Sich krank fürchten - Robin Karr-Morse - E-Book

Sich krank fürchten E-Book

Robin Karr-Morse

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Beschreibung

Könnte es sein, dass herkömmliche Krankheiten eine Ursache haben, die wir bislang übersehen haben? Ist es möglich, dass Erbanlagen und Alter vielleicht doch nicht den ihnen zugeschriebenen großen Einfluss auf Herzerkrankungen, Diabetes, Fettleibigkeit, Depression und Sucht haben? In diesem Buch regen Robin Karr-Morse und Meredith Wiley dazu an, traumatische Erfahrungen aus der frühen Kindheit als Ursache für zahlreiche Erkrankungen sowie emotionale und Verhaltensauffälligkeiten von Erwachsenen in Betracht zu ziehen. Die Autorinnen zeigen auf, dass die ersten Monate unseres Lebens unseren gesamten weiteren Lebensweg beeinflussen können. Unser angeborenes Kampf-oder-Flucht-System, das sich entwickelt hat, um uns vor lebensbedrohlichen Gefahren zu schützen, kann für chronische Erkrankungen oder frühe Sterblichkeit verantwortlich gemacht werden – wenn es in den frühen Lebensjahren überstrapaziert wurde. Basierend auf neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen und 35 Jahren klinischer Erfahrung bietet dieses Buch eine revolutionäre Sicht auf die Auswirkungen frühkindlicher traumatischer Erlebnisse auf die Gesundheit von Erwachsenen.

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EPUB
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Seitenzahl: 566

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Robin Karr-Morse

Unter Mitarbeit von Meredith S. Wiley

Sich krank fürchten

Welche Rolle Kindheitstraumata für Erkrankungen im Erwachsenenalter spielen

Copyright: © der deutschen Ausgabe: Junfermann Verlag, Paderborn 2013 © der Originalausgabe: Robin Karr-Morse and Meredith S. Wiley, 2012

Die Originalausgabe ist 2012 unter dem Titel „Scared sick: the role of childhood trauma in adult disease“ bei Basic Books (Perseus Books Group) erschienen.

Übersetzung: Elisabeth Vorspohl

Coverfoto: © M. studio

Covergestaltung / Reihenentwurf: Christian Tschepp

Alle Rechte vorbehalten.

Erscheinungsdatum dieser eBook-Ausgabe: 2013

Satz: Peter Marwitz, Kiel (etherial.de)

Digitalisierung: JUNFERMANN Druck & Service, Paderborn

ISBN der Printausgabe 978-3-87387-890-7 ISBN dieses eBooks: 978-3-87387-937-9

Für Alice Miller,

deren Werk uns gezeigt hat, dass das Kind

wirklich der Vater des Mannes ist –

und das ihren Schülerinnen und Schülern Mut macht,

in ihre Fußstapfen zu treten

Wir leben mit dem, was wir aus der Kindheit wieder zusammenfügen und was unser Leben lang miteinander verschmilzt und widerhallt, wie die Glasstückchen in einem Kaleidoskop immer neue Formen bilden, deren Refrains und Rhythmen musikalisch sind, sich zu einem Monolog fügen. Wir erleben unablässig unsere eigene Geschichte wieder, einerlei, welche Geschichte wir erzählen.

– Michael Ondaatje, Divisadero

Vorwort

Wenn uns gesundheitliche Probleme zu schaffen machen, beginnen wir, nach möglichen Ursachen zu forschen: Viren, Bakterien, genetische Veranlagung, Ernährungsfehler, Umweltgifte und anderes mehr werden in Betracht gezogen. Dabei übersehen wir häufig einen der mächtigsten Faktoren überhaupt – den prägenden Einfluss eines frühen emotionalen Traumas. Frühkindliche Traumatisierungen bleiben häufig unentdeckt und unbehandelt und können deshalb zur Ursache zahlreicher Erkrankungen werden, die wir fatalistisch auf unsere Erbanlagen zurückführen oder resigniert als unvermeidliche Begleiterscheinungen des Alterungsprozesses hinnehmen.

Sich krank fürchten begann als Versuch, eine Frage zu beantworten, die uns nach dem Erscheinen unseres erstes Buches, Ghosts from the Nursery: Tracing the Roots of Violence, immer wieder gestellt wurde. Damals rüttelten mehrere Gewalttaten an amerikanischen Schulen die Öffentlichkeit auf, und wir hatten in unserem Buch anhand aktueller Studien und Untersuchungen zu erklären versucht, wie Kindesmissbrauch und Kindesvernachlässigung das Gehirn verändern und den Weg zu Aggression und Gewalt bahnen. Doch viele Leser fragten: Was geschieht mit der Mehrheit misshandelter und vernachlässigter Kinder, aus denen keine Amokläufer werden? Kommen sie tatsächlich unbeschadet davon?

Unsere Antwort mag überraschen. Zwar wachsen die meisten misshandelten oder vernachlässigten Kinder nicht zu Gewalttätern heran; dennoch werden nicht nur ihre emotionale, sondern auch ihre körperliche Entwicklung und ihr Verhaltensrepertoire durch die chronische frühe Traumatisierung zutiefst beeinträchtigt. Kindesmisshandlung und -missbrauch bilden überdies lediglich die Spitze des Eisbergs. Auch zahlreiche allgemein übliche Formen der Betreuung von Säuglingen und Kleinkindern, die in sämtlichen Kulturen, Religionen, Ethnien und Einkommensschichten verbreitet sind, können – ohne dass es den Verantwortlichen auch nur bewusst wird – die kindliche Psyche traumatisieren.

Die auf den folgenden Seiten beschriebenen Zusammenhänge gelten für jeden von uns. Sie treffen auf unser eigenes Leben zu, auf das unserer Familien, auf unsere Zukunft. Ob und wie emotional traumatische Erfahrungen Krankheiten anbahnen, hängt von den je individuellen Gegebenheiten ab, unter anderem von der genetischen Veranlagung und von der Entwicklungsphase, in der die Traumatisierung erfolgte; gleichfalls relevant sind die Intensität und Häufigkeit traumatischer Erlebnisse und die Verfügbarkeit therapeutischer Interventionen. Weil sich die meisten chronischen Erkrankungen aber langsam entwickeln und sich oft erst nach Jahrzehnten bemerkbar machen, werden sie diagnostisch kaum je mit der frühen Entwicklung in Verbindung gebracht.

Vorab erscheinen uns einige einschränkende Hinweise angebracht. Erstens ist klar, dass neben dem emotionalen Aspekt häufig zahlreiche andere Faktoren für Erkrankungen verantwortlich sind. Gene, Bakterien und Verletzungen, aber auch das Altern spielen ohne Frage eine Rolle. Zweitens wissen wir, dass Angst und Trauma Teil des menschlichen Lebens sind. Ein geschärftes Bewusstsein für die Zusammenhänge aber kann dazu beitragen, unsere jüngsten Kinder, deren unreife Nervensysteme durch Angst geschädigt werden, vor emotionalen Traumatisierungen zu bewahren, denn sie machen das Individuum für spätere traumatische Erfahrungen und Krankheiten umso anfälliger. Dies versuchen wir, in diesem Buch zu zeigen. Dass viele Menschen Traumata erlitten haben, steht gleichfalls außer Frage. Deshalb erläutern wir auch, dass wir in jeder Altersphase selbst einiges tun können, um die Beeinträchtigung unserer Gesundheit durch Traumata und chronische Angst zu lindern.

Dank

Wir sprechen den Forschern, die uns allen helfen, traumatische Erfahrungen als solche zu begreifen und die Wunden, die sie uns zufügen, zu heilen, unseren Dank aus: Bessel van der Kolk, Bruce D. Perry, Allan Schore, Daniel Siegel, Bruce McEwen und Robert Anda. Unser besonderer Dank gilt Vincent Felitti und Robert Scaer. Sie haben uns in langen Gesprächen ihre Pionierarbeit erklärt und uns geholfen, Sich krank fürchten zu konzipieren.

Ohne die Beiträge weiterer Menschen wäre das Buch dennoch nicht zustande gekommen. Deshalb danken wir

Wanda Kaczynski, die viele Stunden mit uns verbrachte, um von ihren Erinnerungen an ihren Sohn Ted zu berichten. Wir danken auch ihrem jüngeren Sohn David, der nicht nur die Interviews mit seiner Mutter möglich machte, sondern sein Leben dem Kampf um die Abschaffung der Todesstrafe widmet und sich unermüdlich für die Rechte von Verbrechensopfern einsetzt.

Jordan Karr-Morse, der uns seine professionelle Kompetenz und seine Begabung als Filmemacher zur Verfügung stellte und auf der Grundlage unserer Interviews einen Buch-Trailer über Wanda Kaczynski drehte, damit möglichst viele Menschen ihre Geschichte kennenlernen können.

Arielle Bernstein, die anspruchsvolle Jobs, Studium und persönliche Verpflichtungen hintanstellte, um sachkundig für uns zu recherchieren, und sämtliche Details genauestens im Blick behielt.

Mitch Douglas, unserem Agenten und Freund, der immer für uns da war.

Colin Karr-Morse hatte unter den täglichen Anforderungen, die das Schreiben eines Buches mit sich bringt, erneut am meisten zu leiden. Dessen ungeachtet hat er uns bei jedem Schritt unterstützt.

Danken möchten wir auch David Kass, Miriam Rollin, Jeff Kirsch und Amy Taggert-Dawson, den Leitern des Projekts „Fight Crime: Invest in Kids“. Sie haben alles getan, um Meredith zu entlasten und ihr den Rücken für die gemeinsame Arbeit mit Robin freizuhalten.

Einleitung

Seit Anbeginn der Menschheit überschattet die Angst unser Leben. Die Geschwindigkeit aber, mit der sich unsere Umwelt gegenwärtig verändert, und die Art der Ängste, die dadurch in uns ausgelöst werden, überfordern die biologischen Verarbeitungssysteme, mit denen uns die Natur ausgestattet hat. Wir erleben heute kulturelle Brüche und kulturelle Verschmelzungen, wie die Geschichte sie nie zuvor gesehen hat. Die moderne Technologie lässt unsere Welt kleiner werden und verändert sie, doch die Fortschritte, die es uns ermöglichen sollten, alle erdenklichen körperlichen physischen Herausforderungen zu meistern, brachten ihrerseits kaum berechenbare Bedrohungen mit sich. Dazu zählt auch das eigene Unvermögen, die filigranen und hochfunktionalen Systeme anzuerkennen und zu schützen, die es uns ermöglichen, Gefahren zu erkennen und angemessen zu reagieren.

Ganz gleich, ob die Menschen in unserem Land aufwachen, arbeiten, ihre Kinder versorgen, Auto fahren, spielen, essen und sich schlafen legen: Die Zwillingskinder der Furcht – Angst und Aggression – führen die Herrschaft über ihr Gehirn und über ihren Körper. Angst und Aggression sind unser gemeinsames tägliches Bad: zu Hause, auf der Straße, am Arbeitsplatz. Das Ergebnis? Die Anzahl der Suchtkranken und der Menschen mit Angststörungen, mit Depressionen, Aufmerksamkeitsstörungen und posttraumatischem Stress schnellen in die Höhe. Die mittlerweile epidemischen Dimensionen von Diabetes, Adipositas, kardiovaskulärer Herzkrankheit und entzündlichen Vorgängen wie Gelenkarthritis signalisieren, dass unsere Systeme aus dem Gleichgewicht geraten sind.

Nicht nur Ärzte und Traumatologen, sondern auch Soziologen verweisen auf Parallelen zwischen der zunehmenden Häufigkeit individueller und gesellschaftlicher Traumatisierungen und impulsiven, häufig irrationalen Entscheidungen einschließlich des Überkonsums. In einem 2010 im New York Times Magazine veröffentlichten Beitrag mit dem Titel „Dysregulation Nation“ untersucht Judith Warner die fehlende systemische Steuerung als einen Vorboten der gewaltigen Katastrophen, die uns in den vergangenen Jahren heimsuchten. Warner erklärt, dass die Ölkatastrophe, die sich im April 2010 im Golf von Mexiko ereignete, lediglich das jüngste Beispiel für die Dysfunktion zentraler Regulationssysteme darstellt. Sie analysiert die Bankenkrise von 2008, den Zusammenbruch des Immobilienmarktes sowie das Brechen der Dämme in New Orleans nach dem Hurrikan Katrina und wirft Licht auf die Ähnlichkeiten zwischen der Fehlsteuerung großer Systeme und der nur rudimentär entwickelten Selbstregulation von Individuen, die sich unter anderem in Form von „Begehren, Emotion, Impuls und Habgier“ äußert. Die fehlende individuelle Selbstregulation könnte sich, so Warners Vermutung, durchaus als die charakteristische soziale Pathologie unserer Zeit erweisen: „Zeichen dafür, dass mit unseren inneren Kontroll- und Beherrschungsmechanismen etwas nicht stimmt, lassen sich allerorten beobachten.“1

Doch nichts gibt diese Dysfunktion klarer zu erkennen als unser Gesundheitsstatus. Werfen wir zusammen mit den Centers for Disease Control and Prevention (CDC) einen Blick auf die Gesundheit amerikanischer Bürger:

In keiner Industrienation ist die Lebenserwartung niedriger als in den USA. Vierzig andere Länder einschließlich Japan und der meisten europäischen Staaten sind uns voraus.

2

Fast die Hälfte aller Amerikaner leidet unter Bluthochdruck, hohem Cholesterin oder Diabetes. Viele haben mehrere dieser Erkrankungen gleichzeitig: Einer von acht Amerikanern hat mindestens zwei und einer von 33 alle drei Krankheiten.

3

Knapp ein Drittel der amerikanischen Bürger hat einen zu hohen Blutdruck.

4

Herzerkrankungen oder Schlaganfälle sind für ein Drittel aller Todesfälle in den USA verantwortlich.

5

Mehr als ein Drittel der amerikanischen Erwachsenen ist adipös. 68 Prozent der Erwachsenen und ein Drittel der Kinder und Teenager in diesem Land sind übergewichtig.

6

Zwischen 1980 und 2009 hat sich die Anzahl diabeteskranker Amerikaner mehr als vervierfacht; betroffen sind mittlerweile knapp 10 Prozent der US-amerikanischen Bevölkerung.

7

26 Prozent der Erwachsenen über 18 Jahren leiden unter einer psychischen Störung.

8

18 Prozent der US-amerikanischen Erwachsenen über 18 Jahren leiden unter einer Angststörung.

9

Beinahe jeder zehnte amerikanische Erwachsene (19,4 Millionen) erfüllt die Kriterien einer Suchterkrankung; sie sind entweder alkohol- oder drogenabhängig oder beides.

10

Einer von fünf US-Amerikanern hat einen Partner/eine Partnerin oder einen Verwandten (Geschwister oder Kind), der irgendwann in seinem Leben alkohol- oder drogenabhängig war.

11

Lasset die Kindlein zu mir kommen

Amerikanischen Kindern steht das Menetekel an der Wand geschrieben:

Hinsichtlich Säuglingssterblichkeit und Lebensdauer nehmen die USA unter den sieben größten Industrienationen der Welt den letzten Platz ein.

12

Das Wohlergehen amerikanischer Kinder nimmt Platz 20 von insgesamt 21 reichen Demokratien ein, noch hinter Polen, Griechenland und Ungarn.

13

Eines von drei Kindern, die vor fünf Jahren in den USA zur Welt kamen, wird im Laufe seines Lebens an Diabetes erkranken.

14

Die Anzahl der an den Folgen von Kindesmissbrauch gestorbenen Kinder ist in den USA wesentlich höher als in den sieben größten Industrienationen: dreimal höher als in Kanada und elfmal höher als in Italien.

15

Täglich sterben in den USA fast fünf Kinder an Missbrauchsfolgen. Drei von vier Kindern sind unter vier Jahren alt; fast 90 Prozent der Täter sind die leiblichen Eltern.

16

US-amerikanische Kinder sind die neue Zielgruppe der Pharmaindustrie. Ein Viertel der bei Medco versicherten Kinder wurde im vergangenen Jahr wegen einer chronischen Erkrankung wie Asthma, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Adipositas, hohem Cholesterin, Sodbrennen und Diabetes medikamentös behandelt. Dies entspricht einer Steigerung der Medikamentenkosten um 10,8 Prozent und mithin dem Dreifachen des Betrages, der für die medikamentöse Versorgung von Senioren veranschlagt wird.

17

2005 kamen 15,5 Prozent der Neugeborenen mit einem niedrigen Geburtsgewicht und/oder zu früh auf die Welt.

18

Knapp über 20 Prozent der Kinder (eines von fünf) leiden oder litten unter einer gravierenden psychischen Störung. Bei 13 Prozent der Acht- bis Fünfzehnjährigen wurde innerhalb des vergangenen Jahres eine psychische Störung diagnostiziert.

19

Schätzungsweise 26 Prozent aller Kinder in den Vereinigten Staaten sind vor Vollendung des vierten Lebensjahres direkt oder indirekt einem traumatischen Erlebnis ausgesetzt.

20

Eines von einhundert Babys wird mit einem fötalen Alkoholsyndrom geboren, der häufigsten bekannten Ursache von Störungen der geistigen Entwicklung und Lernbehinderungen in der westlichen Welt. Vom fötalen Alkoholsyndrom sind mehr Kinder betroffen als von Autismus, Down-Syndrom, zerebraler Lähmung, zystischer Fibrose, Spina bifida und plötzlichem Kindstod (SIDS) zusammen.

21

4,7 Millionen US-amerikanische Kinder (10 Prozent der Jungen und 8 Prozent der Mädchen) sind lernbehindert.

22

Sich krank fürchten ist die Geschichte der Zusammenhänge zwischen Angst und Krankheit. Diese Geschichte wird heute nicht mehr in das Hoheitsgebiet der Metaphysik verwiesen, sondern naturwissenschaftlich untersucht. Weltweit zeigen medizinische Wissenschaftler, wie es dazu kommt, dass unsere Erfahrungen – vor allem wenn sie chronischer Natur sind, uns in den ersten Lebensjahren zustoßen und unerkannt bleiben – unsere Biologie beeinträchtigen können. Sie entdecken in diesem Buch, wie unsere frühen Emotionen die Organisation des zentralen Nervensystems sowie des Hormon- und Immunsystems prägen, und Sie lernen die physischen Mechanismen kennen, die Kinder für die Auswirkungen von Angst und Trauma besonders anfällig machen. Weil die jüngsten Kinder noch keine positiven Erfahrungen gegen diese destruktiven Kräfte aufbieten können, hat die frühe chronische Angst für sie unter Umständen lebenslange gesundheitliche Folgen. Sie erfahren, wie die frühe Angst mit Entgleisungen der HPA-Achse zusammenhängt: Angst aktiviert den Vagusnerv und katalysiert epigenetische Mechanismen, die die Expression genetisch angelegter Krankheiten unterstützen. Sie werden entdecken, dass diese Zusammenhänge individuellen Einflüssen unterliegen, die auf dem Verhältnis zwischen Schutz- und Risikofaktoren beruhen, und dass sie insbesondere durch zuverlässige, intensive emotionale Beziehungen in den ersten Lebensjahren positiv beeinflusst werden. Wir zeigen Ihnen überdies Möglichkeiten auf, das emotionale Trauma, das Sie selbst erlitten haben oder jemand, den Sie lieben, zu heilen.

Wir stellen Ihnen die aktuellen Studien und Untersuchungen nacheinander vor, so wie wir selbst sie entdeckt haben, damit Sie die Einzelaspekte in der gleichen Reihenfolge wie wir zusammenfügen können. Den Anfang macht eine bahnbrechende Studie des Krankenversicherers Kaiser Permanente, die ganz unerwartet erhebliche Zweifel an den herkömmlichen Erklärungen zahlreicher Krankheiten geweckt hat. Wir erläutern, was uns bewogen hat, unsere bisherigen Annahmen über Gesundheit und Krankheit zu verwerfen. Daran anschließend wenden wir uns den besorgniserregenden Entdeckungen über die Biologie von Stress und Trauma zu, die erst durch die bildgebenden Untersuchungsverfahren ermöglicht wurden. Wir erklären, wie unsere Erfahrungen unsere Biologie prägen und dass der Mensch nicht nur „krank vor Angst“, sondern auch „starr vor Angst“ werden und an seiner Angst sogar sterben kann (Kap. 2 und 3). Die bislang vernachlässigte Rolle chronischer Angst in alltäglichen Situationen, die auf dem Leben von ungeborenen Föten, von Säuglingen und Kleinkindern lastet, und spezifische Erkrankungen im Erwachsenenalter, die mit frühen, chronischen stressvollen und traumatischen Erfahrungen korrelieren, sind das Thema der Kapitel 4, 5 und 6. Den „neuesten Nachrichten“ über Genetik und Epigenetik, einer gerade aufblühenden wissenschaftlichen Disziplin, die mit wahrlich verblüffenden Erkenntnissen aufwartet, ist das 7. Kapitel gewidmet. „Gute Nachrichten“ hält das 8. Kapitel bereit, das von der ungemein einflussreichen Funktion der frühen Bindungsbeziehung handelt. Im 9. Kapitel zeigen wir neue Behandlungsmöglichkeiten für emotional traumatisierte erwachsene Menschen auf.

Ganz gleich, wie unser Leben verlaufen ist – wir können auch im fortgeschrittenen Alter noch vieles tun, um pathologischen Entwicklungen entgegenzusteuern und verantwortlich für unsere eigene emotionale und körperliche Gesundheit, aber auch für die unserer Kinder, Sorge zu tragen. Das letzte Kapitel von Sich krank fürchten untersucht die weittragenden Konsequenzen der wissenschaftlichen Forschung für unser tägliches Leben und zeigt Möglichkeiten auf, die Sensibilität unserer Gesellschaft zu verbessern, die Gesundheit zu schützen und Krankheiten abzuwenden – von Beginn des Lebens an. Nur wenn wir früh ansetzen, werden wir tatsächlich etwas verändern können.

1. Gespenster im Wandschrank: Wie sich traumatische Erfahrungen körperlich widerspiegeln

Heutzutage ist es praktisch unmöglich, in einer Zeitschrift oder einem Magazin zu blättern oder den Fernseher einzuschalten, ohne dass man mit den neuesten Studien über Fettleibigkeit und Abhilfe versprechende Diäten bombardiert wird. Und nahezu täglich bekennt irgendeine prominente Persönlichkeit, dass auch sie mit einem Suchtproblem zu kämpfen hat. Die Gesichter kommen und gehen, die Ratschläge ändern sich, doch die Botschaft bleibt dieselbe: Wir leiden an schädlichen Gewohnheiten. Unsere „Verhaltensgesundheit“ ist zu einem Topthema avanciert, denn die Schwierigkeiten machen vor keiner gesellschaftlichen Gruppe Halt und üben auf jeden von uns einen direkten oder indirekten Einfluss aus. Zwar neigen wir dazu, Fettleibigkeit und Suchterkrankungen resignativ als genetisch vorprogrammierte, gewissermaßen schicksalhafte Aspekte des modernen Lebens zu betrachten und uns nicht weiter mit dem Thema zu befassen. Doch wenn uns die Problematik im eigenen Alltag näher rückt, ist es mit der Gelassenheit nicht mehr weit her. Angesichts einer ernsthaften Diagnose wird es schwierig, eigene gesundheitliche Beeinträchtigungen oder die Beschwerden eines Menschen, den wir lieben, zu ignorieren – vor allem dann, wenn wir erfahren, dass die Erkrankung unmittelbar mit einer Gewichtszunahme oder mit einer Sucht zusammenhängt.

Doch was wäre, wenn weder Sucht noch Adipositas unvermeidlich wären? Wenn diese Erkrankungen in der Mehrzahl aller Fälle nur deshalb aufgetreten sind, weil wir nicht sehen wollen oder können, was Menschen brauchen, um sich gesund zu entwickeln?

Entsprechende Hinweise liegen seit langem vor. Die Suchterkrankungen – unser Hunger, die innere Leere zu „füllen“, indem wir zu viel essen oder uns in den Alkohol-, Drogen-, Spiel- oder Kaufrausch flüchten – waren die ersten Symptome von Verhaltenserkrankungen, die nichtsahnenden Forschern die Augen für die Bedeutsamkeit unserer frühen Erfahrungen öffneten. Das mit Abstand am weitesten verbreitete Symptom eines gestörten Gesundheitsverhaltens ist Übergewicht bzw. Adipositas. Oprah Winfrey ist für Millionen von Zuschauern zur Personifizierung des Problems geworden. Jahrelang hat sie gegen ihr Gewicht angekämpft, obwohl ihr die besten Diäten, die besten Personal Trainer und die besten Fitnessprogramme zur Verfügung standen. Nachdem sie die „gefürchtete 2-Zentner-Marke“ übertroffen hatte, bekannte Winfrey Ende 2009, dass die auserlesene Robe, die zur Amtseinführung von Präsident Barack Obama für sie persönlich entworfen worden war, ungetragen bleiben müsse, weil ihre expandierenden (wiewohl erotischen) Kurven nicht mehr hineinpassten. Zerknirscht und niedergeschlagen bekannte Oprah: „Es geht gar nicht ums Essen. Es geht um den Umgang mit dem Essen. Um den Missbrauch von Essen. Zu viel Arbeit. Zu wenig Spiel. Keine Zeit zum Runterkommen. Keine Zeit, um wirklich zu entspannen. Ich hungere nach mehr Ausgewogenheit in meinem Leben.“23 Sie sprach Millionen Frauen aus dem Herzen, als sie gestand: „Hier stehe ich, 20 kg schwerer als vor drei Jahren. […] Ich bin so wütend auf mich. Ich schäme mich. Ich kann es einfach nicht fassen, dass mein Gewicht nach all den Jahren noch immer ein Thema ist. Und wenn ich mein schlankeres Selbst auf Bildern sehe, frage ich mich: ‚Wie konnte ich das noch einmal zulassen?‘“24

Der Schlankheitsmarkt verspricht Riesengewinne. Für die steigende Anzahl übergewichtiger Menschen werden mannigfaltige Faktoren verantwortlich gemacht: Fastfood; der Zeitmangel, der es nicht erlaubt, Mahlzeiten frisch zuzubereiten; der höhere Preis frischer Nahrungsmittel, der immer mehr Menschen veranlasst, zu Fertigprodukten zu greifen; zu viel Fernsehen, zu wenig Bewegung, zu wenig Sport – unsere Schulkinder werden immer träger. Genetische Anlagen und Organerkrankungen, etwa eine Schilddrüsenunterfunktion, können gleichfalls eine Rolle spielen. Doch die genannten Faktoren erklären nicht alle, ja nicht einmal die meisten Fälle von Fettsucht. Die schiere Anzahl der beworbenen Diäten und anderen Produkte, die eine Gewichtsreduzierung versprechen, beweist, dass wir etwas Wichtiges übersehen. Oprah Winfrey, deren Kindheit von Armut, Chaos und Misshandlung geprägt war und die sich dank ihrer Intelligenz zu einer unglaublich beeindruckenden Persönlichkeit entwickelt hat, räumt intuitiv ein: „Mein größter Fehler bestand darin, zu glauben, mein Gewichtsproblem hätte nur mit dem Gewicht zu tun. Das war ein Irrtum. Es hat mit sexuellem Missbrauch zu tun. Es hat mit all den Dingen zu tun, die Menschen zu Alkoholikern und Drogensüchtigen machen.“25

Übergewicht und Fettsucht haben weitreichende gesundheitliche Folgen und geben Anlass zu größter Sorge. Wer übergewichtig ist (das heißt, einen Body-Mass-Index [BMI] von 25–29.9 hat) oder adipös (BMI > 30), ist auch wesentlich krankheitsanfälliger; besonders häufig treten Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes, koronare Herzkrankheit, Schlaganfälle, Erkrankungen der Gallenblase, Gelenkserkrankungen sowie bestimmte Krebsformen auf, etwa Brust- und Dickdarmkrebs. Mit der Adipositas hängen annähernd vierzig verschiedene Krankheiten zusammen. Die Konsequenzen sind schwindelerregend. 34 Prozent aller amerikanischen Erwachsenen sind adipös. 68 Prozent der Erwachsenen und ein Drittel aller Kinder und Jugendlichen in diesem Land (das heißt insgesamt 25 Millionen Heranwachsende) gelten als adipös oder übergewichtig.26 (Im Vergleich dazu: In Deutschland waren im Jahr 2010 rund 14 Prozent der Erwachsenen adipös – Tendenz steigend). Roland Sturm, einer der Chefökonomen der Rand Corporation, hat mehrere Studien über den Einfluss der Adipositas auf die Lebensqualität geleitet und sagt: „Ein übergewichtiger 30-Jähriger leidet unter genauso vielen chronischen Beeinträchtigungen wie ein normalgewichtiger 50-Jähriger; die subjektive Beurteilung seiner Lebensqualität fällt negativer aus als die eines 20 Jahre älteren Menschen mit normalem Gewicht.“ Auf die Frage, was seiner Ansicht nach zu tun sei, schlägt Sturm vor: „Vermutlich sollten wir versuchen, vor allem für unsere Kinder eine Umwelt zu schaffen, in der niemand übergewichtig wird.“27

Der Anstieg der Adipositas-Prävalenz geht mit einem explosionsartigen Anstieg der Diabetes-Neuerkrankungen einher. Die Zahl hat sich zwischen 1980 und 2009 mehr als vervierfacht: von 5,6 Millionen auf 24 Millionen Ersterkrankungen. Gleichermaßen alarmierend ist der Anstieg von Typ-2-Diabetes-Erkrankungen bei Kindern.28 Die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) prognostizieren, dass eines von drei Kindern, die seit 2003 in den USA geboren wurden, einen Diabetes entwickeln wird. Die Wahrscheinlichkeit von Herzerkrankungen und Schlaganfällen ist bei Diabetikern viermal höher als bei Gesunden; ihr Risiko, an Komplikationen im Zusammenhang mit einer Grippeerkrankung oder Lungenentzündung zu sterben, ist um das Dreifache erhöht. Ebenfalls adipositasbedingt ist ein massiver Anstieg der Hauptrisikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Im Frühjahr 2010 veröffentlichten die CDC Untersuchungen, wonach fast die Hälfte aller US-Amerikaner unter Bluthochdruck, erhöhtem Cholesterinspiegel oder Diabetes leidet.29

Auch Gelenkerkrankungen infolge von Übergewicht treten gehäuft auf. Jedes Extrapfund belastet die Gelenke, denn die Natur hat sie darauf nicht vorbereitet. Den CDC zufolge leiden 51,2 Millionen US-Amerikaner unter Gelenkarthrosen (in Deutschland leiden mindestens acht Millionen Menschen unter dem Gelenkverschleiß30); im Jahre 2030, wenn die Angehörigen der geburtenreichen Jahrgänge ins Seniorenalter kommen, wird sich die Zahl der Erkrankungen um mehr als 40 Prozent erhöhen.31

Dass die Amerikaner drauf und dran sind, den Kampf gegen das Fett zu verlieren, steht außer Frage. Sicher ist aber auch, dass sie keineswegs resigniert haben: Der Schlankheitsmarkt boomt. Trotz der unüberschaubaren Fülle an Büchern und Zeitschriften, die Theorien über Methoden zur unkomplizierten, raschen Gewichtsabnahme propagieren, herrscht allgemeine Verwirrung. Tagtäglich sind Millionen von Amerikanern auf Diät; dauerhaften Erfolg haben nur wenige.

Übergewichtige und adipöse Teenager machen einen neuen und wachsenden Markt für chirurgische Magenbänder aus. Bei mehr als eintausend US-amerikanischen Jugendlichen wurden im Jahr 2007 chirurgische Maßnahmen zur Gewichtsreduktion ergriffen. Doch solche Operationen sind „nicht der Abschluss der Behandlung, sondern lediglich ein Anfang“ – so Reginald Washington aus Denver, ein Kinderarzt und Kardiologe, der als ehemaliger Stellvertretender Vorsitzende die von der American Medical Association einberufene Arbeitsgruppe „Adipositas im Kindesalter“ leitete.32 Chirurgische Eingriffe zur Fettreduktion mögen aus der Verzweiflung geboren sein, doch die Realität sieht laut Washington so aus, dass herkömmliche Diäten und sportliche Betätigung lediglich in 30 Prozent der Fälle dauerhaft greifen. Dr. Emma Patterson, medizinische Leiterin des Obesity Institute at Oregon’s Legacy Research Project, sagt stellvertretend für eine stetig wachsende Gruppe US-amerikanischer Chirurgen: „Warum abwarten, bis der Cholesterinspiegel dieser Kids erhöht ist und sie Nieren- und Herzprobleme bekommen oder ein neues Knie brauchen?“33

Werbekampagnen, die sich direkt an Kinder und Jugendliche wenden, das allgegenwärtige Angebot an Softdrinks und Junkfood, Zeitmangel, Informationsmangel, die relativ hohen Preise frischer, naturbelassener Nahrungsmittel, die fehlende Sicherheit in benachteiligten Wohnvierteln – all dies hat zweifellos dazu beigetragen, dass Kinder und Heranwachsende, die in Armut leben, gegenüber Gleichaltrigen aus gut situierten Familien ein um 50 Prozent höheres Risiko haben, übergewichtig und adipös zu werden. Wir wissen, dass Armut und soziale Benachteiligung Familien zusätzlich belasten, und damit drängt sich die Frage auf: Ist hier ein tiefer gehender Faktor am Werk?

Dr. Sonia Lupien, Ärztin am Douglas Hospital in Montreal, Kanada, beantwortet diese Frage mit einem klaren „Ja“. Gegenüber einem Reporter des Globe and Mail erklärte sie: „Ich halte den Stress für ausschlaggebend.“34 Dass sozialer Status unsere Gesundheit direkt beeinflusst, ist unumstritten; schwierige soziale Verhältnisse steigern das Vorkommen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, von Diabetes und anderen Krankheiten, die mit der Lebensführung zusammenhängen. Das Ergebnis ist letztlich eine insgesamt niedrigere Lebenserwartung. Arme Menschen ernähren sich nicht nur schlechter; sie sind auch höherem Stress ausgesetzt; zudem können sie sich keine Krankenversicherung leisten und haben infolgedessen keinen Zugang zu einer angemessenen Gesundheitsversorgung. Lupien kam in ihrer Studie, an der 450 Kinder aus Familien mit niedrigem bis hohem Einkommen teilnahmen, zu dem Ergebnis: „Die Ausschüttung von Stresshormonen war bei Kindern aus Familien mit niedrigem Einkommen dreimal höher als bei Gleichaltrigen aus reichen Familien.“35

Sind wir möglicherweise blind für einen tiefer gehenden Faktor? Diese Frage wird von immer mehr Ärzten, Forschern, Suchtexperten oder Menschen wie Patty Worrell gestellt. Pattys Geschichte erschien in einem Medium, in dem man dergleichen gewiss nicht suchen würde, nämlich im Wall Street Journal. Patty war esssüchtig: Morgens um drei vertilgte sie 2 kg Eiscreme, um sich dann später zum Frühstück acht Zimtbrötchen einzuverleiben.36 Irgendwann ging es nicht mehr weiter. Patty war Mitte vierzig, brachte bei einer Größe von 164 cm nicht weniger als 130 kg auf die Waage, war Diabetikerin und litt unter Arthrose. Sie ließ einen Magenbypass legen und nahm innerhalb eines Jahres 65 kg ab. Sie war begeistert: Sie konnte wieder Auto fahren und fliegen, Restaurants besuchen und sich in den überfüllten Gängen der Einkaufszentren bewegen. Dann veränderte sich ihr Leben aufs Neue. Eineinhalb Jahre nach der Operation verspürte sie zwar keine Essgelüste mehr, schüttete aber Abend für Abend 18 bis 20 Tequilas in sich hinein. Patty, eine normalerweise leise, zurückhaltende Frau, erwarb sich einen Ruf als wilde Partygängerin und wachte morgens immer häufiger mit blauen Flecken und Schürfwunden auf, die sie sich nicht zu erklären vermochte. Ihre Lebenspartnerin sagte: „Sie verwandelte sich in ein Monster!“

Patty sagt: „Ich wusste, dass ich sterben würde.“ Sie erkannte das Muster. Ihr Vater war an Alkoholmissbrauch gestorben, und ihre Schwester war drogensüchtig. Um ihrer Mutter die Erkenntnis zu ersparen, dass es in der Familie noch eine weitere Alkoholikerin gab, gab Patty sich monatelang die größte Mühe, ihr Trinken zu verbergen. Die Wende kam, als sie wieder einmal randalierte. Für ihre Partnerin war das Maß nun voll. Sie griff zum Telefon und wählte die Nummer von Pattys Mutter: „Hör dir deine Tochter an“, sagte sie und positionierte den Hörer so, dass er das Fluchen der Betrunkenen einfing. Dass ihre Mutter nun Bescheid wusste, versetzte Patty anderntags in Panik; sie besuchte zum ersten Mal ein Treffen der Anonymen Alkoholiker. Drei Wochen später rief ihre Mutter an. Sie hatte katastrophale Nachrichten: Pattys Schwester war an einer Medikamentenüberdosis gestorben. Patty erinnert sich, wie dankbar sie dafür war, nüchtern zu sein und ihrer Mutter zur Seite stehen zu können.

Als der Artikel für das Wall Street Journal verfasst wurde, war Patty auf dem Weg der Besserung. Viermal wöchentlich nahm sie an den Gruppentreffen der Anonymen Alkoholiker teil, musste aber immer wieder mit Rückfällen fertigwerden. Ihre Entwicklung von der Esssucht über die Magenoperation zum Alkoholismus ist beileibe kein Einzelschicksal. Behandlungszentren wie das Betty Ford Center in Rancho Mirage, Kalifornien, berichten, dass immer mehr Patienten nach chirurgischen Eingriffen, die ihnen halfen, Gewicht zu verlieren, wegen neuer Suchterkrankungen Hilfe suchen. Der Alkoholmissbrauch ist auch für die Online-Unterstützungsforen des Weight Loss Surgery Center, dessen Newsletter-Verteiler mehr als 10.000 Adressaten enthält, ein heißes Thema.37 Magenbypass-Patienten sind extrem anfällig für Alkoholmissbrauch; je nach Schätzung ersetzen zwischen fünf und 30 Prozent die Esssucht nach der Operation durch den erhöhten Alkoholkonsum. Kaum geringer ist offenbar die Anzahl derjenigen, die sich nach dem Eingriff zu Kettenrauchern entwickeln.38

Dass eine Sucht durch eine andere ersetzt wird – die Experten sprechen vom „Suchtwechsel“ –, beschränkt sich nicht auf das Essen bzw. Trinken. Das Betty Ford Center weist darauf hin, dass etwa ein Viertel der rückfälligen Alkoholiker den Alkohol durch andere Drogen, häufig Opiate, ersetzt.39 Die Forscher sind sich zunehmend darin einig, dass der Suchtwechsel auf einer biologischen Grundlage beruht. Anders als in der Vergangenheit suchen sie die Ursache allerdings nicht mehr in der genetischen Anlage, sondern in der Hirnchemie: „Die Schaltkreise, die an den mit Suchterkrankungen und mit der Adipositas einhergehenden Prozessen beteiligt sind, weisen Ähnlichkeiten auf“, sagt Dr. Nora Vokow, Direktorin des National Institute on Drug Abuse.40 Von besonderem Interesse ist die Beobachtung, dass adipöse Menschen, Alkoholiker und Drogenabhängige allesamt Dopaminspiegel aufweisen, die unterhalb des normalen Levels liegen, und Dopamin ist ein Hormon, das mit unserem Lustempfinden zusammenhängt und unsere Gelüste anregt. Durch Suchtstoffe wiederum wird die Dopaminausschüttung vorübergehend deutlich erhöht.

Die Erforschung der an Suchtphänomenen beteiligten Hirnschaltkreise und der ihnen zugrunde liegenden chemischen Vorgänge ist in den letzten Jahren geradezu explodiert. An den National Institutes of Health (NIH) laufen Dutzende klinischer Versuche, die sich teils auf die Entwicklung neuer Medikamente konzentrieren, teils auf die Untersuchung der Wirkungen von Medikamenten, die man früher bei anderen Erkrankungen eingesetzt hat. Topiramat, ein Mittel zur Epilepsiebehandlung, das unter der Bezeichnung Topamax auf dem Markt ist, wird mittlerweile auf seine Einsatzmöglichkeiten bei Alkohol- und Kokainsucht, Essattacken (Binge Eating) und pathologischem Spielen untersucht. Das Antidepressivum Bupropion wiederum wird häufig beim Alkoholentzug verschrieben, aber auch zur Behandlung von Spielsucht, Adipositas und Nikotinabhängigkeit. Die Suche nach einer Pille, die unsere Gelüste und Begierden bremsen, unseren Appetit zügeln und unsere Stimmung aufhellen kann, geht weiter.

Immer mehr Forscher aber suchen auch nach tiefer liegenden Ursachen der gestörten Hirnchemie. „Warum“, so fragen sie beispielsweise, „weisen manche Menschen auffallend niedrige Dopaminspiegel auf? Liegen diesem Befund gemeinsame Variablen zugrunde?“ Dr. Gabor Maté aus Vancouver, Kanada, hat eine Reihe einschlägiger Bestseller verfasst. Sein jüngstes Buch, In the Realm of Hungry Ghosts, ist den Suchterkrankungen gewidmet. Hier heißt es:

„Wenn wir die an den Suchterkrankungen beteiligten Hirnschaltkreise betrachten […], rücken die Endorphine in den Blick. Endorphine sind die chemischen Stoffe, die Gefühle des Wohlbefindens, Belohnungs- und Lustgefühle sowie Schmerzlinderung vermitteln. Gleichzeitig erzeugen sie die Liebesgefühle, die uns mit dem Universum und mit anderen Menschen verbinden. Nun, ebendieser Schaltkreis funktioniert bei Suchtkranken nur unzulänglich. […] Die Frage lautet, warum es sich so verhält, denn die Drogen an sich sind nicht sonderlich suchterzeugend. Damit will ich sagen, dass die meisten Menschen, die Drogen ausprobieren, von den allermeisten Stoffen keineswegs abhängig werden. Vielmehr muss eine gewisse Empfänglichkeit vorliegen. Und die empfänglichen Menschen sind diejenigen, bei denen die Funktionsfähigkeit der für die Endorphinausschüttung zuständigen Hirnschaltkreise beeinträchtigt ist – und zwar nicht aufgrund ihrer genetischen Anlage, sondern infolge widriger früher Erfahrungen.“41

Eine solche Sichtweise war noch unvorstellbar, als Kaiser Permanente42 in den 1980er Jahren in San Diego eine Klinik für chronisch adipöse Patienten gründete. Die Initiative ging aus einer sehr fortschrittlichen Abteilung für Präventionsmedizin hervor, die Dr. Vincent Felitti für Kaiser-Patienten aufgebaut hatte. Felitti hatte – und hat – die Illusion, die hausärztliche und internistische Versorgung erneut in die Präventivversorgung, aus der sie ursprünglich hervorgegangen sind, einzubinden, statt die allgemeine und die innere Medizin als symptomorientierte Reaktion auf Erkrankungen zu praktizieren. Unter Felittis Leitung entwickelte sich diese Abteilung zum weltweit größten Diagnosezentrum; Jahr für Jahr werden dort 58.000 Menschen untersucht. Als wir Felitti 2005 in Kalifornien kennenlernten, berichtete er:

„Im Zuge unserer Arbeit stellte sich rasch heraus, dass wir ein spezielles Programm zur Risikominderung entwickeln mussten. Als Erstes haben wir ein Gewichtsprogramm ausgearbeitet. […] Dank unserer großartigen Methode konnten Menschen innerhalb eines Jahres ohne gesundheitliche Risiken bis zu 140 kg abnehmen. Doch nach etwa fünf Jahren wurde klar, dass wir ein gewaltiges Problem hatten, nämlich eine extrem hohe Abbruchrate, die sich fast ausschließlich auf die Patienten beschränkte, die erfolgreich abnahmen […] Ich bin schier verrückt geworden! Der Befund war absolut kontra-intuitiv und ruinierte das Ansehen unseres gesamten Programms. […] Die Notwendigkeit, dieses Problem zu klären, gab den Anstoß zur ACE-Studie.“43

Weil Felitti sich keinen Reim darauf machen konnte, weshalb von den Patienten, die erfolgreich Gewicht reduzierten, so viele aus dem Programm ausstiegen, beschloss er, Tiefeninterviews über ihr Leben mit ihnen zu führen und ihre Beweggründe für den Abbruch zu erforschen. Er selbst interviewte 186 Patienten. Fassungslos ob der Ergebnisse, beauftragte er fünf Kollegen mit weiteren einhundert Interviews. Die Resultate, mit denen niemand gerechnet hatte, zeigten eindeutig, dass die Adipositas entgegen der ärztlichen Meinung keineswegs das Problem war, sondern den Patienten in Wirklichkeit half, tiefere Probleme zu bewältigen. Die Patienten aßen zu viel, weil sie auf diese Weise die Intensität ihrer Gefühle dämpfen konnten, und sie legten sich Fettpolster zu, weil sie hofften, dadurch unverwundbar zu werden – körperlich, emotional oder sexuell. Sie stellten die Adipositas in den Dienst ihres Selbstschutzes. Eine Patientin, die nach einer Vergewaltigung innerhalb eines Jahres mehr als 50 kg zugenommen hatte, brachte es wie folgt auf den Punkt: „Wer Übergewicht hat, wird übersehen, und genau darauf kommt es mir an.“44 Es war charakteristisch für all diese Patienten, dass sie über solche Erfahrungen nie mit jemandem gesprochen hatten, nicht einmal mit ihren Ärzten. Dazu Felitti: „Üblich war das gleichzeitige Wirken gegensätzlicher Kräfte; viele Patienten aus unserem Gewichtsprogramm standen mit einem Fuß auf der Bremse und traten mit dem anderen das Gaspedal durch. Sie wären gern schlank gewesen, hatten aber Angst vor jeder Veränderung.“

Während Felitti in San Diego mit Adipositas-Patienten arbeitete, erforschte der Epidemiologe Robert Anda in den Centers for Disease Control in Atlanta die psychosozialen Ursachen von körperlichen Erkrankungen, Adipositas und Risikoverhalten wie Drogen-, Medikamenten- und Alkoholmissbrauch, Nikotinabhängigkeit und gefährlichem Sexualverhalten. Als Felitti in Atlanta einen Vortrag über seine Interviews mit den ehemaligen Patienten, die das Gewichtabnahmeprogramm vorzeitig beendet hatten, hielt, lernte er Anda kennen, der die Bedeutsamkeit dieser Ergebnisse erkannte. Gemeinsam entwickelten die beiden Ärzte schließlich die „Adverse Childhood Experience (ACE) Study“ – eine Studie über „Widrige Kindheitserfahrungen“. Das Durchschnittsalter der Kaiser-Patienten betrug 57 Jahre. Die Patienten gehörten der Mittelschicht an und waren mehrheitlich weiß; knapp über 50 Prozent waren weiblich, 54 Prozent hatten einen College-Abschluss. Die ACE-Fragebögen wurden zwei Wochen, nachdem die Patienten im Kaiser’s Health Appraisal Center untersucht worden waren, verschickt.

Felitti erläutert, dass dem Arzt im Grunde lediglich drei Informationsquellen zur Verfügung stehen: die Krankheitsgeschichte des Patienten, die körperliche Untersuchung und das Labor. In den westlichen Industrieländern gilt das Augenmerk der Ärzte und Patienten vor allem den Laborergebnissen. „Dennoch haben kluge Ärzte“, so Felitti, „schon vor mehr als hundert Jahren erkannt, dass sich die Diagnose in über 80 Prozent der Fälle aus der Krankengeschichte ergibt. Nicht aus dem MRT, nicht aus den körperlichen Untersuchungen, sondern aus der Befragung des Patienten. Deshalb haben wir einen durchaus bemerkenswerten Fragebogen erarbeitet.“45

Der ACE-Fragebogen enthielt unter anderem Fragen, die sich auf Missbrauchserfahrungen in der Kindheit einschließlich wiederholter körperlicher, emotionaler oder sexueller Misshandlung bezogen. Fünf weitere Kategorien betrafen das Heranwachsen in dysfunktionalen familiären Verhältnissen, das heißt in Familien mit folgenden Beeinträchtigungen: (1) Alkoholismus oder Drogenmissbrauch von Familienangehörigen; (2) Gefängnisaufenthalte von Haushaltsmitgliedern; (3) chronische Depression, psychiatrische Erkrankung oder Suizidalität von direkten Angehörigen; (4) körperliche Misshandlung der Mutter oder (5) Trennung oder Scheidung der Eltern oder Verlust eines oder beider Elternteile infolge anderer Gründe. Es wurden gezielt Informationen erfragt, die eine objektive Evaluation zuließen. Um den Einfluss subjektiver Faktoren zu minimieren, zielten die Fragen direkt auf die Anzahl, Häufigkeit und Intensität spezifischer Verhaltensweisen, die für die Vergangenheit der Patienten relevant gewesen sind. Der errechnete ACE-Wert misst die Kategorien entwicklungswidriger Erfahrungen, nicht die Anzahl der Vorkommnisse. So bekam ein Patient, der von verschiedenen Personen wiederholt belästigt worden war, in der entsprechenden Kategorie 1 Punkt. Eine Patientin, die keine Erfahrungen gemacht hatte, die in den ACE-Kategorien aufgelistet sind, erhielt 0 Punkte. Eine Patientin, die mit „Ja“ auf eine oder zwei Kategorien antwortete, erhielt 1 oder 2 Punkte usw. Daran anschließend cross-referenzierten die Forscher den aktuellen Gesundheitsstatus von mehr als 17.000 Erwachsenen mit ihren Angaben auf dem ACE-Fragebogen. Sie beobachten diese Gruppe mittlerweile seit 15 Jahren, um die Beziehungen zwischen ihrem ACE-Wert einerseits und Medikamentenkosten, Praxisbesuchen, Inanspruchnahme ärztlicher Notdienste, Krankenhausaufenthalten und Tod andererseits zu evaluieren.

Die Studie untersuchte die Korrelationen zwischen widrigen Kindheitserfahrungen und zehn Risikofaktoren, die in den Vereinigten Staaten mit den Hauptursachen von Morbidität und Mortalität assoziiert sind – einschließlich Rauchen, schwerer Korpulenz und Adipositas, Bewegungsmangels, depressiver Stimmung, Suizidversuchen, Alkoholismus, Drogen- und Medikamentenmissbrauchs, intravenösen Drogenkonsums, einer hohen Anzahl wechselnder Sexualpartner sowie durchgemachter infektiöser Geschlechtskrankheiten. Die Forscher untersuchten darüber hinaus die Beziehung zwischen widrigen Kindheitserfahrungen und den Krankheiten, die in den Vereinigten Staaten zu den häufigsten Todesursachen zählen: ischämische Herzerkrankungen, Krebs, Schlaganfall, chronische Bronchitis oder Lungenemphysem, Diabetes, Skelettfrakturen, Leberleiden sowie Hepatitis oder Gelbsucht.

Der verblüffendste Fund der ACE-Studie betraf die Prävalenz widriger Kindheitserfahrungen. Zwei Drittel der Teilnehmer gaben Erfahrungen in mindestens einer der Kategorien an. Mehr als ein Viertel von ihnen war in einem Haushalt aufgewachsen, dem ein alkoholkranker oder drogenabhängiger Mensch angehörte; ebenso hoch war der Prozentsatz derjenigen, die nach eigenen Angaben als Kind geschlagen worden waren. 42 Prozent gaben Missbrauchserfahrungen in mindestens zwei Kategorien an, und einer von neun Teilnehmern nannte mindestens fünf Kategorien. Laut Felitti zeigen diese Daten, dass ein Individuum, das Missbrauchserfahrungen in einer Kategorie erleidet, mit einer Wahrscheinlichkeit von 87 Prozent entsprechende Erfahrungen in mindestens einer weiteren Kategorie gemacht hat; die Wahrscheinlichkeit von Missbrauchserfahrungen in drei oder mehr Kategorien liegt bei 50 Prozent. Es ist typisch, dass solche Erlebnisse nicht vereinzelt, sondern gebündelt vorkommen. Beispielsweise macht ein Kind, das in einem Alkoholikerhaushalt aufwächst, zumeist weitere widrige Erfahrungen; und wenn die Mutter geschlagen wird oder der Vater im Gefängnis sitzt, ist unweigerlich das gesamte Familienleben beeinträchtigt. Die Forscher, die die ACE-Studie durchführten, entdeckten überdies auch einen „Dosis-Reaktions“-Effekt: je höher die ACE-Werte, desto verheerender der Gesundheitsstatus.

Die Forscher fanden zudem heraus, dass die Wahrscheinlichkeit zu rauchen mit jedem Punkt auf der ACE-Skala steigt. Die Wahrscheinlichkeit, dass man zum Raucher wird, ist bei einem Mittelwert von 4 ACE-Punkten doppelt so hoch wie bei 0 ACE-Punkten; die Wahrscheinlichkeit, dass man an einem Bronchial- oder Lungenemphysem oder an chronischer Bronchitis erkrankt, ist um das Vierfache erhöht und das Risiko einer chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung um das Zweieinhalbfache. Verglichen mit Personen, denen belastende Erfahrungen in ihrer Kindheit erspart blieben, hat jemand mit einem ACE-Wert von mindestens 4 ein um das Siebenfache erhöhtes Risiko, Alkoholiker zu werden; die Wahrscheinlichkeit, dass er vor dem Alter von 15 Jahren Geschlechtsverkehr haben wird, ist um das Sechsfache erhöht. Das Risiko einer Herzerkrankung sowie eines Krebsleidens verdoppelt sich. Im Vergleich zu Personen mit 0 ACE-Punkten haben Menschen mit 4 oder mehr ACE-Punkten ein um das 46-Fache erhöhtes Depressions- und ein um das Zwölffache erhöhtes Suizidrisiko.

Erstaunlicherweise bestand zwischen Übergewicht und frühen Missbrauchs- und Misshandlungserfahrungen eine deutlich niedrigere Korrelation als zwischen Depression, Suizid und Substanzmissbrauch im Erwachsenenalter und belastenden Kindheitserfahrungen. Spätere Untersuchungen aber, darunter auch eine Studie aus dem Jahr 2009, über die die Zeitschrift Obesity berichtete, lassen auf einen Zusammenhang zwischen Kindesmissbrauch und Adipositas schließen.46 Auf der Grundlage von Gerichtsakten aus den Jahren 1967 bis 1971 verglichen die Forscher den Body-Mass-Index von 410 Männern und Frauen, die als Kinder nachweislich körperlich misshandelt, sexuell missbraucht und vernachlässigt worden waren, mit dem BMI von 303 Erwachsenen ohne Missbrauchserfahrungen. Personen, die sexuell missbraucht oder körperlich misshandelt und vernachlässigt worden waren, wiesen einen signifikant höheren BMI auf als diejenigen, die ohne belastende Erfahrungen aufgewachsen waren.47

Seit 2009 bringt die Auswertung der ACE-Daten Kindheitstraumata auch mit einem frühzeitigen Tod in Verbindung. Anhand des National Death Index identifizierten die Forscher in der ACE-Gruppe 1.539 Todesfälle zwischen 1996 und 2006. Sie stellten fest, dass Menschen mit einem ACE-Wert von 6 und höher durchschnittlich fast zwanzig Jahre früher starben als Menschen mit einem Wert von 0.48 Die Wissenschaftler rieten zwar zur Vorsicht und betonten, dass sich der gefundene Zusammenhang zwischen Mortalität und Kindheitstrauma auf ein relativ kleines Sample stütze; dennoch ist das Ergebnis statistisch signifikant. ACE-Probanden mit hohen Werten starben beträchtlich früher, „selbst wenn man die absolute Anzahl herausnimmt“ – so Dr. David Brown, Epidemiologe in den Centers for Disease Control.49

Doch wie können wir uns den Zusammenhang zwischen widrigen Kindheitserfahrungen einerseits und gesundheitsgefährdenden Verhaltensweisen sowie Erkrankungen im Erwachsenenalter andererseits vorstellen? Die ACE-Studie verweist auf zwei mögliche Entwicklungspfade. Da wäre zum einen der Konsum von Nikotin, Drogen oder Alkohol als eine Form des Coping-Verhaltens, die zur Krankheitsentstehung beiträgt. Gesundheitsgefährdende Verhaltensweisen erklären jedoch nicht alles. Der zweite Weg, der von belastenden Kindheitserfahrungen zur Krankheit führt, verläuft tatsächlich direkter. Bei Studienteilnehmern mit einem ACE-Wert von 7 und einer Vorgeschichte ohne Hinweise auf Risikoverhalten war die Wahrscheinlichkeit einer ischämischen Herzkrankheit im Erwachsenenalter um 30 bis 70 Prozent erhöht. Probanden mit einem Wert von mindestens 4 hatten gegenüber Studienteilnehmern mit einem niedrigeren Wert ein um das Zwei- bis Vierfache erhöhtes Risiko für chronische Wut und Depression und ein gleichermaßen erhöhtes Risiko für Bluthochdruck und Diabetes. Je höher die Anzahl widriger, belastender Kindheitserfahrungen, umso größer die Gefahr, dass die Betroffenen an Krebs, chronischen Lungenleiden, an Skelettalfrakturen und Leberleiden erkrankten.

Aufgrund der hohen Korrelationen zwischen Suchterkrankungen – Abhängigkeit von Nikotin, Alkohol und illegalen Drogen – und frühen widrigen Erfahrungen zogen die Forscher den Schluss, dass die „Sucht“ einen stärkeren Zusammenhang mit charakteristischen Merkmalen der frühen Lebenserfahrungen aufweist als mit dem Suchterzeugungspotenzial der Drogen an sich. Felitti hält den Drogenkonsum für eine Art Selbstmedikation, das heißt für einen Versuch, Probleme zu bewältigen, die „erfolgreich hinter sozialer Freundlichkeit und Höflichkeit versteckt werden“. Bezogen auf die Erkenntnis, dass sich bei einem Jungen mit einem ACE-Wert von 6 die Wahrscheinlichkeit, später zum Fixer zu werden, um 4.600 [viertausendsechshundert] Prozent erhöht, schreibt Felitti:

„Ist der Drogenkonsum selbstdestruktiv, oder ist er ein verzweifelter Versuch der Selbstheilung? Dies ist eine wichtige Frage, denn wenn die Antwort ‚Selbstheilung‘ lautet, dann ist die primäre Prävention erheblich schwieriger als angenommen – wahrscheinlich deshalb, weil ein unzureichendes Verständnis der Vorteile sogenannter gesundheitsschädlicher Verhaltensweisen zur Folge hat, dass man diese Verhaltensweisen als irrationale Aktionen mit ausschließlich negativen Konsequenzen betrachtet. Bewirkt diese unvollständige Sicht des Drogenmissbrauchs womöglich, dass wir uns in Warnungen und Mahnungen ergehen, statt zu versuchen, die Ursache unserer therapieresistenten Gesundheitsprobleme zu ergründen?“50

Felitti, Anda und ihre Kollegen nehmen kein Blatt vor den Mund, wenn es um die durch ihre Untersuchungen bestätigten Zusammenhänge geht: „Frühkindliche Traumatisierungen können mannigfaltige gesundheitliche Beeinträchtigungen und schädliche Verhaltensweisen nach sich ziehen, zum Beispiel Substanzmissbrauch in der Adoleszenz wie auch im Erwachsenenalter. […] Widrige Kindheitserfahrungen sind ein stärkerer Einflussfaktor als die leichte Zugänglichkeit von Drogen und die gesellschaftliche Einstellung gegenüber Rauschmitteln; sie sind auch wesentlich einflussreicher als die enorm kostenintensiven Bemühungen, durch Aufklärungs- und Informationskampagnen Prävention zu leisten.“51

Der Zusammenhang zwischen Sucht und Suizid trägt zu Felittis Besorgnis erheblich bei. Felitti, Anda und ihr Team zogen den Schluss: „Zwischen widrigen Kindheitserfahrungen und dem Risiko von Suizidversuchen besteht lebenslang eine enge, graduell abgestufte Beziehung. Vermittelt wird sie offenbar unter anderem durch Verhaltensweisen, die mit solchen Erfahrungen fest assoziiert sind, nämlich Alkoholismus, depressiver Affekt und Drogenkonsum.“52

„Leider fällt es uns schwer, diese Probleme anzuerkennen, und nicht minder schwierig ist es, sich ihrer anzunehmen“, sagt Felitti. „Die meisten Ärzte beschäftigen sich lieber mit traditionellen Organerkrankungen. Das ist zweifellos einfacher, bringt aber die Gefahr mit sich, dass die gesamte Behandlung scheitert und man sich im Anschluss an kostspielige Diagnoseverfahren eingestehen muss, dass man alles ausschließen, aber nichts dingfest machen kann. Wir haben uns auf den kleinsten Bereich des Problems beschränkt – auf den Bereich, mit dem wir als Arzt, der lediglich Medikamente verschreibt, vertraut sind. Welche diagnostische Entscheidung sollen wir treffen? Wer soll sie treffen? Und wann, wenn nicht jetzt?“53

Festzuhalten ist, dass belastende Erfahrungen in Kindern starke Emotionen wecken. Diese Gefühle und die Gehirnchemie, die sie erzeugen, verwandeln sich in unsichtbare „Gespenster“, die mit verheerender Wirkung in unserem Körper, unserem physischen Selbst, hausen.

Der stumme Schrei des zum Schweigen gebrachten Kindes nimmt die Form einer Fehlsteuerung von Körpersystemen an, die für den Erhalt der Gesundheit von zentraler Bedeutung sind. Diese inneren Veränderungen bahnen den Weg zu Risikoverhalten wie Drogen-, Alkohol- und Tabakkonsum, Esssucht oder ungeschütztem Sex – allesamt Verhaltensweisen, die in der Präadoleszenz, Adoleszenz oder im Erwachsenenalter zutage treten. Solche Versuche der Selbstberuhigung stellen zweifellos Bewältigungsstrategien dar, erweisen sich aber letztlich als kontraproduktiv, weil sie die Gesundheitsrisiken drastisch erhöhen. Eine Suchterkrankung und die kumulativen Auswirkungen eines über einen allzu langen Zeitraum aus dem Gleichgewicht geratenen Stressreaktionssystems können – für sich genommen oder in Kombination – genetisch vorgeprägte gesundheitliche Probleme katalysieren, die zumeist erst in der Spätadoleszenz oder im Erwachsenenalter diagnostiziert werden.

Fernsehshows wie The Biggest Loser und Celebrity Rehab lenken die Aufmerksamkeit auf die Folgen eines Faktors, der zumeist übersehen wird: die eingefrorene Angst, das Ergebnis einer kumulativen emotionalen Traumatisierung. Wir wissen zwar, dass viele Kinder, die ein frühes emotionales Trauma erleiden und zu Opfern von Gewalt oder Vernachlässigung werden, später, als Erwachsene, die Zellen unserer Gefängnisse füllen; trotzdem haben wir uns in dem Glauben gewiegt, dass die Mehrheit von ihnen „irgendwie“ ungeschoren davonkommen wird; wir bezeichnen solche Personen als „resilient“ und übersehen dabei, dass die Beeinträchtigungen ihres körperlichen Wohlergehens und erst recht ihrer psychischen Gesundheit ein hoher Preis sind, den sie für diese scheinbare Widerstandsfähigkeit zahlen. Wir haben ihre Erkrankungen in erster Linie auf Ursachen zurückgeführt, die sich unserem Einfluss entziehen, beispielsweise auf die Gene oder die unvermeidlichen Konsequenzen des Alterns. Dazu Felitti: „Dass wir den Genen die Schuld geben, ist eine fast schon unverfrorene Ausrede für unsere Unfähigkeit, eigene Gefühle und die Gefühle anderer Menschen anzuerkennen.“54

Übergewicht, Adipositas und Suchterkrankungen epidemischen Ausmaßes sind laut Felitti „eine unbewusste Lösung nicht anerkannter Probleme, die ihren Ursprung in der Kindheit haben“. Felitti und Anda ziehen den Schluss, dass all die von ihnen statistisch nachgewiesenen belastenden Kindheitserfahrungen zwar häufig geschickt verborgen werden; in unserer durchschnittlichen mittelständischen Bevölkerung aber sind sie wesentlich weiter verbreitet als vermutet und üben einen tiefgreifenden Einfluss auf die Gesundheit im fortgeschrittenen Erwachsenenalter aus.55 Felitti hat die Folgen für die soziale Struktur Amerikas zusammenfassend beschrieben:

„Eigentlich sind wir über die Hauptursache, die den meisten gesundheitlichen Problemen in diesem Land zugrunde liegt, gewissermaßen gestolpert. […] Wir sahen, dass ein sehr großer Anteil der Beschwerden, mit denen Erwachsene den Internisten aufsuchen, in Wirklichkeit aus etwas resultiert, dass schon im Kindesalter vorlag, aber nicht erkannt wurde […] und dabei handelt es sich nicht, wie ich in der Vergangenheit angenommen hätte, um biomedizinische Erkrankungen. Die Frage lautet: Wie kann etwas, das kleinen Kindern zustößt, Einfluss auf den fünfzig Jahre später diagnostizierten Gesundheitsstatus nehmen? […] Als junger Arzt hätte ich natürlich angenommen, dass man zum Beispiel als Kind rheumatisches Fieber haben kann und dann fünfzig Jahre später, sofern man überhaupt noch lebt, eine Herzerkrankung bekommt. […] All dies ist richtig. Doch die eigentliche Einflussnahme erfolgt, indem sich die destruktiven Lebenserfahrungen, die Kinder machen, ganz langsam in biomedizinische Erkrankungen verwandeln, die Jahrzehnte später ausbrechen. Die Zusammenhänge werden nicht nur aufgrund all der Zeit, die vergangen ist, übersehen, sondern auch deshalb, weil sie für die Betroffenen so beschämend sind und weil es gesellschaftliche Tabus gibt: Nette Menschen sprechen nicht über solche Dinge – und Ärzte erst recht nicht!“56

Felitti, Anda und ihre Kollegen haben das Alter, in dem die frühen Traumatisierungen stattfanden, die bei den Teilnehmern der ACE-Studie nachweislich mit Erkrankungen im fortgeschrittenen Erwachsenenalter korrelierten, bislang noch nicht bestimmen können (eine schwierige Aufgabe, weil die meisten Menschen keine Erinnerungen an ihre ersten drei Lebensjahre haben). Trotzdem zog Felitti den Schluss:

„Obwohl wir diesen spezifischen Aspekt in der ACE-Studie nicht untersucht haben, zeigen die Interviews einwandfrei, dass die Auswirkungen einer Traumatisierung umso gravierender sind, je ‚früher‘ sie erfolgt, weil die Wahrscheinlichkeit, dass ein kleines Kind vor der Traumatisierung, die sein Selbstregulationssystem schädigt, gute Erfahrungen gemacht hat, geringer ist. Wenn einem Teenager etwas Schlimmes widerfährt, besteht eine gewisse Chance, dass er das Trauma dank vorangegangener guter Erfahrungen bewältigen kann. Dies ist zumindest möglich.“57

Anda stimmt dem zu: „Ich persönlich halte den ACE-Wert für einen Surrogatmarker der gesamten Erfahrung, die pränatal und bis zu der Zeit erworben wird, in der sich das autobiografische Gedächtnis zu entwickeln beginnt und die Gehirnentwicklung geradezu explosiv verläuft.“58

Die Erforschung eines umfangreichen Katalogs von Erkrankungen, die man traditionell auf genetische Veranlagungen zurückgeführt hat, wird nun im Licht der aus der ACE-Studie gewonnenen neuen Erkenntnisse überprüft, denn sie legen ein ganz neues Verständnis dieser Krankheiten als Resultat einer intensiven Wechselwirkung zwischen Genen, Physiologie und Erfahrung nahe.

Hier ein Auszug aus dem Katalog der Krankheiten, die Felitti und Anda zufolge durch negative Emotionen, die in Reaktion auf Stress oder Trauma auftauchen, beeinflusst werden:

Diabetes mellitus Typ 2

Morbus Crohn

Morbus Alzheimer

Bluthochdruck

Reizdarmsyndrom

Kardiovaskuläre Erkrankung

Morbide Adipositas

Osteoarthritis

Angst und Depression

Fibromyalgie

Chronisches Erschöpfungssyndrom

Chronisches Schmerzsyndrom

Medikamenten-, Drogen-, Alkohol- und Nikotinsucht

Cushing-Syndrom

Anorexia nervosa

Osteoporose

Colitis ulcerosa

Anfälligkeit für bestimmte Krebsformen (einschließlich Brustkrebs und Melanome)

59

Aber was ist mit den Genen?

„Sind denn nicht die Gene schuld an Herzkrankheit, hohem Blutdruck, hohem Cholesterinwert, Diabetes? Ich habe genau die gleichen Laborwerte wie mein Vater. Also müssen doch die Gene dahinterstecken.“

Wenn wir das mittlere Alter erreichen und plötzlich eine Krankheit bei uns ausbricht, von der auch ein Elternteil betroffen war, tendieren wir automatisch zu einer genetischen Erklärung. So nehmen wir häufig an, dass viele Krebsformen genetisch bedingt seien. Und in zahlreichen Fällen trifft dies wahrscheinlich sogar zu. Doch für eine Krebserkrankung ist kaum je die „Natur“ allein verantwortlich. Wenn Krankheiten wie Bluthochdruck, Krebs oder Schizophrenie ausschließlich durch die DNA vorgegeben wären, wie ließe sich dann erklären, dass eineiige Zwillinge, deren DNA bekanntermaßen identisch ist, eine unterschiedliche Anfälligkeit für diese Krankheiten aufweisen? Unser Verständnis der Gene als feste, unveränderliche Größe beginnt sich zu verändern. Gibt es Krankheiten, die in bestimmten Familien gehäuft auftreten? Zweifellos. Manche Erkrankungen sind ausschließlich genetisch determiniert; nicht einmal der stabilsten und liebevollsten Familie wird es beispielsweise gelingen, den Ausbruch der Fanconi-Anämie zu verhindern, wenn diese genetisch angelegt ist. Verblüffend viele Krankheiten werden aber nicht in erster Linie durch die gemeinsamen Gene zu „Familienkrankheiten“, sondern weil die Familie die angstbesetzten Erfahrungen, die ebenfalls allen Mitgliedern gemeinsam sind, im wörtlichen Sinn „verkörpert“. Im folgenden Kapitel untersuchen wir, was biologisch geschieht, wenn wir „vor Angst krank“ werden.

2. Nächtliche Poltergeister: die Biologie von Stress und Trauma

Für die meisten von uns ist Angst ein zweischneidiges Schwert. In kleinen Dosen verabreicht, sei es durch Reality-Shows im Fernsehen, durch die täglichen Nachrichten, TV-Übertragungen von Autorennen, Achterbahnfahrten auf dem Rummelplatz bis hin zu gewaltverherrlichenden Filmen und Videospielen, ist Angst eine aufregende Sache. Dieser ursprüngliche Affekt wirkt instinktiv fesselnd, wir fühlen uns gefordert, er weckt unsere Neugier und Motivation – und lässt uns manchmal erstarren. Angst ist überlebenswichtig, kann aber, wenn sie das gesunde Maß überschreitet, zum Sendboten des Todes werden. Deshalb nimmt es nicht wunder, dass viele Menschen sich ihr in einer Art Hassliebe verbunden fühlen. Seit jeher haben politische Systeme ebendiesen Aspekt der menschlichen Natur mindestens ebenso erfolgreich wie die Produzenten des modernen Reality-TV manipuliert und ausgenutzt.

Unter kontrollierten, nicht lebensbedrohlichen Bedingungen kann Angst den Menschen erregen, beflügeln und seine Lernleistung verbessern. Fast jeder von uns erinnert sich an Situationen, in denen ihm die Furcht, ein Spiel zu verlieren oder bei einer Prüfung durchzufallen, den nötigen Kick gab, der ihn zu Sieg und Erfolg trieb. Angst kann begeisternd wirken, zum Beispiel beim Extremklettern oder -surfen. Sie kann unserem Gedächtnis Momente, die mit intensiven Emotionen verbunden sind, einbrennen – auch solche freilich, an die wir uns am liebsten nie wieder erinnern würden. Noch bevor wir die Sprache beherrschen oder Überlegungen anstellen können, werden unserem primitiven Gehirn Erfahrungen von extremer Intensität durch das in solchen Momenten ausgeschüttete Adrenalin eingeprägt, etwa das angsterfüllte Zurückweichen vor einem knurrenden Hund oder das Zurückzucken der kleinen Hand, die einer Flamme zu nahe kam. Die Lehre, die wir aus solchen Erlebnissen ziehen, bleibt unauslöschlich in unserem Gedächtnis gespeichert und ermöglicht es uns, die beispiellos lange Abhängigkeit und Hilflosigkeit, die die menschliche Kindheit charakterisiert, zu überleben.

2.1 Die Angst und ihre Vasallen

In diesem Buch wird „Angst“ als basale emotionale und körperliche Reaktion auf eine wahrgenommene Gefahr definiert, die jene Kette körperlicher Reaktionen auslöst, die man als Kampf-oder-Flucht-Reaktion bezeichnet. Auch bei Tieren sind entsprechende Angstreaktionen zu erkennen: Ratten erstarren auf der Stelle und brechen ihr Explorationsverhalten augenblicklich ab, sobald sie Angst verspüren. Menschen reagieren ein wenig subtiler. Uns stockt der Atem, das Herz beginnt zu rasen, der Blutdruck steigt, der Muskeltonus erhöht sich. Vielleicht brechen wir sogar in kalten Schweiß aus. In Extremfällen, zum Beispiel wenn wir als Kinder misshandelt oder missbraucht wurden, in Kriegszeiten aufgewachsen sind, eine gewaltsame Vertreibung oder einen Völkermord miterlebt haben oder Hunger leiden mussten, wird das Gehirn dauerhaft für das Überleben in einer gefährlichen Welt programmiert. Unter solchen Umständen können sich ausgerechnet jene Abwehrmechanismen, die uns in gefährlichen Situationen schützen sollten und geschützt haben, in späteren, harmloseren Phasen unseres Lebens als ein gewaltiger Nachteil erweisen, vor allem wenn sie sich, einmal ausgelöst, der bewussten Wahrnehmung und Kontrolle entziehen.

So entwickelt beispielsweise ein Kind, das von einer alkoholkranken Mutter ein ums andere Mal verspottet, beschämt oder geschlagen wird, extreme Wachsamkeit. Es ist ständig auf der Hut und rechnet damit, angegriffen zu werden. Ein solches Verhalten kann in einer weniger bedrohlichen Umgebung wie etwa der Schule aggressiv, feindselig, ja sogar paranoid wirken. Ein Kind, das der Aggression eines erwachsenen Familienmitglieds ohnmächtig ausgeliefert ist, kann von Unbeteiligten in einem außerfamiliären Umfeld als unlebendig, depressiv, überaus passiv und vielleicht sogar als selbstschädigend wahrgenommen werden.

Doch ohne unser adrenalingesteuertes Alarmsystem, die Kampf-Flucht-Reaktion – präziser: die Kampf-Flucht-Erstarrungs-Reaktion –, müssten wir ein Leben in ständiger Gefahr führen. Wenn wir zum Beispiel eine Schlange im Gras erblicken oder ein Wespenschwarm auf uns zusteuert, vermittelt ebendieses System den sofortigen Informationsfluss von den Sinnesorganen zu den großen Arm- und Beinmuskeln, sodass wir uns entweder zum Kampf rüsten oder aber die Flucht antreten; auf diese Weise wird die übliche, langsame Route durch das analytische Gehirn, über die Informationen normalerweise vermittelt werden, umgangen. Wenn wir keine Zeit haben, um die Situation zu analysieren und uns Gedanken über die wahrgenommene Gefahr zu machen, wird in unserem Gehirn die für Notfälle vorgesehene Route aktiviert, die direkt zum Alarmzentrum, zur Amygdala, führt und dafür sorgt, dass der gesamte Körper innerhalb einer Nanosekunde in Kampf- oder Fluchtbereitschaft versetzt wird. Unser Gehirn erledigt diese unverzügliche Vorbereitung so gut, dass all die verschiedenen, gleichzeitig wahrgenommenen sensorischen Informationen – Geräusche, Gerüche, visuelle Beobachtungen – das Kampf- oder Fluchtverhalten auslösen können, noch bevor wir uns der Gefahr überhaupt bewusst sind. Doch wenn wir völlig hilflos sind, wie zum Beispiel ein kleines Kind, das von einem Erwachsenen angegriffen wird, können wir weder kämpfen noch fliehen. Stattdessen lässt uns die überwältigende Angst buchstäblich erstarren. Im Tierreich imitiert die Erstarrungsreaktion den Tod – daher auch die Bezeichnung Totstellreflex – und ermöglicht es einem Tier, sich vor einem Räuber zu verbergen. Bei Menschen funktioniert die Erstarrungsreaktion anders. Wir werden emotional taub und lösen uns innerlich von der Realität ab.

Das Problem besteht darin, dass sich die Kampf-Flucht-Erstarrungs-Reaktion, die ursprünglich als Schutz vor gelegentlich auftretenden akuten körperlichen Gefahren – etwa dem Angriff durch ein wildes Tier – diente, an die Herausforderungen und Schwierigkeiten des Lebens im 21. Jahrhundert nicht angepasst hat. Akute körperliche Bedrohungen spielen in unserem Leben längst nicht mehr die Hauptrolle. In der abendländischen Kultur muss sich niemand seine nächste Mahlzeit erjagen; stattdessen sind wir genötigt, im dichten Straßenverkehr den Überblick zu bewahren, unseren Lebensunterhalt in Geschäften und Büros zu verdienen und mit sehr vielen verschiedenen Menschen zu kommunizieren – all dies in dem gnadenlosen Tempo, das uns die Technologien, die unser Leben beherrschen, vorgeben. Ursprünglich bildeten wir als Jäger und Sammler kleine, mobile Verbände; heute hingegen leben wir bei hoher Bevölkerungsdichte in ständiger Nähe zu Fremden und haben zu unserer natürlichen Umwelt häufig keine Verbindung mehr. Gefahren für Leib und Leben gehören nicht mehr zum Alltag, doch chronische emotionale Gefährdungen sind zu ständigen Begleitern geworden. In dem Maße, in dem die Anpassungsfähigkeit unserer inneren körperlichen Systeme hinter den Realitäten des modernen Lebens – einschließlich der atemberaubenden technischen Fortschritte, der steigenden Bevölkerungsdichte und der drastischen Veränderungen, die unsere sozialen Rollen und zwischenmenschlichen Beziehungen erfahren – zurückbleibt, erleben wir Stress. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, sind wir, nach heutigem Kenntnisstand zu urteilen, als einzige Spezies in der Lage, Bedenken in die Zukunft zu projizieren, zu grübeln, furchtsame Zweifel zu hegen – und den Stresszyklus dadurch nahezu ununterbrochen in Gang zu halten.

Flüchtige Empfindungen, die wir als „Gefühle“ bezeichnen – unsere Emotionen –, verstärken die Stressreaktion. Häufig maskiert, verdrängt oder verleugnet, stehen unsere Gefühle in ständiger chemischer Kommunikation mit unserem Gehirn – und folglich mit sämtlichen lebenswichtigen physiologischen Systemen –, um es über den Status unserer Gesundheit und Sicherheit zu informieren. Wenn wir ein Gefühl überwältigender Angst empfinden, reagiert der Körper darauf mit kritischen Veränderungen in den Systemen, deren Aufgabe es ist, unser Leben zu schützen. Negative Emotionen sind nicht immer leicht zu identifizieren: „Was will mir dieses Gefühl im Bauch (oder in der Schulter oder in der Schläfe) sagen?“ „Ist es Ärger oder Frustration?“ „Habe ich Angst, oder bin ich depressiv? Oder ausgelaugt? Oder traurig?“ Wenn wir „gestresst“ sind, nehmen wir allerdings ein kaum zu verkennendes Gefühl des „Miss-Behagens“ wahr. Wir wissen, dass uns nicht behaglich zumute ist und dass wir uns nicht wohlfühlen; unsere Bezeichnungen für diese Empfindungen sind klar und ironisch zugleich.

Fast jeder kennt das Gefühl, „leicht gestresst“ zu sein, auch wenn das Wort „Stress“ mittlerweile inflationär verwendet wird und seine Spezifität verloren hat. Zumeist charakterisiert es heute ein vages, unangenehmes Gefühl der emotionalen oder körperlichen Unausgeglichenheit. Ursprünglich stammt der Begriff aus der Architektur und dem Ingenieurwesen, wo er den Belastungsgrad bezeichnet, dem Materialien standhalten, ohne zu brechen, zu reißen oder sich zu verbiegen; heutzutage verwenden wir ihn als Oberbegriff für ganz unterschiedliche Gefühle, beispielsweise Frustration, Erschöpfung, Angst, Furcht, Unkonzentriertheit, Scham und Wut. Wir sagen, dass wir „total gestresst“ seien, wenn wir uns mit unserem Partner streiten, uns der Arbeit oder dem Studium nicht mehr gewachsen fühlen, mit den Kindern überfordert sind oder angesichts allzu vieler Anforderungen in die Knie gehen, weil wir für uns selbst keine Zeit mehr haben. Diese negativen Gefühle werden, ganz gleich, wie genau oder unspezifisch wir sie beschreiben, chemisch und organisch in unserem Körper registriert. Und extremer Stress ist physiologisch messbar: Bauchfett, Taille-Hüft-Verhältnis, Blutdruck im Ruhezustand und die nächtliche Ausschüttung von Cortisol oder Adrenalin dienen als einschlägige Marker.

In diesem Buch verwenden wir die Begriffe Stressor oder Stressfaktor zur Kennzeichnung eines äußeren, das heißt außerhalb unseres Körpers stattfindenden Vorgangs, der negative Gefühle sowie die damit einhergehenden physiologischen Empfindungen im Körper hervorruft, die wir als „Stress“ bezeichnen. Stress ist nicht grundsätzlich schädlich. Ein geringes Maß an Stress entwickelt sich zum Beispiel, wenn wir morgens aufstehen und anschließend zur Schule oder zur Arbeit gehen. Für Kinder sind Impfungen, zahnärztliche Behandlungen oder Friseurbesuche typische Stressoren, wenngleich sie in Situationen mit positivem Ausgang auftreten. Ein gewisser Grad an Stress ist sogar unverzichtbar – zum Beispiel wenn wir Termine vereinbaren oder pünktlich einhalten wollen, wenn wir Prüfungen ablegen oder uns ärztlich untersuchen lassen. Forscher sprechen in diesen Fällen von positivem Stress. Positiver Stress verbessert die Immunfunktion und unterstützt eine effektive Reaktion auf gravierendere Stressfaktoren – ganz ähnlich, wie wir kurze, regelmäßige Sprints in die Vorbereitung auf einen Marathonlauf einbauen. Positiver Stress schärft unsere Aufmerksamkeit und ermöglicht uns die Erinnerung an lebensschützende Informationen, zum Beispiel an falsche Entscheidungen, die wir nicht wiederholen wollen. Er schärft unsere Sinneswahrnehmung. Stellen Sie sich vor, nachts allein und bei Glatteis im Auto unterwegs zu sein: Sie haben Stress – das heißt, Ihre Kampf-Flucht-Reaktion wird aktiviert und steigert Ihre Aufmerksamkeit, schärft all Ihre Sinne und beschleunigt Ihre Reaktionen auf den glitzernden Straßenbelag oder das Wegrutschen der Reifen. Unser Stresssystem ist so eingerichtet, dass es kurze Belastungsphasen gut zu bewältigen vermag; vielleicht sind sie uns sogar zuträglicher als ein Leben ganz ohne Stress.

In eine zweite Kategorie fällt der tolerierbare Stress. Erfahrungen wie eine Scheidung, der Tod eines Elternteils oder Partners, der Verlust des Arbeitsplatzes sind erträgliche Belastungen, und die Fähigkeit, sich von ihnen zu erholen, verhindert, dass sich tolerierbarer Stress in toxischen Stress verwandelt und traumatisch wird. Unter erträglichem Stress können wir mit Hilfe unserer Beziehungen zu Freunden, Angehörigen oder professionellen Helfern sowie durch Aktivitäten wie regelmäßigen Sport, Meditationsübungen, durch gesunde Ernährung, genügend Schlaf und Zeit zur inneren Neuorientierung einen Heilungsprozess einleiten. Auch wenn uns der Stress weiterhin beeinträchtigt, können wir unser inneres Gleichgewicht wiederherstellen; die Wissenschaftler bezeichnen es als Homöostase – eine gesundheitsschützende Ausgewogenheit unseres zentralen Nervensystems sowie unseres Immun- und Hormonsystems. Die Fähigkeit, sich anderen Menschen anzuvertrauen, offen zu sprechen, empathische Zuhörer zu finden, Stress durch körperliche Aktivitäten wie Tanzen, Laufen, Schwimmen oder Trommeln abzubauen – all dies sind entscheidende Elemente, die verhindern helfen, dass sich tolerierbarer Stress zu toxischem Stress auswächst.

Der toxische Stress ist das eigentliche Problem. Wenn emotionale Erfahrungen die Homöostase so stark beeinträchtigen, dass sich extremer, häufiger oder nicht nachlassender Stress entwickelt, wird die Erstarrungsreaktion ausgelöst. Von toxischem Stress überwältigt, können wir unser früheres Gleichgewicht nicht wiederherstellen, weil die heilenden Beziehungen und Aktivitäten, die bei tolerierbarem Stress hilfreich gewesen wären, nicht mehr zugänglich oder der Situation nicht angemessen sind. Wenn toxischer Stress über längere Zeit bestehen bleibt und sich in unserem Körper anstaut, erschüttert er die Systeme, die uns gesund erhalten sollen, und bahnt der Krankheit den Weg.

2.2 Heimatschutz: die HPA-Achse

Jeder kennt das Gefühl: Angesichts einer Herausforderung steigt unser Blutdruck, wir atmen schneller, die Muskeln spannen sich an, damit wir schneller laufen, weiter springen oder härter zuschlagen können, und alle Sinne sind geschärft und in Alarmbereitschaft. Sobald die Gefahr vorüber ist, kehren wir in den Normalzustand zurück – wir brechen zusammen oder stoßen zumindest einen Seufzer der Erleichterung aus.