Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
"Ich schloss meine Augen und kletterte über die Reling. Und während meine Hände sich vom Metall lösten und meine Beine sich vom Schiff wegstießen, die wenigen Sekunden in der Luft, bevor ich ins Wasser eindrang, überkam mich ein Gefühl tiefer Dankbarkeit." Wie wird Janes Leben nach ihrem 18. Geburtstag und der damit verbundenen, alles verändernden Verwandlung aussehen? Wird sie Rob, Abbie und Josie jemals wiedersehen? Kann sie je wieder auch nur einen einzigen Schritt an Land tun? Und wird sie ihrer Rolle und Verantwortung als Wächterin des Zeichens des Wassers gerecht werden? Neben all den offenen Fragen und Veränderungen treiben finstere Mächte ihr Unwesen, die nicht nur die Feindschaft zwischen Musen und Sirenen anfeuern, sondern auch alle, die Jane liebt, in Gefahr bringen. Schon bald muss Jane feststellen, dass ihr die größte Herausforderung überhaupt erst noch bevorsteht... »Seesternenhimmel« ist der dritte und letzte Teil der »Meeresfunkeln«-Trilogie.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 423
Veröffentlichungsjahr: 2021
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
© privat
Celina Balzer wurde 1995 in Koblenz geboren.
Es bereitete ihr schon immer große Freude, sich Geschichten auszudenken. Im Alter von fünfzehn Jahren begann sie »Meeresfunkeln«, den ersten Roman der Reihe um Jane, zu schreiben. Für ihr Studium der Musik zog es sie nach Großbritannien.
In ihrer Freizeit macht und hört sie am liebsten Musik, trifft Freunde, geht zu Konzerten und ins Theater, liest und schreibt.
Neben »Seesternenhimmel« sind auch »Meeresfunkeln« und »Tiefseeschwärze« — erster und zweiter Teil der Reihe — von Celina Balzer erschienen.
Für meine große Liebe
Verständnis
Überwindung
Hilflos
Zeit und Wunden
Meine Rückkehr
Rosa und Violett
Robs Wunsch
Händedruck
Flucht
Nie wieder
(Ver) Stimmung
Freiheit
Ortswechsel
Was bleibt
Der große Tag
Wiedersehen
Loslassen
Zeit danach
Erwachen
Eine von ihnen
Alte Feinde
Alles anders
Zurück
Untrennbar verbunden
Zwischen zwei Welten
Verlieren
Die (Un-) Ruhe vor dem Sturm
Ein Sturm zieht auf
Stunde Null
Für immer in Liebe
Ich sah auf den Kalender. Es waren noch genau dreieinhalb Monate bis zu meinem Geburtstag. Viel lieber als an meinen achtzehnten Geburtstag dachte ich an meine Hochzeit mit Rob, die dann stattfinden würde. So sehr ich mich auf diesen Tag auch freute, meine Angst davor, was nach meiner Verwandlung, die mir mit meinem Geburtstag bevorstand, geschehen würde, ließ sich nicht abstellen. Seitdem ich geglaubt hatte, Rob für immer verloren zu haben, gab es nichts mehr, wovor ich mich mehr fürchtete. Es war das Schlimmste für mich, nicht zu wissen, was geschehen würde: Vielleicht würde ich meine Fähigkeit, an Land zu gehen, verlieren. Niemand konnte es mir sagen oder mir die Angst nehmen.
Manchmal konnte ich deshalb nachts nicht einschlafen und merkte plötzlich, dass ich am ganzen Körper zitterte. Rob versuchte mich dann immer zu beruhigen. Meist machte es das nur schlimmer, denn er war es, den ich fürchtete alleine zu lassen und gleichzeitig zu verlieren.
In den vergangenen Monaten war meine Angst immer stärker geworden und ich hatte mir angewöhnt, jeden Tag auf den Kalender zu starren und die Tage bis zu meinem Geburtstag zu zählen. So sehr ich mich auch vor diesem Tag fürchtete, ich wollte an genau diesem Tag Rob heiraten.
Es besiegelte unsere Liebe vor allen, die wir kannten, an dem Tag, der für mich gleichzeitig das Ende meines bisherigen Lebens bedeutete. Rob würde mich zu seiner Frau nehmen, unabhängig davon, was uns bevorstand. So, als würden wir dem, was vor uns lag, was unsere Liebe unter Beweis stellen würde, trotzen.
»Jane, du musst aufhören, diesen Kalender jeden Tag aufs Neue anzustarren. Der Tag wird kommen und du kannst daran nichts ändern.«, sagte Mum und kam auf mich zu. »Ich verstehe, dass du Angst hast. Ich habe auch Angst, aber der Blick auf den Kalender wird daran nichts ändern.«
Mum versuchte mich, so gut es ging, von meinen Sorgen zu befreien, aber es gelang ihr selten. In letzter Zeit hatte sie Dad so häufig wie möglich besucht. Es half ihr, mit ihm darüber zu sprechen. Ich hatte mich bereits dafür eingesetzt, dass Dad freikommt, aber immer, wenn ich mit meiner Familie darüber sprach, blockten sie das Thema ab. Es war sehr schwierig und ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich hatte die Macht, ihn zu befreien, aber ich wollte, dass sie damit einverstanden waren und meine Entscheidung nachvollziehen und respektieren konnten.
Anders als meine Mum und Robs Familie, freuten sich Sajara, Linda und Casy bereits auf meine Verwandlung. Sie konnten es kaum erwarten, aber sie hielten sich sehr zurück, weil sie wussten, dass es mir deswegen nicht gut ging. Sie konnten verstehen, dass es mir schwer fallen würde, mein Leben als Mensch aufzugeben. Ich wollte gar nicht daran denken, Josie nie mehr wiedersehen zu können, aber ich würde nicht mehr die sein, die sie kennt.
Es klingelte an der Tür. Ich sah wie Mum die Tür öffnete und Rob und Tiffany hereinließ. Ich verspürte einen kleinen Stich in meinem Herzen, wie so oft in letzter Zeit. Manchmal fiel es mir sogar schwer, Rob an mich heran zu lassen und ihm nah zu sein, weil ich mich davor fürchtete, dass ich ihn schon bald nicht mehr so spüren würde, wie ich es als Mensch tat. Und dann wiederum gab es Momente, da konnte ich gar nicht genug von ihm bekommen und wollte mir alles an ihm einprägen, damit ich es niemals vergessen würde.
Rob lächelte mir zu. Es war auch nicht leicht für ihn. Das sagte er mir aber nicht oft, weil er glaubte, stark für mich sein zu müssen. Das machte mich manchmal noch trauriger.
»Wir müssen los.«, sagte er.
Tiffany berührte sanft meine Hand. Sofort fühlte ich mich besser.
»Geht es?«, fragte sie dann.
»Ja, mach dir keine Sorgen um mich.«
Tiffany ließ meine Hand los, aber das positive Gefühl hielt an. Rob lächelte mir wieder zu. Diesmal lächelte ich zurück.
Ich hatte Glück, dass ich, obwohl ich bereits alle meine Prüfungen geschrieben hatte, noch zur Schule gehen konnte. Meine Schule war eine der wenigen, die Auffrischungs- und Vorbereitungskurse fürs Studium anbot, um die Zeit bis zur Bekanntgabe der Ergebnisse im August zu überbrücken. Rob musste, nachdem auch er alle seine Prüfungen geschrieben hatte, nicht mehr zur Schule. Er arbeitete nun ehrenamtlich in einem Secondhandladen und hatte sich bereiterklärt, Tiffany und mich immer noch jeden Morgen zur Schule zu begleiten.
Josie, die ebenfalls noch jeden Tag zur Schule ging, konnte nicht verstehen, was mit mir nicht stimmte. Sie hatte mich mehrmals darauf angesprochen, aber ich hatte ihr immer versichert, dass es mir wirklich gut ging und ich mir Sorgen machte aufgrund der Abschlussprüfungen, die wir gerade hinter uns gebracht hatten.
Natürlich konnte ich Josie schlecht anlügen. Sie war eine sehr gute - meine beste - Freundin. Aber sie wusste, dass ich es nicht gerne mochte, darauf angesprochen zu werden, wenn es mir nicht gut ging. Ich wollte nur nicht, dass Josie sich Sorgen um mich machte. In ihrer Nähe versuchte ich, so fröhlich wie möglich zu wirken, weil mir nicht mehr viel Zeit mit ihr blieb. Sie sollte mich als eine positive, optimistische Person in Erinnerung behalten, die ich ja auch eigentlich war.
»Geht es dir gut?«, fragte Josie vorsichtig.
»Ja.«
Ich musterte Josie und erwartete, dass sie nicht locker lassen und weiterfragen würde, weshalb ich mich entschloss, schnell das Thema zu wechseln.
»Bald sind wir mit der Schule fertig. Ich kann es gar nicht glauben.«
»Du hast recht. Ich habe das Gefühl, ich kenne dich schon ewig, obwohl du noch gar nicht so lange in Edinburgh wohnst. Ich weiß gar nicht, was ich vorher ohne dich gemacht habe. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern.«
Ich lächelte Josie zu.
»Jane, ich hoffe, wir bleiben für immer Freundinnen. Man findet nicht häufig Menschen, bei denen man sich fühlt, als könne man einfach nur man selbst sein. Bevor du kamst, habe ich mich häufig unverstanden und fehl am Platz gefühlt. Es war so, als hätte mich niemand gesehen. Ich war zu allen freundlich und doch hat niemand bemerkt, dass ich einsam war. Menschen wie du sind selten. Du hast dir nicht voreilig ein Bild von mir gemacht, ohne mich zu kennen und dafür werde ich dir immer dankbar sein.«
Ich sah Josie an und kämpfte mit den Tränen. Mir ging es bei ihr genauso. Ich hatte mich vor dem Umzug nach Edinburgh auch oft schlecht gefühlt und dann waren ganz plötzlich gleich mehrere wundervolle Personen in mein Leben getreten.
»Wir werden immer Freundinnen sein.«, sagte ich zu Josie und wusste, dass ich mein Versprechen eigentlich nicht halten konnte.
Wieder fühlte ich mich nicht gut. Es gelang mir einfach nicht, dagegen anzukommen. Ich fühlte mich hilflos und meiner Zukunft ausgeliefert. Wie sollte ich dieses Gefühl jemals überwinden können? Es war schließlich wie ein Albtraum, aus dem es kein Entkommen gab. Mein ganzes Leben lang war ich eine Kämpferin gewesen, aber dieses Mal war ich machtlos. Es gab nichts, was ich tun konnte. Es lag nicht in meiner Hand und diese Hilflosigkeit raubte mir den Schlaf.
Abends kam Rob wie an fast jedem Tag vorbei, um mich noch für ein paar Stunden irgendwie von meinen schlechten Gedanken abzulenken.
»Wie geht es dir?«, war das Erste, was er mich fragte, als er die Tür hereintrat.
»Ich komme schon zurecht. Mach dir keine Sorgen.«
Rob wusste, dass das nicht stimmte, aber er sagte nichts und nahm bloß meine Hand.
»Wirst du heute Abend deine Familie besuchen?«, fragte er.
»Ja, ich denke schon. Es ist besser, als nur zu Hause herumzusitzen und nichts zu tun. Es bringt mich auf andere Gedanken.«
»Ich verstehe dich.«, sagte er.
»Oh, Rob.«, sagte ich dann und sah ihn an. »Bitte verzeih mir. Dir geht es genauso schlecht wie mir und ich frage dich viel zu selten, wie es dir damit geht.«
Ich war beschämt.
»Nein. Du weißt, dass das nicht stimmt. Ich bin gerne für dich da und ich spreche ganz bewusst nicht davon.« Rob legte seine Arme um mich und küsste mich sanft auf die Stirn. »Ich möchte nicht, dass du dich schlecht fühlst. Du musstest so viel durchstehen. Zuletzt hättest du beinahe deine Freiheit für jemanden geopfert, der deine Mutter entführt hatte. Selbstverständlich nehme ich Rücksicht auf dich.«
»Danke.«
Ich strich durch Robs Haare, die vom Regen noch leicht nass waren.
»Lass uns jetzt nicht weiter darüber reden.«, sagte ich und drückte ihm einen Kuss auf.
»Du hast recht.«, entgegnete er grinsend und küsste mich leidenschaftlich zurück.
Später in der Nacht fühlte ich mich gut, als mein Körper ins dunkle Wasser glitt. Es fühlte sich manchmal so an, als könnte ich für einen Moment meine Sorgen abwaschen.
»Wo ist Casy?«, fragte ich, nachdem ich Sajara begrüßt hatte.
»Er ist bei Linda.«, antwortete Sajara.
Linda und Eadoin waren kurz nach meiner beinahe vollzogenen Hochzeit mit Paul in eine Höhle, nicht weit von Casys und Sajaras, gezogen. Ich hatte sie schon ein paar Mal dort besucht.
»Er wird sicher bald wiederkommen.«, sagte Sajara und lächelte mir zu. »Ich möchte noch etwas mit dir besprechen, Liebling.«
»Was denn?«, fragte ich und sah Sajara neugierig an.
»Bitte, hör mir erst zu, bevor du etwas dazu sagst.«
»Worum geht es denn?«
Ich war verwirrt. Über meine Verwandlung hatten wir bereits tausende Male ausgiebig gesprochen, darum konnte es nicht gehen.
»Es geht um dieses Wochenende.«
»Nein!«, schrie ich beinahe.
»Hör mir bitte erst zu.«, sagte Sajara.
»Ich kann das nicht.«.
»Jane, es wird Zeit, dass du dich daran gewöhnst. Sonst wird es nur viel schwerer, wenn du dazu gezwungen bist, es mitzuerleben. Dieses Mal ist Neumond wieder an einem Wochenende. Es ist perfekt! Du musst dich deiner Angst stellen. Glaub mir, es ist besser. Vielleicht wird kein Mensch in Gefahr gebracht und wir müssen uns nur um ein paar Sirenen kümmern. Wir könnten deine Hilfe sehr gut gebrauchen.«
Ich fürchtete mich vor Neumond. Damit waren schreckliche Erinnerungen verbunden. Dieser Schmerz im Gesicht der Sirenen, die nicht morden wollten und es doch taten, hatte ich nicht vergessen können. Ich fühlte mich zu schwach dazu.
»Das schaffe ich nicht.«, sagte ich leise zu Sajara.
»Du weißt, dass das nicht stimmt.«, sagte Casy plötzlich, der wohl einen Teil unseres Gesprächs mit angehört hatte.
Sajara schwamm auf ihn zu und er nahm sie in seine Arme.
»Ich werde euch keine Hilfe sein und euch nur Sorgen bereiten, was ich nicht möchte.«
»Du hast recht. Beim letzten Mal hattest du große Angst und wir haben uns um dich gekümmert. Aber es ging uns allen einmal so. Ich weiß noch, wie ich, als ich in etwa so alt war wie du, zum ersten Mal Neumond richtig miterlebte und mich nicht verstecken konnte. Es war schrecklich für mich. Sirenen zu sehen, die auf einmal nicht mehr sie selbst sind. Ich wollte sie nicht leiden sehen, aber ich wusste, dass ich ihnen helfen konnte. Und als ich meinen ersten Menschen gerettet hatte, fühlte ich mich gut und wusste, dass ich das Richtige tat. Es ist immer leichter, nichts zu tun. Aber gerade, weil du Neumond so verabscheust, solltest du versuchen, falls du die Möglichkeit hast, Menschen zu retten. Gerade du bist dafür geeignet. Du bist zum Teil Mensch. Du kannst sie an einem sicheren Ort an Land bringen und bei ihnen bleiben, bis es ihnen besser geht.« Was Casy sagte, stimmte mich nachdenklich. Ich wollte helfen, aber ich hatte Angst, ein Menschenleben durch meine Unbeholfenheit und Nervosität zu gefährden. Vielleicht musste ich mich wirklich dieser Angst stellen und ihnen beim nächsten Neumond zur Seite stehen.
»Na gut. Ich mache es.«
Sajara lächelte. »Da bin ich erleichtert.« Casy drückte sie an sich.
»Ich bin mir sicher, dass es nicht so schlimm wird, wie du es dir jetzt vorstellst.«
»Das hoffe ich. Ist es in Ordnung, wenn ich Linda und Eadoin besuche?«
»Sie haben mich schon darum gebeten, dich vorbeizuschicken.«, entgegnete Casy nickend.
Ich freute mich immer besonders darauf, Kenix zu sehen. Sie war ein so liebes Mädchen und ich genoss es, Zeit mit ihr verbringen zu können, nach all dem, was geschehen war. Sie brauchte meine Nähe nicht mehr zu fürchten.
Ich schwamm in Lindas und Eadoins Höhle und hörte bereits Kenix. Sie war, obwohl sie erst ein paar Monate alt war, schon in der Lage einzelne Wörter zu sprechen. Ich konnte sie leider nicht verstehen, aber Linda und Eadoin waren immer begeistert von dem, was sie sagte.
»Schön, dass du da bist.«, rief Linda und wandte sich von Kenix ab.
Sie lächelte mich an und drückte mich ganz fest an sich. Ich hörte, wie Kenix erneut etwas rief. Sie wiederholte es immer wieder und plötzlich hatte ich das Gefühl, zu wissen, was sie sagte. Es war ganz eigenartig. Ich hatte das Wort noch nie vorher gehört. In meiner Umgebung sprachen immer alle bloß in meiner Sprache mit mir und wenn sie doch mal in der Sprache der Sirenen etwas zueinander sagten, dann sagten sie mir nicht, was die einzelnen Wörter bedeuteten. Ich schwamm auf Kenix zu, die Linda in ihrem Arm hielt und legte ihr das Zeichen des Wassers in ihre Hände. Kenix betrachtete es und fing dann an zu lachen.
Eadoin, der aus einem der anderen Räume kam, sah Linda an und ich wusste, dass sie miteinander sprachen.
»Woher wusstest du, dass sie das Zeichen des Wassers anfassen wollte?«, fragte Linda dann.
»Ich weiß nicht.«, antwortete ich.
»Ich habe es irgendwie bildlich vor mir gesehen und habe es ihr einfach gegeben.«
»Das ist genau, was sie gesagt hat. Immer wieder.«, sagte Eadoin und kam auf mich zu.
»Bedeutet das, dass ich immer besser darin werde, eure Sprache zu verstehen?«
»Ich weiß es nicht, aber vermutlich findest du immer mehr zu unserer Sprache zurück.«
»Es wird auch langsam Zeit.«, sagte Linda. »Ich kann kaum erwarten, dich in unserer Sprache sprechen zu hören. Sie verbindet uns Sirenen. Alle Sirenen sprechen diese Sprache. Überall. Menschen haben es da deutlich schwerer.«
»Mir ist so etwas schon einmal passiert. An meinem Geburtstag habe ich von Sajara, Casy und dir doch das Nessim geschenkt bekommen. Ich habe es gleich an diesem Abend begonnen zu lesen und in der Nacht hatte ich das Gefühl, bestimmte Worte zu verstehen.«
»Deine Verwandlung steht kurz bevor. Ich bin mir sicher, dass es nicht mehr lange dauern kann, bis du unsere Sprache beherrschst.«, meinte Eadoin und lächelte mir zu.
»Und was, wenn nicht? Ich als Wächterin sollte eure Sprache perfekt sprechen können.«
»Mach dir keine Sorgen. Auch wenn du sie bis dahin nicht beherrschst, wirst du respektiert werden. Jeder kennt dein Schicksal, Jane. Man hat Verständnis dafür, dass du Zeit brauchst. Ich bin mir sicher, dass du alleine zu unserer Sprache zurückfindest.«
Ich hatte meine Familie ein paar Mal gefragt, weshalb sie nicht einfach versuchten, mir ihre Sprache beizubringen. Aber, um später auch über Gedanken kommunizieren zu können, musste ich es selbst lernen. Und ich hatte keine großen Hoffnungen.
»Ich hoffe, du behältst recht.«, murmelte ich.
Kenix streckte ihre kleinen Hände nach mir aus und gab ein quietschendes, lachendes Geräusch von sich. Sie schwamm auf mich zu, worin sie inzwischen richtig gut war. Nur als sie noch ganz klein war, hatte sie sich kaum bewegen können, was ich ziemlich seltsam gefunden hatte, wo es doch so kinderleicht war, sich im Wasser einfach treiben zu lassen.
Als ich später in meinem Bett lag, gingen mir tausend Sachen durch den Kopf. Ich konnte nicht aufhören, daran zu denken, dass ich meinen Eltern gesagt hatte, dass ich an Neumond bei ihnen sein würde. Mein Herz fing an wie wild zu schlagen und ich fühlte mich hilflos. Ich wollte keine Angst haben, aber ich fürchtete mich vor Neumond. Was würde mich erwarten? Was, wenn ich jemanden retten musste? Würde ich überhaupt wissen, was zu tun war? Ich machte das Licht in meinem Zimmer an und stand auf. Ich ging durch den Raum und versuchte verkrampft an etwas Anderes zu denken, aber es war unmöglich, mich abzulenken. Wenn ich an etwas Anderes denken wollte, dann dachte ich automatisch an meinen achtzehnten Geburtstag.
»Kannst du nicht schlafen?«
Ich drehte mich um und sah, dass Mum in der Tür stand und mich müde ansah.
»Du musst morgen zur Schule, Jane. Es ist besser, du legst dich jetzt hin, bevor du gar keinen Schlaf bekommst.«
Mum kam auf mich zu und legte ihre Hand auf meine Schulter. Ich fühlte, wie mir Tränen in die Augen stiegen. Mum nahm mich in den Arm.
»Jane« Mum atmete tief ein. »Es kann so nicht weitergehen. Du bist so unglücklich und ich kann es nicht ertragen. Ich würde dir so gerne helfen, aber ich habe das Gefühl, dass ich nicht in der Lage dazu bin. Sag mir, was ich tun kann.«
Ich hätte Mum gerne geholfen und ihr gesagt, was mich alles bedrückte, doch ich selbst konnte es einfach nicht in Worte fassen. Es war das Gefühl, zu verlieren. Das aufgeben zu müssen, was mir so viel bedeutete, andere zu verletzten, zu verlassen. Ich war wütend auf mich selbst. Ich wollte nicht unglücklich sein und so die mir verbleibende Zeit mit den Menschen, die ich liebte, zu verbringen, aber ich konnte nicht anders. Ich hatte Angst vor dem, was kommen würde. Es war ausweglos und so sehr ich mir wünschte, dass es nie zu dieser endgültigen Verwandlung kommen würde, hatte ein Gefühl in mir begonnen sich auszubreiten. Das Gefühl, das ich mehr als alles andere fürchtete: Manchmal überkam es mich und ich fühlte mich nicht mehr wie ein Mensch. Ich fühlte nur noch Amarilla. Es fiel mir so schwer, zu verstehen, was in mir vorging und ich konnte es Mum nicht erzählen. Ich verstand es ja selbst nicht.
»Jane, du zitterst ja.«, stellte Mum besorgt fest und legte ihre warme Hand auf meine Wange. »Es wird alles gut, hörst du?«
Ich hörte Mum nicht. Nicht richtig. Dass alles gut werden würde, glaubte ich schon lange nicht mehr. Nichts war gut. Gar nichts. Ich versuchte, mich zu kontrollieren und atmete ruhig.
»Mum, ich will dich nicht verlassen. Ich will diese Welt nicht verlassen. Ich fühle mich hier zu Hause. Doch ich bin gezwungen, bald im Meer zu leben. Ich liebe meine Familie dort. Aber ich liebe auch dich und meine Freunde. Ich habe so große Angst, euch nie wiederzusehen. Nie wieder fühlen, hören oder riechen zu können.«
»Du wirst uns nie verlieren.«, sagte Mum leise. »Ich fürchte mich vor diesem Tag auch, Jane. Ich fürchte ihn schon so lange. Aber ich fühle, dass es richtig ist. Was ändert es, wenn du dich davor ängstigst? Du kannst sowieso nichts daran ändern. Falls es so kommt, wie du es befürchtest, willst du dann daran zurückdenken, dass du vor lauter Angst die Zeit nicht genießen konntest, die dir noch blieb?«
Mum hatte recht, aber es war einfacher gesagt, als getan.
»Leg dich wieder in dein Bett und versuch zu schlafen.«, sagte Mum und lächelte mir zu. »Ich bin für dich da, solange ich kann. Ich hoffe, du weißt das, Jane.«
»Das weiß ich, Mum.«
»Ich hätte immer für dich da sein müssen, aber ich war es nicht. Das bedauere ich sehr. Ich war keine sonderlich gute Mutter, aber ich habe dich immer geliebt.«
Ich stand auf und umarmte Mum.
»Ich liebe dich auch, Mum, so sehr!«
Ich hatte am nächsten Morgen wider meiner Erwartungen keine Probleme aufzustehen. Das Gespräch mit Mum hatte etwas in mir ausgelöst und ich war vorerst befreit von all den schlechten Gedanken. Ich fühlte mich beinahe so, wie wenn Rose oder Tiffany mit ihren Fähigkeiten dafür sorgten, dass es mir gut ging.
Ich hatte nicht vergessen, was mir bevorstand, aber ich war in der Lage, an andere Dinge zu denken. Ich musste zum Beispiel nicht auf den Kalender sehen, wie ich es in den letzten Wochen an jedem Morgen getan hatte. Und als es an der Tür klingelte, konnte ich es kaum erwarten, Rob zu sehen.
»Ist alles in Ordnung mit dir?«, fragte er und sah mich für einen Moment lang verwirrt an.
»Was? Wieso? Hab ich zu viel Make-up verwendet? Das Licht im Bad war…«
»Dir geht es gut?«, unterbrach mich Tiffany, ebenso verwirrt wie ihr Bruder. Im Gegensatz zu ihm konnte sie mich allerdings wie ein Buch lesen.
»Aber gestern ging es dir doch noch so schlecht…«, stellte Rob fest. »Was ist passiert?«
Ich musste über die besorgten Gesichter der beiden schmunzeln.
»Es geht mir auch nicht wirklich viel besser, aber ich habe gestern verstanden, dass ich wertvolle Zeit damit vergeude, unglücklich zu sein. Ich war wirklich egoistisch. Es tut mir leid.«
»Das brauch es nicht.«, erwiderte Rob, lächelte mich an und nahm zärtlich meine Hand.
Auch Josie stellt sofort fest, dass ich mich anders verhielt.
»Schön, dass es dir wieder gut geht.«, sagte sie zu mir und ich nickte.
»Ich kann mich nur dafür bei dir entschuldigen, dass ich mich so seltsam benommen habe, aber ich fühlte mich nicht besonders in letzter Zeit.«, erklärte ich ihr.
»Jane, willst du mir nicht sagen, was los war? Du weißt, ich bin deine Freundin und du kannst mir alles anvertrauen. Ich wollte dich nicht darauf ansprechen, oder zumindest nicht immer wieder, weil ich dich kenne und weiß, dass du das nicht magst. Aber egal was es ist, ich würde es verstehen und ich werde immer deine Freundin bleiben. Du musst es mir nicht sagen, aber falls du darüber sprechen möchtest, dann sag einfach Bescheid.«
Josie machte sich viele Gedanken um mich und ich stellte mir immer wieder die Frage, ob ich ihr nicht doch erzählen sollte, dass die Welt, die sie zu kennen glaubte, völlig anders war. Vielleicht würde sie es ohne Probleme annehmen, aber vielleicht würde es auch unsere Freundschaft zerstören, sollte sie nicht damit zurechtkommen. Ich dachte immer wieder darüber nach, aber ich hielt es für das Beste, ihr nichts von Sirenen und Musen zu erzählen. Ich dachte einfach daran, wie es mir mit diesem Leben ging und manchmal wünschte ich, ich könnte die Zeit zurückdrehen und wüsste nichts von den anderen Wesen, auch wenn ich ohne meine Familie und meine Begleiterinnen nicht mehr leben könnte. Ich schloss nicht aus, es Josie nicht doch irgendwann zu erzählen, aber ich nahm mir vor, es zumindest vorerst nicht zu tun.
»Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich weiß selbst nicht, was mit mir war. In Zukunft werde ich mich wieder normal verhalten.«, versprach ich und lächelte.
»Du hast ja auch wirklich keinen Grund dazu, unglücklich zu sein. Du wirst bald heiraten.«
Für einen kurzen Augenblick kehrte das Gefühl der Hilflosigkeit und Angst zurück und ich spürte, wie sich mein Hals zuzog.
»Ja, die Zeit verfliegt, bis zur Hochzeit ist es wirklich nicht mehr lange hin.« Und bei der Hochzeit alleine wird es nicht bleiben, fügte ich in Gedanken hinzu.
Zwar kam es immer wieder vor, dass ich mich durch irgendwelche Situationen an das, was mir bevorstand, erinnert fühlte und es mir schlecht ging, es fiel mir aber immer leichter, es mir nicht mehr so sehr anmerken zu lassen. Vor allem, wenn ich spürte, dass es Rob dadurch besser ging. Er hatte sich sehr viele Sorgen um mich gemacht und schien erleichtert. Mir war gar nicht aufgefallen, wie sehr er unter meinem Verhalten gelitten hatte, weshalb ich mir umso mehr Mühe gab, ihm zu zeigen, dass mit mir alles in Ordnung war, auch dann, wenn es das nicht war.
Eine weitere Sache, die mir große Sorgen bereitete, war Neumond, der immer näher rückte, weshalb ich das Bedürfnis hatte, mit Rob am Abend darüber zu sprechen.
»Es wird Bestandteil deines zukünftigen Lebens sein, Jane. Ich finde es gut, dass du deine Angst überwindest.«
Rob lächelte mir aufmunternd zu. Er hatte diese Furchtlosigkeit, von der ich mir nur zu gerne etwas ausgeborgt hätte. Er strahlte immer eine gewisse Souveränität und Ruhe aus. Und ich konnte nicht anders, als ihn dafür zu beneiden.
»Darin bin ich aber gar nicht gut.«, gestand ich. Ich war alles andere als mutig.
»Doch. Du bist sehr stark.«, entgegnete Rob.
»Nein, das bin ich nicht.«
»Du hast dich Paul gestellt, obwohl er dir alles nehmen wollte. Du hast nicht aufgegeben und für Abbie gekämpft. Das ist Stärke.«, erwiderte Rob mit einem warmen, aufmunternden Lächeln.
»Findest du es auch so stark, dass ich Paul beinahe geheiratet hätte?«, fragte ich und lachte.
»Das nicht unbedingt, aber deinen Einsatz schon.«
Ich ging ans Fenster und sah hinaus.
»Woran denkst du?«, fragte er.
»An uns.«
Rob stellte sich dicht hinter mich und sah ebenfalls aus dem Fenster.
»Ich werde dich nie verlassen, Jane. Das weiß ich. Ich bin für alle Zeiten an dich gebunden. Vertraue mir.«
Ich wandte mich vom Fenster ab und sah in Robs Augen.
»Das tue ich.«, sagte ich und blickte wieder in die Ferne, während es zu regnen begann und die ersten Tropfen leise gegen das Fenster prasselten. »Aber vielleicht werde ich dich verlassen und ich weiß nicht, was dann mit mir geschieht. Ich will nicht ohne dich sein.«
Rob schloss seine Arme ganz fest um mich.
»Ich verspreche dir, das wird nie geschehen. Ich werde es nicht zulassen. Nichts wird uns trennen.«
Ich hielt mich an Robs Armen fest und in mir begann es ebenfalls zu regnen.
Es waren nur noch zwei Tage bis zum Wochenende. Ich fühlte mich überhaupt nicht wohl bei dem Gedanken an Neumond, aber Rob hatte mir Mut gemacht und ich wollte mich zusammenreißen. Vielleicht war mir damals alles viel schlimmer vorgekommen, als es wirklich war. Ich hatte unbedingt Neumond erleben wollen und jetzt wünschte ich, davor fliehen zu können. Neumond fiel genau auf Samstag. Ich hatte mir vorgenommen, den ganzen Neumond bei meiner Familie zu verbringen und somit auch das ganze Wochenende.
Am Abend besuchte ich noch einmal meine Familie. Sie schienen etwas angespannt und waren sich scheinbar nicht ganz sicher, ob ich mich nicht doch noch im letzten Augenblick umentscheiden würde. Aber ich wusste, wie wichtig es ihnen war, dass ich dieses Mal bei ihnen sein würde und ich wollte sie nicht enttäuschen.
»Ich will nichts falsch machen.«, erklärte ich Sajara und Casy meine Bedenken. »Versteht ihr? Was ist, wenn ich nicht schnell genug bin oder plötzlich vor Angst erstarre? Ich möchte nicht alles noch schlimmer machen, als es nicht auch schon so ist.«
»Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, Jane. Wir wissen, dass es nicht leicht für dich ist, aber wir werden ja bei dir sein und dir so gut es geht helfen.«, entgegnete Sajara aufmunternd.
»Ich bin mir sicher, dass du uns eine große Hilfe sein wirst.«
»Woher weiß ich, dass ein Mensch meine Hilfe braucht?«
»Das ist schwierig.«, sagte Casy. »Das Meer ist sehr groß, aber wir Sirenen sind dazu in der Lage, zu spüren, wo ein Mensch ist. Die Sirenen, die ihre Kontrolle verlieren und Menschen in ihren Bann ziehen, folgen ebenfalls ihren Instinkten, die sie zu den Menschen führen. Wir müssen dann diesen Sirenen folgen und das Schlimmste verhindern. Oder wir verlassen uns auf unsere Fähigkeit, Menschen aufspüren zu können. Dann müssen wir einfach unserer Intuition folgen.«
»Alle Sirenenfamilien und -gemeinschaften halten sich an unterschiedlichen Orten auf, sodass wir immer die Möglichkeit haben, schnell einzugreifen, wenn ein Mensch von einer Sirene dazu bewegt wird, ins Wasser zu gehen.«, ergänzte Sajara.
»Ich hoffe, ihr behaltet recht und ich kann euch helfen, aber diese Intuition, von der ihr sprecht, glaube ich, habe ich nicht. Ich beherrsche nicht einmal eure Sprache und kann auch nicht mit euch über Gedanken kommunizieren. Dann werde ich auch sicher nicht dazu in der Lage sein, Menschen zu spüren.«, erwiderte ich.
»Hab Vertrauen in dich und deine Fähigkeiten. Wenn du jemandem helfen musst, wirst du es spüren, ich bin mir sicher.«
Casy lächelte mir zu und nahm mich in den Arm.
»Hab keine Angst.«, sagte er. »Es wird schon alles gut gehen.«
Die Worte meiner Eltern gaben mir Kraft und ich fühlte mich viel besser, wenn ich an den bevorstehenden Neumond dachte. Auch meine Begleiterinnen waren sich sicher, dass ich mir keine Sorgen machen brauchte.
»Wir werden bei dir sein und dich unterstützen.«, meinte Isabella.
»So schlimm ist Neumond doch gar nicht.«, sagte Leslie und sah mich fragend an.
»Ich weiß.«, erwiderte ich. »Es ist nicht so schlimm, aber damals konnte ich es nicht ertragen, zu sehen, wie eine Sirene besessen war und, obwohl sie es wollte, nichts dagegen tun konnte. Sie sah mich einfach nur an…«
»Du musst darüber nicht sprechen.«, sagte Sofie. »Neumond ist alles andere als angenehm. Leslie ist daran gewöhnt. Für sie ist es nichts Besonderes und sie ist stark. Sie weiß, wie sie mit den betroffenen Sirenen umgehen muss und kann ihnen helfen, aber du warst damals überfordert.«
Ich nickte. »Ja, und dieses Mal möchte ich das nicht sein. Ich möchte helfen und werde mich zusammenreißen. Allein schon meiner Familie zu Liebe. Ich will nicht, dass sie sich Sorgen um mich machen.«
»Dieses Mal sind wir ja auch bei dir.« Isabella lächelte mir zu.
»Gibt es denn gar keine Möglichkeit, sich davor zu schützen, die Kontrolle zu verlieren?«, fragte ich.
»Nein.«, antwortete Caroline. »Entweder es passiert oder eben nicht. Manche Sirenen trifft es immer wieder. Manche nur ein einziges Mal und manche nie. Aber falls es dich beruhigt: Einen Wächter und dessen Begleiter hat es noch nie getroffen.«
Es beruhigte mich aber nicht wirklich. Es ging nicht um mich. Natürlich würde ich es mir nie verzeihen, falls ein Mensch durch meinen Einfluss sterben würde, aber ich wollte diese ganze Sache um Neumond einfach begreifen. Scheinbar gab es da jedoch nichts zu begreifen: Es war nun einmal so wie es war und so war es schon immer. Nie würde sich etwas daran ändern. Ich fühlte mich schwach dadurch. Einem Wächter war es nie gelungen, diesen dunklen Schatten, der über den Sirenen lag, aufzuheben, obwohl das Zeichen des Wassers doch scheinbar dazu in der Lage war, den Wächter selbst davor zu beschützen. Es ging mir um all die Sirenen wie Chloë, die nichts für das konnten, was sie getan hatten, die sich aber ihr Leben lang deswegen schuldigen fühlen würden.
»Danke, dass ihr so gute Freundinnen seid.«, sagte ich und verabschiedete mich dann von Caroline und den anderen.
Später, als ich wieder zu Hause war, dachte ich noch lange über das nach, was mir meine Familie und vor allem meine Begleiterinnen gesagt hatten.
Ich gehörte zu den Personen, die es schrecklich fanden, etwas einfach akzeptieren zu müssen. Es gab so viel, was ich nicht einfach hinnehmen wollte, es aber musste. Meine Verwandlung zum Beispiel, weil ich einfach gerne Mensch war, oder den Abschied von Josie, der mir irgendwann bevorstehen würde. Es machte mich wütend, so hilflos zu sein. Ich fühlte mich einfach nur schwach und elendig. Denn welche Sirene auf dieser Welt wäre dazu in der Lage, diesen Fluch, der auf dem Volk der Sirenen lastete, zu beseitigen, wenn nicht ich? Ich wünschte mir, alle Sirenen erlösen zu können, aber ich wusste gleichzeitig, dass ich es nicht konnte. Die Sirenen lebten schon seit Anbeginn ihres Daseins damit, dass sie Menschen töteten. Keiner Sirene war es gelungen, dies zu ändern. Wie sollte da ich, so menschlich und schwach wie ich war, das ändern können und die damit verbundene ewige Feindschaft zwischen Sirenen und Musen beenden?
Es regnete am darauffolgenden Morgen, wie in letzter Zeit so oft, passend zu meiner Gemütslage. Mum war noch zu Hause und hatte bereits den Tisch gedeckt.
»Eigentlich könntest du noch eine halbe Stunde schlafen.«, sagte sie und sah von ihrer Zeitung auf.
Weshalb war ich so früh aufgewacht? Normalerweise passierte mir das nicht. Mir fiel es nach einem Besuch bei meiner Familie sehr schwer, am nächsten Morgen aufzustehen. Heute fühlte ich mich gar nicht müde. Ich setzte mich zu Mum und machte mir ein Porridge.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte Mum leicht besorgt.
»Ja.«, sagte ich. »Eigentlich ist alles in Ordnung.«
»Eigentlich?« Mum nippte an ihrem Kaffee und sah mich besorgt an. »Es ist wegen Neumond, nicht wahr? Warum hast du mir nicht eher gesagt, dass es dich so sehr beschäftigt?«
»Ich weiß es nicht.«, sagte ich und wich Mums Blicken aus.
»Ich bin nur etwas unsicher, mehr ist es nicht.«
»Das ist eine sehr schwere Zeit für dich. Ich wünschte, ich könnte mehr tun. Aber ich bin bloß ein einfacher Mensch, ich kann dich weder von deinem Leid befreien noch kann ich dich begleiten. Es tut mir leid.«
»Das muss es nicht, Mum. Du hilfst mir mehr als du vielleicht glaubst. Ich bin dir sehr dankbar dafür.«, antwortete ich und aß genusslos weiter.
»Ich muss jetzt leider los. Bis heute Abend.«
Mum stand auf, nahm ihre Tasche und zog ihre Jacke an. Kurz bevor sie zur Tür hinausging, warf sie mir noch eine Kusshand zu.
»Hast du lange auf uns gewartet?«, fragte Rob und sah auf seine Uhr.
Er schien erstaunt darüber zu sein, dass ich bereits auf ihn wartete und nicht gerade erst fertig geworden war.
»Ein bisschen, aber ich bin früher aufgewacht. Ihr seid wie immer pünktlich.«, beruhigte ich ihn.
»Du bist früher aufgewacht?«, fragte Tiffany. »Ist mit dir alles in Ordnung?«
Ich musste lachen. »Ja, ich denke schon.«
Tiffany musterte mich einen Augenblick lang und schien dann von meiner Antwort überzeugt zu sein.
»Morgen wirst du mit deiner Familie Neumond verbringen?«, fragte Rob, obwohl er die Antwort natürlich kannte. Er wollte nur sichergehen, dass ich damit zurechtkam.
»Das ist der Plan.«
»Hast du mit ihnen noch einmal darüber gesprochen?«
»Ja, sie konnten mich einigermaßen beruhigen. Zumindest geht es mir jetzt besser damit. Ich hoffe, dass alles gut geht und es schnell vorbei ist. Bitte denk in dieser Zeit an mich, okay? Es würde mir helfen, zu wissen, dass du in Gedanken bei mir bist.«
»Darum musst du mich nicht bitten, Jane.« Rob sah mir in die Augen und grinste dann. »Ich denke sowieso immer nur an dich.«
In der Schule versuchte ich, mich nicht weiter mit Neumond zu befassen oder zu viel vor mich hin zu grübeln. Auch wenn ich meinen Schulabschluss wahrscheinlich nie wieder brauchen würde, hatte mich mein Ehrgeiz angestachelt und ich hatte mir sehr viel Mühe gegeben, um bestmöglich abzuschneiden.
Ich würde die Schule, anders als viele meiner Mitschüler, sehr vermissen. Mir hatte die Schule immer ein Gefühl der Normalität gegeben und sie hatte mich meistens von meinen Sorgen ablenken können. Und auch nur durch sie hatte ich Josie kennengelernt. Ich wusste, dass es mir schwerfallen würde, die Schule hinter mir zu lassen.
Als ich nach Hause kam, setzte ich mich auf die Couch und sah fern. Ich wollte nicht an den nächsten Tag denken und mich ausruhen. Ich spürte, dass ich doch besser noch eine halbe Stunde länger geschlafen hätte. Ich zappte durch die Kanäle und landete auf einem Shoppingkanal. Normalerweise sah ich mir solche Sendungen nie an, aber das Produkt, das zum Verkauf stand, war ein Brautkleid, nicht mein Geschmack, es war zu kitschig, aber ich musste sofort an meine Hochzeit denken. Rob und ich hatten eigentlich noch nicht wirklich unsere Trauung geplant, aber wir wussten schon, dass sie auf der Yacht der Caristons stattfinden würde. Wir hielten die Yacht von Anfang an für den passenden Ort. Zwar würde ich damit am Tag meiner Verwandlung dem Meer sehr nahe sein, aber meine Familie hatte mir versichert, dass ich mich erst dann verwandeln würde, wenn ich danach zum ersten Mal wieder ins Wasser ginge.
Ich hatte kurz mit dem Gedanken gespielt, dem Wasser fortan für immer fern zu bleiben und es zu meiden, aber ich wusste, dass das unmöglich war. Schon jetzt brauchte ich das Meer, mehr als es mir lieb war. Es hatte eine magische Anziehungskraft auf mich, die durch das Zeichen des Wassers nur noch verstärkt wurde. Genau deshalb wollte ich auch an meinem Hochzeitstag dem Meer nahe sein. Abends könnten wir dann außerdem von der Yacht aus die Sonne im Meer untergehen sehen, was einer meiner liebsten Anblicke war.
Wir hatten nicht vor, viele Leute einzuladen. Und ich hatte auch kaum Bekannte, geschweige denn Freunde hier. Josie würde da sein, Mum, Verwandte und ein paar Freunde unserer Familie vielleicht. Es war ähnlich bei Rob. Er hatte auch nur zwei wirklich gute Freunde, die ich allerdings kaum kannte. Das war durchaus meine Schuld, denn seit Rob und ich ein Paar waren, hatte er immer weniger Zeit mit anderen Menschen verbracht. Insbesondere, nachdem er erfahren hatte, dass ich Sirene war, hatte er mir jede freie Sekunde geschenkt, um für mich da zu sein. Ich war ihm unendlich dankbar dafür, denn ohne ihn an meiner Seite, hätte ich das alles nicht überstanden, das wusste ich.
Im kleinen Kreis unsere Hochzeit zu feiern, hatten Rob und ich schon immer bevorzugt. Ich hatte mich entschieden, auch Emma einzuladen. Sie war einmal eine gute Freundin gewesen, sogar meine beste und auch, wenn wir uns mit der Zeit aus den Augen verloren hatten, hielt ich es für richtig, sie einzuladen. Ich wollte meinen letzten Tag dieses Lebens, wie ich es kannte, mit den Menschen, die mir viel bedeuteten, oder mir mal wichtig gewesen waren, verbringen. Es war für mich vielleicht die letzte Möglichkeit, sie zu sehen und mit ihnen zu sprechen. Und ich wollte mir diese Gelegenheit auf keinen Fall entgehen lassen.
Irgendwann musste ich eingeschlafen sein. Als ich aufwachte, war es schon Nacht. Mum hatte mir eine Decke übergelegt, die ich zur Seite schob. Ich stand auf und ging im Dunkeln vorsichtig die Treppe hinauf. Vor Mums Zimmer blieb ich kurz stehen. Sie laß noch.
»Hallo, Liebling. Ich wollte dich nicht wecken. Gehst du jetzt schlafen?«
Ich nickte. »Ja, ich sollte für morgen gut ausgeschlafen sein.«
Ich hatte mich bereits umgedreht, als Mum mich rief.
»Jane.«
Ich sah sie an.
»Ich bin stolz auf dich. Du wirst das schaffen. Ich kenne niemanden, der so viel Kraft hat wie du, trotz all dem, was du bereits durchmachen musstest.«
»Ich bin eigentlich überhaupt nicht stark, ich bin sogar ziemlich schwach, zumindest fühle ich mich die meiste Zeit über so. Aber ich kann mich recht gut überwinden und meine Liebe, die ich in mir trage und die Liebe, die ich von anderen zu spüren bekomme, hilft mir.«
Ich setzte mich auf Mums Bettkante und sah auf meine Hände.
»Weißt du, ich habe manchmal das Gefühl, so viel Angst in mir zu haben und so schwach zu sein, dass ich mich gar nicht mehr fürchten kann. Macht das überhaupt Sinn?«
Ich sah Mum fragend an, ohne ihre Antwort abzuwarten.
»So war es auch, als ich beinahe Paul geheiratet hätte. Ich hatte so große Angst und vor lauter Angst fühlte ich mich taub. Ich konnte nichts mehr fühlen außer meiner unendlichen Liebe.
Und es gibt nur eine Sache, die ich mehr als alles andere fürchte. Dass den Personen, die ich liebe, etwas zustößt und dass ich sie für immer verliere. Ich hätte mich damals beinahe selbst verloren, aber ich würde mich immer wieder opfern.«
»Jane, ich wünschte so sehr, ich hätte dasselbe für dich getan.«
»Aber, Mum, das hast du doch.«, sagte ich und griff nach ihrer Hand. »Du bist mit Paul gegangen.«
»Davon spreche ich nicht.«, entgegnete Mum und schüttelte den Kopf. »Damals, als Phil dich mitbrachte, hätte ich mich opfern sollen. Meinen sehnlichsten Wunsch nach einem Kind. Aber ich habe es nicht getan und es tut mir so unendlich leid.«
»Das braucht es nicht, Mum. Es war Schicksal: Unser gemeinsames Schicksal. Ich weiß das und ich wusste es schon immer. Andernfalls wären wir uns vermutlich nie begegnet und Rob und ich hätten uns auch nicht kennengelernt. Ein Leben ohne euch möchte ich mir gar nicht vorstellen.«
Mum lächelte traurig und ich nahm sie in den Arm. Ich liebte sie. Sie hatte Fehler gemacht, aber ich auch. Sie musste die Vergangenheit endlich hinter sich lassen und ich spürte, dass ihr Dad dabei helfen würde, wenn er nur endlich wieder bei ihr sein dürfte.
»Hast du mir verziehen?«, fragte Mum.
»Ich war dir niemals böse deswegen. Ich habe dir doch gesagt, dass ich immer wusste, dass alles einen Sinn hat.« Dann lächelte Mum ein echtes, warmes Lächeln und ich ging zu Bett, wo ich seit langer Zeit zum ersten Mal ohne Angst vor dem bevorstehenden Tag einschlief.
***
»Bist du sehr aufgeregt?«
Rob sah mich an.
»Ich weiß nicht.«, sagte ich und es war nicht gelogen.
Ich war nervös und angespannt, aber ich fürchtete mich nicht so, wie noch vor ein paar Tagen. Vielleicht, weil es heute endlich so weit war. Rob nahm meine Hand und drückte sie fest.
»Wenn es dir nicht gut geht, dann sprich bitte mit mir und halte es nicht vor mir zurück, in Ordnung?«
»Ja.«, erwiderte ich leise.
»Ich finde gut, was du tun willst.«, sagte Tiffany.
»Ja, das habe ich mir schon gedacht. Das tun alle Sirenen. Wir alle versuchen Menschen zu retten.«, entgegnete ich lächelnd.
»Aber ihr tötet sie auch.«
Rob sah Tiffany wütend an.
»Das weiß ich.«, entgegnete ich. »Und es lässt sich nicht kleinreden. Das will ich auch gar nicht tun. Aber du hast noch keine Sirene gesehen, die einen Menschen verletzt hat. Sie können nichts dafür und gehen daran beinahe zu Grunde.«
Tiffany schien in meinen Augen zu sehen, was ich damals gesehen hatte und nickte verständnisvoll.
»Ich wünschte, das alles würde ein Ende nehmen.«
»Ja.«, sagte ich beinahe lautlos. »Das wünschte ich auch.«
»Soll ich heute noch einmal bei dir vorbeikommen?«, fragte Rob ein paar Augenblicke später.
»Gerne. Komm vorbei, wann immer du Zeit hast.«
»Dann sehen wir uns später.«, sagte er und ließ zögerlich meine Hand los.
Josie half mir dabei, wie immer, nicht an meine Sorgen zu denken.
»Was wirst du heute machen?«, fragte sie mich während der Pause.
»Ich werde mich mit Rob treffen.«
Josie schien leicht enttäuscht zu sein. Ich hatte mir in letzter Zeit wirklich nicht genug Zeit für sie genommen. Ich musste das ändern, denn viel davon hatte ich sowieso nicht übrig.
»Dieses Wochenende kann ich leider nicht. Aber wie wäre es, wenn wir uns irgendwann nächste Woche nach der Schule treffen? Du könntest mir bei den Hochzeitsvorbereitungen helfen. Ich bin wirklich super unorganisiert, was das angeht und hänge zeitlich hinterher…«
Josie lächelte. »Selbstverständlich. Es wird sicher eine wundervolle Hochzeit.«
»Ich habe mich in letzter Zeit kaum um Josie gekümmert.«, sagte ich zu Rob, als er am späten Nachmittag bei mir war.
»Sie ist dir sicher nicht böse.«
»Nein, das wäre sie nie. Aber ich habe ein schlechtes Gewissen. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit und ich sollte sie so oft wie möglich besuchen.«
»Glaubst du, es wäre so eine gute Idee gewesen, dich mit ihr zu treffen, als es dir so schlecht ging? Josie macht sich immer Sorgen um dich. Glaub mir, es war besser so.«
»Wahrscheinlich hast du recht.«, entgegnete ich.
»Mach dir nicht so viele Gedanken.«
»Ich versuche es.«, sagte ich leise.
»Ich kenne niemanden, der sich so viel zu Herzen nimmt, wie du es tust.«
Ich lächelte. »Ja, so bin ich.«
»Und genau so liebe ich dich.«
»Selbst mit grünen Haaren?« Rob musste lachte.
»Ganz besonders mit grünen Haaren.«
Ich genoss die restliche Zeit mit Rob. Er gab mir so viel Kraft. Schweren Herzens verabschiedete ich mich am Abend von ihm. Er nahm mich in den Arm und ich konnte nicht verhindern, dass mir Tränen übers Gesicht liefen. Rob hielt mich einfach nur fest und wischte dann meine Tränen ab.
»Soll ich bleiben?«, fragte er.
Ich versuchte mich zu beruhigen.
»Nein, ich komme schon zurecht. Mum wird gleich nach Hause kommen.«
»Hab keine Angst. Es wird sicher nicht so schlimm, wie du es in Erinnerung hast. Ich werde an dich denken.«
Rob küsste mich lange und innig. Dann öffnete er die Haustür, während er mit der anderen Hand noch immer meine festhielt. Als ich spürte, wie sich sein Griff langsam löste, zog ich ihn näher an mich heran.
»Bleib.«, flüsterte ich.
Rob blieb und meine Angst ging. Gegen zwei Uhr nachts wachten wir durch das Klingeln meines Weckers auf. Ich stieg aus dem Bett und zog mich an.
»Du kannst ruhig weiterschlafen.«, sagte ich zu Rob, der mir schläfrig vom Bett aus zusah.
»Nein, ich stehe mit dir auf. Abbie kann mich sicher auf dem Rückweg zu Hause absetzen.«
»Du willst mitkommen?« Ich sah Rob erstaunt an.
»Ja, ich begleite dich. Zumindest bis zum Hafen. Ich wünschte, ich könnte dich auch noch weiter begleiten, aber das kann ich leider nicht.«
Was Rob sagte, stimmte mich traurig. Wir wussten nicht, was nach meiner Verwandlung passieren würde. Vielleicht würde er mich nie ins Meer und ich ihn auch nicht mehr an Land begleiten können. Ich sah zu Boden und wandte mich von ihm ab. Ich wollte nicht, dass er sah, wie viel Schmerz mir dieser Gedanke bereitete, doch Rob kam auf mich zu und umarmte mich.
»Es tut mir leid.«, flüsterte er in mein Ohr.
Ich richtete meinen Blick auf und sah ihm direkt in seine Augen.
»Ich denke immer daran. Ich habe solche Angst, dich zu verlieren. Du bedeutest mir alles und ich weiß nicht, wie ich es ertragen soll, wenn ich dich nicht mehr jeden Tag sehen kann.«
»Mir geht es genauso, Jane.«, sagte Rob leise. »Aber, selbst wenn ich dich nicht mehr jeden Tag sehen kann, solange ich weiß, dass du mich liebst, bin ich der glücklichste Mensch auf Erden. Nichts wird daran etwas ändern. Auch wenn ich dich nie wieder sehen oder spüren dürfte, würde ich dich in alle Ewigkeiten lieben, so wie ich es jetzt tue und ich würde alles daran setzen, einen Weg zu finden, der uns wieder vereint.«
Mum fuhr uns zum Hafen. Ich stieg nicht sofort aus, es kostete mich große Überwindung.
»Jane, ich werde an dich denken. Mach dir nicht so viele Sorgen und sei stark.«
Ich küsste noch einmal Rob und stieg dann aus dem Wagen.
»Ich liebe euch.«
Meine Familie wartete schon gespannt auf mich. Ihre grünen Haare fielen mir sofort ins Auge. Genau wie ihre hatten auch meine innerhalb kürzester Zeit die Farbe gewechselt.
Acht Augenpaare betrachteten mich argwöhnisch. Vielleicht hatten sie bis zuletzt daran gezweifelt, dass ich auch wirklich auftauchen würde.
»Wie geht es dir?«, fragte Sajara und nahm mich fest in den Arm.
»Ich bin aufgeregt.«
»Das ist verständlich.«, beruhigte mich Sajara.
»Wo sind meine Begleiterinnen?«
»Wir werden sie erst später treffen. Zunächst bleiben alle Familien beieinander.«, antwortete Casy.
»Und was ist mit Kenix?«
»Sie bleibt hier.«, sagte Eadoin.
»Alleine?«
Linda und Eadoin lächelten mir zu.
»Sirenenbabys sind stärker, als du annimmst. Mach dir um Kenix keine Sorgen.«
»Ich bin damals auch entführt worden.«, entgegnete ich halb im Scherz, wohlwissend, dass dies kein Thema war, über das meine Familie lachen konnte.
»Das ist etwas anderes.«, meinte Casy und verzog keine Miene. »Phil ist ein Mensch. Der erste Mensch seit langer Zeit, zu dem wir Sirenen Kontakt hatten. Wir kannten Menschen lange bevor sie uns kannten, aber nicht auf diese Art und Weise. Phil hat uns studiert und uns am Ende betrogen. Wir wussten nicht, wozu er fähig war und haben ihm blind vertraut. Wir haben ihm unsere Freundschaft geschenkt und er hat sie eiskalt ausgenutzt und uns betrogen. Du hattest keine Angst vor ihm. Auch du hast ihm vertraut. Selbst, als er dich mitnahm. Wir konnten nichts tun. Wir haben es erst zu spät bemerkt. Kenix würde uns sofort verständigen, wenn etwas passieren sollte.«
Ich nickte stillschweigend und leicht beschämt.
»Bist du bereit?« Casy sah mich an.
»Ich denke schon.«
»Sajara und ich bleiben heute hier. Du wirst Linda und Eadoin begleiten. Später werden deine Begleiterinnen zu euch stoßen. Achte dann auf alles, was um dich herum geschieht. Sei stark und kümmere dich um Sirenen und Menschen. Auch du kannst sie aufspüren, wenn du deinen Instinkten vertraust. Sie weisen dir den Weg. Nachher rufe ich euch und wir treffen uns wieder hier.«
Linda, Eadoin und ich sahen uns an. Die beiden lächelten mir aufmunternd zu. Sajara und Casy nahmen mich noch einmal in den Arm. Dann gaben Eadoin und Linda mir das Zeichen, dass wir aufbrachen und ich folgte ihnen.
Wir schwammen nicht allzu weit. Meinem Orientierungssinn nach zu urteilen, waren wir etwa 100 Kilometer nördlich geschwommen. Bei unserer Geschwindigkeit dauerte es nur wenige Minuten. Andere Sirenen waren schon vor Ort. Eadoin warf Linda einen Blick zu und schwamm dann auf die Gruppe von Sirenen zu.
»Was macht er?«, wollte ich wissen.
»Er spricht sich mit ihnen ab und stellt sich ihnen vor, soweit er sie noch nicht kennt. Der dort drüben heißt Patsy.«
Nach ein paar Augenblicken waren auch Sofie und Isabella da.
»Caroline und Leslie werden auch gleich hier sein. Leslie wollte vorher noch etwas zur Stärkung essen.«
Sofie und Isabella umarmten mich und versicherten mir, dass es nicht schlimm werden würde.
»Vielleicht passiert heute ja auch gar nichts. Das kommt auch immer mal wieder vor. Zumindest nichts, wovon wir etwas mitbekämen.«
»Und bist du bereit, Menschen zu retten und Sirenen zu bezwingen?«, fragte Leslie mich amüsiert.
»Ich denke schon.«
Ich war immer wieder fasziniert von ihrer Gelassenheit und Ruhe. Ich glaubte sogar, ein wenig Vorfreude aus ihrer Stimme herauszuhören, war mir aber nicht sicher.
»Das wird schon werden. Und wenn du Probleme kriegst, ruf mich einfach.«
Eadoin und die anderen Sirenen kamen auf uns zu. Sie schienen sich einander vorzustellen, aber ich konnte sie nicht verstehen.
»Du bist es also wirklich?«, fragte mich plötzlich eine Sirene und musterte mich eindringlich.
»Ja?«, sagte ich leicht verunsichert. Ich konnte mir nicht völlig sicher sein, dass sie mich nicht für jemand anderes hielt.
»Es freut mich sehr, deine Bekanntschaft zu machen. Ich bin Edinmi.«
Edinmi hatte raspelkurze Haare und lilafarbene Augen. Solche Augen hatte ich noch bei keiner Sirene gesehen und sie bissen sich richtig mit der stechend grünen Farbe ihrer Haare.
»Deine Augen sind.... schön.«, sagte ich ganz fasziniert.
»Das höre ich oft.«, antwortete Edinmi und lächelte.
»Ich stamme nicht von hier. Ich bin sozusagen eine Seejungfrau
