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Luzia Braun

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Beschreibung

Luzia Braun und Ursula März treffen prominente und nichtprominente Persönlichkeiten zu eingehenden Gesprächen über blaue Augen, Spiegelstadium, Visagenzorn und Super-Recognizer.  Eine moderne Kulturgeschichte des Gesichts – mit Peter Sloterdijk (Philosoph), Meike Ramon (Neurowissenschaftlerin), Wolfgang Joop (Mode-Designer), Robert Seethaler (Schriftsteller), Tanja Fischer (Dermatologin), Anastasia Biefang (Bundeswehr-Kommandeurin), Axel Schulz (Boxer), Adriana Altaras (Schauspielerin und Autorin), Eric Wrede (Bestatter) u.v.m. Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit war das eigene Gesicht so allgegenwärtig wie heute. Ob auf Fotografien, in Filmaufnahmen, Videochats oder im Spiegel – ständig sehen wir uns selbst. Doch was macht das mit uns? Lebten unsere Vorfahren, die viel seltener mit dem eigenen Abbild konfrontiert waren, vielleicht unbefangener? Hilft die pausenlose Selbstbegegnung bei der Selbsterkenntnis? Das Gesicht als Bühne der Seele - gilt das noch im Zeitalter der ständigen Selbstoptimierung? Die Journalistinnen Luzia Braun und Ursula März haben 19 Menschen getroffen, die aus verschiedenen Blickwinkeln über das Gesicht nachdenken – als Boxer oder Influencerin, Modemacher oder Dermatologin, als Zwilling oder Transgender, als Philosoph oder Bestatter, als Schriftstellerin oder als jemand, dessen Gesicht sich radikal veränderte. Lebens- und berufserfahren erzählen diese Persönlichkeiten mit großer Offenheit und Klugheit über unser wichtigstes Ausdrucksmittel und davon, was »sich sehen« für sie bedeutet.

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Seitenzahl: 343

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Luzia Braun / Ursula März

Mit Fotografien von Fabian Schellhorn

Sich sehen

Gespräche über das Gesicht

Kurzübersicht

Buch lesen

Titelseite

Über Luzia Braun / Ursula März

Über dieses Buch

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Hinweise zur Darstellung dieses E-Books

zur Kurzübersicht

Über Luzia Braun / Ursula März

Luzia Braun ist Journalistin, Moderatorin und Filmemacherin. Sie war viele Jahre das Gesicht der ZDF-Kultursendung Aspekte und Redakteurin der Sendung Das Literarische Quartett.

 

Ursula März ist Literaturkritikerin und Schriftstellerin. Sie arbeitet u.a. für Die Zeit und Deutschlandradio Kultur. Zuletzt erschien von ihr der Bestseller Tante Martl (2019).

Über den Fotografen

Fabian Schellhorn wurde 1982 in Berlin geboren und blieb der Stadt treu. Seine ersten beruflichen Erfahrungen erwarb er mit der Filmkamera, konzentrierte sich dann auf die Theaterfotografie. Er war fünf Jahre Assistent des international renommierten Fotografen Oliver Mark. Sein Schwerpunkt ist heute die Porträtfotografie (Ulrich Matthes, Peter Kurth, Edgar Selge, Fritzi Haberlandt, Inge Keller, Dagmar Menzel …). Er arbeitete u.a. für das Maxim Gorki Theater, die Schaubühne Berlin, das Schauspiel Stuttgart und die Berliner Festspiele.

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Über dieses Buch

Eine moderne Kulturgeschichte des Gesichts: Luzia Braun und Ursula März treffen prominente und nicht-prominente Persönlichkeiten zu eingehenden Gesprächen über blaue Augen, Spiegelstadium, Visagenzorn und Super-Recognizer.

Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit war das eigene Gesicht so allgegenwärtig wie heute. Ob auf Fotografien, in Filmaufnahmen, Videochats oder im Spiegel – ständig sehen wir uns selbst. Doch was macht das mit uns? Lebten unsere Vorfahren, die viel seltener mit dem eigenen Abbild konfrontiert waren, vielleicht unbefangener? Hilft die pausenlose Selbstbegegnung bei der Selbsterkenntnis? Das Gesicht als Bühne der Seele – gilt das noch im Zeitalter der ständigen Selbstoptimierung?

Die Journalistinnen Luzia Braun und Ursula März haben 19 Menschen getroffen, die aus verschiedenen Blickwinkeln über das Gesicht nachdenken – als Boxer oder Influencerin, Modemacher oder Dermatologin, als Zwilling oder Transgender, als Philosoph oder Bestatter, als Schriftstellerin oder als jemand, dessen Gesicht sich radikal veränderte. Lebens- und berufserfahren erzählen diese Persönlichkeiten mit großer Offenheit und Klugheit über unser wichtigstes Ausdrucksmittel und davon, was »sich sehen« für sie bedeutet.

Mit Peter Sloterdijk (Philosoph), Meike Ramon (Neurowissenschaftlerin), Wolfgang Joop (Mode-Designer), Robert Seethaler (Schriftsteller), Tanja Fischer (Dermatologin), Anastasia Biefang (Bundeswehr-Kommandeurin), Axel Schulz (Boxer), Adriana Altaras (Schauspielerin und Autorin), Eric Wrede (Bestatter) u.v.m.

 

»Zeigt noch irgendwer sein wahres Gesicht? Oder ist alles bearbeitet, manipuliert, operiert? Sehen wir irgendwann alle gleich aus? In Gesprächen, die man geradezu atemlos liest, ergründen die Autorinnen unser Verhältnis zum wichtigsten, das wir haben: dem eigenen Gesicht. Ein höchst unterhaltendes und sehr gescheites Buch!« Elke Heidenreich

 

»Nach diesem Buch wird man sich im Spiegel anders betrachten: mit mehr Mitgefühl mit sich selbst und anderen.« Doris Dörrie

 

»Nach der Lektüre dieser Interviews sieht man irritierenderweise nicht nur sich selbst anders, wenn man in den Spiegel blickt. Ein sehr bedenkenswertes, kluges Buch und ein aufregendes Spiegelkabinett bekannter und unbekannter Gesichter.« Hanns Zischler

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Impressum

Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KGBahnhofsvorplatz 150667 Köln

Verlag Galiani Berlin

© 2022, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

Covergestaltung: Lisa Neuhalfen, Berlin

Porträts: Fabian Schellhorn

Lektorat: Esther Kormann

 

ISBN978-3-462-30431-2

 

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Inhaltsverzeichnis

Motto

Vorwort

Peter Sloterdijk

Johannes Groschupf

Clemendina Ngina Hügle

Anastasia Biefang

Axel Schulz

Meike Ramon

Wolfgang Joop

Adriana Altaras

Didi Danquart

Gülcan Cetin

Johannes Holfeld

Tanja Fischer

Claudia Obert

Robert Seethaler

Sibylle Lewitscharoff

Elsa

Zoamee Knoche

Eric Wrede

Jürgen Klauke

Nachwort

»Und überhaupt ist eine halbe Stunde, in der man sich einfach mal selbst anstarrt und versucht, das eigene Gesicht zu verstehen, keine schlecht genutzte Zeit.«

Sophie Passmann

»Im Spiegel: der Feind«

Peter Handke

Vorwort

▪ Die Bauklötzchen auf dem Boden sind dieselben wie immer, aber am Ende des Raums gibt es ein unbekanntes Ding. Der Junge geht darauf zu. Er fasst sich an die Haare. In dem Ding fasst sich auch einer an die Haare. Der Junge rennt weg und kommt mit einem Besen zurück. Wütend schlägt er auf das Ding ein. Er rennt weg, kehrt wieder, rennt erneut davon, und langsam weicht die Wut dem Glück einer Entdeckung. Der Junge schneidet Grimassen, springt hoch, dreht sich im Kreis. Er reißt den Mund auf, streicht sich die langen blonden Haare hinters Ohr, und alles, was er macht, macht der neue Spielgefährte sofort nach. Schließlich drückt der Junge einen Kuss auf den Mund des anderen.

SVYATO, die faszinierende Filmsequenz, die der russische Dokumentarfilmer Victor Kossakowsky 2005 von der ersten Begegnung seines zweijährigen Sohns mit einem Spiegel drehte, dauert 33 Minuten. Diese 33 Minuten zeigen ein Ereignis, das für die Entwicklung des Ichs von grundlegender Bedeutung ist. Der Psychoanalytiker Jacques Lacan nannte es den Eintritt ins Spiegelstadium. Das Kind steht vor dem Spiegel, und zum ersten Mal vollzieht sich in seinem Gehirn eine ungeheuerliche Erkenntnis: Das bin ja ich! Zum ersten Mal begreift es seinen Körper als einheitliche Gestalt, und zum ersten Mal erkennt es sein Gesicht. Es ist ein Moment des grenzenlosen Jubels.

Es weiß noch nicht, dass ihm die Unschuld des Moments auf die eine oder andere Weise abhandenkommen wird. Dass es schon bald die Erfahrung machen wird, ein Gesicht zu haben, das kommentiert, das niedlich, fröhlich, hübsch genannt wird – oder auch nicht. Ein Gesicht, das mit dem seiner Geschwister verglichen, nach Ähnlichkeiten mit den Gesichtern von Mama, Papa, Oma, Opa untersucht und bewertet wird: »Du schaust aber mal wieder finster«, »Wenn du so lachst, mag ich dich am liebsten«, »Ohne die große Nase könntest du richtig hübsch aussehen«. Und erst recht weiß das Kind nicht, welche Bedeutung das Gesicht für seinen Kontakt mit der Umwelt, ja vielleicht für sein Leben haben wird und wie es sich im Laufe der Jahre verändern wird.

Kein anderer Teil des Körpers ist mit der Vorderseite des menschlichen Kopfes vergleichbar. Füße und Beine tragen, der Rücken stützt uns, Arme und Hände lassen uns greifen, die Gelenke sorgen für Beweglichkeit, die Organe halten unseren Organismus auf Trab. Aber erst das Gesicht macht uns zum kommunizierenden Wesen. Es ist mehr als biologische Natur, es ist die Bühne der Seele.

Auf dieser Bühne wird gelacht, geweint, gewütet und gegrollt. Auf dieser Bühne stellen sich Kummer, Trauer, Freude, Nachdenklichkeit, Bitterkeit, Glück und Zorn dar. Auf dieser Bühne geben wir das gesamte Spektrum unserer Emotionen und Stimmungen preis oder versuchen, diese mit mimischer Maskerade zu verleugnen.

Das Gesicht macht uns, auch ohne Worte, zum sprechenden Menschen. Mit ihm wenden wir uns der Welt zu, mit ihm nehmen wir Verbindung zu unseren Mitmenschen auf. Ein Anheben der Augenbrauen, ein Verziehen der Mundwinkel, ein Kräuseln der Stirn, mehr ist dazu nicht nötig. Das Alphabet der Mimik ist eine einzigartige Sprache. Oder, wie Georg Christoph Lichtenberg in seinen Sudelbüchern schrieb: »Die unterhaltendste Fläche auf der Erde für uns ist die vom menschlichen Gesicht.«

So philosophisch verlief unser Gespräch nicht, als wir, zwei Kulturjournalistinnen Mitte sechzig, am Restauranttisch für ein kurzes Mittagessen zwischen Arbeitsvormittag und Arbeitsnachmittag zusammensaßen. Wir kannten uns von beruflichen Begegnungen und hatten uns angefreundet. Die Vorspeise und der neueste Branchenklatsch lagen bereits hinter uns, wir redeten über Projekte, die uns gerade beschäftigten, und plötzlich fiel der Satz »Eigentlich mag ich es nicht mehr, mich auf dem Bildschirm zu sehen«. Gemeint war: mein Gesicht dem unerbittlichen Blick moderner Kameras auszusetzen. Unsere Berufe brachten es mit sich, immer mal wieder auf Podien zu sitzen oder in TV-Studios zu stehen. Sie brachten es mit sich, dass wir mit unserem Bild fremdelten und nicht verstanden, woher der gefühlte Unterschied zwischen den beiden Personen kam: derjenigen, die wir zu sein glaubten, und der, die wir auf dem Bildschirm sahen. Dass uns die Öffentlichkeit beim Altern zuschauen konnte, machte die Sache nicht besser, da waren wir uns bei der Hauptspeise einig.

Als mindestens so unbehaglich empfanden wir jedoch den Zwiespalt, den wir uns eingestanden. Wir waren emanzipierte, mit dem Feminismus sozialisierte Frauen. Wir verdienten unser Geld nicht mit unserem Aussehen, sondern mit unserem Grips. Wir konnten die Kritik an der kapitalistischen Schönheitsindustrie, am Terror standardisierter Körpernormen und nicht zuletzt am Jugendlichkeitsfetisch der Medien rauf- und runterbeten. Und nun benahmen wir uns wie Models, die fürchten, ihre beste Zeit sei vorbei, weil die Spuren im Gesicht ihr Alter verraten? War es nicht an uns, an unserer Generation, gegen das Gesetz aufzubegehren, demzufolge ältere Männer durch Falten und Geheimratsecken an Interessantheit gewinnen, ältere Frauen hingegen einfach nur ermüdet aussehen? Ja, wir gehörten dieser Generation an. Einerseits. Andererseits konnten wir persönlich gut darauf verzichten, unsere weibliche Eitelkeit einer Revolte zu opfern. Je häufiger wir auf das Thema zurückkamen, desto vielschichtiger wurden seine Aspekte, desto mehr Widersprüche traten hervor.

Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit war uns das eigene Gesicht so nah, so intim vertraut wie in der Gegenwart. Wir sehen es auf Fotografien und Filmaufnahmen, in den omnipräsenten Spiegeln, an denen unser Alltag vorbeiführt. Wir sehen es nicht nur ständig, sondern bis in kleinste Details. Wir kennen und prüfen es so genau, wie unsere Großeltern ihr Gesicht nie kannten und prüften. Wir leben in der Ära des Selfie-Booms, sie hingegen wurden bei Hochzeiten oder Familienfesten fotografiert, und meist schauten sie dabei stoisch in die Kamera, um einen guten, das heißt: seriösen Eindruck zu hinterlassen. Sie wären kaum auf die Idee gekommen, sich mit Freundinnen über den frustrierenden Anblick der neuesten Lippenfältchen auszutauschen oder darüber zu räsonieren, ob Botox vielleicht doch infrage käme.

Lebten sie mit ihrem Gesicht nicht unbefangener und unneurotischer als wir, ihre Nachfahren spätmoderner, westlicher Gegenwartsgesellschaften? Nicht obwohl, sondern weil sie mit seinem Abbild nicht pausenlos konfrontiert waren? Wie, so fragten wir uns, ist es um das Verhältnis des heutigen Menschen zum Gesicht eigentlich bestellt? Was bedeutet in der Epoche des Individualismus, des Narzissmus und der Selbstoptimierung: sich sehen?

Auf alle Fälle bedeutet es ein Paradox. Denn je näher uns das eigene Gesicht mitsamt jedem Pickel, jedem Krähenfuß und jeder Falte kommt, desto mehr scheint es sich zu entfremden, indem es sich in eine Werkstatt unaufhörlicher Verbesserung verwandelt, die Arbeit verlangt. Arbeit, die als Leistung des Egos verstanden wird. Das menschliche Gesicht hat, zugespitzt gesagt, den Charakter eines Objekts angenommen, einer Materialfläche, die mal mehr, mal weniger Mängel aufweist.

Die rapide steigende Zahl schönheitschirurgischer Eingriffe, zunehmend auch bei Männern, und die Selbstverständlichkeit, mit der sie vorgenommen werden, sprechen für sich. Jeder weiß, was mit der Frage »Hast du was machen lassen?« gemeint ist. Und nicht selten ist damit gemeint, sich ein Gesicht machen zu lassen, das mit dem Original nur noch wenig zu tun hat. Dabei sind die Kriterien, nach denen Gesichter bewertet werden, Moden und kulturellen Entwicklungen unterworfen. Gesichter spiegeln ihre Zeit, das von Greta Garbo eine andere als das von Julia Roberts, Yves Montands eine andere als George Clooneys. Wie das Gesicht mit der Welt spricht, so wird es umgekehrt von ihr geprägt.

Das Idealgesicht der Gegenwart hat etwas Standardisiertes. Es ist oval und ausgeglichen proportioniert. Ein Gesicht wie aus einem Computerprogramm, eher durchschnittlich als exzentrisch, eher hübsch als ausdrucksstark, eher glatt als ungewöhnlich. So scheint sich die Schönheit des Gesichts, der doch all der kosmetische und chirurgische Aufwand dient, zunehmend in Beliebigkeit zu verflüchtigen.

Gegen das Verschwinden des einzigartigen Gesichts, gegen seine digitale und operative Anonymisierung hat die italienische Autorin und Aktivistin Lorella Zanardo gemeinsam mit dem Autor und Regisseur Cesare Cantú eine Kampagne gestartet und dazu ein kämpferisches Gesichtsmanifest verfasst, das »Volto Manifesto«. Als »der Ort, an dem die menschliche Existenz Gestalt annimmt, der Ort, an dem wir zu Individuen werden« sei das Gesicht bedroht, heißt es darin. Um es vor dem Aussterben zu schützen, hat Lorella Zanardo bei der UNESCO einen Antrag gestellt, das Gesicht als »kulturelles Erbe der Menschheit« in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes aufzunehmen, ähnlich dem Jodeln oder regionalen Minderheitensprachen. In dem Verlust des individuellen Gesichts erkennt sie nicht nur einen ästhetischen Niedergang, sondern mindestens so sehr die Verkümmerung der Kommunikation und somit auch ein politisches Problem.

Natürlich war auch den Menschen früherer Jahrhunderte bewusst, ob ihr Gesicht als schön oder weniger schön galt, sie erfuhren es durch die Reaktionen ihrer Umwelt. Und doch war das Verhältnis zu ihrem Gesicht noch von einem anderen Bewusstsein geprägt, von dem Glauben, der, der es erschaffen habe, sei die überirdische Instanz, deren Blick es vorbehaltlos annehme und liebe: der Blick Gottes. Dieser Blick ist uns im Verlauf der Säkularisierung abhandengekommen, seine Autorität ist übergegangen auf die zahllosen Blicke der anderen. Sie sind die irdische Instanz, die kontrolliert, was wir aus dem Werk der Schöpfung gemacht, ob wir es ausreichend gepflegt, gesund ernährt, vor Sonnenlicht, Nikotin und anderen Feinden bewahrt haben. Mit ihren Augen sehen wir uns im Spiegel. Ab vierzig, sagt eine landläufige Maxime, ist man für sein Gesicht verantwortlich. Da waren wir, zwei Frauen Mitte sechzig, im besten Alter der Gesichtsverantwortung nun also angelangt – mit Überlegungen, offenen Fragen und der Idee, sie an andere weiterzugeben.

So ist, nach zahlreichen gemeinsamen Mittagessen, dieses Buch entstanden. Es enthält Gespräche mit Menschen über ihr Gesicht, die oft zu Gesprächen über ihr Leben wurden. Getroffen haben wir unterschiedliche Menschen, prominente und nichtprominente, aus vielerlei Professionen und Milieus, mit verschiedenen Lebensaltern und Biografien. Was wir uns von ihnen erhofften, waren lebensgeschichtliche oder berufliche Erfahrungen mit ihrem eigenen oder dem menschlichen Gesicht im Allgemeinen, wissenschaftliche oder auch philosophische Erkenntnisse.

Die Mehrzahl der Gespräche haben wir zu zweit geführt, einige jedoch allein. So ist dieses Buch eine Sammlung von Dialogen, bei denen uns Leserinnen und Leser über die Schulter schauen können und vielleicht in den Gesichtern der anderen etwas über ihr eigenes erfahren. ▪

Peter Sloterdijk

Irgendjemand musste es ja geben, der so aussieht

▪ Selbstironie zählt nicht unbedingt zu den Eigenschaften bedeutender Philosophen. Auf Peter Sloterdijk trifft das nicht zu, gern macht er sich über die mit dem Alter zunehmenden Fliehkräfte und eine gewisse Fusseligkeit seiner schwer zu bändigenden Haare lustig. Professor Sloterdijk, 1947 in Karlsruhe geboren, zählt zu den Prominenzen, die jeder, der sie einmal gesehen hat, als Piktogramm erkennen würde. Die eigenwillige Frisur, die auf die Nasenspitze gerückte schmale Brille und der Schnauzbart genügen.

Darüber hinaus zeichnet ihn die Originalität seines enorm produktiven publizistischen Schaffens aus. »Kritik der zynischen Vernunft«, ein über 1000 Seiten starkes Werk, schlug 1983 in die philosophischen Denkschulen der alten Bundesrepublik ein wie eine Bombe und wurde ein Beststeller, der den Verfasser international bekannt machte. Es folgten Studien, deren weiter Themenkreis regelmäßig für Überraschungen sorgte. Und es folgten skandalumwitterte Debatten, die Sloterdijk nicht ohne erkennbare Lust an Provokation und Konfrontation auslöste. Eine der jüngeren ging aus seinem Vorschlag hervor, das staatliche Steuerrecht zu revolutionieren und durch das Konzept der freiwilligen Abgabe zu ersetzen.

Aber über Steuern wollen wir nicht mit ihm sprechen, sondern über die kulturellen Veränderungen durch den Einzug des Spiegels ins alltägliche Leben, ein Thema, mit dem er sich in seinen Schriften und Vorträgen mehrfach befasst hat. Zu unserem Erstaunen beantwortet der viel gefragte und viel beschäftigte Philosoph unsere per Mail gestellte Bitte, mit uns über das Thema Gesicht zu sprechen, noch am gleichen Tag zustimmend. Das Thema sei, lässt er über seine Ehefrau ausrichten, in der Tat ungewöhnlich, aber interessant.

Es ist Sommer 2020, Corona-Zeit, die Pläne vieler scheitern an Reisebeschränkungen. Auch das Ehepaar Sloterdijk wäre unter anderen Umständen an einem anderen Ort und würde seine täglichen Fahrradtouren nicht im Berliner Westen, sondern auf Sardinien oder am Zweitwohnsitz in Südfrankreich durchführen.

So aber begrüßen uns beide im Entree der großzügigen, am grünen Rand von Westberlin gelegenen Wohnung. Die offen ineinander übergehenden, im modernen Landhausstil eingerichteten Räume verströmen so wenig repräsentative Steifheit wie die Gastgeber selbst. Peter Sloterdijk kommt uns barfuß und im legeren Baumwollhemd entgegen.

Auf dem großen Holztisch im Wintergarten stehen Gläser und eine Karaffe mit Wasser bereit. Unser Blick fällt auf eine Fotografie, die neben Sloterdijk an der Wand hängt. Sie zeigt ihn als jungen Mann. Die Haare sind länger und voller, das Gesicht ist etwas schmaler und weicher. Der melancholisch-verträumte Blick erinnert an einen Musiker oder einen Poeten. Er wird auf das Porträt und die Irritation, die der Vergleich des heutigen mit dem vergangenen Ich auslöst, selbst zu sprechen kommen. Aber zuvor stellen wir einen Handspiegel vor ihm auf und bitten ihn zu beschreiben, was er darin sieht. Mit dieser kleinen Aktion wollen wir alle Gespräche beginnen lassen. ▪

Können Sie bitte beschreiben, was Sie im Spiegel sehen?

Dazu brauche ich keinen Spiegel.

Sie haben ihn ja auch gleich weggeschoben.

Diese Frage habe ich bereits in meinen Notizbüchern vor acht Jahren beantwortet. Beim Blick in den Spiegel kommt mir nur ein Satz in den Sinn: »Irgendjemand musste es ja geben, der so aussieht.« Das ist neutral, ein bisschen nach beiden Seiten hin auslegbar. Auf jeden Fall ist es nicht primäre Selbstgefälligkeit. Ich habe ja damals die Unterscheidung gemacht zwischen Selbstauffälligkeit und Selbstgefälligkeit. Also, dass man sich selber auffällt und an sich selber irgendwie Anstoß nimmt und fragt, muss das wirklich sein, dass ich so aussehe, wie ich nun einmal bin. Das geht – glaube ich – dem primären Narzissmus sogar noch voraus. Also man fühlt sich mit sich selber eher belastet als von sich entzückt. Ich kenne ein paar Leute, die von sich entzückt sind, aber die sind in meinen Augen meistens nicht so ernst zu nehmen.

Diese Empfindung kennen viele, man schaut in den Spiegel und denkt, na ja, wurde eben so ausgewürfelt, hätte auch die Hübschere rechts sein können, aber ebenso der Schlimmere links. In Ihrem Satz schwingt so etwas wie schicksalhaftes Einverständnis mit: Einer musste halt so aussehen wie ich. Oder ist es eher ein Hadern?

Ich glaube, es ist mehr Einverständnis, ja: Es ist Einverständnis. Denn man kann es sich gar nicht leisten, von sich selber so stark abweichen zu wollen. Ich denke, es ist eine elementare Lebensklugheit, sich an dem alten Satz von Gottfried Benn zu orientieren: »Rechne mit deinen Beständen.« Nicht mit den Programmen, sondern mit den Beständen. Zu den Programmen würde ja das Schöner-Werden gehören. Schöner wohnen geht, aber Schöner Werden ist schwierig.

Mögen Sie denn, was Sie im Spiegel sehen, wenn Sie hineinschauen?

Na ja, manchmal ja, manchmal nein. Da kommen verschiedene Dinge zusammen. Ich bin ja relativ früh fotografiert worden, ich meine jetzt nicht die Babyfotos. Nachdem ich eine öffentliche Person geworden war, hatte ich das Glück, von Isolde Ohlbaum porträtiert zu werden. Sie ist eine der heimlichen Königinnen des Porträts hierzulande, sofern man das Glück hat, Schriftsteller zu sein.

Sie sehen auf dem Foto sehr gut aus.

Hm ja, das ist aber eigentlich sehr peinlich, weil sie da einen hübschen jungen Mann erfunden hat, der ich nie war. Also zumindest nicht in dieser Form. Es gibt noch den späteren, mehr so ein gefallener Engel, der irgendwann begriffen hat, es ist zu spät für die Rückkehr in den Herkunftshimmel.

Sie sagen, diesen jungen Mann gab es gar nicht. Heißt das, Sie fremdeln mit sich auf diesem Foto?

Ja ja ja.

Also »Ich ist ein anderer«?

Ja, das ist ein anderer und der deckt sich auf jeden Fall nicht mit dem Selbstgefühl, also mit dem Bild, das ich von mir selber habe, von mir selber hatte.

Nämlich?

Dass ich eigentlich schiele, disharmonischer aussehen müsste. Irgendwie zerrissener. Na ja, man könnte mit ein bisschen Fantasie so eine leichte Melancholie vermuten. Und man kann sich vorstellen, dass großherzige weibliche Wesen diesen jungen Mann retten wollen.

Ein rührendes Bild! Worin unterscheidet sich denn ein Foto vom Spiegelbild?

Nun beide haben eine lichttechnische Grundlage. Die Fotografie ist so etwas wie ein Sekundenspiegel, man schneidet aus dem Lichtstrom eine Sekunde, eine Hundertstelsekunde heraus. Während das Spiegelbild kontinuierlich bleibt. Das geht ja mit dem bewegten Körper mit.

Hans Belting greift in seiner »Geschichte des Gesichts« den Gedanken auf, dass die Fotografie immer einen Moment festhält, der vergangen ist. Und deswegen sei das Foto ein Zeugnis unserer Sterblichkeit, der Spiegel hingegen suggeriert Gegenwart: Schau! So siehst du  j e t z t  aus.

Also ich erinnere mich gut daran, dass ich vor ein paar Jahren hochmelancholische Empfindungen hatte, für die ich nicht einmal Fotos sehen musste. Es genügte, dass ich Leute auf der Straße gesehen habe. Die Vorstellung, dass die in ein paar Jahren nicht mehr da sind, war so heftig, dass ich mich am liebsten vergraben hätte, um nicht so viel Sterblichkeit um mich herum haben zu müssen. Das hat dann Gott sei Dank aufgehört, so kann man ja nicht leben.

Manche haben den Tick, zum Spiegel zu rennen, wenn sie sich irgendwie unruhig fühlen, und zu schauen, ob alles noch in Ordnung ist. Sozusagen die Nase noch in der Mitte sitzt.

Immerhin sehen sie dann, dass sie in der Zwischenzeit nicht Picasso in die Hände gefallen sind. Der mit ihren Gesichtsteilen macht, was er will.

Glauben Sie, diese Art von Selbstvergewisserung ist auch die Grundlage unserer heutigen Selfie-Gesellschaft?

Beim Selfie wird die Spiegelfunktion ausgeweitet, d.h., diese egotechnischen Medien sind nicht mehr an die eigenen vier Wände gebunden, seitdem es diese Kameras gibt. Man kann den Spiegel, den Garderobenspiegel, mit auf die Straße nehmen. Das ist eine Erfahrung, die viele Leute begeistert, weil sie damit auch den Hintergrund mitnehmen können. Da wird das Verhältnis von Apartment und Außenwelt umgedreht. Wo immer ich bin, kann ich sozusagen meinen eigenen Raum erzeugen.

Und das kann jeder und jede, ganz demokratisch. Wie war das kulturhistorisch beim Spiegel?

Lange war der Spiegel ein aristokratisches Instrument. Erst im 19. Jahrhundert wurde der Spiegel als ein neues egotechnisches System eingeführt, und wahrscheinlich gehört die Demokratisierung des Spiegels zu den mediengeschichtlich verborgenen großen Ereignissen des 19. Jahrhunderts. In meinen Augen ist der Spiegel dazu da, die Schwächung der religiösen Kontrolle zu ersetzen durch Selbsterfahrung. Früher hieß es und wurde auch glaubhaft gemacht: Gott sieht alles. Das heißt, der Mensch, der sich beobachtet fühlt, verhält sich besser. Die systematische Frage, die zu beantworten ist, heißt deshalb: Wie sorgen wir dafür, dass die Menschen bescheiden werden? Und die einfache Antwort lautet: Wir zeigen ihnen sie selbst. Denn der Größenwahn, der als »diabolische« Gegengröße zu dem »Gott sieht alles« in Betracht zu ziehen wäre, arbeitet bilderlos, aber mit Fantasien.

Fantasien über das Ich selbst?

Für die meisten Menschen ist die Begegnung mit dem realen eigenen Bild egomaniedämpfend.

In dem Buch Les Miserables von Victor Hugo gibt es eine Stelle, in der er erzählt, dass der junge Held seiner Geschichte als Student in Paris bei einem älteren Soldaten eine Wohnung nimmt. Dieser Soldat hat eine Tochter. Die verliebt sich in den Untermieter und schleicht in dessen Abwesenheit in sein Zimmer. In seiner Wäsche in seinem Schrank findet sie einen Spiegel. Sie hatte noch nie zuvor einen gehabt. Sie blickt also in den Spiegel und entdeckt, dass sie hässlich ist. Das ist eine abgründige Szene. Ich glaube, das ist eine der Urszenen des 19. Jahrhunderts. Sie hat nichts mit dem zu tun, was Jacques Lacan später in seinem Theorem von dem Spiegelstadium ausgebreitet hat. Denn es zeigt: Der Spiegel ist erst dabei, die Gesellschaft der einfachen Leute zu erreichen, man musste noch Umwege gehen, um an ihn heranzukommen. Und es zeigt: Die Betrachterin ist auf seine Botschaft nicht gefasst. Was ein sehr profunder Befund ist, denn es bedeutet: Das Auge ist nicht zur Selbstanschauung gemacht. Und das wohl aus gutem Grund, denn die Menschen brauchen die Information, wie sie aussehen, zunächst nicht. Je einfacher sie leben, desto unwichtiger ist diese Information.

Und was ist mit denen, die sich auf der schönen Seite glauben?

Da fängt die Sache an, kompliziert zu werden. Denn wo das schöne Selbst, das schöne Gesicht auf den Besitzer zurückwirkt, fangen die eigentlichen Narzissmusprobleme an. Dass man sein eigenes Bild lieben kann, ist eigentlich eine ziemlich starke Unterstellung. Ich glaube, dass der Narzissmusmythos in der Regel falsch interpretiert wird, weil der junge Mann bei Ovid das Spiegelbild tatsächlich für jemand anderen gehalten hat, nicht für sich selbst. Er hat ja nicht verstanden, dass er es selber ist. Sonst hätte er es nicht umarmen und sich mit ihm vereinen wollen, wodurch er ja sein Leben verliert. Er muss ja bona fide geglaubt haben, dass er ein anderer ist und aus Sehnsucht nach diesem anderen entflammt zugrunde geht. Insofern ist der Narzissmus, wie wir ihn modern interpretieren, auf einem Missverständnis aufgebaut. Ein Narzisst weiß nicht, wie er aussieht, weiß es bis zuletzt nicht.

Heute können wir unserem Spiegelbild überhaupt nicht mehr entkommen. Wir sehen uns überall. Und dauernd: in der Schaufensterscheibe, in Überwachungskameras, in Videokonferenzen und wo sonst noch.

Ich mag das eigentlich nicht so gerne. Ich mag lieber meinen Schatten. Wenn ich mit meiner Frau Rad fahre im Abendlicht, sage ich zu ihr: Guck mal, Liebste, da fahren unsere Schatten, das ist dann sehr schön.

Der Schatten ist ja auch viel gnädiger, zeigt nur unsere Umrisse, da ist der Spiegel fordernder, der konfrontiert uns mit unserem Gesicht. Doch die Frage an Sie als Philosoph ist: Was sehe ich eigentlich, wenn ich mich sehe?

Man sieht die körperhafte Seite der eigenen Erscheinung und wird zunächst mal von sich selber entfremdet. Das ist ganz deutlich so. Ich glaube, es gibt keine ursprüngliche Erregung der Identifikation mit dem Bild. Das wird sekundär erlernt. So wie früher Personen, die porträtiert wurden, befremdet vor dem Resultat standen, wenn sie es zum ersten Mal gesehen haben. Ich glaube nicht, dass einer von den Porträtierten je das Gefühl hatte, das sei ganz er selber. Auch wenn die Maler behauptet haben, sie hätten da Wesensschau betrieben. Die Menschen waren nie mit den Bildern in der Ahnengalerie identisch. Das waren alles Zweckkonstrukte. Die Menschen werden aus diesem ursprünglichen Nichtwissen über ihr eigenes physisches Sein herausgelockt und lernen dann erst, zu sich selber Stellung zu beziehen. Ich glaube, die Grundformel lautet: Ich sehe so aus, wie ich behandelt werde.

Von wem? Von den andern? Von der Gesellschaft?

Wie ich von den andern behandelt werde. Es gibt diese Standarderzählung schöner Frauen, die sich früher hässlich gefunden haben, weil sie von ihrer Umgebung nicht ernst genommen wurden. Also eigentlich geht die moralische, interaktive Dimension der ästhetischen voraus. Wenn ich gut behandelt werde, dann bekomme ich natürlich auch ein ästhetisch vorteilhaftes Selbstgefühl und eine Selbstvermutung. Aber manche Frauen finden sich bis zuletzt nicht schön. So wie Marilyn Monroe, die dieses ferngesteuerte Gefühl nie verloren hat und deswegen sich ihre Vorzüge beweisen lassen musste durch die Sympathie von Männern. Die waren vielleicht nicht ganz beliebig, aber es reichte, dass sie nur ein bisschen bedeutend waren, dann ließ sie sich mit ihnen ein. Sie gehörte zu den wenigen weiblichen Personen, die mehr als zehn Fehlgeburten oder Abtreibungen zustande gebracht haben, was eigentlich eine unglaubliche Tragödie ist. Da kann man auch wieder nur mit Schopenhauer antworten: Es ist zwar schön, sie anzusehen, aber schlimm, sie zu sein.

Es gibt, nicht erschrecken, eine Frage, die wir ritualisiert allen Gesprächspartnern stellen: Haben Sie was machen lassen?

Ich? Nein, ich selber nicht, nein. Aber ich kenne jemanden, der hat was machen lassen.

Und was würden Sie als Grund dafür vermuten?

Sie wollte einfach mehr Weiblichkeit zeigen. Also ich habe nie was machen lassen, jedoch immer stark das Gefühl gehabt, für den eigenen Zustand von Fitness verantwortlich zu sein. Insofern habe ich nichts machen lassen, aber was gemacht.

Nehmen wir mal an, Gott ist gerade dabei, das Gesicht des späteren Peter Sloterdijk zu formen, und Sie haben die Chance, noch kurz vor Schluss in das Werk einzugreifen.

Wann bekommt man schon so ein Angebot?

Welche Änderungswünsche hätten Sie?

Ah, das Gesicht, beim Gesicht würde ich gar nicht so sehr ansetzen. Ich würde mir einen neuen Unterkiefer wünschen.

Der gehört doch zum Gesicht.

Ja schon, aber von der Innenseite her. Denn ich habe im Unterkiefer überwiegend Implantate, das empfinde ich zunehmend als störend. Also das ist die zweite Schöpfung gewesen, die vom Zahnarzt ausging. Jetzt würde ich mir beim Originalhersteller einen haltbareren Unterkiefer wünschen, der eine ganze Nebenstrecke lang aus Originalteilen bestehen könnte. Denn das ist auf die Dauer sehr unangenehm. Da bilden sich ständig Spannungen oder irgendwelche Ladungen, was weiß ich. Ansonsten, glaube ich, kann ich zufrieden sein. Aber es ist ja auch so, wenn man sich schöner wünscht, ist die Konsequenz in der Regel, dass man sich ein erweitertes Liebesleben mit wünscht oder nicht? Weil man ja an seiner Attraktivität ansetzt und sagt: Also, wenn ich noch schöner wäre, dann hätte ich wahrscheinlich noch schönere Frauen. Oder Frauen, die schön und berühmt sind, von denen man ja die Finger lassen sollte, aus Gründen allgemeiner Lebensklugheit, nicht wahr?

Worin besteht die Lebensklugheit?

Man sollte dieses schopenhauerische Paradoxon im Auge behalten: Je schöner ein Mensch anzusehen ist, desto schwieriger wird es, in seiner Haut zu stecken. Als Vorsichtsmaßnahme, als hypothetischer Satz könnte das eine Rolle spielen, weil man ständig Eroberungsversuche abwehren muss. Man hat keinen ruhigen Tag mehr.

Man weiß weniger, was man kann.

Weil man verwöhnt wird. Und ständig Wünsche der anderen als deine eigenen Wünsche in dich hineinprojiziert werden. Es war, glaube ich, Nietzsche, der irgendwann mal geschrieben hat: Es ist besser, in die Klauen eines Löwen zu fallen als in die Träume eines brünstigen Weibes. So kann man heute nicht mehr reden, aber es drückt doch immerhin die Idee aus, dass Männer auch Plastiken sind in den Händen oder Träumen weiblicher Subjekte. Also, die Sache mit dem Sexobjekt ist ja bipolar zu denken. Der Mann ist auch ein Sexualobjekt, auch dann, wenn er kastriert wird durch den Traum der Frau.

Unsere Erfahrung ist, dass der Narzissmus schöner Männer schwerer zu befriedigen ist als der schöner Frauen. Bei einem Mann muss unentwegt geliefert werden. »Du siehst nicht nur gut aus, du bist auch supersensibel und kannst so viel, und schlau bist du sowieso.«

Man muss den ganzen Tag über loben!

Der männliche Narzissmus kann sehr gierig sein.

Wenn Männer dann im Narzissmus zweiter Stufe angekommen sind, gilt der schöne Satz: Ich bin lange nicht so eingebildet, wie es mir zukäme.

Sie haben mal gesagt: In unserer Zeit, in der jeder der »Designer seiner Selbstform« sei, verschwinde »das schöne hinter dem richtigen Gesicht«. Das Ideal sei der Durchschnitt des Hübschen, nicht das ausgeprägte Gesicht. Also Helene Fischer statt Joan Crawford. Gleichzeitig legt jeder viel Wert auf sein Gesicht. Wie lässt sich das vereinbaren?

Nun, auch die Mode hat diesen Zug ins Mittlere sehr verstärkt. Man hat die Eleganz angehoben, das war dieser Coco-Chanel-Effekt. Eleganz für alle. Das bedeutet aber auch, dass man die typischen Statusvorteile nicht mehr notwendigerweise durch Kleidung markiert. Die Millionäre laufen mit Turnschuhen durch die Stadt, die Kopfbedeckung, einst ein wesentliches Element der Selbstdarstellung, ist bei Männern fast ganz, bei Frauen auch weitgehend verschwunden.

Zwischen Körper und Kopfbedeckung liegt das Gesicht.

Tja, jetzt muss das Gesicht selber den Hut spielen, muss die Botschaft, die der Hut hatte, übernehmen.

Oder die Brille. Die ist ja auch ein egotechnisches Attribut geworden von hoher Bedeutsamkeit.

Die Brille ist ein ganz wesentliches Attribut in der Ausstattung des modernen Individuums. Man muss ja nur mal die Gegenprobe machen: Kann man sich Jesus mit einer Brille vorstellen? Schrecklich, oder? Das würde einem das Christentum verderben. Ein Kruzifix mit Brille wäre mit einem Schlag hinfällig, da könnte man denken, der hat sich mit dem Lesen der Heiligen Schriften die Augen verdorben.

Er ist nicht perfekt, er sieht nicht gut.

Wie wichtig ist denn die Brille in Ihrem Fall für das Bild des öffentlichen Denkers?

Die ist mittlerweile, wie soll ich sagen, ein inzwischen angewachsener Manierismus. Die gehört jetzt einfach dazu.

Die Brille als der geistige Faktor im Gesicht?

Eye-wear sagen die Amerikaner. Das ist eigentlich ein ganz witziger Begriff, weil er den Menschen von vornherein als Kunden diverser Warendimensionen beschreibt. Er braucht erst mal footwear und eyewear und software und hardware, ist nach allen Seiten von solchen Ergänzungen umstellt.

Zurück zu Ihren Erfahrungen mit Ihrem Gesicht. Können Sie sich an den Moment erinnern, als Sie zum ersten Mal verstanden haben: Das ist mein Gesicht?

Nein, kann ich nicht, aber ich kann mich an einen Moment erinnern, in dem ich zum ersten Mal verstanden habe, dass ich ich bin. Und das war pure Panik. Ich weiß noch, da war ich vielleicht 10 oder 11, da ging ich schon ins Gymnasium und bin mit der Straßenbahn an einer Haltestelle umgestiegen. Es war am Münchner Stachus, als der noch anders gegliedert war als jetzt. Da gab es so einen kioskartigen Flachbau, den es heute nicht mehr gibt. Ich weiß, ich stand da und war wie vom Blitzschlag getroffen von der Empfindung: Aus mir komm ich lebend nicht mehr heraus. Das war sehr unangenehm.

Haben Sie sich dabei gesehen?

Nein, ich habe mich nicht gesehen, aber mich als Ort oder als Stelle in der Welt ganz stark empfunden. Das war so, als hätte man mit einem Laserstrahl ein Loch im Sein ausgeschnitten, und ich bin auf der Innenseite, ganz verrückt.

Können Sie in Ihrem Gesicht die Gesichter Ihrer Eltern erkennen?

Nein. Ich kann das Gesicht meiner Mutter ziemlich gut erkennen im Gesicht einer Nichte, die ihr fast rührend gleicht.

Und sehen Sie sich im Gesicht Ihrer Tochter?

Mmmhhh, ich selber sehe es nicht , aber andere behaupten, sie sehen es. Ich werde auch darauf angesprochen, schau doch mal, diese Ähnlichkeit …

Was löst sie in Ihnen aus? Dass etwas von Ihnen weiterlebt?

Ja, das schon. Aber das läuft bei mir nicht über die Physiognomie. Nicht über das Empfinden: Hier werden visuelle Kronjuwelen weitergereicht. Es ist mehr das Gefühl, das für mich sehr wertvoll ist, dass die Kette des Lebens nicht ausgerechnet bei mir abreißt. Also dieser Gedanke ist mir schon sehr willkommen, muss ich sagen. Das würde auch zu vielem, was ich denke und schreibe, passen, weil ich ja doch nicht nur für Plötzlichkeit und ästhetische Ausnahmezustände plädiere, sondern ein Kontinuitätsmensch geworden bin. Und jemand, der in der Kategorie der Longue durée denken möchte, muss selber seine Stellung im Generationenprozess klären. Es gibt ja eine ganze Anzahl von Menschen, die sind damit einverstanden, selber die Letzten ihrer Herkunftsreihe zu sein.

Sehen Sie in Ihrem Gesicht den Niederschlag Ihrer Arbeit? Denken, Lesen, Schreiben?

Ja, schon ein bisschen. Was man früher Vergeistigung genannt hat, ist keine bloße Projektion. Also, man sieht die Tätigkeit in Gesichtern, wie man auch Anstrengung und Anstrengungsfolgen in Gesichtern sieht. Und man sieht vor allem, ob nach der Anstrengung Erholungen erfolgt sind oder nicht.

Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, aber Sie hätten auch einen guten, reifen Bauern abgegeben.

Vielleicht ja, kann gut sein. Ich habe auch Hände, die für handgreiflichere Berufe geeignet gewesen wären. Das stimmt schon. Früher, als ich dünn war, war ich mehr ein Intellektueller. Ich habe jetzt einige Kilos zu viel. Als junger Mensch war ich untergewichtig und habe da in Sachen Vergeistigung noch mehr zu bieten gehabt. Es gibt einen Kunsthistoriker, der mir einreden wollte, ich hätte sehr ähnliche Gene wie Rembrandt. Das lass ich dann erst mal auf sich beruhen, ist ja keine Beleidigung.

Der Schriftsteller und Schauspieler Robert Seethaler hat mal gesagt, er habe aufgehört zu spielen, weil er sich auf der Bühne dafür schämte, von so vielen Menschen angeschaut zu werden. Kennen Sie diese Art von »Gesichtsscham«?

Ja, die kenne ich schon. Ich habe zumBeispiel eine schwer erklärbare Aversion, von der rechten Seite angeschaut zu werden. Wenn ich jemanden treffe, würde ich den immer lieber links platzieren, also asymmetrisch. Ich fühle mich von der rechten Seite mehr gefährdet.

Sie waren in den 70er-Jahren im indischen Poona, haben dort im Ashram von Bhagwan gelebt. Hat sich diese Erfahrung in Ihr Gesicht eingeschrieben?

Das glaube ich schon. Also, meine ursprüngliche Prägung kam aus der Frankfurter Schule, als eifriger Adorno-Leser habe ich die Verbindung von Kritik und Verstimmtheit als natürliches Klima empfunden. Dagegen war der bloße Aufenthalt in Indien schon ein großer Einspruch. Da war alles auf Aufheiterung und Aufhellung gestimmt, und ich traf zum ersten Mal eine Mehrheit von Menschen, die nicht alles furchtbar gefunden haben. War mir neu. Und plötzlich passten die entsprechenden Zitate nicht mehr. Wie Brecht etwa: »Der Lachende hat die schlechte Nachricht nur noch nicht vernommen.« Also diese aus dem Weltkrieg in die Zeit danach übertragene Stimmung, dass der schlimmste Zeitpunkt der Weltgeschichte jetzt ist, ausgerechnet jetzt. Das haben wir mindestens in Deutschland bis in die Siebzigerjahre weitergetragen. Und angesichts dessen war das in Indien schon ein Bruch, weil es in eine akritische Stimmung geführt hat, und die war hell.

Sahen Sie damals auch heller aus?

Jaja, ich glaube schon, es gibt noch Fotos aus der Zeit, da müsste man das auch sehen.

Wie würden Sie das aus der Erinnerung beschreiben?

Ich war damals so etwas wie ein Anfänger in Optimismus, ein Optimist auf dem zweiten Bildungsweg, sagen wir mal so. Bis dahin war ich fest überzeugt, dass Intelligenz ohne Traurigkeit inexistent ist. Entweder apokalyptisch oder schopenhauerisch, das heißt, jeder Optimismus ist ruchlos. Das hat er ja gelehrt. Und ich brauchte keine Zusatzargumente. Obwohl ich viele Dinge erlebt habe, die gar nicht dazu passten. Ich war in München in einer Wohngemeinschaftsszene, da ging es eigentlich ganz munter zu, und wir haben auch viel gelacht usw. Das hat aber für die intellektuelle Ausstattung keine große Auswirkung gehabt.

Sind Sie mal im Drogenrausch Ihrem Gesicht begegnet?

Nein. Ich war überhaupt jemand, der nie eine besondere Neugier auf Drogenerfahrung entwickelt hat. Ich dachte, meine normale Nervosität reicht aus für dieses Leben.

Und im Traum? Haben Sie Ihr Gesicht schon mal im Traum gesehen?

Alle möglichen Körperteile, aber das Gesicht nicht. Dieser Ausschnitt passt, glaube ich, nicht in die Traumregie.

Haben Sie eine Vermutung, warum nicht?

Wenn man Träume wie eine Studie betrachtet, ist wahrscheinlich keine Kamera auf das Gesicht gestellt. Auf alle möglichen anderen Objekte schon.

Letzte Frage: Im Moment zeigen wir uns ja nur noch mit Maske. Glauben Sie, dass die Corona-Maske unser Verhältnis zum Gesicht verändert?

Kann sein, weil wir ja jetzt lernen, die Menschen von der Augenpartie her zu entschlüsseln, und ich finde das eigentlich eine sehr schöne Erfahrung. Ich stelle fest, dass das eh bei den meisten der schönste Teil ist. Es gibt da noch Leute, die haben sehr schöne Münder, aber notfalls kann man auf die verzichten beziehungsweise sie in die zweite Reihe stellen, aber wenn die Augen für jemanden sprechen, das ist schon mal eine Ansage. Ich sehe auch unglaublich viele schöne Frauen, die dadurch schön werden, dass man von ihnen nur einen Ausschnitt zu sehen bekommt. Da wird diese alte Metapher vom Seelenfenster wieder aktiv und beweist zugleich, dass nichts so sehr zur Bewahrheitung strebt wie das Klischee.

Johannes Groschupf

Es dauert lange, bis sich die Haut wieder schließt

▪ Der Blick ins Gesicht des anderen kann etwas Voyeuristisches haben. Verrät die graue Haut einen ungesunden Lebensstil? Lassen die herabhängenden Mundwinkel auf eine verbitterte Seele schließen, die vernarbten Poren auf eine von Akne geplagte, vielleicht unglückliche Jugend?

Bei keinem anderen Gesprächspartner, keiner anderen Gesprächspartnerin haben wir uns so fest vorgenommen, diesen detektivischen Reflex zu unterdrücken, wie bei Johannes Groschupf – einem Mann, der mit einem Gesicht lebt, das nicht sein natürliches ist. Im März 1994 unternahm Johannes Groschupf, damals Reisereporter und knapp dreißig, einen Hubschrauberflug über die Sahara. Mit ihm sind Touristen und Kollegen unterwegs. Kurz nach dem Start bricht ein Rotorblatt entzwei, der Hubschrauber stürzt ab und fängt sofort Feuer. Binnen Sekunden breitet sich im Inneren der Maschine ein Flammenmeer aus. Im letzten Moment gelingt es Johannes Groschupf, durch die Pilotenkanzel nach draußen zu kriechen und wegzurennen, bevor der Benzintank des Helikopters explodiert. Er ist der einzige Überlebende, die anderen vierzehn Passagiere sterben. Seine Haut ist im Gesicht und am Kopf zu 75 Prozent verbrannt.

Über ein Jahr liegt er in einer Unfallklinik in Stuttgart, dem Tod näher als dem Leben, erleidet höllische Schmerzen bei jedem Verbandswechsel, nach jeder Operation und Hauttransplantation. Als er schließlich nach Berlin zurückkehrt, ist sein Leben nicht mehr das, das es vor der Katastrophe war, und er nicht mehr derselbe Mann; äußerlich und innerlich. Zehn Jahre danach erschien der Roman Zu weit draußen, in dem er den Albtraum verarbeitete.

Das Buch war der Anlass eines Fernsehbeitrags, den Luzia 2006 für die ZDF-Kultursendung ASPEKTE produzierte. Die Dreharbeiten fanden in einer Kreuzberger Billardkneipe statt, da Groschupf ein passionierter Billardspieler ist. Die Kamera wurde bereits aufgebaut, aber der Protagonist erschien nicht. War er nur verspätet? Oder hatte er im letzten Moment entschieden, sich nicht vor eine Fernsehkamera zu stellen? Mit jeder Minute, die das Team wartete, wuchsen die Zweifel an der ganzen Idee des Drehs. Vielleicht war es doch eine Zumutung, einen Mann zu präsentieren, dessen Gesicht derart versehrt worden war. Sowohl für ihn als auch für die Fernsehzuschauer.

Er selbst vertrieb Zweifel, als er das Billardlokal betrat. Ein auffallend großer sportlicher Mann, lässig in Jeans und Lederjacke gekleidet. Er lächelte, streckte die Hand zur Begrüßung aus und entkrampfte die Situation binnen Sekunden mit seiner schlichten und ungezwungenen Offenheit. Es war ihm bewusst, dass sein Gesicht auffiel. Und auch, dass das Gelingen des Kontakts davon abhing, den anderen die Scham über ihre Blicke zu nehmen.