars nickte. «Frauen halt, da steckst nich drin.»

«Nee», widersprach Thore. «In diesem Fall bin ich der Trottel. Im Ernst, Lars, ich treffe die Traumfrau überhaupt, und was mach ich? Ich schick sie in die Wüste.»

Lars nickte. «Zu spät.»

«Warum hab ich das nicht vorher geschnallt?»

«Du warst schwer genervt von ihr.»

«Lag vielleicht nur an mir.»

«Meinste?»

«Hmm.»

Ein Windstoß fuhr ihnen durch die Haare.

«Und jetzt?»

Thore hatte das Gefühl, dass Blei auf seiner Brust lag. Seine Ruhe war nur äußerlich. «Auf Föhr laufen wir uns jeden Tag übern Weg.»

Lars verzog das Gesicht. «Zumal ihr Typ gerade zu ihr nach Wyk gezogen ist.»

«Echt?»

«Fängt als Assi im Inselkrankenhaus an.»

Thore stöhnte auf. «Na super, wenn ich mir die Haxen breche, operiert der mich womöglich noch.»

Lars grinste. «Vielleicht bastelt er dir dann Hörner auf die Stirn.»

«Sehr witzig.»

«So was ist bestimmt schon vorgekommen.»

Thore wusste wirklich nicht mehr weiter. «Und was mach ich jetzt?»

«Irgendwann gewöhnst du dich dran.»

«Oder nich.»

«Doch, das wird.»

«Und wenn nich?»

«Irgendwann bist du damit durch.»

«Und bis dahin?»

«Durchhalten.»

Thore blickte zum Horizont. «Oder abhaun.»

In die Wolken konnte sich Thore alle erdenklichen Fluchtorte hineinträumen. Dort schlummerten jede Menge unbekannter Plätze, an denen noch niemand gewesen war.

Lars sah ihn überrascht an. «Häh? Und wohin?»

«Zeigt sich dann.»

«In der Hauptsaison? Holgi würde dich grillen.»

Sein Arbeitgeber würde tatsächlich alles andere als begeistert sein.

«Ändert nix.»

Die Gräser wurden vom Ostwind nach Westen gedrückt. Die Luft war kühl, was sehr erfrischend war.

Lars sah auf seine Uhr. «Ich muss.»

«Hmm.»

«Kopf hoch, Alter.»

«Jo.»

Es folgte ihre übliche Abschiedschoreographie: Sie standen auf, umarmten sich kurz und gaben sich dabei einen kräftigen Klaps auf die Schulter.

«Halt die Ohren steif», sagte Lars.

«Selber auch.»

Dann radelte Lars wieder davon, und Thore blieb alleine zurück. Vielleicht hatte Lars ja recht, und die Zeit würde alles regeln. Nur fühlte es sich überhaupt nicht so an.

4.

Das Sonnenlicht war den ganzen Tag lang über Jasmins weiß lackierte Schreibtischplatte gewandert. Jetzt war es fast sechs Uhr abends, und ihr Büro versank im Schatten. In den kleinen Raum passten gerade mal der Schreibtisch und eine Garderobe an der Wand. Er lag direkt hinter dem Verbandslager des Katholischen Krankenhauses, ein Provisorium, das während des letzten Umbaus entstanden und hinterher zur Dauereinrichtung geworden war. Deshalb begegnete sie während der Arbeit so gut wie keinen Kollegen.

Sie lehnte sich leicht zur Seite und konnte durch das Fenster einen Zipfel des Rheins sehen. Die Sonne schien noch aufs Wasser, ein Binnenschiff mit niederländischer Fahne am Heck kämpfte sich gegen den Strom nach Süden. Jasmins Gesicht spiegelte sich in der Scheibe. Sie sah eine Mittdreißigerin mit halblangen braunen Haaren und Ringen unter den grünen Augen. Sie trug ihr tägliches Standard-Outfit für den Job: schwarzer Hosenanzug und dunkelblaue Bluse, plus der neuen Kette mit den großen Klunkern, die sie vor einer Woche im Internet bestellt hatte. Privat war sie eher der Jeans-Typ, zu Hause scheute sie nicht die Jogginghose.

Gähnend ging sie noch einmal die Bestellungen für die nächsten Wochen durch, lange Listen, die sie genau überprüfen musste. Sie durfte keinen Fehler machen, denn davon hingen Menschenleben ab. Plötzlich fingen ihre Hände an zu zittern, und ihr Nacken verkrampfte sich. Es fühlte sich an wie eine aufziehende Grippe. Konnte das sein, mitten im Sommer? Sie tippte auf Google «Schüttelfrost» ein, und das gute alte Internet wusste Bescheid: Betroffen sind vor allem die großen Muskeln der Oberschenkel und des Rückens, aber auch die Kaumuskulatur.

Genau so fühlte es sich an!

Bei Malaria oder Influenza, aber auch bei einem Sonnenstich kann es zu Schüttelfrösten kommen. Weitere typische Erkrankungen sind Lungenentzündung, Scharlach, Wundrose, Wundstarrkrampf, Nierenbeckenentzündungen sowie Pilz- oder Blutvergiftungen.

Um Himmels willen!

Sie richtete sich auf ihrem Stuhl auf. Seit sechs Uhr morgens saß sie am Schreibtisch, in der Nacht zuvor war sie nach einem 14-Stunden-Tag nur kurz zum Schlafen nach Hause gegangen und direkt heute Morgen wiedergekommen. Nur so konnte sie alles abarbeiten, was anlag.

Pling!

Eine Mail.

Sie streckte sich. Die konnte bis morgen warten, jetzt war Feierabend. Natürlich schaute sie trotzdem rein. Die Nachricht kam von Mirko, dem Physik-Freak in der Forschungsabteilung bei Philips, im fernen Hamburg.

Bin im siebten PC-Himmel. Habe einen neuen Algorithmus gefunden, mit dem ihr eure Rechner für die Herz-OPs noch besser programmieren könnt! Die Auflösung wird sechsmal so scharf wie bisher. Interesse? LG Mirko

Ihr Atem stockte. Das war eine Sensation! Die Kardiologen des Katholischen Krankenhauses gingen mit einem Draht durch die Leiste bis zum Herz ihrer Patienten, um dort Herzklappen zu installieren, Stents zu setzen und wer-weiß-was-noch-alles. Die Ansicht der Adern wurde während der OP auf einem Bildschirm so stark vergrößert, dass sie wie Kanalrohre aussahen. Durch Mirkos Entdeckung konnten die Ärzte Schwachstellen nun noch genauer identifizieren und beheben.

Jasmin hielt seit langer Zeit persönlichen Kontakt zum Forschungszentrum in Hamburg, um immer auf dem neuesten Stand zu sein. Im Lauf der Jahre hatte sie sich Berge an medizinischem Fachwissen angelesen. Das ging zwar weit über ihre Aufgabe in der Verwaltung hinaus, aber so brachte ihr die Arbeit einfach mehr Spaß.

Du Genie!, schrieb sie zurück. Unsere Patienten werden vor Freude auf den Fluren tanzen. Ich will den Link vor allen anderen bekommen!

Das Ganze war selbstverständlich inoffiziell, später würde das Krankenhaus das Programm kaufen. Aber so konnten es sich die Kardiologen schon mal ansehen.

Mirko schickte ihr die Daten mit einem Smiley und schrieb, dass er jetzt Feierabend machen werde. Jasmin wünschte ihm einen schönen Abend und fuhr ihren PC auf Standby.

Sie nahm ihre Tasche und schleppte sich gähnend in Richtung Ausgang. Jeder Schritt fühlte sich schwer an. Das Neonlicht in den kahlen Gängen war verlässlicher als die Sonne, es schien Tag und Nacht, im Sommer wie im Winter. Normalerweise nahm sie immer einen kleinen Umweg, damit sie ja keinen Patienten begegnete. Sie ertrug es einfach nicht, täglich mit ihrem Leid konfrontiert zu werden. Heute war ihr das egal. Der kürzeste Weg hinaus ging über die Herzstation, auch wenn das nicht gerne gesehen wurde. Vier Stunden Schlaf waren zu wenig gewesen, sie wollte nur noch ins Bett.

Im Hauptgang standen mehrere Ständer mit Infusionsbeuteln. Ein älterer Mann mit einem blauen Fleck auf der Stirn lag in seinem Bett und wartete auf den Transport in den OP oder zu einer Untersuchung. An jeder Wand hing ein Kruzifix, wie es in einem Katholischen Krankenhaus eben üblich war.

Gerade kam der oberste Chef aus einem Zimmer. In seinem Kielwasser schwammen zwei Assistenzärzte, die einiges jünger waren als Jasmin. Professor Breitscheid war um die sechzig, schlank und fast zwei Meter groß. Trotz seines Alters überstrahlte er die Jüngeren mit seiner Energie. Irgendwann war mal das Gerücht aufgekommen, dass seine schwarzen Haare gefärbt waren. Die Hälfte der Belegschaft hielt dagegen. Jasmin hatte ihm heimlich ein Haar vom Kittelkragen gestohlen und im Labor untersucht. Dort wurde hochwissenschaftlich bewiesen: Er tat es nicht, beneidenswert!

«Abend, Höffgen», grüßte er freundlich.

«Abend, Professor.» Erneut überkam sie ein Gähnen.

Sie hatten vom ersten Tag an diese Form der Anrede benutzt: Er sprach sie mit Nachnamen ohne «Frau» an, sie ihn nur mit dem Titel. Das war kurz vorm Duzen, ähnlich wie bei Miss Moneypenny und James Bond.

Er fasste sie sanft am Arm. «Sie sollten mal Pause machen, Höffgen. Sie waren letzte Nacht bis Mitternacht hier, und jetzt sind Sie noch immer da.»

Sie versuchte ein Lächeln. «Sie ja auch, sonst wüssten Sie das nicht.»

Er zog eine Augenbraue hoch. «Wenn Sie sich unwohl fühlen, kommen Sie direkt zur mir auf die Station, verstanden?»

«Kann man da denn in Ruhe ausschlafen?»

«Wenn es sein muss, gebe ich Ihnen eine Narkose. Damit kommen Sie auf jeden Fall zur Ruhe.»

Sie wollte weitergehen, aber die Neuigkeit musste noch raus. «Übrigens, der Kollege, der an dem Katheter-Programm sitzt, ist vor einer halben Stunde fertig geworden.»

Der Professor sah sie verblüfft an. «Und Sie haben das gleich erfahren?»

«Noch vor seinem Chef.» Sie unterdrückte ein weiteres Gähnen. «Ich habe es auf Ihren Rechner weitergeleitet.»

Professor Breitscheid schüttelte bewundernd den Kopf. «Mann, Höffgen, wen Sie alles kennen! Haben Sie auch die Privatnummer vom lieben Gott?»

«Festnetz oder mobil?»

Er lachte. «Wenn es Sie nicht gäbe, müsste man Sie erfinden. Aber machen Sie wirklich mal Pause. Wir wollen noch länger was von Ihnen haben. Schönen Abend noch, Höffgen.»

«Für Sie auch, Professor.»

Sie hatte es weit gebracht für eine ehemalige Verwaltungsangestellte der AOK Gummersbach. Der Professor höchstpersönlich hatte dafür gesorgt, dass sie etwas mehr Gehalt bekam als in diesem Job üblich. Für die nächste Stufe hätte sie studieren müssen.

Auf dem Weg zum Ausgang merkte sie plötzlich, wie ihre Knie butterweich wurden. Sie konnte sich kaum noch aufrecht halten und klammerte sich krampfhaft an die Wand. Wenn sie sich jetzt zu Boden gleiten ließe, würde sie nicht wieder hochkommen, das spürte sie deutlich. «Bloß nicht», murmelte sie verzweifelt.

So kam sie nicht nach Hause, also ab in die Notaufnahme? Nein, sie wollte kein großes Brimborium daraus machen. Wenn sie sich kurz irgendwo ablegte, kam das wieder in Ordnung.

Gleich um die Ecke war der Eingang zum C-Trakt. An der Milchglastür hing ein Schild: «Wegen Bauarbeiten geschlossen.» Sie zückte ihren Universalschlüssel und öffnete die Tür. Es roch nach frischer Farbe und neuen Möbeln. Sie wankte ins erstbeste Zimmer. Hier stand ein Bett, das aus Hygienegründen vollständig in eine Plastikplane gewickelt war. Sie ließ sich einfach auf die Matratze fallen. Doch dadurch wurde es nicht besser, im Gegenteil, alles drehte sich noch wilder in ihrem Kopf. Hoffentlich war es nicht doch etwas Schlimmes! Falls sie ohnmächtig wurde, würde sie hier niemand finden.

Das war ihr letzter Gedanke, bevor sie in einen tiefen Schlaf fiel. Im Traum lag sie in einer winzigen Nussschale von Boot. Über ihr türmten sich riesige, schwarze Wolken, es braute sich ein Unwetter zusammen. Das Wasser war aufgewühlt, weiße Schaumkronen tanzten auf den hohen Wellen. Sie schaffte es gerade so an Land. Am Strand vor dem Kinderkurheim stand ihr bester Freund Ralf, der im Katholischen Krankenhaus arbeitete. Seine Kleider blähten sich im Wind auf. Die Sonne schien wieder. Sie genoss das klare Licht des Nordens und legte sich neben den schönen Sönke, der immer für sie da war. Sie nahm seine Hand, sie fühlte sich warm an. Was für ein Glück, dass sie zusammen waren!

«Baff!», knallte es in ihren Ohren.

Das kam nicht vom Meer, sondern hörte sich an wie eine Tür. Wo gab es am Strand eine Tür? Verwirrt öffnete sie die Augen. Professor Breitscheid stand mit einem der Hausmeister vor ihrem Bett und fühlte ihren Puls.

«Wie gut, dass Herr Windhövel Sie zufällig gefunden hat», sagte er. «Was machen Sie hier, Höffgen?» Er sah besorgt aus.

«Ich wollte die Matratze testen», rechtfertigte sie sich mit belegter Stimme. Was eine komplett unsinnige Ausrede war, die es nur noch peinlicher machte. Zum Glück ging der Professor nicht darauf ein, sondern fühlte weiter ihren Puls und beobachtete den Sekundenzeiger seiner Uhr.

«Gerade noch okay», stellte er fest. «Wissen Sie eigentlich, wie spät es ist?»

«Nein.»

«Vier Uhr.»

«In der Nacht?»

«Was sonst?»

Sie war vollkommen durcheinander. Durchs Fenster sah sie, dass es draußen schon wieder dämmerte. Dann hatte sie also zehn Stunden hier geschlafen – wie konnte das passieren?

Eine junge Krankenschwester, die Jasmin noch nie gesehen hatte, rollte ein EKG-Gerät herein. Der Professor schloss ihr die Dioden an Bein, Dekolleté und Bauch an.

«Vielleicht ist sie ja obdachlos», meinte der Hausmeister.

«Wieso das denn?», schnaubte Breitscheid.

«Ich hab das mal auf RTL gesehen, da waren Leute, die haben tagsüber ganz normal gearbeitet und nachts …»

«Schluss jetzt», unterbrach ihn Breitscheid. «Lassen Sie mich meine Untersuchung fortsetzen.»

Windhövel zog beleidigt ab.

Hatte der das ernst gemeint? Das würde sich sicher bald im Krankenhaus rumsprechen: Die Höffgen schläft im Patientenbett, weil sie kein Zuhause hat. Ein Albtraum. Wieso hatte sie sich nicht zusammengerissen und war einfach nach Haus gegangen?

«Was ist mit der OP?», erinnerte die Krankenschwester den Professor.

«OP?», fragte Jasmin entsetzt. War sie etwa schwerkrank?

«Ich komme gleich», knurrte Breitscheid.

Sie atmete auf, offenbar war nicht sie gemeint. «Gehen Sie nur», murmelte sie. «Ich bin gesund.»

Professor Breitscheid blickte konzentriert auf das EKG. «Sieht alles gerade noch in Ordnung aus, bis auf ein paar Stolperer, sehen Sie selbst …»

Jasmin guckte lieber gar nicht hin. Sie war müde, nicht krank! «Will sagen?»

«Sie haben leichte Herzrhythmusstörungen. Noch ist das gerade so im grünen Bereich, mehr darf das aber nicht werden. Ich schreibe Sie acht Wochen krank.»

Sie schoss aus dem Bett hoch und starrte ihn entsetzt an. «Was? Acht Wochen?»

«Sie brauchen dringend eine Auszeit.»

Da Jasmin immer noch an die Dioden angeschlossen war, konnte sie zusehen, wie ihr Blutdruck in die Höhe schoss. «Bitte, das dürfen Sie nicht!»

«Und ob ich das darf», bollerte Professor Breitscheid. «Vier Wochen Krankschreibung plus vier Wochen Überstunden abbummeln. Noch Fragen?»

Wochenlang zu Hause herumliegen und die Wände anstarren, war eine ernste Bedrohung für sie, das unterschätzte der Professor! Es würde sie erst richtig krank machen.

«Ich kann keine Mitarbeiter gebrauchen, die sich kaputtschuften», schimpfte er. «Sie müssen dringend ausspannen. Und damit das klar ist, Höffgen: In dieser Zeit haben Sie in der Klinik Hausverbot!»

Dann drehte er sich um und verließ mit der Krankenschwester den Raum. Jasmin blieb wie versteinert zurück. Wie sollte sie die nächsten Wochen bloß überleben?

5.

Vor der Tür des Krankenhauses gähnte Jasmin so heftig, dass ihr Kiefer knackte. Die Morgendämmerung hatte alle Farben durch ein Einheitsgrau ersetzt, Nieselregen legte sich über die Stadt. Obwohl sie so lange geschlafen hatte, war sie immer noch hundemüde. Sie überlegte, ob sie ihren dunkelroten Schirm aufspannen sollte, ging dann aber einfach los. Der Regen würde sie vielleicht wach machen.

Dass sie damals eine Wohnung gleich um die Ecke gefunden hatte, war ein Zufall gewesen, über den sie gar nicht glücklich war. Im Gegenteil, sie beneidete ihre Kollegen, die mit der U-Bahn zur Arbeit kamen, den Coffee-to-go in der einen Hand, das Smartphone oder ein Buch in der anderen. Mehr räumlichen Abstand zwischen Arbeit und Zuhause hätte sie besser gefunden. Deshalb nahm sie immer einen langen Umweg, um nach Hause zu gehen. Es war ihr tägliches Ritual, an dem sie bei jedem Wetter festhielt. So auch heute.

Sie schleppte sich an der mächtigen Rotbuche neben dem Kunibertkloster vorbei. Niemand war auf der Straße zu sehen, selbst für die ersten Jogger war es noch zu früh. Kurze Zeit später stand sie am Ufer des Rheins, der sich schnell und mächtig an ihr vorbeischob. Wie gern hätte sie sich jetzt mit einer Luftmatratze aufs Wasser gelegt und sich einfach bis zum Meer treiben lassen.

Die Domplatte, auf der sich sonst Scharen von Touristen aus aller Welt drängten, wirkte wie ein vergessenes Privatgelände. Sie betrat die Hohenzollernbrücke. Der Regen ließ nach, und ein Sonnenstrahl brachte die unzähligen Liebesschlösser am Geländer der Bahnstrecke zum Leuchten. Verliebte Paare hatten sie hier angebracht und die Schlüssel ins Wasser geworfen: ein Schloss für die Ewigkeit – wie lange diese im Einzelfall auch dauern mochte.

Normalerweise durchquerte sie jetzt den Rheinpark auf der anderen Flussseite, aber heute war sie zu kaputt. Außerdem wurde der Regen heftiger. Sie drehte um und tauchte hinterm Hauptbahnhof in ihr Viertel ein, ihr «Veedel», wie die Kölner sagten. Vor der Musikhochschule blieb sie stehen. Ein Cello spielte eine schwermütige Melodie. Sie lehnte sich einen Moment an eine Häuserwand und schaute den Regentropfen dabei zu, wie sie in den Pfützen zur Musik tanzten.