Senatsreserve - Thilo Bock - E-Book

Senatsreserve E-Book

Thilo Bock

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Beschreibung

1989: Während jenseits der Mauer ein System zusammenbricht, sind Horn und Grube dabei, den Skandal der nicht zu Ende gebauten U-Bahnlinie 8 aufzudecken. Die beiden Lokalredakteure geraten dabei nicht nur an Grenzen der Lokalpolitik, sondern auch in die zwielichtige Gesellschaft von Berliner Kleinkriminellen und Halbweltgrößen. Reinickendorf, Märkisches Viertel, nordöstlichster Stadtrand von Westberlin ein knappes Jahr vor dem Mauerfall: Karsten Grube, Erzähler des Romans, ein gerade mal 20 Jahre alter, unsicherer, aber arroganter Jungstudent mit dem Traum, Journalist zu werden, ist seit kurzem Praktikant des abgerissenen Lokalreporters und Kettenrauchers Martin Horn, der im Alleingang ein Anzeigenblättchen für die Trabantensiedlung erstellt. Gelangweilt von ihrem journalistischen Alltag sto-ßen Grube und Horn auf den skandalträchtigen Fall des von den Bewohnern des Märkischen Viertels so sehnsüchtig erwarteten Ausbaus der U-Bahnlinie 8. Grube und Horn suchen nach den Gründen des Baustopps, die sie schließlich in einem Berliner Bergwerksstollen finden, der von zwielichtigen Gestalten für Schmuggel und Schwarzhandel genutzt wird. Sie geben sich als Geschäftsleute aus und kommen dadurch dem Rotlichtmilieu gefährlich nah. Und die Versuchung, den Reizen der Westberliner Halbwelt zu erliegen, ist groß. Grube, der in ziemlich aussichtslose amouröse Beziehungen verstrickt ist - er kann sich nicht zwischen einer ehemaligen Klassenkameradin und deren Mutter entscheiden und schläft mit beiden -, trifft auf die Prostituierte Larissa, durch die er immer tiefer in ein Netz aus Versuchung und Verbrechen gerät. Grube und Horn fliegen schließlich fast auf. Doch bevor sie ihre Enthüllungen an die Presse lancieren können, bringt die Bevölkerung der DDR die Mauer zum Einsturz.

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Thilo Bock

Senatsreserve

Ein Provinzroman

Meinen Eltern,

die ganz anders sind als Monika und Uwe Grube.

Erstens:

Der östlichste Westen

Von hier aus war überall Osten. Das wurde um so deutlicher, je höher man kam im Märkischen Viertel, mitunter verballhornt als Merkwürdiges Achtel. Der Rhythmus ist da schneller als in den angrenzenden Einfamilienhaussiedlungen, die die gigantischen Flügel der überdimensionierten Bauklotzburg einfassen. Es gibt Fahrstühle zum Auffahren und auf jedem Stockwerk Müllschlucker, um das, was beim Wohnen so abfällt, entsorgen zu können, ohne wieder runterzumüssen. Das Märkische Viertel – kurz MV – mit seinen Zinnen und Zacken sieht aus wie ein zusammengefaltetes, nach Farben sortiertes Gebirge, eine Endmoräne aus Beton, errichtet auf Ausläufern des Urstromtals, ein städtebauliches Experiment im äußersten Osten der westlichen Welt. Verglichen mit diesen Wohnwänden und Schlaftürmen wirkt die Berliner Mauer mickrig. Vor allem nach Norden hin, Richtung Lübars, stellt der Rand des Viertels einen Bruch dar: Da erheben sich zehnstöckige Häuser über Kleingärten und Wiesen.

Betrachtet man die Trabantensiedlung ohne U-Bahn-Anschluß auf einem Stadtplan, fällt einem als erstes eine Straßenschleife auf, die aussieht wie ein schief gewachsener Pilz im Querschnitt. Das ist der Senftenberger Ring. Dort stehen die meisten Hochhäuser. Unten, quasi an der Pilzwurzel, da, wo der Ring zusammenläuft, befindet sich das Märkische Zentrum mit Geschäften, Imbissen, Arztpraxen, Schwimmbad und Mehrzweckhalle. Hier führt eine Tangente vorbei, der Wilhelmsruher Damm, im Osten an der Mauer endend und im Westen am S-Bahnhof Wittenau.

Die Bahn kommt von Norden her, aus Frohnau über Hermsdorf und Waidmannslust, wo nicht nur besonders viele Bäume stehen, sondern auch Einfamilienhäuser verschiedenster Kategorien. Während es in Frohnau, das hammerartig in das Gebiet der DDR hineinragt, Straßen gibt, in denen an keinem Gartentor ein Namensschild klebt, weil in den dazugehörigen Villen Menschen leben, die ungern ungebetene Gäste empfangen, Patienten und Bittsteller, ist in Hermsdorf und Waidmannslust die sogenannte Mittelschicht beheimatet, Lehrer und Beamte, leitende Angestellte, deren kleines Glück im Einfamilienhaus dank eines Bausparvertrages Wirklichkeit geworden ist. Bei meinen Eltern hat es lediglich für ein halbes Haus gereicht. Dafür ist der nächste Wald nicht weit. Das Lauteste sind hier morgens wie abends zwitschernde Vögel. Zwischendurch holpern Autos viel zu schnell über das abgefahrene Kopfsteinpflaster unserer Straße.

Ich wollte weg von da. Dachte, als Journalist würde ich immerhin was erleben. Gleichzeitig könnte ich die Menschen klüger machen, Mißstände aufdecken. Warum damit nicht im Märkischen Viertel anfangen? Ich war jung und hatte mein Studium abgebrochen, ohne jemals richtig damit angefangen zu haben. Theorie lag mir nicht, ich suchte die Praxis und wurde Praktikant des abgehalfterten Reporters Heinz Horn, der sich lieber Martin nennen ließ.

Bei unserer ersten Begegnung Ende 1988 ahnte ich gleich, vor einem notorischen Verlierer zu stehen. Ich, der frisch ins Leben getretene Abiturient ohne ausgeprägte Menschenkenntnis, sah Martins Augenringe, die verbeulten Jeans und den Qualm, der in seinem kleinen Büro stand, als würde er dort festhängen. Bei diesem kleinen Mann würde ich niemals lernen, was ein guter Journalist ist. Wenigstens wirkte er ungefährlich. Und obwohl er als verantwortlicher Redakteur und einziger Schreiber seines Blattes eine wichtige Position bekleidete, schien er im Verlag nicht viel zu melden zu haben. Als Besitzerin kümmerte sich Frau Grabowski um das Finanzielle, und ohne die Anzeigenakquise der hübschen Inga hätte keine einzige Ausgabe gedruckt werden können. Doch solch eine düstere Rumpelkammer hatte nicht einmal der Schriftleiter des MV Kurier verdient. Davon abgesehen machte gerade diese Tatsache es mir leicht, Martin als Vorgesetzten zu akzeptieren. Das Problem bestand anfänglich eher darin, daß er gar nicht mein Vorgesetzter werden wollte.

Nachdem ich mich zu Inga und von Inga zu Frau Grabowski durchgefragt hatte, stets mit dem gleichen, devot vorgetragenen, nie zu Ende gebrachten Satz auf den Lippen, guten Tag, ich heiße Karsten Grube, ich habe vor kurzem mein Studium begonnen, Publizistik und, na ja, egal, jedenfalls, ich würde gerne, Journalismus, das interessiert mich, und ein Freund meines Vaters, wurde ich höflich unterbrochen und jedesmal weiter nach rechts geschickt, bis ich endlich an die Tür am Ende des Ganges klopfte.

Herein, ja, was gibt’s denn? Der Mann, der, mir den gebeugten Rücken zuwendend, vor seinem Schreibtisch stand und in einem Wust aus Papieren wühlte, nahm einen Zug von seiner Zigarette. Dabei hätte er bloß tief einatmen müssen im Nebel des Büros, das dank Schrankwand, Tisch und zwei Stühlen nicht sonderlich viel Luftraum bot. Das winzige Fenster war geschlossen. Es erlaubte einen engen Blick auf die betongraue Außenwelt. Allein der große an der Wand angebrachte Berlinplan suggerierte Weite. Eine trügerische Weite. Schließlich war unsere Stadt ebenso von Wänden umgeben. Alles, was dahinter vorgab, Berlin zu sein, so als angebliche Hauptstadt eines anderen Staates, galt nicht.

Der Mann steckte seine Kippe in die Halterung eines gut gefüllten Aschenbechers, der auf einem Stapel aus Büchern, Heften und Zetteln thronte, und drehte sich gemächlich um. Er lächelte mir matt zu. Sein graublondes Haar stand ihm kurz und unordentlich vom Kopf ab. Kann ich helfen? Er fragte dies wie einer, der nicht annahm, behilflich sein zu können.

Ich startete meinen Satz erneut und kam ungefähr bis zu meinem Interesse für den Journalismus. Hatte mein Gegenüber beim Wort Studium noch freundlich geguckt, verzerrte sich sein Mund angesichts meines Bekenntnisses zur Publizistik erheblich, bis er beide Hände hob und mir ihre Flächen zeigte. Ich verstand und hörte mit dem Sprechen auf. Journalismus, soso, Martin, für mich damals natürlich Herr Horn, trat etwas zurück, setzte sich halb auf seinen Schreibtisch, verschränkte die Arme vorm blauen Pullover, sah mich an, nahm sich dann die Lesebrille von der Nase, stieß so etwas wie ein Stöhnen hervor und sagte dann: Journalist, das ist durchaus ein toller Beruf, nur was suchst du bei mir?

Ich stand weiterhin in der offenen Tür, und mir war warm. Mein Mantel paßte nicht zu der überheizten Raumtemperatur. Erste Schweißperlen benetzten meine Schläfen. Außerdem hatte Horn mich geduzt, wo ich fast schon zwanzig war. Irritiert sprach ich weiter: Ein Praktikum, ich würde gerne ein Praktikum … Horn ließ mich erneut innehalten. Aber doch nicht bei mir?! Er runzelte die Stirn, schmiß dann die Brille schräg hinter sich auf den Tisch und tastete, ohne mich aus den Augen zu lassen, mit rechts nach dem Ascher. Er schien darin Übung zu haben, denn kurz darauf hielt er die vorhin dort abgelegte und nun kurzgebrannte Zigarette in der Hand. Ohne ein weiteres Mal daran zu ziehen, drückte er sie in die anderen Kippen und machte sich daran, beidhändig die Schreibtischlandschaft abzusuchen, fraglos nach der Marlboro-Schachtel, die links von ihm neben dem Telefon lag. Zaghaft deutete ich dorthin. Horn verstand nicht gleich, wagte jedoch einen kurzen Seitenblick und zuckte mit dem Kopf, dankend oder anerkennend. Inzwischen kenne ich seine Mimik gut. Habe ihm oft genug gezeigt, wo seine Zigaretten liegen, und nie dafür ein Wort gebraucht.

Ja, selbstverständlich bei Ihnen, sagte ich und fing an, von Herrn Hanke, unserem Nachbarn, zu erzählen, von dem der Vorschlag gekommen war, beim MV Kurier vorzusprechen, er würde da hin und wieder Werbung schalten. Soso, Horn steckte sich eine der endlich erwischten Zigaretten ins Gesicht. Du willst Beziehungen spielen lassen? Er setzte seine tastende Tischerkundung fort. Abermals wies ich seiner Hand den Weg, das Feuerzeug lag ebenfalls in Telefonnähe. Keine Beziehungen, sagte ich, bloß ’ne Idee, damit ich Übung bekomme. Horn brummte und zündete sich die Zigarette an. Du hast noch nie was geschrieben, also für eine Zeitung? Doch, sagte ich. Schülerzeitung? Horn blies Rauch aus. Ja, sagte ich und fühlte mich ertappt.

Ist normal, sagte Horn freundlich, so fängt jeder an. Er sog wieder Rauch ein. Das Schreiben ist das geringste Problem, sagte er, du brauchst Themen, aber warum kommst du ausgerechnet zum MV Kurier, wohnst du hier? Nein, sagte ich, in Hermsdorf. Hermsdorf, Horn stieß Rauch aus, Einfamilienhaus? Doppelhaushälfte, sagte ich. Und du kennst dich im MV gar nicht aus? Nein, gab ich zu, also, ich war manchmal hier, Schwimmbad, Fontane-Haus und so.

Okay, Horn guckte auf die Armbanduhr und löste sich ruckartig von seinem Tisch, dann komm mal mit. Er griff seinen neben der Tür hängenden Anorak. Wohin? fragte ich. Pressetermin, sagte Horn mit Zigarette im Mund. Heißt das, Sie nehmen mich? fragte ich eine Spur zu euphorisch. Das heißt erst mal gar nichts, Horn hob eine Tasche vom Boden auf, und duz mich bitte, ich heiße Martin.

Während ich neben Martin zu dem Termin eilte, wir waren spät dran, meinte er mir die wesentlichen Informationen zum Märkischen Viertel mitteilen zu müssen. Am besten alle auf einmal. Die Mauer stand erst mal, begann er unvermittelt beim Verlassen des Verlagsgebäudes, und ein bißchen vom Wirtschaftswunder kam selbst in Berlin an, im Grunde sogar eher viel, Martin sah zu mir auf, also im Westteil, Frontstadt, Schaufenster der freien Welt, dank der Berlinzulage, da konnte man langsam ans Weiterbauen denken, die ganzen Wohnquartiere im Wedding und in Kreuzberg paßten nicht in die neue Zeit, das war reinstes Kaiserreich. Martin zündete sich eine Zigarette an, sagte: Sollte alles gesprengt werden, um Platz zu schaffen für die Moderne, er machte eine wegwerfende Geste, nur lebten da ja Menschen drin, viele hausten auch bloß, denen ging es nicht unbedingt gut, Ofenheizung, Etagenklo und überall Kriegsschäden, da fehlte schon mal ’ne Wand oder so.

Wir überquerten eine Straße. Kurz gesagt, sagte Martin, die Viertel mußten entmietet werden, wohin aber mit den Entmieteten? Er sah mich an, als erwartete er eine Antwort, sprach jedoch gleich weiter: Westberlin hat ja kein Hinterland, also haben sie überlegt, wo was frei ist, möglichst am Rand der Stadt, weit entfernt vom Grunewald, vom Wannsee, auch weg vom Kudamm, das waren ja eher Asoziale, mit denen wollten die Verantwortlichen in ihren Villen nichts zu tun haben, von denen wollten sie höchstens wiedergewählt werden, weshalb das, was man ihnen anbot, erst mal wie ein Gewinn wirken mußte, der Staat schenkt dem Pack ’ne Stadt! Martin nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette.

Fündig wurden sie eben hier, fuhr er fort, dicht an der Mauer gelegen, eingezwängt zwischen Lübarser Müllkippe und der Irrenanstalt in Wittenau gab es dieses nahezu vierhundert Quadratkilometer große, vorwiegend mit Wohnlauben bebaute Gebiet, das war sowieso sanierungsbedürftig, das waren Slums, eine kotzschlimme Gegend muß das gewesen sein, ohne Kanalisation, bloß mit Pumpe und Sickergrube.

Wir durchschritten die Ladenpassage. Die Leute pumpten sich die eigene Pisse zurück in den Waschpott! Martin lachte auf, das konnten die prima abreißen, man mußte lediglich mit Hygiene kommen, und schon war der Traum eines jeden Architekten perfekt, die konnten hier einen kompletten Stadtteil konzipieren, und damals wollte man halt hoch hinaus, den Leuten sollte ja auch weniger was zum Wohnen als zum Schlafen gegeben werden, die sollten arbeiten. Martin warf seine Kippe aufs Pflaster.

Das Problem war, sagte er, die haben zu lange geplant, und ehe hier die ersten wohnten, wollte keiner mehr was von der Idee neuer Retortensiedlungen wissen, er schniefte, plötzlich rückte die Erneuerung alter Stadtviertel in den Mittelpunkt, und das MV galt bereits als architektonischer Dinosaurier, da hatten nicht mal alle Gebäude Dächer. Martin griff sich in die Jackentasche. Hinzu kam, daß die Anzahl der Wohnungen und Einwohner schneller stieg, als sie die erforderliche Infrastruktur installieren konnten, er zückte ein Zigarettenpäckchen, so lebten hier zigtausend Menschen, und es gab kaum Einkaufsgelegenheiten, keine Kneipen, und richtig fort kamen sie erst recht nicht mehr, die U-Bahn wurde zwar geplant, aber nie gebaut.

Deswegen wohnen die Leute nach wie vor hier, oder wie? warf ich ein. Martin blieb stehen, sah mich an und hob die Mundwinkel: Du kannst ja witzig sein. Dazu schwieg ich lieber. Wie auch immer, sagte Martin, nach fünfundzwanzig Jahren haben sich die Bewohner mit dem Viertel arrangiert, vierzigtausend Menschen in vierzigtausend Zimmern, Martin zündete die Zigarette an, das war zumindest die Idee der Gesobau. Gesobau? Die Gesobau regiert das MV, sagte Martin, das ist die Gesellschaft für sozialen Wohnungsbau, denen gehört ein Großteil der Häuser hier, und die wollten eben pro Person einen Wohnraum haben, ein Mensch, ein Zimmer also, Martin nahm bei der Aufzählung seine zigarettenfreie Hand zu Hilfe, und pro Familie einen Parkplatz, dazu zwei Kirchen, ein Einkaufszentrum, Platanen im Abstand von sechs mal sechs Metern, das alles ließ sich auf dem Reißbrett planen, aus dem Raster fallen lediglich die Bewohner. Wohin? Wie, wohin? Martin sah mich an, die müssen schön drinbleiben im Raster, man muß ihnen nur ab und an sagen, wo’s langgeht, und dafür sind wir da, wir, er sah mich an, wir, der MV Kurier.

Wir erreichten einen großen Platz, rechts das Hallenbad und direkt vor uns ein langgezogener, gedrungener grauer Betonklotz mit gelben Fensterrahmen: Das Fontane-Haus, jenes Multifunktionsgebäude, das kannte ich von verschiedenen Kulturveranstaltungen, Klassik am Nachmittag oder Schülertheater statt Unterricht. Zentral gelegen ist es nicht gerade. Am besten kommt man mit dem Auto. Oder mit dem Fahrrad. Mir persönlich war Fahrrad fahren ja zu blöd, zu albern, zu unästhetisch, und so hatte ich den Salat. In der Zeit, die ich mit der BVG von Hermsdorf ins MV brauchte, wäre ich fast schon am Kudamm gewesen oder bei der Morgenpost. Nur wäre ich dort nie und nimmer gleich zum ersten Pressetermin mitgenommen worden.

Der Pressetermin stellte sich heraus als Verabschiedung eines Polizisten, genauer gesagt des Kontaktbereichsbeamten vom Einkaufszentrum. Die kleine Feier fand im Foyer des Fontane-Hauses statt. Das wirkte wie von einem Kleinkind ausgemalt: Die Fensterrahmen waren gelb, die Stahltüren grün und der flächendeckend verlegte Teppich violett. Weder die senffarbenen Hemden noch die braunen Hosen oder das Wiesengrün der Uniformjacken der zahlreich anwesenden Polizisten paßten zu diesem knallbunten Ambiente.

Nie zuvor hatte ich so viele Polizisten mit Getränken in den Händen gesehen. Vermutlich waren die meisten Gläser mit Alkohol gefüllt. Auch Martin griff sich gleich einen Sekt vom Buffet, wir waren nicht einmal unsere Jacken losgeworden. Der offizielle Teil lief bereits. In der Mitte der Aufmerksamkeit stand ein kleiner, drahtiger Grauhaariger in Uniform, der eine Anekdote an die nächste reihte. Dies war wohl der Jubilar, der mit seinen Geschichten förmlich um sich sprühte und spritzte. Vielleicht schreib ich ja mal ein Buch über meine Erlebnisse im MV, sagte er gerade, den Titel hab ich schon: Allein gegen fünfzigtausend. Die knapp vierzig Anwesenden lachten eine Spur zu euphorisch. Der Mann bedankte sich mit einem Lächeln, das man getrost Schmunzeln nennen konnte, denn solche Leute lächeln nicht, sie schmunzeln. In fast vierzig Jahren erlebt man als Polizist so einiges, fuhr er fort, und Martin raunte mir zu, ich solle mir Notizen machen.

Mein Problem war: Ich hatte keinen Schreibblock oder ähnliches dabei. Der Polizist schwärmte derweil von seiner Laufbahn. Quasi so alle Funktionen des mittleren Dienstes habe er durchlaufen, bis er vor zwölf Jahren in den gehobenen Dienst aufgestiegen sei. Zur besonderen Verwendung als KOB, wie er betonte. Ich verstand Cop, was mich erheblich irritierte. Erst beim Korrekturlesen sollte mich Martin ob meines Irrtums aufklären. Mensch, KOB heißt Kontaktbereichsbeamter, so was weiß man doch! Woher sollte ich das bitte wissen? Ich, der Praktikant auf Probe, der seinen Chef im Augenwinkel gerade dabei beobachtete, wie er sich ein neues Glas Sekt besorgte? Ich – weiterhin ohne Notizmöglichkeit.

Wissen Sie, damals, erzählte der KOB weiter, als ich anfing, erster April siebnunsiebzich, da jings hier janz schön turbulent zu. Je mehr er in Fahrt kam, desto unüberhörbarer wurde seine Berliner Herkunft. Vom Buffet her machte Martin lustige Bewegungen. In meiner Jackentasche hatte ich einen Kugelschreiber gefunden, bloß kein Papier, nicht mal einen Kassenbon. Ich sah mich um. Auf einem Stehtisch, an dem niemand stand, lagen Servietten. Ich versuchte, die Polizistenerinnerungen an randalierende Jugendliche, alkoholisierte Motorradfahrer und verängstigte Rentner auf dem weichen Papier festzuhalten. Das riß leider ein und wollte partout keine Tinte aufnehmen. Als die Serviette wegrutschte, hinterließ ich auf der Tischdecke einen blauen Kringel. Dies regte mich dazu an, meine Notizen dort festzuhalten. Glücklicherweise war die Decke aus Papier.

Als KOB biste ja Einzelkämpfer, lautete der erste Satz, den ich mitschrieb, Ladendiebstähle, Falschparker, diese Wandschmiererei und det leidje Thema Hundekot. Der Polizist artikulierte dieses Wort mit einer derartigen Verachtung in der Stimme, als würde er den Geruch nicht aus der Nase bekommen. Ick für meen Teil hab noch nie een mit ’ner Hundetüte jesehn, sagte er und erntete dafür laut murmelnde Zustimmung. Ich schaute wieder zu Martin, der sich intensiv mit dem Leeren seines Glases beschäftigte.

Der Polizist wandte sich nun dem neben ihm stehenden großen Kollegen mit beeindruckendem Bauch zu. Sein Bart war kunstvoll gestutzt, die Gesichtshaut braungegerbt. Der Alte sprach ihn als den lieben Palinske an und wünschte ihm alles Gute für die neue Aufgabe. Der liebe Palinske patschte seine Pranken in gemächlichen Rhythmus zusammen. Alle anderen Anwesenden taten es ihm gleich, wenngleich in einem flotteren Tempo. Mit tiefer, lauter Stimme lobte Palinske anschließend die Leistungen des geschätzten Kollegen Bergfeld. Gerade bei der Eindämmung des wilden Flohmarktes und der Organisation von Veranstaltungen habe sich dieser einen Namen gemacht, nämlich Bergfeld. Palinske dröhnte, er freue sich auf die Arbeit im MV, ick bin ja quasi längst tätich hier im Revier, Sie wissen det sichalich, een paar Ecken weita am Eichhorster Wech, er grunzte, früha ha’ ick sojar hia jewohnt, fuhr er fort, unjemein jerne jewohnt, doch mit de Kinders, da sind wa ins Jrüne jezogen, selbstvaständlich bin ick Reinickendorfa jebliem, vom janzen Herzen Reinjendorfa. Dafür bekam er vereinzelt Applaus. Bergfeld und Palinske schüttelten sich noch einmal ausführlich die Hand. Die meisten der Anwesenden klatschten. Martin nicht. Der hatte sich gerade ein neues Glas besorgt.

Ein graubärtiger Herr mit Brille und Bauch unterm Pullunder eröffnete das Buffet, wobei er von wenigen Kleinigkeiten sprach. Ich erkannte von weitem die Schrippenhälften mit Hackepeter und Schinken. Martin kam an meinen Tisch und stellte mir mit Schwung ein Glas Sekt auf die Notizen. Prost! sagte er, um mit mir anzustoßen. Ich trinke normalerweise nicht, sagte ich. Ist das hier normal? Martin nahm einen Schluck. Du bist ab heute Reporter, da kommste ums Trinken nicht rum. Ist das so? Na logo, Martins Kopf näherte sich meinem. Sein Atem roch alles andere als gut. Verschwörerisch raunte er mir zu, daß man die wichtigen Informationen erst bekomme, wenn man mit den Leuten saufen geht. Gut, sagte ich, wenn du heute noch was Geheimes erfährst, laß es mich wissen. Mach ich, mach ich! Martin klopfte mir fröhlich auf die Schulter. Guck, sagte er, da kommt der alte KOB!

Tatsächlich kam Bergfeld gerade an unserem Tisch vorbei. Martin machte einen seitlichen Ausfallschritt und stellte sich ihm in den Weg. Zunächst irritiert, erkannte dieser Martin und begrüßte ihn freundlich, beinahe überschwenglich. Herr Horn, schön, daß Sie Zeit gefunden haben! Martin deutete eine Verbeugung an, das sei ja wohl selbstverständlich, wo man jahrelang so gut zusammengearbeitet habe. Und darf ich Ihnen meinen neuen Mitarbeiter vorstellen? Martin tätschelte meinen Rücken. Bergfeld blinzelte. Ein neues Gesicht, freut mich, hätte gar nicht gedacht, daß Frau Grabowski jemand Zweites einstellen würde. Bislang weiß sie nichts von ihrem Glück, sagte Martin grinsend. Außerdem mache ich das als Praktikum, sagte ich, unbezahlt. Tüchtig, tüchtig! Bergfeld knuffte mit der Faust gegen meinen linken Oberarm. Zu Martin sagte er: Aus dem wird mal was, Horn! Darauf sollten wir anstoßen, Martin griff das Glas, das er mir gebracht hatte. Seins war ausgetrunken. Als er bemerkte, daß wir nicht mit ihm anstoßen konnten, stürzte er den Sekt allein herunter.

Sie schreiben also gerne? fragte mich Bergfeld. Ja, sagte ich, wobei es beim Journalismus vor allem auf die Themen ankommt. Ach so? Der Mann sah mich mit großen Augen an. Ist das so? Die findet man an jeder Ecke, sagte ich. Das müssen Sie einem alten Wachtmeister nicht erzählen, Sie als Journalist sollten aber auch die Opfer auf gar keinen Fall unter den Tisch kehren. Die Opfer? Ich war überrascht. Auf jeden Täter kommt mindestens ein Opfer, sagte Bergfeld. Ja, sagte ich, reichlich ratlos. Er gab mir die Hand. Ich wünsche Ihnen alles Gute. Danke, sagte ich.

Netter Mann, Martin trank das Glas, ohne abzusetzen, leer. Dann zückte er seine Zigaretten. Nachdem er sich eine angesteckt hatte, während ich ihm dabei zusah, als gäbe es nichts Spannenderes, sagte er ohne besondere Betonung in der Stimme, als würde er gar nicht zu mir sprechen: Du schreibst den Artikel, ist klar, oder? Und weil ich nicht gleich etwas sagte, fügte er hinzu: Trauste dir hoffentlich zu. Na ja, stotterte ich, klar. Haste Schiß? Martins Mund entließ Qualm. Nein, ich weiß bloß nicht, was ich da so schreiben soll. Hast du nicht zugehört und dir Notizen gemacht? Martin zog wieder an seiner Zigarette. Ich begutachtete das Gekrickel auf der Tischdecke, über das sich feuchte Kreise legten. Martin stellte sein Glas wieder auf meine Worte. Zeig mir, was du kannst, sagte er, und ich entscheide, ob ich mit dir arbeiten will, ist das fair? Ja, sagte ich. Martin drückte seine Zigarette im bereitstehenden Aschenbecher aus. Okay, er zwinkerte mir zu, weiter geht’s, Partner.

Unerwartet schob er mich in den Raum hinein. Ich hatte Mühe, nicht zu stolpern, und landete direkt vor Palinske, während Martin sich verdrückte. Palinske sah mich freundlich an. Garantiert sah er selbst Temposünder freundlich an. Kannick behülflich sein? Ja, stotterte ich, ja, ich bin vom, äh, MV Kurier, ich. Ah, sagte er, die Presse, denn schieß ma los! Ja, sagte ich, darum bemüht, Palinske an meinen Tisch zu kriegen, um mitschreiben zu können. Was für Problemfelder sehen Sie im MV, Herr Palinske? formulierte ich meine erste Frage als Journalist und bewegte mich langsam zur Seite. Jute Fraje, sagte Palinske. Ich fühlte mich geehrt, weil ich nicht wußte, daß das eine Floskel war. Deshalb bekam ich seine Antwort nicht mit. Aha, sagte ich. Ja, sagte Palinske, der sich schrittweise mitbewegte. Dauerprobleme jewissermaßen, sagte er. Das sehen Sie als eine Hauptgefahr? Endlich hatte ich die Kante des Stehtisches erreicht. Wollen wa ma so saren, Palinskes Blick funkelte, von der Menge her ist dis Problem eher nich so jravierend, viel schlimma sind de Radfahra. Ich begann mitzuschreiben. Palinske sprach unbeirrt weiter. Also de Radfahra, die Betonung lag bei ihm auf der letzten Silbe, die tretn in jroßa Zahl uff, Se ahnen ja jar nich, welche Jefahr dadurch entsteht. Nee, sagte ich, und gibt es hier im Viertel auch richtige Verbrecher? Palinske sah mich einen Moment lang so an, als müßte er mich stante pede verhaften, dann brach ein Lachen aus ihm heraus. Wohl ’n Klon jefrühstückt?! Einen Clown? Vabrecha jibbet ieberall, und bei mia ham die keene Schangse nich, ick kann die riechn. Artig bedankte ich mich. Bevor Palinske verschwand, knuffte auch er meinen Oberarm.

Wie sollte ich bloß die Tischdecke mit meinen Notizen mitnehmen, ohne daß es auffiele? Zunächst müßte ich ein Trockenblumengesteck, einen Aschenbecher und allerlei leere Gläser abräumen sowie die Decke zusammenfalten, sie hing am Rand gute zwanzig Zentimeter herab. Da kam Martin mit zwei vollen Sektgläsern, einer Zigarette im Mundwinkel und einer bunt gekleideten Frau an seiner Seite zurück. Die Frau war übermäßig parfümiert. Das roch stärker als die in Martin gärenden Genußmittel. Ich wurde wie gehabt vorgestellt, und es kam zu ähnlichen Reaktionen. Die kräftig duftende Dame erwies sich als Apothekerin, die der Arbeitsgemeinschaft der Kaufleute der Märkischen Zeile vorstand.

Für die Menschen hier sind wir fast so wichtig wie die Gesobau, die vermietet ihnen die Wohnungen, und dank uns kriegen sie alles, was sie zum Leben brauchen, flötete sie, deshalb richten wir heute auch den Abschied für Herrn Bergfeld aus, er hat uns immer gut beschützt. Mir lag die Frage auf der Zunge, ob solch eine Feier nicht Bestechung einer Amtsperson wäre. Da diese Amtsperson gerade aus diesem Amt hinausgefeiert wurde, war diesbezüglich wohl keine Gefahr mehr im Verzug. Ich glaubte ohnehin, genug Informationen gesammelt zu haben, leider lagen sie auf dem Tisch, an dem Martin und die Apothekerin standen. Beide prosteten sich zu. Weil sie anschließend mir ihre Gläser entgegenhielten, blieb mir nichts anderes übrig, als mit ihnen anzustoßen. Der Sekt war warm und süßlich. Beim Trinken bemerkte ich, wie trocken mein Gaumen war.

Vom Vergnügen der Apothekerin angefeuert, kam Martin ins Plaudern. Aufgrund eines Heiterkeitsanfalls verlor die Apothekerin das Gleichgewicht und wäre beinahe umgefallen, hätte Martin sie nicht aufgefangen. Gleichzeitig klammerte sie sich an die Tischdecke und riß diese daher mitsamt Gesteck, Ascher und Gläsern zu Boden. Im allgemeinen Aufräumwirrwarr konnte ich die Decke beschlagnahmen, zusammenraffen und zum Mülleimer bringen. Ich entfernte den entscheidenden Teil, faltete ihn zusammen und steckte ihn mir in die Hosentasche. Nachdem ich mich vergewissert hatte, daß Apothekerin und Redakteur wohlauf waren, wünschte ich den beiden einen guten Abend und verließ das Fest.

*

Hat es auch eine schlaflose Nacht gedauert – am nächsten Tag war mein Artikel fertig. Martin änderte manches Detail, stellte ein, zwei Sätze um, womöglich, damit ich nicht größenwahnsinnig würde. Ich hatte erwartet, ihn mit meinem Tempo zu verblüffen. Er dagegen murmelte, es sei höchste Eisenbahn, selbst bei einer zweiwöchentlichen Zeitung könne man sich nicht ewig Zeit lassen. An mir sollte es nicht liegen, daß der Bericht über Bergfelds Abschied nicht eine Woche später erscheinen könnte. Martin dagegen hatte ganz vergessen, beim Empfang Fotos zu machen. Deshalb schickte er mich zur Polizeiwache – wer ist denn hier der Praktikant? –, um Bergfeld und Palinske zu fotografieren. Beide waren anwesend und zelebrierten gerade die Übergabe der Amtsgeschäfte in Gesellschaft etlicher Schnäpse.

So wurde ich also Praktikant von Martin Horn. Nach meiner Rückkehr von der Wache stellte er mich feierlich bei Frau Grabowski vor, die gerade mit Inga in ihrem Büro saß und Kaffee trank. Ein Mitarbeiter? fragte Frau Grabowski mit spitzer Stimme und verkniffenem Gesicht, während Inga ihre weißen, gleichmäßig gewachsenen Zähne offenlegte. Weil mich das verlegen machte, wollte ich für den Rest der Unterredung vermeiden, sie anzugucken.

Wir können uns gar keinen Mitarbeiter leisten, sagte Frau Grabowski. Praktikant, beeilte ich mich zu sagen. Ja, attestierte mir Martin, er macht das umsonst. Umsonst? Frau Grabowskis Miene hellte sich merklich auf, Sie wollen ganz ohne Bezahlung arbeiten? Ja, mir geht es darum, etwas zu lernen. Lernen? Frau Grabowski patschte belustigt auf den Tisch, wo haben Sie den denn aufgegabelt? Die Faust vor dem Mund, atmete sie tief durch, hier wollen Sie was lernen? Klar, warum nicht? Genau, sagte Martin, warum nicht? Rauchen? Inga kicherte, und ich sah nicht hin. Und wovon wollen Sie leben, junger Mann? fragte Frau Grabowski. Ich … Ich stockte, denn irgendwie war es mir plötzlich peinlich – in erster Linie wegen Inga, die gewiß zehn Jahre älter war als ich – zuzugeben, daß ich noch bei meinen Eltern wohnte.

Dieses Geständnis übernahm Martin für mich. Er wohnt noch bei seinen Eltern, sagte er, in Hermsdorf, Doppelhaus. Hermsdorf ist doch schön, sagte Inga, da wohn ich auch. Jetzt hielt ich es nicht mehr aus. Ich mußte zu ihr schauen und landete direkt in ihrem Lächeln. Und weil mir nichts anderes einfiel, erwiderte ich es. Mit der guten Miene von Mädchen oder jungen Frauen konnte ich nicht umgehen. Erst die Stimme von Frau Grabowski ließ mich die Blickrichtung wechseln. Privat könnt ihr wohnen, wo ihr wollt, sagte sie laut, beruflich müßt ihr wie Bewohner des Märkischen Viertels agieren. Tun wir das nicht? sagte Martin. Ist ja auch schön hier, sagte Inga, wenn nur die U-Bahn endlich bis ins Zentrum fahren würde.

Die U-Bahn fehlt echt, sagte Martin. Ach, die U-Bahn, Frau Grabowski ließ die Ketten an ihrem Handgelenk klappern, bei den billigen Mieten kann sich eh jeder ein Auto leisten. Sie guckte von Inga zu Martin zu mir. Hat er ’n Führerschein? fragte sie, und weil mir nicht auf Anhieb klar war, daß sie mir eine Frage gestellt hatte, antwortete Martin: Davon ist auszugehen, er kommt ja aus Hermsdorf! Gut, dann kann er Sie ja fahren, Horn! Frau Grabowski klatschte in die Hände. Nu aber mal hurtig, nachher kommt der Momper, da muß alles ordentlich sein. Der Momper? fragte ich. Frau Grabowski betrachtete mich einen Moment lang. Dann sagte sie: Sie können ruhig nach Hause gehen.

Ich hab gar keinen Führerschein, sagte ich, sobald wir außer Hörweite waren. Schade, sagte Martin. Und Frau Grabowski? Logo, Martin verzog den Mund, die fährt ’ne fette Merze, deshalb kannse sich nur unbezahlte bis unterbezahlte Leute leisten. Bei den billigen Mieten! sagte ich. Martin blieb stehen und sah mich amüsiert an. Die seien gar nicht so günstig und ob ich wirklich glaubte, die Alte würde im MV hausen. Nicht? Die hat ’ne Villa in Frohnau, sagte Martin, und in Frohnau fahren ja selbst die Gymnasiasten mit dem Golf zur Schule. Er sah mich an, als würde mit mir was nicht stimmen.

Ich komm nicht aus Frohnau! Ist doch die gleiche Richtung, Martin schob mich zum Treppenhaus, los, ich zeig dir die Druckerei. Hallig Hooge ist auch die gleiche Richtung, sagte ich, da gibt’s bestimmt kein einziges Auto. Da war ich noch nie, Martin ging einige Stufen herab und drehte sich dann wieder zu mir um, in Hermsdorf dagegen, da hat ja wohl jeder ein Auto. Meine Familie nicht, sagte ich, mein Vater sagt, in einer Metropole braucht man kein Auto. Martin grinste. Und verreisen tun wir nicht, fügte ich hinzu, nicht durch die Zone. Die Zone? wiederholte Martin, schon mal was von Willy Brandt und den Ostverträgen gehört? Das ist doch mehr als fünfundzwanzig Jahre her. Mein Vater ist eben nachtragend, sagte ich.

Die Druckerei befand sich ein Stockwerk tiefer. Hauptsächlich wurden dort Werbeprospekte und Gelegenheitsaufträge bearbeitet. Alle zwei Wochen stand der MV Kurier an. Was sollte das mit Momper? fragte ich Martin beim Abschreiten der ratternden Druckmaschine. Du weißt schon, sagte er, Diepgens Herausforderer. Ist klar, aber, fing ich an. Wahlkampfauftritt im MV, sagte er, und da schaut er eben mal kurz bei uns rein. Und ich? Wir fangen erst mal mit den kleinen Dingen an, Martin legte seinen Arm um mich, komm, ich stell dir Gunnar vor.

Der in die Jahre und in die Breite geratene Drucker war zugleich Seele und Motor des Verlags und vom Satz bis zur Falz für alles zuständig. Besuchte man ihn allerdings inmitten seiner brummenden, ratternden und bisweilen hackenden Maschinen, wirkte es so, als sei er lediglich mit Rauchen beschäftigt. Für Martin also ein idealer Partner, zumal hinter dem Schreibtischschranktürchen Gunnars – mit ihm war ich ebenfalls sofort per du – stets eine angebrochene Flasche Korn oder Artverwandtes bereitstand, um auf in ausreichender Anzahl vorhandene Gläschen verteilt zu werden. Da hätte selbst die gesamte Reinickendorfer Polizei unangemeldet vorbeikommen können. So aber blieb mehr für Martin und Gunnar. Und leider auch für mich.

Für die Vorstellung meiner Person sorgte ich diesmal selber, um die ewig gleichen Nachfragen zu verhindern. Ja, ich war der Neue. Ja, als Praktikant. Und ja, es ist wahr, ohne Bezahlung, was, das stimmt, man sich nur leisten kann, wenn man von den Eltern finanziert wird. Ja, mein Vater ist Beamter, wo genau, spielt keine Rolle. So genau wollte ich es gar nicht wissen, Gunnar hielt mir einen Schnaps vor die Nase. Ich mußte husten. Die Luft in der Druckerei war noch schlechter als in Martins Büro. Was’n mit dem los? Gunnar gluckste, der verträgt ja weniger als nichts, da bin ich ja mal gespannt, wie das zusammenpaßt. Das lernt der, sagte Martin und kippte seinen Schnaps rasch herunter. Gunnar tat’s ihm nach und knallte sein Glas auf die Tischplatte. Ich dagegen nippte zögerlich an dem scharfen Zeug.

Wenn ich für eine Zeitung arbeiten wollte, die alle zwei Wochen an die Haushalte des Märkischen Viertels verteilt wurde, müßte ich mich mit den dortigen Begebenheiten vertraut machen, den typischen Neumärker kennenlernen. Neumärker, so nannte Martin die hier Lebenden. Du kannst nicht für Hochhausbewohner schreiben, wenn du nicht weißt, wie es ist, in einem Hochhaus zu wohnen, sagte Martin, warst du jemals in einem hier drin? Wir waren auf dem Weg zur Stadtteilbibliothek im Fontane-Haus, in der es seit neuestem eine CD-Abteilung gab. Eine Sensation, die es am Ende auf Seite eins schaffen sollte.

Fast, sagte ich, in meine Klasse ging ein Mädchen, da war ich mal zum Geburtstag eingeladen, bin bloß nicht hingegangen. Dann hol’s nach, sagte Martin. Fünf Jahre später? Ruf sie an, sagte Martin, wenn du Glück hast, kann sie sich an dich erinnern. Das will ich hoffen, sagte ich, so lang ist unser Abi ja nun nicht her! Trotzdem konnte ich wohl kaum mal so bei Simone anrufen, ohne daß sie sich wundern würde.

Ich mochte sie, hatte sie, die Klassenklügste, in den Anfängen meiner Pubertät sogar heimlich angehimmelt. Einen Kopf kleiner und ein halbes Jahr jünger als sie, war ich wohl der einzige Junge in unserer Klasse, der auf sie stand, was ich für mich behielt. Wegen ihr wäre ich fast Klassensprecher geworden. Ihre Kandidatur war bereits ausgesprochen. Gebraucht wurden aber zwei, ein Mädchen und ein Junge. Und zusammen mit Simone wollte das niemand machen. Niemand, außer mir. Zögernd hob ich die Hand. Knall auf Fall ertönte hinter mir Sascha Monzkes vorlautes Organ. Er werde antreten. Keine Ahnung, ob dies geschah, um mich zu verhindern. Sascha, die Sportskanone, der Klassenälteste, den die Mädchen so mochten und die Lehrer schätzten. Dabei war er vor allem im Weglaufen begabt.

Er ist dann gewählt worden. Meinen Arm hatte ich, noch bevor er ganz ausgestreckt war, wieder eingefahren. Aus Simones Ambitionen wurde genausowenig. Saschas Erklärung war kaum verklungen, da bekundeten Bärbel und Claudia ihr Interesse an einer Kandidatur. Ich glaube, neben Sascha ist damals Bärbel gewählt worden. Simone bekam bloß eine Stimme. Meine Stimme. Sie hatte nicht einmal für sich selbst votiert.

Martin erzählte ich davon nichts, was egal war, denn entweder besaß er die mir fehlende Menschenkenntnis, oder er verließ sich auf sein Gefühl. Kannst auch eine aufreißen, sagte er mit unverschämtem Grinsen. Nicht weit von uns entfernt lungerten drei dralle Grazien mit gefönten Blondfrisuren und engen Marmorjeans neben beziehungsweise auf einer Bank und füllten die Luft mit Geplapper. Ich versuchte, sie genauso wie Martins anzüglichen Blick zu ignorieren. Muß man mit den Leuten gleich in die Kiste steigen, um ihre Mentalität kennenzulernen? fragte ich. Schaden kann so was nie, sagte Martin, oder du läßt dich von den Rentnerinnen da hinten zum Käffchen einladen. Ja, sagte ich, warum nicht, die machen zumindest nicht die ganze Zeit schlüpfrige Anspielungen. Martin blies Rauch aus. Du könntest mich in deine Wohnung einladen! schlug ich vor. Wieso sollte ich? fragte Martin. Damit ich mal sehe, wie man hier so lebt. Denkste im Ernst, ich wohn im MV? Martin lachte. Tust du nicht? Nee, sagte er, reicht ja wohl, daß ich hier arbeite. Und du kennst dich dennoch aus? Ja, sagte er, ich hab dir ja gerade erklärt, wie man’s macht. Ein letzter Zug, dann warf er die Zigarette aufs Pflaster. Wir sind da! Er zeigte auf das Bibliothekszeichen.

*

Martin war ein Werktagsjournalist. Wochenendereignisse brachten es selten in unsere kleine Zeitung, allenfalls als Ankündigung. Höchstens bei einem erwartbar massiven Ausschank von Alkohol bestand eine größere Wahrscheinlichkeit, daß der Schriftleiter sich die Ehre gab. So war das sommerliche Wiesenfest ein Ereignis, auf das sich Martin anscheinend das ganze Jahr über freute, so oft, wie er mir davon erzählte. Da gibt’s ein Zelt für die VIPs, da kannste saufen und fressen, soviel du willst!

Zu fressen und zu saufen würde es bei der in einem Hochhausflur stattfindenden adventlichen Kaffeetafel, deren Besuch ich anstrebte, wohl geben, allerdings nicht im Sinne Martins, weshalb ich ohne ihn dorthin gehen mußte. Kurz erwog ich, Simone zu fragen, ob sie mich begleiten würde. Inzwischen waren wir seit knapp zwei Wochen so etwas wie ein Paar. Nachdem ich sie schließlich doch angerufen hatte, war die Sache ein wenig außer Kontrolle geraten. Und nun küßten wir uns ausführlich, wann immer wir uns begegneten.

Also war es professioneller, den Termin allein wahrzunehmen. Im Fahrstuhl beschlich mich der Verdacht, in Simones Wohnblock gelandet zu sein, denn die auf die blecherne Verkleidung gekrakelten Filzstiftsprüche glichen sich bis in die falsche Schreibweise des Namen Nietzsches. Bei meinem bislang einzigen Besuch bei Simone hatte ich nicht auf die Hausnummer geachtet. Und von außen erschienen mir die Gebäude alle gleich bedrückend. Da konnten Architekten und Stadtplaner noch so viel von serieller Individualität schwafeln.

Stimmen und Fetzen feierlich gemeinter Weihnachtsmusik hallten mir entgegen. Die Kaffeetafel war in einem Hausflur aufgebaut, direkt an der Wand, was diverse Wohnungstüren verstellte. Man saß nebeneinander, für ein Visavis wäre der Gang nicht breit genug gewesen. Als weihnachtliche Dekoration diente das Übliche: Tannenzweige mit dazwischen drapierten Mandarinen, Dominosteinen und Teelichten. Solange niemand das Deckenlicht anknipste, sorgten deren flackernde Flämmchen für wackelnde Schatten und für eine leicht gespenstische Atmosphäre. Nahezu zwanzig Nachbarn hatten Platz genommen und kauten Kuchen. Die dominierende Haarfarbe war weiß, doch erkannte ich durchaus dunkelhaarige Menschen jüngeren Alters, ein Vollbartmann saß auch am Tisch.

Ich wurde ebenfalls erkannt, und zwar von Simones Mutter. Die versorgte die Sitzenden gerade mit Kaffee aus einer Thermoskanne. Karsten! rief sie mir eine Spur zu laut entgegen, das ist ja mal eine Überraschung. Die Überraschung war tatsächlich gelungen. Fragt sich nur, wem. Ich stammelte den Namen meiner Zeitung. Frau Freund verstand. Sie habe gedacht, ich würde zu ihrer Tochter wollen. Simone ist hier? fragte ich, bemüht um äußere Gelassenheit. Nein, Frau Freund schmunzelte, die findet so was doof, kannst ja gucken, ob sie unten ist. Oh, sagte ich, ja, das heißt, nachher mal. Da wird sie sich freuen, sagte Frau Freund und widmete sich dann der leeren Kaffeetasse, die ihr eine runzlige Dame mit großer Brille entgegenstreckte.

Wohnen Sie hier im Haus? Hinter mir stand eine winzige Alte. Auf dem Kopf trug sie Reste einer grauen Dauerwelle. Ihre schmalen Schultern waren behängt mit einer gleichfarbigen Wollweste. Nein, sagte ich, ich bin vom MV Kurier. Das kann nicht sein, sagte sie mit schriller Stimme, dann würd ich Sie kennen, ich wohne beinahe zweiundzwanzig Jahre im Viertel. Ich bin neu in der Redaktion, sagte ich. Hörnse nicht uff Frau Krause, die is nich mehr janz richtich im Obastübchen! Das sagte die Dame mit der großen Brille. Was war das? sagte Frau Krause, meine Nachbarin spricht immer so, daß ich sie nicht richtig verstehen kann. Hörnse nich uff Frau Krause, wiederholte die Nachbarin, die hat nie akzeptiert, det ick hier zwo Taje länger wohn als sie. Meine Nachbarin schwindelt sicher wieder, krächzte Frau Krause, klar, sie und ihr Mann sind hier früher eingezogen, den Mietvertrag habe ich aber vor denen unterschrieben, den kann ich Ihnen gerne zeigen. Setzen Se sich, die Nachbarin deutete auf den Stuhl, der zwischen ihr und mir stand. Da sitzt doch … Ich zeigte auf Frau Krause. Die kann jar nich mehr sitzen! Das Tremolo in der Stimme der Nachbarin war beachtlich. Setzen Sie sich ruhig, junger Mann, flötete Frau Krause fast gleichzeitig, ich hab’s mit dem Rücken.

Also nahm ich Platz und ließ mich mit Stollen und Kaffee versorgen. Wie lange wohnen Sie denn schon im Viertel? fragte mich eine der Damen, und die andere wollte wissen, ob ich im MV aufgewachsen bin. Nicht ganz, sagte ich ausweichend, was nicht weiter schlimm war, denn die beiden hörten mir nicht zu. Während sich die Nachbarin die Karos meines Sakkos von nahem anguckte und dabei mehrmals sagte, ich sei ein anständiger junger Mann, junger Mann, so wat seh ick uff Anhieb, schwelgte Frau Krause in Erinnerungen.

Wir waren Pioniere, sagte sie, als wir hierherkamen, war ja gar nichts da. Sie müssen mir mal besuchen komm’, sagte die Nachbarin, Sie ham die jleiche Jröße wie meen Jatte, der war ooch imma tadellos jekleidet. Früher gab’s hier ja gar nichts, sagte Frau Krause, ich bin vom Wedding nach’m MV umgesetzt worden. Die ersten Jahre ham die Blagen alle naselang Häufchen ins Treppenhaus jesetzt, unterbrach die Nachbarin, die Mütter saßen ohm und hattn Besuch, durch die Sprechanlaje hießet jedetmal: Macht jefälligst unten.

Wissen Sie, junger Mann, Frau Krause klapperte mit dem Gebiß, wir mußten in die Stadt zum Einholen, mit dem Autobus. Mit dem Zwonsechzjer, ergänzte die Nachbarin, mit dem fahr ick heut noch, janz schnieke nach’m Kranzler, für so wat is Frau Krause ja zu jeizig. Frau Krause achtete gar nicht auf das Gesagte und erzählte lieber davon, daß sie für jeden Reißverschluß und für jeden Schnürsenkel in die Stadt habe fahren müssen, eine ganze Stunde hat das gedauert, nur eine Fahrt.

Und de U-Bahn! gurrte die Nachbarin dazwischen, seitdem ick hia wohn, hör ick, die wolln die U-Bahn bauen, aba nee, mit uns einfachen Leuten könnses ja machn, als würdn wa innem Kaff wohn, ieberall mußte wartn, kommste am Kurt-Schumacher-Platz an, ist der Bus wech, jedetmal wech, wennde ohm bist, und denn mußte dia wieda zwanzich Minuten die Beene innen Bauch stehn. Und voll sind die Busse, meine Herrn! übernahm Frau Krause wieder, im Zwoundsechziger kriegt man meistens keinen Sitzplatz, dabei bin ich ’ne olle Frau. Im Zwonzwanjer isset nich bessa! ergänzte die Nachbarin, da magste nachmittachs jar nich mea nach’m Kranzler fahrn.

Darf ich mal stören? Frau Freund stand hinter uns. Ja, sagte ich und bemerkte die unfreundlichen Blicke der beiden Damen. Neben Frau Freund stand ein Mann mit Stirnglatze, auf der einige dünne Haare klebten, und einem Sakko, das dem meinem recht ähnlich war. Hier ist er, Frau Freund legte ihre Hand auf meine Schulter. Der Neue vom Kurier? der Mann streckte mir seine Rechte entgegen, schön, daß Sie gekommen sind.

Frau Freund entschuldigte sich, und der Mann stellte sich als Hermann vor. Für einen Hochhausflur ging es hier enorm familiär zu. Karsten, sagte ich, ich schreibe für den MV Kurier. Wir entfernten uns von den beiden Damen, deren Stimmen lauter und schriller wurden. Ich habe diesen Nachmittag organisiert, sagte Hermann, weil ich der Meinung bin, daß wir nicht nur nebeneinander, sondern auch miteinander leben und wohnen, und zu so einem geselligen Anlaß kann man Dinge, die einen belasten, besser besprechen.

Daß es keinen U-Bahnhof gibt? Ja, sagte Hermann, das meine ich nicht, wobei das mit der U-Bahn natürlich ein Skandal ist, darüber könnten Sie ruhig mal wieder was bringen, heute geht es uns aber eher um Lärm und Dreck, um Wandschmierereien und daß im Fahrstuhl geraucht wird. Apropos, sagte ich, Nietzsche wird doch mit z geschrieben? Bitte? Hermann sah mich einen Moment lang konsterniert an. Der Kuchen, wechselte ich daher das Thema, es ist schön, daß die Nachbarn so viel gebacken haben. Der Kuchen! Hermann strahlte, den hat uns die Firma Thoben gestiftet, drei ganze Bleche. Großzügig! Das stimmt, sagte Hermann, und nun raten Sie mal, was uns die Gesobau angeboten hat! Ich fühlte mich überfordert, keine Ahnung, zudem war ich erstaunt, daß mich Hermann siezte. Drei Torten! beantwortete er seine Frage selber. Toll, sagte ich. Ganz und gar nicht toll, Hermann kniff die Augen zusammen, drei Torten, ’ne Frechheit ist das, die hab ich selbstverständlich abgelehnt, da hatte ich eindeutig mehr Unterstützung erwartet. Klar, sagte ich, weil Hermann mich so ansah, als müßte mir das klar sein.

Er bedankte sich für mein Kommen. Ich bedankte mich für die Informationen und fotografierte die Szenerie. Bleiben Sie ruhig noch, Herr Carstens, sagte er, und ich begriff mein Mißverständnis. Eine Weile stand ich ratlos vor mich hin. Dann verabschiedete ich mich von Frau Freund. Gehen Sie runter zu Simone? fragte sie, als sie mir die Hand gab. Wo ich schon hier bin, sagte ich, falls Simone überhaupt da ist. Davon gehe ich aus, sagte Frau Freund, sonst können Sie ja warten, die kann nicht lange wegsein. Ich weiß nicht, sagte ich. Dann müßte ich Ihnen bloß die Tür aufschließen, meinte Frau Freund. Das ist nicht nötig! Ich komme schnell mit, sagte sie, und bevor ich ablehnen konnte, hatte sie sich in Bewegung gesetzt.

Simone war nicht zu Hause. Na, so was, sagte Frau Freund, komm erst mal rein, Mone sagt eigentlich Bescheid, wenn sie länger weg ist. Mein Zögern beim Betreten der Wohnung blieb nicht unbemerkt. Ich kann ja erst mal dableiben, sagte sie, oben ist ja nicht mehr viel los. Keine Umstände, sagte ich. Sind keine Umstände, Frau Freund blieb dicht vor mir stehen. Sie war gute zehn Zentimeter kleiner als ihre Tochter. Ich mochte, wonach sie roch. War es Parfüm oder Shampoo? Ein tadellos gekleideter junger Mann, sagte sie, und ich meinte, dabei ihren Atem zu spüren. Mir wurde warm. Ich brauchte eine Weile, um diese Anspielung zu verstehen, da hatte sie sich bereits wieder von mir gelöst und das Durchgangszimmer betreten. Sie sind so ’n Anzugtyp, Frau Freund stand im Türrahmen, hat mächtig Eindruck gemacht auf die Damen heute. Auf Frau Krause? sagte ich, und Frau? Den Namen kann ich mir nie merken, sagte Frau Freund, die zwei waren die ersten Mieter im Haus, und seitdem zanken sie sich, wer zuerst da war. Ach so, sagte ich. Hängen Se sich irgendwo auf, sagte Frau Freund, während sie in die Küche ging.

Sie stand vor der aufgeklappten Kühlschranktür, etwas unschlüssig, wie mir schien, und fragte, ob ich etwas trinken wollte. Ich wußte es nicht. Wir haben leider kein Bier da. Kein Problem, sagte ich. Die Küche war äußerst klein. Ich hätte besser im Vorraum am Eßtisch stehenbleiben sollen. Ich trink auch lieber Cola, sagte ich, Coca-Cola. Mal gucken, sagte Frau Freund in den Kühlschrank hinein und verrückte verschiedene Verpackungen, nein, ist wohl alle. Sie schloß die Tür und drehte sich zu mir um. Ein Wunder, daß sie mich dabei nicht berührte. Wir sind schlecht sortiert, sagte sie mit einem entschuldigenden Lächeln. Bitte keine Umstände! Saft müßte noch da sein, Frau Freund bückte sich, um in einen Unterschrank zu schauen. Der Stoff ihrer Jeans umschmiegte ihren kleinen runden Po. Sie war deutlich schlanker als ihre Tochter.

Ehrlich, sagte ich, keine Umstände. Hm, Frau Freund richtete sich wieder auf, selbst der Saft ist alle. Wir standen uns gegenüber. Frau Freund zupfte an ihrem Pullover, dabei hätte er nicht besser sitzen können. Ihre Augen hatten so ein fröhliches Funkeln, auf das ich nicht anders als mit einem Lächeln reagieren konnte. Frau Freund strahlte mich unverändert an. Einen Moment lang war ich wie erstarrt, dann sagte sie: Wenn Sie Hunger haben? Danke, sagte ich, gab ja gerade Kuchen.

Richtig, Frau Freund lachte, ganz vergessen. Dann schien sie eine Idee bekommen zu haben und öffnete eine weitere Schranktür, hinter der sie kleine Gläschen hervorholte. Kommen Sie, sagte sie und machte eine Handbewegung, die mich rückwärts gehen ließ. Neben dem Eßtisch ließ ich sie an mir vorbei und folgte ihr ins Wohnzimmer, das von dem vorm Fenster baumelnden Stern matt beleuchtet wurde. Frau Freund schaltete die Stehlampe neben der Couch an und öffnete dann eine Klappe in der Schrankwand, hinter der sprang eine Neonröhre an. Jetzt zwitschern wir uns einen! Sie präsentierte eine Flasche Baileys. Oh, sagte ich und fühlte mich vom reinen Anblick beschwipst. Zur Feier des Tages, sagte sie und stellte die Gläser auf den Couchtisch und drehte die Flasche auf. Setzen Sie sich, Karsten!

Ich setzte mich auf die Couch und griff nach dem mir entgegengehaltenen Glas mit der milchigbraunen Flüssigkeit. Dabei streiften sich unsere Finger. Gut, sagte ich, weil es ja zu spät war abzulehnen, diesen einen. Frau Freund nahm den Sessel vorm Balkonfenster und hielt mir ihr Glas entgegen. Weil ich zu weit entfernt saß, erhob ich mich leicht, damit wir anstoßen könnten. Bleiben Sie sitzen, sagte sie und führte ihr Glas an die Lippen. Ich sank zurück ins Polster und trank das Zeug in einem Zug weg. Der klebrigen Süße im Mund folgte ein Brennen im Brustbereich. Schön, daß wir uns kennenlernen, sagte Frau Freund, und ich wußte bloß zu nicken.

Nu sitzen wir da, sagte Frau Freund nach einer Weile, in der wir hauptsächlich gesessen hatten. Geguckt habe ich ebenfalls. Überallhin, außer zu Frau Freund, hinter der die Nacht vorweihnachtlich blinkte, und auch das Wohnzimmer war nicht ohne Glitzern und Glimmen. Dazwischen hingen blasse Bilder, gewiß Selbstgemaltes hinter Glas und ohne Rahmen, ein bißchen Landschaft, ein Kahn am Strand, drei kleine Hunde.

Kann ja mal für mehr Stimmung sorgen, Frau Freund stand auf und zündete die auf dem Tisch stehenden Kerzen an. Ich glaub, ich muß bald gehen, sagte ich. Ach, Frau Freund sah mich an, wer weiß, wo Mone steckt. Ich muß den Artikel schreiben, sagte ich. Verstehe, Frau Freund ließ die Locken wackeln, die frischen Eindrücke. Genau, sagte ich. Aber einen trinken wir noch. Sie lächelte, und mir war schwummerig. Vielleicht war das der Moment, an dem ich süchtig wurde nach diesem Lachen, das urplötzlich aus ihr herausplatzen konnte, wie die Sonne an trüben Tagen mitunter eine Wolkenlücke nutzt, um zu zeigen, daß sie das ist, was uns fehlt.

Schön, daß Sie sich so gut mit Simone verstehen, Frau Freund füllte unsere Gläser, ihr paßt gut zusammen, das fand ich früher schon. Ach ja? Ich nippte an der süßen Flüssigkeit. Frau Freund hielt sich kurz die Hand vor den Mund, ihre Augen funkelten. Darf ich gar nicht sagen, sagte sie verschmitzt, sonst krieg ich Schimpfe von Mone, damals bei den Klassenfotos, da hab ich mir sagen lassen, wer wer ist, und bei Ihnen, Karsten, dachte ich, der paßt zu meiner Tochter. Dazu wußte ich nichts zu sagen, weshalb ich wieder trank, das ganze Glas in einem Hieb. Frau Freund beobachtete mich dabei, und als ich es zurück auf den Tisch stellte, nickte sie zufrieden, als hätte ich eine Prüfung bestanden. Ich hoffe, ich bringe Sie nicht in Verlegenheit, sie lächelte. Nein nein, log ich.

Zweitens:

Endstation Moppelkotz

Das Restaurant, in das mich mein Chef Anfang 1989 einlud, stand in der niedrig bebauten Peripherie des Märkischen Viertels. Sechzehn Uhr war nicht unbedingt eine Zeit zum Mittag- oder Abendessen. Dann ist es schön leer, meinte Martin. Das Gebäude, in dem sich das Neu-Delphi befand, besaß das typische Einfamilienhausformat, inklusive großer Terrasse, die man über eine Steintreppe erreichte. An den Fensterscheiben klebten rote Zettel, die auf eine neue Bewirtschaftung hinwiesen. Wußtest du das? Logo, sagte Martin, sonst wären wir nicht hier, letztes Jahr hieß der Schuppen noch anders. Wie denn? fragte ich beim Betreten des Lokals, Alt-Delphi?

Rein optisch hätte zumindest der erste Teil dieses Namens gepaßt, rustikal, wie der Laden eingerichtet war. In jeder zweiten Schnitzelranch sieht es so aus. Wir waren die einzigen Gäste. Ein Mann mit schimmernd schwarzen Locken und aufgesetzter Freundlichkeit begrüßte uns wie alte Bekannte. Martin stellte uns vor als Redakteure des MV Kurier, den jeder Haushalt im Viertel bekomme. Vierzigtausend Leser, fügte er zwinkernd hinzu, und viele davon könnten demnächst Lust verspüren, das Neu-Delphi zu besuchen, man müßte es ihnen nur schmackhaft machen.

Der Wirt stutzte kurz, bis er verstand. Ein Goldzahn blitzte im Dunkel seines Mundes auf. Schnorren wollt ihr! So würde ich das nicht nennen, sagte Martin, wie wär’s mit: Informationsbesuch. Der Mann guckte verschmitzt: Ich zeige euch den Laden gerne! Gut, sagte Martin, und wenn zufälligerweise Kostproben auf unserem Tisch landen … Der Wirt hob die Hände, als würde er bedroht. Dann bat er uns, ihm zu folgen.

Das nennst du also einladen? bemerkte ich, kaum daß wir saßen. Für irgendwas muß das Journalistendasein ja gut sein. Er sah mich an. Seitdem du Anzüge trägst, wirkst du so seriös, vor allem für einen Neunzehnjährigen. Zwanzig, sagte ich. Du hattest Geburtstag? Letzte Woche, sagte ich. Und das erfahre ich erst jetzt? Er streckte mir seine Hand entgegen, die ich ignorierte. Kein Alter, um darauf stolz zu sein. Ansichtssache, fand Martin. Und das Ding, das du da neuerdings um deinen Hals trägst, ist dann ein Geschenk? Ich bejahte. Der Kellner stellte ein Schälchen auf den Tisch. Das ist was Indianisches, oder? Martin pickte eine Olive. Ich zuckte mit der Schulter. Von deiner Schnitte? Er pulte sich den Kern aus den Zähnen. Wie hieß die gleich? Simone, antwortete ich, von der ist es nicht. Von deiner Schwester? Nein, ich probierte eine Olive, die war salzig und matschig. Du hast ’ne Neue? Martin lehnte sich auf seine Unterarme, komm, spuck’s aus! Alles, was ich von mir gab, war Olivenrest. Sei nicht so neugierig! Ich nippte an meinem Bier. Du hast dich verändert, Martin legte den Kopf schräg, und beim Frisör bist du auch gewesen!

Nicht allein die neue Frisur verdankte ich Christel Freund, der Mutter meiner Freundin Simone. Die war Friseuse. Und das Bolotie um meinen Hals hatte sie mir geschenkt. Geflochtenes Lederband mit silbernen Metallspitzen und Adlerkopfbrosche. Sie habe gewußt, daß ich keine Krawatte tragen würde. Krawatten seien nichts für mich, so ein Bolotie dagegen, das müßte mir stehen. Gesehen hatte ich so etwas nie zuvor, geschweige denn den Namen gehört. Deshalb war mir anfangs nicht bewußt, daß Frau Freund Bolotie falsch aussprach. So wie bei Partie und nicht wie bei Partei. Dabei ist das ein englisches Wort. Tie heißt Krawatte, aber auch Schnur.

Mittlerweile war der Wirt dazu übergegangen, unseren Tisch mit Tellern vollzustellen. Zu kosten gab es nicht zu knapp. Mich beschlich jedoch der Verdacht, unsere Dreistigkeit würde mit besonders üblen Gerichten bestraft werden. Martin dagegen langte ordentlich zu. Lecker, oder? schmatzte er, während ich tapfer an einem schwarzgestreiften Lammkotelett herumsäbelte. Fräulein Schultze ist anscheinend noch sauer auf dich, sagte Martin kauend, wegen ihrer Geschichte neulich. Ich zuckte mit der Schulter.