Shadow Twins. Zwischen Himmel und Hölle - Veronika Mauel - E-Book
oder
Beschreibung

**Double trouble**
Aus einer Großstadt aufs Land ziehen zu müssen, käme für jeden Teenager einer Strafe gleich. Aber wenn man wie Mia ein 17-jähriges Berliner Punkmädchen ist, kann die Oberpfalz nur die Hölle auf Erden sein. Mit ihren pinken Haare fällt sie jedem an ihrer neuen Schule direkt auf – und den beiden Zwillingsbrüdern Nathan und Aleksander auch direkt ins Auge. Wie gefährlich es ist, das Interesse der beiden mit Abstand bestaussehenden Jungen der Schule zu wecken, versteht Mia jedoch erst, als es schon fast zu spät ist. Denn Nathan und Aleksander sind nicht nur der Traum aller Mädchen, sondern stammen auch nicht von dieser Erde. In ihre Fänge zu gelangen, könnte Mia mehr als nur ihr Herz kosten…

//Textauszug:
»Verrätst du mir denn auch, wie Mr Unwiderstehlich heißt?«, fragte Mia scheinbar interessiert. »Nathan … Nathan Le Vrai«, flüsterte Thea heiser und senkte den Blick. »Le Vrai? Kein allzu gängiger Name, oder?« Thea hob erneut die Schultern. »Keine Ahnung, darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Sie sind einfach die Le-Vrai-Zwillinge. Mehr interessiert mich nicht.« »Und ist sein Bruder auch so … toll wie er?« Innerlich glaubte sie an dem Satz ersticken müssen. Theas Lippen verzogen sich zu einem fast träumerischen Lächeln. »Ja, Aleksander sieht wahnsinnig gut aus. Sie sind schließlich eineiige Zwillinge. Allerdings ist er bei weitem nicht so draufgängerisch wie Nathan. Er ist der Ruhigere von beiden, wobei ihn das nicht minder interessant macht.«//

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Im.press Ein Imprint der CARLSEN Verlag GmbH © der Originalausgabe by CARLSEN Verlag GmbH, Hamburg 2016 Text © Veronika Mauel, 2016 Lektorat: Dietlind Koch Umschlagbild: shutterstock.com / © Katya Yacenco/ © Benoit Daoust/ © Feaspb Umschlaggestaltung: formlabor Gestaltung E-Book-Template: Gunta Lauck Schrift: Alegreya, gestaltet von Juan Pablo del Peral

Prolog

Höllenpforte lässt dich rein,

Höllenpforte schließt dich ein.

Höllenvater fasst nach dir,

in seinen Augen blanke Gier.

Höllenfeuer, die schon brennen,

Höllenfeuer, die zwei trennen.

Höllenfeuer lodern auf.

Lauf!

Kleinstadthorror

Wie kleine runde Tränen rannen die Regentropfen hinunter und hinterließen verzweigte Rinnsale auf der Windschutzscheibe des Kombis. Verschlungen wie die Wege, die uns hierherführten, dachte Mia und fuhr nachdenklich die Wasserspuren mit ihrem Zeigefinger nach.

Es war nicht schön, sein altes Leben hinter sich zu lassen und in ein neues zu starten. Alles, was je von Bedeutung gewesen war, die Clique, das riesige Einkaufscenter, die Lieblingsdiskothek, die Schule und ihr Schwarm Max – all dies lag nun unendlich weit zurück. Hunderte Kilometer entfernt am Horizont. So, als hätte es nie existiert.

Wie durch einen Nebel drang die Stimme ihres Vaters an ihr Ohr. »Da vorn ist Schwarzendorf. In etwa zehn Minuten erreichen wir unser neues Zuhause.«

»Mhm«, murmelte Mia und versuchte eine möglichst gleichgültige Miene aufzusetzen.

»Sei nicht traurig, Schätzchen«, sagte ihre Mutter, als sie sich im Sitz zu ihr umdrehte. »Du wirst deine neue Heimat lieben und sehr schnell Freunde finden. Es ist wirklich wunderschön hier.«

In diesem Moment passierten sie das gelbe Ortsschild. Nun konnte Mia ihr Interesse doch nicht länger hinter einer gelangweilten Fassade verstecken. Neugierig presste sie die Nase an die Scheibe und blickte nach draußen. Doch was sie sah, bestätigte sie nur in ihrer Vermutung. Schwarzendorf war nichts im Vergleich zu Berlin. Keine breiten Straßen, kein stockender Verkehr, kein Lärm, keine Punkszene, von Einkaufscentern ganz zu schweigen. Schwarzendorf begrüßte sie mit nichts als Stille.

Soeben fuhren sie über eine breite Brücke, unter der ein Fluss friedlich vor sich hin plätscherte. Naabstand auf dem Schild, das am Brückengeländer hing. Große, schwere, hölzerne Wasserräder pflügten durch den ruhig dahinfließenden Fluss und schaufelten das Nass in ein Wehr. Auf der anderen Seite schmiegte sich ein weitläufiger Park an das Ufer der Naab, den Mia jedoch auf Grund wuchtiger Bäume nicht näher erkennen konnte. Mürrisch warf sie sich in die Polster des Rücksitzes und zog eine Schnute.

Na toll! Dieses Kaff ist nicht besser, als lebendig begraben zu sein. Wenn meine Mitschüler genauso fade und spießig sind wie dieser Ort, dann werden sie mich sicherlich auf Anhieb mögen, dachte Mia ärgerlich und warf einen Blick auf ihre pinke Strumpfhose, die über den Knien in Fetzen hing. Mia war so vertieft in den Anblick ihres Outfits, dass sie gar nicht bemerkte, wie ihr Vater die Geschwindigkeit drosselte und das Auto zum Stehen brachte.

Schwungvoll öffnete er die hintere Wagentür. »Da sind wir, Mia. Willkommen zu Hause!«, rief er betont fröhlich und setzte dabei ein so stolzes Gesicht auf, als hätte er soeben verkündet auf Barbados in einem Fünfsternehotel angekommen zu sein.

Mia schnitt eine Grimasse und krabbelte umständlich ins Freie. Das Haus, welches sich vor ihr erhob, raubte ihr allerdings schier den Atem. Es war riesig und noch im Jugendstil erbaut. Mächtige Kastanien säumten die Hofeinfahrt und ließen sie fast wie eine Allee wirken. Breite Steinstufen führten zu einer schweren Holztür, die aussah, als entstamme sie einem Horrorfilm. Als Griff diente eine silberne Teufelsfratze, die ihnen schmierig grinsend entgegensah. Der Wind, der durch die Bäume rauschte, und der Abendhimmel verliehen dem alten Gemäuer eine düstere Atmosphäre. Mia fröstelte und zog sich ihre schwarze Lederjacke enger um die Schultern.

»Na komm schon.« Liebevoll gab ihr ihre Mutter einen Klaps auf den Po, ging voraus und die Eingangstreppe hinauf. Sie steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn herum. Mit einem lauten Knarren schwang die Tür auf.

Zögernd ging Mia hinter ihrer Mutter her ins Haus. Ein ungutes Gefühl hatte sie beschlichen, als sie über die Schwelle getreten war. Doch sie konnte nicht deuten, woher es kam und durch was es verursacht wurde. Muffige Kühle schlug ihr entgegen. Mia versuchte Umrisse in der Düsternis zu erkennen, als grelles Licht aufflammte und sie blendete. Erschrocken legte sie die Hand vor die Augen und blinzelte durch die Finger. »Und was sagst du?«, fragte plötzlich jemand laut hinter ihr. Dabei legte sich eine schwere Hand auf ihre Schulter.

Wie der Blitz wirbelte Mia herum und sah mit weit aufgerissenen Augen in das lächelnde Gesicht ihres Vaters. Erleichtert atmete sie aus und registrierte, dass ihr Pulsschlag noch immer deutlich erhöht war.

Drängelnd schob sich ihr Vater an ihr vorbei. »Es ist riesig«, schwärmte er und drehte sich mit ausgebreiteten Armen überschwänglich in der Eingangshalle.

»Strom funktioniert auch«, stellte Mias Mutter zufrieden fest, als sie aus einem der vielen Zimmer kam.

»Ich hole schnell die restlichen Sachen aus dem Auto!«, sagte Mias Vater und eilte bereits wieder ins Freie. »Zeig doch Mia einstweilen das Haus, mein Schatz«, rief er seiner Frau noch über die Schulter zu.

Mia stand nach wie vor wortlos in der imposanten Eingangshalle und versuchte den überwältigenden Eindruck, der sich ihr offenbarte, zu verdauen. Das ganze Haus wirkte wahrhaftig wie eine einzige Filmkulisse. Ein gelb-blau gefliester Eingangsbereich in den Ausmaßen ihrer halben Berliner Wohnung. In der Mitte davon eine enorm breite Holztreppe, die sich um mehrere Kurven ins Obergeschoss wand. Zwei altertümliche Lampen mit blassrosa gemusterten Schirmen schmückten beidseitig den Fuß der Treppe.

Schweigend ließ sich Mia von ihrer Mutter durch eine nagelneue Küche in einen Traum in Blassblau, der das Wohnzimmer darstellte, führen und gelang schließlich in ein kreisrundes Badezimmer. Mia wusste sofort, dass sie nach dem Besuch dieser »Nasszelle« Albträume heimsuchen würden. Mitten im Raum, der einen schwarzen Marmorboden hatte, stand auf goldenen Löwenpranken eine imposante Badewanne. Sämtliche Armaturen deckten sich in ihrer Beschaffenheit mit dem Griff an der Eingangstür – und die silberne Teufelsfratze provozierte sie mit ihrem selbstgefälligen Grinsen. Mia schüttelte sich und versuchte krampfhaft den kalten Schauer zu ignorieren, der ihr über den Rücken jagte.

»Du sagst ja gar nichts? Gefällt es dir denn nicht?«

Mia hörte die Enttäuschung in der Stimme ihrer Mutter. Sie wusste, wie schwer es ihren Eltern gefallen war, sie aus ihrem Leben reißen zu müssen. Doch die Arbeit ihres Vaters richtete sich nicht nach den Bedürfnissen eines Teenagers. Als angestellter Ingenieur einer Baufirma musste er dorthin, wo nach ihm verlangt wurde. Mia wollte nicht, dass ihre Mutter von noch mehr Gewissensbissen geplagt wurde. Deshalb holte sie tief Luft und versuchte das Zittern in ihrer Stimme mit entsprechender Lautstärke zu übertünchen.

»Doch klar. Alles sehr … eigenwillig.« Mia sah, wie das Lächeln im Gesicht ihrer Mutter erstarb. Das schlechte Gewissen nagte an ihr, ob sie ihre Mutter, die sich immer bemüht hatte, ihrer Familie ein liebevoll eingerichtetes Heim zu schaffen, mit ihrer zweideutigen Aussage verletzt haben könnte. »Aber cool!«, schob sie deshalb noch schnell hinterher. Zu ihrer Erleichterung bewegten sich die Mundwinkel ihrer Mutter wieder nach oben.

»Das Beste hast du noch gar nicht gesehen. Dein Zimmer …«, jubelte ihre Mutter und zog sie ungeduldig die wurmstichige Treppe hinauf.

Mia seufzte verhalten. Beruhige dich. Es kann nicht mehr schlimmer kommen.

Das Obergeschoss verfügte über drei riesige Zimmer. Wovon eines Büro war und die anderen beiden als Schlafzimmer dienten. Erleichtert stellte Mia fest, dass zu ihrem persönlichen Bereich ein angrenzendes Bad gehörte. Nach einem Blick auf die grässliche Einrichtung ihres Zimmers linste sie hoffnungsvoll in das kleine Bad. Mia schüttelte sich angeekelt, als sie feststellte, dass die hässliche Teufelsvisage ihr auch hier feist entgegengrinste.

Völlig entnervt ließ sie sich nebenan auf der Kante des Bettes – ein rüschenbesetztes Schreckgespenst von Schlafstatt – nieder und wunderte sich wieder einmal, wie ihre Eltern ihren Geschmack kannten … Nämlich gar nicht. Das breite Himmelbett mit der Spitzendecke symbolisierte die Wohnstätte eines jungfräulichen, adretten, braven Engels. Auf Mia traf außer der ersten Tatsache nichts davon zu. Im Gegenteil. Mit ihren zerschlissenen Punkklamotten erinnerte sie eher an einen kleinen boshaften Satansbraten.

Nachdem ihre Mutter, fröhlich vor sich hin summend, ins Untergeschoss gegangen war, schlüpfte Mia aus den abgeschabten schwarzen Springerstiefeln und knallte sie in eine Ecke. Befriedigt sah sie, wie die Stiefel an der Wand abprallten und auf dem blütenreinen Weiß schwarze Striemen hinterließen. Angewidert warf sie sich auf das Rüschen-Horror-Albtraum-Bett und vergrub das Gesicht in den Kissen. Insgeheim musste sie widerwillig zugeben, dass das Spitzenzeug nicht nur samtweich war, sondern auch außergewöhnlich gut duftete. Dank des wohl gleichen Weichspülers roch es nach Erinnerungen und Zuhause. Doch damit meinte sie nicht das Zuhause hier in der bescheuerten Kleinstadtidylle. Mit dem Wort »Zuhause« verband sie ihre Neunzig-Quadratmeter-Wohnung in einem Block in Berlin.

Mia war froh, dass ihre Eltern sie in Ruhe ließen. Ab und an drang Gekicher durch ihre geschlossene Zimmertür und sie hörte, wie kleinere Umzugskisten, die ihre Eltern aus dem Kofferraum des Kombis geholt hatten, herumgeschoben wurden. Seufzend rollte sich Mia auf den Rücken, legte den Arm über die Augen und ließ ihre Gedanken schweifen. An einem Tag wie heute hätte sie in Berlin alles andere gemacht, als faul im Bett herumzulümmeln. Immerhin lagen die ersten Anzeichen von Sommer in der Luft. Die Temperaturen kletterten bereits nahe an die Dreißig-Grad-Grenze und in Berlin starteten die Freiluft-Sessions. Gerade an diesem Abend gab ihre Lieblingsband ein Gastspiel in der Hauptstadt. Ein Event, auf das sich Mia monatelang gefreut hatte, nur um dann feststellen zu müssen, dass just an diesem Tag die Reise ins ach so prüde Bayernland stattfand.

Eine trotzige kleine Träne rann über Mias Wange und versiegte in der Prinzessinen-Rüschen-Albtraum-Decke. Sie ballte die Hände zu Fäusten und versuchte die Gedanken an ihre Clique zu verdrängen. Sie wollte nicht daran erinnert werden, wie sie alle in diesem Moment laut grölend zu den Bässen der Musikgruppe tanzten. Die einzige Musik, die derweilen an ihre Ohren drang, war das Knarzen der alten Balken, das monotone Pochen der Regentropfen, die ans Fenster klopften, und ein leises Jaulen im Dachstuhl, wenn der Wind durch die Ritzen der alten Balken strich.

Verbissen versuchte Mia einzuschlafen, um so die trüben Gedanken aus ihrem Geist zu vertreiben. Doch nach einigen verzweifelten Versuchen, ins Traumland hinüberzugleiten, gab sie es auf. Es war einfach zu leise. Kein Fahrzeuglärm, kein Hupen, kein Gegröle, nicht einmal das leiseste Geräusch von menschlichem Leben. Mia empfand die von ihren Eltern ach so gepriesene Kleinstadtruhe als puren Hohn, wenn nicht sogar als Belästigung. Mittlerweile völlig entnervt angelte sie sich den I-Pod aus der Tasche, stopfte sich die Stöpsel in die Ohren und drehte auf bis zum Anschlag. Einigermaßen besänftigt ließ sie sich von Unheilig in andere Sphären geleiten.

***

»Kind, aufstehen!« Ein nachhaltiges Pochen an ihrer Zimmertür ließ Mia aus dem Schlaf hochfahren.

Als sie die Augen aufschlug, hätte sie sich am liebsten wieder rücklings aufs Bett fallen lassen. Im Stillen schickte sie Stoßgebete, zu wem auch immer, und wünschte sich sofort und auf der Stelle von Blindheit geschlagen zu sein.

Im hellen Morgenlicht, das bereits durch die großen Fenster drang, verwandelte sich das Albtraumzimmer zu einem wahren Horrorszenario, dem auch die abgehärtetsten Gemüter nicht standgehalten hätten. Gestern Abend hatte sie scheinbar das ganze Ausmaß dieses Desasters noch nicht erfassen können. Als sie jetzt jedoch auf die seidigen rosafarbenen Vorhänge, den rosé und hellblau gesprenkelten Teppichboden und die Elfenbilder an den Wänden starrte, überkam sie ein ausgewachsener Würgereiz. Ihr Magen zog sich zu einem harten Klumpen zusammen und beförderte scharfe Säure in ihren Mund.

Eine nie da gewesene Wut stieg in ihr hoch. Wie konnten ihre Eltern auch nur annähernd der Meinung sein, dass ihr dieser Einrichtungsstil zusagen würde? In Berlin dominierten die Farben Schwarz und Weiß ihr Zimmer und die Wände brauchten den Vergleich mit einer Litfaßsäule nicht zu scheuen. Sie strotzten vor aufgeklebten Eintrittskarten und Postern verschiedener Punkfestivals.

Mia kniff ihre Augen zusammen und ballte ihre Hände so fest zu Fäusten, dass die Nägel sichelförmige Abdrücke in den Innenflächen hinterließen. Wenn ihre Eltern wirklich der Meinung waren, sie könnten nicht nur ihr Umfeld, sondern gleich ihren gesamten Charakter verändern, so hatten sie sich gehörig getäuscht.

Wutentbrannt sprang sie vom Bett und begann in dem schwarzen zerschlissenen Rucksack zu wühlen, den sie gestern achtlos auf den gruselig grässlichen Boden geworfen hatte. Mit einer kleinen eckigen Verpackung in der Hand stürzte sie ins angrenzende Badezimmer.

Aus Rücksicht auf die biedere Kleinstadt und die ländliche Gegend hatten ihre Eltern Mia bereits vor Wochen das Versprechen abgenommen, die blaue Farbe in ihren Haaren nicht noch einmal aufzufrischen. Und Mia hatte sich um des lieben Friedens willen einverstanden erklärt. Inzwischen erinnerte tatsächlich nichts mehr an das frühere Pfauenblau. In sanften blonden Wellen fiel ihr das Haar über die Schultern und rahmte ihr schmales Gesicht.

In einem Anflug von purem Jähzorn schraubte Mia nun das kleine Fläschchen auf und kippte sich die Essenz über die langen Locken. Ihr werdet schon noch sehen, was ihr davon habt. Ich lasse mich nicht von euch verbiegen, dachte sie wütend, während sie alles kräftig in ihr Haar massierte.

Nach einer kurzen Einwirkzeit shampoonierte sie es durch, föhnte sich die Locken und griff anschließend zum Glätteisen. Mit einem verbissenen Gesichtsausdruck zog sie Strähne für Strähne durch das heiße Eisen. Anschließend trug sie dick Mascara auf und bepinselte ihre Lider mit einem rauchigen Grau. Zufrieden warf sie einen Blick in den Spiegel.

Auch die Garderobe beschwor keinerlei Probleme herauf. Mia stieg in schwarze Röhrenjeans, warf sich ein ebenfalls schwarzes T-Shirt über und band sich die dunkle Lederjacke um die Taille. Bei den Springerstiefeln, die nach wie vor auf dem Boden lagen, gab sie sich nicht einmal die Mühe, die Bänder zu verknoten.

Ein süffisantes Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie die Treppe hinunterstampfte und die Küche betrat. »Guten Morgen«, rief sie betont fröhlich ihren Eltern zu, die beide bereits am Tisch saßen.

Mias Mutter blickte auf. »Guten Mor…« Als sie ihre Tochter erblickte, gefror ihr das Lächeln im Gesicht und sie verschluckte sich an dem Stück Marmeladenbrot, an dem sie gerade kaute. Lauthals fing sie zu husten an und versuchte sich mit den Händen Luft zuzufächeln.

»Verschluckt?«, fragte Mia mit weit aufgerissenen Augen unschuldig und konnte sich ein schadenfrohes Grinsen nicht verkneifen.

Ihr Vater ließ die Zeitung sinken, um seiner Frau den Rücken zu klopfen, doch als er Mia sah, vergaß er sein Vorhaben auf der Stelle. Eine steile Zornesfalte wuchs auf seiner Stirn. Normalerweise war ihr Vater selten aus der Ruhe zu bringen und er brachte viel Verständnis für die Eskapaden seiner aufmüpfigen Tochter auf. Doch diesmal schien sie den Bogen eindeutig überspannt zu haben. »Das ist doch nicht dein Ernst, Mia!«, sagte er mühsam beherrscht.

Mia zuckte mit den Schultern. »Ich weiß gar nicht, was ihr habt. Also mir gefällt es!«, antwortete sie betont fröhlich. »Pink ist in dieser Saison der letzte Schrei. Und ich dachte, da ihr euch bei der Farbauswahl meines Zimmers solche Mühe gegeben habt, mache ich euch eine Freude und passe mich an. Ihr steht doch scheinbar so auf Rosa!«

»Aaaaber doch nicht bei den Haaren«, stammelte Mias Mutter und unterdrückte erneut einen Hustenreiz.

Mia zog erstaunt die Augenbrauen in die Höhe. »Nicht?«, fragte sie und tat so, als sei sie völlig überrascht. »Ich dachte, ich mache euch eine Freude damit.«

Mias Vater kannte seine Tochter gut genug, um zu wissen, dass sie manchmal ganz schön aufmüpfig sein konnte. »Halte uns nicht für dämlich, mein Fräulein!«, sagte er um Fassung ringend. »Und glaub nur nicht, dass wir dein Spiel nicht durchschauen!«

Mia zog die rechte Augenbraue in die Höhe und schaute ihrem Vater direkt in die Augen. Etwas, wovon sie wusste, dass es ihn zur Weißglut trieb.

Für einen kurzen Moment hielt er dem Blick seiner Tochter stand, dann erhob er sich etwas umständlich und wandte sich brüsk ab. »Du wirst schon sehen, wie du an deiner neuen Schule damit ankommst!«, presste er ärgerlich zwischen den Zähnen hervor, als er die Küche verließ. Sekunden später schlug eine Autotür zu und ihr Vater fuhr eilig vom Hof.

Mia lehnte sich auf dem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Ihre ganze Haltung strahlte nur eines aus: pure Ablehnung!

Mias Mutter stand auf, umrundete den Tisch und blieb vor ihr stehen. Verzweifelt griff sie nach einer der pinken Strähnen und betrachtete sie fassungslos. »Mia, wieso hast du das gemacht? Ich dachte, wir wären uns einig gewesen. Keine weiteren Farbexperimente. Was sollen nur deine Mitschüler von dir denken? Und erst die Lehrer!«

Mia stieß die Hand ihrer Mutter zur Seite und stand so heftig auf, dass der Stuhl hinterrücks zu Boden knallte. »Von mir aus können diese Landeier denken, was sie wollen! Glaub nur nicht, dass ich ab nun im Dirndl und in Gummistiefeln durch die Straßen laufe«, fauchte sie, griff sich ihren Rucksack und stürmte aus der Tür.

Missmutig holte sie ihr Mountainbike aus der Garage und schlug den Weg in Richtung Schule ein. Eigentlich hatte Mia ihre Mutter noch einmal nach der genauen Wegbeschreibung fragen wollen. Doch sich jetzt umzudrehen und damit klein beizugeben, das kam nicht in Frage. Darum verließ sie sich auf den Stadtplan in ihrer Hand und hoffte ihn richtig lesen zu können.

Die Zwillinge

Fünfzehn Minuten später war Mia vor der Eingangstür zum Schulhaus angekommen. Sie schwang sich vom Sattel und blickte suchend in alle Richtungen. Doch einen Fahrradständer konnte sie nirgends erspähen.

Eine Gruppe Jungs ging soeben an ihr vorbei und grinste anzüglich. Mia erwiderte dies mit einem eiskalten Blick, der die Typen jedoch nicht weiter zu stören schien. »Coole Haarfarbe! Steht dir fast so gut wie dem Pudel von meiner Tante!«, feixte einer von ihnen.

»Na, dann gibt es in dieser Stadt ja wenigstens einen, der Geschmack hat!«, konterte Mia scharfzüngig. Im selben Augenblick legte sich eine Hand auf ihre Schulter. Wie der Blitz fuhr Mia herum und sah in zwei freundliche braune Augen.

»Kann es sein, dass du den Fahrradständer suchst?«

Mia schluckte und nickte stumm. Vor ihr stand ein Mädchen in ihrem Alter und verkörperte all das, was sie bei sich selbst stets penibel zu verstecken versuchte– Anmut, Liebreiz, Einfühlungsvermögen, Schüchternheit und Sanftheit. Mia wusste genau: Sie stand dem Traum aller Schwiegerväter und ihrer Söhne gegenüber. Doch obwohl sie eigentlich genau solche Mädchen nicht ausstehen konnte, verschlugen ihr die selbstverständliche Hilfsbereitschaft und das scheue Lächeln des Mädchens beinahe die Sprache. »Ääääh, ja«, stotterte sie unbeholfen.

»Komm mit, ich zeig dir, wo du deinen Drahtesel parken kannst. Du bist sicherlich die Neue aus Berlin.«

Mia nickte. Ihre anfängliche Selbstsicherheit war verflogen.

»Ich bin übrigens Thea, die Klassensprecherin.« Selbstbewusst streckte sie Mia die Hand entgegen.

Zögerlich erwiderte sie den Händedruck. »Thea? Kein sehr häufiger Name, oder?«

Thea zog die Nase kraus. »Ja, da hast du Recht. Eigentlich heiße ich auch Theresa. Aber da das ein Allerweltsname ist und hier jede Fünfte so heißt, gefiel mir Thea eben besser. Es grenzt sich ein wenig ab und jeder weiß sofort, von wem die Rede ist.«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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