Wiedersehen in der kleinen Inselbuchhandlung - Janne Mommsen - E-Book
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Wiedersehen in der kleinen Inselbuchhandlung E-Book

Janne Mommsen

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Beschreibung

Krimiautor Hauke ist auf der kleinen Nordseeinsel aufgewachsen. Zusammen mit seinen Freunden Wiebke, Nicole und Kai hat er hier, hinterm Deich, eine unbeschwerte Kindheit verbracht. Die vier schworen einander, für immer auf der Insel zu bleiben. Doch dann kam mit dem Abitur das Ende der Clique, ein schmerzhafter Bruch für sie alle. Zwanzig Jahre später kehrt Hauke zum ersten Mal auf seine Heimatinsel zurück. Er hat einen Krimi geschrieben, der hier spielt und den er in Greta Wohlerts kleiner Inselbuchhandlung vorstellen soll. Als die Lesung beginnt, traut er seinen Augen nicht: Im Publikum sitzen seine drei Freunde von damals! Vor allem der Anblick Nicoles, seiner ersten großen Liebe, versetzt ihm einen Stich. Auch in den Tagen danach laufen sich die vier, ohne es zu wollen, ständig über den Weg. Kann es gelingen, die Zeit zurückzudrehen und alte Wunden endlich heilen zu lassen?

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Janne Mommsen

Wiedersehen in der kleinen Inselbuchhandlung

Roman

Über dieses Buch

Freunde für immer?

 

Krimiautor Hauke ist auf der kleinen Nordseeinsel aufgewachsen. Zusammen mit seinen Freunden Wiebke, Nicole und Kai verbrachte er hier, hinterm Deich, eine unbeschwerte Kindheit. Die vier schworen einander, für immer auf der Insel zu bleiben. Doch dann kam mit dem Abitur das Ende der Clique, ein schmerzhafter Bruch für sie alle. Wiebke ist als einzige geblieben und hat den Hof ihrer Eltern übernommen.

Zwanzig Jahre später kehrt Hauke zu einer Lesung auf seine Heimatinsel zurück. Er hat einen Krimi geschrieben, der hier spielt und den er in der kleinen Inselbuchhandlung von Greta Wohlert vorstellen soll. Als die Lesung beginnt, traut er seinen Augen nicht: Im Publikum sitzen seine drei Freunde von damals! Vor allem Wiebkes Anblick bringt ihn aus dem Konzept: Sie ist eine wunderbare Frau geworden, die sogar in Gummistiefeln eine gute Figur macht.

In den Tagen danach laufen sich die vier, ohne es zu wollen, ständig über den Weg. Kann es gelingen, die Zeit zurückzudrehen und alte Wunden endlich heilen zu lassen? Und kann etwas Neues entstehen?

Vita

Janne Mommsen ist direkt an der Ostsee geboren und aufgewachsen. In seinem früheren Leben hat er als Krankenpfleger, Werftarbeiter und Traumschiffpianist gearbeitet. Inzwischen schreibt er überwiegend Romane, Drehbücher und Theaterstücke. Mommsen hat in Nordfriesland gewohnt und kehrt immer wieder dorthin zurück, um sich der Urkraft der Gezeiten auszusetzen.

Allen Freunden

PROLOG

Die nordfriesische Meeresküste ist über Jahrmilliarden von den Gezeiten drastisch verändert worden. Der faustgroße Stein, den man am Strand der Insel findet, stammt von Gebirgen weit im Norden, die längst abgebaut sind und für die es keine menschlichen Zeugen mehr gibt. Wind, Wasser und Sonne haben den Stein in all der Zeit beharrlich bearbeitet. Hundert Jahre können wir Menschen uns zur Not noch vorstellen, tausend Jahre kaum noch, zehntausend Jahre übersteigen unsere Vorstellungskraft vollkommen – aber Milliarden Jahre? Und die Elemente bearbeiten ihn weiter, sie sind noch lange nicht am Ende mit ihm.

Vögel, Fische, Robben und andere Tiere leben ebenfalls seit Urzeiten im Meer und auf dem Land zusammen. Menschen tauchten erst vor kurzem hier auf. Irgendwann krabbelten sie über die Dünen und errichteten sich dort Hütten und Verschläge, die bei jeder Sturmflut überspült wurden. Doch die Siedler waren zäh, sie kamen wieder und bauten sie unermüdlich wieder auf.

Nach einigen gewaltigen Sturmfluten, die die ganze Küste überrannt haben, ist diese Insel entstanden. An ihrem Westzipfel gründeten Siedler ein Dorf, das sie mit einem Deich gegen die Fluten schützten. Vor dem Wall hat sich ein kleiner Strand gebildet, den nur die Einheimischen kennen. Er wird das «Sörenswai-Vorland» genannt.

Sand, Strandhafer und andere Pflanzen werden im Winter immer wieder vom Meer überspült. Es ist alles wild und ungeordnet hier, am Himmel ziehen riesige Walfische, Vögel, Drachen und Paläste in Wolkenform vorbei. Zwei Mädchen und zwei Jungen aus dem Dorf spielen regelmäßig an diesem Strand, sie sind alle im gleichen Alter. Die Kinder lieben diesen Ort.

Das blonde Mädchen mit den braunen Augen ist schon als Kind eine Schönheit, und je älter sie wird, desto schöner wird sie. Sie wirkt zurückhaltend, ist aber nicht schüchtern: Alle suchen ihre Nähe. Menschen wie sie müssen nicht viel tun, um gemocht zu werden. Das dunkelhaarige Mädchen mit den Sommersprossen ist ziemlich groß für ihr Alter. Ihre hellen blauen Augen leuchten wie Punktstrahler, sie lacht viel und ist immer in Bewegung. Der blond gelockte Junge mit den breiten Schultern und dem kantigen Kinn hat ebenfalls blaue Augen. Er sieht aus wie das Klischee eines Friesen und spricht mit Akzent, obwohl seine Eltern nicht von der Insel stammen. Ihn sieht man am Sörenswai-Vorland oft mit einem Buch in der Hand. Der andere Junge ist ein echter Brocken, dunkelhaarig, breit und kräftig. Er ist von früh an der Bestimmer, sein Berufswunsch wundert niemanden: Er will Chef werden, egal wo und von was. Aber er besitzt unbestreitbar Charme, und die anderen mögen ihn, weil er zupackend und aufrichtig ist.

Außer den vier Freunden ist nie jemand am Sörenswai-Vorland, es ist so etwas wie ihr privater Strand. Schon früh spielen sie alleine hier. Von klein auf können sie schwimmen und kennen das Wattenmeer besser als ihre Kinderzimmer, was soll da schon passieren? Die Landschaft um sie herum ist wie Musik, die Melodien des Meeres und des Windes haben ihre ganz eigenen Töne, die ihnen vertrauter sind als sämtliche Kinderlieder, mal laut, mal leise, mal hell, dunkel, schnell, mal verträumt.

Sie sammeln Strandgut ein, kleine Holzlatten und Plastikteile, manchmal eine Glasflasche mit arabischer oder chinesischer Aufschrift. Einmal finden sie an der Wasserkante zwei meterlange Äste, die dick wie Wasserrohre sind. Mit vereinten Kräften schaffen es die Freunde, sie zu bergen und an den Strand zu ziehen. Es sind Teile eines uralten Baumes, der ein paar hundert Jahre an einem norwegischen Fjord stand, jedenfalls ist das ihre Vermutung. Sie lagern sie hinten bei den Dünen.

Noch wissen sie nicht, was sie damit anfangen sollen, das wird sich ergeben.

Kurze Zeit später verliert ein Frachter draußen auf hoher See einen Container und entlässt Tausende Sneakers jeder Größe ins Wasser. Für die Freunde ist das kein Müll, sondern Spielzeug. Sie stecken ihre Füße in die viel zu großen Erwachsenenschuhe und machen Wettläufe darin. Ein Riesenspaß, denn sie stolpern jedes Mal, sosehr sie es auch vermeiden wollen.

Im Sommer bevor sie in die Schule kommen, bauen sie aus dem Treibgut einen Verschlag. Als Erstes buddeln sie die tiefsten Löcher, die sie je gegraben haben, und stellen die beiden dicken Äste hinein. Wie ein Tor ragen sie in den Himmel. Daran befestigen sie kleinere Äste und Holzstäbe, in das Gerüst werden Sneakers, Schilf und Stoffreste als Wände eingearbeitet. Sie arbeiten jeden Tag neun Stunden, was ungeheuer anstrengend ist. Ihre Eltern staunen, was sie auf einmal essen können: Die Jungen und das dunkelhaarige Mädchen schaffen zum Abendbrot sechs dicke Käsestullen!

Der bullige Junge bringt irgendwann eine alte Plane mit, die mal ein Zelt war. Damit haben seine Eltern in ihren Jugendjahren Camping gemacht. Das wird ihr Dach, nun ist die Hütte regendicht. Sie ist gerade groß genug, dass alle vier hineinpassen, und sie wird ihr täglicher Treffpunkt, auch im Winter. Gegen die Kälte nehmen die Freunde von zu Hause dicke Decken mit. Nie haben sie sich wieder so wohl gefühlt wie hier.

Doch kurz nach Weihnachten wird ihre Hütte bei einer schweren Sturmflut vollständig vernichtet. Alles ist weg, nur die dicken Äste ragen noch wie ein Mahnmal in den Himmel. Die vier zögern nicht einen Tag und bauen die Hütte mit neuem Strandgut wieder auf.

An diesem Strand vertieft sich ihre Freundschaft mit jedem Tag. Manchmal kommen sie nur zu zweit hierher, mal die beiden Mädchen, mal die Jungen, mal der Kräftige mit der Schönen, die Dunkelhaarige mit dem Blonden. Diese beiden beginnen irgendwann, Querflöte zu spielen. Und sie alle lesen viel. Dann sitzen sie still nebeneinander in der Hütte mit Büchern aus der Fahrbücherei, die einmal in der Woche ins Dorf kommt. Lesend begeben sie sich in Welten, die sie noch nie gesehen haben, von denen aber klare Bilder in ihrem Kopf entstehen. Vor allem das dunkelhaarige Mädchen und der blonde Friesenjunge verschlingen alles, was ihnen in die Finger kommt. Den anderen tragen sie ihre Lieblingstexte laut vor. Manchmal kichern sie dabei oder werden zusammen traurig.

Doch dann scheint etwas passiert zu sein. Plötzlich kommt keiner mehr. Und der Sörenswai-Strand gehört wieder sich selbst. Die Hütte wird erneut von Sturmfluten überspült, bis nichts mehr übrig ist. Niemand baut sie wieder auf. Einzige Überbleibsel sind die beiden Äste, die tief im Sand stecken, sich aber bald zum Boden neigen. Irgendwann kommt die Dunkelhaarige noch einmal alleine hierher, setzt sich in den Sand und weint.

 

Im Lauf der unzähligen Jahre war die Episode mit der Strandhütte nicht einmal ein Wimpernschlag. Nichts hat sich verändert, die Gezeiten kommen und gehen. Jahre später kommt die Dunkelhaarige mit den blauen Augen wieder hierher. Sie hat ihre beiden Kinder dabei. Und alles beginnt von vorne.

1

Die Flut lief gerade auf, und der Himmel war leicht bedeckt. Wiebke stand in Overall und Gummistiefeln an der Wasserkante des Sörenswai-Vorlandes und blickte hinüber zur Nachbarinsel, die ein paar Seemeilen entfernt vor ihr lag. Ein kräftiger Wind fuhr durch ihr dunkles, schulterlanges Haar. Sie ging bis zu den Knöcheln ins Meerwasser und spülte die klumpige Marscherde von den Stiefeln ab.

Hinter ihr hoben die Zwillinge gerade ein tiefes Loch aus. Enna und Broder sahen dabei hochkonzentriert aus, für sie bedeutete das Schwerstarbeit. Dass ihre wuseligen Haare ihnen andauernd ins Gesicht wehten, merkten sie nicht einmal. Beide streckten beim Buddeln unwillkürlich ihre Zungen heraus. So sah man ihre Zahnlücken, die Schneidezähne waren ihnen gerade erst ausgefallen. Sie waren fast sechs Jahre alt und sollten nach dem Sommer in die Schule kommen, worauf sie sich riesig freuten: endlich der ersehnte Aufstieg in die erste Klasse! Wiebke erinnerte sich daran, dass es bei ihr genauso gewesen war. Die ersten zwanzig Jahre ihres Lebens wollte sie so schnell wie möglich älter werden, um endlich für voll genommen zu werden und alles zu dürfen. Mit ihren neununddreißig Jahren sah sie das inzwischen nüchterner: Erwachsene verhielten sich im Grunde nicht anders als Kinder, da änderte sich gar nicht so viel.

«Mama, hilfst du uns?», rief Enna aufgeregt.

Wiebke ging zu ihnen hinüber und schaute in das Loch. Sie erstarrte. Ganz unten wurde ein halbverrotteter Stumpf sichtbar, der mal ein Pfahl gewesen sein könnte. Ihr lief ein Schauer über den Rücken. Waren das die Reste der Strandhütte, die sie damals mit ihren drei besten Freunden gebaut hatte, als sie so alt wie Enna und Broder war?

«Hier stand mal ein Haus», erklärte sie lächelnd.

Broder sah sie skeptisch an. «Direkt am Strand?»

«Ich habe es mit meinen Freunden aus Treibgut gebaut.»

Enna staunte. «Hast du dadrinnen auch gewohnt?»

«Ja, manchmal.»

In dieser Hütte war eigentlich alles passiert, was in ihrer Kindheit von Bedeutung war. Im Winter wie im Sommer, an Weihnachten wie an Geburtstagen, voller Liebeskummer oder glücklich verliebt. Hier hatten sie geredet, gelesen, geküsst und getrauert.

«Wer waren denn deine Freunde?», fragte Enna.

«Sie hießen Nicole, Hauke und Kai und kamen aus dem Dorf.»

«Seht ihr euch noch manchmal?», fragte Broder.

«Nein.»

«Wieso nicht?»

«Ach, das ist eine lange Geschichte.»

«Wir haben Zeit», bettelte Enna. «Erzähl sie uns – bitte.»

«Später. Wie wäre es, wenn wir uns hier genauso ein Haus bauen wie damals?»

«Super!», riefen beide gleichzeitig und fielen ihr in die Arme.

 

Seitdem stürmten die drei jeden Tag los und sammelten alles an Treibgut ein, was sie finden konnten. Broder entdeckte zwei Langhölzer, die parallel zueinander tief eingegraben wurden, das sollte der Eingang werden. Eine Querlatte kam zwischen die Pfähle, die sie erst einmal provisorisch mit Algen und Strandgras befestigten. Anschließend legten sie ein paar Steine in den Sand, um den Grundriss zu markieren.

«Das könnte was werden», befand Broder.

 

Eine Woche später waren die Wände so gut wie fertig, es fehlte nur noch das Dach. Die Sonne schien an diesem ungewöhnlich windstillen Tag ungefiltert auf sie herab. Wiebke sah unruhig auf ihre Uhr, es war bereits vier. Einerseits wollte sie die Fertigstellung der Hütte nicht verhindern, Enna und Broder konnten es gar nicht abwarten. Andererseits musste sie nun wirklich los.

Über den Deich wanderten sie zurück zu ihrem Trecker. Sie startete den Diesel, sofort darauf tönte Benjamin Blümchen aus dem uralten CD-Player. Der kleine Otto wurde vermisst, Benjamin Blümchen suchte ihn und fand ihn schließlich – in der Speisekammer. Das fanden Enna und Broder immer wieder spannend, obwohl sie die Geschichte schon hundertmal gehört hatten.

Die Fahrt war kurz und führte an Wiebkes Feldern vorbei. Im Augenblick wuchs dort vor allem Mais für die Biogasanlage im Dorf, auf den Weiden grasten ihre Kühe. Wiebkes Hof lag nur ein paar Kilometer hinterm Deich. Er bestand aus einem alten Reetdachhaus und einem modernen Stall für hundert Kühe, drum herum lagen ihre Weiden und Felder. Ihr Betrieb war nicht besonders groß, es reichte gerade so zum Überleben. Sie hatte den Hof nach dem Tod ihrer Eltern übernommen, da war sie gerade mal zwanzig gewesen. Die Kühe und das Ackerland bewirtschaftete sie seitdem alleine, was eine Menge Arbeit war. Das Wichtigste war dabei für sie, dass Enna und Broder neben all der Arbeit nicht zu kurz kamen. Oft stiegen sie einfach mit auf den Trecker und hörten CDs, während sie auf den Feldern ihre Furchen zog.

Heute war ein ganz besonderer Tag. Sie wollte sich so schön machen, wie es ging, dazu würde sie das Beste einsetzen, was ihre Garderobe hergab.

Doch bevor sie sich um ihr Aussehen kümmern konnte, huschte sie in den Stall, ließ das Spülwasser aus der Melkanlage ab und schloss die ersten sechs Kühe an die Melkmaschine an. Dann stellte sie laut Musik an, um die Milchproduktion zu steigern. Es waren Mozarts «Kleine Nachtmusik» und die «Moldau» von Smetana. Auch für sie ging so alles viel leichter.

Ihre Kühe sah Wiebke häufiger als ihre Freunde, jedes Tier war ihr bestens vertraut und hatte von ihr einen Namen bekommen. Lotte, Annabell, Ricarda, Bunti, Sarah, Sandrine und die anderen waren für sie echte Schönheiten – jede auf ihre Art. Genauso wie die vielen anderen Tiere auf dem Hof, zu denen sie die Kinder überredet hatten, die für die Landwirtschaft allerdings kaum Nutzen hatten: drei Ziegen, zwei Schafe, Zwerghühner, Truthähne, Tauben und Kaninchen. Sie waren das Ergebnis reiner Liebe und rannten mehr oder weniger frei über das Gelände. Natürlich durften sie nie geschlachtet werden, das war hoch und heilig versprochen.

Wiebke blickte nervös auf die Uhr, langsam sollte sie sich fertig machen. Da kam zum Glück auch schon ihre Aushilfe um die Ecke, in Blaumann und grünen Gummistiefeln: Auf den sechzehnjährigen Leif, den Sohn von Nachbar Thorsten Ingwersen, war Verlass.

«Moin!», grüßte er und legte eine Plastikhaube über seine langen Haare. Strenge Hygiene war im Stall unerlässlich, das wusste er von zu Hause.

«Moin, Moin.»

«Und du willst heute um die Häuser ziehen?», fragte er.

«Das ist vielleicht etwas zu viel gesagt. Ich will zu einer Lesung.»

Er sah sie verständnislos an. «Da sitzt einer auf einem Stuhl und liest was vor?»

«Jo.»

«Mehr passiert da nicht?»

«Doch. Wenn es richtig spannend wird, trinkt er einen kleinen Schluck Wasser aus seinem Glas.»

Er lachte. «Klingt voll nach Action.»

Wiebke lächelte zurück. «Du kommst hier klar?»

Er nickte und wandte sich der Melkmaschine zu. Wenn er fertig war, würde er Enna und Broder ins Bett bringen und auf sie aufpassen, bis sie zurück wäre. Das hatten sie schon öfter so gemacht, und die Kinder liebten ihren Babysitter heiß und innig.

Wiebke eilte ins Haus in ihr frisch renoviertes Badezimmer. Sie hatte es eigenhändig zu einer kleinen Wellness-Oase ausgebaut, inklusive eleganter grauer Schieferplatten an den Wänden. Der Raum war jetzt doppelt so groß wie früher, es gab eine Badewanne, eine Massagedusche und ein riesiges Waschbecken.

Sie warf einen skeptischen Blick in den Spiegel: Aus der Dorfpomeranze im Overall sollte in einer halben Stunde ein heißer Feger werden?

Mission impossible, Wiebke!

Sie musste es trotzdem probieren. Ihre Nase war einen Tick zu lang, das fand sie schon immer, ihre Augen etwas zu klein. Doch das ließ sich heute Abend nicht mehr ändern. Ansonsten war sie groß, dünn und athletisch, um ihre Augen herum erkannte sie beim genauen Hinsehen feine Fältchen. Die unsichtbar zu machen, dafür gab es zum Glück Mittel und Wege.

Erst einmal raus aus den Klamotten und ab unter die heiße Dusche. Ins Haar kam eine Kur und aufs Gesicht eine Tonerde-Maske, die würde ihre Haut laut Versprechen auf der Verpackung zart machen wie in Kindheitstagen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Wie würde sie wohl auf Hauke wirken? Hatte sich ihr Aussehen in den letzten Jahren vielleicht so drastisch verändert, dass er sie gar nicht wiedererkannte? Sie blickte in den Spiegel. Mit der tonerdenen Gesichtsmaske war das schwer zu beurteilen. Ihre knallblauen Augen stachen als starker Kontrast daraus hervor.

«Aaaar!», schrien Enna und Broder, als sie hereinstürmten und sie mit der Maske sahen. Sie sah wirklich aus wie ein Monster an Halloween.

«Wohin gehst du?», fragte Enna, als sie sich wieder beruhigt hatte.

Wiebke wusch sich das Gesicht sorgfältig ab, cremte es ein, trug eine hauchdünne Schicht Make-up auf und fischte sich als Nächstes den Eyeliner aus ihrem Schminktäschchen. «Ich treffe einen alten Freund wieder. Hauke hat damals unser Strandhaus mitgebaut.» Sie malte einen dünnen schwarzen Strich oberhalb der Augenlider. «Ich sehe ihn heute Abend das erste Mal seit zwanzig Jahren wieder.»

Sie überprüfte ihr Gesicht und war noch nicht zufrieden. Sie griff zum Rouge. Sie war aufgeregt wie seit Jahren nicht mehr.

«Habt ihr euch nie gemailt?», fragte Broder. «Oder telefoniert?»

«Nein.»

Ihre gesamte Kindheit und Jugend hatte sie mit Hauke und den anderen verbracht, sie hatten sich jeden Tag gesehen, während der Schulzeit, an Silvester und in den großen Ferien. Das letzte Jahr vor dem Abitur hatte er sogar bei ihr auf dem Hof gewohnt. Und trotzdem hatten sie seitdem so gut wie nichts voneinander gehört, was auch an ihr gelegen hatte. Kai zum Beispiel war irgendwann sogar wieder auf die Insel gezogen, sie hatte ihn zwar hin und wieder von weitem gesehen, aber nie mit ihm gesprochen.

Enna kratzte sich nachdenklich am Kopf. «Aber du hast diesen Hauke bestimmt mal gegoogelt.»

Sie nickte. «Er ist ein berühmter Schriftsteller geworden.»

«Schreibt er auch Kinderbücher?», erkundigte sie sich.

«Nee, Krimis.»

«Hast du mal einen von ihm gelesen?»

«Alle.» Sie hatte Haukes Karriere über all die Jahre verfolgt. Er schrieb einen Bestseller nach dem anderen, wer hätte das damals gedacht? Sie griff zum Lidschatten, den sie ewig nicht mehr benutzt hatte. Für wen auch, hier auf dem Bauernhof? Für die Kühe?

Enna setzte sich neben sie und rieb sich ein bisschen Make-up aufs Gesicht. «Mochtest du Hauke?»

«Ja.» Er war lange Zeit der wichtigste Mensch in meinem Leben, dachte Wiebke – von meinen Eltern vielleicht abgesehen.

«Hast du ihn mal geküsst?»

«Nicht richtig.»

Enna verzog das Gesicht. «Häh? Kann man auch falsch küssen?»

Wiebke ging nach nebenan ins Schlafzimmer. Das luftige, hellblaue Sommerkleid mit dem weißen Blumenmuster hing schon gebügelt am Schrank. Das würde mit ihren blauen Augen harmonieren, im besten Fall.

Sie war wirklich sehr nervös.

Das Kleid besaß keine Taschen, sie konnte also nicht wie beim Overall ihre Hände darin verschwinden lassen. Stattdessen nahm sie eine kleine lederne Handtasche mit, die ihre Freundin Greta ihr mal aus Hamburg mitgebracht hatte und die sie sehr liebte. Es gab dafür leider nur selten Verwendung, aber heute Abend passte sie perfekt. Lippenstift, Schlüssel, Taschentücher und ein kleiner Spiegel fanden Platz darin sowie eine Packung Fisherman’s Friend, falls sie während der Lesung husten musste.

Zum Abschied gab sie ihren Kindern einen Kuss auf die Stirn, dann tapste sie auf ihren hochhackigen Sandalen über den Hofplatz zum Auto. Sie kam sich vor wie ein Storch und sah bestimmt auch so aus. Das ging gar nicht! Also stakste sie zurück ins Haus und schlüpfte in ihre grünen Slipper, die zwar deutlich bequemer waren, aber farblich überhaupt nicht zum Kleid passten. Dann eben doch die Sandaletten!

Sie atmete tief durch und lief ein paarmal auf dem Hofplatz auf und ab, bis es einigermaßen funktionierte. Sie würde sich sehr konzentrieren müssen. Schon ein bisschen selbstsicherer schritt sie zu ihrem dunkelroten, fünfzehn Jahre alten Passat-Kombi. Babysitter Leif war fertig mit dem Melken und kam gerade aus dem Stall.

«Mensch, Wiebke, siehst super aus!», rief er.

Sie lächelte dankbar. Wenn das schon ein Sechzehnjähriger sagte …

«Föl thoonk!»

Bevor sie in den Wagen stieg, atmete sie erneut tief ein und aus. Ob es mit Hauke sein würde wie früher? So vertraut und selbstverständlich? Oder würden sie sich fremd und distanziert gegenüberstehen?

Sie drehte den Zündschlüssel um – es passierte nichts. Sie probierte es erneut, alle Lampen gingen an, aber der Motor regte sich nicht.

«Nicht heute!», rief sie wütend und schlug gegen das Lenkrad.

Sie blickte auf die Uhr, noch war genug Zeit. Im Schuppen stand das alte Moped ihres Vaters, auf dem sie manchmal mit den Kindern zum Spaß auf dem Grundstück herumkurvte. Aber es war nicht angemeldet und hatte kein Kennzeichen, das traute sie sich dann doch nicht. Sollte sie also das Fahrrad nehmen? Damit wäre es zeitlich noch zu schaffen, aber sie wollte nicht verschwitzt in der kleinen Inselbuchhandlung ankommen, wo die Lesung stattfand.

Oder sollte sie den kaputten Wagen als Zeichen nehmen? Niemand konnte die Zeit zurückdrehen. Vielleicht sollte sie einfach zu Hause bleiben.

2

Hauke lag hellwach in seinem Bett. Eigentlich hätte er vor seiner großen Reise ausschlafen sollen. Aber keine Chance: Die Morgensonne schien steil durchs Fenster seiner Dachwohnung am Neuköllner Maybachufer. Er erhob sich, öffnete die Tür der kleinen Dachterrasse und schaute auf den Landwehrkanal. An der Böschung ließen die vertrauten Trauerweiden ihre Äste ins Wasser hängen. Die Cafés gegenüber waren noch geschlossen.

Er ging wieder rein und setzte einen Kaffee auf. Die Dreizimmerwohnung mit den hohen Decken hatte er vor einem halben Jahr gekauft, obwohl die Preise im Kiez gerade in die Höhe schossen. Früher war Neukölln ein berüchtigter sozialer Brennpunkt gewesen, heute sickerte die Boheme vom gegenüberliegenden Kreuzberg in die Altbauwohnungen aus der Gründerzeit. Er selbst passte da voll ins Bild, auch wenn er es noch nicht ganz glauben konnte.

Seine Einrichtung war eine Mischung aus Alt und Neu. Die Biedermeierkommode und den Tiroler Bauernschrank hatte er mit Stahlmöbeln und einer gemütlichen Liegelandschaft kombiniert. Die meiste Zeit verbrachte er jedoch im Arbeitszimmer, das nach hinten rausging. Es war vollgestellt mit tiefen Regalen, in denen Unmengen von Papieren lagerten, auf dem Boden türmten sich hüfthohe Bücherstapel. Hier musste dringend mal wieder klar Schiff gemacht werden. Sein Schreibtisch bestand aus einer riesigen Glasplatte auf robusten Holzböcken.

Dabei war ihm sein Arbeitsplatz vollkommen unwichtig. Wenn er an einem Roman schrieb, versank er vollständig in seiner Geschichte und nahm die Außenwelt gar nicht mehr wahr. Er hätte seine Bücher auch im Badezimmer schreiben können. Manchmal saß er vierzehn bis sechzehn Stunden am Schreibtisch, bis die Buchstaben vor seinen Augen zu tanzen begannen. Obwohl er dann hundemüde war, konnte er oft nicht einschlafen, denn die Figuren bewegten sich weiter in seinem Kopf.

Irgendwann, nachdem er das fertige Manuskript seiner Lektorin zugesandt hatte und es redigiert in den Druck gegangen war, bekam er dann von seinem Verlag das fertige Buch zugeschickt. Das war jedes Mal ein echtes Wunder für ihn. Auf dem Schreibtisch stand ein Karton mit seinem gestern erschienenen Roman. Das Cover mit dem Foto eines Leuchtturms, über dem düstere Wolken aufzogen, leuchtete ihm entgegen.

Plötzlich packte ihn die Angst: Und was passierte, wenn sich das Buch nicht verkaufte? Wenn das der Anfang vom Ende war? So etwas war schon ganz anderen Autoren passiert. Seine letzten beiden Romane waren zwar Bestseller gewesen und sogar mehrfach ins Ausland verkauft worden, aber das war keine Garantie. Er selbst wusste am wenigsten, warum es so gut für ihn gelaufen war. Er schrieb einfach so, wie er es selbst als Krimileser gerne lesen würde. Dabei kam ihm bestimmt zugute, dass seine Geschichten alle an der Küste spielten: Viele Menschen waren gerne am Meer. Glück gehabt, dachte er sich.

Von solchen Autoren, wie er einer geworden war, hatte er früher nur in der Zeitung gelesen. Nun wurde er selbst in allen möglichen Magazinen und Zeitschriften abgebildet. Als Sohn eines Gemeindearbeiters und einer Supermarktkassiererin, aufgewachsen auf einer abgelegenen Insel, konnte er darüber nur staunen.

Er trank seinen Kaffee aus, duschte schnell und packte dann seinen Koffer für eine Woche, inklusive Badehose. Als er fertig war, klingelte er in der Nachbarwohnung. Patricia öffnete ihm barfuß und im gestreiften Pyjama. Ihre roten Haare hingen ihr kreuz und quer im Gesicht, sie sah vollkommen verschlafen aus.

«Hey, Hauke, um diese Zeit? Ist was passiert?»

«Habe ich dich geweckt?» Er schaute auf seine Uhr: Acht war tatsächlich viel zu früh für sie. Patricia arbeitete bei einer Fernsehproduktionsfirma, die fingen erst um zehn an.

Sie lächelte trotzdem. «Komm doch rein, dann frühstücken wir zusammen.»

«Würde ich gerne, aber ich muss los. Kannst du ein paar Tage meine Blumen gießen und die Post in meine Wohnung legen?»

«Klar.»

Umgekehrt hatte er das auch schon oft für sie gemacht. Er reichte ihr die Schlüssel für Wohnung und Briefkasten, dazu sein gerade erschienenes Buch.

«Oh», sagte sie. «Was ist das denn?»

«Mein neuer Krimi», erklärte er.

Sie blätterte kurz darin und entdeckte auf der ersten Seite eine handschriftliche Widmung.

«Für mich? Wow, danke!» Patricia umarmte ihn, sie roch nach Schlaf.

Er freute sich immer, wenn er sie sah, manchmal tranken sie zusammen einen Kaffee. Dass er mit seinen neununddreißig Jahren theoretisch ihr Vater hätte sein können, störte sie anscheinend nicht besonders.

 

Der Koffer kam auf den Rücksitz, seine Holzquerflöte auf den Beifahrersitz, die hatte er auf Reisen immer dabei. Ein neues Auto hatte er sich nach seinen Erfolgen nicht gekauft, sein über zehn Jahre altes Golf-Cabrio schnurrte noch ohne Probleme, und offen zu fahren, machte jede Reise zum Genuss. Dass der Wagen nach außen wenig hermachte, war ihm egal.

Über den Tempelhofer Damm schlängelte er sich auf die Autobahn Richtung Norden. Es ging nur langsam voran, ganz Berlin schien gerade irgendwo hinzuwollen. Hinter Reinickendorf wurde es dann besser. Die Sonne schien, es war warm, doch er war zu nervös, um das gute Wetter zu genießen.

Kurz hinter der Abfahrt Herzsprung sah er Warnblinker vor sich und bremste abrupt ab. Nichts ging mehr.

Irgendwann holte er seine Querflöte aus dem Etui und schraubte sie zusammen. Er begann, die alten Stücke von früher zu spielen, und improvisierte etwas. Einige Fahrer in seiner Nähe ließen ihre Fenster runter, um ihm zuzuhören. Seine Flöte hatte ihn durch die Pubertät getragen, alle Gefühle und Probleme fanden auf ihr eine Melodie. Heute schwankte seine Musik zwischen gut gelaunt und melancholisch.

Irgendwann setzte sich die Kolonne wieder in Gang, um nach wenigen Kilometern erneut zu stoppen. Er dachte an das Interview, das er gestern zum Erscheinen seines Buches gegeben hatte. «Sie leben seit zwanzig Jahren in Berlin», hatte der Moderator gesagt, «alle Ihre Bücher spielen am Meer, aber Ihr neustes Werk spielt nun auf der Nordseeinsel, auf der Sie aufgewachsen sind. Gab es dafür einen besonderen Grund?»

Ja, seine Heimatinsel war für ihn eine Art heiliges Land, er hatte gehofft, dass ihn das beim Schreiben beflügelte. «Ich kenne die Insel besser als jeden anderen Fleck auf der Welt», hatte er geantwortet. «Sie versetzt mich in einen Ausnahmezustand.»

«Sie sind während des Schreibens bestimmt oft dort gewesen, oder?»

«Ja, natürlich.»

Das war gelogen. Hauke hatte die Insel in den letzten zwanzig Jahren selten betreten, genau genommen das letzte Mal vor neun Jahren, und das nur kurz.

«Was ist das für ein Gefühl, jetzt mit einem Roman dorthin zurückzukehren?»

Ja, was war das für ein Gefühl? Schwer zu beschreiben. Er hatte ein Lächeln aufgesetzt und sich für eine einfache Antwort entschieden: «Ich denke, die Insulaner werden ihre Heimat wiedererkennen. Und die Leser vom Festland nehme ich einfach mit zu einem Urlaub am Meer.»

Während er so seinen Gedanken nachhing, war der Verkehr weitergegangen. Das Navi führte ihn nach Hamburg, wo er für ein weiteres Interview eine Zwischenstation machen musste.

 

Ein paar Stunden später befand er sich auf der Autobahn Richtung Norden. Der starke Ostwind zerrte lautstark am Verdeck seines Wagens. Die Landschaft wurde flach wie ein Teller und der Himmel mit den weißen Schäfchenwolken immer größer. Ein ganz besonderes, klares Licht breitete sich um ihn herum aus, er wurde richtig euphorisch. Es war alles so vertraut, er hatte plötzlich das Gefühl, viel freier atmen zu können als in Berlin.

Er schloss das Verdeck und gab Gas. Wenn er seine Fähre nicht verpassen wollte, musste er jetzt zügig durchkommen.

Als er endlich auf die Straße zum Hafen abbog, breitete sich das Wattenmeer vor seinen Augen bis zum Horizont aus. Er hätte heulen können, so schön war das! Seine Heimatinsel lag wie eine grüne Perle mitten in der Nordsee.

Plötzlich wurde er unsicher. Wer und was erwartete ihn dort? Würde ihn überhaupt jemand erwarten? Er versuchte, sich zu beruhigen: Falls es zu frustrierend wurde, konnte er nach der Lesung sofort wieder abreisen.

Die Sonne stand tief am Horizont. Allerdings war außer ein paar kleinen Pfützen im Watt kein Wasser zu sehen, sie hatten gerade Ebbe. Die Autofähre lag zum Glück noch am Kai, er hatte es gerade so geschafft, das Schiff würde in zehn Minuten ablegen. Doch der Mann am gläsernen Ticketschalter schüttelte bedauernd den Kopf: «Heute fährt nichts mehr.»

«Wieso? Laut Fahrplan …»

«Wir haben bei diesem Ostwind nicht genug Wasser unterm Kiel. Die letzte Überfahrt fällt aus.»

Da hatte er alles gegeben – und dann das?

Aber so war es eben. Es erinnerte ihn an seine Kindheit. Bei starkem Ostwind wurde das Wasser weggetrieben, wenn Ebbe war, und wegen des Windes kam auch die Flut nicht wieder. Damit war die Insel von der Außenwelt abgeschnitten.

«Wann fährt denn wieder was?», erkundigte er sich.

«Mit Glück morgen früh.»

Also beschloss Hauke, sich wie andere Gestrandete im «Hotel am Deich» einzumieten.

Unter seinem Zimmerfenster flatterte eine friesische Fahne in den Farben Blau-Rot-Gelb an einem langen weißen Pfahl. Er blickte direkt auf seine Heimatinsel, die nur ein paar Seemeilen entfernt lag. Die Häuser der Hauptstadt konnte er schemenhaft erkennen. Es sah so aus, als könne man zu Fuß über den Meeresboden hinübergehen, aber das täuschte. Als Insulaner kannte er die Priele mit ihrer gefährlichen Strömung, die das verhinderten. Hatte er damals überhaupt bemerkt, wie unglaublich schön das Licht hier war? Wie frei der Himmel, wie weit der Blick? Für ihn war das alltäglich gewesen.

Der Sonnenuntergang war gigantisch, der riesige, rot glühende Ball entzündete den ganzen Himmel und versank dann schnell im Meer. Was drüben auf der Insel gerade passierte, blieb für heute Abend ihr Geheimnis. Wie würde es dort für ihn werden? Hatte sich viel verändert?

Die halbe Nacht lag er wach und zermarterte sich das Hirn, an Schlaf war nicht zu denken. Er wünschte sich, dass alles noch so wäre wie damals, bevor er weggegangen war. Aber das war wohl eine Illusion.

3

Am nächsten Tag schien die Sonne über der Nordsee. Die Fahnen vor Haukes Hotel flatterten im Wind, der über Nacht gedreht hatte und nun von Westen wehte. Das Frühstück ließ er ausfallen, er wollte sofort los. Als er mit offenem Verdeck auf die Fähre rollte, wies ihn ein Mann in seinem Alter mit weißem Uniformhemd ein.

«Moin, Hauke, da bist ja all wedder», murmelte er.

Hauke erkannte ihn erst auf den zweiten Blick: Es war «Dumbo», Dieter Bohn, der auf der Eilun Feer Skol eine Klasse unter ihm gewesen war. Er war wegen seiner großen Ohren von allen so genannt worden und fand das auch in Ordnung.

«Moin, Dumbo.»

Mehr Zeit zu schnacken, hatten sie nicht. Dumbo hatte mit dem Einweisen der Pkw und Lastwagen alle Hände voll zu tun. Dass ihn direkt jemand wiedererkannt hatte, nahm Hauke als gutes Omen.

Kurze Zeit später legte die Fähre ab. Hauke stellte sich auf dem Vorderdeck an die Reling und sah fasziniert zu, wie die Inselhauptstadt langsam näher rückte. Auf den Sandbänken neben der Fahrrinne rekelten sich ein paar Seehunde in der Sonne, dahinter lag die Hallig Langeneß mit ihren Warften, die über mehrere Kilometer hintereinander aufgereiht waren. Sein Körpergefühl veränderte sich spürbar, er atmete tiefer als sonst. Die Landschaft signalisierte ihm: Gut gemacht, Hauke, hier bist du richtig!

Der Inselhafen kam ihm ziemlich fremd vor, in den letzten Jahren war hier einiges neu gebaut worden. Im Schleichgang fuhr er von der Fähre und näherte sich der kleinen Hauptstadt.

Über ein paar Seitenstraßen begab er sich zum neuen Nobelhotel «Fering» am Südstrand, das am Ende der Hauptpromenade in einem kleinen Wäldchen lag. Greta von der kleinen Inselbuchhandlung, die seine Lesung organisierte, hatte ihn hier untergebracht. Er kannte sie schon seit seiner Kindheit und freute sich sehr, sie wiederzusehen.

Sein Golf-Cabrio stellte er auf dem Hotelparkplatz ab, dann nahm er seinen Koffer vom Rücksitz und ging hinein. Von der Lobby aus blickte man durch eine riesengroße Panoramascheibe direkt aufs Meer. Laut Website verfügte das Hotel über einen Wellness- und Spabereich vom Feinsten, inklusive Schwimmbad, auch darauf freute er sich. Die freundliche Mittzwanzigerin an der Rezeption mit dem dunkelblauen Hosenanzug lächelte, als er sich dem Tresen näherte.

«Moin, Herr Thorvald, schön, dass Sie da sind.»

«Moin, ich freue mich auch, hier zu sein.»

«Ich hoffe, Sie hatten eine gute Anreise?»

«Ja, super.» Der Tag Verlängerung wegen der extremen Ebbe hatte es nur spannender gemacht und war längst vergessen.