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Allein auf den Spuren des Unbewussten, des Überbe-wussten. Durst nach Ganzheit, nach Wahrheit, nach Integrität, nach Transformation. Ganz abgeschieden vom Außen, hier im Innern suche, hier finde ich. Viel Schlaf, viel Trance, viel Raum für das Unbewusste, das tief Vergrabene, vergessen, vergangen Geglaub-te, alle Zeit zur Heilung des Heillosen, zur Ganzwerdung des Gespaltenen, Gebrochenen. Der Gegenwart fliehend mittels der Hoffnung auf ein heileres, ganzeres Morgen, mittels der Schmerzlosigkeit besoffener Trance, Gedankenverlorenheit, Weltlosigkeit. Jeder Schluck, jeder Zug, jeder Gedanke ein Rausch wider die Wirklichkeit. Und wie die Erinnerung, so zerstört auch die Hoffnung das Leben, umso mehr, je heimlicher es hofft.
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Seitenzahl: 434
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Hans Niemand
Selbst- und Weltauflösung
Theorie und Praxis
© 2025 Hans Niemand
Herstellung: epubli - ein Service der neopubli GmbH, Köpenicker Straße 154a, 10997 Berlin
Selbst- und Weltauflösung: Die Theorie
Vorwort
I.Briefe und Tagebucheinträge
II.Die alte Welt
Der Gefängnisplanet
Geschwindigkeit, Gesundheit und Todesflucht
Hunger
Versicherungen
Individuation, Besonderheit und konventionelle Integrität
Macht und Kontrolle, Kontinuität und Verantwortung
Der duale Verstand
Das duale Herz
Angst und Eros, die Schöpfer der Welt
Die Kreuzigung
Die unheilige Dreieinigkeit
Verstädterung
Der alte Kreislauf
III. Der Schrecken des Übergangs
Zwiebelschäler Verstand: Das Muster des Aufdeckens von Mustern
Ausstieg aus dem Massenbewusstsein
Körper, Psyche und Identität
Das Ende der alten Beziehungen
Das Spiel mit den acht Winden
Psychopathologie
Suizidalität
Archetypen
Auflösung des Ichs: Das Opfer
Auflösung des Ichs: Der Richter
Auflösung des Ichs: Der spirituelle Richter
Auflösung des Ichs: Der Süchtige
Auflösung des Ichs: Der Verführer
Auflösung des Ichs: Der Dieb
Auflösung des Ichs: Märtyrer und Mystiker
Auflösung des Ichs: Der Zerstörer
Der Fahrgast und der Kontrolleur
Der Fluss und die Dämme
Peking und Oslo
Die Vollkommenheit der Unvollkommenheit
Die Gnade des Selbstzweifels
Auflösung des spirituellen Egos
Authentizität
Der Bruch des dualen Verstandes
Die zweite Kreuzigung: Der Bruch des dualen Herzens
Die Quarantäne
Vom Wissen zum Nichtwissen
Ungebundenes Gebundensein
Integrität der Desintegrität
Ergebung
Der dritte Aspekt der Kreuzigung: ihre Auslöschung
IV. Das neue Sein
Der neue, alte Morgen
Das persönliche, unpersönliche Ende
Attribute des nondualen Gewahrseins
Nonduales Gewahrsein und Körperlichkeit
Gottloser Wahnsinn
Kein Liebender
Der karmalose Grund
Der Engel und die Tauben
Das systemlose System
Die zwei Gesichter der Wunschlosigkeit
Leben ohne Drama
Ewigkeit des Wandels
Das leere Blatt
Der Werkzeugkasten
In der Hölle, im Himmel
Eine Welt ohne Ich
Die heilige Dreieinigkeit
Die physische Dreieinigkeit
Der kosmische Witz
Immer und überall nirgends und nie
Unterhaltung
Heiliges scheiß Nichts: Am Ende aller Lügen
Der Ruderer
V. Selbst- und Weltauflösung: Die Praxis
Epilog
Neulich habe ich dieses Buch einem alten Weggefährten zu lesen gegeben. Einige Wochen später gab er mir Rückmeldung: Die Lektüre habe ihm fast den Boden unter den Füßen weggerissen. Wenn das die Wahrheit sei, dann wolle er mit der Wahrheit nichts zu tun haben!
Diese Rückmeldung war für mich das sichere Zeichen, dass der Text es wert ist, veröffentlich zu werden. Denn die Philosophie und Praxis, um die es hier geht, soll ja gerade das: den (falschen) Boden wegreißen. Eliminieren, was nicht wahr ist. Und schauen, was am Ende übrigbleibt.
Ich hatte das Glück, schon früh zu begreifen, dass der Verstand allein nicht genügen wird, um etwas Wahres zu erkennen. Zwar las ich auch westliche Philosophie, mein Hauptaugenmerk aber lag auf den östlichen Weisheitstraditionen. Nicht nur theoretisch, sondern vor allem eben auch praktisch. Das ist auch der Hauptunterschied zu meinem alten Weggefährten. Während er die Existenz seiner selbst und der Welt für bare Münze nahm und es aus dieser ‚Wirklichkeit‘ heraus mit Religion und Wissenschaft, mit Wissen und Glauben versuchte, begann ich mit Anfang zwanzig, nach Anleitung von Joko Beck Zen-Meditation zu praktizieren. Einige Jahre später dann trat ich in einen Sufi-Orden ein, so dass ich fortan zusätzlich zur Zen-Meditation auch die vom Meister verordnete Herzensmeditation praktizierte. Zusätzlich erlernte ich Sheng Zhen Qi Gong. Und auch damit war es nicht getan. Es folgte eine quälende Zeit der inneren Schattenarbeit, hier vertraute ich der Anleitung der christlichen Mystikerin Theresa von Avila und Caroline Myss. Anschließend verbrachte ich ein Jahr mit der Theorie und Praxis vom Kurs in Wundern.
Als ich den hier vorliegenden Text schrieb, war ich längst bei den höchsten spirituellen Lehren angekommen. Ich folgte den theoretischen und praktischen Anleitungen Nisargadattas und Ramana Maharshis sowie meines letzten Lehrers Jed McKenna, von dem hier sehr viel die Rede sein wird, weil er die innere Arbeit nicht nur inspirierte und begleitete, sondern mir auch maßgeblich half, die letzten Schritte zu gehen. Dass diese überhaupt geschieht, dass der Mensch überhaupt mit den höchsten Lehren in Berührung kommt, fällt nicht vom Himmel. Mein persönlicher Treibstoff waren existentielle Schmerzen. Meine Determination erwuchs seelischen Qualen. Im Nachhinein bin ich einfach nur dankbar, dass ich imstande war, so tief zu leiden.
Und eben weil ich die vielen Jahre der vergeblichen Suche und unerfüllten Sehnsucht zur Praxis dazurechne, besteht das erste Kapitel aus Tagebucheinträgen aus dieser Zeit. Vorangestellt sind drei Briefe meines Großvaters an meine Großmutter aus dem 2. Weltkrieg, er war damals Soldat bei der deutschen Wehrmacht. Er hat mir die Erlaubnis gegeben, die Briefe nach seinem Tod zu veröffentlichen. Ich habe wahllos einige aus dem Karton herausgefischt. Im Anschluss folgen ein gutes Dutzend Tagebucheinträge von mir aus den letzten 12 Jahren.
Am 13. Mai 2024 wäre mein Großvater 111 Jahre alt geworden. Er ist knapp 22 Jahre früher gestorben. Er hatte sich die letzten Lebensjahre anders vorgestellt, nicht im Pflegeheim enden, nicht vor meiner Großmutter sterben wollen. Und er hatte sich sein Sterben nicht so schwer, nicht so schmerzhaft und qualvoll und langwierig vorgestellt. Zuletzt verlor er seinen herzenswarmen, lebensbejahenden Optimismus. Er war wütend, er schrie die Nächte durch in seinem Krankenbett. Nicht nur vor Schmerzen. Es waren existentielle Schreie. Er hatte seinen Glauben an den guten, gerechten Gott verloren. Er hatte die Basis verloren, auf die er sein Leben gebaut hatte.
Ich träume noch öfter von meinem Großvater. Ich sehe die Parallelen. Was er im Außen erlebt hat an Kriegen, an Apokalypsen, habe ich im Innern erfahren. Und die hier beschriebenen Jahre über hatte ich oft das Gefühl, mich an jenem Punkt zu befinden, an dem er sich befand, als er im Sterben lag. Mein Sterben war ebenso schwer, ebenso qualvoll und langwierig und existentiell erschütternd. Und so widme ich das Buch ihm. Und mir.
Es folgt die theoretische Exploration der Selbst- und Weltauflösung (Kapitel 2 bis 4). Sie dient allenfalls der Vorbereitung auf den Bewusstseinssprung. Ob sie nötig ist, weiß ich nicht. Es gehört wahrscheinlich zumindest für uns westlich geprägte Menschen dazu, zunächst über den Verstand zu versuchen, die Wahrheit herauszufinden und endlich zu verstehen, was zur Hölle hier eigentlich vor sich geht. Der Versuch ist zwar zum Scheitern verurteilt, es erleichtert die Sache aber, wenn der Mensch nicht völlig unvorbereitet in völlig neue Dimensionen seiner selbst vorstößt. Bei aller Befreiung hat das Erwachen aus dem Traum des Menschseins schließlich auch etwas Schockierendes, Traumatisierendes. Das Selbst, wie es dastand, und die Welt, in der es zu leben glaubte, sind verschwunden. Was immer wichtig schien, ist plötzlich irrelevant. Es herrscht ein völlig neues Verständnis davon, was Leben ist.
In Kapitel 5 geht es dann richtig zur Sache, es umfasst den praktischen Sprung, den graduellen Übergang in die nonduale Seinsart. Der Sprung sieht natürlich für jeden Menschen anders aus. Es geht also nicht so sehr um die konkreten Erfahrungen, die hier beschrieben werden, als vielmehr um die Intensität und Ganzheitlichkeit des Prozesses. Dass es so extrem wird, ist mit Sicherheit unabdinglich, wo sich Bewusstseinstransformation vollzieht. Es ist beileibe nicht nur ein geistiger Prozess. Es sind physische, psychische, mentale, emotionale, energetische und spirituelle Auflösungsprozesse im Gange, die sich auf alle Ebenen der Lebenswirklichkeit auswirken. Es ist eben ein Sterbeprozess, insofern ist es vielleicht mit dem vergleichbar, was der Mensch im physischen Sterben erlebt. Nur geht es eben weiter, das Sterben ist umfassender. Es geht nicht nur um die physische Transformation, es geht um die Transformation der Bewusstheit, innerhalb derer das Menschsein erfahren wird, Existenz in Erscheinung tritt. Es geht also weit über alle körperliche oder geistige Transformation hinaus. Es ist noch nicht einmal menschliche Transformation. Es ist die Transzendenz des Menschseins, es ist die Auflösung jedweder Identität und Identifikation. Im Geiste vollzieht sich der Prozess als Selbst- und Weltauflösung. Im Herzen tritt die Transzendenz als erwachendes Einheitsbewusstsein zutage. Die Selbsttäuschung ist vielschichtig, und das Gewahrsein muss alle Schichten durchdringen, will der Mensch erwachen. Das Augenmerk beim Lesen sollte daher auf den Schichten der Täuschung liegen, die in ins Gewahrsein rücken und untersucht werden, nicht auf den Inhalten, mit denen sie gefüllt sind, denn diese sind natürlich individuell verschieden und letztlich sowieso unerheblich. Die Schichten aber, auf denen die Selbsttäuschung beruht, sind in jedem Menschen exakt dieselben. Was natürlich daran liegt, dass die menschliche Existenz ein bloßer Traum ist, der allein dadurch wirklich erscheint, dass er auf Mustern der Täuschung beruht, die vom Menschen weder erschaffen noch verändert werden.
Spirituelle Praktiken sind Werkzeuge wider die Konditionierung. Wahre spirituelle Praxis fügt nicht hinzu und nimmt alles weg. Stille Meditation zu üben zum Beispiel ist das erste Jahr über nicht gerade angenehm, weil es seine Zeit dauert, bis sich die zahllosen körperlichen und mentalen Widerstände und energetischen ‚Knoten‘ aufgelöst haben. Ähnlich verhält es sich mit Verstandesarbeit, die darauf ausgerichtet ist, die Identifikation mit Gedanken aufzulösen. Spirituelle Gurus wie Ramana Maharshi und Nisargadatta empfehlen, ganz auf derartige Techniken zu verzichten und sich stattdessen allein darauf zu fokussieren, auf direktem Wege seiner wahren Natur gewahr zu werden. „Wer bin ich?“, sollst du dich laut Ramana Maharshi unablässig fragen. „ICH BIN“ ist die Kontemplation, die Nisargadatta empfiehlt. Ich persönlich habe zusätzlich auch mit Byron Katies ‚The Work‘ gearbeitet. Zudem habe ich während der Zeit, die dieses Buch dokumentiert, Jed McKennas Prozess der Autolyse angewendet, Hier geht es darum, das Fundament des eigenen Selbst- und Weltbildes mittels bedingungsloser Ehrlichkeit und mentaler Wahrheitssuche sukzessive zu untergraben. Denn schließlich hält nichts einer genaueren Betrachtung stand, und mit der Dauer der Introspektion wird zunehmend klar, dass etwas Wahres weder gedacht noch gesagt, weder gesehen noch erfahren werden kann. Und in dem Maße, in dem diese Klarheit zunimmt, löst sich der Fokus auf die Subjekt-Objekt-Dualität auf. Und letztlich, mit der gänzlichen Auflösung des Fokus, tritt das reine Gewahrsein zutage, die Bewusstheit erwacht aus dem Traum der Existenz.
Briefe und Tagebucheinträge
Im Felde, den 17.3.1940
Mein liebes, gutes Frauchen!
Gestern erhielt ich nun, wie du auch schon einmal, nach langem Warten, drei liebe Briefe auf einmal. Und zwar vom 9,.11. und 14.3. Hab recht herzlichen Dank, du Gute. Du bist ja schon wieder so oft so traurig. Meinst du, das merke ich nicht, wenn ich Deine Briefe lese? Auch Dein Geburtstagsbrief klingt so wehmütig. Ich kann es ja so gut verstehen, geht es mir doch oft genauso wie Dir. Dann wird es wohl auch daran gelegen haben, daß Du bestimmt mit einem Geburtstagsbrief gerechnet hast. Woran das lag, habe ich Dir ja schon mitgeteilt. Daß Dir mein Föhn Freude bereitet hat, erfüllt mich auch mit Freude. Nachts um halb drei Uhr hat sie sich das Paket geholt. Das habe ich gewußt, daß Du es nicht bis zum Aufstehen aushalten würdest. Hast Du ihn vielleicht sogar in der Nacht noch ausprobiert?
Mein lieber Schatz, Dein Vater ist nun auf Helgoland. Das ist bestimmt eine gefahrvolle, aber ebenso interessante Aufgabe. Deine Mutter ist natürlich sehr beunruhigt, das kann ich mir so gut vorstellen. Da heisst es eben auch nur: Kopf hoch, es wird schon alles gut werden. Im übrigen ist Helgoland sehr schwer anzugreifen, es müsste schon sehr schlimm stehen, wenn da etwas passiert.
Meine liebe Charlotte, auch was Du mir von meiner Mutter schreibst, beunruhigt mich etwas. Sie schrieb mir auch, daß sie Schmerzen hat, wenn sie normal isst, daß es aber nicht so schlimm ist, wenn sie weniger zu sich nimmt. Zum Arzt wäre sie auch schon gewesen, aber es war zu voll, da ist sie unverrichteter Sache wieder nach Hause. Du musst ihr nun gut zureden, daß sie unbedingt der Sache auf den Grund geht, ehe es gar zu spät und noch schlimmer geworden ist. Daß Euer gegenseitiges Verhältnis nun endgültig besser geworden ist, ist auch einer meiner Herzenswünsche.
Mein liebstes, bestes Mädel, daß Du mir auf keinen Fall Geld schickst. Erstens komme ich sehr gut aus und zweitens, was wäre das für eine Sache, wenn ich mir mein Geschenk bezahlen lassen würde. Du bist doch auch meiner Ansicht, nicht wahr? Jetzt habe ich ja auch fast gar keine Gelegenheit mehr, Geld auszugeben. Hier gibt es kein Kino, kein Bier, noch nicht einmal Kuchen beim Bäcker. Bist Du mir beruhigt. (Ich will nämlich jetzt zwecks Kinderwagen sparen.)
Daß Du, mein Lieb, gesundheitlich so gut in Schuß bist, ist mir eine reine Freude. Ich sehe Dich auch immer sitzen, und die Sachen für unser Kind nähen und stricken. So oft packt mich jetzt ein so ungestümes Verlangen, Dich in meine Arme zu schließen und Dein liebes Gesicht zu küssen und mir immer wieder zu küssen. Wann kommt endlich das große Glück zu uns, daß durch einen ewigen Frieden bedingt, uns für immer vereint? Meine liebste Charlotte, recht, recht herzliche Sonntagsgrüsse u. tausend liebe Küsse. Immer Dein Hans
Bad Pyrmont, den 26.11.40
Meine liebe, liebe Charlotte!
Hab recht herzlichen Dank für deinen lieben Brief vom 23.10. Sogar 2 volle Bögen, alle Achtung. Mein Schatz hat wieder recht frohe Laune, das merke ich am Briefe und das freut mich sehr. Wäre ja gelacht, wenn wir uns unterkriegen lassen würden, nicht wahr? Hast du denn nun heute immer noch Sorge wegen Hans-Peter? Ich will einmal sehen, was mir Dein nächster Brief mitteilt. Wie gerne wäre ich schon heute auf Urlaub gefahren, aber es war ganz ausgeschlossen. Und weißt Du, was heute reingekommen ist? Es soll Sonntagsurlaub nur für Entfernungen bis 50 km. geben. Nur bei ernsten u. wichtigen Angelegenheiten auch weiter. Na, ich werde unserem Spiess schon klarmachen, wie wichtig meine Angelegenheit ist. Jedenfalls reiche ich am Montag Urlaub ein.
Verspürst Du jetzt Linderung nach der Schulterspritze? Es wäre doch wunderbar, wenn es doch noch wegzubringen wäre. Wie fühlst Du Dich sonst, mein kleiner Schatz? Jetzt musst Du sicher schon tüchtig heizen. Sind die Kartoffeln schon gekommen u. reichen Deine Kisten? Ich bestätige Dir: die gewaschene Hose und das dicke Hemd, welche sauber sind, brauchst Du mir vorläufig nicht zu schicken, ich möchte mir dieselben doch gern selbst Sonntags abholen u. Dich auch gleichzeitig verrollen, weil Du so frech bist. – Sag mal, Du gibst unserer Ingrid Schokolade? Na sag mal, weißt Du denn gar nicht, daß sie dazu noch viel zu klein ist. Du darfst ihr doch noch keine Schokolade geben. (Du willst mir wohl meine letzten Chancen bei meiner Tochter auch noch nehmen?)
Ich danke auch für die Grüsse von Ilse, grüsse sie lieb von mir wieder. Was macht denn jetzt der kleine Klaus, macht er sich auch so raus wie unsere kleine Ingrid? Jedenfalls blamiert sie heute schon ihre Mutter beim Kaufmann. Na, das kann ja heiter werden später. Wir waren heute Baden beim Kurhaus. Du, das sage ich Dir, das war eine richtige Wonne. Es ist dort fabelhaft eingerichtet. So etwas habe ich noch nicht gesehen. Alles Fliesen u. Marmor. Jedes Bad ist so gross wie eine Wohnstube. Es sind Doppelwannen, die eine für Moorbad, die andere für andere Heilbäder. Wir haben alle ein Kohlensäurebad bekommen. (Das Wasser ist hier sehr eisenhaltig u. sehr berühmt, die Leute machen hier ja auch Trinkkuren.) Wenn Du dann aus der Wanne steigst, trittst Du nicht etwa auf kalte Fliesen, sondern auf schöne weiche Teppiche. (Da staunst Du, was?) Das Schönste ist, daß wir keinen Pfennig dafür bezahlen brauchen. Dafür ist hier aber sonst ein teures Pflaster. Für ein Glas Bier bezahlen wir hier 40 rpf. Der Soldat ist hier schon öfters darauf angewiesen, des Abends in die Bierstube zu gehen, denn im nüchternen Hotelzimmer kann man auch nicht Abend für Abend sitzen. Darum kann ich Dir heute auch noch nicht die 5,- beilegen, hoffentlich kommst Du deswegen nicht in Schwierigkeiten. In der nächsten Woche bringe ich Dir das Geld dann mit. Mein lieber Schatz, denkt Ihr Beide morgen am Sonntag auch so viel an mich wie ich an Euch! Es könnte so schön sein, wenn ich bei Euch wäre. Für heute recht herzliche Grüsse u. Küsse,
Dein Hans
O.U., 6.4.1941
Du mein liebes, liebes Frauchen!
Heute kann ich es Dir ja schreiben, daß ich Dich an diesem Sonntag wieder überraschen wollte u. daß es nun doch nicht geklappt hat. Denn es ist jetzt strenger Befehl, daß Sonntagsurlauber nicht weiter als 50 km. die Eisenbahn benutzen dürfen. Also aus, aus der schöne Traum. Und da wir nun gerade vom Urlaub sprechen, will u. muss ich Dir auch gleich mitteilen, daß es auch Ostern mit dem Urlaub bestimmt nichts wird. Und zwar heisst es im Befehl: Urlaub kann gewährt werden, u. zwar vom Freitag bis 2. Feiertag, wenn der Urlauber ohne öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen zum Urlaubsort gelangen kann. Also vollständig aussichtslos für fast alle von uns. Nur einige die hier in der Nähe wohnen und mit dem Rad fahren können, haben das grosse Glück.
Ja, mein Liebling, das ist bitter. Es wäre doch so schön geworden und nun musst Du das zweite Ostern allein verleben. Das heisst, so allein wie im vorigen Jahr bist Du ja diesmal nicht, denn Du hast ja unseren kleinen Liebling. Ist das nicht ein schöner Trost? Und dann wird doch auch Euer Vati immer recht lieb an Euch denken u. in Gedanken bei Euch sein. Und auch Ihr denkt recht lieb an mich, damit es mir nicht ganz so schwer fällt. Sicher wird dann auch Deine Mutter kommen, denn sie ist doch jetzt auch allein. Vielleicht triffst Du Dich auch mit Gretel oder mit Ilse, den beiden wird es ja auch nicht besser gehen als Dir.
Und nun mein lieber Schatz muss ich Dir erst einmal wieder für Dein Kuchenpaket, welches ich gestern erhielt, recht herzlich danken. Geschmeckt hat er wieder ganz prima, das kannst Du schon daran sehen, daß er schon wieder alle ist. Toll, was? Deinen lieben Brief vom 3.4. (6.) bekam ich heute. Es war mir ein lieber Sonntagsgruss, hab herzlichen Dank.
Siehst Du, Du glaubst immer noch, daß ich Ostern komme u. diesmal wirst Du ganz bestimmt nicht recht behalten, das tut mir richtig weh. Wie ist denn bei Euch jetzt das Wetter? Könnt Ihr wieder richtig spazieren fahren oder müsst Ihr auch immer noch die Nähe des Ofens suchen? Es ist doch noch mächtig kalt. Kann unser Kindchen schon wieder neue
Kunststücke? Sie wird ja ihren Vati später überraschen.
Heute schicke ich ein kleines Zigarrenpäckchen nach Ochtmarsleben. Ob sich Dein Onkel darüber freuen wird? Auch an G. Herrenstein habe ich heute geantwortet u. ein Dutzend
Osterkarten geschrieben. So habe ich den Sonntagnachmittag klein gekriegt. Morgen früh haben wir grosse Übung u. schon um 4 Uhr wecken. Wir legen uns jetzt mächtig ins Zeug. Mein neuer Schatz, heute haben wir nun einen neuen Kriegsschauplatz. Unsere Truppen sind in Jugoslawien einmarschiert. Wie schön wäre es gewesen, wenn Jugoslawien vernünftig wär. So haben sie sich auch von dem Engländer einspannen lassen u. kriegen die harte Gewalt des Krieges am eigenen Leib zu spüren.
Der Engländer wird jetzt auch dort, sowie in Griechenland schwere Niederlagen einstecken müssen. Es wird ihm nicht anders gehen wie damals in Dünkirchen. Wir wollen nur hoffen, daß unsere Verluste nicht zu gross werden, denn harte Kämpfe wird es bestimmt geben. In Afrika bahnt sich auch Erfolg an Erfolg. Wichtige ital. Stellungen konnten zurückerobert werden. Ziel unserer Truppen wird es sein, den Engländer vom Suez-Kanal zurückzudrängen. Stell Dir vor, unsere Truppen kommen später durch die Türkei u. stossen nach Syrien vor, dann haben sie den Engländer in der Zange. So oder ähnlich wird es kommen, was wissen wir schon, was unsere Kriegsführung noch vorhat.
Von unserem Fortkommen ist noch nichts bekannt. Vor Ostern wird es wohl nichts mehr werden. Wir wissen aber aus Erfahrung, daß es ganz plötzlich kommt. Und nun mein lieber Schatz u. Du mein liebes Töchterchen, muss sich Euer Vati wieder von Euch verabschieden. Er drückt Euch ganz lieb u. fest an sein Herz u. küsst euch lieb u. innig. Tausend sehnsuchtsvolle Grüsse sendet Euch Euer Hansemann
Kapstadt, Januar 2001
Lass dich nirgendwo hinlocken!
Du wirst keinen besseren Ort finden.
Hoffe nicht auf die Zukunft!
Es wird keine besseren Zeiten geben.
Du hörst den Autolärm und willst am Meer sein. Also fährst du zum Meer. Und? Nichts ist anders. Gar nichts. So ist es immer. Mit allem, was du willst.
Wollen heißt fliehen wollen, entkommen wollen.
Aber du entkommst nicht. Auch nicht, wenn du nicht mehr willst. Denn da werden andere sein, deren Wille, noch ungebrochen, stärker ist als der deine. Wenn du nicht mehr willst, wirst du zum Sklaven fremder Willen. Wenn du das nicht willst, willst du wieder, willst du wieder entfliehen, willst du wieder entkommen. Aber du entkommst nicht…
Gigilos, Kreta, Oktober 2001
Was ist bloß los, warum bloß trügt alle Hoffnung? Was suche ich bloß, ich weiß es nicht. Ich glaubte es immer zu wissen, aber jetzt? Jetzt weiß ich es nicht mehr, begreife mein rastloses Wesen nicht mehr. Ist es die Rastlosigkeit, die mich so unglücklich macht? Aber wie kann man denn Ruhe finden im Bewusstsein der Vergänglichkeit allen Seins? Wie kann ein Glück ein Glück sein, wenn es weiß, dass es sterben muss?
Zartrosa verabschiedet sich der Tag. Es ist heute vollkommen windstill. Die wenigen Wolken am Himmel bewegen sich keinen Zentimeter. Es sind die Fliegen, die den Ton angeben und natürlich die Schafe und Ziegen mit den Glocken um den Hals. Derweil ich dies schreibe, muss ich weinen, warum weiß ich nicht. Der Schmerz kommt und geht, wie es ihm passt. Meist ist das abends, wenn ein Tag sich dem Ende neigt. Der Sinn seiner Besuche bleibt mir verborgen. Jetzt sticht er wieder zu, es bohrt und zerrt an mir, und ich schluchze bitterlich wie ein kleines Kind. Dann ist wieder Ruhe, ich atme tief durch und werde wieder der Stille gewahr und der zarten Farben am Firmament. Ich genieße den Anblick, fühle mich gut, unbeschwert offensichtlich auch, denn aus reinem Vergnügen beginne ich, in der Nase zu bohren. Es ist, als hätte ich meine Schuldigkeit getan. Die Nacht wird die Hölle sein.
Cartagena, Februar 2003
"La carta, por favor." Ich warte 5 Minuten, dann gibt’s Pommes. Zurück in Lateinamerika, aber nicht glücklich.
Düsseldorf, März 2003
Allein in Düsseldorf. Allein wie noch nie. Schreckliche Tage in diesem Bewusstsein. Vielleicht die schrecklichsten, weil hoffnungslosesten Tage meines Lebens. Entschluss zum Selbstmord, in diesem Sommer. Mein Weg ist hier zu Ende. Ich glaube, ich habe meine Lektionen gelernt.
Bangkok, Oktober 2003
Alles Leben ist Wandel, unbegreifliche Unstetigkeit der Form, beängstigende Bodenlosigkeit im Chaos, außen wie innen. Nicht nachvollziehbar, nicht verstehbar. Nicht anders lebbar als mit zuckenden Achseln. Jedweder vermeintliche Faden erweist sich als untrügliches Zeichen von Wahn. Erfahren, daß Gedanken und Gefühle inhaltlich nicht ernstgenommen werden können, ewiger Wandel auch hier, an Meinungen, an Wertungen, an guten und schlechten Gefühlen, an Erkenntnissen. Mit dieser Erfahrung leben lernen, mit dieser niederschmetternden Erfahrung, und Sein neu gewichten.
Köln, Juni 2005
Die Zeichen stehen gut. Jetzt Arzt, Dr.med. in Sicht, Perspektive, mit Schreiben mein Geld zu verdienen, wieder nach Asien zu gehen. Zudem ist der Sommer da. Wunderbare Frauen, wobei zwei sich verabschiedet haben dieses Wochenende. Was soll's! Nichts ist jemals zu Ende. Ich bin stabiler geworden, unabhängiger. Keine Ahnung, warum. Alleinbleiben ist vorstellbar. Schreiben tut gut, es relativiert, bringt Licht, bringt Humor in mein Leben, in alles Gewesene und alles, was ist. Saufen tut gut wie eh und je. Kiffen tut gut. Freunde tun gut. Irgendwie ist alles leichter, seit ich mich ergeben habe. Ich geb's ungern zu, aber mir geht's gut! Ich glaube sogar, ich bin glücklich…
Köln, Juli 2005
Durchgekifft und gesoffen über Monate. Böses Erwachen aus dem Dauerrausch. Das Blatt hat sich langsam aber sicher gewendet zum Desaster auf allen Ebenen. Die Hoffnung, daß alles gut werde, wenn nur das eigene Anliegen kein schlechtes sei, erwies sich als kitschig. Die fällige Miete wird nicht abgebucht werden können, geschäftliche Unterfangen beweisen einzig die eigene Naivität und Unzulänglichkeit. Schreiben erscheint wieder lächerlich. Trennung von Caro, der Frau, die bleiben wollte. Isolation wie eh und je, ein deutliches Gefühl von Überflüssigkeit, deutlicher Todeswunsch.
Sumatra, Oktober 2005
Alles grünt, alles blüht und wächst in seinen Tod hinein. Toga, 1000m über MM, der See glitzert im Morgendunst. Die Vögel zwitschern fremdartige Lieder, und nur das Krähen der Hähne klingt vertraut. Ringsum Berge, Vulkane, Wolken, die sich auf die Gipfel legen.
Sehnsucht nach Caro, die neben mir sitzt. Kühl ist der Morgen, kühl und rau wie die Einsamkeit, die alles Sein durchdringt. Die Konturen des gegenseitigen Ufers, klar und nüchtern wie der Blick, der sie umfängt, und der sich doch immer zu verlieren droht in der betörenden Pracht der unendlichen Farb- und Formspiele des Diesseitigen, Undurchdringlichen, Unergründlichen, Unerschöpflichen. Die Sonne steigt, bricht die Wolken, wärmt die Glieder. Erste Dampfer durchkreuzen den See, erste Menschenstimmen erheben sich, erste Blautöne durchschimmern wogende Palmblätter. Eine dunkelgraue Wolkenfront verhängt derweil die nördliche Steilküste. Niemand weiß, was der Tag bescheren wird.
Ubud, Februar 2007
Bali am Morgen, zartblauer Himmel, noch verdeckt keine Wolke den Blick auf die Vulkane ringsum, ansonsten grün, grün, grün, soweit das Auge reicht, nur hier und da ragt ein Spitzdach heraus, umringt von Kokospalmen. Alles lebt, alles singt und begrüßt den Tag. Gesehen, aber nicht empfunden. Schnell noch einen Keks reingestopft. Gleich wieder das Unbehagen. Bali, die Insel der Götter. Der Boy bringt das Frühstück. Viele Vögel unterwegs. Ein Bauer auf dem Reisfeld. "Ricefield view", das kostet im Übrigen extra. Die Keksreste mit der Zunge aus den Zahntaschen puhlen, mit schwarzem Kaffee runterspülen. Den Tag vorausplanen, die Möglichkeiten sondieren. Hier und da Rohbauten, zwei- und dreistöckig, längst verrußter Beton, alles gewagt und verloren. Noch ein Keks, auf die Zunge gelegt. Ananas und Melone, ich hab's dem Boy schon gesagt, kann ich nicht essen, bekommt meinem
Magen nicht. Draußen passiert weiter nichts. Eine erste Wolke am Vulkangipfel. Rückenschmerzen vom krummen Sitzen. Gang zum zweiten Balkon. Hundegebell. Augen zusammenkneifen in der prallen Sonne. Um die Ecke lugen. Der Amerikaner sitzt da, schnell zurück ins Zimmer. Blick in den Spiegel – ich bin schon braun geworden. Stillleben auf dem Schreibtisch: eine fast leere Brandyflasche, verdammte Sauferei, aber ohne geht's nicht, Aschenbecher, weiße Keramik, Sonnenbrille (Ray Ban-Imitat), ein Taschenbuch, 'Frau Satoris' von Elke Schmitter, die leere Kekspackung, das Kaffeeglas. Die Frau des Amerikaners auf dem Nebenbalkon. Wenn ich am Schreibtisch sitze, sieht sie mich nicht. Zigarette anzünden geht nicht geräuschlos, also lasse ich es. Plötzlich Grillenkonzert, aber keine zehn Sekunden. Leichte Brise, die Gardinenzipfel baumeln. Die verdammten Mopeds!
Ein weißer Vogel mit gelbem Schnabel fliegt zum 2ten Mal vorbei. Verwechslung möglich.
Meine Fingernägel: in Ordnung, bis auf den schwarzen Rand unterm rechten Daumen. "So nice…." Mit wem redet sie bloß? Ah, der Sohn. Ein Schluck Kaffee, Glas geräuschlos wieder abgestellt. Heute ist Samstag. In 13 Tagen läuft das Visum ab. Wohin dann? Kein Popel in der Nase, leider. Kindergeschrei von der Schule her. Saftig grün alles. Gelbe Kokosnüsse. Reif oder unreif? der Reisarbeiter jetzt mit Strohhut. Die Melone ist gar keine Melone, sondern Papaya. Wozu die Heimlichtuerei? Egal, bleibe still sitzen, Rückenschmerzen hin oder her. Wieder die Grillen, wieder nur kurz. Ab jetzt offenbar nur noch Wiederholungen. Die Grillen, schon wieder, wie zum Beweis. Und wieder! Immense Traurigkeit, zurück ins Bett. Urlaub. Woher stammt dieses Wort? Wieso Ur? Wieso laub? Ob Wayan wartet? Heute Nacht im Traum: "Please don't free any birds, they die out there." Ob nach mir gefahndet wird?
Ort unbekannt, April 2007
Ich mag Abschiede, so wie ich das Meer mag in der Dämmerung, wenn die Farben verblassen, sanfter werden, tiefer, stiller. Eine Traurigkeit liegt darin und eine immense Schönheit. Nichts glänzt, nichts glitzert mehr, nichts mahnt mehr zum Aufbruch – und doch trägt alles diesen Glanz, dieses Glitzern in sich, als Gewesenes, das wirkt.
Ort unbekannt, Mai 2007
Immense Verzweiflung. Noch größer die Wut, auf Gott, der den Schatten so groß gemacht hat wie das Licht, auf das Leben, das so qualvoll ist noch immer, auf die Menschen, die meine Schreie nicht hören. Zerstörungswut. Dämonisches Potential. Archaische Lust, mit allem und allen zu brechen. Zu bestrafen, zu zerstören. Mich, die Mitmenschen, Gott, die höheren Welten, das Leben, den Tod, den ewigen Kreislauf. Alles beschmutzt, im Geiste vernichtet.
Entsprechend allein, in der Wüste, in kalter Nacht.
Ort unbekannt, Juni 2007
Kredite ausgeschöpft, pleite, keine Krankenkasse, Zahnschmerzen, zum Äußersten bereit.
Allein auf den Spuren des Unbewussten, des Überbewussten. Durst nach Ganzheit, nach Wahrheit, nach Integrität, nach Transformation. Ganz abgeschieden vom Außen, hier im Innern suche, hier finde ich.
Viel Schlaf, viel Trance, viel Raum für das Unbewusste, das tief Vergrabene, vergessen, vergangen Geglaubte, alle Zeit zur Heilung des Heillosen, zur Ganzwerdung des Gespaltenen, Gebrochenen.
Der Gegenwart fliehend mittels der Hoffnung auf ein heileres, ganzeres Morgen, mittels der Schmerzlosigkeit besoffener Trance, Gedankenverlorenheit, Weltlosigkeit. Jeder Schluck, jeder Zug, jeder Gedanke ein Rausch wider die Wirklichkeit. Und wie die Erinnerung, so zerstört auch die Hoffnung das Leben, umso mehr, je heimlicher es hofft.
Ort unbekannt, September 2007
Ich bin nichts, ich weiß nichts und hoffe blind. Zeiten der Angst, das Herz sei nicht wiederbelebbar. Meine Lieblosigkeit und ihr Spiegel, die Bedürftigkeit, tiefe Wirklichkeit. Die ewig kritische Stimme peitscht mich voran, kreiert Welten der Angst, an deren Grunde ich den Spiegel meiner Unwürdigkeit erblicke. Nie genügt Vollbrachtes, nie genügt das Sein, nie genüge ich dem Leben. Meine Wertlosigkeit, meine Herrlichkeit, mein Ego, meine Angst, nichts zu sein. Meine Angst vor der letzten Wirklichkeit.
Unzählige Tode sind zu sterben, manche einmal, andere hundert-, tausendfach, und ständig neu erklingt und lockt der Ruf der Welt, erschafft das Ich den nächsten Wunsch, gebiert der nächste Augenblick ein neues Sterben, das als Preis gezahlt sein will für die Wonne jener andern Art zu sein.
Ort unbekannt, Oktober 2007
Das Geld reicht nur noch 3 Tage, die Angst, der Rückenschmerz, das Gefühl der Erniedrigung, der Unfähigkeit. Selbstzweifel, Selbstanklagen. Dabei im Grunde gewiss, daß dies hier mein Weg ist, zutiefst bereit, die Konsequenzen zu tragen. Warum, wieso, woher, wohin, ich weiß es nicht. Von außen nur Gegenwind! Es scheint der richtige Weg zu sein.
Ort unbekannt, November 2007
Wo Dualität herrscht, herrscht Gewalt, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.
Das Leid, das wir nicht tragen wollen, fügen wir andern zu.
Getötet, bis nichts mehr zu töten, zerstört, bis alles zerstört war und das Unzerstörbare zutage trat.
Keine Hektik, keine Kompromisse, kein anderes Bier.
Iquitos, Oktober 2010
Oh, Schamane, die Weisheit aus ältesten Zeiten schenkst du mir, auf dass ich den künstlichen Boden verlier, führst mich dorthin zurück, wo die Reise begann, hin zur Quelle des Seins, die im Zuge der Schöpfung an Höhe gewann, als ersten Keim in dunkle Erde säst du mich, als ersten Stein, als ersten Geist manifestierten Seins.
Oh, Ayahuasca, du Mutter aller Schlangen, du wildes Abbild meiner selbst: Deine Macht, sie ist nun mein. In deinem Geiste will ich sie verwenden. Auf deine Weise will ich sie verschenken.
Oh, ihr Sänger unserer Mutter Lieder, ich danke euch, dass ihr den Schatz bewahrt und mit uns teilt. Eure Töne sind nun meine Glieder. Euer Anfang ist es, der in meinem Ende weilt
Kairo, November 2011
Im Innersten verraten, gedemütigt in jeder Faser meines Wesens, und es bleibt nichts als Warten auf die Zeichen eines neuen Lebens, Gott ist tot und mit ihm jede Pflicht gestorben, leer sind die Räume, die ich träume, vertrocknet, vernarbt und erstickt, lichtloses Licht, das keinem Himmel, keiner Erde mehr obliegt und keiner Seele mehr verwandt, endgültig entliebt, endgültig besiegt.
Hagen, Dezember 2012
Allein und verbunden. lieblos und liebevoll, geliebt und ungeliebt, begehrt und ungewollt. vernünftig und wahnsinnig, ins Leben, in den Tod verliebt, dem Leben, dem Tod entliebt. Neugierig, offen, kindlich verspielt, überdrüssig, altersmüde, dem Vielen, der Spiele müde, versagt, verloren, verlebt, erklommen, gewonnen, zu Ende gewebt.
Hatte ich je die Wahl? Haben wir je die Wahl? Vielleicht ja, sagt die Angst, wahrscheinlich sogar. Welche Bürde! Im Denken nur entsteht die Wahl, die Freiheit, die Bürde. Ohne Denken gibt es keine Wahl. Ohne Denken ist nur Sein. Nur seiendes Tun. Kein Blick zurück, keine Klage, keine Schuld, keine Reue, keine Wehmut, keine Sehnsucht, kein richtiger, kein falscher Schritt. kein Vergleich, kein Widerstand gegen ein Sein als Alleinsein, kein Widerstand gegen ein Sein im Miteinander, nichts gegen die Freude, nichts gegen den Schmerz: einverstanden sein.
Vertrauen: Augenblick um Augenblick aus dem Körper, aus der Mitte, aus der Tiefe heraus leben. Aus der Ahnungslosigkeit, aus der richterlosen Ahnungslosigkeit heraus. aus dem erfahrenen Wissen heraus, dass nichts Substanz hat.
Nur was tot ist, ist vom Leiden befreit. Nur was jenseits von Körper und Ego und Seele steht, ist ohne Leid.
Was ist der nächste Schritt? Nur das Formgewordene, nur das Vereinzelte kennt Schritte. Das, was Körper, Ego, Seele, Gedanken, Gefühle bezeugt, hat niemals einen Schritt getan. Daher ist der nächste Schritt vor allem dies: irreal.
Isla del Sol, März 2013
Die Mythen sagen, die Schöpfung der Welt habe hier begonnen, Erde und Wasser, Sonne und
Mond, Raum und Zeit hätten hier ihren Anfang genommen, und diese Insel inmitten des Lago Titicaca, sie sei der Leib des Schöpfergottes. Die Natur ist hier noch unversehrt, soviel steht fest. Die Vögel zwitschern, die Blumen blühen, ringsum der See, in der Ferne die Gletscher, auf Augenhöhe, genau wie die Wolken, die immer neue Formen bilden, immer neue Geschichten erzählen. Man lebt gewissermaßen im Himmel. Haben wir vergessen, was Schönheit ist?
Die Wahrheit, sie vernichtet alle Götzen, einschließlich ihrer selbst. Wer die Wahrheit sucht, der findet nur Lügen. Dass der Mensch gut sei oder werden soll, ist eine Lüge. Dass das Leben gut sei oder werden soll, ist eine Lüge. Dass Gott gut sei, ist die größte aller Lügen. Schönheit und Hässlichkeit, Gut und Böse, Tag und Nacht, Leben und Tod, Gott und Teufel bedingen einander. Es sind bloß Namen, die wir den Gegensätzen geben, die wir im Seinsvollzug erfahren. Die Frage, wer zuerst da war, Gott oder der Mensch, entspricht der Frage nach der Henne und dem Ei. Und sie ist ebenso belanglos. Gott, Mensch, Henne und Ei sind götzende Götzen vergötzender Götzen. Was das heißt, weiß ich selber nicht. Aber es klingt gut.
Wahrheit ist nicht expansiv, sondern reduktiv. Nicht mehr Wissen, sondern gar keines mehr. Der Wunsch nach Wissen setzt die falsche Annahme voraus, dass ein Wissender und zu Wissendes existierte. Die letzte Wissenschaft ist die Unwissenschaft. Nicht höhere Erfahrung (Samadhi, göttliche Einheit etc.) ist der Weisheit letzter Schluss, sondern Gleichgültigkeit gegenüber jeder Erfahrung. Denn das Dasein, das wir Leben nennen, ist ewiger Wandel des Ewiggleichen. Ohne Glück kein Unglück, ohne Böse kein Gut, ohne Tag keine Nacht, ohne Leben kein Tod, ohne Teufel kein Gott. Jede Erfahrung hat Anfang und Ende. Und eben deshalb kann die Wahrheit nicht erfahren werden. Nicht Projektion (Ich bin gut, die Welt ist schlecht; oder: Gott ist gut und ich bin schlecht; oder: Verdammt, warum liebst du mich nicht?), nicht Identifikation (Ich bin die Welt; ich bin Gott; ich bin du), sondern nichtprojektives und nicht-identifiziertes Gewahrsein. Projektion und Identifikation setzen die falsche Annahme voraus, dass ein Ich im Zentrum des Gewahrseins existierte.
Viel wurde spekuliert über 2012, das vermeintliche Ende der Welt, den vermeintlichen Bewusstseinssprung. Wie sähe er aus, der menschliche Bewusstseinssprung? Es wäre das Ende der Suche in der Welt der Gegensätze. Es wäre das Ende der Suche in der Welt der Erfahrungen. Es wäre das Ende aller Fragen. Es wäre der ewige Anfang, die lebendige, wissenslose und gewissenslose Antwort auf die Frage: Wer oder was bin ich, und wer oder was bist du?
Hier im Himmel bist du gezwungen, tief zu atmen, Tag und Nacht. Außen ist majestätische Schönheit, stiller Friede, harmonisches Spiel der Naturgewalten. Aller Unfriede, jede Zwietracht, jeder Konflikt, alle Neurose erzeugst du selbst. Das ist die segnende Lehre der langen Tage und Nächte hier. Sie machen dein rastloses, friedloses Wesen sichtbar, wieder und wieder. Winde sind es, Wolkenschwaden sind es, kalte und heiße Schauer sind es, die kommen und gehen, und einen Moment lang stockt dir der Atem und du lechzt nach Luft – bis du die Schauer und Wolken und Winde ziehen lässt, bis du zurück in deine Tiefe atmest, bis du deinen Rhythmus wiederfindest und dich erinnerst, wer du nicht bist.
Die Wolken spiegeln sich im Wasser, das silbern glänzt im Morgendunst. Die Nacht war still und wunderbar, nichts regte sich, kein Wunsch und kein Wille, keine Frage, keine Antwort. Und auch der Morgen fragt nicht, du bist hellwach, und doch träumst du, und doch bist du ganz im Schlaf versunken.
Köln, Juni 2013
Das ganze Bild wird langsam sichtbar: Muster über Muster über Muster. Es gibt nichts und niemanden, der oder das sich außerhalb von Mustern bewegt – bis auf das reine Sein, das allem und allen zugrunde liegt, das sich gar nicht bewegt.
Dein Denken hier folgt dem Muster des Aufdeckens von Mustern. Es ist dein bevorzugtes Muster. Es ist das Muster, dem auch alle Wissenschaft folgt, jedoch ohne zu erkennen, dass es selbst nur ein Muster ist. Und ohne ihre Subjektivität zu erkennen, ohne ihre Grundlagen in Frage zu stellen, ihren Glauben an Subjekt und Objekt, Raum und Zeit.
Oxymoron: Muster erkennen ist auch ein Muster. Oxymoron: Mensch
Wer hat diese scheiß Dualität erfunden?
Du Penner hast sie selbst erfunden, indem du Ich und Du erfunden hast in deinem Bewusstsein. Also beschwer dich nicht. Die dritte Tür, sie steht jederzeit offen, also spiel bitte nicht das Opfer. Die Zeit der Opfer ist vorbei. Ebenso die Zeit der Märtyrer, den von der bösen Welt ans Kreuz genagelten. Ebenso die Zeit der Asketen, den der bösen Welt entfliehenden. Also friss dein Lammdöner und genieß es, aber beschwer dich nicht, wenn du das Leiden des Lämmleins mitfrisst. Bums die Alte und sag ja zu dem Schmerz, der von ihr zu dir überfließt. Sag ja zu jedem Vergnügen. sag ja zu jedem Schmerz – weine und trinke und labe dich an der Wonne einer jeden Träne. Oder bleib still, in Frieden, leer und frei, im Niemandsland jenseits der dritten Tür. Und halt bitte endlich die Fresse.
Nichts existiert außerhalb des Bewusstseins. Alles ist Bewusstsein. Das ist schwer zu verstehen, derweil du dein Dasein als Häftling auf dem Gefängnisplaneten fristest. Gefängnisplanet: So wird Mutter Erde überall im Kosmos genannt. Aus diesem Grunde wird mit höchstem Respekt angesehen, wer auf der Erde zu inkarnieren wählt. Es ist die härteste aller Schulen. Wir alle unterschätzen diese Tatsache, wenn wir herzukommen wählen. Die Illusion der Trennung kann dich als Mensch komplett aus der Bahn werfen. Sogar Engel fallen hier. Sogar Meister aus den höchsten Sphären können sich hier hoffnungslos verlaufen. Erfahrungen von Schmerz, Einsamkeit, Verlust und Mangel sind Erfahrungen mit einer solchen Schwerkraft, dass es schier unmöglich ist, zu widerstehen. Deine heroische Mission, Licht und Freiheit auf den Gefängnisplaneten zu bringen, vergisst sich allmählich angesichts der unentrinnbaren Dunkelheit deines vergitterten Alptraumes. Und nicht nur dir geht es so: Allen Fortschritts zum Trotz ist der Mensch noch immer ein krankes Chaos. Und dieses kranke Chaos Mensch tyrannisiert alle anderen Lebensformen. Das Leben auf Erden, es ist noch immer ein Alptraum für die meisten Wesen.
Wir leben in schnellen Zeiten. Die Erde dreht sich schneller und schneller. Beschleunigung ist ein kollektives Muster unserer Zeit. Alle Bewegung ist Bewegung zum Leben hin, zum Werden hin, zur Form hin. Der Tod ist der Feind: das Formlose, das Bewegungslose, das Nichts ist der Feind. Und so suchen wir, die Leere zu füllen: den Tod zu eliminieren. Der Mythos, der sich hinter dem Drang zur Beschleunigung verbirgt, ist derselbe, der auch der kollektiven Todesflucht zugrunde liegt: Die Bewegung weg von der Bewegungslosigkeit ist die Bewegung weg vom Nichts, vom Tod. Das menschliche Kollektiv der alten Welt lebt den Mythos, dass Gesundheit und Leben höherwertiger seien als Krankheit und Tod. Es lebt den Mythos, dass die Form höherwertiger sei als das Formlose. Und so rennen wir immer schneller von Ziel zu Ziel dem Nichts davon: um etwas zu sein.
Entsprechend hoch dürfte die Geschwindigkeit deines Lebens sein: Wir sind auf allen Ebenen, in allen Dimensionen zugleich unterwegs. Wir leben unseren persönlichen Multitasking-Marathon – und sind gleichsam mit allen anderen vernetzt. Die Vernetzung ist die äußere Vergewisserung, nicht nichts zu sein: Wir werden als jemand gesehen.
Das ultimative Ziel der ständigen Beschleunigung ist unendliche Geschwindigkeit: Ewigkeit der Form. Ihr Resultat aber ist Burnout. Burnout ist der heimliche Segen der Schnelligkeit. Denn er zwingt uns, still zu werden. Und Stille ist der organische Gegenpol der Bewegung. Verlieren wir uns in der Geschwindigkeit, werden wir krank. Die Welt belohnt uns, doch wir werden krank. Wir rennen dem Kollaps entgegen. So wie das Kollektiv dem Kollaps entgegenrennt. Natürlich wird auch der Kollaps, der Burnout, schnellstmöglich behandelt, damit wir schnellstmöglich wieder normal funktionieren.
Unsere Unfähigkeit, zu entschleunigen, innezuhalten, ist das sicherste Symptom der Todesflucht. Und sie fordert ihren Preis: Je schneller wir uns bewegen, desto weniger Details erkennen wir. Und so sind wir der Welt der Täuschung mit Haut und Haaren ausgesetzt. Gandhi sagte einmal, dass die Größe einer Nation und ihr moralischer Fortschritt anhand der Art und Weise beurteilt werden könne, in der sie ihre Tiere behandelte. Dostojewski hielt die Zustände in den Gefängnissen für das ausschlaggebende Kriterium zur Beurteilung einer Zivilisation. Man könnte auch sagen, dass die Evolution der Menschheit an der Art und Weise gemessen werden kann, in der ein Mensch sich einer Blume nähert. An der Tiefe, in der er berührt wird von einem Grashalm.
Todesflüchtige Beschleunigung, Rationalisierung und Technisierung bedeutet die Entbindung von der Tiefe. Der Mensch wird ein Stamm ohne Wurzeln. Und ohne Wurzeln sterben die Äste und Zweige. Der Teil von uns, der naturgemäß gen Himmel ragt, unsere metaphysische Natur, verdorrt. Sie wird ersetzt von einer Fixierung auf den Stamm.
Dem Stamm, unserem physischen Körper, gilt nunmehr unser Hauptaugenmerk. Krankheit und Tod verkommen zu unseren größten Feinden, das Leben verkommt zu einer Frage von Komfort und Sicherheit. Wenn du diese Tage an Geld kommen willst, führt kein Weg daran vorbei, Dienstleistungen rund um die Stämme der Menschen anzubieten. So einfach und traurig ist es.
Die Wüste der alten Welt ist allumfassend – entsprechend ist unser Durst, unser Hunger allumfassend. Das alte Ich ist Gier, ist unstillbarer Hunger. Nach Essen, Trinken, Ficken,
Schlafen, Unterhaltung, Zärtlichkeit, Wissen, Anerkennung, Liebe, Wärme, Geld, Gesundheit, Macht, Besitz, Ruhe, Unruhe, Stille, Musik, Spiegelung, Aufopferung, Menschen, Alleinsein, Verbundenheit, Trennung, Wasser, Feuer, Erde, Luft, Negativität, Positivität, Problemen, Lösungen, Neuem, Gewesenem, Mehr, Weniger, Größer, Kleiner, etc., etc., etc.
Du willst immer etwas, das gerade nicht ist. 24 Stunden am Tag derselbe Zyklus: Hunger – Stillen des Hungers – neuer Hunger. Dies ist die Dualität Mayas, der Göttin der Täuschung: Willst du Befriedigung erfahren, musst du zunächst hungern. Ohne Hunger keine Befriedigung.
Wo Hunger ist, ist Hunger nach Sicherheit. Die alte Welt ist die Welt des Hungers nach Sicherheit: Es ist die Welt der Versicherungen. Wir sind nicht nur krankenversichert, wir sind auch unfall-, haftpflicht-, bauspar-, renten- und lebensversichert. Festes Einkommen, Eigentum, Besitz und Erspartes sichern uns zusätzlich ab.
Wir sind auch emotional versichert. Nicht nur durch das Treueversprechen unseres Partners auch durch unsere auf lebenslänglich angelegten Beziehungen zu unserer Familie, unseren Freunden, unseren Mitarbeitern und nicht zuletzt zu unserem Gott.
Unsere Religion ist überdies ein Aspekt unserer mentalen Versicherung. Die Religion des westlichen Menschen ist die Wissenschaft. Entsprechend haben wir ein vernunftgeprägtes, festgefügtes Selbst- und Weltbild.
Der Wissenschaftsglaube deckt zunehmend das Bedürfnis nicht nur nach mentaler, sondern auch nach spiritueller Versicherung ab: Die Wissenschaft erklärt die Schöpfung, sie lüftet das große Geheimnis, sie offenbart die objektive Wahrheit. Anderenorts muss noch die Autorität eines Gottes, Papstes, Priesters, Gurus oder Meisters herhalten. Die spirituelle Versicherung läuft dann etwas anders ab: Das religiöse/spirituelle Ego kreiert den Wahn der ewigen Befriedigung der irdischen Gelüste: die Belohnung der Gläubigen, den Traum vom Paradies. Oder aber es kreiert den Wahn der Erleuchtung: die Buddhaschaft als Symbol für die ewige Glückseligkeit. Die spirituelle Versicherung des modernen Menschen hingegen wird über den Verstand verwaltet: Der Mensch glaubt nicht mehr blind – er glaubt, was er sieht, er glaubt, was er weiß, oder besser: was er zu wissen glaubt. Rationalität wird heutzutage gelehrt, gefördert und belohnt. Die Welt der Versicherungen hängt unmittelbar damit zusammen. Denn das Zentrum des rationalen Seins ist die Angst: Sicherheit ist drohende Unsicherheit, Gesundheit ist drohende Krankheit, Friede ist drohender Krieg, Leben ist drohender Tod:
Rundum die Existenz klafft der Abgrund der Nichtexistenz.
Der rationale Mensch ist ein Gigant der Individuation. Individuation ist Selbstreflexion als getrennte Wesenheit: Hier bin ich, und dort bist du. Selbstreflexion dieser Art also ist bewusstes Erfahren seiner selbst als Individuum, als eigenständige, wenn auch in die Welt eingebundene Persönlichkeit. Die Welt spiegelt dir deine Individualität: du hast dein unverwechselbares Gesicht, du hast deinen eigenen Namen, dein Geburtsdatum, deinen Geburtsort, alles dokumentiert in deinem Personalausweis, den du immer dabei haben musst. Hinzu kommt deine Lebensgeschichte, die Entwicklungsgeschichte deiner Persönlichkeit sozusagen, familiär, sozial, örtlich, beruflich – deine ganz persönliche Biografie. Du hast deine eigenen Lieblingsfilme, deinen eigenen Kleidungsstil, dein eigenes Konto und vielleicht sogar deine eigene Wohnung. Schon deine Eltern haben dir deine Besonderheit gespiegelt. Mit der Pubertät bist du aus dieser Rolle hinausgewachsen – und deine eigenen Wege gegangen. Mit der Zeit wurde klarer, was du willst und was du nicht willst im Leben. So wurdest du, wer du heute bist, samt deiner Lebensgeschichte, samt deinen Lebensplänen. Deine Freunde kennen dich vielleicht am besten – und wissen dich in deiner Einzigartigkeit und Integrität zu würdigen.
Die Integrität der alten Welt ist dies: ein stabiles, bewusstes oder konditioniertes Gedankenkonstrukt, das ein verlässliches Selbst- und Weltbild hervorruft. Ein integrer Mensch ist also verlässlich in seinen Meinungen und Emotionen, in seinen ethischen, ästhetischen und existentiellen Grundsätzen, in seinen Beziehungsmustern, in seinen Aktionen und Reaktionen. Kurzum, ein integrer Mensch bietet Solidität: Sicherheit.
Der Mensch der alten Welt hört normalerweise im Alter von 15 oder 16 Jahren auf, zu reifen: Er nimmt die Informationen, die sie bis dato gesammelt hat, und strickt sich daraus die Identität, die ihm am besten zu liegen scheint. Und dabei bleibt er dann. Er stellt die Suche ein, er schließt die Türen.
Je nach zugrundeliegendem Gedankenkonstrukt erscheint der integre Mensch in diesem oder jenem Licht – denn integer ist nicht nur die treue Ehefrau, die ergebene Nonne, der erfolgreiche Unternehmer, sondern auch der lebenslange Dieb, der lebenslange Psychopath, der lebenslange Anarchist: Integer ist, wer sich nicht mehr grundlegend verändert. Integer ist, wer seine tiefsten Glaubenssätze niemals hinterfragt.
Konventionelle Integrität ist massenkonform, wenn das zugrundliegende Gedankenkonstrukt auf die in diesem Kapitel aufgeführten Mythen baut. Sie ist konditioniert, auch wenn sie es selbst nicht sieht. Sie ist konditionierter Glaube an ein Verstandeskonstrukt. Dadurch erschafft sie notgedrungen Polarität: richtig und falsch, gut und schlecht, wahr und unwahr etc. Und so stellt sich jede Integrität gegen all das und all jene, das und die im Widerspruch zum jeweiligen Glauben stehen.
Das Wesen der alten Welt ist kontinuierlicher Widerstand gegen den Wandel. Doch nichts ist in Stein gemeißelt. Nichts als Worte. Und so klammert sich die alte Welt verzweifelt an den Verstand. Der alte Mensch glaubt, er denke – dabei wird er gedacht. Oder weiß irgendjemand, was er in fünf Minuten denken wird? Er glaubt, er habe die Wissenschaft erfunden – dabei hat die Wissenschaft ihn erfunden. Er glaubt, er habe seine Beziehungen kreiert. Dabei haben seine Beziehungen ihn kreiert. Er glaubt, er wähle und lebe sein Leben, er kreiere und gestalte seine Geschichte. Dabei wählt und lebt sein Leben ihn, dabei kreiert und gestaltet ihn seine Geschichte.
Das Märchen von Macht und Kontrolle ist eine der zentralen Fabeln der alten Welt. Autor des Märchens ist das Ich. Alle Welt spielt Kontinuität und sucht unablässig Macht, in der Kontrolle der eigenen Erfahrung, in der Sicherheit, im Denken, in Beziehungen. Ein zentraler Begriff der alten Welt ist daher Verantwortung. Du bist verantwortlich für deinen Erfolg und dein Scheitern. Damit kommen Stolz und Schuld ins Spiel. Du kannst stolz sein auf deine Errungenschaften, du bist Schuld an deinem Versagen. Stolz und Schuld stärken den Wahn des Ichs. Die alte Welt konditioniert diesen Wahn durch Belohnung und Strafe.
In Wahrheit ist unser konditioniertes Ich ein Mythos. Selbstverantwortung ist ein Mythos. Schuld und Sühne sind Mythen. Stolz ist Wahn. Macht ist Wahn. Du hast null Kontrolle über die Welt, und du hast null Kontrolle über dich selbst. Du hast sie nie gehabt, es schien dir nur so, und dieser Schein ist es, den Menschen der alten Welt teilen.
In Wahrheit ist nur der Wandel verlässlich, innen wie außen. Das alte Ich und die alte Welt, es sind zwei Seiten derselben Medaille: als Kontinuität verkleidete Diskontinuität, als Substanz verkleidete Substanzlosigkeit, als Verlässlichkeit verkleidete Unverlässlichkeit, als Macht verkleidete Ohnmacht: als Ich verkleidete Ichlosigkeit. Hinter dem Hunger nach Kontrolle verbirgt sich die Wüste, und die Wüste ist egoische Angst: Angst vor dem Tod. Und tiefer:
Angst vor Nichtexistenz. Angst vor unserer letzten Wirklichkeit.
Im Traum geschehen uns manchmal Dinge, die am Morgen noch nachhallen, trotz des Wissens, dass es nur ein Traum gewesen. Könnte gleiches nicht auch für die Wirklichkeit gelten?
Du sitzt, du atmest, auf der Leinwand der Sinne der altbekannte Film der äußeren Welt, parallel dazu der innere Film, deine Gedanken, Vorstellungen, Gefühle, körperlichen Empfindungen. Könnte es ein Traum sein und dies der Morgen sein, an dem der Traum noch nachhallt? Oder ist, was du wahrnimmst und erfährst, was zu geschehen scheint, die Wirklichkeit?
Das Ego, die alte Welt sagt: ja. Was du wahrnimmst, was du siehst auf der Leinwand, was du denkst und fühlst, ist die Wirklichkeit.
Der duale Verstand glaubt ohne jeden Zweifel, dass lineare Zeit, dass Kontinuität existiert. Auf diesem Mythos basiert der Glaube an Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, an die Geschichte des Ichs, an die Geschichte der Welt. Denn wenn wir Zeit als linear denken, denken wir uns ebenfalls als linear. Und so leben wir unser Leben rundum unsere lineare Perspektive.
Der duale Verstand glaubt zudem ohne jeden Zweifel, dass Raum wirklich ist. Damit schafft er die Basis für Beziehungen, zwischen Ich und Du, zwischen Ich und Welt. Dazu später mehr.
Während wir im menschlichen Körper gefangen sind, ist es fast unmöglich, zu erkennen, wie jeder einzelne Gedanke Form annimmt. Wie das Bewusstsein regelrecht die Welt kreiert. Der menschliche Verstand denkt dualistisch: Etwas ist entweder wahr oder falsch. Gott existiert, oder er existiert nicht.
Menschen können sich kaum vorstellen, dass nichts per se wahr oder falsch ist. Wenn du an Gott glaubst, kreierst du ihn. Wenn viele Menschen an viele Götter glauben, dann kommen viele Götter ins Dasein. Wenn viele Menschen an denselben Gott glauben, dann wird dieser eine Gott ein außerordentlich mächtiges Wesen. Würden all diese Menschen aufhören, an ihren Gott zu glauben, dann würde er auf der Stelle aufhören zu existieren.
Analog würde das alte Selbst- und Weltbild auf der Stelle aufhören zu existieren, würden die Menschen aufhören, daran zu glauben. Es ist ein Konstrukt des dualen Verstandes: des Trennungsbewusstseins. Das Trennungsbewusstsein erschafft die duale Welt – und es erschafft das duale Herz.
Jeder Mensch ist mit einem gewissen Grad der Reife des Herzens und des Geistes geboren. Es sind keine Quantensprünge zu erwarten. Die Ewigkeit hat Zeit. Der Lernprozess ist lang. Und damit die Liste der Inkarnationen – bis du alles gewesen bist, bis du alles bist. Bis nichts mehr bleibt, das du nicht als Facette deiner selbst erkennst. Bis dein Herz alles und alle umschließt. Die alte Welt ist die Welt der dualen Herzen: zu einer Seite hin offen, zur anderen verschlossen. Das macht ihre Härte aus. Nur deshalb ist Gier möglich, die sich nicht um das Leid schert, das sie verursacht. Nur deshalb ist Prinzipienhaftigkeit möglich, die ganz ohne Herzenskraft auskommt. Das duale Herz vervollkommnet die Illusion der Trennung, die das Bewusstsein der alten Welt kennzeichnet. Der alte Mensch als kleiner Gott über Mutter Erde, er ist ein Gott des Schreckens.
Das gänzlich verschlossene duale Herz kennzeichnet die Welt des Psychopathen und Sadisten. Das ein wenig geöffnete duale Herz liebt die eigene Familie, aber hasst den Nachbarn. Oder es liebt den eigenen Hund, die eigenen Freunde, die eigene Nation, den eigenen Gott –
aber es hasst den Nachbarshund, seine Feinde, andere Kulturen und Religionen. Egoische Liebe ist immer an Feindbilder – und damit hassgebunden. Und so ist auch die egoische Selbstliebe mit Selbsthass gepaart. Egoische Liebe ist bedingte Liebe – und daher gar keine Liebe. Sie entspringt dem Trennungsbewusstsein und ist damit angst- und wunschgebunden. Es ist das vermeintliche Ich, das liebt, es ist das Herz der Anhaftung und
Ablehnung. Geliebte Objekte können irgendwann gehasst werden und umgekehrt. In jedem Fall aber ist das egoische Herz gebunden an die geliebten und gehassten Objekte.
