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Sein Kuss im Regen erzählt die Geschichte einer unwahrscheinlichen Liebe. Benjamin, Innsbrucker, Mitte dreißig, lebt seit einigen Jahren in Wien, wo er als Sanitäter arbeitet. Obwohl seine Eltern sich scheiden ließen, hat er eine Kindheit und Jugend erlebt, die ihm ein unerschütterliches Grundvertrauen ermöglicht haben. Im Theater lernt er eines Tages Konstantin, den Direktor des Hauses, kennen. Konstantin ist Ende vierzig und stammt aus einer Familie, in der Verdrängung dafür gesorgt hat, dass er einzig in seiner Arbeit Lebensinhalt empfindet. Als er dem lebensfrohen Tiroler begegnet, beginnt Konstantin zu erkennen, dass es nie zu spät ist, wieder Vertrauen zu fassen. Er lernt durch Benjamin, sich fallen zu lassen – in die Liebe und das Leben. Im Laufe einiger Monate kreuzen sich ihre Alltagswege und Sehnsüchte immer öfter, und beide Männer stellen fest: Auch unterschiedliche Wurzeln im Leben hindern die Liebe nicht daran, sich ihren Weg zu bahnen.
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Seitenzahl: 289
Veröffentlichungsjahr: 2025
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© Querverlag GmbH, Berlin 2025
Erste Auflage September 2025
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Umschlag und grafische Realisierung von Sergio Vitale unter Verwendung einer Illustration. Coverbild erstellt mit MidJourney AI. © Sergio Vitale, 2025
ISBN 978-3-89656-712-3
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Für Lukas Hartl.
Zum Dank für die Geduld
bei der Erkundung meines
Unterbewusstseins.
Für Tony Gregory.
Zum Dank für eine Freundschaft,
die mich nicht nur literarisch
mit Stolz erfüllt.
In Erinnerung an Robert Jäger
(1946 bis 2023)
Love is the answer
And you know that for sure
(John Lennon, Mind Games)
Still and lovely came the morning
Gone was my father’s face
(Joan Baez, Edge of Glory)
Ein neues Stück war immer auch eine Geburt. Manchmal gingen Geburten problemlos über die Bühne. Manchmal gab es Komplikationen. Das würde ihm jede Geburtshelferin gewiss bestätigen. Konstantin atmete tief durch, sah, dass es genau zwanzig Uhr war, und winkte dem Bühnentechniker, der schräg hinter ihm auf seine Anweisungen wartete. Das Licht im Publikum ging aus; der Scheinwerfer ging an. Mit einem Surren wurde der Vorhang hochgezogen.
Ihr neues Stück Der freie Fall konnte beginnen.
Konstantin trat weiter in den Schatten zurück und beobachtete den Auftakt des Stückes. Die Musiker im kleinen Orchestergraben spielten die Ouvertüre, die mit einem Paukenschlag eröffnet wurde. Konstantin begann sich zu entspannen. Die Hauptfigur ging auf die Bühne, wo ein Küchentisch an der Bühnenfront stand. Ein schlichter Tisch. Beige lackiertes Billigholz. Nostalgisches 1970er-Jahre-Dekor. Zwei Kaffeetassen. Eine Kaffeekanne. Die Schauspielerin nahm auf dem linken Stuhl Platz. Gelangweilt. Mit traurigem Blick. Konstantin konnte von seinem Platz aus ihr Gesicht nicht erkennen, hoffte aber, dass sie sich seine Anweisungen von den Proben gemerkt hatte. Die kleine Ungarin war eine durchaus talentierte Schauspielerin. Wenn sie nicht immer wieder fulminante Naivität an den Tag legte.
„Du wartest auf deinen Ehemann, und es graut dich vor ihm.“
„Aber wieso bin ich dann mit ihm verheiratet?“
Das war die dümmste Frage, die er im Laufe der Proben gehört hatte. Er ärgerte sich noch immer darüber.
„Weil du deine Pflicht erfüllst, verdammt!“
Mittelmaß war der Tod der Kunst.
Davon war Konstantin noch immer überzeugt.
Er wusste, dass er mit seinem Anspruch nicht auf allzu viel Gegenliebe stieß. Er versuchte sich daran zu erinnern, mit welchen Schauspielerinnen und Schauspielern er so erfolgreich zusammengearbeitet hatte, dass er danach auch zufrieden gewesen war. Da fiel ihm niemand ein. Weil er – wie sein Vater – wusste, dass es besser war, sich immer auf das Schlimmste einzustellen. Denn nur dann konnte man schon von vornherein aufatmen. Weil es nur selten so schlimm wurde, wie man es erwartet hatte.
In diesem Moment sah er es: Der Stuhl stand zu knapp an der Bühnenfront.
Das Musikstück endete.
Sie erhob sich.
Als sie den Stuhl nach hinten schob, kippte er, und sie schrie auf, stolperte in den taumelnden Stuhl und fiel mit Krachen von der Bühne. Ein lautes, erschrockenes Raunen ging durch das Publikum. Konstantin drehte sich zur Seite, um mit seinem Kopf wütend an die Bühnensäule zu klopfen. Er konnte es nicht fassen: Sein verstorbener Vater hatte recht gehabt.
„Stell dich am besten immer auf das Schlimmste ein, dann kannst du nicht enttäuscht werden.“
Konstantins Gedanken rasten.
Was, wenn sie sich ernsthaft verletzt hatte?
War die Zweitbesetzung im Haus?
Normalerweise herrschte er seine Zweitbesetzung immer an, bei der Premiere dabei zu sein. Aber hielten sie sich auch daran? Der Moment des Schocks zog sich schmerzlich in die Länge, und er wusste, dass er etwas tun musste. Er deutete zum Techniker und maulte im gerade noch hörbaren Flüsterton: „Schalt die Scheinwerfer aus, du Idiot!“
Am Ende hat sich diese tollpatschige Schauspielerin auch noch den Hals gebrochen. Dann könnte er das Haus ganz zusperren. Er fauchte seine Assistentin an, dass sie schauen solle, ob die Zweitbesetzung im Haus war. Connie lief sofort los. Als ob ihr dieses Chaos gefallen würde, dachte er noch. Dann stürmte er zum Orchestergraben.
Mittlerweile war das Raunen im Publikum lauter geworden. Immer öfter hörte man Sätze wie „Jetzt helft ihr doch!“
Es dauerte nur knapp eine Minute, bis Konstantin bei den Musikern war. Er hatte noch beim Laufen beschlossen, die Rettungskräfte erst zu rufen, wenn er bei der Verunfallten war. Vielleicht hatte ja auch schon einer der Musiker jemanden gerufen. Als er keuchend durch den engen Gang zu ihr gelangte, standen schon alle um den gestürzten Engel, und Konstantin atmete auf. Wenigstens schien sie bei ihrem Sturz nicht auch noch einen Kollegen verletzt zu haben.
Die kleine Ungarin lag mit schmerzverzerrtem Gesicht vor ihnen, hielt sich das Knie, war aber bei Bewusstsein. Er konnte nicht einschätzen, ob etwas gebrochen war. Er wusste nur, dass die Aufführung verschoben werden müsste, falls die Zweitbesetzung nicht da war. Einer der Geiger, ein dicker Rentner, flüsterte ihm zu: „Wir haben die Sanitäter schon gerufen, Herr Direktor.“
Konstantin nickte und schob ihn zur Seite.
Er hatte beschlossen, die Bühne zu erklimmen, um das Publikum zu beruhigen. So viel Fitness hatte er noch, dachte er sich und kletterte mit einem kleinen Satz tatsächlich überaus leichtfüßig auf die Bühne.
„Meine Damen und Herren, wir bitten um Entschuldigung. Unsere Hauptdarstellerin hat das Stück leider etwas zu wörtlich genommen.“
Er hatte die Stimme kräftig erhoben und wusste, dass sein markiger Bariton kein Problem damit hatte, sich bei den Leuten auch ohne Mikrofon Gehör zu verschaffen. Das Raunen wurde leiser. Vereinzelt war Kichern zu hören. „DAS Theater“ hatte 195 Plätze. Für die Premiere hatten sie viele Karten verkauft, aber ganz voll war der Saal nicht. Das sah er sofort. In der Zwischenzeit hatte er sein Ziel erreicht und die Aufmerksamkeit des Publikums wieder auf die Bühne gelotst. Auch wenn er noch keine Ahnung hatte, wie er es schaffen könnte, das Stück fortzusetzen.
„Unsere Heldin wird schon verarztet. Wir müssen uns nur kurz neu justieren, dann geht der Abend gleich wieder weiter.“
Drei Lügen in einer Aussage. Konstantin hätte beinahe über sich selbst gelacht. Weder wurde Szabina schon verarztet, noch würde es nur kurz dauern, bis sie sich wieder justiert hätten. Vor allem hatte er noch immer nicht die geringste Ahnung, ob sie es wirklich hinkriegen würden, diese Vorstellung doch noch fortzusetzen.
Zumindest hatte er ihnen nun Zeit verschafft.
Am liebsten hätte Konstantin den Tisch in den Orchestergraben getreten. Aber er beruhigte sich und ging in die Hocke, um zu sehen, wie es um die Verletzte nun stand. Da bemerkte er, wie ein junger Mann sich zwischen den Musikern durchdrängte.
Konstantin fielen zuerst die Haare des jungen Mannes auf. Er war Ende zwanzig, vielleicht ein wenig älter, wirkte überaus zielstrebig, als er sich zur Verletzten hinunterbeugte, und seine feuerroten Haare strahlten bis zu Konstantin hoch. Wahrscheinlich jemand aus dem Publikum, der sich bloß wichtigmachen wollte. Am Ende irgendein unnützer Medizinstudent, dachte Konstantin.
Inzwischen kniete der junge Mann und stützte den gefallenen Engel so, dass sie ihren Kopf auf seinen Oberschenkeln ablegen konnte. Währenddessen blieb der Rotschopf im Gespräch mit ihr, sprach mit ruhiger und entspannter Stimme.
„Da scheint nichts gebrochen zu sein. Machen Sie sich keine Sorgen.“
Konstantin fragte sich, wie dieser Typ das so einfach sagen konnte, wusste aber, dass sein Einspruch in diesem Moment wohl fehl am Platz gewesen wäre.
„Das dürfte höchstens eine Zerrung sein. Wichtig ist, dass Ihr Kopf nichts abgekriegt hat.“
Mit schmerzverzerrtem Gesicht lag die kleine Ungarin da, schien sich aber zu beruhigen, weil der Rotschopf besänftigend auf sie einsprach. Konstantin kletterte von der Bühne hinunter. Er wollte wissen, wer dieser Kerl war.
Da hörte er den jungen Mann zu Szabina sagen: „Die Rettung wurde schon gerufen, das ist nur eine Vorsichtsmaßnahme, bleiben Sie ganz entspannt.“ Im gleichen Moment sah er hoch und blickte fragend in die Runde der verwirrten Musiker: „Hat denn nun jemand Eis geholt?“
In diesem Moment drängten sich Lucy, die butchige Percussion-Künstlerin, und ihre Ex-Frau Alberta, die diese queer-feministische Dramödie überhaupt verfasst hatte, zwischen den Musikern durch, mit ein paar Geschirrtüchern, die offenbar um Eiswürfel gewickelt waren, in der einen Hand und den Erste-Hilfe-Koffer in der anderen. Konstantin staunte, dass dieser junge Typ in den wenigen Minuten, die dieses Drama nun schon dauerte, bereits das Wichtigste organisiert hatte. Er blieb neben dem Rothaarigen stehen, der mit geschickten Griffen den Erste-Hilfe-Koffer öffnete, während einer der Musiker seine Stützposition für die Patientin einnahm. Mit einer Verbandschere bewaffnet kroch er zum linken Unterschenkel der Frau, die sich bei ihrem Sturz an der Bühnenkante das Bein aufgeschürft hatte. Konstantin wollte etwas sagen, war aber gebannt von der Professionalität, mit der der junge Mann das Hosenbein aufschnitt, um festzustellen, wie schlimm die Quelle der Blutspur darunter war. Die kleine Ungarin stöhnte kurz auf, als er das Eis an die Wunde drückte.
„Wie ich mir dachte: Nur ein wenig aufgeschürft und wahrscheinlich das Kreuzband gezerrt. Und wohl auch ein bisschen geprellt.“
Der junge Mann blickte motivierend hoch und lächelte die Frau an. Er war hübsch, stellte Konstantin fest.
„Und darf ich fragen, wer Sie sind?“
Konstantin erschrak über die Strenge in seiner Stimme, als er im Getümmel des Chaos endlich diese Frage stellte. Das hatte er gar nicht so missmutig formulieren wollen, stellte er fest, dachte sich aber nichts mehr dabei. Denn gerade in Stresssituationen haben wir das Recht zu reden, wie wir wollten.
Beim Stellen seiner Frage starrte er auf das hübsche Gesicht, das nur kurz zu ihm hochblickte. Der Mann hatte weiche Gesichtszüge, eine sehr süße kleine Nase und schmale Lippen. Er wirkte, als ob er in einer kitschigen Shakespeare-Verfilmung der 1970er-Jahre spielen würde. Konstantin riss seine Augen weit auf und zog die Stirn hoch, um das seltsame Lächeln aus seinem Gesicht zu bannen, das ihn überkam.
Einer der beiden Cellisten raunte von der Seite aufgeregt zu Konstantin: „Der junge Mann ist aus dem Publikum gekommen und hat gesagt, dass er Sanitäter sei.“ Diese Information kam nicht sofort in Konstantins Hirn an, weil er noch immer versuchte, einen näheren Blick auf das Gesicht des jungen Mannes zu erhaschen, während dieser ihn schon wieder ignorierte und vorsichtig das Bein der Verletzten anhob.
„Geht das?“, fragte er die Schauspielerin, die nickte und besonders tapfer zu lächeln versuchte.
Konstantin war überzeugt davon, dass sie übertrieb und jetzt ein Rettungseinsatz nur wegen einer Kleinigkeit veranstaltet wurde.
Auf einmal tauchte mit wallender Lockenmähne seine Assistentin auf, die ihm zischend zuflüsterte: „Paula ist hier und zieht sich schon um. Wir können die Vorstellung fortsetzen.“
„Na, wenigstens etwas. Wenn bis dahin nicht schon alle Besucher gegangen sind“, maulte er. Konstantin fiel erst jetzt auf, wie das Murmeln im Publikum lauter wurde. Es war klar, dass er etwas tun musste, wenn er die Aufführung retten wollte.
Er wunderte sich, dass er erst jetzt an die Fortsetzung ihres Stückes dachte, und beschloss, die Musiker wieder an ihre Plätze zu bringen. Gerade als er ansetzen wollte, sie im Flüsterton zusammenzustauchen, tauchten zwei uniformierte Sanitäter auf. Einer schob einen Rettungsstuhl in den kleinen Orchestergraben; die beiden drängten sich an Konstantin vorbei.
Als sie sich der Behandlung der Verunfallten zu widmen begannen, hörte er, wie sie in einem professionellen Tonfall mit dem Rotschopf sprachen. Konstantin konnte nur Bruchstücke verstehen.
„… nichts gebrochen …“
„… die Wunde ist nicht tief …“
„… gut gemacht, Herr Kollege …“
Augenscheinlich war der Retter tatsächlich Sanitäter. Konstantin überraschte sich selbst mit einem Lächeln der Erleichterung: Seine Schauspielerin war also in den richtigen Händen. Während die gerufenen Berufskollegen der kleinen Ungarin aufhalfen, um sie mit gekonnten Bewegungen in den Rettungsstuhl zu hieven, trat der rothaarige Erstversorger in den Hintergrund. Konstantin blickte kurz um sich, sah ihn plötzlich nicht mehr und wusste, dass es nur noch darum ging, die Vorstellung doch noch zu retten.
„Paula ist bereit.“
Connies Worte passten zum Bild der Schauspielerin, die gerade hinausgeschoben wurde. Noch länger in diesem Chaos, und sie hätten den Abend abbrechen müssen.
Connie war eine hübsche Frau von knapp über dreißig und als Assistentin meist gut zu gebrauchen. Vor allem aber konnte sie mit seinen Launen umgehen, ohne dabei innerlich zu zerbröseln. Das wusste er zu schätzen. Deshalb ist sie wohl auch noch immer hier, dachte er. Ihr markantes Make-up schien ihr kleines, rundes Gesicht nicht hervorzuheben, vielmehr wirkte es so, als wollte sie sich dahinter verstecken. Konstantin mochte sogar ihren Kleidungsstil. Er staunte, dass eine Frau ihres akademischen Kalibers sich mit dem mickrigen Gehalt in der Kulturarbeit zufriedenstellte. Nach ihrem Psychologiestudium hatte sie einen äußerst fulminanten Fachhochschulabschluss für Sozialarbeit gemacht und einige Jahre in dem Bereich in ihrem Lebenslauf. Als er sie eingestellt hatte, hatte er sich die Frage nicht verkneifen können, warum sie in die Kulturarbeit wechseln wollte.
„Was den Respekt der Gesellschaft betrifft, klebt die Sozialarbeit auf der untersten Stufe fest. Ich will diese Leiter nicht akzeptieren, nur weil mir irgendwer einreden will, dass vor allem Frauen sich um Soziales kümmern sollen.“
Solche Haltungen gefielen Konstantin. Er räumte ein, dass das Gehalt als geschäftsführende Assistentin in einem Theater keine großen Sprünge auf der Leiter ermöglichen würde.
„Darum geht es nicht. In einer Weltstadt wie Wien wird die Arbeit in der Kultur aber immer noch mit mehr Respekt betrachtet als die Arbeit mit Menschen, die Hilfe brauchen.“
Als er die Stelle ausgeschrieben hatte, waren zahlreiche Bewerbungen von Kandidatinnen und Kandidaten der üblichen Sorte gekommen. Connie war die einzige gewesen, die ihn beim Bewerbungsgespräch nicht gelangweilt hatte. Also hatte er sich für sie entschieden.
Und diese Entscheidung noch keinen einzigen Moment bereut.
„Los, Lucy. Steig sofort wieder in der ersten Nummer ein.“
Die Musiker nahmen Platz. Konstantin beschloss, noch einmal auf die Bühne zu klettern und dem Publikum zu versichern, dass alles in Ordnung sei. Was er zwar nicht wissen konnte, aber auf der Bühne ging es nicht um Wahrheit, sondern um Kunst. Er nahm sich vor, diesen Abend zu retten. Der freie Fall sollte nicht mit einem Fall verhindert werden. Also erklomm er noch einmal die Bühne und sah erleichtert, dass nur wenige Köpfe Richtung Ausgang schwebten.
„Meine Damen und Herren, ich darf mitteilen, dass unserer gefallenen Heldin bei ihrem freien Fall nichts Schlimmes passiert ist.“
Erleichtertes Aufatmen und vereinzelt Applaus.
In dem Moment wusste Konstantin, dass der Abend gerettet war. Wie so oft, wenn etwas Unerwartetes in seinem Leben geschah und es ihm gelang, das Lenkrad herumzureißen, empfand er Stolz. Er war kein Mensch, der sich vom Leben diktieren ließ, was er zu tun hatte. Er hatte sein Leben selbst in der Hand. Bei der Entwicklung dieser Fähigkeit hatte ihm vielleicht wirklich die Lektion seines Vaters geholfen.
„Konstantin, stell dich am besten immer auf das Schlimmste ein, dann kannst du nicht enttäuscht werden.“
Wer sich selbst davon zu überzeugen vermochte, vom Leben nicht überrascht werden zu können, war viel eher dazu in der Lage, professionell zu reagieren, wenn das Leben unprofessionell meinte, einem Steine in den Weg legen zu müssen.
Der Scheinwerfer ging wieder an. Konstantin atmete auf. Auch sein Techniker zeigte Professionalität. Er blickte zur Seite, weil er Connies Lockenmähne sah. Sie zeigte ihm von Rand der Bühne „Daumen hoch“ an.
„Ich höre, dass unserem freien Fall nichts mehr im Weg steht. Nehmen wir den Auftakt des Abends als Vorahnung, worum es nun gehen wird.“
Einige kicherten.
Er deutete mit dem Zeigefinger hinunter zu den Musikern, die auf sein Zeichen warteten. Lucys Trommeln setzten diesmal etwas sanfter ein.
„Liebes Publikum. Lassen Sie sich mit uns fallen.“
Bei diesen Worten deutete er mit der linken Hand auf die Bühne, während er rechts von der Bühne abging und Paula mit einem siegessicheren Lächeln über ihre endlich aufgegangene Chance auf die Bühne schritt. Er zog sich das Sakko zurecht und bereute, dass er seinen schwarzen Rollkragenpullover angezogen hatte. Er schien inzwischen der Einzige zu sein, der noch Rollkragenpullover trug, ohne sich dabei wie ein existenzialistisches Klischee zu fühlen. Wer sich nur anzog, wie andere es von ihm erwarteten, verfügte über zu wenig Rückgrat. Das war schon immer seine Überzeugung gewesen.
Das Publikum applaudierte laut, und Konstantin dachte nur noch daran, dass er früher in solchen Situationen sofort zur Zigarette gegriffen hatte.
Endlich Schwitzen. Endlich sich selbst wieder spüren. Es schien fast so, als ob das Chaos von vor zwei Tagen nun doch langsam aus seinem Körper fließen würde. Konstantin genoss das Gefühl, das ein nasses Laufshirt auf seiner Haut schuf. Er brauchte den Sport. Nicht nur, um sich vor dem Älterwerden zu verstecken. Nein. Auch um aufgestaute Wut aus seinem Berufsleben kanalisieren zu können. Nach der Premiere waren einige Presseanfragen gekommen. Mehr als sonst, hatte er das Gefühl. Es schien fast so, als wäre ein Unfall eine gute Marketingstrategie. Er war gespannt, was die Damen und Herren von der Presse über seine Premiere schreiben würden.
Wer im Kulturbereich Erfolg suchte, konnte diesen nur finden, wenn ihm mediale Krücken gereicht wurden. Ansonsten konnte ein Theaterstück noch so gut, ein Roman noch so überzeugend sein, wenn Medien ihm nicht dabei halfen zu gehen, würde jedes Kunstwerk zurück in den Mutterleib kriechen.
Konstantin hatte sich nach der Premiere mit Sascha getroffen. Dessen Frau war wieder einmal auf einer ihrer internationalen Geschäftsreisen, auf denen wohl auch sie kein Kind von Traurigkeit sein würde, war Konstantin überzeugt. Also konnten er und Sascha auch ganz ohne Druck ihren Druck gemeinsam abbauen und hatten sich im großen Bett in Saschas kleiner Stadtwohnung ausgetobt. Manchmal fragte Konstantin sich, ob ihm das Befinden von Saschas Frau in dieser Geschichte wirklich so egal war. Aber dann kam er fast immer zu dem Schluss, dass Bindungen wohl nur so lange glaubwürdig waren, wie man auch ehrlich miteinander kommunizierte. Er ging davon aus, dass Sascha mit seiner Frau offen redete.
Aber er ging nur davon aus.
Sascha war einer dieser Männer, die für ihr gutes Aussehen nichts tun mussten. Die immer ein wenig jünger aussahen, als sie waren. Die auf Instagram ihre Sixpack-Muskeln zeigten und so taten, als wären sie damit geboren worden. Sein zerzaustes dunkelbraunes Haar wirkte nicht unfrisiert, sondern quasi perfekt gestylt, um den Eindruck eines hippen Künstlers in den besten Jahren auch stilgerecht zu präsentieren. Wenn ein schelmisches Grinsen die Grenze zwischen Naivität und Verführung zu verschmelzen vermochte, erregte das Konstantin immer. Das musste er sich frag- und schamlos eingestehen. Wenn etwa Sascha sich mit wackeligen Beinen erhob, um wie jedes Mal nach dem Sex eine Flasche Wein und zwei Gläser zu holen, und dabei über die Schulter blickte, und Konstantin nicht mehr ganz sicher war, ob er sich bei diesem Anblick auf das Lächeln oder doch lieber auf Saschas nackten und ihm inzwischen sehr vertrauten Hintern konzentrieren wollte, packte ihn erneut verblüffende Erregung.
Sie waren sich vor fünf Jahren zum ersten Mal begegnet. Damals war Sascha noch Redakteur gewesen. Er hatte Konstantin als einen seiner letzten Einsätze für ein hochrangiges deutsches Magazin interviewt. Die Arbeit als Journalist habe ihn nie befriedigt, hatte er ihm bei ihrem Gespräch erzählt. Er würde nun an seinem ersten Roman arbeiten. Mit dieser Offenheit hatte er eindeutig versucht, mit Konstantin zu flirten. Zwei Stunden nach dem Interview in Konstantins Theater hatte dieser sich daran gemacht, Sascha in dessen Kemenate in der Josefstadt zu befriedigen. Mehrmals. Sie hatten von Anfang an erstaunlich gut miteinander harmoniert.
Es handelte sich um ein Arrangement, von dem alle Beteiligten einen Vorteil hatten. Die Frau, der Mann und der andere Mann. Ihre abgegoltene Schuld für ihre Karriere. Seine abgegoltene Schuld für ihre sexuelle Distanz, die wohl darin wurzelte, dass sie ihn finanziell aushalten durfte. Konstantins abgegoltene Schuld für seinen Unwillen, sich mit Gefühlschaos zu stressen. Alle wussten Bescheid. Alle waren sich einig. Eine Strategie, die für alle Beteiligten simpel gestrickt und einfach ein- und auszuhalten war, sollte durch nichts hinterfragt und riskiert werden.
Im aktuellen Zeitgeist wurden die aufgeblasenen Illusionen hinter Beziehungen erfreulich oft mit der Nadel des Pragmatismus aufgestochen, fand Konstantin immer öfter. Er hatte keine Nerven mehr für die Aufwallungen von Wunschvorstellungen, mit denen sich ein, zwei, drei oder noch mehr Menschen gegenseitig das Leben wieder und wieder schwermachten.
Kurznachrichten und Sex.
Kommunikation der Triebe.
Unmissverständliche und erfreut angenommene Botschaften, in denen es nur um das ging, was man brauchte. Was man wollte. Was man bekam. Kein Firlefanz. Kein Chaos. Kein Stress. Kein Inhalt. Keine Kunst. Nur ein kurzes Gleiten über Oberflächen. Befriedigung von Bedürfnissen und die Erinnerung daran, wie es sich anfühlte, für kurze Zeit etwas nicht zu brauchen. Bis man es wieder brauchte. Ein Sisyphos der Sexualität. Auch Sascha schien vorgestern unter Strom gestanden zu haben. Konstantin hätte ihn beinahe gefragt, was ihn so gestresst hatte. Aber er hatte sich die Frage verkniffen.
Es ging ihn nichts an.
Zunächst hatte er gehofft, dass ihm dieser Stressabbau helfen würde, die Anspannung der Premierenvorstellung loszuwerden. Die Premiere war gut gewesen. Die gerettete Vorstellung. Wie auch der Sex mit Sascha. Aber beides war nicht gut genug gewesen. Sowohl Der freie Fall wie auch der Sex hatten unfertig gewirkt.
Was seine Erwartungshaltung betraf.
Jetzt, nach einem Zehn-Kilometer-Lauf bog er verschwitzt, keuchend und endlich tatsächlich erleichtert in seine Straße ein und konnte langsam das Gefühl erahnen, wie der Nebel in ihm in den Hintergrund zu treten begann. Es war ein frühlingswarmer Sonntagvormittag. Er hatte gut geschlafen. Was wohl auch noch am Sex mit Sascha liegen durfte. Seine Sportkleidung hatte den Stress aufgesaugt, und er fühlte sich frei. Frei genug, um die zwei Tageszeitungen zu lesen, die er vom Zeitungsständer an der Kreuzung mitgenommen hatte. Er redete sich verkrampft ein, dass er nur das Tagesgeschehen verfolgen wollte. Er las Zeitung wie jeder andere normale Mensch: um sich darüber zu informieren, was in der Welt vor sich ging. Ihm war klar, dass er sich damit nur selbst belog.
Die Welt war ihm egal.
Er wollte sich der größten Panik eines Kunstschaffenden stellen. Nach dem Fall seiner Gefallenen zog er eine gute Besprechung schon gar nicht mehr in Erwägung. Die Premiere, bei der die Hauptdarstellerin den Titel des Stückes zu wörtlich genommen hatte, war vor zwei Tagen gewesen. Heute könnte eine Rezension in der Zeitung stehen. Das wusste er aus Erfahrung.
„DAS Theater“ war zwar kein Vergleich zu den großen kulturellen heiligen Stätten dieser Stadt, aber Connie war doch recht talentiert beim Netzwerken mit der Presse, und sie hatten im Lauf der Jahre schon zahlreiche Besprechungen bekommen. Die meisten gut. Naja, gut genug. Aber nach einem Abend wie vorgestern war es für Konstantin unmöglich, sich nicht auf das Schlimmste einzustellen.
Er schob das rostige Tor auf und trat in seinen Garten. Dabei atmete er tief und konzentriert ein und aus. Ja, dachte er: Hier konnte er frei atmen. Freier als draußen in der Stadt. Auch wenn sein kleines Reihenhaus letzten Endes Teil einer Metropole war. Das Gefühl, eine Insel zu haben, zu brauchen, zu besitzen, ergriff ihn quasi täglich, wenn er in sein kleines Reich trat. So klein war es gar nicht. Zwei Stockwerke. Mehr als zweihundert Quadratmeter Wohnfläche. Dazu sein von ihm in Kleinstarbeit liebevoll gepflegter Garten. Konstantin wusste, dass er in Döbling privilegiert lebte. Aber er sah keinen Grund, deshalb ein Schuldgefühl verspüren zu müssen. Er hatte schon lange vor dem Tod seines Vaters das Erbe ausgezahlt bekommen. In solchen Dingen war sein Vater immer recht pragmatisch und vernünftig gewesen. Das konnte er heute überaus dankbar feststellen.
Weshalb sollte er sich dafür schämen? Scham wurzelte in Manipulation, war er überzeugt. In der allseits zelebrierten Freude am Fingerzeig. Damit niemand bemerkte, wie neidisch man war.
Er stutzte, weil er dabei an seinen Vater denken musste.
Alter Schwede!, kam es ihm in den Sinn. Zumal sein Vater tatsächlich ein alter Schwede gewesen war.
Wirtschaftlicher Erfolg war Oskar Karl Pettersson in die Wiege gelegt worden. Mehrere Generationen international erfolgreicher Geschäftsleute hatten diese Linie von Konstantins Familie geprägt. Kunst und Literatur kamen in ihren Lebensläufen nicht vor.
Dies sollte sich erst durch Konstantin ändern.
Auch sein Vater war als Geschäftsführer einer Hochbaufirma in ganz Europa herumgekommen. In den 1960er-Jahren hatte es ihn nach Wien verschlagen, um die Erweiterung des Geschäftes nach Mitteleuropa voranzubringen. Was in eine glücklose Ehe mit einer Wienerin münden sollte und nur einen Nachkommen hervorbrachte, der wiederum als Theatermacher die Geschäftsziele samt den dazugehörigen familiären Verpflichtungsillusionen des Vaters geflissentlich ignorierte. Aber gut, irgendwann gab der alte Pettersson auf. Hauptsache, der Junge hatte Geld.
Alles andere „ging niemanden etwas an“. Diese zumeist im kryptischen Flüsterton seines Vaters proklamierte Beschwörung war in Konstantins Leben mehr als einmal zu hören gewesen.
Seit Konstantin „DAS Theater“ leitete, war die Beziehung zu seinem Vater besser geworden, nachdem die Familie Wind davon bekommen hatte, dass der Sprössling des alten Schweden keine Frau an seiner Seite hatte. Keine Frau haben wollte. Niemals eine Frau haben würde. Dabei galt es doch, eine Frau „zu haben“. Sie zu besitzen.
Und in dieser Glanzrolle hatte Konstantin auch seine Mutter in Erinnerung, die noch vor der Jahrtausendwende gestorben war. Ein plötzlicher Herzinfarkt. Oder ein gebrochenes Herz. Im Angesicht ihrer glanzlosen Rolle als Accessoire eines reichen schwedischen Geschäftsmannes. Konstantin konnte es heute nicht mehr sagen. Wann immer er sich an seine Mutter zu erinnern versuchte, wusste er, dass er sich die Bilder in seinem Kopf nur einredete. Familie war zumeist nur so glaubwürdig, wie wir uns ihre Wahrhaftigkeit einzubilden vermochten.
Konstantin stapfte mit müden Beinen den schmalen Kiesweg zur Haustür entlang und staunte, dass er heute an seine Eltern dachte. Ob es damit zu tun hat, dass Der freie Fall das erste Stück war, das er nicht mehr mit seinem Vater bereden konnte? Der alte Schwede war gern in das Theater seines Sohnes gekommen. Hatte auch immer gern damit geprahlt, dass sein Sohn es leitete.
Solange er sich nicht mit der Tatsache auseinandersetzen musste, dass sein Sohn schwul war.
In diesem Moment erinnerte sich Konstantin an einen Vorfall, an den er schon sehr lange nicht mehr gedacht hatte. Er war vielleicht zehn Jahre alt gewesen, als seine Mutter ihn bei einem der seltenen sonntäglichen Mittagessen, an denen der große Patriarch dabei gewesen war, vor seinem Vater vorgeführt hatte.
„Dein Sohn glaubt, er müsse sich in der Schule prügeln.“
Sein Vater hatte mit seltsamer Emotionslosigkeit reagiert.
„Auch mein Sohn ist also eine Enttäuschung. Tja. Keine Überraschung.“
Konstantin wusste noch, wie er damals gedacht hatte, dass er nicht einfach nur an diesem Sonntag eine Enttäuschung für seinen Vater gewesen war. Das war er also quasi immer für ihn gewesen.
Andere Väter hätten ihre Söhne vielleicht motiviert. Dass es gut sei, wenn sie sich durchzusetzen lernten. Wenn sie sich wehrten. Nicht so sein Vater. Für ihn war er eine Enttäuschung. Nicht einfach nur, weil er sich um den Ruf seiner Familie sorgte, der beschmutzt wurde, weil sein Sohn sich nicht standesgemäß verhielt. Nein. Weil Konstantin ihn mit dieser Prügelei letzten Endes nur gestört hatte, während er seine kostbare Zeit damit verbrachte, mit seiner Frau und seinem Sohn zu Mittag zu essen. Damit er mal wieder Familie spielte, dachte Konstantin noch heute.
Er war von einem Mitschüler wiederholt bedroht worden. Immer wieder hatte dieser ihn am Ende des Schultags vor dem Schulgebäude abgepasst und ihn angestarrt, während er psychotisch geflüstert hatte: „Glaubst du, nur, weil dein Vater reich ist, dass du etwas Besseres bist? Du grausige Schwuchtel!“
Homosexualität war schon in der Kindheit ein Trauma gewesen. Noch lange vor der eigenen sexuellen Entfaltung.
Irgendwann hatte Konstantin nicht mehr anders gekonnt und sich mit ihm geprügelt. Noch bevor sich einer von ihnen ernsthaft verletzen konnte, waren sie von einem Lehrer getrennt und mit der Androhung eines Schulverweises nach Hause geschickt worden. Wo sein Vater nur trocken festgestellt hatte, dass sein Sohn halt wie üblich eine Enttäuschung für ihn war.
Mehr brauchte man nicht zu sagen.
Nun war auch diese Art der Verdrängung, diese Lust, etwas explizit nicht zu thematisieren – was jeder wusste, was allen auch mehr oder weniger egal war –, Geschichte. Konstantins Vater hatte sich zeit seines Lebens für die Homosexualität seines Sohnes geschämt, aber dessen leitende Funktion in einer kulturellen Stätte, die immer wieder in renommierten Medien erwähnt wurde, war zumindest ein Ersatz gewesen. Ersatz für die Enttäuschung, die Erwartungen der Eltern nicht erfüllt zu haben.
So stellte sich Konstantin seinen Vater vor. Denn Gefühle zu zeigen war im Hause Pettersson ein Talent, das man nur bei anderen beobachtete. Konstantin fragte sich oft, ob er auch deshalb beim Theater gelandet war. War seine Karriere in letzter Instanz nur der Versuch eines inneren Kindes, die Liebe des Vaters zu bekommen?
Er legte Handy, Schlüssel und die Zeitungen auf den kleinen Bartisch in der Küche und beschloss, zuerst etwas zu trinken. Bevor er sich der Gegenwart stellte, wollte er ein paar Gedanken an die Vergangenheit zulassen. Denn der Tod seines Vaters war erst wenige Monate her. Konstantin fand es logisch, dass Erinnerungen sich nach einem Todesfall mit klaren Konturen zu präsentieren versuchten. Als ob das Bühnenbild der Vergangenheit den Auftritt der Gegenwart zu überdecken versuchte. Als er den Wasserhahn aufdrehte und ein Glas darunter hielt, versuchte er sich vorzustellen, wie er auf diese Weise Erinnerungen auffing.
Erinnerungen an die Nacht im Dezember. Eine Nacht, die im Nachhinein ebenfalls wie ein freier Fall wirkte. Ein Fall in den Abgrund der Realität. Der Realität des Todes.
Egal, was wir im Leben tun. Welche Theaterstücke wir auf die Bühne bringen. Welche Bücher wir schreiben. Mit wem wir ins Bett steigen. Was unser Kontostand über uns sagt: Am Ende sind wir alle tot.
Konstantin hatte im Zuge der Ereignisse stabil reagiert, konnte aber nicht umhin, ein beengendes Gefühl knapp über seinem Magen festzustellen, wenn er sich an sie erinnerte. Er nahm einen großen Schluck Wasser und verstand, dass er sich mit der Lektüre möglicher Rezensionen über die Premiere wohl nur von diesen Erinnerungen ablenken wollte.
Beim Herzinfarkt seiner Mutter hatte er gerade in Malmö Literatur studiert, um sein auch heute noch sprödes Schwedisch zu trainieren. Darauf hatten beide Eltern immer gepocht. Wenn er schon auf dieses Literaturzeugs bestand, dann sollte er wenigstens beiden Sprachen huldigen, damit er nicht den Eindruck erweckte, er würde sich für seine Herkunft schämen.
Mit einem Ruck hatte sich Anna Pettersson aus ihrem Leben verabschiedet. Ich habe geheiratet und ein Kind großgezogen. Ich habe meine Pflicht und Schuldigkeit getan. Wie es sich für ein Wiener Mädchen aus gutem Haus gehörte. Aus einem Haus, in dem Traditionen noch etwas wert waren. Sie hatte schließlich auch reich geheiratet. Zwar einen Ausländer, aber einen von den Guten. Es war Zeit für sie zu gehen. Sie hatte im Bett noch mehrere Zigaretten geraucht und wahrscheinlich bei einem der für sie typischen Hustenanfälle einen Herzinfarkt gehabt. Ihr Vater hatte sie gefunden. Verzerrt, verkrampft und angesengt. Ingeborg Bachmann fiel Konstantin immer ein, wenn er an den Tod seiner Mutter dachte, denn Bachmann starb der Legende nach genau so. Er hatte seine Mutter nicht mehr gesehen. Hatte nur eine E-Mail seines Vaters erhalten. „Deine Mutter ist heute gestorben.“ Trocken und distanziert wie ein Wetterbericht.
An diesen Tonfall hatte er auch denken müssen, als sein Vater ihn kurz vor Silvester angerufen und geraunt hatte: „Jetzt habe ich doch den Krankenwagen gerufen.“ Als ob er eine lästige Pflicht erfüllt hätte. Oder vielleicht war es auch ein Schuldgefühl gewesen. Dass er so ein Aufheben machte, nur weil er seit ein paar Tagen mit einem Infekt im Bett lag. Ein alter Mann durfte schließlich auch mal krank sein, nicht wahr?
Konstantin stellte das Glas ab und verspürte den Drang, Dehnübungen zu machen. So als ob er sich körperlich daran erinnern wollte, dass er noch kein alter Mann war. Die Vorstellung, den eigenen Körper verfallen zu lassen, war ihm schon von klein auf ein Grauen. Er wusste nicht, warum er diesen Impuls so stark in sich verspürte. War es die Leibesfülle seines Vaters? Der immer gern gegessen und seine Verdrängungen schließlich von Tellern gelöffelt hatte. Oder war es die kettenrauchende Verbissenheit seiner Mutter gewesen, die zwar die schönsten Luxusmarken trug, deren Kleidung dennoch immer nur nach Rauch gestunken hatte
Die einen werden von einem unausgesprochenen Todestrieb gejagt, die anderen wollen um jeden Preis leben. Menschen sind eine seltsame Spezies; das hatte Konstantin schon immer gewusst. Diese Erkenntnis war die Wurzel jeder Literatur. Jeder Figur, die auf der Bühne seines Theaters um die Liebe, das Leben, gegen den Tod kämpfte.
So wie sein Vater gegen den Tod gekämpft hatte.
Indem er nicht mehr gekämpft hatte.
Sein Kampf hatte sein Leben lang dem Profit gegolten. Nicht dem Leben. Konstantin wurde traurig, weil er daran denken musste, dass sein Vater ein erfolgreicher Kämpfer gewesen war.
Und jetzt war er dennoch tot.
Er hatte sich am Ende seines Lebens auf das Schlimmste eingestellt und in seinem letzten Atemzug gewiss grimmig nickend festgestellt, dass er einmal mehr recht behalten sollte.
Das Schlimmste war nun da, und er hatte es gewusst.
Konstantin spreizte die Beine, um die Innenseite der Oberschenkel zu dehnen. Beweglichkeit beruhigte ihn. Muskelkraft motivierte ihn. Vor allem, wenn Erinnerungen an die Intensivstation sein Denken wie Efeu eroberten. Sein Vater hatte ein Nierenversagen verschleppt. Dazu kam ein harmloses Diabetesmedikament, das durch die versagenden Nieren den PH-Wert des Blutes in die Höhe schießen ließ. Von einem Moment auf den anderen wurde ein Medikament zu einem Gift. Die Ärztinnen und Ärzte hatten ihr Möglichstes versucht, diesen Teufelskreislauf zu durchbrechen. Aber vergeblich. Konstantin war noch im Theater gewesen und hatte zunächst mit einem Facharzt telefoniert. Er wäre gleich ins Krankenhaus geeilt, wurde aber darauf hingewiesen, dass es für ihn in diesem Moment das Beste war zu warten. Sie taten bereits alles, was in ihrer Macht stand, um seinen Vater zu retten. Konstantin hatte den Facharzt beinahe gefragt, inwiefern wir Menschen überhaupt zu retten waren, hatte sich aber seinen üblichen Sarkasmus verkniffen. Dazu hatte er zu großen Respekt vor den Anstrengungen des Personals im Krankenhaus.
„Aber halten Sie Ihr Handy griffbereit.“
Mit dieser wenig kryptischen Warnung im Ohr war er nach einer sinnlosen Probe eines sinnlosen Musikstücks für eine sinnlose Matinee in den engen Gängen hinter der Bühne auf- und abmarschiert, während er sich mit dem Gedanken anzufreunden versuchte, wie es sich wohl anfühlen würde, wenn sein alter Vater am Ende tatsächlich sterben würde. Um kurz vor Mitternacht, als er sich schon auf den Nachhauseweg machen wollte, war der erlösende Anruf gekommen.
„Wenn Sie Ihren Vater noch ein letztes Mal lebend sehen wollen, dann sollten Sie jetzt kommen.“
Ja. Er hatte aufgeatmet.
Das war seine erste Reaktion gewesen. Obwohl der Facharzt ihm gerade gesagt hatte, dass sein Vater in der Nacht sterben würde. Er war erleichtert gewesen beim Gedanken daran, dass sein Vater nicht monate- oder gar jahrelang als schwerer Pflegefall enden musste. Nach wenigen Tagen Krankheit würde er mit einem ähnlichen Ruck wie die Mutter seine Bühne verlassen.
Normalerweise trennte Konstantin Krafttraining und Konditionstraining, aber in diesem Moment konnte er nicht anders. Er musste den vom Laufen verschwitzten Körper noch einmal zu einer Leistung hochtreiben, sonst würden ihn die Erinnerungen erdrücken. Also beschloss er, in der Küche Liegestütze zu machen.
