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Welche Folgen hat die dramatische Überalterung der Gesellschaft für unsere Demokratie? Werden einige wenige wohlsituierte »Best Ager« und »Silver Surfer« die politische Partizipation an sich reißen und eine Wutbürger-Interessenvertretung betreiben, die nur die Bedürfnisse ihrer Altersgruppe im Blick hat? Oder erfüllt sich die demokratische Hoffnung auf eine erweiterte und intensivierte politische Beteiligung der Seniorinnen und Senioren, die allen Generationen zugutekommt? Damit letzteres gelingt, so Emanuel Richter, müssen die herrschenden Altersbilder kritisch durchdacht, die soziale Spaltung im Kreis der Senioren vermindert und die spärlichen Beteiligungsangebote phantasievoll erweitert werden. Demokratie statt Demenz lautet die Devise.
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Seitenzahl: 390
Veröffentlichungsjahr: 2020
3Emanuel Richter
Seniorendemokratie
Die Überalterung der Gesellschaft und ihre Folgen für die Politik
Suhrkamp
Cover
Titel
Inhalt
Informationen zum Buch
Impressum
Hinweise zum eBook
Cover
Titel
Inhalt
Einleitung: Die mangelnde politische Auseinandersetzung mit den Senioren
1. Allgegenwärtige Senioren in einer alterslosen Gesellschaft
1.1 Die Fakten: die Alterung der Weltgesellschaft
1.2 Erzwungene Betriebsamkeit: Arbeiten und Konsumieren bis zum Tode
1.3 Der soziale Spaltpilz unter den Senioren
2. Die Altersbilder und der paradoxe Jugendkult
2.1 Die Klischees des Alterns: zwischen Altersmelancholie und Altersweisheit
2.2 Jugendkult und Selbstoptimierung
3. Das schwache politische Profil der Senioren
3.1 Die fehlende demokratische Sichtbarkeit der Senioren in der Politik
3.2 Senioren-Selbsthilfe als Strategie der wohlfahrtsstaatlichen Entlastung
4. Herrschaft der Senioren oder Stärkung einer solidarischen Bürgerbeteiligung?
4.1 Der Krieg der Generationen und die Gerontokratie
4.2 Demokratie statt Demenz als politisches Programm
4.3 Politisierte Senioren
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Das Motto der Gegenwart und der nächsten Jahrzehnte muss lauten: »Ageing Matters!« Das soll heißen: Das Alter und die Alterung sind hoch bedeutsam und gehen uns alle an. »Ageing Matters« ist eine klangvolle Formel aus der internationalen Ratgeberliteratur. Mit diesem Ausruf ist nicht nur gemeint, dass dem Lebensalter, ob jung oder alt, in allen öffentlichen Belangen mehr Beachtung zukommen sollte. Dieser Ruf zielt im Besonderen auf eine erhöhte Aufmerksamkeit für die Lage und die Belange der älteren Generationen. Denn in der ganzen Welt nimmt die Zahl der Senioren beträchtlich zu, und dieser Trend wird noch bis mindestens zur Mitte dieses Jahrhunderts anhalten. Es zeichnet sich ein massives Ungleichgewicht zwischen den verschiedenen Altersgruppen ab. »Ageing Matters« – das fordert dazu auf, über die soziale und ökonomische Lage, über die Integration und über die politische Rolle von immer mehr Senioren verstärkt nachzudenken. Wenn es so viele ältere Menschen gibt, dann entstehen daraus auch neue Herausforderungen für die Demokratie. Als Betroffene werden die Senioren in der politischen Sphäre bereits immer deutlicher sichtbar. Inwieweit können und sollen sie auch als Handelnde mehr politisches Gewicht erlangen? Erweisen sich die Senioren bei genauerer Betrachtung als die einstmaligen, als die restlichen oder als die vermehrt in Erscheinung tretenden Repräsentanten einer politisch interessierten und engagierten Bürgerschaft? Welche Möglichkeiten zur politischen Partizipation bestehen oder bieten sich vor dem Hintergrund der alternden Gesellschaft an?
Eine deutlich gealterte Bürgerschaft kann für die Demokratie zum Fluch oder zum Segen werden. Die allererste Befürchtung ist: Es droht ein erbärmliches Absterben der Demokratie. Wenn man von der Annahme ausgeht, dass sich ältere Menschen weniger für die Politik interessieren und engagieren als jüngere, dann wird sich die Politikverdrossenheit schlicht deshalb ausbreiten, weil die Zahl der Senioren wächst. Das Interesse der Senioren für die Politik könnte schwinden, weil die meisten von ihnen mit der Sorge um 8ihr tägliches Auskommen sowie mit der Pflege ihrer angegriffenen Gesundheit völlig ausgelastet sind. Der Demokratie würden durch die wachsende Zahl alternder, politisch passiver Bürger die Akteure entzogen. Übrig blieben allenfalls noch einige wenige, alternde Profipolitiker in politischen Führungsämtern, die vielleicht sogar so von ihrer eigenen Kompetenz und Altersweisheit überzeugt und eingenommen wären, dass sie dem Versuch erliegen würden, sich über Sonderregelungen oder gar über Notstandsverordnungen der üblichen Begrenzung ihrer Amtszeit zu entziehen. Beispiele dafür gibt es heute schon genug. Immer enden sie in der autokratischen Herrschaft von auf jung getrimmten Greisen, die demokratische Prozesse außer Kraft setzen und dem Volk nachhaltig schaden. Es käme zu einer Vergreisung der Demokratie, die gleichzeitig ihr Ende einläuten würde.
Eine andere Befürchtung richtet sich genau umgekehrt auf die wachsende politische Einflussnahme einer zahlenmäßig starken und dominanten Altersgruppe. Droht uns eine Herrschaft der Senioren, indem sie zahlreiche politischen Ämter sowie große Teile des Bürgerengagements an sich reißen und ausschließlich Klientelpolitik betreiben? Diese Befürchtung gewinnt Nahrung durch den Trend, dass die Jungen aufgrund ihrer familiären und beruflichen Belastungen immer weniger Zeit für das politische Engagement aufbringen können. Aber sicherlich werden nicht alle Senioren in der politischen Sphäre in Erscheinung treten. Wiederum wird sich ein sozialer Spaltpilz bemerkbar machen, der jene Senioren von der politischen Betätigung ausschließt, die tagtäglich um ihre materielle Grundversorgung kämpfen müssen. Die zu erwartende Schar an armutsbedrohten Senioren könnte als Rentenprekariat völlig aus dem Spektrum der politischen Aufmerksamkeit verdrängt werden. Dann bekämen wir es vor allem mit alternden, wohlsituierten Wutbürgern zu tun, die zu ihren Gunsten streitlustig in jede politische Auseinandersetzung eingreifen. Werden also nur noch wohlhabende, gut gebildete und vor Gesundheit strotzende Senioren die Restexemplare der Bürgerschaft und ihrer Altersgruppe sein, die im politischen Raum sichtbar bleiben? Treten diese dann als sture Verfechter ihrer Privilegien auf, mit der Folge, dass sie sich gleichzeitig zu wenig um das Wohl der ärmeren Altersgenossen kümmern? Haben wir insgesamt mit einer feindlichen Übernahme der politischen Interessenvertretung durch die Senioren zu rechnen? Dann steuern 9wir auf eine Gerontokratie zu, die verbunden ist mit einem Krieg der Generationen.
Die demokratischen Hoffnungen gegenüber der Seniorendemokratie heften sich an eine idealistisch wirkende Erwartung: Die erhöhte Zahl der Senioren führt dank ihrer verstärkten politischen Betätigung zu größerer politischer Sichtbarkeit der Bürgerschaft insgesamt. Unter dieser Annahme trägt die Alterung der Gesellschaft zu einer Stärkung der partizipatorischen Demokratie bei. Können aber die Senioren tatsächlich als agile Ruheständler und als aufmerksame Wächter der Demokratie eine ungeahnte Ausweitung bürgerschaftlicher Teilhabe in die Wege leiten, die dank solidarischen Verhaltens den Bedürfnissen aller Altersgruppen zugutekommt und die Demokratie zu neuer Blüte führt? Stehen uns dadurch große demokratische Errungenschaften bevor, dass sich viele der Senioren mit reichhaltiger Lebenserfahrung in die Politik einbringen und das politische Geschehen einer ganz neuartigen Partizipationskultur zuführen, die vielleicht sogar andere Generationen stimuliert? Es gibt viele Fragen und bislang kaum Antworten, viele Zweifel und wenig Gewissheit. Es gibt deutliche demografische, soziale, politische und kulturelle Entwicklungen, Tendenzen und Dynamiken, die jedoch in Hinblick auf die demokratischen Folgen der alternden Gesellschaft noch nicht zu einem klaren Bild zusammengefügt worden sind. Daher ist ein genauerer Blick auf den markanten Generationswechsel und auf die Folgen für Politik und Demokratie erforderlich.
Fest steht: Alle westlichen und auch viele nichtwestliche Gesellschaften werden bis mindestens zur Mitte des 21. Jahrhunderts einen erheblich anwachsenden Anteil an älteren Menschen aufweisen. Erst danach könnte sich wieder ein Gleichgewicht zwischen den Generationen herstellen, weil im Moment keine neue »Baby-boomer«-Generation heranwächst. In Deutschland werden im Jahr 2050 mindestens 35 Prozent der Bevölkerung über 60 Jahre alt sein.[1] Das bedeutet einen markanten demografischen Wandel, denn im Jahr 1990 waren es etwa 20 Prozent, gegenwärtig sind es etwa 28 Prozent.[2] Es zeichnet sich bereits jetzt sehr deutlich eine 10so genannte Überalterung ab – es gibt übermäßig viele alte und vergleichsweise zu wenige junge Menschen. Das ausgeglichene Verhältnis zwischen den Generationen ist gestört. Es kommt zu einer Geriatrisierung der Welt.
Was hat dieser demografische Wandel für politische Konsequenzen? Was bedeutet er für die Demokratie? Darüber macht man sich bislang kaum Gedanken. Lediglich die wohlfahrtsstaatlichen Probleme der alternden Gesellschaft werden allmählich wahrgenommen und finden in der Politik zunehmende Berücksichtigung. Alarmiert vom steigenden Armutsrisiko der Senioren, beschäftigt man sich mit den fatalen Folgen für die Rentenpolitik. Hektisch drehen die Politiker an den Stellschrauben für die Ruhestandsregelungen. Fieberhaft intensiviert man in die Gesundheitsfürsorge, eifrig kümmert man sich um seniorengerechte Lebensformen, phantasievoll sorgt man für eine altersgerechte Freizeitkultur. Was bei alledem jedoch fehlt, ist die tiefere Auseinandersetzung mit den demokratischen Aspekten dieser Entwicklung. Will man eine lebendige Demokratie, dann braucht man tatkräftige, politisch umsichtige Akteure. Das gilt ganz besonders in Zeiten bedrohlich anwachsender populistischer Bewegungen, in denen schrill tönende Meinungsführer eher mit politischer Empörung aufwarten als mit konstruktiven Vorschlägen. Die Demokratie ist grundsätzlich darauf angewiesen, dass sich die Bevölkerung politisch eifrig betätigt – das ist der partizipatorische Grundimpuls aus dem urdemokratischen Postulat der Selbstregierung des Volkes. Darüber hinaus funktioniert die Demokratie nur, wenn sie klare Vorstellungen über die gemeinschaftlichen Herausforderungen und Belange hervorbringt. Sie schließt selbstverständlich das Wohl aller Bevölkerungskreise und aller Altersgruppen ein. Die Demokratie zehrt davon, dass möglichst viele Menschen jeglichen Alters als politische Profis oder als politische Laien, als Betroffene und als Akteure öffentlich sichtbar werden und die Politik mitgestalten. Unabhängig von ihren altersspezifischen Wahrnehmungen und Anliegen müssen sie solidarisch das Wohl der gesamten Bürgerschaft vor Augen haben.
Welche Rolle können nun insbesondere die Senioren dabei spielen? Eine grundlegende Einsicht dieses Buchs wird lauten: Die wachsende Zahl an Senioren kann nur unter bestimmten Bedingungen einen greifbaren demokratischen Gewinn erzielen und zu einer Stärkung der partizipativen Demokratie beitragen. Mit 11den dazugehörigen Ausgangsbedingungen, Hintergründen und Schwierigkeiten muss man sich deshalb gründlich auseinandersetzen; hier fehlen bislang verlässliche Befunde. Die politische Bedeutung der zahlreicher werdenden Senioren lässt sich bisher nur anhand von wenigen verfügbaren Grunddaten ablesen. So weiß man einiges über ihre Wahlbeteiligung und ihre -präferenzen sowie über die Formen und die Intensität ihres ehrenamtlichen Engagements. Viel mehr aber weiß man nicht. Es fehlen allgemeine Erkenntnisse darüber, wie sich die Alterung der Gesellschaft auf die Teilhabe der Bürger an den politischen Kommunikations-, Beratungs- und Entscheidungsprozessen auswirken könnte. Ein genauerer Blick auf die soziale, kulturelle und politische Lage der Senioren wird erforderlich, um die Möglichkeiten und Tücken ihrer verstärkten politischen Präsenz ausloten zu können. Erst auf der Basis einer gründlichen Auseinandersetzung mit dem politischen Profil der Senioren lässt sich eine konstruktive Vorstellung der Demokratie unter den Bedingungen der alternden Gesellschaft entwerfen. Nur unter Berücksichtigung der komplizierten sozialen, ökonomischen, kulturellen und politischen Rahmenbedingungen erlangt die Seniorendemokratie das Potenzial, eine fruchtbare Politisierung einzuleiten. Das wäre das Beste, was gesellschaftlich und politisch aus dem Phänomen der Überalterung resultieren könnte.
Vor dem Einstieg in das Thema muss die kritische Auseinandersetzung mit der Begrifflichkeit stehen. Das Alter wird vielfach verunglimpft, Klischees und Stereotype herrschen vor. Die Bezeichnungen »Alte«, »Ältere« und »Betagte« klingen dabei noch relativ harmlos und neutral, in dem englischsprachigen Begriff »senior citizens« schwingt sogar so etwas wie Hochachtung mit. Dann gibt es aber auch umgangssprachliche Titulierungen, wie »Oldies«, »Greise« und »Grufties«, »Silver Ager« oder »Golden Ager«. Sie sind im besten Fall ironisch gemeint, im schlimmsten Fall sollen sie offen diskriminieren. Die Senioren gelten verbreitet als kränkelnd, leistungsschwach, hilfsbedürftig, mürrisch, trotzig, desinteressiert an gesellschaftlichen Belangen. Ihre wachsende Zahl wird als bedrohlich empfunden und führt zur despektierlichen Rede von der »Rentnerschwemme«; der »Demenzgesellschaft« oder der »Rentnerdemokratie«.[3] Auch die Weltgesundheitsorganisation 12stellt eine Diskriminierung von Senioren fest, tituliert diese als »Ageism« und stellt sie in ihrer negativen Bedeutung sogar dem »Sexismus« und dem »Rassismus« gleich. Die Diskriminierung der Senioren führt zu gesellschaftlichen Vorurteilen. Sie trägt zu einer von Desinteresse und Missachtung gezeichneten Behandlung ihrer Bedürfnisse und Anliegen bei, und sie macht sich in den unsensiblen, unausgereiften Formen des institutionellen Umgangs mit den alternden Menschen bemerkbar.[4] Es ist also zunächst einmal eine nüchterne Begrifflichkeit gefragt, die zu einer vorurteilsfreien Betrachtung beiträgt und eine sachliche Auseinandersetzung mit der politischen Charakteristik der Senioren erlaubt. In diesem Buch gelangt der Begriff Senior zur Anwendung, wenn es um eine neutrale Beschreibung der Altersgruppe und ihrer Angehörigen geht. Nur diese Bezeichnung scheint mir von dem Anspruch einer unvoreingenommenen Würdigung getragen zu sein. Ich verwende die männliche Form, schließe darin aber auch alle weiblichen Angehörigen der Altersgruppe, also korrekt »Seniorinnen«, ein. Der Gebrauch der männlichen Form als Sammelbezeichnung geschieht nur aus Gründen der besseren Lesbarkeit und soll keine diskriminierende Position zum Ausdruck bringen. Dieser Sprachgebrauch erstreckt sich auch auf andere in diesem Buch häufig vorkommende Begriffe wie zum Beispiel den »Bürger«, der natürlich genauso gut weiblichen wie männlichen Geschlechts oder auch transsexuell sein kann.
Auch hinsichtlich der Rede von einer »Überalterung« ist Vorsicht angebracht. Der Begriff bezieht sich auf den vermeintlich sicheren Maßstab einer Normalverteilung der Altersgruppen, die genaue Aussagen darüber zulässt, wann Abweichungen von dieser Normalverteilung zu verzeichnen sind. Diesen sicheren Maßstab gibt es jedoch nicht. Für das ausgewogene Verhältnis zwischen den einzelnen Altersgruppen lässt sich kein verbindlicher Richtwert ermitteln, es gibt allenfalls triftige Einschätzungen. Weil es auf die Perspektive ankommt, lässt sich mit dem Begriff der Überalterung auch Missbrauch betreiben: Im Nazideutschland diente beispielsweise die Rede von der »Überalterung« zur Klage über einen Geburtenschwund, der die Fortexistenz des »deutschen Volkskörpers« 13gefährde.[5] Ich werde den umstrittenen, aber in den aktuellen Debatten vielfach gebrauchten Begriff nur deshalb beibehalten, weil er griffig auf eine Reihe von ernstzunehmenden Problemen demografisch auffälliger Dynamiken verweist. Darauf gehe ich in Kapitel 1.1 noch näher ein.
Die zahlreich im Umlauf befindlichen Begriffe zur Kennzeichnung der Altersgruppe zeugen von sehr unterschiedlichen Sichtweisen auf das Alter und die Alterung. Diese Abhängigkeit von Perspektiven erweist sich keineswegs als Manko, sondern kann durchaus als eine erste seriöse Erkenntnis über die Senioren fruchtbar gemacht werden: Die Charakteristik einer Altersphase erweist sich teilweise als sozial konstruiert. Man schafft eine bestimmte Fremd- und Selbstwahrnehmung von älteren Menschen, die breite Wirksamkeit erlangt. So birgt das Statusmerkmal »Senior« unterschiedliche, gesellschaftlich wirksame Bilder des Alters und des Alterns, die unter den Senioren selbst oder in anderen Altersgruppen verbreitet sind. Diese Bilder können sich verändern, und sie wandeln sich in der Tat ständig. Die Altersbilder prägen die Problemwahrnehmung der alternden Gesellschaft sehr stark und vermischen sich mit der Faktenlage – oder überdecken diese. Der Befund der Überalterung erweist sich als eine Mischung aus »Diskurs und Lebenslage«.[6] Es gibt demnach gar kein objektives Erscheinungsbild der Altersphase, sondern vielmehr verschiedenartige Betrachtungen. Zugleich stehen unterschiedliche Aspekte des Alterns nebeneinander. Norberto Bobbio unterscheidet fünf Altersdimensionen: Er erwähnt das urkundliche/chronologische Alter, das biologische, das bürokratische, das psychologische und das subjektive.[7] Insofern muss in diesem Buch das ganze Spektrum der Alterung im Auge behalten werden: die Faktenlage zur Überalterung, die mit einer Reihe von aufschlussreichen Sozialdaten zur wachsenden Zahl an Senioren und zu ihren Bedürfnissen oder zu ihrem Verhalten aufwarten kann; und die Altersperspektiven beziehungsweise Altersbilder, die es immer schon gab und die im Zuge der Überalterung an Bedeutung gewinnen und 14bemerkenswerten Veränderungen unterliegen, die aber auch ihrerseits bestimmte gesellschaftliche und politische Wahrnehmungen und Dynamiken hervorrufen.
Aufgrund der unübersichtlichen Verschränkung von Fakten und Betrachtungen ergibt sich die Notwendigkeit, die politischen Dimensionen der alternden Gesellschaft und insbesondere die demokratischen Folgen immer im Wechselspiel zwischen der realen Lage und ihrer Einschätzung zu betrachten. Der Hauptteil des Buches beginnt daher sinnvollerweise mit einer Zusammenfassung der Faktenlage des demografischen Wandels (Kapitel 1). Es sollen zunächst gegenwärtige Entwicklungen, Dynamiken und Trends der Überalterung anhand von Daten und Befunden dargestellt werden. Dieses Panorama vermischt sich aber unweigerlich mit gesellschaftlich wirksamen Bildern vom Alter. Diese zeigen die vorherrschende Tendenz, die Alterung zu verdrängen und den Klischees einer Alterslosigkeit zu folgen, die einer ökonomischen Marktlogik gehorcht. Es gibt in den hochtechnologisierten Industriegesellschaften die allgemeine Erwartung, dass jede einzelne Person eine auf Erwerbstätigkeit ausgerichtete Betriebsamkeit zeigt. Dieses neoliberal eingefärbte Menschenbild erstreckt sich mittlerweile auch auf die Senioren, die inzwischen ebenfalls einer Verwertungslogik unterworfen werden. Die staatliche Seniorenpolitik offenbart das, und die Strukturen der Arbeitsmärkte und die entsprechenden gesellschaftlichen Leitbilder bestätigen es. Die Senioren sollen, wie die Erwerbstätigen, auf dem Markt ihrer altersspezifischen Produktivität wettbewerbsfähig bleiben und sowohl arbeiten wie auch konsumieren – so lange, wie sie es körperlich vermögen. Wie die einschlägigen Befunde zeigen, passen sich tatsächlich viele Senioren bereitwillig oder notgedrungen den Vorgaben einer unablässigen, im Grunde altersbereinigten, also alterslosen Betriebsamkeit an – so gut sie eben können.
Allerdings bleiben unter ihnen dabei die sozial Schwachen, die schlecht Qualifizierten und die Kranken auf der Strecke. Ein sozialer Spaltpilz unter den Senioren droht sich in einen politischen Spaltpilz zu verwandeln. Die materiell bessergestellten, besser gebildeten, einkommensstarken und meist auch gesünderen Senioren neigen in der Tat zu politischer Betätigung, während die ärmeren, sozial isolierten und kränkelnden Senioren sich politisch ausgegrenzt fühlen und kaum zu politischem Engagement motiviert 15werden können. Unter dieser Randständigkeit leiden zwei Seniorengruppen besonders: die älteren Frauen und die Senioren mit Migrationshintergrund. Daher herrscht erheblicher Bedarf an materieller Versorgung, an verbesserter gesellschaftlicher Integration und an größerer politischer Berücksichtigung gerade derjenigen, die aufgrund ihrer sozialen Lage nicht selbst die Pflege ihrer politischen Anliegen betreiben können. Die in diesen Kreisen verbreitete politische Sprachlosigkeit ist genauso kritikwürdig wie eine einseitige bürgerschaftliche Sprachmächtigkeit der bessergestellten Senioren. Einerseits werden bei solch einem Missverhältnis die Bedürfnisse der randständigen Senioren nicht hinreichend bedient, obwohl gerade sie eine sorgfältigere politische Interessenvertretung am nötigsten hätten. Andererseits ergibt sich wenig Hoffnung auf eine allgemeine, allen Altersgruppen zugutekommende Stärkung der partizipativen Demokratie, wenn lediglich vor Selbstbewusstsein strotzende Wutbürger in Erscheinung treten, die vornehmlich ihre eigenen Anliegen vertreten und ihre eigene Weltsicht durchsetzen wollen. Eine erheblich ausgeweitete, wohlfahrtsstaatliche Gleichheitspolitik zugunsten der von Armut betroffenen und von Ausgrenzung bedrohten Senioren wird erforderlich, um letztendlich eine breitflächige Ermunterung zur politischen Partizipation und eine ausgewogene politische Repräsentation erzielen zu können. Über die angemessenen Formen der Ermunterung muss verstärkt nachgedacht werden.
Zu einem politisch aktiven Senior gehört auch ein passendes Selbst- und Fremdbild. Entsprechen die herrschenden Altersbilder den Anforderungen an die politische Betätigung? Zur Beantwortung dieser Frage bleibt die Flut an historisch vorhandenen und gegenwärtig herrschenden Altersbildern daraufhin zu befragen, ob sie überhaupt die Vorstellung eines politisch wachsamen, aktiven, engagierten Seniors zulassen (Kapitel 2). Es wird sich zeigen, dass die Altersbilder seit jeher und bis heute zwischen zwei Extremen schwanken. Mal verfällt man in eine Altersmelancholie, die nur die Hinfälligkeit und die Einbußen an Lebensqualität vor Augen hat; mal strahlt man eine naive Zuversicht aus, die das Alter als glänzende Errungenschaft betrachtet und die gewachsene Lebenserfahrung preist. Die Vorstellung von einem politisch aktiven Senior passt ganz offenkundig kaum zum Bild der Altersmelancholie, sondern braucht tatsächlich eine lebensbejahende Haltung, die im zuneh16menden Alter und im Seniorendasein einen politisch wirksamen Vorzug erkennt. Diesem Bild des gereiften Seniors steht jedoch der ausgeprägte Jugendkult der Gegenwart gegenüber, der aus der Maxime des lebenslangen Arbeitens und der alterslosen Leistungsbereitschaft erwächst. Der in den Gegenwartsgesellschaftlich eifrig geschürte Traum von der unvergänglichen Jugend bezieht sich in verräterischer Direktheit auf die Alterung, indem er ihre biologische Unabwendbarkeit hartnäckig verleugnet. So entsteht die widersinnige Vorstellung von einem alterslosen Senior, der unerschöpflich seinen Betätigungen nachgeht. Dieser Typus wird bislang vor allem als eine Figur betrachtet, die als wirtschaftlicher Akteur in Erscheinung tritt – als ein pausenlos Aktiver, der durch seine nicht nachlassende Arbeitskraft zum Bruttosozialprodukt beiträgt. Wer diesem Kult ewiger Leistungsfähigkeit nicht zu genügen vermag, wird geringschätzig als Bedürftiger betrachtet und gilt unversehens als ein Fall für die Fürsorge. Diese Diskriminierung droht vielen Senioren, insbesondere jener wachsenden Zahl an alternden Menschen, deren Berufsbiografie von prekären Arbeitsverhältnissen geprägt war. Ein Mensch, der unleugbar altert, dessen Leistungsfähigkeit nachlässt und der für den Arbeitsprozess nicht mehr vermittelbar ist, erfährt auch eine politische Diskriminierung. Er wird als Betroffener an den Rand der politischen Aufmerksamkeit gedrängt und vom Wohlfahrtsstaat nur noch als Problemfall registriert. Er kann selbst kein angemessenes Rollenbild als ein politisch aktives Mitglied der Bürgerschaft entwickeln. Denn auch die alternden Politikaktivisten sollen noch mitten im Leben stehen, rüstig sein, hellwach bleiben sowie selbstbewusst und kraftvoll in das politische Geschehen eingreifen können.
Ein Blick auf das tatsächliche politische Verhalten, auf die Werte und auf das Profil der Senioren liefert spannende Aufschlüsse über die Realität im Umgang mit den generationsspezifischen Merkmalen (Kapitel 3). Inwieweit sind die Senioren als Wählende präsent? Wie stark ist ihre Wahlbereitschaft ausgeprägt, was und wen wählen sie? Welche Motive und Anreize sind für diese Altersgruppe vorhanden, politisch sichtbar zu werden? Es wird sich zeigen, dass die Senioren, entgegen ihrer wachsenden Bedeutung als zahlenmäßig starke Altersgruppe, bislang kaum als Betreiber einer verstärkten demokratischen Teilhabe der gesamten Bürgerschaft in Erscheinung treten. Allenfalls stechen einige wenige unter ihnen als 17professionelle Politiker hervor, die den Nimbus des elder statesman erlangt haben und ein Führungsamt an das nächste reihen. Darüber hinaus gibt es die simple Vorstellung, die Senioren seien die besten Kandidaten für die Ehrenämter und für die Laienpolitik: Wenn überhaupt jemand genügend Zeit und Muße für das politische Engagement besitze, dann seien das doch die gelangweilten Senioren. Das Ehrenamt wird zum Anreiz gerade für diejenigen stilisiert, die aus der Anerkennung ihrer beruflichen Leistungsfähigkeit verdrängt worden sind und als sichtbar Alternde nach einer sinnvollen Betätigung und Bestätigung suchen. Dieser Aufruf zur Ausübung von Ehrenämtern dient jedoch vielfach der Kompensation eines partiellen Staatsversagens. Die Senioren sollen vor allem dort im öffentlichen Raum freiwillig tätig werden, wo es um die Kompensation von wohlfahrtsstaatlichen Leistungen geht. Tatsächlich gibt es ein ausgeprägtes politisches Engagement unter Senioren, das auf die altersgerechte Politikgestaltung im lokalen Bereich gerichtet ist. Es dient vor allem dem freiwilligen Einsatz für die vernachlässigten Interessen der eigenen Altersgruppe. Das zeigen die mittlerweile fast überall eingerichteten Seniorenbeiräte und Seniorenbüros. Die Kategorie des Ehrenamts stellt also oft nicht mehr dar als die Umschreibung für eine wohlfahrtsstaatliche Selbsthilfe unter eifrigen Rentnern. Sie verspricht soziale Hilfe für die wachsende Zahl der armutsbedrohten Senioren, aber kaum ein partizipatives Engagement, das über die Belange der eigenen Altersgruppe hinausreicht.
Was hat das politische Engagement der Senioren dann an demokratischen Effekten anzubieten? Was kann eine einzige Altersgruppe für die gesamte Bürgerschaft leisten? Kann ausgerechnet durch die verstärkte Partizipation der Senioren die Demokratie lebendig gehalten werden? Das sind die zentralen Fragen, die auf die Gefahren wie auf die möglichen partizipativen Gewinne durch eine stärkere politische Beteiligung der Senioren verweisen (Kapitel 4). An dieser Stelle erheben sich erneut die Zweifel, inwieweit diejenigen Senioren, die sich tatsächlich engagieren, als Fürsprecher anderer Altersgruppen auftreten wollen und können – und ob das von den Jüngeren überhaupt akzeptiert wird. Gibt es eine Konkurrenz der Altersgruppen um politische Einflussnahme, gibt es zwischen ihnen unüberbrückbare Interessenunterschiede oder ein tiefsitzendes Misstrauen? Inwieweit hat die verbreitete Rede vom Krieg der Generationen ihre Berechtigung? Steuern wir auf eine Herrschaft der 18Senioren zu, bei der diese Altersgruppe nur ihre eigenen Anliegen verfolgt? In der Demokratie sind natürlich solidarische Haltungen in allen Altersgruppen gegenüber allen anderen gefragt. Diese Balance und Wechselseitigkeit ist allerdings nicht so einfach zu erzeugen – und erst recht nicht politisch leicht durchzusetzen. Unter dem Blickwinkel der generationenübergreifenden Effekte müssen die Formen des Engagements unter den Senioren auf den demokratischen Prüfstand. Der Nahbereich der kollektiven Lebensbewältigung bietet natürlich das wichtigste Betätigungsfeld für ein solidarisches Engagement: die Stadtteilarbeit, die Mitwirkung in Bürgerzentren, die Beteiligung an Selbsthilfegruppen, an Nachbarschaftshilfen, an Bildungsarbeit und an Fördermaßnahmen für Randgruppen. Es eröffnen sich einige Politikfelder, in denen mehr bürgerschaftliches Engagement gefragt ist, zumal die üblichen repräsentativen Mechanismen zunehmend versagen. Es scheint durchaus so, als wäre teilweise der Typus des gealterten Wutbürgers gefragt, der durch notorisches skeptisches Nachfragen bei den politischen Amtsträgern, Institutionen und Gremien, durch empörte Statements, durch Petitionen, Demonstrationen oder jegliche Art von Protestaktion gegen die Vernachlässigung bürgerschaftlicher Anliegen und Belange aufbegehrt. Die Mechanismen der politischen Repräsentation befinden sich in einer Krise, und die spontane Intervention stellt ein Mittel dar, die Bürgerschaft verstärkt in der politischen Arena sichtbar werden zu lassen. Zu klären bleibt in diesem Zusammenhang, inwieweit die neuen Medien den Senioren als Vehikel eines verstärkten politischen Engagements dienen können. Immerhin zählen die Senioren heute nicht mehr zur Gruppe der Internet-Verächter, sondern sind sehr aktive Nutzer, denen damit viele Wege der politischen Einflussnahme offenstehen.
Falls im Kreis der Senioren das Bewusstsein vorherrschte, dass sie nicht nur für ihre Altersgruppe, sondern solidarisch für die Bürgerschaft insgesamt eintreten, dann könnte ihre wachsende Zahl zweifelsohne zu einer enormen Ausweitung des bürgerschaftlichen Engagements führen. Dann dient die Seniorendemokratie einer Stärkung der Partizipationskultur. Für die gegenwärtige Politik ergibt sich daraus allerdings ein erheblicher Reformbedarf. Seniorengerechte Modelle demokratischen Engagements müssen von einer massiv erweiterten staatlichen Gleichheitspolitik begleitet werden: Es ist in erster Linie notwendig, die materiellen Bedingungen für 19die randständigen Senioren zu verbessern und so dazu beizutragen, sie zum demokratischen Handeln zu ermuntern. Die Rentenversorgung und die Grundsicherung der armutsbedrohten Senioren werden zur großen wohlfahrtsstaatlichen Herausforderung. Nur der, dem es ausreichend gutgeht, kann sich auch politisch engagieren. Insbesondere die weiblichen Mitglieder der Altersgruppe und die Senioren mit Migrationshintergrund bedürfen einer gezielteren staatlichen Fürsorge, einer spezifischen Ansprache und einer behutsamen, aber nachdrücklichen Ermunterung zum politischen Engagement, weil sie vielfach aufgrund ihrer sozialen Lage und kulturellen Prägung die politische Betätigung scheuen. Wenn das gelingt, paart sich sogar öffentlicher Nutzen mit privatem Gewinn, denn politische Tätigkeit im Alter erweist sich offenbar als Mittel zur Steigerung der eigenen Lebensqualität. Wie in Kapitel 4.2 zu zeigen sein wird, gibt es im Rahmen von Altersstudien Indizien dafür, dass die politische Tätigkeit der Senioren dazu beiträgt, ihr Selbstwertgefühl innerhalb der Gesellschaft zu stärken sowie das physische Wohlbefinden und die kognitive Leistungsfähigkeit zu erhalten. »Demokratie statt Demenz« könnte man plakativ das daraus abgeleitete Programm der partizipativen Ermunterung betiteln, das gleichzeitig positive Effekte für die Bürgerschaft und für die Senioren zeitigt.
Die Potenziale einer generationenübergreifenden, von aktiven Senioren getragenen Politisierung werden an dieser Stelle erkennbar. Damit die partizipative Entfaltung gelingt, sind die generationsspezifischen und die generationsübergreifenden Angebote für bürgerschaftliches Engagement erheblich auszuweiten und facettenreicher zu gestalten. Erst dann bringt der demografische Wandel Entwicklungen hervor, die demokratisch produktiv auf ihre eigenen Dynamiken rückwirken können: wenn nämlich die Präsenz einer wachsenden Altersgruppe insgesamt eine wachsende Bürgerbeteiligung nach sich zieht. Die Überalterung kann also demokratische Gewinne erbringen. Wenn die drohenden Gefahren einer Gerontokratie gebannt werden können, dann entfaltet die Seniorendemokratie ihren konstruktiven Sinn. Sie wird so zu einer partizipatorischen Errungenschaft, getrieben von der verstärkten politischen Teilhabe einer ganzen Altersgruppe, die generationenübergreifende Wirkungen erzielt. Sie wird im Kreis der Senioren das eigene Wohlbefinden fördern und die eigene Wertschätzung 20erheblich steigern. Aber sie muss getragen sein von dem Bewusstsein eines solidarischen Zusammenhalts der eigenen Altersgruppe und aller Generationen. Aktive Senioren aller sozialen Milieus, die sich im Namen aller Altersgruppen in die politischen Abläufe einschalten – das ist die weitgreifende demokratische Hoffnung und Empfehlung, die sich in diesem Buch an die Überalterung knüpft.
An erster Stelle gilt es, einige Fakten zusammenzutragen, die gesellschaftliche Trends hinsichtlich der Alterung beschreiben. Die Zahl der älteren Menschen nimmt beständig zu, fast überall auf der Welt. Es handelt sich dabei nicht um eine kurzfristige Entwicklung, die sich nur über ein oder zwei Jahrzehnte erstreckt. Vielmehr ist auf der Basis von Projektionen gegenwärtiger Bevölkerungszahlen eine Dynamik zu konstatieren, die mindestens bis zum Jahr 2050 anhalten wird.[1] Die Senioren werden also das Erscheinungsbild der Menschheit in vielen Teilen der Erde verändern. Wir erleben gegenwärtig und in den nächsten Jahrzehnten eine fortschreitende »Geriatrisierung der Welt«.[2]
Diese grundlegende demografische Veränderung, die der Vorstellung eines ausgewogenen Verhältnisses zwischen jungen und älteren Generationen, dem so genannten »Generationengleichgewicht«, zuwiderläuft, beruht auf verschiedenen weltweiten Entwicklungstrends, die ineinander greifen und eine vielschichtige demografische Gewichtsverlagerung hervorbringen. Sie setzen sich aus veränderten Geburtenraten, der Reduzierung von Kindersterblichkeit und der verlängerten Lebenserwartung zusammen. Diese globalen Entwicklungstrends weisen in den einzelnen Weltregionen und Ländern natürlich unterschiedliche Ausgangsbedingungen und Verlaufsformen auf. Im Folgenden wird daher immer wieder auf die unterschiedlichen Problemlagen zwischen Industrieländern und Entwicklungsländern und, wo erforderlich, auf die Besonderheiten bestimmter Regionen verwiesen. Das gängige Etikett der »Überalterung« ist ein allzu simpler Vorwurf an die gesellschaftliche Reproduktionsleistung der älteren Generation, der vor allem in den 22westlichen Industriestaaten erhoben wird und auf sie gemünzt ist: »Ihr habt nicht genügend Nachwuchs gezeugt!« In diesem Moment fehlt eine ausreichende Zahl an Kindern, die dann demnächst selbst für Nachwuchs sorgen können. Frank Schirrmacher hat den Trend der Überalterung lakonisch auf den Punkt gebracht: »Während die Alten leben und nicht sterben, wurden die Jungen, die wir für die Zukunft benötigen, niemals geboren.«[3] Dabei hat die jetzt alternde Generation durchaus noch genügend Kinder großgezogen, um eine ausgewogene Bevölkerungsentwicklung sichern zu können. Die beobachtete Überalterung ist somit weniger das Ergebnis einer kinderarmen Seniorengeneration als vielmehr die Folge des mangelnden Nachwuchses ihrer Töchter und Söhne. Vermehrt sind es die Kinder der Senioren selbst, die sich nicht mehr in ausreichendem Maß für Nachwuchs entscheiden. Man könnte den Unterton der Geringschätzung gegenüber dem Alter, der im Begriff der Überalterung mitschwingt, daher durch die Umkehrung der Perspektive tilgen und in gewisser Weise karikieren: Da für eine ausgewogene Bilanz zwischen den verschiedenen Altersgruppen gegenwärtig nicht genügend junge Menschen nachwachsen, ließe sich auch von einer Unterjüngung sprechen – was einige Forscher tatsächlich tun.[4] Hier geht es allerdings nicht darum, gegenüber irgendeiner Gruppe den Vorwurf eines kollektiven Fehlverhaltens hinsichtlich ihrer Erzeugung von Nachkommen zu erheben. Es geht darum, Entwicklungen sachlich zu beschreiben, die zahlreiche politische Probleme und Herausforderungen hervorbringen. Weil die demografischen Verschiebungen massive soziale, politische, ökonomische und kulturelle Auswirkungen haben, behalte ich das Stichwort der Überalterung bei.
Die erste Komponente dieser Überalterung besteht aus der Tatsache, dass sich das Wachstum der Erdbevölkerung verlangsamt. Damit geht in vielen Weltregionen die Alterung geburtenstarker 23Jahrgänge einher, denen geburtenarme Jahrgänge nachwachsen. Darin verwoben ist die immer besser gelingende Reduzierung von Kindersterblichkeit.[5] Es werden in Familienstrukturen, in denen die Kinder als Erwachsene die Älteren zu versorgen haben und somit als Träger der »Altersversicherung« gelten, weniger Versorger benötigt – die Geburtenrate sinkt auch deshalb in bestimmten Weltregionen.
Eine ausgewogene Balance zwischen Geburten und Sterbefällen ist – bei erheblich reduzierter Kindersterblichkeit – dann erreicht, wenn durchschnittlich 2,08 Kinder pro Mutter geboren werden. Liegt die Rate darunter, dann schrumpft die Bevölkerung, und in dem aktuellen Generationengefüge wächst die Zahl der Senioren gegenüber den Jungen. In der Tat sind die Geburtenraten in den letzten Jahrzehnten nicht nur in Europa, sondern auch in traditionell geburtenstarken Weltregionen teilweise drastisch gesunken und ziehen in einigen Regionen langfristig einen erheblichen Rückgang der Bevölkerung nach sich: beispielsweise in Brasilien von 5,1 auf 1,8 Geburten pro Frau, im Iran von 6,5 auf 1,9, in China von 5,7 auf 1,8.[6] In Europa ist die Geburtenrate auf den durchschnittlichen Wert von 1,6 gefallen, wobei Deutschland mit 1,5 lange im unteren Bereich der Geburtenrate lag und bis zum Jahr 2016 nur einen geringen Anstieg auf 1,59 zu verzeichnen hat.[7] Neuere Zahlen zeigen freilich, dass die Geburtenraten insbesondere auf dem afrikanischen und asiatischen Kontinent nicht so deutlich sinken wie erwartet. Die Menschheit insgesamt wird vermutlich erst gegen Ende des Jahrhunderts aufhören, weiter zu wachsen – angelangt bei einem voraussichtlichen Niveau von neun Milliarden Menschen.[8]
24Die genauere Betrachtung von Daten sollte zunächst der bevölkerungspolitischen Ausgangslage hinsichtlich des weltweiten Zahlenverhältnisses zwischen jungen und älteren Menschen gewidmet sein. In einer ersten Annäherung an diese Fragen geht es um die natürliche Wachstumsrate. Sie bezeichnet die Dynamik der absoluten Bevölkerungszahl und errechnet sich ganz einfach aus der Geburtenrate minus der Sterberate. Gegenwärtig leben über sieben Milliarden Menschen auf der Erde, Tendenz weiter steigend, aber langsamer als bisher. Die Wachstumsraten sind regional unterschiedlich verteilt. Teilt man die Welt grob in Industrieländer, Entwicklungsländer und unterentwickelte Länder auf, dann zeigen sich deutlich die regionalspezifischen Abweichungen im Verhältnis zwischen Geburten und Todesfällen. In Europa, das überwiegend aus Industrieländern besteht, pendelt sich dieses Verhältnis gerade zwischen 0,1 Prozent und 0,0 Prozent ein – ungefähr gleich viele Geburten wie Todesfälle. In den Entwicklungsländern beträgt die Wachstumsrate immerhin fast 3 Prozent, in den unterentwickelten Ländern 8,2 Prozent.[9] In den Industrieländern ist, wie dargestellt, die Bilanz bereits negativ: Es sterben mehr Menschen als geboren werden, die Bevölkerung schrumpft. Die Bevölkerungszahl in Deutschland ist bereits jetzt rückläufig, und dieser Trend setzt sich absehbar fort. Das Statistische Bundesamt errechnet einen mutmaßlichen Rückgang der Bevölkerung auf ungefähr 70 Millionen Menschen im Jahr 2060.[10] Selbst die Zuwanderung wird nicht umfangreich genug sein, um das Geburtendefizit ausgleichen zu können.
Im Zuge dieser Trends verändert sich das Verhältnis zwischen jungen und alten Menschen erheblich. Auf der Welt sind gegenwärtig mehr als 578 Millionen Menschen über 60 Jahre alt. Der Anteil der über 60-Jährigen war noch nie so hoch und wird sich weiter erhöhen. Einige Industrienationen haben daran einen besonders großen Anteil. Sie haben im Jahr 2017 bei den über 60-Jährigen den Anteil von einem Viertel der Gesamtbevölkerung überschritten und werden im Jahr 2050 voraussichtlich einen Anteil von mehr als einem Drittel aufweisen (Abbildung 1).
Land
Anteil 1980 in Prozent
Land
Anteil
2017 in Prozent
Land
Anteil
2050 in Prozent
Schweden
22,0
Japan
33,4
Japan
42,4
Norwegen
20,2
Italien
29,4
Spanien
41,9
Kanalinseln
20,1
Deutschland
28,0
Portugal
41,7
Großbritannien
20,0
Portugal
27,9
Griechenland
41,6
Dänemark
19,5
Finnland
27,8
Südkorea
41,6
Deutschland
19,3
Bulgarien
27,7
China
41,3
Österreich
19,0
Kroatien
26,8
Italien
40,3
Belgien
18,4
Griechenland
26,5
Singapur
40,1
Schweiz
18,2
Slowenien
26,3
Polen
39,5
Luxemburg
17,8
Litauen
26,2
Deutschland
36,7
Abb. 1: Anteil der über 60-Jährigen in ausgewählten Ländern (in Prozent, nach Rangfolge geordnet). Quelle: United Nations, World Population Ageing 2017. Highlights, New York 2017, S. 9.
Eine anschauliche Möglichkeit zur Verdeutlichung der Überalterung eröffnet der so genannte »Altersmedian«. Er teilt die Bevölkerung in zwei Hälften, die eine jünger, die andere älter, und ermittelt daraus eine Gewichtung von Altersgruppen. Wie sich in der folgenden Abbildung zeigt (Abbildung 2), war der Altersmedian der Weltbevölkerung in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts in der Altersgruppe der 20- bis 30-Jährigen verankert. Bis zum Ende des 21. Jahrhunderts wird er massiv nach oben rücken. Je nachdem, wie sich die Geburtenrate weiter entwickelt, ist er in der Altersgruppe der über 35-Jährigen angesiedelt, oder er nähert sich bei weiterhin niedrigen Geburtenraten sogar der Altersgruppe der 50-Jährigen an.
Abb. 2: Altersmedian der Weltbevölkerung von 1990 bis 2015 und Prognose bis 2100 (in Jahren). Quelle: statista, Fakten und Insights zu relevanten Themen, 2017, online verfügbar unter: 〈https://de.statista.com〉, aufgerufen am 18. 2. 2019.
Anhand der Entwicklung in Deutschland lässt sich beispielhaft die demografische Verschiebung in den Industrieländern verdeutlichen. In Deutschland wird die Zahl der über 80-Jährigen von 4,3 Millionen im Jahr 2011 auf voraussichtlich etwa 10 Millionen Menschen im Jahr 2050 ansteigen.[11] Zu Anfang des 21. Jahrhunderts waren in Deutschland 20 Prozent der Bevölkerung jünger als 20 Jahre, 19 Prozent der Bevölkerung über 65. Im Jahr 2050 werden vermutlich nur mehr 15 Prozent unter 20 Jahre sein und 30 Prozent älter als 65. Wenn sich die Geburten- und Zuwanderungsraten nicht drastisch verändern, werden im Jahr 2060 etwa 13 Prozent der Bevölkerung über 80 sein, während der Anteil der unter 20-Jährigen mit voraussichtlich 16,0 Prozent kaum darüber liegt.[12]
27Vergegenwärtigt man sich die Entwicklungstrends des Altersquotienten in Deutschland in einem Schaubild, dann wird sehr schnell deutlich, dass der wachsende Anteil der Senioren zu Lasten der überwiegend erwerbstätigen Bevölkerungsgruppe im Alter etwa zwischen 20 und 60 Jahren geht (Abbildung 3). Das bedeutet eine bedenkliche Verschiebung des Verhältnisses zwischen arbeitender Bevölkerung und Ruheständlern. So wird beispielsweise der in Deutschland bestehende Generationenvertrag innerhalb des Rentensystems massiv beeinträchtigt. Aber es wachsen auch die allgemeinen Reibungsflächen hinsichtlich eines friedlichen Miteinanders zwischen Jungen und Alten, Erwerbstätigen und Ruheständlern, jungen Arbeitenden und älteren Arbeitslosen.
Abb. 3: Bevölkerungsentwicklung und Altersstruktur in Deutschland (in Prozent). Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung, Bevölkerungsentwicklung und Altersstruktur, 2012, online verfügbar unter: 〈http://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/04%20Bevoelkerungsentwicklung%20und%20Altersstruktur.pdf〉, aufgerufen am 14. 6. 2017.
Der Trend zur Überalterung wird durch eine weitere Komponente verstärkt: Vor allem in den hochindustrialisierten Weltregionen ist 28die Lebenserwartung erheblich gestiegen, und sie steigt kontinuierlich weiter. Auch diese Dynamik wirkt auf das Zahlenverhältnis zwischen Älteren und Jungen ein: Es gibt nicht nur aufgrund der sinkenden Geburtenraten mehr ältere Menschen im Vergleich zu den Jungen; diese Senioren leben besonders in den Wohlstandszonen auch deutlich länger, und so erhöht sich dort ihre Anzahl gegenüber den jungen Generationen noch einmal beträchtlich. 2050 werden die in diesem Jahr geborenen deutschen Männer eine durchschnittliche Lebenserwartung von 83,5 Jahren genießen, Frauen eine von 88,0 Jahren. Das sind 7 bis 8 Jahre mehr als gegenwärtig. Die Lebenserwartung steigt zwar weltweit überwiegend kontinuierlich an, aber wiederum in den verschiedenen Weltregionen unterschiedlich (Abbildung 4).[13] Die Ungleichheit der Lebensbedingungen in den verschiedenen Regionen der Welt drückt sich demnach auch in unterschiedlichen Lebenserwartungen aus.
Weltregion
1990
2009
2013
2016
Europa
72
75
76
77,5
Westpazifik
69
77
65
76,9
Nord-/Südamerika
71
76
77
76,8
Südostasien
59
65
68
69,5
Östliches Mittelmeer
62
66
68
69,1
Afrika
50
54
58
61,2
Abb. 4: Durchschnittliche Lebenserwartung bei der Geburt nach Weltregionen (in Jahren). Quelle: 〈https://de.statista.com/statistik/daten/studie/227304/umfrage/lebenserwartung-bei-geburt-nach-weltregionen/〉, aufgerufen am 1. 11. 2019.
In den Industriestaaten begegnet man der steigenden Lebenserwartung durch eine schrittweise Ausdehnung der Erwerbsarbeitsphase. Da jedoch die Lebenserwartung rascher ansteigt als die Erhöhung des Renteneintrittsalters, dehnt sich für die dort beheimateten Bürger die Zeit des Ruhestands dennoch aus – und ruft nach einer phantasievollen Ausgestaltung: »Fast 20 weitere Lebensjahre stehen außerhalb der Erwerbsphase zur Verfügung und wollen ›gelebt‹, ›erlebt‹ oder ›verlebt‹ werden.«[14] Die Senioren müssen Betätigungs29felder finden, die ihrer Lebenslage und ihrer erweiterten Lebensspanne angemessen sind.
Das Konglomerat aus sinkenden Geburtenraten, verminderter Kindersterblichkeit und steigender Lebenserwartung bringt vor allem in den Industrieländern die Bevölkerungspyramide aus dem Gleichgewicht. Anhand der Langzeittrends hinsichtlich der Bevölkerungsentwicklung in Deutschland lässt sich das beispielhaft veranschaulichen (Abbildung 5). Der Bevölkerungsbaum verjüngt sich in den kommenden Jahrzehnten kaum mehr nach oben und verliert seine – für ein »Generationengleichgewicht« erforderlichen – starken Anteile im mittleren Segment, bei der erwerbstätigen Bevölkerung.
Abb. 5: Bevölkerungsentwicklung in Deutschland 1960-2050. Quelle: Statistisches Bundesamt, Bevölkerung Deutschlands bis 2060, Wiesbaden 2009, S. 15.
30Blickt man auf die demografische Entwicklung innerhalb Deutschlands, dann zeigen sich eklatante regionalspezifische Unterschiede: Der großen Abwanderung von Ost nach West entspricht die weitaus stärkere Überalterung in den ostdeutschen Landesteilen. Außerdem fällt das durchschnittliche Lebensalter in den urbanen Regionen deutlich niedriger aus als in den ländlichen, was wiederum die Ost-West-Diskrepanz verschärft, weil der Westen Deutschlands mehr urbane Regionen aufweist (Abbildung 6).
Die problematischen Auswirkungen der Überalterung sind in den hochindustrialisierten Wohlstandsregionen der Erde geringer als in Schwellen- und Entwicklungsländern: In den Industriestaaten mit ihrem breiten wohlfahrtsstaatlichen Angebot lassen sich die Herausforderungen der gesundheitlichen Betreuung, der sozialen und kulturellen Teilhabe, aber auch der politischen Integration der Senioren viel leichter bewältigen als in Gesellschaften, denen es an einer stabilen sozialen, kulturellen und politischen Infrastruktur fehlt. Besonders dramatisch wirkt sich die Überalterung daher in den Entwicklungsländern und in den Regionen instabiler Staatlichkeit aus. Dort fehlen weitgehend wohlfahrtsstaatliche Programme, die die schlimmsten Folgen der Überalterung auffangen: »Während die Industrieländer zuerst wohlhabend wurden und dann alterten, altern die Entwicklungsländer, bevor sie wohlhabend werden.«[15] Das eklatante soziale Gefälle zwischen den Entwicklungsländern beziehungsweise den Regionen instabiler Staatlichkeit und den Wohlstandsregionen spiegelt sich also in der sehr unterschiedlichen sozialen Lage alternder Menschen deutlich wider.
Abb. 6: Bevölkerungsabnahme und Alterung in Deutschland (Prognose). Quelle: Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, Infrastruktur und Daseinsvorsorge in der Fläche, 2008, online verfügbar unter: 〈https://www.bbr.bund.de/BBSR/DE/Veroeffentlichungen/IzR/2008/1_2/Grafiken1_2.html〉, aufgerufen am 14. 11. 2017.
32Die unterschiedliche soziale Problematik der Alterung im Vergleich zwischen den Industriestaaten und den Entwicklungsländern sowie den Regionen instabiler Staatlichkeit lässt sich besonders anschaulich am Geschlechterverhältnis ablesen. Die Lebenserwartung von Frauen ist auf der ganzen Welt höher als die von Männern. Auch unter den gerade Geborenen wird sich diese Geschlechterdifferenz hinsichtlich der Lebenserwartung absehbar nicht vermindern (Abbildung 7).
Abb. 7: Durchschnittliche Lebenserwartung bei der Geburt im Jahr 2018 nach Geschlecht und Kontinenten (in Jahren). Quelle: online verfügbar unter: 〈https://de.statista.com/statistik/daten/studie/169401/umfrage/lebenserwartung-nach-kontinenten/〉, aufgerufen am 30. 3. 2019.
Die längere Lebenserwartung von Frauen ist allerdings nicht mit einem Gewinn an Lebensqualität gleichzusetzen, insbesondere nicht in der Altersphase. Im Allgemeinen leben Frauen unter schwierigeren sozialökonomischen Bedingungen; das hat lebensgeschichtliche Folgen, und so sind viel mehr Frauen als Männer von Altersarmut bedroht.[16] Die längere Lebenserwartung erweist sich für die 33meisten Frauen daher nicht als Gewinn an genüsslicher Lebenszeit, sondern als Lebensphase mit harten Anforderungen und zusätzlichen Problemen, die bewältigt werden müssen. Die schwierigeren Lebensbedingungen wirken sich geschlechtsspezifisch auf die Gesundheit aus: Ältere Frauen haben im Allgemeinen größere gesundheitliche Probleme als ältere Männer.[17] Diese fatale Verkettung hat die so genannte »double jeopardy-These« hervorgebracht: Es ergibt sich eine doppelte Herausforderung und Belastung für die sozioökonomisch Benachteiligten: erstens durch ihre geringeren materiellen Ressourcen und schwierigeren Lebensbedingungen, zweitens durch die gesundheitlichen Folgen, die aus diesen Belastungen erwachsen.[18] Frauen sind davon im Allgemeinen härter betroffen als Männer, Frauen in Entwicklungsländern stärker als Frauen in den Industriestaaten. Regionalspezifische soziökonomische Unterschiede spielen also eine Rolle.
Eine genauere statistische Beobachtung verdeutlicht die regionalen Unterschiede: Frauen haben allgemein die längere Lebenserwartung, aber im weltweiten Vergleich fällt diese sehr unterschiedlich aus. Es gibt einen Zusammenhang zwischen ökonomischem Entwicklungsniveau und Lebenserwartung. Vergleicht man die entsprechenden Werte der Kontinente miteinander, dann ergibt sich ein drastisches Gefälle. Die Lebenserwartung in Entwicklungsländern und in den Regionen instabiler Staatlichkeit, insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent, liegt deutlich unter dem europäischen Durchschnitt. Daraus ergibt sich eine Reihe von Benachteiligungen für die dort alternden Frauen. Insbesondere in Entwicklungsländern, die Elemente traditionaler Gesellschaften bewahren, fällt der Umfang der Erwerbstätigkeit mit einer Renten-Anwartschaft 34unter Frauen geringer aus als der von Männern.[19] Das Gefälle zwischen Frauen und Männern in der »aktiven« Phase setzt sich in der Phase nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben fort: Die Frauen haben geringere Rentenbezüge und leben unter schwierigeren sozialen Bedingungen. Stirbt der männliche Lebenspartner gemäß den unterschiedlichen geschlechtsspezifischen Lebenserwartungen früher als die Frau, dann muss diese im Alter alle Mühe auf die Erwirtschaftung des Lebensunterhalts verwenden, für den bislang der Mann gesorgt hatte. In Regionen, in denen Seuchen wie beispielsweise Aids besonders verbreitet sind, werden diejenigen älteren Frauen, die von der Ausbreitung der Seuche verschont worden sind und länger leben als ihre Männer, zudem noch unvermittelt in die Rolle der materiellen Versorger für ihre Enkel gedrängt, weil deren Eltern an der Krankheit bereits verstorben sind.[20]
Frauen in den Entwicklungsländern erfahren damit gegenüber den Frauen in Industriestaaten eine doppelte Benachteiligung: als Frau schlechthin und als Bewohnerin einer weniger entwickelten Region. Hinzu kommt, dass in vielen traditional geprägten und patriarchalischen Gesellschaften, die besonders in den Entwicklungsländern fortbestehen, die Geschlechterverhältnisse sehr asymmetrisch gestaltet sind. Die Männer nehmen dort für sich sehr viel mehr Rechte und Freiheiten in Anspruch als die Frauen. Wieder ergibt sich ein Gefälle zwischen den Industriestaaten und den auch menschenrechtlich unterentwickelten Regionen: Dieses Mal resultiert daraus eine geschlechtsspezifische Benachteiligung für die Frauen, weil ihre Rechte und Freiheiten kaum verbrieft sind, kulturell wenig geachtet werden und politisch schwer durchzusetzen sind. So werden die Frauen in einigen Weltregionen in regionale Lebensbedingungen hineingeboren, in denen die Arbeitsbedingungen und die Gesundheitsversorgung, die kulturelle Geschlechterdifferenz und die rechtliche Gleichheit der Geschlechter allesamt zu ihren Ungunsten ausfallen – mit der Folge, dass ihre Altersphase erheblich mehr Einschränkungen mit sich bringt als die der Männer. In Hinblick auf das Thema der Seniorendemokratie bedeutet das insgesamt: Für politische Partizipation bleibt den Frauen weder Raum noch Muße. Wenn nun die politische Tätigkeit im Kreis 35der Senioren immer auch der eigenen Interessenvertretung dient, dann sind die Frauen von einem weiteren, folgenreichen Nachteil betroffen: Sofern Männer bei der Interessenvertretung dominieren, finden die Frauen kaum ausreichende Fürsprecher für ihre geschlechtsspezifischen Anliegen. Daraus folgt, dass alternde Frauen aus Entwicklungsländern am unteren Ende des Wohlstandsniveaus, der sozialen Integration und der politischen Interessenvertretung angesiedelt sind. Die »Politische Deklaration« und der »Aktionsplan zur Alterung« der Vereinten Nationen von 2002 formuliert daher in Artikel 7 die einleuchtende Forderung, die Auseinandersetzung mit den Problemen der älteren Generation auch in Hinblick auf die Geschlechterfrage dringend auf die Agenda der Entwicklungspolitik zu setzen.[21]
Schließlich wirkt sich auch das Leitthema des beginnenden 21. Jahrhunderts auf die Überalterung der Welt aus: Flucht und Migration. Die Migration ist immer wieder als Mittel beschworen worden, die Tendenz zur Überalterung mindern zu können. Das Argument lautet, dass junge Einwanderer die Altersstruktur erheblich zugunsten der Jungen beeinflussen, indem sie im Zielland sesshaft werden, dort einer steuerpflichtigen Erwerbstätigkeit nachgehen und Familien mit viel Nachwuchs gründen. Die Zuwanderung verspricht somit, neue Rentenzahler zu gewinnen: Auf der Basis eines rentenpolitischen Umlageverfahrens werden die Zugewanderten als aktuelle Versorger für die gewachsene Zahl der gegenwärtig Rentenberechtigten gehandelt. Diese Rechnung geht freilich in dieser Schlichtheit nicht auf, ganz abgesehen davon, dass die Erwartung der demografischen Auffrischung an die Voraussetzung breiter gesellschaftlicher Akzeptanz unter den Einheimischen gebunden bleibt – was ist in Zeiten des Populismus keineswegs selbstverständlich ist. Zudem wird gar nicht in Rechnung gestellt, dass die Migranten möglicherweise das Rentensystem ihrer Herkunftsländer gefährden, wenn nämlich dort ebenfalls ein Generationenvertrag gilt, der auf die Versorgung der Ruheständler durch die gerade arbeitende Bevölkerung abzielt.[22] Die zumeist 36jungen Migranten verschärfen mithin die Probleme der Überalterung in ihren Herkunftsländern. Für die Ruheständler des Ziellandes können die Migranten natürlich nur dann Rentenbeiträge erwirtschaften, wenn ein Umlageverfahren gilt, das die Renten aus dem Steueraufkommen der aktuell Erwerbstätigen finanziert. Die Migranten können aber selbst dann die Probleme der Überalterung im Einwanderungsland nicht nachhaltig entschärfen, weil sie, wie die Statistiken zeigen, trotz ihres vergleichsweise größeren Kinderreichtums selbst nicht genügend Kinder bekommen, um die Zahlenverhältnisse zwischen den Generationen an ihrem neuen Lebensmittelpunkt auszubalancieren.
