Segretissimo, streng geheim! - Christoph Franceschini - E-Book

Segretissimo, streng geheim! E-Book

Christoph Franceschini

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Beschreibung

Werden die Anschläge in Südtirol vom Osten gesteuert? Eine zentrale Frage, der Reinhard Gehlen und der Bundesnachrichtendienst BND jahrelang nachgehen. Die Attentate der 1960er-Jahre locken zahlreiche Geheimdienste ins Land. Dabei werden Agents Provocateurs eingesetzt, fingierte Bombenanschläge verübt, illegale "schmutzige Aktionen" durchgeführt, Spitzel enttarnt und umgedreht. Es kommt zu eigentümlichen Kooperationen wie etwa des BND mit italienischen Diensten, zu versuchten Entführungen in Innsbruck und zu Mordplänen gegen Landeshauptmann Silvius Magnago.

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Seitenzahl: 526

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Christoph Franceschini

Segretissimo – Streng geheim!

Südtirol im Fadenkreuz fremder Mächte

Zum Buch

Werden die Anschläge in Südtirol vom Osten gesteuert? Eine zentrale Frage, der Reinhard Gehlen und der Bundesnachrichtendienst BND jahrelang nachgehen. Die Attentate der 1960er-Jahre locken zahlreiche Geheimdienste ins Land. Dabei werden Agents Provocateurs eingesetzt, fingierte Bombenanschläge verübt, illegale „schmutzige Aktionen“ durchgeführt, Spitzel enttarnt und umgedreht. Es kommt zu eigentümlichen Kooperationen wie etwa des BND mit italienischen Diensten, zu versuchten Entführungen in Innsbruck und zu Mordplänen gegen Landeshauptmann Silvius Magnago.

Stimmen zum ersten Band

„Eine Pionierarbeit mit einer Vielzahl unterschiedlichster Quellen, mit klugem Aufbau und flüssiger Schreibe.“

Erich Schmidt-Eenboom, Geheimdienstexperte

„Die Bozen- und Südtirol-Krimis verblassen bei dieser Geschichte über Agenten und Spione. Die Realität ist spannender und knisternder.“

Wolfgang Mayr, RAI Südtirol

„Franceschinis Buch liest sich wie ein mit Endnoten unterfütterter Spionage-Reißer.“

Joachim Leitner, Tiroler Tageszeitung

Die Drucklegung erfolgte mit freundlicher Unterstützung der Abteilung Deutsche Kultur der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol

© Edition Raetia, Bozen 2021

Umschlaggestaltung: Philipp Putzer, www.farbfabrik.it

Umschlagbilder: Titelseite Tatortbild des tödlichen Feuerüberfalls auf die beiden Beamten der Finanzwache Salvatore Cabitta und Giuseppe D’Ignoti am 24. Juli 1966 in St. Martin in Gsies (Foto: Carabinieri di Bolzano, Abate Salvatore, Fascicolo Fotografico, Landesgericht Bozen). Rückseite Reinhard Gehlen München, 7. April 1972 – wahrscheinlich das erste öffentliche Bild Gehlens, geschossen am Rande der Beerdigung von Franz Halder. (ap / Dieter Endlicher).

Druckvorstufe: Typoplus, Frangart

Printed in Europe

ISBN 978-88-7283-735-1

ISBN Ebook 978-88-7283-817-4

Unseren Gesamtkatalog finden Sie unter www.raetia.com.

Bei Fragen und Anregungen wenden Sie sich bitte an [email protected].

Inhalt

Vorwort

General Gehlen, Magnago & die „Stasi“

Der Mann im Vatikan

Viktoria Stadlmayer alias „Stasi“

„Kontakt mit der Firma“

50 V-Männer für Südtirol

Giovanni Gehlen & Südtirol

Aufregung um Terroristenausbildung

Der Vertrauensjournalist

Diener zweier Herren

SS-Seilschaften im Einsatz

Die Spur in den Osten

Nach Kenntnisnahme vernichten!

Das Wiener Handelskontor

Innsbrucker Jesuit und Professor

„Kleiner Jude“

Römischer Molotowcocktail

Notring für Südtirol

„Umdrehen“ eines Agenten

Der Doppelagent in Montecitorio

Geheimdienststudie zum Südtirol-Terrorismus

Jüdischer Agent der Gestapo?

Ausspähungsziel österreichische Botschaft

„Die Monopolstellung der SVP brechen“

Gefährliche Nachforschungen

Neuer Arbeitgeber BND

Heini, Ada & die „Pusterer Buben“

Gescheiterte Verhaftung

Im Dienste der Finanzwache: „Berta“ und das „Centro I“

Die Abrechnung

Die Schwägerin des Weihbischofs

Liebesgrüße aus Mailand

Bezahlte Bombenleger

Fall 1: Der Koffer des Georg Klotz

Der selbst ernannte Architekt

Informant John

Mord an Magnago

Fall 2: Der Söldner aus Belgien

Zechpreller und Nationalist

Anwerbung eines Kleinkriminellen

Anruf bei Oberst Marzollo

Nachspiel in Zürich

Nachrichtenbörse Wien, München, Rom

Der gestiefelte Kater

300 Spitzelberichte zum BAS

Professor als Führungsoffizier

Der jüdische Nachrichtenhändler

Der Schmetterlingsforscher

Das Doppelleben des Verlegers Sessler

Sesslers „ARP“ und „K4T“

„Speziell auch Tirol“

Treffen in Paris

Ein Wiener Gewohnheitsverbrecher

Gefährlicher Liebhaber

Die Anwerbung

Die zweite Bombe

Lockung und Abhörung von Klotz

Mata Hari in den Alpen

Vespa, notorische Schulden & Vatikan

Die Burger-Entführung

Agententreff am Brenner

Gefährliches Versteckspiel

De Lorenzos Spezialeinheit

Sprengfalle Landshuter Hütte

Abgehörte Telefongespräche

Versuchskaninchen Massak

Die Inszenierung

Tod auf der Porzescharte

Der Hinterhalt

Gemeinsamer Lokalaugenschein

Die Fälschung

Das Holzkästchen

Das Brieffragment

Anhang

Anmerkungen

Abkürzungen

Glossar

Personenregister

Bildnachweis

Danksagung

Der Autor

Vorwort

Es ist ein Lächeln, das sich irgendwo zwischen Unverständnis und Mitleid bewegt. So kann man die Reaktion vieler etablierter Historiker beschreiben, wenn man erklärt, dass man zum Thema Geheimdienste arbeitet. Die Beschäftigung mit den Nachrichtendiensten wird von der traditionellen Zeitgeschichtsforschung immer noch als obskure Leidenschaft abgetan oder dem Bereich der Verschwörungstheorien zugeordnet. Nur allzu gern überlassen die promovierten Geschichtswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler diese Materie den Journalistinnen und Journalisten. Wobei diese Berufsbezeichnung von der akademischen Kanzel herab meistens abwertend gemeint ist.

Dabei ist die Forschung im Bereich der Nachrichtendienste, etwa in den angelsächsischen Ländern, längst zu einer anerkannten wissenschaftlichen Disziplin geworden. In den USA, aber auch in Großbritannien sind die sogenannten „Intelligence Studies“ ein Teilbereich der akademischen Welt. Zudem haben Nachrichtendienste wie die US-amerikanische CIA (Central Intelligence Agency), der englische MI6 (Military Intelligence, Section 6) und inzwischen auch der deutsche BND (Bundesnachrichtendienst) eine Reihe von Historikerinnen und Historikern in ihren Reihen, die die Geschichte der eigenen Organisation akribisch aufarbeiten.

Während in Italien oder Österreich immer noch eine Kultur der völligen Abschottung, des Misstrauens und der Unzugänglichkeit nachrichtendienstlicher Archive vorherrscht (obwohl in Italien unter Ministerpräsident Silvio Berlusconi per Gesetz eigentlich eine Öffnung nach 30 Jahren festgelegt wurde, hat man dieses Gesetz mangels Durchführungsbestimmungen bis heute nicht umgesetzt), sind in den USA, in England, in Deutschland oder auch in Tschechien die Archive der Dienste für Forscherinnen und Forscher sowie Interessierte im Sinne der Transparenz längst geöffnet worden.

Gerade hier aber prallen zwei Welten aufeinander: auf der einen Seite das Interesse der Forschung, Aktionen, Operationen und Hintergründe möglichst detailliert nachzuzeichnen, auf der anderen Seite die natürliche Aufgabe der Nachrichtendienste, ihre Arbeitsweise, ihre Methodik und vor allem ihre Spitzel, Agentinnen, Mitarbeiter, Informanten und Quellen vor einer Offenlegung zu schützen. Dass daraus ein kaum überbrückbarer Konflikt entsteht, wurde in den vergangenen Jahren im Rahmen der Arbeit der „Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes 1945−1968“ (UHK) deutlich.

Doch trotz vieler Steine, die einem in den Weg gelegt werden, ist heute anhand der zugänglichen Akten und in Italien anhand vieler Akten aus verschlossenen Archiven der verschiedenen Sicherheitsbehörden, die in Gerichtsakten Hunderter Verfahren eingeflossen und damit zum größten Teil „deklassifiziert“, also freigegeben worden sind, eine seriöse Aufarbeitung dieser Vergangenheit und teilweise auch Gegenwart möglich.

Südtirol ist ein kleines und unter einigen Gesichtspunkten auch provinzielles Land an der Schnittstelle zwischen zwei Kulturen. Als wichtigste Alpentransversale war dieses Gebiet historisch dazu prädestiniert, zu einer Operationszone für Nachrichtendienste und zum Schauplatz verdeckter Aktionen verschiedenster in- und ausländischer Sicherheitsbehörden zu werden. In dieser Buchreihe werden einige dunkle und bisher unbekannte Kapitel dieser klandestinen Geschichte aufgearbeitet.

Es handelt sich um Regionalgeschichte mit einem klaren Bezug zur nationalen und internationalen Welt der Nachrichtendienste, aber auch um den Versuch, Akten aus Archiven in Deutschland, Italien, Österreich, der Schweiz, Tschechien und den USA zu einem Gesamtbild zu fügen, das dem Anspruch wissenschaftlicher historischer Forschung gerecht wird. Ob dieses Unterfangen erfolgreich war, wird die Zukunft weisen. Vor allem aber mögen das Berufenere beurteilen.

Auch im vorliegenden Band liegt der Fokus auf den sogenannten Südtiroler Bombenjahren. Dabei zeigt sich, dass aufseiten der Dienste immer wieder dieselben Personen am Werk waren und sich die Handlungsweisen in vielen Fällen mehr als nur ähneln. Südtirol war jahrelang die Trainingshalle für unorthodoxe, „schmutzige Aktionen“ vor allem der italienischen Nachrichtendienste. Hier wurde das vorbereitet, was man später die „Strategie der Spannung“ nannte, nämlich jene zahlreichen Terroranschläge der 1970er- und 80er-Jahre, die unter „falscher Flagge“ von italienischen Geheimdiensten, Rechtsextremisten und der Geheimloge P2 (Propaganda Due) ausgeführt wurden – mit dem Ziel, die Linke nach der Einbindung der Kommunistischen Partei (PCI) in die Regierung zu diskreditieren und den Staat zu destabilisieren. Bevor diese Aktionen auf nationaler Ebene umgesetzt wurden, erfolgte quasi der Probelauf in Südtirol.

Daraus aber den allzu einfachen Schluss zu ziehen − wie es heute von politisch motivierten Kräften immer wieder geschieht −, dass die Männer des „Befreiungsausschusses Südtirol“ (BAS) allesamt Engel und gewissermaßen gewaltlos agierende Idealisten waren und alle Attentate und Vorfälle, bei denen es Tote gab, von den Geheimdiensten verübt wurden, ist nicht nur historisch falsch, sondern fahrlässig.

Was aber sicher stimmt: Einiges hat sich nicht so abgespielt, wie es bis heute dargestellt oder auch in den Gerichtsakten festgehalten wird. So etwa findet sich in diesem Buch unter anderem eine neue Lesart des blutigen Anschlages auf der Porzescharte, die sich weniger mit den Tätern als mit der Möglichkeit befasst, dass man im Nachhinein Beweise fabriziert hat, um ihrer habhaft zu werden.

Mit besonderer Genugtuung erfüllt es mich, dass das Interesse der Leserinnen und Leser an diesem Thema überwältigend ist. Zusammen mit dem vorliegenden Buch geht nämlich die dritte Auflage des 2020 erschienenen ersten Bandes „Geheimdienste, Agenten, Spione. Südtirol im Fadenkreuz fremder Mächte“ in Druck. Der erste Band hat weit über Südtirol hinaus Interesse und Aufmerksamkeit erregt.

Was mich dabei am meisten überrascht hat, sind die vielen Rückmeldungen, die ich erhalten habe und immer noch erhalte. Es haben sich Dutzende Menschen gemeldet, um mir Fakten, Erlebnisse und Details mitzuteilen, die mit jenen Personen und Ereignissen zusammenhängen, die im ersten Band beschrieben werden. Es sind zum Teil Ergänzungen, aber auch neue, äußerst interessante Aspekte, die einer Vertiefung bedürfen und ganz sicher in meine weiteren Arbeiten einfließen werden.

Jenen Kollegen, Mitstreiterinnen und Freunden, die mir bei meiner Forschungsarbeit in den vergangenen zwei Jahrzehnten selbstlos und kompetent mithilfe und Rat zur Seite gestanden haben und immer noch stehen, danke ich von Herzen. Ohne sie wären diese Bücher nie erschienen.

Den Leserinnen und Lesern wünsche ich eine aufschlussreiche und spannende Lektüre.

Christoph Franceschini

General Gehlen, Magnago & die „Stasi“

Südtirol-Expertin Viktoria Stadlmayer: „Direkter Draht zur Firma nach München“.

Reinhard Gehlen, Gründer und erster Präsident des BND hat ein persönliches Interesse und Naheverhältnis zu Südtirol. Aus seinem Vorzimmer wird jahrelang eine Informantin geführt, die über besonders exklusive Informationen zu Südtirol und dem „Befreiungsausschuss Südtirol“ (BAS) verfügt: Viktoria Stadlmayer. Es ist ein Kapitel der Tiroler Zeitgeschichte, das bis heute im Dunkeln liegt.

Es ist nicht einfach, das Schriftstück zu entziffern, das der Autor im März 2015 im Lesesaal in Pullach in den Händen hält. Zwei Jahre hatte er nach der Antragstellung gewartet, bis er Zugang zum Archiv des „Bundesnachrichtendienstes“ (BND) erhalten hat. Nun liegen die Akten endlich vor ihm. Über 2.500 Seiten zum Thema Südtirol, die vom Bereich Archivwesen des BND nach eingehender Prüfung deklassifiziert und mit etlichen Schwärzungen freigegeben wurden. In dem schmalen Akt geht es um eine Anfrage des Bayerischen Landeskriminalamtes (BLKA) an den BND in Sachen Südtirol und um die „Frage der Federführung in der Südtirol-Angelegenheit“.1 Darin enthalten ist eine handschriftliche Notiz, datiert auf den 28. November 1961:

Bei Rücksprache mit Dr. Lückrath habe ich den Eindruck gewonnen, dass unser Dienst viel mehr Verbindungen nach Südtirol hat, als in der uns vorliegenden Meldungsübersicht erscheinen. […] Dr. L. glaubt z. B. sicher zu sein, dass Dr. Magnago selbst in irgendeiner Verbindung zum BND steht. Bevor man die Vielzahl dieser möglichen Indiskretionspunkte nicht in den Griff bekommt, ist die Frage von L 180 aus hiesiger Sicht mir nicht möglich zu beantworten.2

Südtirols Landeshauptmann Silvius Magnago soll persönlich mit dem BND in Verbindung gestanden sein? Das wäre ein Clou. Aber zuerst ist es vor allem akribische Recherchearbeit, um die vielen Verbindungslinien zusammenzuführen und das komplexe System von Deck- und Tarnnamen zu enthüllen. Denn bereits diese wenigen handschriftlichen Zeilen machen eine grundsätzliche formale Schwierigkeit in der Beschäftigung mit den Nachrichtendiensten im Allgemeinen und mit dem BND im Besonderem deutlich: Die Abschottung nach außen aber auch nach innen gehört zur Natur von Nachrichtendiensten. Grundsätzlich versucht man die eigene Struktur so zu verschleiern, dass Außenstehende sich äußerst schwertun, die Organisation zu durchschauen und einzelne Dienststellen und Mitarbeiter zu identifizieren. Wie obiges Zitat zeigt, sollen sich Verbindungslinien auch intern nur einem kleinen Kreis erschließen. Alle Geheimdienste greifen deshalb nicht nur für ihre Spione und Agenten auf Deckbezeichnungen zurück, sondern auch das eigene Personal bekommt Decknamen, die es im Dienst verwenden muss. Diese Namen werden mit DN abgekürzt, was offiziell für „Dienstnamen“ steht.3 Ebenso werden alle Dienststellen und Abteilungen mit Tarnnamen oder Tarnchiffren versehen.

Heraus kommt dabei ein Gewirr an Zahlen, Bezeichnungen und Namen, das nur sehr schwer zu durchschauen und nachzuvollziehen ist. Erschwert wird das Ganze zudem dadurch, dass die gesamte Struktur periodisch immer wieder umbenannt wird – auch das eine Vorsichtsmaßnahme gegen eine Enttarnung durch feindliche Dienste – und dass eine Person oder eine Dienststelle gleichzeitig unter mehreren verschiedenen Decknamen und Tarnziffern operiert.

BND-Gründer und -Präsident Reinhard Gehlen: Persönliches Interesse an Südtirol.

Reinhard Gehlen, der Gründervater und Leiter der „Organisation Gehlen“ (Org.) und erster Präsident des BND, kultivierte diese Verwirrungstaktik besonders intensiv. Gehlen, der den DN „Dr. Schneider“ (umgangssprachlich innerhalb des BND auch „Professor“) trägt, operiert in der Org. zwischen 1947 und 1956 anfänglich unter der Tarnchiffre „34“, wechselte dann auf „50“ und später auf „88“. Als aus der Org. 1956 der „Bundesnachrichtendienst“ (BND) wird, firmiert der Chef zuerst als „70“, dann jahrelang als „160“ oder „363“.4

Bei jedem Chiffrenwechsel änderte auch die gesamte BND-Struktur ihre Bezeichnungen. So wurden etwa enge Mitarbeiter der Dienststellenleiter entweder durch den alphabetischen Zusatz a bis z oder durch römische Ziffern gekennzeichnet. „160/I“ zum Beispiel war der persönliche Referent von Reinhard Gehlen, „160/II“ seine persönliche Sekretärin und Büroleiterin.

Weil es bis heute keinerlei wirklich schematische Übersicht über die Tarnziffern und Decknamen gibt, ist bereits eine Rekonstruktion der handelnden Dienststellen und Personen eine detektivische Kleinarbeit. Dem Berliner Historiker Ronny Heidenreich, Mitglied der Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes (UHK), gebührt das Verdienst, 2019 erstmals einen solchen Überblick zusammengestellt und publiziert zu haben.5 Wer also ist dieser „Dr. Lückrath“, der im November 1961 mutmaßt, dass der Südtiroler Landeshauptmann und langjährige Obmann der Südtiroler Volkspartei Silvius Magnago direkte Kontakte zum BND habe?

Hinter dem DN „Lückrath“ verbirgt sich Hans Georg Langemann (1925–2004). Der Jurist aus Westfalen kommt 1957 zum BND und macht eine steile Karriere. „Lückrath“, der die Tarnziffer 348a führt, wird zu einer der engsten Vertrauenspersonen von Reinhard Gehlen. Als der BND-Gründer 1968 in Pension geht, wird „Lückrath“ als BND-Resident nach Rom versetzt, also als offizieller Vertreter des BND in Italien. Dort betreut er weiterhin sein weltweit verzweigtes Spitzelnetz, bis er 1970 aus dem BND ausscheidet. Langemann landet in der Bayerischen Staatskanzlei, zuerst als Sicherheitsberater für die Olympischen Spiele in München 1972 und dann als Leiter der neuen Abteilung „Staatsschutz“ im bayerischen Innenministerium. Im Mai 1982 wird der oberste bayerische Staatsschützer verhaftet. Langemann wird beschuldigt, zwei Journalisten interne Informationen und Dokumente über BND-Operationen weitergegeben zu haben. Er wird eineinhalb Jahre später deshalb auch zu neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.6

Hans Langemann alias „Lückrath“ wird Anfang der 1960er-Jahre innerhalb des BND zu einem der wichtigsten Akteure im „Strategischen Dienst“. Dabei handelt es sich um eine Art Geheimdienst im Geheimdienst. Diese Struktur ist rund zwei Jahrzehnte lang abgeschirmt vom restlichen BND in allen Bereichen tätig, sammelt Meldungen, führt im In- und Ausland Agenten und Zuträger und finanziert und organisiert nachrichtendienstliche Operationen. Die Hauptaufgabe des „Strategischen Dienstes“ ist es dabei vor allem, Reinhard Gehlen zuzuarbeiten. Der mächtige BND-Präsident hält sich somit eine Art Sonderdienst, den er von Beginn an mit absoluten Vertrauensleuten besetzt.

An der Spitze des „Strategischen Dienstes“ (Tarnchiffre „180“) steht der in der Notiz genannte „L 180“, wobei das L für „Leiter“ steht. Dabei handelt es sich um Wolfgang Langkau (1903–1991), einen ehemaligen Artillerieinspekteur der Wehrmacht, der nach Erfahrungen in der Abwehr bereits Anfang der 1950er-Jahre zur Org. kommt. Langkau (DN „Holten“ oder „Langendorf“, Tarnziffer „180“ oder „273“) steht wie Reinhard Gehlen im Generalsrang und wird im BND zu dessen rechter Hand. Die beiden Generäle Gehlen und Langkau prägen mit ihren militärischen Umgangsformen zuerst die „Organisation Gehlen“ und dann den BND nachhaltig. General Langkau alias „Holten“ hat seinen Dienstsitz in Pullach in der ehemaligen Villa von Hitlers Geliebter Eva Braun. Deshalb trägt das weltweit verbreitete Agentennetz des „Strategischen Dienstes“, das Hans Langemann alias „Lückrath“ in den 1960er-Jahren aufbaut, auch den Titel „Operation EVA“.7

Hans Langemann alias „Lückrath“ (beim Prozess in den 1980er-Jahren): Vermutet kommunistischen Einfluss in der Südtirol-Frage.

Bei „Lückrath“ und „Holten“ laufen im BND jahrelang alle Fäden in Sachen Südtirol zusammen. Zuständig für die außenpolitische Aufklärung, bereiten sie die Informationen für Reinhard Gehlen vor und beeinflussen nachhaltig die Gangart des deutschen Nachrichtendienstes in der heißen Phase des Südtirol-Konflikts.

Daneben gibt es noch einen weiteren engen Gehlen-Vertrauten, der zuerst innerhalb der Org. und dann im BND von Beginn an in Sachen Südtirol mitmischt: Hans Walter Julius Winter (1915–1985), von Studium und Beruf Mediziner, wird 1948 von Reinhard Gehlen persönlich für den deutschen Nachrichtendienst angeworben. Winter, der den DN „Wilden“ trägt, ist jahrzehntelang in Pullach in leitenden Positionen tätig, unter anderem als Leiter der BND-Abteilung „Verbindung zu den Partnerdiensten“ (Tarnziffer „424“).

Es sind also innerhalb der deutschen Geheimdienste eine Handvoll Personen mit dem Thema Südtirol betraut, aus den BND-Akten geht jedoch eines eindeutig hervor: Es ist vor allem Reinhard Gehlen, der ein besonderes Interesse an Südtirol hat. Der mächtige BND-Chef greift im Laufe der Jahre immer wieder in Geheimdienstabläufe ein und wird auch selbst tätig. Fortsetzung

Viktoria Stadlmayer alias „Stasi“

Anfang Mai 1963 wird der Innsbrucker Universitätsassistent und BAS-Mann Norbert Burger von der deutschen Polizei verhaftet. Bei der Durchsuchung einer konspirativen Wohnung in München am 7. Mai 1963 stellen die Beamten des Bayerischen Landeskriminalamtes auch ein Buchmanuskript sicher. Das Schriftstück mit dem Titel „Die Nachfolger des Judas von Tirol“ ist über 100 Seiten lang. Norbert Burger gibt im Verhör vor der Polizei zu, der Verfasser des Werkes zu sein.19 Im Manuskript geht Burger auch auf die Rolle von Viktoria Stadlmayer, der Leiterin des Südtirol-Referates in der Tiroler Landesregierung, im sogenannten Südtiroler Freiheitskampf ein. Burger erinnert an eine Aussprache mit Stadlmayer, die über Vermittlung des Innsbrucker BAS-Mannes Helmuth Heuberger im Juli 1961 im Haus des damaligen Chefs der Innsbrucker BAS-Gruppe Heinrich Klier stattgefunden haben soll. Dann schreibt Norbert Burger:

Immer wieder taucht die Vermutung auf, dass der Bundesdeutsche Nachrichtendienst, die Organisation Gehlen, ihre Hand bei der Aufdeckung der Südtiroler Freiheitskämpfer im Spiel haben könnte. Die mannigfaltigsten Spekulationen und Kombinationen wurden angestellt. Warum aber in die Ferne schweifen, wenn das Gute (oder hier das Böse) liegt so nah?

Schließlich wissen es nicht nur die Nachrichtenoffiziere in München, dass Frau Doktor Stadlmayer zum Chef dieses Nachrichtendienstes, General Gehlen, intime Beziehungen pflegt.20

Ein harter und absurder Vorwurf? Eine Verleumdung? Könnte sein, denn das Verhältnis zwischen Viktoria Stadlmayer und Norbert Burger gleicht jenem zwischen Hund und Katze. Die Nordtiroler Leiterin des Südtirol-Referates hat alles nur Mögliche unternommen, um den Einfluss des Rechtsradikalen und späteren Gründers der österreichischen Nationaldemokratischen Partei (NDP) Norbert Burger in und um Südtirol zu schmälern. Andererseits hatte Norbert Burger durchaus Kontakte zu BND-Mitarbeitern, demnach könnte einer dieser BND-Leute, die mit den rechten Kreisen um Burger sympathisiert haben, diese Geschichte durchgestochen haben. Tatsache ist, dass der Kontakt Gehlen-Stadlmayer nicht aus der Luft gegriffen ist. Das belegen die Akten aus dem BND-Archiv.

Fast alle Berichte aus und über Südtirol gehen direkt zum Leiter des Nachrichtendienstes Reinhard Gehlen. Der Chef der Org. und des BND hat ein besonderes Interesse an Südtirol, er selbst und sein engstes Umfeld sind in den 1950er- und 1960er-Jahren in Sachen Südtirol nachrichtendienstlich aktiv tätig. Das zeigt neben vielen anderen Dokumenten auch eine unscheinbare Notiz in den Pullacher Akten zu Südtirol. Anfang 1965 verfasst der Leiter der Abteilung „Gegenspionage“, Hans Georg Langemann alias „Lückrath“, einen Übersichtsbericht über den „Kommunistischen Einfluss in der Südtirol-Frage“, der für Reinhard Gehlen persönlich bestimmt ist. „Nach Abflauen der Hauptattentatswellen war der BND in der Südtirol-Frage nur mehr rezeptiv tätig, ohne aktive Aufklärungsoperationen zu betreiben“, schreibt Lückrath einleitend. Der Bericht geht wenig später an den Verfasser zurück, versehen mit einer handschriftlichen Anmerkung seines Vorgesetzten Wolfgang Langkau genau an dieser Stelle. Langkau schreibt: „Laut 106 nicht zutreffend, da eigene Quellen bzw. Operationen bei 106 laufen.“21 Hinter der Tarnziffer „106“ verbirgt sich Reinhard Gehlen, der Gründer und erste Präsident des BND. Gehlen ist tatsächlich jahrelang persönlich in die Nachrichtenbeschaffung rund um Südtirol involviert und er kann dabei auf eine ganz besondere Quelle zurückgreifen.

Gehlen-Notiz zu Norbert Burger: Das geschwungene G des BND-Präsidenten als Signatur.

Viktoria Stadlmayer (1917–2004) wird bis heute als die Grande Dame der Südtirol-Politik bezeichnet. In Brixen als Tochter des österreichischen Offiziers Rüdiger Stadlmayer und der Gräfin Elisabeth von Wolkenstein-Trostburg geboren, wächst sie im Netz des europäischen Hochadels auf. Ihre Kindheit und Jugend sind durch häufige Ortswechsel geprägt. So lebt sie in Korneuburg, Bad Reichenhall, Aigen bei Salzburg, Eisenerz, Wien, Wallsee, Dortmund, Kramsach, Berlin und Ostpommern. Die Sommerwochen verbringt sie dabei immer wieder auf der Trostburg in Waidbruck.22

Bereits als junges Mädchen sympathisiert Viktoria Stadlmayer mit dem NS-Regime. Noch als Schülerin am Innsbrucker Mädchengymnasium wird sie 1934 Mädelschaftsführerin im „Bund Deutscher Mädchen“ (BDM) und im Juni 1935 wegen ihrer illegalen NS-Aktivitäten aus der Schule ausgeschlossen. Stadlmayer legt deshalb 1936 ihre Reifeprüfung in Berlin ab und beginnt dort an der Deutschen Hochschule für Politik ein Studium der Politikwissenschaft. Nach dem Anschluss Österreichs wechselt sie an die Uni Wien, wo sie Geschichte und Volkskunde studiert. Nebenbei fungiert sie als Blockwart der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt. 1938 tritt sie der NSDAP bei. Ihren Mitgliedsantrag stellt sie als „alte Kämpferin“23.

Nach der Promotion in Wien 1941 wechselt sie in die Gauverwaltung nach Innsbruck, wo sie im „Institut für Landes- und Volksforschung“ tätig wird. Ihre Hauptaufgabe ist dort vor allem die Presseauswertung und die politische Analyse zu Südtirol. Genau das wird dann das Thema sein, das Viktoria Stadlmayer zeit ihres Lebens begleiten wird.

Als „NS minderbelastet“ eingestuft, arbeitet Stadlmayer ab Sommer 1945 in der bei der Tiroler Landesregierung neu eingerichteten „Landesstelle für Südtirol“. Später wird daraus das „Referat S“ werden. Die resolute Frau knüpft somit wieder dort an, wo sie zu Kriegsende aufgehört hat. Schon bald geht in der österreichischen Südtirol-Politik nichts mehr ohne „die Stadlmayer“. Sie wird nicht nur der Kopf des Südtirol-Referats, sondern auch Mitglied der österreichischen Expertenkommission, die mit Italien über Südtirol verhandeln soll. Eine sechswöchige Haft im Mai/Juni 1961 in Bozen macht Viktoria Stadlmayer international bekannt und zu einer Galionsfigur des Südtirol-Konflikts. Die Hofrätin (zu der sie 1969 ernannt wird) und ihr Amt werden so jahrzehntelang zu einer der wichtigsten Anlaufstellen für Journalisten, Wissenschaftler und Politiker, die sich mit Südtirol beschäftigen.

Schon sehr bald entwickelt aber auch der deutsche Nachrichtendienst Interesse an Viktoria Stadlmayer und ihrem Wissen um Südtirol. Das geht aus den Akten hervor, die 55 Jahre später vom BND freigegeben werden. Offiziell ist der Name der Quelle zwar geschwärzt, doch bei genauerer Recherche wird schnell klar, dass Stadlmayer jahrzehntelang den bundesdeutschen Nachrichtendienst mit Informationen versorgt hat. Die Innsbrucker Hofrätin wird in Pullach mit einem Decknamen bedacht, der sich an ihren Schreibnamen anlehnt, aber einen ganz besonderen Beigeschmack hat. Stadlmayer wird spätestens ab 1962 vom BND als Sonderverbindung „Stasi“ geführt.24

Viktoria Stadlmayer (nach ihrer Freilassung im Juni 1961 am Brenner): Jahrelang Informationen zu Südtirol nach Pullach geliefert.

Die Zusammenarbeit mit Viktoria Stadlmayer dürfte aber bereits in den 1950er-Jahren unter der Org. begonnen haben. Die Innsbrucker Südtirol-Expertin wird dabei von Beginn an in der obersten Leitungsebene des deutschen Nachrichtendienstes angesiedelt. Ihre Informationen werden anfänglich vom engen Intimus von Reinhard Gehlen Hans Walter Julius Winter (1915–1985), Deckname „Wilden“, ausgewertet. Nach der Umwandlung der Org. in den BND wird Stadlmayer 1957 dann als „Quelle 70“ in Pullach registriert. Auch das macht deutlich, dass Burgers Manuskript nicht aus der Luft gegriffen ist. Denn hinter der Tarnziffer „70“ verbirgt sich zu diesem Zeitpunkt BND-Präsident Reinhard Gehlen.

Nachrichtendienstlich geführt wird Viktoria Stadlmayer von einer Frau, die innerhalb des BND den eindeutig größten Einfluss auf Reinhard Gehlen hat und deren Biografie einige Parallelen zum Lebensweg der Innsbrucker Hofrätin aufweist. Annelore Krüger (1922–2012) wird als Tochter eines Arztes in der pommerischen Kleinstadt Köslin im heutigen Polen geboren. 1940 legt sie die Reifeprüfung ab, besucht zuerst eine Fremdsprachenschule (Englisch/Spanisch), um dann ein Studium aufzunehmen. Doch sie wird kriegsdienstverpflichtet und landet schließlich bei Gehlens Abteilung „Fremde Heere Ost“ (FHO). Dort baut die 20-jährige Schreibkraft zuerst eine „Bandenkartei“ auf und wird dann als Sekretärin in das Vorzimmer Reinhard Gehlens versetzt. Auf eigenen Wunsch wird sie schließlich im Referat „Feindpropaganda“ tätig, wo sie vor allem die ausländische Presse auswertet. Als Reinhard Gehlen nach der Kapitulation mit seinen engsten Getreuen und den wichtigsten Akten aus dem FHO-Archiv in eine Berghütte nach Bayern flieht, ist auch Krüger mit dabei.25

Todesanzeige für Gehlens rechte Hand und Geliebte Annelore Krüger: Unter ihrem Alias „Kunze“ führte sie auch die Sonderverbindung „Stasi“.

Auch im Nachkriegsdeutschland bleibt Annelore Krüger ihrem Chef treu. Mit 1. Mai 1947 wird die junge Frau formal von der Org. übernommen. Sie wird nicht nur zur Vorzimmerdame und wichtigsten Mitarbeiterin von Reinhard Gehlen, sondern sie ist bis zu seinem Tod auch die Geliebte des Leiters des deutschen Nachrichtendienstes. Annelore Krüger tritt schließlich in den BND ein, wird zuerst Beamtin, und Gehlen schafft es über Staatssekretär Hans Globke, dass seine Büroleiterin 1961 mit 39 Jahren zur Regierungsrätin und drei Jahre später zur Oberregierungsrätin befördert wird. Für Reinhard Gehlen ist Annelore Krüger eine absolute Vertrauensperson, deshalb bindet er sie von Beginn an auch in seine nachrichtendienstliche Arbeit voll ein. Gehlen übergibt seiner Geliebten dabei besonders sensible Aufgaben. So ist Annelore Krüger jahrzehntelang unter dem Decknamen „Kunze“ und der Tarnziffer „106/II“ (unter dieser firmieren auch andere Mitarbeiter) Teil der operativen Arbeit des BND und seines Chefs. Das heißt: Sie leitet Operationen und sie führt auch selbst Quellen, die zumeist von Gehlen persönlich angeworben werden.

Annelore Krüger alias „Kunze“ führt so auch die Sonderverbindung „Stasi“. Dabei dürften sich die beiden Frauen durchaus gut verstanden haben. Fast gleich alt (Krüger ist fünf Jahre jünger), mit ähnlichem Lebensweg, beide mit Bezug zu Pommern: Viktoria Stadlmayer hat dort familiäre Beziehungen und in ihrer Kindheit und Jugend immer wieder Zeit dort verbracht, Krüger kommt aus Pommern. In den BND-Akten finden sich Dutzende Protokolle von Besprechungen zwischen „Kunze“ und „Stasi“ aus den Jahren 1956 bis 1968. Aus den Akten geht dabei auch hervor, dass Viktoria Stadlmayer bewusst immer wieder die Hilfe von Reinhard Gehlen und des BND in Sachen Südtirol eingefordert hat. Anfänglich geht es in den Berichten vor allem um die politischen Entwicklungen in Südtirol und um eine mögliche Unterstützung durch deutsche Stellen. Stadlmayer berichtet dabei mehrmals auch über die Haltung und Initiativen von Otto von Habsburg in Sachen Südtirol. So beschreibt sie auch ein Treffen, das Ende 1956 zwischen dem Sohn des letzten österreichischen Kaisers und dem Südtiroler Nachrichtenoffizier Christoph Alexander von Hartungen (auch „Cristofero De Hartungen“) stattgefunden hat. Von Hartungen war Agent des faschistischen Nachrichtendienstes „Servizio Informazioni Militare“ (SIM) gewesen, hatte in den letzten Kriegsjahren mit dem US-amerikanischen „Office of Strategic Service“ (OSS) und dem italienischen Widerstand zusammengearbeitet und war auch nach dem Krieg für den italienischen Militärnachrichtendienst tätig. Hartungen nahm sich 1959 unter mysteriösen Umständen in Südtirol das Leben.26 Im BND-Bericht von „Kunze“ heißt es: „Der Onkel von Major Hartungen ist Hausarzt von [Name geschwärzt – Anm. d. Autors] in Innsbruck.“27. Gemeint ist hier der bekannte österreichisch-italienische Kurarzt Erhard Hartung von Hartungen (1880–1962), der als Pensionist in Innsbruck noch eine Reihe von Privatpatientinnen betreute. Unter ihnen war auch Viktoria Stadlmayer.28 Dass Stadlmayer Details über die Haltung Ottos von Habsburg zu Südtirol und dessen politische Überzeugung nach Pullach übermitteln kann, liegt daran, dass beim besagten Treffen auch ihr Cousin Dietrich von Wolkenstein-Trostburg mit von der Partie ist. Der gebildete Adelige, Anhänger der Weltföderalisten, der 1961 für den deutschen Zweig dieser Bewegung auch ein Buch veröffentlicht,29 ist ein Freund von Christoph Alexander von Hartungen. Von ihm dürfte Stadlmayer die Details erfahren haben.

Besprechung mit Quelle „70“: Kündigt Kundgebung von Sigmundskron an.

In einem weiteren Gesprächsprotokoll „Kunzes“ nach einer Besprechung mit Stadlmayer wird eine weitere Südtiroler Verbindung zur Org. und Reinhard Gehlen angesprochen, auf die man durch Friedl Volgger (1914–1997) aufmerksam wurde. Der Journalist, SVP-Funktionär und ehemalige Abgeordnete des italienischen Parlaments lässt in einem vertraulichen Gespräch 1956 durchblicken, dass er einen Südtiroler BND-Kontakt namentlich kenne. In Pullach will man die Indiskretionsstelle ausmachen. Auch hier ist die Innsbrucker Informantin zur Stelle. Annelore Krüger notiert:

Kurz vor dem Tode von Kanonikus Gamper [Michael Gamper, Direktor und Chefredakteur der Tageszeitung „Dolomiten“ – Anm. d. Autors], als dieser schon krank und sehr deprimiert gewesen sei, habe Baron von L. ihm – um ihn etwas aufzumuntern und zu trösten – über Erich Amonn mitteilen lassen, dass er Verbindung zu uns habe und dass auf Hilfe von dieser Seite gerechnet werden könnte. Da Volgger für Kanonikus G. gearbeitet hat, liegt die Vermutung nahe, dass er es von ihm erfahren hat.30

Bei Baron von L. handelt es sich um Karl von Lutterotti (1886–1964), der in direktem Kontakt mit Reinhard und auch dessen Bruder Johannes „Giovanni“ Gehlen steht, der jahrzehntelang für den BND in Rom tätig ist. Der Kalterer Anwalt ist Funktionsträger des Malteserordens und auch Besitzer und Hausherr des Trentiner Ansitzes „Fontanasanta“, in dem Viktoria Stadlmayer immer wieder zu Gast ist.31 Außerdem betreut von Lutterotti als Anwalt auch die Agenden der Familie von Wolkenstein-Trostburg.

Am 4. November 1957 findet eine weitere Besprechung zwischen Krüger und Stadlmayer statt. Diesmal ist aber nicht nur Krüger alias „Kunze“, sondern auch Reinhard Gehlen persönlich anwesend. Dabei äußert sich Viktoria Stadlmayer besorgt „über den wachsenden Einfluss der italienischen Wirtschaft in Österreich“. Als Beispiel führt sie die Beteiligung eines italienischen Unternehmens an einem Stickstoffwerk in Lienz an. Die Nordtiroler Südtirol-Expertin spricht – laut BND-Protokoll – beim Treffen aber auch eine Person an, deren Hintergrund wir aus dem ersten Band kennen: Carlo Bernardo Zanetti (1908−1981).

Zanettis Lebensweg liest sich wie ein Krimi. In einem Frankfurter Vorort als Sohn einer Eisverkäuferfamilie aus dem bellunesischen Cadore geboren, wird er in den 1930er-Jahren von den Nationalsozialisten als „kommunistischer Spion“ verhaftet und nach Verbüßung seiner Haftstrafe nach Italien abgeschoben, wo er von der faschistischen Geheimpolizei OVRA verhört und beschattet wird. In den letzten Kriegsjahren angeblich im Widerstand bei Como tätig, lässt sich Carlo Bernardo Zanetti nach 1945 in Südtirol nieder, wo er schon bald zum ersten Landessekretär der Südtiroler Sektion der italienischen Kommunistischen Partei (PCI) wird. Zudem ist Zanetti in der kommunistischen Gewerkschaft CGIL tätig. Ab 1955 beginnt der perfekt zweisprachige Deutsch-Italiener, der sich in Südtirol „Professor Karl Bernhard Zanetti“ nennt, als Übersetzer für den Regionalrat zu arbeiten. Seine Arbeitsstelle ist vorwiegend der Südtiroler Landtag. Dabei arbeitet Zanetti 40 Jahre lang unter den Decknamen „Mumelter“ oder „98“ als bezahlter Informant für das „Ufficio Affari Riservati“ (UAR) des italienischen Innenministeriums. Der Chefübersetzer des Landtags ist jahrzehntelang ein Top-Informant, der wöchentlich Berichte vor allem über das Innenleben der SVP und die politische und wirtschaftliche Entwicklung in Südtirol nach Rom übermittelt.32

In der besagten BND-Aktennotiz über die Besprechung Annelore Krügers mit Viktoria Stadlmayer wird Zanetti sogar als „der“ Mann der Südtiroler Gewerkschaften mit weitgehendem Einblick bezeichnet:

[Name geschwärzt – Anm. d. Autors] befürchtet die kommunistische Unterwanderung im eigenen Bereich. Als Übersetzer im Landhaus und maßgeblich in der Südtiroler Gewerkschaft sei ein Carlo Bernardo Zanetti aus Bozen, der sich auch Karl Bernhard nennt. […] [Name geschwärzt – Anm. d. Autors] schilderte ihn als äußerst intelligent und versiert in Gewerkschaftsangelegenheiten, von denen die Südtiroler keine Ahnung hätten. Er wäre z. Zt. der Mann dort und hätte weitgehenden Einblick. Merkwürdig sei sein Berliner Dialekt, den er durch einige Jahre Aufenthalt dort angenommen haben will. Was kann man dagegen tun?33

An diesem Tag informiert Stadlmayer den BND-Präsidenten aber auch vorab über eine historische Zäsur. Die SVP plant zu dieser Zeit eine Protestkundgebung, die zwei Wochen später auf Schloss Sigmundskron stattfinden wird. Vor 35.000 Zuhörerinnen und Zuhörern wird Silvius Magnago an diesem Tag mit dem Slogan „Los von Trient“ publikumswirksam die Forderung nach Abtrennung von der Region Trentino-Südtirol und nach einer eigenen Landesautonomie für Südtirol erheben. Die Innsbrucker Informantin nimmt beim Treffen mit dem BND diese politische Entwicklung vorweg. In der Aktennotiz des BND dazu heißt es:

Die Spannung in Südtirol nehme immer mehr zu. Kundgebung am 17.11., bei der es zu Zusammenstößen mit Italienern kommen kann. Plan der Trennung der Gebiete Bozen und Trient wäre eine Möglichkeit zur Lösung des Problems.34

Die Reaktion aus Pullach: „70 [Reinhard Gehlen – Anm. d. Autors] will versuchen die Amerikaner dafür zu interessieren“, steht in der Aktennotiz. Das heißt nichts anderes, als dass Reinhard Gehlen den Plan des „Los von Trient“ seinen Partnern aus der „Central Intelligence Agency“ (CIA) vorlegen will. Dies ist nur ein Beispiel von vielen, in denen der BND-Präsident persönlich auf die Wünsche und Anliegen der Sonderverbindung „Stasi“ eingeht. So auch, als Stadlmayer bei besagtem Treffen darüber berichtet, dass der damalige Direktor der Deutschen Bank Hermann Abs daran denke, eine Liechtensteiner Holding zur finanziellen Unterstützung der Südtiroler zu gründen. Auch hier sichert Reinhard Gehlen zu, mit den Amerikanern zu reden.

Bereits vier Monate zuvor hat Viktoria Stadlmayer in einer Besprechung mit Gehlens Vertrauter ein besonderes Anliegen vorgebracht, bei dem es um einen Tiroler Adeligen geht und bei dem sich der BND-Gründer persönlich einbringt – und damit beweist, wie sehr er sich in dieser Phase an Südtirol interessiert zeigt. Der Adelige ist Ferdinand von Cles (1907–1982), in Hall in Tirol geboren und aufgewachsen in Cles im Trentino und in Meran, wo seine Familie jeweils Schlösser besitzt. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften und Philosophie in Innsbruck, Wien, Berlin und Paris beginnt der Baron in Rom als Journalist zu arbeiten. Als Korrespondent der „Neuen Freien Presse“, der „Berliner Börsenzeitung“ und für das „Neue Wiener Tagblatt“ setzt sein Vater 1939 durch, dass die Familie ihren Wohnsitz offiziell von Cles nach Meran verlegen und somit für Deutschland optieren kann. Ferdinand von Cles leistet 1941/42 seinen Kriegsdienst bei der deutschen Luftwaffe und kehrt 1943 als Pressereferent der deutschen Botschaft nach Rom zurück. Mit dem Anrücken der Alliierten zieht er nach Meran und fungiert als deutscher Presseattaché in der faschistischen Rumpfrepublik von Salò.

In den ersten Nachkriegsjahren lebt von Cles mit seiner Frau und zwei Kindern als freier Schriftsteller auf Schloss Rottenstein in Meran/Obermais. Im Mai 1948 wird er von den italienischen Behörden aber wegen „antiitalienischer Propaganda“ des Landes verwiesen. Obwohl seine Familie in Meran und später in Cles lebt, halten die italienischen Behörden diesen Landesverweis bis 1963 aufrecht. Ein kurioses Detail am Rande: Der Unterstaatssekretär im Ministerratspräsidium, der Anfang der 1950er-Jahre mehrmals das Einreiseverbot verlängert, ist kein Geringerer als der spätere Langzeitministerpräsident Giulio Andreotti (1919–2013).35

Baron Ferdinand von Cles (Foto aus dem Akt des italienischen Innenministeriums): Will als Südtirol-Propagandist in die USA gehen, BND soll ihm Abdeckung als Journalist geben.

In den 1950er-Jahren lebt Ferdinand von Cles als Journalist und Schriftsteller in Bonn. Viktoria Stadlmayer meldet dem BND, dass der Adelige für sechs Monate in die USA gehen wolle, um dort Vorträge über Südtirol zu halten. Diese Propagandaarbeit würde in Wien aber auf Widerstand stoßen. Viktoria Stadlmayer erklärt, dass von Cles einiges „in ihrem Sinne bewirken könnte“, und ersucht auch hier den BND um Hilfe. Diese Äußerung zeigt, dass die Strategien in Bezug auf Südtirol zwischen Wien und Innsbruck nicht deckungsgleich sind. Reinhard Gehlen sagt auch diese Unterstützung zu:

70 [Reinhard Gehlen – Anm. d. Autors] schlägt vor, ihm einen Pressehintergrund zu schaffen („Rheinischer Merkur“ nicht zweckmäßig). Er würde für die Reise 20.000,– DM benötigen, die in monatlichen Raten von 3.500,– DM von uns gestellt werden könnten.36

Welche hochtrabenden Pläne man in diesem geheimen Zirkel schmiedet, zeigt sich an einem anderen Punkt des Aktenvermerks. Bei dieser Aussprache im November 1957 geht es auch um einen amerikanischen Senator, den man für die Südtirol-Frage einschalten könnte. Der Demokrat sei mit einer Französin verheiratet und habe erst kürzlich für die Selbstständigkeit Algeriens plädiert. Im BND-Protokoll wird auch der Name des Politikers festgehalten: Gemeint ist kein Geringerer als der spätere US-Präsident John F. Kennedy (1917–1963).

Mit dem Auftauchen des „Befreiungsausschusses Südtirol“ (BAS) und dem Aufflammen der Attentate verschiebt sich der Fokus der Berichterstattung an den BND von der weltpolitischen Bühne eindeutig in Richtung dieser illegalen Untergrundbewegung. Viktoria Stadlmayer alias „Stasi“ übergibt an „Kunze“ jahrelang Notizen, Dokumente und Kurzbiografien einzelner Personen. In den BND-Akten in Pullach finden sich Dutzende schriftliche Informationen zu verschiedenen Akteuren rund um den BAS. Dabei fällt auf, dass viele davon handschriftlich von Viktoria Stadlmayer ergänzt wurden. Zudem finden sich auch im Nachlass der langjährigen Nordtiroler Landesbeamtin deckungsgleiche Berichte, aus denen eindeutig hervorgeht, dass sie von Stadlmayer verfasst wurden.37

Immer wieder richtet die Innsbrucker Hofrätin dabei konkrete Aufklärungswünsche an den deutschen Nachrichtendienst. Stadlmayer lässt Personen abklären, schwärzt andere an und betreibt im wahrsten Sinne des Wortes Ermittlungsarbeit. Die Südtirol-Referentin der Tiroler Landesregierung schießt dabei vor allem gegen Norbert Burger und Wolfgang Pfaundler. Im November 1962 etwa teilt sie mit, dass ein Freund von Wolfgang Pfaundler mit einem falschen deutschen Personalausweis nach Südtirol fährt. Stadlmayer übermittelt die Daten des Ausweises nach Pullach. Annelore Krüger alias „Kunze“ lässt die involvierten Personen vom BND in München und Ingolstadt überprüfen, um herauszubekommen, wer den Ausweis ausgestellt hat. In einem internen Vermerk gibt „Kunze“ das Ergebnis wieder und schreibt dann:

Es wird gebeten, ohne Absprache mit 106/II [also mit ihr selbst – Anm. d. Autors] Maßnahmen zu treffen und zunächst keine Polizeidienststellen oder Behörden einzuschalten.38

Auch diese Dienstanweisung macht deutlich, dass man an der Spitze des deutschen Nachrichtendienstes nicht direkt gegen den BAS vorgehen will. Am 15. August 1963 findet eine weitere Besprechung zwischen „Kunze“ und „Stasi“ statt:

[Name geschwärzt – Anm. d. Autors] ist beunruhigt über die Entwicklung der Lage in Südtirol. Sie hat erfahren, dass in Kürze mit weiteren Sprengstoffanschlägen zu rechnen ist, die auch vor Blutvergießen nicht zurückschrecken, z. B. Attentate gegen Züge usw.

[Name geschwärzt – Anm. d. Autors] bittet dringend um Unterstützung bei der Klärung der Hintermänner dieser Aktion. Sie wusste, dass Pfaundler wieder beteiligt sei, aber die eigentlichen Drahtzieher seien noch unbekannt.39

Gleichzeitig ersucht Stadlmayer den BND um Entsendung eines Beobachters zum Prozess gegen die Carabinieri, die wegen der Misshandlungen der BAS-Leute in Trient Ende August 1963 vor Gericht stehen.

Aus den BND-Akten geht klar hervor, dass die resolute Hofrätin einen besonderen Status in Pullach hat, der auch darauf gründen dürfte, dass es zwischen Reinhard Gehlen und Viktoria Stadlmayer von Beginn an eine gemeinsame Grundüberzeugung gibt. Beide gehen davon aus, dass die Südtirol-Attentate aus dem Osten gesteuert und angefeuert werden.

Diese Überzeugung ist auch ein immer wiederkehrendes Narrativ in Stadlmayers Berichten. So berichtet Hans Georg Langemann alias „Lückrath“ in einem internen Schreiben Ende April 1963:

Als Anlage 3 wird ein Schreiben der Dienststelle Reinhard vom 2.4.1963 beigefügt, in dem erklärt wird, dortige Qu. [= Quelle – Anm. d. Autors] Stasi habe unmissverständlich geäußert, ihr lägen einwandfreie Informationen vor, dass der nach eigenen Aussagen für einen Großteil der Sprengstoffattentate verantwortliche Dr. Norbert Burger aus der SBZ [Sowjetische Besatzungszone, später DDR – Anm. d. Autors] gesteuert werde. Da durch diese Feststellung, falls sie beweiserheblich untermauert werden könnte, der zu Beginn der Südtirol-Krise im Jahre 1960 durch 106 [Reinhard Gehlen – Anm. d. Autors] pers. erteilte Auftrag – Feststellung möglicher Oststeuerung der Attentate – erfüllt werden könnte, wird vorgeschlagen, Qu. Stasi baldmöglichst in dieser Angelegenheit aufzusuchen.40

Das Schreiben der Dienststelle „Reinhard“, auf das „Lückrath“ hier hinweist, fasst einen Bericht eines anderen österreichischen BND-Agenten zusammen, der in engem Kontakt mit Viktoria Stadlmayer steht.

„Kontakt mit der Firma“

Der Wiener Adelige Otto von Eiselsberg (1917–2001) studiert Rechtswissenschaften und besucht zwischen 1936 und 1938 die Konsularakademie Wien. 1949 tritt er in den Dienst des österreichischen Außenministeriums ein, wird Sekretär von Außenminister Karl Gruber (1909−1995) und arbeitet dann als Diplomat, Vizebotschafter und Botschafter in London, Genf, Canberra, Moskau, Tokio und Paris. Ab Ende der 1950er-Jahre arbeitet Otto von Eiselsberg unter dem Decknamen „Talon“ und der Decknummer „V-7331“ als bezahlter Informant für den BND. Ab 1960 wird der damals an der österreichischen Botschaft in Paris stationierte Diplomat für den BND zu einer wichtigen Quelle in Sachen Südtirol.41

Otto von Eiselsberg ist ein profunder Kenner des Südtirol-Problems, vor allem aber hat er in Nordtirol einen engen Freundeskreis, der sich aktiv mit Südtirol beschäftigt. Zu nennen sind hier Franz Gschnitzer (1899−1968), Staatssekretär im österreichischen Außenamt und Obmann des Bergisel-Bundes (BIB), der Tiroler Landesrat und BAS-Vertraute Aloys Oberhammer (1900−1983) sowie der Diplomat Carl Heinz Bobleter (1912–1984), damals Leiter der österreichischen Mission bei der OECD in Paris und ehemaliger Mitschüler Eiselsbergs. Einen ganz besonderen Draht hat der BND-Mitarbeiter aber vor allem zu Viktoria Stadlmayer. In einem der BND-Berichte wird eingangs festgehalten:

Quelle sprach in Innsbruck am 20.6. nachm. die Südtirol-Referentin der Tiroler Landesregierung, mit der er seit Kindheit eng befreundet ist, Frau Dr. Vict. Stadlmayer.42

Jahrelang erhält „V-7331“ in diesem informellen Netzwerk absolut vertrauliche Informationen über die österreichische Südtirol-Politik, die politischen Spannungen zwischen Wien und Innsbruck, aber auch über die Entwicklung innerhalb des BAS. Zudem erfüllt der BND-Informant auf Weisung seines Dienstgebers in Pullach immer wieder Ermittlungsaufträge und stellt konkrete Nachforschungen über Personen oder Vorgänge rund um den BAS an, etwa über die Rolle des Wiener Verlegers Fritz Molden oder über Wolfgang Pfaundler und die Affäre um das aufgeflogene Waffenlager am Innsbrucker Haydnplatz.43 Den Großteil seiner Berichte lässt „V-7331“ von seinem Dienstsitz an der österreichischen Botschaft in Paris, wo er von 1960 bis Ende 1963 als Legionsrat tätig ist, per Kurier nach München liefern. Geführt wird der BND-Agent von Siegfried Ungermann (DN „Schröder“ und Tarnziffer „512“), der bereits in der Kriegszeit zusammen mit Reinhard Gehlen in der Abteilung „Fremde Heere Ost“ (FHO) als Nachrichtenoffizier tätig war und danach mit Gehlen zuerst zu Org. und dann in den BND wechselt. In einem internen BND-Vermerk über den Mitarbeiter Otto von Eiselsberg heißt es:

Diplomat und BND-Informant Otto von Eiselsberg (1979 in Nizza): „Stadlmayer ist mit dem Berichter durch Abstammung und Erziehung seit Kindheit verbunden.“

V-7331 ist Anfang August 1961 in München. […] Es besteht die Möglichkeit, V-7331 zu dem Gesamtkomplex Südtirol, das dem MA [Abkürzung für Mitarbeiter – Anm. d. Autors] besonders am Herzen liegt, zu befragen. Weiterhin ist es möglich, V-7331 spezielle Fragen und Themen, die der Klärung bedürfen, vorzulegen, da er über sehr gute Beziehungen zur österreichischen Regierung, resp. zur Tiroler Landesregierung in Innsbruck verfügt, die eine eingehende Klärung ermöglichen und erleichtern.44

Otto von Eiselsberg ist innerhalb des BND für den „Strategischen Dienst“ tätig. Als Berufsdiplomat fühlt er sich berufen, die Südtirol-Krise im globalen Zusammenhang zu analysieren. So schreibt „V-7331“ im August 1961:

In Südtirol besteht ein zunehmend stärkerer Wille, sich gegen die italienische Bedrückung aufzulehnen. Diese Auflehnung wird insbesondere von solchen Personen getragen, die während des 2. Weltkrieges in der deutschen Wehrmacht gekämpft haben und vielleicht z. Z. des Dritten Reiches eine mehr als minder bedeutende Rolle in nationaler Richtung gespielt haben. Über diese emotionelle Aufstandsbewegung lagern sich im Verlauf der Zeit verschiedene andere Elemente, u. a. eine nicht ausschließbare Ostblockeinwirkung […], genauso wie es auch denkbar ist, dass z. B. die USA über Fritz Molden in den Komplex eingreift. Vor einigen Monaten wurde V-7331 von dem sog. „Gesandten Libik“ (in Wahrheit CIA-Exponent bei der US-Botschaft in Paris) auf das Südtirol-Problem angesprochen.45

Ende 1963 kehrt Otto von Eiselsberg nach Wien ins österreichische Außenministerium zurück, wo er bis 1966 tätig ist, zuerst als Personalchef und dann als Leiter der Ostabteilung. Ende 1967 wird der BND-Informant dann zum österreichischen Botschafter in Japan ernannt. Eiselsberg bleibt bis Mai 1971 in Tokio.46

In all diesen Jahren berichtet „V-7331“ dem BND nicht nur über Österreichs Außenpolitik oder seine Gastländer, sondern immer wieder auch über Südtirol. Der Diplomat bleibt vor allem mit Viktoria Stadlmayer und Carl Heinz Bobleter in Kontakt und meldet alles nach Pullach. Der BND führt „V-7331“ ab 1961 als „Mitarbeiter“, was auf eine kontinuierliche finanzielle Entschädigung aus Pullach schließen lässt.

Im Frühjahr 1963 berichtet „V-7331“ über eine Aussprache mit Viktoria Stadlmayer, in der diese über Norbert Burger herzieht. Im BND-Bericht heißt es:

Er ist nach einwandfreien Informationen Verbindungsmann für ehemalige SS-Leute, die von der SBZ aus über Bayern nach Oberösterreich gesteuert werden. Von dieser Gruppe werden die Sprengstoffanschläge in Italien organisiert und durchgeführt. Mit einer Verstärkung dieser Sprengstoffanschläge ist zu rechnen, da sie ein Teilglied einer Ostaktion gegen die EWG einerseits bilden und andererseits einen italienischen Einspruch hervorrufen sollen, der die österreichische EWG-Mitgliedschaft verhindert.47

Viktoria Stadlmayer echauffiert sich laut diesem Bericht bei Otto von Eiselsberg alias „V-7331“, dass sie „um dringenden Kontakt zur Firma gebeten habe“, diese sich aber nicht gemeldet hätte. Innerhalb des BND ist „Firma“ die gängige Bezeichnung für den Nachrichtendienst selbst. Stadlmayer ersucht Otto von Eiselsberg, unmittelbar einen ihr bekannten Mitarbeiter des BND zu kontaktieren: „Dr. Ohlendorf“. Im Bericht heißt es dann weiter:

Hier fällt auf, dass der Sachbearbeiter, der über 50 Jahre später für den Autor die Akten zur Einsicht in Pullach aufbereitet, etwas geschlampt hat. Er hat nämlich vergessen, das „Frau Dr. St.“, das für Viktoria Stadlmayer steht, wie vorgesehen zu schwärzen.

Stadlmayers Wunsch hat einen klaren Hintergrund. Dr. Gert Ohlendorf (*1910), DN „Oheimb“ und Tarnnummer „V-54“, ist einer der ältesten Mitarbeiter von Reinhard Gehlen. Der Arzt stößt als einer der Ersten bereits 1946 zur Org. „Oheimb“ arbeitet danach bis zu seiner Pensionierung 1975 für den BND, tätig in der Abteilung „Sonderverbindungen“. Er ist es auch, der sechs Jahre zuvor auf Weisung von Reinhard Gehlen jene Operation leitet, mit der Ferdinand von Cles in die USA geschickt werden soll, um für Südtirol Stimmung zu machen. Spätestens damals dürften sich Stadlmayer und Gert Ohlendorf kennengelernt haben.

Der BND bemüht aber keinesfalls „Oheimb“, sondern es ist wiederum die Gehlen-Vertraute Annelore Krüger, die sich am 21. April 1963 mit Stadlmayer trifft. „Stasi“ kann dabei außer einigen Zeitungsberichten aber keine konkreten Beweise für die angebliche Oststeuerung der Attentate vorlegen. Zwei Jahre später wiederholt sich die Geschichte. „V-7331“ meldet am 21. Juni 1966 nach Pullach:

Die Südtirol-Referentin in der Tiroler Landesregierung, eine durchaus seriöse Persönlichkeit, Frau Dr. Victoria Stadlmayer – seit Jahrzehnten auch bekannt und befreundet mit dem Südtirol-Exponenten in der Bundesregierung in Wien, C. Bobleter – hat dem Berichter, mit dem sie ebenfalls durch Abstammung und Erziehung seit Kindheit verbunden ist – expressis verbis unter vier Augen gesagt, dass sie selbst nunmehr endlich die Beweise dafür in der Hand habe, dass es die SBZ sei, die immer wieder im Südtiroler Raum Unruhe stifte.

Vermerk über Treffen mit „Stasi“: „Übergab Berichte und Zeitungsausschnitte.“

Ihr seien die Namen zweier männlicher Personen bekannt, von denen der eine ein 20-jähriger Innsbrucker Student sei, dem ein Angehöriger der sogen. „DDR“ Ös 20.000,– versprochen habe, wenn er entweder in Südtirol einen Hochspannungsmasten sprenge oder einen Mikrofilm (Spielmaterial?) aus Triest nach Tirol schmuggle. Der Student habe, nach eingehender Befragung durch Frau Dr. Stadlmayer, den Namen des SBZ-Mannes preisgegeben. Die Südtirol-Referentin war im Zweifel, ob sie den Fall der österreichischen Staatspolizei bekannt geben und Verfolgung einleiten lassen solle – oder lieber einen zur Verfügung stehenden „Draht” nach München benützen solle. Es wurde ihr vom Berichterstatter zum Zweiten geraten – auch in Anbetracht der stark rötlich durchsetzten österr. Polizei.49

Auch diesmal ist es die Aufgabe von Annelore Krüger, die Kohlen aus dem Feuer zu holen. „Frl. Kunze wird Stasi ins Gebet nehmen und um nähere Angaben zur Sache bitten“, heißt es in einer handschriftlichen Anmerkung zum Bericht. Auch diesmal kommt dabei aber nicht viel heraus.

Viktoria Stadlmayer scheint von der Idee der Oststeuerung wie besessen. Im April 1968 wiederholt sie ihre Auffassung, dass östliche Kräfte hinter den Anschlägen in Südtirol stehen. Otto von Eiselsberg („V-7331“) leitet die Stadlmayer-Aussagen in einem langen Bericht nach Pullach weiter:

Die österreichische Staatspolizei ermittelt seit einigen Monaten gegen die wirklichen Hintermänner der sogenannten Südtirol-Terroristen, die mit Sprengstoffanschlägen die italienischen Sicherheitsorgane seit längerer Zeit in Atem halten. Hauptaugenmerk hierbei sind die Verbindungen dieser Männer zu Oststaaten. Die Ermittlungen sind im Großen und Ganzen erfolgreich gewesen und werden in wenigen Wochen abgeschlossen sein.50

Stadlmayer behauptet, in die Ermittlungsakten der Staatspolizei Einsicht genommen zu haben. Aus diesen Akten gehe hervor, dass sich die östlichen Dienste dabei eines Kreises „supernationaler Österreicher“ bediene, die aus der früheren NSDAP oder dem „Sicherheitsdienst des Reichsführers SS“ (SD) stammen sollen. Die Innsbrucker Landesbeamtin gibt dann konkrete Details und Namen der verwickelten Personen weiter, darunter Norbert Burger, Hermann Munk, Erhard Hartung von Hartungen junior, Peter Kienesberger, Karl Schafferer und Hansjörg Humer.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt hat sich die Stimmung in Pullach aber grundlegend geändert. Reinhard Gehlen wird im Frühjahr 1968 als Leiter des BND von Gerhard Wessel abgelöst und geht mit 1. Mai 1968 in Rente. Damit verblasst auch der Stern der Innsbrucker Informantin „Stasi“ in Pullach. Die Dienststelle „Politische Auswertung“ im „Strategischen Dienst“, die Otto von Eiselsberg führt, antwortet sichtlich genervt, „dass sie kein Interesse an Mutmaßungen habe. Augenscheinlich lägen keine Beweise vor, da diese von der österreichischen Regierung zu ihrer Entlastung zweifellos benutzt worden wären.“51 Auch Annelore Krüger scheint mit ihrem Latein am Ende. Die Gehlen-Vertraute schreibt an den „Strategischen Dienst“:

Anliegender Vorgang mit Dank zurück. Ich habe mich gegenüber [Name geschwärzt – Anm. d. Autors]