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Emotionale Sensibilität als Stärke nutzen Wenn Sie das Gefühl haben, das Leben intensiver zu erfahren als andere, wenn Sie manchmal als emotional intensiv oder übersensibel bezeichnet werden, wenn Sie den Eindruck haben, dass Sie mit der Intensität Ihrer Emotionen schwer umgehen können – dann ist dies das richtige Buch für Sie. Es zeigt Ihnen, wie Sie mit intensiven Gefühlen leben und Ihre Sensibilität für ein erfüllendes Leben nutzen können. Imi Lo erläutert die psychologischen Hintergründe und bietet Übungen und praktische Strategien an, die den täglichen Kampf mit der eigenen Gefühlswelt erleichtern. Sie lernen in diesem Buch u.a.: - Was es bedeutet, mit emotionaler Sensibilität und intensiven Gefühlen zu leben. - Wie Sie emotionalen Ballast und einschränkende Glaubenssätze loswerden. - Wie Sie Ihre Resilienz stärken und im Auf und Ab des Lebens bestehen können. - Welche Wege es gibt, emotionale Intensität in Familie und Partnerschaft zum Aufbau gesunder und dauerhafter Beziehungen zu nutzen.
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Seitenzahl: 395
Veröffentlichungsjahr: 2020
Imi LoSensibilität und emotionale Intensität
Ihre Sensibilität ist Ihre Stärke!
Haben Sie das Gefühl, das Leben intensiver zu erfahren als andere? Werden Sie von anderen manchmal als übersensibel bezeichnet? Haben Sie den Eindruck, dass Sie mit der Intensität Ihrer Emotionen schwer umgehen können? – Dann ist dies das richtige Buch für Sie. Es zeigt Ihnen, wie Sie mit intensiven Gefühlen besser umgehen und Ihre Sensibilität für ein erfülltes Leben einsetzen können. Imi Lo erläutert die psychologischen Hintergründe von emotionaler Intensität und bietet Übungen und praktische Strategien an, die den täglichen Kampf mit der eigenen Gefühlswelt erleichtern. Das Buch gibt Antworten auf Fragen, die sich viele emotional intensive Menschen stellen:
Was bedeutet es, mit emotionaler Sensibilität und intensiven Gefühlen zu leben? Wie werde ich emotionalen Ballast und einschränkende Glaubenssätze los? Wie stärke ich meine Resilienz, um im Auf und Ab des Lebens bestehen zu können? Welche Wege gibt es, emotionale Intensität in Familie und Partnerschaft für gesunde Beziehungen zu nutzen?Imi Lo ist Psychotherapeutin mit den Schwerpunkten Persönlichkeitsstörungen, Kunst- und Schematherapie sowie MBSR. Sie leitet in Großbritannien ihr eigenes Institut unter dem Namen Eggshell Therapy and Coaching.http://www.eggshelltherapy.com
Copyright der deutschen Ausgabe: © Junfermann Verlag, Paderborn 2020
Copyright der Originalausgabe: © Imi Lo 2018. This edition in arrangement with Hodder & Stoughton / An Hachette UK Company.
Übersetzung: Renate Weitbrecht, Tübingen
Coverfoto: © Liudmyla – Adobe Stock
Covergestaltung / Reihenentwurf: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn
Satz, Layout & Digitalisierung: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn
Alle Rechte vorbehalten.
Erscheinungsjahr dieser E-Book-Ausgabe: 2020
ISBN der Printausgabe: ISBN 978-3-95571-835-0
ISBN dieses E-Books: 978-3-7495-0093-2 (EPUB), 978-3-7495-0095-6 (PDF), 978-3-7495-0094-9 (MOBI).
Manche Menschen empfinden mehr als andere.
Wenn Sie zu diesen Menschen gehören, erleben Sie Gefühle besonders tief und intensiv. Und Ihre Stimmung kann schnell umschlagen. Erst sind Sie himmelhoch jauchzend, dann zu Tode betrübt. Sie wissen sowohl, was Verzweiflung heißt, als auch, was Schönheit und Begeisterung bedeuten. Sie nehmen auch Feinheiten deutlich wahr, deshalb sehen, spüren, bemerken und erinnern Sie viel. Ihr Gehirn verarbeitet Informationen mit einer solchen Geschwindigkeit und Komplexität, dass Sie Ihre Gedanken manchmal gar nicht so schnell in Worte fassen können. Sie haben die angeborene Fähigkeit, sich in die Energie anderer Menschen einzufühlen. In Beziehungen sind Sie von Natur aus intuitiv, liebevoll, idealistisch und romantisch. Sie suchen immer nach einem tieferen Sinn im Leben und haben ein ständiges Bedürfnis, sich weiterzuentwickeln. Vielleicht bekamen Sie schon zu hören, dass Sie „zu intensiv“, „zu sensibel“ oder „zu emotional“ seien und dass Ihr Verhalten entweder „zu dramatisch“ oder „zu schüchtern“ sei.
In den letzten Jahren steigerte ein wachsendes Bewusstsein für emotionale Intensität und Sensibilität das Interesse an diesem Thema, doch bisher konnten sich die Psychologen auf keine Definition einigen. Einige meinen, dass 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung hochsensibel sind und deshalb anders ticken. Andere nennen solche Menschen empathisch oder übersinnlich veranlagt oder schlicht dünnhäutig. Schlimmstenfalls unterstellt man ihnen fälschlicherweise eine psychische Erkrankung wie eine Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS), eine bipolare Störung, eine Aufmerksamkeitsdefizit- oder Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder eine Depression.
In diesem Buch werden die Begriffe „Sensibilität“, „emotionale Intensität“ und „emotionale Begabung“ praktisch synonym verwendet. Diese Eigenschaft ist an sich keine Schwäche, sondern eine Stärke, die in unserer Kultur leider oft missverstanden wird. Viele besonders sensible und emotional intensive Menschen verstehen die Absichten, Beweggründe und Wünsche anderer Menschen außergewöhnlich gut und sind auch fähig, ihre eigenen Gefühle, Ängste und Beweggründe zu analysieren. Ihre Intensität ist oft gepaart mit außergewöhnlichen Fähigkeiten auf anderen Gebieten wie der Musik, der bildenden Kunst, des logischen Denkens, des Körperbewusstseins und des Sports. Wie in späteren Kapiteln deutlich werden wird, ist Sensibilität nicht nur eng mit Begabung verknüpft, sondern selbst eine Gabe.
Doch emotional intensive Menschen müssen auch besondere zwischenmenschliche Herausforderungen meistern. Da sie die Fähigkeit, tief und intensiv zu empfinden, oft von klein auf besitzen, also bereits in einem Alter, in dem Kinder ihre Gefühle noch nicht regulieren können, können sie seelische Schäden erleiden, die mit Zurückweisung, Scham und Einsamkeit zusammenhängen. Als begabte Kinder wurden sie entweder überstimuliert oder unterstimuliert, waren also entweder zu vielen oder zu wenigen Reizen ausgesetzt, oder sie wurden durch gesellschaftliche oder kulturelle Vorstellungen von „Angemessenheit“ ausgebremst. Vielleicht fühlten sie sich unzulänglich, schuldig oder für Dinge mitverantwortlich, auf die sie gar keinen Einfluss hatten, oder ihnen wurde vorgeworfen, sie würden „überreagieren“ oder seien „zu empfindlich und zu theatralisch“.
Als Erwachsene werden sie oft von Selbstzweifeln und einem anhaltenden Gefühl existenzieller Einsamkeit gequält. Einerseits müssen sie mit der Feindseligkeit und den Urteilen anderer über sie fertigwerden, andererseits müssen sie Menschen, die von ihrem besonderen Wahrnehmungsvermögen und ihrer Intuition profitieren möchten, Grenzen setzen.
Menschen, die von Geburt an emotional intensiv, sensibel und begabt sind, sind wie Besitzer von Rennwagen. Diese Autos haben extrem starke Motoren, die ein spezielles Benzin und eine besondere Pflege benötigen. In gutem Zustand und richtig gewartet können sie zu den leistungsfähigsten Maschinen der Welt gehören und viele Rennen gewinnen. Problematisch wird es jedoch, wenn ihre Besitzer im Umgang mit diesen Hochleistungsfahrzeugen nicht geschult sind.
Mit diesem Buch möchte ich sensiblen Menschen wie Ihnen den Umgang mit der Erfahrung, intensiv zu leben, erleichtern, indem ich Ihnen helfe, die folgenden Fragen zu untersuchen:
Stimmt etwas nicht mit mir?
Wie erklärt diese Eigenschaft meine bisherigen Erfahrungen im Leben?
Was kann ich jetzt tun, um einige meiner emotionalen Wunden zu heilen, mein Leben zu verbessern und mein Potenzial zu verwirklichen?
Wie schaffe ich es, als sensibler und emotional intensiver Mensch nicht nur zu „überleben“, sondern mich zu entfalten?
Wenn Sie erst einmal erkannt haben, wo Ihre Schwierigkeiten herkommen, können Sie anfangen, Ihre lange verschütteten Talente wiederzuentdecken. Plötzlich ergibt Ihre Lebensgeschichte einen Sinn. Auf Ihrer Reise zur Heilung und Selbstverwirklichung werden Themen wie authentisches Leben und der Sinn und Zweck des Daseins in den Vordergrund rücken.
Wenn Sie in Ihre eigene Wahrheit eintreten, werden Sie Vertrauen in Ihre ganz eigene Art, die Welt zu erleben, gewinnen und entdecken, was Sie zu bieten haben. Und Sie werden hoffentlich erkennen, dass das Bewusstsein und die Fähigkeiten, die Sie als einzigartiger Mensch haben, nicht nur ungewöhnlich, sondern auch äußerst wertvoll sind.
Intensität und persönliches Wachstum
Oft wissen emotional begabte Menschen nicht, dass es für sie normal ist, Phasen intensiver innerer Konflikte durchzumachen, die manchmal wie „emotionale Krisen“ erscheinen. Diese Phasen sind weder zufällig noch sinnlos und auch kein Zeichen emotionaler Schwäche. Vielmehr gehören sie zu dem lebenswichtigen Prozess, der „positive Desintegration“ genannt wird. Dieses Konzept stammt von dem polnischen Psychologen Kazimierz Dabrowski, der sein Leben der Erforschung der psychologischen Struktur von intellektuell und künstlerisch begabten Menschen widmete. Seine Arbeit bestätigt, dass emotionale Intensität eine Voraussetzung für die Weiterentwicklung solcher Menschen ist. Das Gefühl der Zerrissenheit ist die gespürte Kluft zwischen dem idealen Selbst (wie man gerne wäre) und dem gegenwärtigen Zustand (wie man momentan ist). Es ist intensiv, denn persönliches Wachstum wird erst möglich, wenn man existierende Strukturen niederreißt. Dazu gehört auch, dass man die eigene Art zu denken, zu empfinden und zu leben infrage stellt.
Wachstum bedeutet zu sehen, was man bisher nicht gesehen hat, zu empfinden, was man bisher nicht empfunden hat, und zu tun, was man bisher nicht getan hat. Es setzt voraus, dass man sein bisheriges Selbstbild aufgibt, konventionelle Lebensziele hinterfragt und in einen Zustand des Nichtwissens gerät. Vielleicht muss man auch eine Phase der Einsamkeit durchmachen, in der man sich von seiner sozialen Bezugsgruppe entfremdet, weil deren Normen mit der neu gefundenen Authentizität und höheren Werten unvereinbar sind.
Innere Konflikte sind für emotional begabte Menschen nicht schädlich, sondern entwicklungsfördernd – sie sind „Wachstumsschmerzen“. Nach Dabrowski sind solche Menschen nach einer Phase „positiver Unangepasstheit“ fähig, im Einklang mit ihren höheren Werten wie Vergebung, Authentizität und Kreativität zu leben (Dabrowski, 1966). Mit anderen Worten, emotionale Intensität ist nicht nur ein Nebenprodukt des persönlichen Wachstums, sondern eine wichtige Voraussetzung dafür. Diese Menschen befinden sich aufgrund ihrer intensiven Art und ihres Bestrebens, ihr bestes Selbst zu sein, in einem ständigen schnellen Lernprozess, bei dem sie das Alte abschütteln, um Platz für das Neue zu schaffen. Selbst wenn die damit einhergehenden Schwierigkeiten ihnen manchmal Verdruss bereiten, treibt ihr Bedürfnis nach Authentizität und Erfüllung sie voran.
In jedem emotional intensiven Menschen steckt jemand, der sehr kreativ und leidenschaftlich ist und viel zu geben hat. Sie werden Ihre emotionale Intensität nicht überwinden – aber welchen Grund sollten Sie auch dafür haben? Stattdessen können Sie sie schätzen lernen. Sie können die konventionelle medikalisierende – und letztlich falsche – Sichtweise Ihrer Erfahrung verwerfen und sich eine solche aneignen, die Ihnen hilft, Ihr Potenzial zu verwirklichen.
Was macht dieses Buch anders?
In den letzten Jahren ist in der Psychologie und den Mainstream-Medien das Interesse an Sensibilität, Empathie, Introversion und anderen verwandten Themen stark gestiegen. Doch viele Fragen bleiben offen. Dieses Buch soll eine Lücke füllen, indem es eine alternative Perspektive auf die gegenwärtige Sichtweise von Sensibilität in der modernen Gesellschaft anbietet.
„Es geht nicht nur darum, helles Licht und laute Geräusche zu meiden“: Über die Vermeidung hinausgehen
Wenn man die Literatur für sensible Menschen durchsieht, findet man darin höchstwahrscheinlich Themen wie „Überleben“, „Schutz“ und „Vermeidung“. Leider entsteht bei diesem Ansatz der Eindruck, dass sensible Menschen „zu zerbrechlich für diese Welt“ sind. Die Ratschläge konzentrieren sich darauf, was man gegen das Überwältigtwerden tun kann, zum Beispiel sich von Reizen fernhalten, Grenzen setzen, Kontakte einschränken und Gefühlsvampiren aus dem Weg gehen. Solche Ratschläge haben zwar ihren Wert, aber sie bergen die Gefahr, dass sie die Vorstellung aufrechterhalten, sensible Menschen wären irgendwie unzulänglich oder für diese Welt schlecht gerüstet.
Sensible Menschen sehen und empfinden tief und haben feine Antennen für das, was um sie herum vor sich geht, aber das ist nur ein Aspekt ihrer Natur. Sie sind nicht nur sensibel, sondern auch sehr leidenschaftlich und liebevoll. Viele sind extrovertiert und ziehen Stärke aus dem Zusammensein mit anderen Menschen. Der Schlüssel zu einem erfüllten Leben liegt daher nicht in völliger Zurückgezogenheit und Vermeidung oder in einer Welt ohne Kontakte und Reize.
Viele sensible und emotional intensive Menschen sind auch begabt, und begabte Menschen brauchen ein gewisses Maß an Stimulation, um ihr optimales Funktionsniveau aufrechtzuerhalten. Besonders motiviert und mit anderen verbunden fühlen sie sich, wenn sie Beziehungen zu Menschen haben, deren – intellektuelles, psychologisches und emotionales – Niveau dem ihren entspricht. Für sie ist Unterstimulation, im Leben wie in Beziehungen, ebenso problematisch wie Überstimulation.
Wenn wir uns für Menschen halten, die irgendwie gebrochen und unfähig sind und Schutz brauchen, müssen wir unser Leben auf eine Art gestalten, die eher auf Vermeidung als auf Wachstum und Entfaltung abzielt. Schließlich schrumpft unsere Welt, und wir verlieren unser unendliches Potenzial aus den Augen.
Es wäre jedoch sehr viel hilfreicher, wenn wir uns darauf konzentrieren würden, unsere Resilienz zu stärken und fähig zu werden, offen zu bleiben und mit dem Auf und Ab des Lebens zurechtzukommen. In diesem Buch wird ein anderer Ansatz präsentiert, der zunächst widersinnig erscheinen mag: Statt nach Möglichkeiten zu suchen, uns vor den unvermeidlichen Herausforderungen des Lebens zu schützen, entscheiden wir uns für Offenheit. Statt uns klein zu machen, entfalten wir uns. Um als sensibler Mensch zu gedeihen, muss man sich der Welt öffnen, statt sich abzuschotten.
Unser oberstes Ziel sollte sein, die in uns schlummernden Talente freizusetzen, sodass wir hinausgehen und der Welt zeigen können, was in uns steckt. Das geht nicht, wenn wir in einer Lebensweise gefangen sind, die von Angst bestimmt ist und uns einschränkt. Deshalb möchte ich Sie dazu ermutigen, Ihre Meinung über emotionale Intensität völlig zu ändern: Wir sind keine hilflosen Opfer unserer Eigenschaften, und die Welt ist kein Schlachtfeld, auf dem ein „Ich-gegen-sie“-Kampf tobt. Statt das Bedürfnis, sich zu verstecken und klein zu machen, zu verstärken, werden wir gemeinsam einen Weg finden, uns als die leidenschaftlichen, liebevollen und gebenden Seelen zu zeigen, die wir sind.
„Es braucht viel mehr als nur gute Ernährung und Meditation“: Probleme an ihren emotionalen Wurzeln packen
Zurzeit gibt es jede Menge Lebenshilfe-Bücher für sensible Menschen. Sie enthalten zum Beispiel Tipps, wie sie ihren Schlaf verbessern und durch Meditation, Ernährung und Nahrungsergänzungsmittel Stress reduzieren können. In diesem Buch möchte ich, trotz seiner Praxisbezogenheit, über „Alltagsratschläge“ hinausgehen und tiefer gehend erforschen, wie die persönliche Entwicklung verläuft und welche psychologischen Auswirkungen es hat, wenn man sensibel, emotional intensiv und begabt ist.
Sensibilität ist zwar keine Krankheit, doch sie bringt gewisse Schwierigkeiten mit sich, die wir in diesem Buch thematisieren werden, zum Beispiel den Kummer darüber, missverstanden zu werden, das Gefühl, anders zu sein und zu ticken, und die Frage, wie man mit einem Spektrum an intensiven Gefühlen von Furcht bis Scham umgeht. Obwohl dieses Buch auch praktische Ratschläge enthält, ist es keine „Anleitung“, wie man Probleme löst. Die tief greifendsten und nachhaltigsten Veränderungen ergeben sich aus einer Änderung unserer Einstellung und unserer Grundüberzeugungen über uns selbst und die Welt. Wir werden uns mit den Kernerinnerungen auseinandersetzen, die die auftretenden Probleme verursachen, sodass wir emotionale Schwierigkeiten an ihren Wurzeln packen und beseitigen können. Der Prozess, der vor Ihnen liegt, ist mehr als ein rein intellektueller – er geht mit Veränderungen auf der emotionalen Ebene einher. Das Ziel unserer Arbeit ist, Ihnen durch die Kombination von traditionellen psychologischen Theorien und spiritueller Weisheit zu helfen, verborgene emotionale Schmerzpunkte freizulegen und Ihr angeborenes Potenzial zu verwirklichen.
Das Thema Begabung
Die meisten begabten Menschen wissen aus eigener Erfahrung, was es heißt, hochsensibel zu sein und intensiv zu empfinden. Wie ich in späteren Kapiteln noch ausführen werde, reagieren die meisten begabten Menschen überdurchschnittlich stark auf intellektuelle, sinnliche, körperliche und emotionale Reize. Psychologen nennen diese starken Reaktionen „Erregungen“. Studien zeigen, dass Erregbarkeit ein Merkmal eines hohen Entwicklungspotenzials ist, das oft mit besonderen Fähigkeiten und Talenten einhergeht. Doch nur sehr wenige untersuchten bislang die Beziehung zwischen emotionaler Intensität, Sensibilität und Begabung, vielleicht weil Begabung in unserer Gesellschaft ein überfrachteter Begriff ist. Für viele ist Begabung eng über den IQ definiert. Tatsächlich kommt Begabung jedoch in allen Formen und Größen vor und beschränkt sich nicht auf intellektuelle Fähigkeiten. Neben außergewöhnlichen Talenten auf den Gebieten der Musik, der bildenden Kunst oder des Sports gibt es auch noch die interpersonale Intelligenz, die intrapersonale Intelligenz und die spirituelle Intelligenz, mit denen sich allerdings nur wenige beschäftigen.
„Begabt“ ist einfach ein Wort, mit dem Menschen beschrieben werden, die eine andere neurologische Ausstattung und andere Bedürfnisse haben. So wie die Augenfarbe oder die Körpergröße ist Begabung eine neutrale angeborene Eigenschaft. Begabt zu sein heißt nicht, dass Sie anderen überlegen sind. Es kann einfach bedeuten, dass Sie anders ticken. Und es stellt Sie vor spezielle Herausforderungen. Begabte brauchen unbedingt einen sicheren Raum, der frei von Urteilen und Kritik ist, in dem sie über die Freuden und Leiden reden können, die diese Eigenschaft mit sich bringt.
Lassen Sie uns beginnen
Ihre Identität als emotional und empathisch begabter Mensch zurückzugewinnen heißt, dass Sie Ihre speziellen Bedürfnisse respektieren und vor allem, dass Sie sich nicht dafür schämen, anders zu sein. Gerade Ihre Sensibilität und Intensität können Sie zu außergewöhnlichen Leistungen befähigen. Für Ihr persönliches Wachstum – und den Menschen um Sie herum zuliebe – ist es daher sehr wichtig, dass Sie Ihre wahre Identität bejahen und erkennen, dass Ihre einzigartigen Eigenschaften keine Schwächen, sondern Vorzüge sind.
In diesem Buch werden wir uns mit einer ganzen Reihe von Themen auseinandersetzen. Durch verschiedene Übungen möchte ich Ihnen helfen, zu einer neuen Sichtweise Ihrer Vergangenheit zu gelangen, neue Weg zu finden, Ihr gegenwärtiges Leben zu meistern, und sich neue Möglichkeiten zu erschließen. Ihre persönlichen Lebensumstände, Werte und Überzeugungen werden Ihnen Ihren eigenen Weg aufzeigen. Manche Ideen und Konzepte werden Sie mehr ansprechen als andere. Es steht Ihnen frei, nur die aufzugreifen, mit denen Sie etwas anfangen können, und den Rest zu vergessen.
Imi Lo
http://www.eggshelltherapy.com
Denkanstöße
Bevor Sie beginnen, möchten Sie vielleicht über die folgenden Fragen nachdenken:
Wo befinden Sie sich auf Ihrer Reise von der Heilung zur Selbstverwirklichung?Welche Aspekte Ihres Lebens erfordern momentan die größte Aufmerksamkeit?Was hoffen Sie durch die Lektüre dieses Buches vor allem zu erreichen?Welche Art von Unterstützung könnten Sie während dieses Prozesses benötigen?Was ist der erste Schritt, den Sie auf dem Weg zu Ihrem psycho-spirituellen Wachstum gerne machen würden?Im ersten Teil dieses Buches werden wir Vorstellungen von Sensibilität und emotionaler Intensität untersuchen. Vielleicht wurden Sie, als sensibler Mensch, schon als „überempfindlich“ oder „zu intensiv“ abqualifiziert. Vielleicht hatten Sie manchmal sogar das Gefühl, dass mit Ihnen etwas nicht stimmt, dass Ihre Sensibilität das Symptom einer Krankheit ist. In Kapitel 1 betrachten wir einige Definitionen – was genau meinen wir, wenn wir von „Sensibilität“ oder „emotionaler Intensität“ sprechen? – und einige Eigenschaften, die mit Sensibilität assoziiert werden. In Kapitel 2 untersuchen wir diese Vorstellungen dann genauer. Dabei beschäftigen wir uns mit Begriffen wie Hochsensibilität, Begabung, Empathie, „dünnen Grenzen“ und Introversion. In Kapitel 3 geht es um emotionale Begabung: um die unterschiedlichen Formen, die sie annehmen kann, und die Eigenschaften, die begabte Menschen aufweisen. Außerdem wird das Konzept der Übererregbarkeit erklärt. Kapitel 4, in dem wir die Beziehung zwischen emotionaler Intensität und geistiger Gesundheit untersuchen, schließt Teil I ab.
In diesem Buch werden die Begriffe „Sensibilität“, „emotionale Intensität“ und „emotionale Begabung“ praktisch synonym verwendet. Diese Eigenschaft wird durch die folgenden fünf Kernmerkmale definiert:
Emotionale Tiefe, Intensität und Komplexität
Tiefe Empathie und Sensibilität
Stark erhöhtes Wahrnehmungsvermögen
Ein reiches Innenleben, das von einer raschen Erregbarkeit der Sinne, der Fantasie und des Geistes gespeist wird
Kreatives Potenzial und Existenzangst
Als hochsensibler Mensch haben Sie die Fähigkeit, Gefühle ungewöhnlich tief, komplex und intensiv zu empfinden. Deshalb fühlen Sie sich sehr lebendig, manchmal auf eine schmerzliche Weise.
Sie erleben einen ständigen Strom sowohl positiver als auch negativer Gefühle, die manchmal gleichzeitig und manchmal schnell nacheinander aufkommen.
Sie empfinden starke und schwankende Gefühle: Ihre Stimmung kann schnell von Glückseligkeit in tiefe Niedergeschlagenheit umschlagen. Wenn Kunst oder Musik Sie bewegen, werden Sie von Wellen der Freude durchflutet oder gelangen in einen Zustand der Ekstase. Manchmal sind Ihre Emotionen so übermächtig, dass Sie ein Gefühl des Kontrollverlusts haben.
Sie sind sehr leidenschaftlich, selbst wenn Sie das nicht zeigen. Da Sie auch Liebe und Verbundenheit intensiv empfinden, neigen Sie dazu, starke emotionale Bindungen zu Menschen, Orten und Dingen zu entwickeln, was eine zeitweilige oder endgültige Trennung von ihnen schwierig machen kann.
Vielleicht reagieren Sie auf vieles im Leben mit mehr Zärtlichkeit, Melancholie und Nostalgie als andere Menschen. Doch Ihre starke Emotionalität wird oft nicht als Beweis Ihrer tiefen Empfindungsfähigkeit gesehen, sondern für krankhaft oder unreif gehalten.
Sie nahmen schon von klein auf großen Anteil an dem, was den Menschen um Sie herum widerfuhr. Wenn andere körperlich oder psychisch misshandelt werden, empfinden Sie so, als würde das mit Ihnen geschehen. Sie fühlen nicht nur mit anderen Menschen, sondern haben vielleicht auch eine direkte emotionale Verbindung zu Tieren, der Natur und Elementen im spirituellen Bereich.
Sie haben die angeborene Fähigkeit, sich in die Energie anderer Menschen einzufühlen, und Sie identifizieren sich mit den Eigenschaften eines „Empathen“. In sozialen Situationen wissen Sie intuitiv, in welcher körperlichen oder seelischen Verfassung andere sind. Manchmal haben Sie das Gefühl, deren körperliche Beschwerden und psychische Probleme zu „absorbieren“.
Weil Sie spüren, worunter andere Menschen leiden, knüpfen Sie oft gefühlvolle und tiefer gehende Kontakte. In Beziehungen sind Sie loyal, idealistisch und romantisch. Doch dass Sie von Natur aus offen und sensibel sind, bedeutet auch, dass Sie anfällig für Beziehungstraumata sind. Möglicherweise machten Sie als Kind die schmerzliche Erfahrung, dass Ihre liebevolle und mitfühlende Natur abgelehnt und unterdrückt wurde.
Ein erhöhtes Wahrnehmungsvermögen bedeutet auch, dass Sie extrem sensibel auf Ihre Umgebung reagieren. Sie wissen Sinnesfreuden wie Musik, Sprache und Kunst besonders zu schätzen und reagieren intensiv auf Anblicke, Geräusche, Berührungen, Geschmäcker und Gerüche. Das kann dazu führen, dass Sie sich bei zu vielen Sinnesreizen überwältigt oder unbehaglich fühlen. Vielleicht reagieren Sie empfindlich auf laute Geräusche, starke Gerüche oder eingenähte Etiketten in der Kleidung und raue Materialien. Vielleicht leiden Sie unter körperlichen Symptomen wie Misophonie (verminderte Toleranz von bestimmten Geräuschen), Hyperakusis (Empfindlichkeit gegen bestimmte Frequenzen und Lautstärken von Schall), multiplen Allergien und Schmerzempfindlichkeit.
Da Sie ein erhöhtes Wahrnehmungsvermögen besitzen, können Sie Dinge spüren und wahrnehmen, die anderen entgehen. Sie sehen hinter die Oberfläche, und Ihr Geist ist oft damit beschäftigt, Muster zu erfassen und Verbindungen herzustellen.
Ihre Einblicke, Ihre Intuition und Ihre Fähigkeit, mehrere Schichten der Realität zu erfassen, erlauben es Ihnen, Menschen und Situationen schnell einzuschätzen. Sie können die Dynamik in sozialen Situationen erschreckend genau wahrnehmen. Sie haben ein Gespür für sich anbahnende Geschehnisse oder für das Innenleben anderer Menschen. Sie spüren es, wenn etwas nicht stimmt, und können die Absichten, Gedanken und Gefühle hinter den Fassaden von Menschen erahnen.
Doch Ihre Fähigkeiten machen Ihnen das Leben nicht unbedingt leichter. Auch wenn Ihre Einblicke und Ahnungen Sie manchmal überwältigen, können Sie Dinge nicht „ungesehen“ machen. Heuchelei und Ungerechtigkeit machen Ihnen zu schaffen, und Sie haben Schwierigkeiten mit Menschen und Situationen, die nicht authentisch sind. Sie sind unweigerlich die Person, die auf das im Raum stehende, aber nicht angesprochene Problem hinweist.
Ihr erhöhtes Wahrnehmungsvermögen bringt noch weitere Probleme mit sich. Es kann vorkommen, dass anderen Menschen Ihre Einblicke unangenehm sind und dass Sie auf jene, die sich „durchschaut“ fühlen, einschüchternd wirken. Weil Sie ein introspektiver Mensch sind und sich zudem der Leiden, Heucheleien und Komplexitäten des Lebens bewusst sind, fühlen Sie sich vielleicht ständig älter als andere in Ihrem Umfeld, wie eine „alte Seele“, die irgendwie ihre Wurzeln verloren hat.
In einer Familiensituation werden Sie vielleicht zum Sündenbock gemacht, dem die Last der schmerzlichen Wahrheit aufgebürdet wird, die unausgesprochen bleibt, während die Fassade der Normalität aufrechterhalten wird. Vielleicht wurde Ihnen die Rolle des „schwierigen“ Familienmitglieds oder des schwarzen Schafs zugewiesen. Das ist oft eine unbewusste Strategie, die einige Familienmitglieder anwenden, um ihrem eigenen emotionalen Schmerz und Leid auszuweichen.
Sie haben einen angeborenen Drang, die Grenzen der Konformität zu sprengen, Traditionen kritisch zu hinterfragen oder mit ihnen zu brechen, besonders mit denen, die Ihnen bedeutungslos oder fragwürdig erscheinen. Hinzu kommt ein starker Gerechtigkeitssinn, deshalb frustriert Sie die Korruption und Ungleichheit auf der Welt. Da Sie der Zeit einen Schritt voraus sind, sprechen Sie Wahrheiten und fortschrittliche Gedanken aus, die die meisten Leute beunruhigend finden. Das kann zwar bedeuten, dass Ihr Lebensweg schwierig ist, doch Sie haben auch das Potenzial, als visionäre Führungspersönlichkeit erfolgreich zu sein.
Sie haben ein reiches Innenleben, das von Fantasie und inneren Dialogen genährt wird und von Worten, Bildern, Metaphern, Visualisierungen, lebhaften Fantasien und Träumen erfüllt ist. Als Kind zogen Sie sich vielleicht in Zeiten emotionalen Aufruhrs in Ihre Fantasiewelt zurück.
Auf der intellektuellen Ebene sind Sie neugierig und nachdenklich. Sie haben ein starkes Bedürfnis, Dinge zu verstehen, Ihren Horizont zu erweitern, Wissen zu erwerben und Ihre Gedanken zu analysieren. Sie verarbeiten Informationen schnell und gründlich und nehmen Sie auch sehr schnell auf. Sie können eine echte Leseratte und ein scharfer Beobachter sein. Möglicherweise erscheinen Sie Menschen, die nicht mit Ihnen mithalten können, zu kritisch und ungeduldig. Sie haben auch die Fähigkeit, Ihre tiefen Gefühle in intellektuelle Konzepte einzubeziehen und so originelle Ideen zu entwickeln. Vielleicht kommen Ihnen ununterbrochen neue Ideen, manchmal so viele, dass Sie das Gefühl haben, gar nicht mehr mitzukommen.
Sie neigen dazu, bei bestimmten Themen und Projekten viel Eifer und Enthusiasmus an den Tag zu legen. Wenn eine Idee Sie begeistert, können Sie Ihre Gedanken gar nicht so schnell in Worte fassen, wie Ihr Kopf sie produziert, oder Ihnen wird bewusst, dass Sie sehr schnell sprechen und vielleicht sogar andere unterbrechen. Ein Kunstwerk, Buch, Theaterstück oder Musikstück, das Ihnen gefällt, kann Sie so sehr in seinen Bann ziehen, dass die Außenwelt für Sie nicht mehr existiert.
Sie sind in hohem Maße fähig zu kontemplativem Denken und zur Selbstreflexion. Die Kehrseite davon ist, dass Sie zu zwanghaften Gedanken und übergewissenhafter Selbstprüfung neigen. Und Sie können unter Perfektionismus leiden oder zu selbstkritisch sein.
Ihre Offenheit für neue Erfahrungen bedeutet auch, dass Sie ein größeres Potenzial für spirituelle Erkenntnisse und Erfahrungen haben. Sie sind empfänglich für die spirituelle Welt. Vielleicht zog der spirituelle Weg Sie schon als Kind an. Das kann sich als irgendeine übersinnliche Fähigkeit manifestieren oder auch nicht.
Sie haben sich immer schon mit den großen Fragen des Lebens beschäftigt. Vielleicht leiden Sie schon seit Ihrer Jugend unter existenziellen Depressionen und Melancholie über die Bedeutungslosigkeit von Leben, Tod und Einsamkeit. Vielleicht haben Sie Schwierigkeiten, sich in Ihr soziales Umfeld zu integrieren, oder es frustriert Sie, dass die Menschen um Sie herum nicht bereit sind, sich mit diesen wichtigen Themen auseinanderzusetzen.
Ihre Existenzangst manifestiert sich als ein unbestimmtes Gefühl der Dringlichkeit, als ständiger Impuls, sich vorwärts zu bewegen. Sie haben das quälende Gefühl, dass die Zeit abläuft oder dass da etwas Wichtiges ist, das Sie tun sollten, doch Ihnen ist noch nicht klar, was es ist. Vielleicht spüren Sie eine Last von Verantwortung auf Ihren Schultern – sogar für Dinge, für die Sie gar nicht verantwortlich sind. Ein solcher Druck kann dazu führen, dass Sie äußerst selbstkritisch werden und Angst, Schuld und ein Gefühl des Versagens empfinden.
Ihre Angst treibt Sie an zu lernen, zu wachsen und auf Ihrem Lebensweg voranzukommen, aber sie kann Sie auch lähmen. Vielleicht sind Sie anfällig für kreative Blockaden – wie beispielsweise eine Schreibblockade –, Prokrastination (ein extremes Aufschieben von Aufgaben), Angst vor Bloßstellung oder das „Hochstapler-Syndrom“ (das Gefühl, eine Mogelpackung zu sein). Wenn Sie eine starke Vision oder eine innovative Idee haben, leiden Sie vielleicht unter dem Konflikt zwischen Zugehörigkeit und authentischem Ausdruck – Sie wollen sich mit Ihrem ganzen authentischen Selbst ausdrücken, fürchten jedoch, dass das bedeutet, dass Sie abgelehnt werden oder Menschen hinter sich lassen.
Vielleicht sind Sie vielseitig gebildet oder „vielbegabt“ – jemand, der nicht nur eine bestimmte Berufung, sondern viele Interessen hat und mehreren kreativen Beschäftigungen nachgeht. Sie sehnen sich danach, von Nutzen für die Welt zu sein, haben jedoch Schwierigkeiten, sich auf ein Betätigungsfeld zu konzentrieren. Nichtsdestotrotz haben Sie tief drinnen immer gewusst, dass Sie mit einem Leben, das aufgabenorientiert ist und für Sie keinen Sinn hat, nicht zufrieden sind.
In diesem Buch greife ich das Konzept der „Neurodiversität“ auf, nach dem bestimmte Gruppen der Bevölkerung von Natur aus anders sind als die Norm. Diese Menschen haben eine spezielle Art von Sensibilität, Intensität und Begabung. Aber ich habe nicht die Absicht, ein grob vereinfachtes System zu schaffen, das Ihre Realität in eine bestimmte Schublade presst, und ich postuliere auch nicht, dass Sie immer auf eine ganz bestimmte Art empfinden, denken und Dinge wahrnehmen.
Doch ohne eine gewisse Verallgemeinerung und Reduktion der menschlichen Komplexität lässt sich die Eigenschaft der emotionalen Intensität leider nicht konzeptualisieren. Das liegt an der Begrenztheit von Sprache. So, wie eine Landkarte immer eine Vereinfachung des Gebiets ist, das sie abzubilden versucht, müssen wir, um Dinge zu erklären und zu vermitteln, eine schematisierte Version einer nicht greifbaren Wirklichkeit schaffen.
Jede Typologie ist verglichen mit einem wirklichen einzigartigen Menschen zwangsläufig eine Vereinfachung, doch ich will keinesfalls eine Karikatur zeichnen. Wir dürfen nicht vergessen, dass das „Hier und Jetzt“ eines lebendigen Menschen, der sich ständig verändert und weiterentwickelt, stets mehr Gewicht hat als die Theorie. Ich hoffe, wir können uns alle die Weisheit des „Anfängergeistes“ bewahren, sodass ein Teil von uns immer offen und neugierig bleibt und Dinge so betrachtet, als sähen wir sie zum ersten Mal.
Nichts ist endgültig.
In den letzten Jahren zeigten Psychologen und die Öffentlichkeit ein zunehmendes Interesse an Sensibilität, Empathie, emotionaler Intelligenz und Introversion sowie am Zusammenhang zwischen diesen Eigenschaften, dem persönlichen Wohlbefinden und der individuellen Kreativität. Vielleicht haben Sie festgestellt, dass Sie hochsensibel, introvertiert oder ein „Empath“ sind. Oder vielleicht haben Sie sich gefragt, ob diese Eigenschaft von Ihnen ein Zeichen für eine psychische Erkrankung oder das Ergebnis eines Kindheitstraumas ist. Um zu einem besseren Verständnis Ihrer Lebenserfahrungen als sensibler und emotional intensiver Mensch zu gelangen, gehen wir nun zunächst einige Konzepte zu dieser Thematik durch, um zu sehen, ob sie auf Sie zutreffen oder nicht.
Elaine Arons Buch Sind Sie hochsensibel? machte das Konzept der Hochsensibilität bekannt. Laut Aron haben 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung eine angeborene sensorische Verarbeitungssensitivität – ein besonderes Merkmal, das zu häufig vorkommt, um eine psychische Störung zu sein.
Arons Studien ergaben, dass hochsensible Personen (HSP) eine höhere Aktivität in der rechten Gehirnhälfte sowie ein reaktiveres Immunsystem und Nervensystem aufweisen als andere. Ihre hohe emotionale Reaktivität geht oft mit körperlichen Empfindlichkeiten einher. Was die meisten Leute nur ein bisschen unangenehm oder lästig finden – beispielsweise Menschenmengen oder das Ticken einer Uhr –, kann für HSP, die auf ein hohes Reizniveau, plötzliche Veränderungen und das Leid anderer Menschen empfindlicher reagieren, schon zu viel sein. Auf HSP können laute Geräusche, helles Licht, brummende Fernsehgeräte und sogar der Hautkontakt mit eingenähten Etiketten in der Kleidung überwältigend wirken.
Diese empfindlichen Reaktionen sind schon ab dem Kleinkindalter zu beobachten. Oft werden hochsensible Kinder als sonderbar, empfindlich oder scheu bezeichnet. Ihr Temperament kann recht unterschiedlich sein, je nachdem, wie sie erzogen werden. Das hochsensible Kind kann als schwierig, aktiv, störrisch und anspruchsvoll empfunden werden oder, ganz im Gegenteil, als fast „zu leicht zu erziehen“ (also als zu bescheiden oder frühreif).
Hochsensible Kinder – die mit der gleichen Wahrscheinlichkeit Jungen oder Mädchen sind – werden oft als Perfektionisten wahrgenommen, weil alles, was „aus der Reihe fällt“, ihnen psychischen oder körperlichen Stress verursachen kann. Dieser Hang zum Perfektionismus kann sich als Neigung zu zwanghaften Verhaltensweisen äußern. Bis zu 70 Prozent der HSP sind introvertiert und benötigen immer wieder Zeit für sich allein, um sich zu regenerieren, bis sie wieder bereit sind, in die hektische Betriebsamkeit der modernen Gesellschaft zurückzukehren.
Aron trug als Pionierin auf diesem Gebiet entscheidend dazu bei, bei den Mainstream-Medien ein Bewusstsein für Hochsensibilität zu schaffen. In den 20 Jahren, die seit der Veröffentlichung von Sind Sie hochsensibel? vergangen sind, erschienen zahllose Bücher und Artikel über HSP und die speziellen Probleme, die sie bewältigen müssen, beispielsweise in Liebesbeziehungen oder um sich an ihrem Arbeitsplatz wohlzufühlen und erfolgreich zu sein. Diese Informationsquellen mögen sensiblen Menschen, die für das, was sie erleben, nun endlich einen Namen haben, Erleichterung verschaffen, doch viele Fragen bleiben offen: Wie kann man die tief sitzenden seelischen Wunden heilen, die entstehen, wenn man anders aufwächst? Wie hängt Sensibilität mit anderen Persönlichkeitsmerkmalen wie Empathie oder Intelligenz zusammen?
Vielleicht denken Sie: „Die Charakterisierung einer HSP scheint mich haargenau zu beschreiben. Was unterscheidet dieses Buch von anderen über HSP?“
Ich habe die Definition von Sensibilität um die Dimension von Intensität und Begabung erweitert. Bei meinen Studien und meiner klinischen Arbeit erkannte ich, dass es eine Gruppe von Menschen gibt – vielleicht eine Untergruppe von HSP –, die nicht nur „sensibel“ sind, sondern auch außergewöhnlich intensiv, leidenschaftlich, scharfsinnig und kreativ. Wenn Sie zu diesen Menschen gehören, reicht der Begriff „Sensibilität“ einfach nicht aus, um Ihre Erfahrungen zu beschreiben.
Laut Wörterbuch ist ein sensibler Mensch in besonderer Weise „zu Sinneswahrnehmungen fähig“ und „reagiert auf äußere Bedingungen oder Reize“ und auf „geringfügige Unterschiede oder Veränderungen in der Umgebung“. Er ist „leicht erregbar, anfällig für Entzündungen“ und „schnell gekränkt, aufgebracht oder beleidigt“ (American Heritage Dictionary of the English Language, Ausgabe von 2011). Diese herkömmliche Definition von Sensibilität umschreibt zwar Ihre feinen Antennen für Ihr Umfeld, doch sie gibt nur die reaktiven und passiven Aspekte Ihrer Persönlichkeit wieder.
Dagegen definiert das Wörterbuch Intensität so: „große Energie, Stärke, Konzentration, Vehemenz etc. z. B. des Handelns, Denkens oder Fühlens“ und „starke Erregtheit, große Gefühlstiefe“ (im Internet unter http://www.dictionary.com). Wer emotional intensiv ist, ist nicht nur sensibel, sondern auch voller Leidenschaft, emotionaler Energie und Lebendigkeit.
Vielleicht haben Sie ein reiches und komplexes Innenleben und lieben feine oder subtile Geschmäcker, Gerüche, Klänge und Kunstwerke. Daher nehmen Sie die Feinheiten Ihrer Umgebung sehr bewusst wahr. HSP sind gewöhnlich sehr empathisch und spüren, was in einer gegebenen Situation zu tun ist, damit andere sich wohlfühlen. Ihre Fähigkeit, Informationen wie ein Schwamm aufzusaugen, macht Sie auch empfänglich für die Stimmungen anderer Menschen. Doch Sie sind nicht nur sensibel, sondern auch leidenschaftlich – und vielleicht idealistisch oder romantisch. In Ihrem natürlichsten Zustand fühlen Sie sich total lebendig. Sie geraten regelmäßig in Verzückung.
Ein weiteres Thema, bei dessen Behandlung es sich lohnt, über die üblichen Ratschläge für HSP hinauszugehen, ist der richtige Umgang emotional intensiver und sensibler Menschen mit Reizen und mit den eigenen Kräften. Nach der ursprünglichen Definition von HSP sind sensible Menschen schreckhaft und leicht zu erschüttern. Deshalb wird ihnen geraten, ihr Leben so zu gestalten, dass sie möglichst gar nicht erst in aufwühlende oder überwältigende Situationen geraten. Es wird angenommen, dass Veränderungen HSP stressen und dass Wettbewerb und Beobachtung sie nervös machen und verunsichern können (mit Ausnahme einer kleinen Untergruppe „sensationshungriger“ HSP, die Grenzerfahrungen und das Risiko suchen). Deshalb konzentrieren sich die meisten Selbsthilfebücher für HSP auf den Umgang mit Überstimulation, und viele Therapeuten und Coaches, die mit HSP arbeiten, geben diesen vor allem Ratschläge, wie sie äußere Reize und Stressoren begrenzen können (Aron, 2013).
Doch emotional intensive und begabte Menschen haben nicht unbedingt Angst, sich Reizen auszusetzen. Tatsächlich brauchen sie sogar ein gewisses Maß an Stimulation, um ihr optimales Funktionsniveau aufrechtzuerhalten. Um sich körperlich und seelisch wohlzufühlen, müssen sie auch produktiv und kreativ sein und ihren „idealen Gleichgewichtspunkt“ finden, an dem sie immer wieder in einen schöpferischen Flow-Zustand gelangen können (siehe Kapitel 10). Natürlich müssen sie darauf achten, wie vielen Reizen sie sich aussetzen, aber sie müssen auch Untererregung vermeiden. Unterstimulation ist ebenso problematisch wie Überstimulation und kann Auswirkungen auf alle Aspekte des Lebens haben, unter anderem auf die Arbeit, auf Liebesbeziehungen und auf alltägliche Aktivitäten. Dieses Buch will die Probleme angehen, die an beiden Enden des Spektrums entstehen. Zum Beispiel werden wir untersuchen, inwiefern Lebenspartner, die das begabte Gehirn unterstimulieren, spezielle Probleme bereiten können. Der Schlüssel zur Gesundheit und zum Wohlbefinden des emotional intensiven Menschen liegt darin, die richtigen intellektuellen, emotionalen und körperlichen Anregungen zu finden, statt nur zu versuchen, Reize zu meiden.
Nur sehr wenige Abhandlungen über sensible Menschen erkennen deren emotionale Stärke als eine Gabe an. Tatsächlich zögerte selbst Elaine Aron, das Konzept der Hochsensibilität mit Begabung in Verbindung zu bringen. Sie betrachtete Sensibilität als eine neutrale Eigenschaft, Begabung dagegen als eine ausgesprochen positive Eigenschaft (Aron, 2004). Doch ich muss ihrer Auffassung widersprechen, dass Begabung grundsätzlich eine überlegene oder sehr positive Eigenschaft ist. Wie „Sensibilität“ beschreibt „Begabung“ lediglich eine Eigenschaft, durch die ein Teil der Bevölkerung sich von der Norm unterscheidet. Die Definition von „Begabung“ als Fähigkeit, Talent auf eine Weise auszudrücken, die die Welt als hervorragend anerkennt, ist zu eng gefasst. Begabung ist nicht unbedingt mit bemerkenswerten Fertigkeiten oder Leistungen gleichzusetzen. Sie ist, genau wie Sensibilität, eine Eigenschaft, die mit Stärken und Gefahren verbunden ist. Aron wies darauf hin, dass nicht alle HSP begabt und nicht alle begabten Menschen HSP sind. Das stimmt zwar, doch immer mehr klinische Befunde und Erfahrungsberichte belegen, dass es zwischen diesen beiden Gruppen sehr viele Gemeinsamkeiten gibt.
Viele sensible und emotional intensive Menschen weisen Eigenschaften auf, die Forscher auch bei begabten Menschen feststellen. Begabte Menschen können sensorische und emotive Informationen sehr schnell aufnehmen und verarbeiten. Zudem sind ihr Wahrnehmungsvermögen und die Genauigkeit ihrer intuitiven Erkenntnisse überdurchschnittlich. Auch sensible und emotional intensive Menschen verfügen oft über eine scharfe Beobachtungsgabe und ein außergewöhnliches Wahrnehmungsvermögen.
Moralische Sensibilität ist eine weitere Eigenschaft, die viele Begabte besitzen. Die eigentlichen Auslöser vieler emotionaler Reaktionen von moralisch sensiblen Menschen auf Unstimmigkeiten in ihrer unmittelbaren Umgebung sind oft umfassendere oder tiefer gehende Probleme. Was zum Beispiel, oberflächlich betrachtet, wie ein banaler Konflikt am Arbeitsplatz erscheint, kann einen moralisch sensiblen Menschen aufwühlen, weil das Verhalten von Beteiligten sein Gerechtigkeitsempfinden verletzt (z. B. weil es diskriminierend oder sexistisch ist) oder weil die Dinge einfach nicht so sind, wie sie sein sollten. Bei jungen Menschen kann moralische Sensibilität sich als Rebellion gegen scheinbare Belanglosigkeiten äußern oder auch als leidenschaftliches Engagement für humanitäre oder revolutionäre Ideale – für Anliegen, die die Erwachsenen um sie herum nicht verstehen können.
Die emotionalen Konflikte, die Begabte durchmachen, werden „positive Desintegration“ genannt (Dabrowski, 1966). Sie „leiden“ nicht unter ihren Sensibilitäten, sondern benutzen sie stattdessen als Werkzeug, um ihr Wachstum zu fördern – ob ihnen bewusst ist, was sie durchleben, oder nicht. Zeiten persönlichen Wachstums sind für begabte Menschen schwierige Zeiten, weil ihr bisheriges untaugliches Weltbild und ihre selbstbeschränkenden Überzeugungen erschüttert werden. Aus diesem Prozess können sie als reifere Menschen hervorgehen, die zu eigenständigem Denken und unabhängigen Lebensweisen fähig sind.
Statt Sie nur zu lehren, wie Sie mit emotionaler Überwältigung oder Übererregung besser umgehen können, möchte ich Ihnen eine grundlegende Änderung Ihres Selbstbilds vorschlagen. Ich hoffe, Sie werden zu der Erkenntnis gelangen, dass die meisten der intensiven emotionalen Prozesse, die Sie durchleben, keineswegs pathologisch sind, sondern alle einem Zweck dienen und Ihr persönliches Wachstum fördern.
In späteren Kapiteln werden wir auch sehen, dass die mangelnde Bereitschaft, die Beziehung zwischen Sensibilität, emotionaler Intensität und Begabung zu erforschen, nicht nur für emotional intensive Menschen von Nachteil ist, sondern auch für die Weiterentwicklung unseres kollektiven Bewusstseins.
In esoterischer Selbsthilfe-Literatur werden Menschen, die sensibel auf Emotionen und die Energie von Mitmenschen, Tieren und Umgebungen reagieren, als „Empathen“ bezeichnet. Es gibt zwar keine einheitliche Definition dieses Begriffs, aber gewöhnlich werden Empathen als Menschen beschrieben, die in der Lage sind, das Energiefeld ihrer Mitmenschen und ihrer Umgebungen körperlich zu spüren. Ihre empathischen Fähigkeiten können manchmal „übersinnlich“ oder rätselhaft erscheinen.
Der Begriff „Empath“ wird in der akademischen Welt zwar kaum benutzt, doch das Konzept der Empathie wurde von Psychologen schon ausgiebig erforscht. In der Psychologie versteht man unter Empathie, grob definiert, die Fähigkeit, die Gefühle eines anderen Menschen zu teilen oder zu verstehen. Sie bestimmt, wie wir uns in der Welt verhalten (Davis, 1983). In Untersuchungen, was es bedeutet, eine hohe Empathiefähigkeit zu besitzen, fanden Psychologen Folgendes heraus:
Individuelle Unterschiede in der Empathiefähigkeit haben Einfluss auf die Art, wie Menschen Gesichtsausdrücke erkennen (Besel und Yuille, 2010) und auf soziale Stimuli reagieren (Eisenberg und Miller, 1987).
Menschen mit hoher Empathiefähigkeit können Gefühle anderer besser erkennen. Doch sie haben auch eine Tendenz zu negativen Emotionsausdrücken, das heißt, sie reagieren besonders sensibel und wachsam auf negative Gefühle bei anderen. Vielleicht ist das der Grund, warum Menschen mit hoher Empathiefähigkeit auch eher „empathischen Distress“ erleben (Chikovani et al., 2015).
Interessanterweise wird Traurigkeit von Frauen mit hoher Empathiefähigkeit eher wahrgenommen und besser erkannt als von Männern mit hoher Empathiefähigkeit.
Zu viel Empathie – ein intensives Nachempfinden von negativen Gefühlen anderer Menschen – wird mit emotionalen Störungen bei Pflegekräften und medizinischen Fachkräften in Verbindung gebracht. Ihr empathischer Distress wird oft als Mitgefühlserschöpfungssyndrom oder Burn-out diagnostiziert (Batson, 1987; Eisenberg et al., 1989; Gleichgerrcht und Decety, 2013).
Als „Empath“ besitzen Sie die angeborene Fähigkeit, sofort eine Verbindung zu den Gefühlen anderer Menschen herzustellen – und das geschieht automatisch und unbewusst. Wenn Sie das nicht erkennen – und Ihre eigenen Gefühle nicht von denen anderer unterscheiden können –, können Sie von übermäßigem Stress und Schmerz aus Ihrem sozialen Umfeld überwältigt werden. Das kann zu psychischen Symptomen wie Stimmungsschwankungen und körperlichen Symptomen wie unvorhersehbaren Schwankungen Ihres Energiepegels, Kopfschmerzen und Erschöpfung führen. Deshalb ist es entscheidend, dass von Natur aus hyperempathische Menschen lernen, ihre empathischen Fähigkeiten wie die Affektregulierung und die Perspektivenübernahme zu verbessern (McLaren, 2013). Ohne diese Fähigkeiten „absorbieren“ viele Empathen die Gefühle anderer bis zu ihrem schließlichen Burn-out (siehe Kapitel 12).
In den 1980er-Jahren entwickelte Ernest Hartmann sein Konzept von den „Grenzen des Geistes“, das individuelle Sensibilitätsunterschiede erklärt. In seiner Theorie postulierte er ein Spektrum von Persönlichkeitstypen mit unterschiedlichen Grenzen – von dicken bis zu dünnen.
Hartmanns Forschungsarbeit begann mit der Beobachtung, dass Menschen, die häufig von Albträumen geplagt wurden, gewisse Persönlichkeitsmerkmale gemeinsam hatten. Die für Albträume anfälligen Menschen waren tendenziell in höherem Maße „unbeschützt“, künstlerisch, fantasievoll und offen für neue Erfahrungen. Die Grenze zwischen ihrer Selbstidentität und der Außenwelt war relativ durchlässig. Deshalb sprach Hartmann von Personen mit „dünnen Grenzen“. Am anderen Ende des Spektrums waren die Personen mit „dicken Grenzen“, die er als „stabiler, stoischer und beharrlicher“ beschrieb.
Seit Hartmanns Erkenntnissen aus den 1980er-Jahren benutzten mindestens 5.000 Menschen seinen Fragebogen (den Boundary Questionnaire oder kurz BC), und mehr als 100 Veröffentlichungen bezogen sich auf ihn. Aus den bisher durchgeführten Studien ergibt sich ein immer klareres Bild von den Problemen und Symptomen, die mit der „Dicke“ der Grenzen des Geistes in Zusammenhang stehen.
Menschen mit dünnen Grenzen sind hochsensibel. Bei ihnen kann bereits ab dem Kindesalter Folgendes zu beobachten sein:
Sie reagieren stärker auf Sinnesreize. Helles Licht, laute Geräusche, bestimmte Aromen und Geschmäcker sowie Materialien mit einer bestimmten Oberflächenbeschaffenheit regen sie auf.
Sie reagieren stärker auf körperlichen oder emotionalen Schmerz, den sie selbst oder andere erleiden.
Sie reagieren gestresst oder ermüden, wenn sie zu vielen sensorischen oder emotionalen Reizen ausgesetzt werden.
Sie sind anfälliger für Allergien oder haben ein hochreaktives Immunsystem.
Kindheitserlebnisse lösen bei ihnen tiefer gehende Reaktionen aus.
Dagegen werden Menschen mit dicken Grenzen oft als stoisch oder dickfellig beschrieben. Bei ihnen lassen sich folgende Tendenzen beobachten:
Sie schieben aufwühlende Emotionen beiseite, um bestehende Probleme zu lösen oder praktische Dinge zu regeln.
Stimmungsschwankungen sind bei ihnen weniger offensichtlich.
Sie erkennen langsamer, wie sie sich fühlen und was sie empfinden.
Sie nehmen geringfügige Veränderungen oder feine Nuancen in ihrer Umgebung seltener wahr.
Sie haben ein andauerndes Gefühl von Bindungslosigkeit oder manchmal ein Gefühl der Leere.
Ein besonderer Aspekt dieses Konzepts ist, dass es die körperliche Gesundheit miteinbezieht. So wurde festgestellt, dass Menschen mit dicken Grenzen anfälliger für Bluthochdruck, das chronische Erschöpfungssyndrom und Geschwüre sind, während Menschen mit dünnen Grenzen anfälliger für Migräne, das Reizdarmsyndrom und Allergien sind. Es scheint auch ein Zusammenhang zwischen dünnen Grenzen und multipler Chemikalienunverträglichkeit zu bestehen (Jawer, 2006).
Einen anderen interessanten Zusammenhang sahen die Forscher zwischen der Dicke der Grenzen und der Berufswahl der Personen. Kunststudierende, Musikstudierende, männliche und weibliche Models und gemischte Gruppen von kreativ tätigen Angestellten hatten tendenziell viel dünnere Grenzen (Hartmann, 1991; Krippner et al., 1998). Hartmann schrieb 1997, dass Menschen mit dünnen Grenzen mit größerer Wahrscheinlichkeit eine Psychotherapie machten und von ihr profitierten. Jawer und Micozzi entwarfen in ihrem 2011 erschienenen Buch Your Emotional Type sogar eine Systematik, mit deren Hilfe die Leserinnen und Leser Behandlungen finden können, die am ehesten bei ihnen wirken, indem sie nachschauen, wo sie sich auf dem Spektrum der Grenzen des Geistes befinden.
Das Konzept von den Grenzen des Geistes kann – trotz des Mangels an quantitativen Daten und trotz der unvermeidlichen Verallgemeinerungen – hilfreich sein, um Persönlichkeitstypen zu unterscheiden und die Unterschiede zwischen ihnen zu erklären. Die Schwierigkeiten, die Menschen mit dünnen Grenzen haben, ähneln denen von sensiblen oder hyperempathischen Menschen. Man kann sich leicht vorstellen, wie sensible Menschen mit dünnen Grenzen unter Missverständnissen und Verunsicherung litten, als es noch keine wissenschaftlichen Studien gab, die ein Bewusstsein für ihre Befindlichkeit schufen.
Laurence Heller und Aline LaPierre besprechen in ihrem bahnbrechenden Buch Entwicklungstrauma heilen die Vorstellung von „energetischen Grenzen“ und wie eine Verletzung dieser Grenzen zu Umweltsensibilitäten führen kann.
Unsere energetischen Grenzen umfassen den dreidimensionalen Raum über uns, unter uns und um uns herum. Er ist ein Puffer zwischen uns und der Außenwelt und reguliert unsere Interaktionen mit anderen Menschen und der Umgebung. Wir sind uns alle mehr oder weniger bewusst, welche Wirkung eine verletzte körperliche Grenze hat – stellen Sie sich vor, dass jemand in einem öffentlichen Verkehrsmittel zu dicht bei Ihnen steht. Doch im Gegensatz zu körperlichen Grenzen sind energetische Grenzen unsichtbar. Deshalb kann die Erfahrung einer Grenzverletzung verwirrend und beängstigend sein. Zum Beispiel können Sie möglicherweise nicht klar erkennen, wann und wie Ihre energetischen Grenzen verletzt werden.
Menschen mit gesunden energetischen Grenzen fühlen sich im eigenen Körper wohl und in der Welt implizit sicher und können sich angemessen von anderen Menschen und der Umwelt abgrenzen. Doch wenn Menschen schon früh eine chronische Bedrohungslage erleben, können sie keine gesunden energetischen Grenzen entwickeln und daher extrem empfindlich gegen Umweltreize werden. Manchmal können sie telepathisch veranlagt erscheinen und fähig sein, sich energetisch auf andere Menschen und die Umgebung einzustimmen. Zu anderen Zeiten können sie sich von den Energien und Emotionen anderer Menschen überschwemmt oder durchdrungen fühlen. Verletzte Grenzen können auch dazu führen, dass sie das Gefühl haben, „in die Umgebung hinein auszulaufen“ und zwischen sich und anderen oder zwischen inneren und äußeren Erfahrungen nicht mehr unterscheiden zu können. Umweltsensibilität ist ein klares Zeichen für beeinträchtigte energetische Grenzen. Weil Menschen intakte energetische Grenzen brauchen, um Umweltreize zu filtern, können sie sich ohne sie wund fühlen, „als liefen sie ohne Haut herum“. Sie fühlen sich ständig von Umweltreizen überflutet, zu denen Kontakte mit anderen Menschen ebenso gehören wie Geräusche, Licht, Berührungen, Schadstoffe, Allergene, Gerüche und sogar elektromagnetische Strahlung (Heller und LaPierre, S. 219ff.). Auf der „Checkliste“ von Heller und LaPierre werden auch körperliche Symptome wie multiple Allergien, Migräne, chronische Erschöpfung, das Reizdarmsyndrom oder Fibromyalgie als Anzeichen für verletzte Grenzen genannt.
Da Menschen mit beeinträchtigten energetischen Grenzen unfähig sind, äußere Reize zu filtern, erscheint ihnen die Welt immer bedrohlich, sodass sie sich ständig in einem Zustand der Anspannung und extremen Wachsamkeit (Hypervigilanz) befinden. Deshalb haben sie oft das Bedürfnis, sich zurückzuziehen. Da sie kein angemessenes inneres Gefühl von Sicherheit und keine intakten energetischen Grenzen haben, isolieren sie sich oder minimieren den Kontakt zu anderen Menschen, um sich sicher zu fühlen.
Nach der Theorie von Heller und LaPierre sind diese Umweltsensibilitäten eine Folge einer beeinträchtigten Fähigkeit, sich mit sich selbst und anderen Menschen zu verbinden, die wiederum auf ein frühes Entwicklungstrauma zurückzuführen ist. Die beiden Autoren gehen davon aus, dass diese Sensibilitäten mit Komplikationen bei der Geburt, pränatalen Traumata wie intrauterinen Operationen, einer Frühgeburt mit Unterbringung im Brutkasten oder traumatischen Ereignissen während der Schwangerschaft zusammenhängen. Der Nachteil dieser Sichtweise von Sensibilität ist, dass sie pathologisierend sein kann.
Doch die Forschung über HSP zeigt, dass Sensibilität keine Krankheit ist. Sie ist eine angeborene Eigenschaft, ein Temperament, mit dem man zur Welt kommt. Obwohl einige Studien und Theorien Sensibilität mit Kindheitstraumata in Verbindung gebracht haben, bleibt der Zusammenhang unklar. Das Thema Kindheitstraumata bei sensiblen Kindern wird in den Kapiteln 5 und 8 behandelt. Vorerst ist es wichtig, dass wir nicht einfach einen direkten Zusammenhang zwischen Kindheitstraumata und Sensibilität als gegeben voraussetzen.
Es ist wichtig, Sensibilität nicht mit Introversion zu verwechseln.
Der Hauptunterschied zwischen Introvertierten und Extrovertierten ist die Quelle ihrer Energie. Extrovertierte schöpfen Energie aus ihrer Umgebung und den Menschen um sie herum, während Introvertierte eher in der Einsamkeit oder bei der inneren Reflexion neue Kräfte sammeln. Introversion wurde in der letzten Zeit durch Susan Cains Buch Still. Die Kraft der Introvertierten (2013) und ihren TED-Talk (http://www.ted.com/speakers/susan_cain) zu einem viel diskutierten Thema. Wie die sensiblen Menschen wurden auch die Introvertierten lange verkannt. Cain erklärt in ihrem Buch, das in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurde und in mehreren Ländern auf den Bestsellerlisten stand, wie sich die Hirnchemie von Introvertierten und Extrovertierten unterscheidet und wie die Gesellschaft Introvertierte im Grunde missversteht und unterschätzt. Das Buch hilft Introvertierten, sich selbst zu verstehen und ihre Stärken besser zu nutzen.
Da emotional begabte Menschen sehr introspektiv sind, werden viele von ihnen als introvertiert wahrgenommen. Als genaue Beobachter der Welt erwerben sie ihr Wissen über das Leben durch ihr evaluatives Denken und ihre Fähigkeit, sensorische Informationen schnell aufzunehmen. Wie Introvertierte handeln sie eher selten leichtsinnig oder überstürzt. Die Weisheit und Stärke, um mit den Herausforderungen des Lebens fertigzuwerden, finden sie durch Introspektion und Selbstevaluierung.
