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Über den Realitätsschock der Dreißigjährigen Eigentlich hatte man genug um die Ohren. Passt die Beziehung, passt der Job, will man Kinder, wohin soll der Workation-Trip gehen? Das Leben war eine persönliche Angelegenheit. Eine Minderheit hatte sich für Klimaschutz eingesetzt, man hatte likend die LGBTQ-Bewegung unterstützt. Und wähnte sich ein bisschen politisch – bis der Krieg den neuen Ernst enthüllte: Die Zukunft wird verdammt schwer. Marlene Knobloch zeichnet ein Porträt der 30-Jährigen und sucht Antworten auf die großen Fragen, die für sie bedeutsam sein werden: »Wie wichtig sind uns die Menschenrechte international und die Demokratie im eigenen Land? Was sind wir bereit, dafür zu riskieren? Wofür sind wir bereit zu kämpfen? Und wissen wir Extrem-Individualisten überhaupt, wie das geht?«
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Seitenzahl: 104
Veröffentlichungsjahr: 2023
Über den Realitätsschock der Dreißigjährigen
Eigentlich hatte man genug um die Ohren. Passt die Beziehung, passt der Job, will man Kinder, wohin soll der Workation-Trip gehen? Das Leben war eine persönliche Angelegenheit. Eine Minderheit hatte sich für Klimaschutz eingesetzt, man hatte likend die LGBTQ-Bewegung unterstützt. Und wähnte sich ein bisschen politisch – bis der Krieg Russlands gegen die Ukraine den neuen Ernst enthüllte: Die Zukunft wird verdammt schwer.
Marlene Knobloch zeichnet ein berührendes Porträt ihrer Generation, der der Dreißigjährigen, und sucht Antworten auf die großen Fragen, die sich quasi über Nacht gestellt haben: Was sind unsere Werte? Wie übernehmen wir die Verantwortung in unserer Demokratie? Und können wir das überhaupt als Einzel-Biografen?
Marlene Knobloch
Die Welt ist gefährlich – und warum wir das erst jetzt merken
Widmung
Vorwort
Kapitel 1 Aufwachsen am Ende der Geschichte
Kapitel 2 Ghosting Geschichte
Kapitel 3 Serious Shit
Kapitel 4 A Scroll in the Life
Kapitel 5 Das Prinzip Verantwortung
Dank
Literaturverzeichnis
Für A.
»Ich stellte mir vor, dass mein Leben einfach und süß war, und manchmal war es das auch, aber es geschahen merkwürdige Dinge in der Stadt.«
Joan Didion
Fuck ist kein guter Einstieg. Aber es war nun mal das erste Wort, das in meinen Sinn schoss und fast gleichzeitig über meine Lippen. Kurz vor sieben, ich scrolle im Bett durch Twitter, durch Nachrichten, sehe Menschen, die in einer U-Bahnstation kauern, Flecktarn, Panzer, Flammen, Frauen, die weinen, Kinder, die weinen, Männer, die weinen. Ich fluche, seufze, schüttele den Kopf. Dann stehe ich auf und koche Tee. Draußen graut der Berliner Winter und in mir die Erkenntnis, dass ich und viele, viele andere in diesem Land etwas übersehen haben.
Lange dachte ich, in uninteressanten Zeiten zu leben. Wenn ich heute an das Panorama denke, durch das Angela Merkel noch mit Schwung im blonden Haar spazierte und lächelnd die Wehrpflicht aussetzte, durch das ich bei den Bundesjugendspielen sprintete und die fünfzig Meter fast unter acht Sekunden lief, dann überkommt mich ein Unbehagen, das nichts mit Nostalgie zu tun hat. Es ist Taubheit, Scham, Ahnungslosigkeit, als wären mir die Bilder aus den Fingern geglitten und jetzt weiß ich nicht mehr, wo sie hingehören. Es ist das Gefühl, etwas Grundlegendes über das Leben nicht verstanden zu haben.
Für den Sprint bei den Bundesjugendspielen bekam ich eine Ehrenurkunde überreicht, auf der hübsch und leserlich Horst Köhler unterzeichnet hatte. Der damalige Bundespräsident. Die Sonne schien, ein Zitronenfalter setzte sich neben Köhlers Namen und ich blickte stolz auf das Büttenpapier. Ungefähr zu jener Zeit sagte jener nette Urkunden-Präsident, Deutschland müsse seine Interessen notfalls mit militärischen Mitteln durchsetzen. Eine innenpolitische Bombe, die Vorwürfe reichten von »Kanonenbootpolitik« bis zum »imperialen Zungenschlag«, Deutschland und eine Armee? Für was? Für wen? Warum? Köhler trat kurz darauf zurück.
Sein Schicksal interessierte mich wenig. Die Jahre zogen vorbei, ich las, schrieb, lernte, studierte und reiste, liebte und hasste nicht viel, sprach fremde Sprachen, baute IKEA-Schränke auf und nie wieder ab, ich entwarf und verwarf, betete und hörte auf zu beten und entwickelte einen differenzierten Kaffeegeschmack.
Ich dachte, langsam verstünde ich dieses Erwachsenenspiel. Langsam könnte ich Phänomene und Menschen beurteilen, wüsste, was zu sagen, was zu glauben, was zu fühlen ist. Ich verbot meiner Mutter, mir Geld zuzustecken (»Mama, ich verdiene doch jetzt Geld« – »Na ja«) und bezahlte, wenn ich mit meinem Vater in einer Bar war, manchmal die Rechnung (»Nein, Papa, ich übernehm heute« – »Noch einen bitte!«). Aber immer öfter bröckelte etwas von jenem Selbstverständnis, mit dem ich summend von Großstadt zu Großstadt zog. Und an einem Februarmorgen zersprang es in viele kostbare Teile.
Der 24. Februar 2022 ist eine Zäsur. Für die Welt, für meine Generation, für mich. Noch nie taten die Fehler der Vergangenheit, die eigene Naivität so dermaßen weh. Natürlich blieb mein Leben dasselbe. Nicht meine Wohnung wurde bombardiert, sondern die der Ukrainer, aber trotzdem verschob sich etwas fundamental. Noch nie war mir so klar, wie verdammt schwierig die Zukunft würde. Nicht nur der Klimawandel, die Inflation, eine Pandemie, eine Rezession, die Demografie kamen auf mich zu, sondern jetzt auch noch ein Krieg und die Wiederkehr des Imperialismus. Und plötzlich tauchte in meinem Panorama das Wort »Feind« auf. Hatte ich ernsthaft damit gerechnet, dass es keine Kriege mehr geben würde? Dass Europa für immer ein friedlicher Kontinent bleibt? Hatte ich geglaubt, »das Böse« sei aus den Menschen verschwunden?
Putins Truppen marschierten also in die Ukraine ein. Und als das Fluchen nichts mehr half und ich nach dem zwanzigsten »krass« wie ein Vollproll aus Gelsenkirchen klang, schrieb ich. Ich schrieb gegen den Schock, schrieb über die banale Erkenntnis, dass es Feinde gibt, und schrieb, dass wir das offenbar vergessen hatten.
Laut »Monde Diplomatique« schrieb ich in diesem Essay, der in der »Süddeutschen Zeitung« erschien, von »Durchschnittsdeutschen Halbpazifisten«, was wirklich nie in meinem Text stand, aber ich möchte mich an dieser Stelle bei der Autorin für die pointierte Formulierung bedanken. Denn sie verstand schon, was ich gemeint hatte. Über was hatten wir uns all die Jahre gestritten? Sicher nicht über Putin. Woher kannten wir die Werte, über die wir an Weißwein-Abenden plauderten? Und vor allem – kannten wir ihren Preis? Es hieß, die Ukrainer verteidigten »auch unsere Freiheit«, aber was würden wir für sie tun? Und was sollten diese großen Fragen in meinem kleinen Leben?
Der Angriffskrieg überrollte mich und eine Generation, die doch gerade loslegen wollte mit dem ganz normalen Leben, mit dem ganz normalen Erwachsensein und den ganz normalen Carbonara-Abenden. Plötzlich zogen »multiple Krisen« am Horizont auf. Plötzlich lebten wir also in »interessanten Zeiten«.
Das Misstrauen, glaube ich, setzte schon früher ein. Vielleicht, als Ältere immer häufiger den Kopf leicht schief hielten und so schrecklich verständnisvoll nickten. Vielleicht, als sich auf siebzigjährige Gesichter ein spezielles Lächeln schlich, wenn man über die Zukunft plauderte, und sie voller Jenseitsvorfreude noch ein Bier bestellten. Ich begann mich zu fragen, was mit der Jugend passiert war. War sie nicht mal der heiße Scheiß, war sie nicht die Menschheits-Sehnsucht, das kostbarste, weil nicht zu kaufende Gut?
Der Journalist Jens Jessen, auch nicht der Jüngste, schrieb über uns: »Unglücklicher und unfreier war selten eine Generation zuvor.« War denn niemand mehr neidisch auf uns? Sahen diese alten Analysten nicht meine faltenfreien Wangen, die noch nie eine Anti-Aging-Creme berührt hatten? Was war das für eine irre Zeit, in der nicht mal mehr die Alten mit mir tauschen wollten? Zur Hölle mit dem Rosenteint! Was half er mir, wenn eine schlechte Nachricht die nächste jagte, brennende Wälder, Flutkatastrophe, Wasserknappheit, Schulden, Krieg, Armut live aus Deutschland. Wir sind vielleicht die Ersten, die jung sind – und von niemandem dafür beneidet werden. In diesem Schlamassel muss eine Generation erwachsen werden. Oder, noch schlimmer, erwachsen bleiben.
Natürlich ist es eine komplette Anmaßung, in diesem Buch von einer »Generation« zu sprechen. Wer soll das sein in der zerfieselten Postmoderne, und vielleicht hat der Begriff noch nie einen Sinn gehabt. Trotzdem wage ich es, ihn zu verwenden. Ich erspare Ihnen die etymologische Spurensuche und komme gleich zum Punkt: Es ist ein Wort voller Widersprüche. Ich bin, während ich dieses Buch schreibe, achtundzwanzig Jahre alt. Manche schieben in diesem Alter Kinderwagen, andere pflegen kranke Eltern, die einen nehmen zum ersten Mal LSD, die anderen zum ersten Mal ein Taxi zum Businesshotel. Manche beginnen gerade eine Ausbildung, andere sind schon wieder arbeitsunfähig. Besorgniserregend viele gehen zu Helene-Fischer-Konzerten, besorgniserregend wenige kennen »The 1975«.
Mit achtundzwanzig bin ich laut manchen Definitionen knapp vorbei an der Grenze zur Generation Z und deswegen gerade noch ein »Millennial« oder Angehörige der »Generation Y«. Namen, an denen Klischees, Beleidigungen, Huldigungen, Hoffnungen kleben. Wenn Ältere von meiner Generation reden, fällt fast noch im selben Atemzug »Fridays For Future«.
Es ist natürlich richtig, dass sich viele junge Menschen schon länger für den Klimaschutz einsetzen und kapiert haben, dass sie Einfluss und Selbstwirksamkeit haben. Aber es ist mitnichten »eine Generation« oder »die Jugend«. Und natürlich interessiert junge Menschen mehr als nur das Klima.
Als bei der letzten Bundestagswahl 2021 die meisten Erstwähler für die FDP stimmten, überschlugen sich fassungslose, verachtende Kommentare, die Jungen seien wohl »vom Neoliberalismus sozialisiert«, irgendwie ging man davon aus, dass Jungsein Grünsein bedeutete. Aber es geht hier um keine spezifische Gruppendefinition. Es geht um Menschen, die ein ähnliches Gefühl erleben, wenn sie an die Zukunft denken oder sich in der Gegenwart umschauen.
Ich glaube, dass ich nicht allein bin mit diesem Gefühl. Und sicher gibt es junge Menschen, die viel früher den Ernst begriffen, und Fünfundvierzigjährige, die sich hier wiederfinden werden, obwohl sie offiziell einer anderen Generation angehören. Was uns Junge eint, ist die Unterzahl: Das Statistische Bundesamt gibt an, dass es noch nie so wenige junge Menschen in Deutschland gegeben hat.[1] Und viele von uns verbindet die Tatsache, dass wir in der Zeit keinen ewig steigenden Glücksgraphen sehen. Die meisten glauben, dass es der eigenen Generation schlechter gehen wird als der der Eltern.[2] Die Zukunft ist für uns kein Versprechen, sondern eine Zumutung.
Mir ist bewusst, dass ich dieses Gefühl jetzt spüre, weil ich sehr viel Glück hatte. Ich vertraute darauf, dass irgendwie alles gut würde, weil ich nie Krieg oder Gewalt erfahren habe, weil ich keiner marginalisierten Gruppe angehöre und mir Arschlöcher nicht so gut merken kann wie die guten Leute.
Ich will mit diesem Buch dem Gefühl auf den Grund gehen, das mich seit einigen Monaten heimsucht. Das Gefühl, den Überblick über die eigene Geschichte verloren zu haben. Weil man mich auf eine andere Welt vorbereitet hat als auf die, die jetzt vor mir liegt. Weil ich trotz aller Krisen fest daran geglaubt hatte, dass alles wieder okay wird und Britney und Madonna irgendwann wieder auf den »MTV Music Awards« knutschen würden.
Vielleicht geht es allen Achtundzwanzigjährigen so, wer weiß das schon, und wenn, ist das wohl ein Buch übers Erwachsenwerden. Aber ich fürchte, dass es nicht damit getan ist, die Stadt zu wechseln, »mal rauszukommen«, »wieder richtig feiern zu gehen« oder mit Krav Maga anzufangen. Ich fürchte, das Gefühl bleibt.
Ich habe für dieses Buch mit Psychologinnen, Politologen, Forschern gesprochen, Studien und Literatur gelesen, einen Künstler unserer Generation und junge Menschen befragt. Ich habe mir Gedanken gemacht über meine Sozialisierung, den Hyper-Super-Mega-Individualismus, die verkorkste Diskurskultur, das Internet und die kaputte Öffentlichkeit. Und alles, was ich bieten kann, ist mein Blick auf die Bilder vor meinen Augen. Es ist ein persönlicher Essay, in dem ich aus verschiedenen Winkeln mich und meine Generation beobachte. Es ist ein Versuch, uns in dieser neuen Gegenwart zu begreifen. Herauszufinden, wie wir uns orientieren. Und vielleicht in alledem eine Chance sehen, zusammen aufzuwachen und Werte nicht nur zu nennen, sondern konkrete Handlungen formulieren zu können.
Was machen wir also mit diesen »interessanten« Zeiten, was machen sie mit uns? Warum sind wir so, wie wir sind? Und wer wollen wir sein?
Ich weiß, dass ich die Menschen lange Zeit mochte und mir sehr lange nichts Gravierendes Anlass dazu gab, anders zu denken. Vielleicht ist genau das eine der größten Herausforderungen des Erwachsenwerdens, diese Naivität gegen das Zähnefletschen der Gegenwart zu verteidigen.
Das Ende der Geschichte lag an einer Bushaltestelle. Wir waren dreizehn oder vierzehn und saßen dort, bis sich der Himmel rosa färbte und Gänsehaut auf Marinas nacktem Bauch zu sehen war. Die schmalen Bänder des Stringtangas spannten über den Hüftknochen, die Schlaghosen hingen tief. Ich hatte keine Stringtangas. Ich durfte mir gerade mal die Beine rasieren, meine Mutter hatte kapituliert oder schlicht das Interesse verloren an diesen Mädchen, die die feministischen Errungenschaften der Siebzigerjahre mit einer Gillette-Venus-Dreifachklinge absäbeln wollten. Haarentfernung bescheinigte sie als »Schmarrn«, ließ mich aber sein, wer ich sein wollte, so wie unsere Eltern uns eben sein ließen, wer wir sein wollten.
Die Bushalte war das, was für Stadtkinder eine Eisdiele oder der Brunnen vor dem Einkaufszentrum gewesen sein mag. Ein Ort voll schlechter Ideen, Push-up-BHs und Vanillakiss-Parfüm von Schlecker. Ein Ort zum Rumhängen, Stundentunken und Tageversenken. Wir ließen Nachmittage zu Abenden werden, ab und zu rauschte ein Achtzehnjähriger mit monströsen Bassboxen an, der Kofferraum vibrierte, Yasin stieg ein, Tobi stieg aus, man stieß die Fäuste aneinander, rauchte, machte einen sexistischen Witz, ernste Gesichter, tief gelegte Augenbrauen, tief gelegte Stoßdämpfer, krasse Felgen, fuhr weiter. Andi und Andi rauchten auf den Gittersitzen, Unterarme auf den Knien, schauten auf den Boden, spuckten.
