Sieben Tage - Cristina Bruni - E-Book

Sieben Tage E-Book

Cristina Bruni

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Beschreibung

Reginald "Reggie" Weston, ein junger Amerikaner, war schon immer speziell in seinen Vorlieben. Er mag Männer statt Frauen, Orangensaft statt Bier, Spaziergänge statt Nachtclubs und Baumhäuser statt Sportautos. Aber mehr als alles andere liebt er Golf. Bei einem Golfturnier in Virginia trifft Reggie auf sein großes Idol, Russel Lee, einen englischen Spieler, der bereits die Nummer 1 der Weltrangliste war. Doch Russel ist alles andere als freundlich zu dem jungen Mann, der ihn so anhimmelt. Und obwohl Reggie weiß, dass er sich die Finger verbrennen wird, verliebt er sich. Er ahnt nicht, welche Gefühle Russel tief in seinem Inneren begraben hat.

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Seitenzahl: 324

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Cristina Bruni

Sieben Tage

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2017

http://www.deadsoft.de

© the author

Titel der Originalversion: Seven Days

Übersetzung: Janina Steves

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte:

© Studio By The Sea – shutterstock

© g-stockphoto – shutterstock.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-104-8

ISBN 978-3-96089-105-5 (epub)

Inhalt:

Reginald “Reggie” Weston, ein junger Amerikaner, war schon immer speziell in seinen Vorlieben. Er mag Männer statt Frauen, Orangensaft statt Bier, Spaziergänge statt Nachtclubs und Baumhäuser statt Sportautos. Aber mehr als alles andere liebt er Golf.

Bei einem Golfturnier in Virginia trifft Reggie auf sein großes Idol, Russel Lee, einen englischen Spieler, der bereits die Nummer 1 der Weltrangliste war.

Doch Russel ist alles andere als freundlich zu dem jungen Mann, der ihn so anhimmelt. Und obwohl Reggie weiß, dass er sich die Finger verbrennen wird, verliebt er sich. Er ahnt nicht, welche Gefühle Russel tief in seinem Inneren begraben hat.

1. MITTWOCH

Reginald Weston kniete auf dem Boden und schloss die Augen. Instinktiv streckte er die rechte Hand aus und streifte mit einer Geste unterwürfigen Respekts das Gras am Boden des ersten Abschlags.

Am Blue Course des Virginia Beach Resorts roch die Kälte des Junimorgens nach Tau und Gras, vermengt mit einer ungewöhnlichen Mischung aus Adrenalin und Verheißungen.

Kurz gesagt: Es roch nach Golf.

Der junge Amerikaner öffnete die Augen und verzog seine Lippen zu einem Lächeln. Er war gerade mal zweiundzwanzig Jahre alt – ein Frischling. Er hatte vor einem Jahr die Profitour begonnen, die der berühmten Professional Golfers Association (PGA). Dennoch war ihm bewusst, dass das Zittern, das seinen Körper jedes Mal beben ließ, wenn er den Golfschläger in den Händen hielt, nicht sonderlich anders war als das der erfahrenen Spieler.

„Ein guter Platz, nicht wahr?“

Die Stimme hinter ihm störte den Moment der Intimität zwischen Reginald und seiner Märchenwelt und zwang ihn, sich umzudrehen.

„Oh ja, es ist eine besondere Ehre, hier zu spielen“, antwortete er, während er Carlos Marquez anlächelte, der seit seiner Zeit in der Amateur-Tour sein Golfcaddie war.

Carlos war ein Freund der Familie, der Reginald unter seine Fittiche genommen hatte, als dieser zum ersten Mal einen Golfschläger in die Hände bekam. Mit den Jahren hatte sich die Beziehung zwischen dem Spieler und dem Caddie mehr zu einer Onkel-Neffe-Beziehung entwickelt. Carlos Marquez war siebenunddreißig Jahre alt, hatte einen kräftigen Körper und einen olivfarbenen Teint, typisch für Menschen, durch deren Adern mexikanisches Blut floss. Er kümmerte sich um Reginald, wenn dieser entmutigt war oder einen Klaps auf die Finger brauchte, weil er auf dem Platz nur Bockmist trieb.

„Wenn wir den Cut in der zweiten Runde nicht schaffen, gehen wir zum Strand, bevor wir nach Hause fahren!“, verkündete Carlos freudig und knackte mit seinen Fingern. Sein Verhalten kam fast elterlicher Fürsorge gleich.

„Natürlich schaffen wir den Cut! Und wir werden auch am Sonntag eine gute Platzierung bekommen“, brummte Reginald und runzelte die Stirn.

„Das ist der Junge, den ich mag!“, rief Carlos mit einer Stimme, die einem Nebelhorn glich, und stieß den jungen Mann mit seiner Schulter an. „Komm jetzt, ich habe von zehn bis elf den Übungsplatz reserviert“, fügte er gebieterisch hinzu.

Reginald nickte, bevor er dem aufgearbeiteten Turnierplatz einen letzten Blick voller Liebe und Respekt zuwarf: Ja, es würde eine unvergessliche Woche werden.

§§§

Das Golfturnier des Virginia Beach Resorts hatte gerade begonnen. Früher war es schon einmal Schauplatz eines PGA-Turniers gewesen, doch dann war der Platz geschlossen worden und blieb es für viele Jahre, darauf wartend, zu seinem alten Glanz zurückzukehren. Nun war dieser Moment endlich gekommen. Die Fläche war vergrößert worden und der Rasen in die Form von Schildkrötenpanzern gebracht, wie es auf amerikanischen Plätzen üblich ist. Zu diesem Anlass kamen nicht nur die bekanntesten Profispieler Amerikas, sondern auch einige Namhafte der europäischen Tour.

Bei dem Gedanken, gegen ein paar seiner großen Vorbilder zu spielen, war Reginald ganz aufgeregt. Ende letzten Jahres hatte er endlich das Ticket in die PGA-Tour erhalten, nachdem er die Qualifikationsstufe beendet hatte. Jedes Mal, wenn er bei einem Turnier teilnahm, fühlte er sich wie ein Kind im Spieleparadies.

Er dachte daran, wie es gewesen war, als er auf dem Übungsgrün seine Taktiken probiert hatte. Es lag eine magische Atmosphäre über dem Virginia Beach Resort, und wenn er bis jetzt auch nicht einen einzigen Titel gewonnen hatte (oder geradeweil er keinen gewonnen hatte), konnte Reginald es kaum erwarten, seinen ersten Schlag im Turnier zu machen.

In der Gesäßtasche seiner luftigen Hose vibrierte sein Smartphone.

Piep piep!

Reginald schnaubte und kramte es hervor. Seine stets besorgte Mutter Emily schrieb ihm.

Ist alles in Ordnung? Bist du gut angekommen? Magst du den Platz?

Waren das alle Fragen, Mum? Er kicherte, während seine Finger hastig über die Tastatur huschten.

„Ja“ zu allem. Wir sprechen morgen nach der ersten Runde!

Er hatte sein Smartphone schon fast wieder in der Tasche, da entschied er sich kurzerhand anders. In seinen Apps suchte er nach Twitter. Inzwischen war es völlig normal für Profigolfer, einen Twitter-Account zu haben, um die Fans rund um die Uhr über etwaige Neuigkeiten zu informieren – zum Beispiel über den Verlauf des Turniers.

Reginald war kein allzu großer Freund von sozialen Netzwerken, trotzdem hatte er sich relativ schnell angepasst. Er hatte sich ein Benutzerkonto auf Twitter eingerichtet, auch wenn er glaubte, dass er keine Massen an Followern haben würde. Bis jetzt war er nicht sehr bekannt, trotzdem schickte er dann und wann gerne ein paar Tweets an seine treuen Fans. Sie alle waren sehr nett und einfühlsam und wünschten ihm vor jedem Turnier das Beste.

Die meisten von ihnen waren weiblich.

Dabei gehörten Mädchen nicht gerade zu seinem Fachgebiet. Eigentlich überhaupt nicht.

Er mochte Männer und zeigte dies auch stolz, indem er einen Regenbogenanstecker trug. Diese Art, seine Homosexualität kundzugeben, hatte ihm schon manches Mal einen mitfühlenden Rückentätschler beschert, wogegen die Bemerkungen einiger anderer Leute schwerer hinzunehmen waren. Diese Erfahrung hatte er während seines Wirtschaftsstudiums gemacht, das er gerade abgeschlossen hatte, nicht auf dem Golfplatz.

Dass er schwul war, wurde Reginald noch auf der High School klar. Im ersten Jahr hatte er sich bemüht, Teil des Footballteams zu werden, bevor ihm bewusst wurde, dass dies Lichtjahre von dem Sport entfernt war, den er wirklich liebte. Er konnte Football nichts Gutes abgewinnen außer dem Duschen mit den anderen Spielern nach dem Training. Letztendlich versuchte er nur, Teil von etwas zu sein und das Gefühl anders oder fehl am Platz zu sein von sich wegzuschieben.

Es war nicht nur ein sexueller Unterschied, im Grunde unterschied ihn alles von den anderen. Er war an Dingen interessiert, die andere Jungen in seinem Alter niemals gemocht hätten: Freitagabend ein Buch lesen statt zu einer Party zu gehen, Orangensaft anstelle von Bier zu trinken. Den beliebten Mustangs zog er ein Baumhaus vor. Und noch lieber als Baseball oder American Football mochte er Golf …

Als er einmal nach einer Trainingseinheit mit seinen Mitspielern unter der Dusche stand, wanderte sein Blick zu Aaron, dem Quarterback des Teams, der gerade Duschgel auf seinem nackten Körper verteilte. Und so stand Reginald da, genoss den Anblick und war erstaunt, was dieser in ihm auslöste … bis Aaron das Wasser abdrehte und ging.

Er war durcheinander und fühlte sich wie benebelt. Verwirrt und fasziniert zugleich. Es war nicht schwer für ihn zu verstehen, warum er die nebenan duschenden Cheerleader nicht sonderlich interessant fand, sondern stattdessen bei seinen Mitspielern einige Blicke riskierte, wenn sie vom Spielfeld in die Dusche kamen.

In dieser Zeit hatte er keinen festen Freund. Während der High School hatte er ein paar Beziehungen, die aber jedes Mal schnell und ohne Kummer endeten. Tatsächlich hatte er auch nicht viele Freunde gehabt. Die Mehrheit seiner damaligen, ohnehin wenigen Schulfreunde verstand nicht, dass er für seine große Leidenschaft, das Golfspielen, alles andere opfern wollte. Diese Leidenschaft begann schon, als er ein Kind war. Mit seinen Eltern, die nicht viel Geld hatten, ging er am Wochenende zum Chicago Town Club, um ein paar Bälle zu schlagen.

Während der Tour fand er jedoch ein paar Freunde. Vielleicht ist es allerdings passender, sie Bekannte zu nennen: ein asiatischer Junge, der nicht der beliebteste war, weil er während der letzten Saison den Neuling des Jahres-Preis gewann und keine Gelegenheit verpasste, alle Anwesenden daran zu erinnern. Und ein weiterer amerikanischer Spieler aus Seattle – Moses. Reginald mochte ihn wirklich sehr, er war bei ihm immer in angenehmer Gesellschaft. Leider spielten sie meistens nicht im selben Turnier.

Letztendlich war sein Caddie, Carlos, sein bester Freund. Was die Liebe angeht …tja, er suchte immer noch nach dem Einen.

„He, Reggie! Die Zeit ist um!“

Carlos’ Stimme holte Reginald wieder aus seinen Gedanken. Hastig warf er einen Blick auf seine Armbanduhr: Es war wirklich Zeit, das Training zu beenden. Während er seine zerkratzte Uhr mit dem abgenutzten Armband so ansah, fragte er sich, ob er eines Tages erfolgreich genug sein würde, um für teure Armbanduhren zu werben. Bei der Vorstellung, sein Gesicht neben einer Rolex oder einer Audemars Piguet zu sehen, fühlte er sich wohl.

„Was hältst du von einem Spaziergang an der Promenade? Wir könnten etwas trinken gehen.“

Reginald nickte und nahm seine Mütze ab, unter der seine braunen, wüsten Haare zum Vorschein kamen, die an den Spitzen etwas heller waren. Er schwitzte. „Etwas“ hieß in diesem Fall: ein kaltes Bier für Carlos und ein Orangensaft für ihn.

„Du weißt, dein Caddie-Manager-Arzt-Freund-Onkel-und-so-weiter empfiehlt dir, das Turnier eine Weile hinten an zu stellen und etwas Spaß zu haben“, setzte Carlos fort und legte brüderlich einen Arm um Reginalds Schultern.

„Na gut, aber lass uns nicht trödeln. Ich muss konzentriert bleiben“, grummelte Reginald, wand sich aus Carlos’ Umarmung und begann, seinen Putter in der Tasche zu verstauen.

Carlos verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn mürrisch an. „Du musst schnell einen Freund finden und mehr vögeln!“

Seine Lippen verzogen sich zu einem traurigen Lächeln. „Schön wär’s, Carl …“

Vierzig Minuten später parkte Carlos den gemieteten Ford Mercury auf dem Parkplatz am Meer. Kurz spazierten sie entlang der Uferpromenade, trafen Mädchen in Bikinis, die aussahen, als wären sie im letzten Playboy abgelichtet worden, und Jungen auf bunten Skateboards.

Eine der jungen Frauen hielt Reginald auf, um ihn zu fragen, ob er ein kanadischer Schauspieler sei – Shawn Ashmore, einer der X-Men. Wenn er es tatsächlich wäre, bräuchte sie unbedingt ein Autogramm von ihm. Peinlich berührt verneinte Reginald die Frage und gab zu, dass er gar nicht wusste, wovon sie sprach. Doch er bedankte sich, da er es für ein großes Kompliment hielt. Das Mädchen rauschte davon, ohne sich zu verabschieden oder sich wenigstens für die Störung zu entschuldigen.

Als sie am Schild der Kneipe The Stag vorbeikamen, erinnerten sie sich an den vereinbarten Drink und entschieden, dass dies der passende Ort dafür sei. Jedenfalls so passend wie jede andere Kneipe hier.

Zügig überquerten sie die Straße, um den Autos auszuweichen, die viel zu schnell fuhren, und Carlos pfiff ihm zu.

„Was ist?“, fragte Reginald und schob seine Hände in die Taschen. Erst jetzt sah er, dass Carlos’ Blick am Schaufenster des Ladens neben der Kneipe hängen geblieben war.

„Sieh mal! Diese Kristalle! Einer schöner als der andere. Die sind wundervoll!“

Jetzt hatte Reginald ihn erreicht und folgte etwas verwirrt dem staunenden Blick des Caddies: Der Laden verkaufte New-Age-Fanartikel und Bioprodukte. Dinge, die Carlos’ Frau geradezu vergötterte.

„Vera würde das lieben …“, murmelte er. Er redete eigentlich mehr mit sich selbst als mit Reginald. „Ich werde mich hier etwas umsehen. Geh du schon mal vor und bestell die Drinks.“

Carlos öffnete die rote Holztür des Ladens und eine Glocke erklang, als er eintrat.

Reginald ging weiter, bis er den Pub erreichte. Als er durch die Tür trat, umhüllte ihn der Dunst der Kneipe wie eine sanfte Umarmung.

Überall hing der Geruch von Zimt und frischen Keksen in der Luft. Die halblauten Gespräche der Gäste wurden von Holzpaneelen und dicken Stoffen mit Schottenmustern an den Wänden gedämpft. Ein keltischer Musiker sorgte für die perfekte Unterhaltung.

Reginald sah sich zufrieden um: Dieser Pub war ihm absolut genehm. Es gab ein paar Grüppchen, drei Leute am Tresen und ein paar freie Tische. Er ging auf die Frau, die an der Bar stand, zu und bestellte einen Orangensaft und ein Miller für Carlos.

„Einen Moment, Schätzchen.“ Die blonde Frau hinter der Theke schielte auf ihr Handy und twitterte.

Reginald suchte sich einen freien Hocker und setzte sich. Seine Gedanken schweiften immer wieder zum Turnier, es fiel ihm schwer, sich zu entspannen. Er dachte an die Hänge des schwersten Grüns, welchen Schläger er nehmen sollte und das mögliche Wetter der nächsten vier Tage …

Richtig, das Wetter! Er nahm sein Smartphone aus der Tasche und öffnete den Internetbrowser. Auf der Webseite des Turniers suchte er nach der Wettervorhersage.

„Zwei Bier und eine Sangria, meine Süße“, erklang eine typisch europäische Stimme hinter ihm.

„Oh, du schmeichelst mir!“ Die Barfrau war sichtlich verlegen.

Reginald beachtete den neuen Gast nicht besonders, der sich für seine Bestellung über den Tresen lehnte. Doch dann hob er kurz den Blick, um zu sehen, ob seine bestellten Drinks schon da waren – in jenem Moment setzte sein Herz aus.

Das war Russell Lee, ein britischer Profispieler. Sein großes Vorbild.

Entgegen allem, was man erwarten würde, war Reginald Weston nie in Phil Mickelson verknallt gewesen, er hatte nie Jack Nicklaus verehrt, sein Zimmer war auch nie mit Postern von Tiger Woods gepflastert gewesen. Nein, über seinem Bett hing ein Poster von Russell Lee.

Russell Lee wurde quasi in seinen Beruf hineingeboren. Sein Vater Ronald war Golfspieler gewesen und das große Idol von Reginalds Mutter, Emily, deshalb wuchs Reginald mit ständigen Lobpreisungen über das europäische Golfen auf. Der Name Lee war dabei besonders präsent, vor allem in diesem einen Jahr – Reginald war sechs oder sieben Jahre alt gewesen. Monatelang hatten sie Geld gespart, um zu den Master-Turnieren in Augusta zu reisen und Emilys Wunsch, Ronald Lee zu treffen, erfüllen zu können.

Russell war für eine ganze Weile die weltweite Nummer Eins gewesen. Immer noch war er einer der besten Spieler auf dem Platz, doch anders als die Spitzenspieler nahm er nur noch gelegentlich an den PGA-Turnieren teil. Aus diesem Grund hatte Reginald bis jetzt noch nicht die Gelegenheit gehabt, ihn persönlich zu treffen oder gegen ihn zu spielen. Und nun befand Russel sich nur ein paar Zentimeter neben ihm. Jetzt, wo er so nah neben seinem großen Vorbild stand, schien er plötzlich vergessen zu haben, wie man atmete; sein Herz begann nach dem anfänglichen Schock wie ein wildgewordenes Pferd davonzurasen. Die Gefühle überwältigten ihn beinahe.

Russell Lee war neun Jahre älter als er. Sein honigblondes, lockiges Haar hatte er mit einem roten Gummiband zu einem schlichten Pferdeschwanz zusammengebunden und ein kurz gestutzter Bart umrahmte sein Gesicht mit den scharf blauen Augen. Sein Körper war kräftig, aber schlank.

In diesem Augenblick fühlte sich Reginald wie ein kleines Licht, fast unbedeutend. Und das nicht im physischen Sinne – er war ziemlich groß, wenn auch nicht so groß wie der Brite, und er war in jedem Fall dünn – sondern auf Profiebene. Wie ein winziges Sandkorn im Meer der Meister.

„Ist bei dir alles okay, junger Mann?“

Reginald blinzelte. Geschah das gerade wirklich? Hatte Lee ihn angesprochen?

„Ich habe dich gefragt, ob alles in Ordnung ist.“

Verdammt.

Ja, er hatte ihn wirklich angesprochen. Plötzlich merkte er, dass er sein Idol mit offenem Mund angestarrt hatte. Wie erbärmlich.

„Ich … Ja, danke.“ Er musste zweimal schlucken. „Sie sind …Russell Lee, oder?“ Er war kaum imstande, diese Frage hervorzubringen, denn seine Aussprache wurde holprig.

„Ha-ha …“, entgegnete Lee.

Er starrte ihn konzentriert an, als würde er das Ende von Reginalds Rede abwarten. Dann legte er eine Hand auf seine Hüfte und befeuchtete seine Unterlippe in einer scheinbar unschuldigen Geste, die trotzdem in höchstem Maße erotisch wirkte.

Reginald schluckte schwer. Der Mann, den er von allen Männern dieser Welt am meisten verehrte, war nicht nur hier, weniger als zehn Zentimeter von ihm entfernt. Er hatte ihn gerade persönlich angesprochen, und, das war das Wichtigste, er war unglaublich attraktiv – noch attraktiver als im Fernsehen.

„Ich …Sie müssen wissen, ich bin ein großer Fan von Ihnen“, stotterte er und versank in absoluter Scham. Er fühlte seine Ohren erröten, ohne, dass er etwas dagegen tun konnte.

Moment mal: nur die Ohren? Wahrscheinlich war seine Haut an jeder sichtbaren Stelle feuerrot.

„Ach, ist das so?“, entgegnete Lee und zwinkerte der blonden Barfrau zu, die die neuen Bestellungen auf einem kleinen runden Tablett abgestellt hatte und Reginalds georderte Drinks auf zwei Untersetzern daneben stellte. Ein anderer Mann erschien in diesem Augenblick hinter ihnen: Mackenzie, Lees Caddie. Sein dichter Schnurrbart ließ ihn aussehen wie einen Piraten.

Und dann geschah es: Reginald sagte das Dümmste, das er je hätte sagen können (zumindest in diesem Moment, wenn man den Anfang ihres Gesprächs bedachte): „Wissen Sie, ich spiele auch Golf.“

Nach diesen Worten schien die Zeit stehenzubleiben. Lee warf ihm einen Blick ohne jegliche Emotion zu, als wäre ihm Reginalds Aussage völlig schleierhaft. Reggie hatte das Gefühl, den schlimmsten Fehler gemacht zu haben, den er jemals hätte begehen können.

„He, Russ, sind die Biere fertig?“

Freundlicherweise wurde die regungslose Stille von MacKenzie unterbrochen, indem er erst einen kurzen Blick auf das Tablett und dann auf seinen Boss warf.

„Weißt du, Mack, dieser kleine Junge hier …“, begann Lee, ohne seinen Blick von Reginald abzuwenden. Er legte eine besondere Betonung auf kleiner Junge: „… sagt, er spiele Golf.“

„Ach, wirklich? Es scheint mir, als spiele heutzutage jeder Golf!“, war der schottisch klingende, sarkastische Kommentar dazu, während MacKenzie die Hand ausstreckte, um aus einer kleinen Glasschale auf dem Tablett eine Pommes zu angeln. Die Barfrau hatte sie eben dazugestellt.

Abgesehen von der Musik im Hintergrund war die Kneipe nun absolut still. Reginald wünschte sich in dieser Sekunde ganz woanders zu sein. Das Gewitter hatte begonnen – und das war nur die Ruhe vor dem eigentlichen Sturm: Er konnte es spüren.

„Hör zu, Junge“, begann Lee wieder, „das ist, als würde ich zu dir kommen und dich ansprechen mit ‚Hey, ich bin auch Mitarbeiter’, oder Sekretär oder was auch immer du in deinem Leben so machst. Mittlerweile muss sich jeder mit jedem vergleichen. Aber so ist es überhaupt nicht. Wir sind nicht alle gleich.“

Der Mann sprach ruhig, doch der Klang seiner Stimme war stechender als eine Tetanusspritze, tödlicher als eine gut geschärfte Klinge. Seine Worte waren Gewehrkugeln. Reginalds Hände formten sich zu Fäusten und er ließ verletzt den Blick zu Boden sinken.

Doch das Schlimmste stand noch bevor.

„Sieh mal, Russ, der Junge ist schwul! Womöglich wollte er dich nur verführen!“

Von einem der volleren Tische, an dem MacKenzie vermutlich saß, waren ein paar seichte Lacher zu hören. Reginald biss sich auf die Lippe, um die Tränen zu unterdrücken, denn seine Augen brannten mittlerweile unerträglich.

„Geh jetzt nicht zu weit, Mac“, mahnte Lee, nahm das Tablett und entfernte sich vom Tresen.

Reginald konnte ihm nicht weiter in die Augen sehen. Trotz großer Anstrengung füllten sich seine Augen mit Tränen. Schnell holte er sein Portemonnaie aus der Hosentasche und zog einen Geldschein hervor, den er neben die Kasse legte. Er achtete nicht einmal darauf, ob er zu viel oder zu wenig gezahlt hatte. Unverständlich murmelte er der Barfrau etwas zu, die ihm ein trauriges Lächeln zuwarf, und stieg vom Barhocker. Den Orangensaft und das Bier ließ er unangetastet stehen.

An der Tür stieß er fast mit Carlos zusammen, der gerade breit grinsend im Eingang der Kneipe erschien. In seinen Händen hielt er eine hübsche, rosafarbene Schachtel.

„Hey, Reggie! Du solltest dir diesen La-“

„Lass uns verschwinden“, unterbrach Reginald ihn leise und drängte sich an ihm vorbei, hinaus aus der Kneipe.

Das gleißend helle Licht der Küste schmerzte in seinen Augen.

„Das ist doch Russell Lee, oder nicht?“, rief Carlos und spähte ins dunkle Innere des Pubs.

„Ja“, bestätigte Reginald mit kratziger Stimme. Er ging so rasch, dass sein Caddie kaum mithalten konnte.

„Reggie, was zur Hölle ist da drin passiert?“, fragte Carlos, beschleunigte seinen Gang und packte Reginald am Handgelenk. „Antworte mir! Was ist passiert?“

„Nichts. Ich dachte eigentlich, Golf wäre ein Sport für ehrenwerte Menschen, für Gentlemen – so heißt es zumindest“, antwortete Reginald. Er atmete kurz ein und vermied, so gut es ging, Carlos anzusehen, damit der seine Tränen nicht bemerkte. Carlos lächelte ihm zu und gab ihm einen aufmunternden Klaps auf die Schulter.

„Weißt du, nicht jeder kennt die Bedeutung des Wortes Gentleman. Es ist ein komplizierter, ja, sogar ein problematischer Begriff.“

Mit diesen Worten brachte er Reginald ein wenig zum Lächeln und er konnte Carlos endlich in die Augen blicken.

Gott, er hatte sich noch nie so beschämt gefühlt …

„Komm schon, wir fahren zurück zum Resort. Lass uns für morgen noch ein wenig auf den Hängen üben!“

Wortlos gingen sie zurück zum Wagen. Carlos setzte sich hinter das Steuer, Reginald öffnete sein Fenster und legte einen Arm im offenen Rahmen ab. Während der gesamten Fahrt verlor er sich immer wieder in Gedanken; vor seinen Augen rauschte die Landschaft vorbei.

„Habe ich dir eigentlich erzählt, dass ich schon einmal Madonna getroffen habe?“, begann Carlos, als sie das Hotel fast wieder erreicht hatten, und brach so die Stille.

Hinter der nächsten Kurve erkannte Reginald das Hotel in der Ferne. „Nein, bis jetzt noch nicht.“

„Oh, Miss Ciccone ist schon immer mein Idol gewesen! Ich habe sie verehrt“, fuhr Carlos fort, seine Augen glänzten. „Jedenfalls habe ich sie eines Tages in einem Restaurant in New York City getroffen. Ich kam gerade hinein und sie war dabei, zu gehen, zusammen mit dem Freund, den sie damals hatte.“

Carlos machte eine Pause, während er in die Einfahrt des Resorts fuhr.

„Ich erzählte ihr, wie sehr ich sie bewundere. Außerdem habe ich sie nach einem Autogramm auf meiner Baseballkappe gebeten. Sie hat mir nicht einmal geantwortet …“

Carlos hielt mit dem Ford Mercury unter dem Vordach der Rezeption, damit Reginald aussteigen konnte. Der Ton seiner Stimme veränderte sich plötzlich, als er eine Hand auf Reginalds linken Arm legte, damit sich dieser zu ihm umwandte.

„Die Menschen sind nicht immer so, wie wir sie uns vorstellen. Am Ende ist es nicht einmal ihre Schuld. Aber … Lass nicht zu, dass du dich wegen deiner Art oder deiner Leidenschaft vor ihnen schämen musst“, schloss er mit seiner herzlichen Art.

Reginald nahm die Worte seines Caddies ernst und nickte. Seine Lippen kräuselten sich wieder zu einem Lächeln. „Danke, Carlos. Ich glaube, dass ich ohne dich wirklich aufgeschmissen wäre.“

Reginald langte nach dem Klinke und öffnete die Tür. Er fühlte, wie sein Herz wieder etwas leichter wurde.

„Das ist der Grund, wieso du mich so großzügig bezahlst, oder nicht?“ Carlos schmunzelte und zwinkerte ihm zu. „Ich sehe dich dann später in deinem Zimmer. Ich muss das Ding hier noch parken!“, rief Carlos, während Reginald aus dem Fahrzeug stieg.

Einen Moment später schlossen sich hinter seinem Rücken die Glasschiebetüren.

2. DONNERSTAG

Reginald würde gegen Hardy, einen weiteren Amerikaner, und Dubois, einen Franzosen, spielen. Sie würden als drittes am ersten Tag des Turniers starten.

Als die aufgehende Sonne den Himmel von Virginia Beach orange färbte, war Reginald bereits auf den Beinen, geduscht und frisch rasiert. Mit noch vom Duschen feuchten Haaren und einem um die Hüften gebundenen Handtuch starrte er seit geraumer Zeit auf die vier Anzüge, die er auf dem Bett ausgebreitet hatte, und versuchte sich für einen davon zu entscheiden.

Er war müde, obwohl der Tag noch nicht einmal begonnen hatte. Er hatte die letzte Nacht schlecht geschlafen. Die Versagensangst und die Erinnerung an das Gespräch mit Russell Lee hatten ihn nur unruhig schlafen lassen. So sehr er sich auch bemühte, er konnte sich an keinen anderen Zeitpunkt seines Lebens erinnern, an dem er so enttäuscht worden war. Enttäuscht und gedemütigt.

Er hatte sich nicht einmal in seinem vorletzten High-School-Jahr so gefühlt, als er von einer Gruppe älterer Jungen öffentlich wegen seiner Homosexualität verhöhnt worden war. Oder als er einen Schritt davon entfernt gewesen war, seine erste Trophäe zu gewinnen, aber das letzte Loch verpasste. Oder als sein erster fester Freund am Valentinstag mit ihm Schluss gemacht hatte. Fester Freund … tatsächlich waren sie nur zwei Tage zusammen gewesen, aber Reggie hat ihn immer als seinen Freund betrachtet.

In dem Pub war etwas geschehen. Etwas unglaublich Intensives, das den Bruchteil einer Sekunde angedauert hatte, bevor es auf die schlimmste Art zerbrochen war.

Er schüttelte den Kopf.

Du machst gerade eine Mücke zu einem Elefanten von etwas, das gar nicht existiert, schalt er sich. Du dachtest, er wäre ein guter Mensch, doch er ist nur ein Arschloch, das dich nicht mag. Das ist alles.

Anschließend schnappte er sich den durchsichtigen Beutel aus der Reinigung, der schwarze Hosen, ein weißes Poloshirt und eine schwarze Weste mit weißen Einschüben enthielt.

„Auf in den Kampf! Vorbereitung ist alles!“, rief er hoffnungsvoll aus.

§§§

Am ersten Abschlag nahmen Reginalds Wangen eine leicht rötliche Färbung an, als der Ansager seinen Namen laut vorlas. Das passierte ihm immer. Er war sicher, dass er sich niemals daran gewöhnen würde, die Ansager seinen Namen sagen und die Leute klatschen zu hören, bevor sie für den ersten Schlag verstummten.

Die Luft war frisch, was ihm geholfen hatte, zum Sonnenaufgang aufzuwachen. Das zusammen mit einer kalten Dusche hatte ihn vollständig geweckt und ihm die benötigte Energie für den Tag gegeben. Nun wurde es ernst: Zeit, zu zeigen, dass er nicht einfach nur eingebildet war.

Er beendete die Runde mit zwei unter Par als Zwölfter, Kopf an Kopf mit den anderen Spielern. Eine mehr als zufriedenstellende Position. Es war, als würde etwas andeuten, dass dieser Kurs wie für ihn gemacht war.

„Ich denke, heute kannst du eine Ausnahme machen und dir selbst ein Bier gönnen!“

Er und Carlos hatten gerade Hardy, Dubois und ihren Caddies am achtzehnten Loch des Golfplatzes die Hände geschüttelt und betraten nun das Clubhaus. Die Kühle der Klimaanlage begrüßte sie aufmerksam und freundlich.

Reginald schüttelte den Kopf. „Ich bevorzuge den guten alten Orangensaft“, sagte er mit einem Halblächeln.

Carlos ging zur Theke, um zu bestellen, nicht ohne rau zu grummeln: „Ich hoffe, dass du dir selbst ein Glas Champagner erlauben wirst, solltest du jemals ein Turnier gewinnen!“

Er nahm an einem der letzten freien Tische vor den großen Fenstern Platz, sodass er den letzten Putt der anderen Spieler beobachten konnte, wie diese sich dem letzten Loch näherten. Carlos kehrte innerhalb von ein paar Minuten zurück. Sie beide nippten an ihren Gläsern und nahmen dann ihre Notizbücher heraus, um den Kurs des zweiten Tages zu studieren.

„Nummer Sieben ist definitiv das schwierigste der ersten Neun“, kommentierte Carlos, während er so schnell durch die Seiten seines Notizbuches blätterte, dass sie eine Brise verursachten.

„Ja. Es geht bergauf, hat zwei Ebenen und ein Gefälle am Ende und auf der linken Seite“, stimmte Reginald zu und sah sich die Notizen an, die er selbst zu dem Loch gemacht hatte. „Aber es hängt davon ab, wo sie morgen den Flaggstock platzieren werden. Bei den anderen Neun sind die Schlimmsten die Zehn, Zwölf und …“

Reginalds Stimme brach mitten im Satz, und auch die Geräuschkulisse um ihn herum existierte plötzlich nicht mehr. Das einzige, was er noch hörte, war das Schlagen seines eigenen Herzens, das in seinen Schläfen widerhallte.

„Das siebzehnte“, beendete Carlos den Satz für ihn. „Aber wenn es nicht windig ist und die Flagge nicht so schlecht positioniert ist wie heute, könntest du für das siebzehnte … Reggie? Was ist los?“

Reginalds Blick war auf der Grünfläche unter ihnen fixiert. Sein Mund war leicht geöffnet, als wollte er etwas flüstern, das ihm dann doch im Hals stecken blieb. Zudem waren seine Lippen röter als gewöhnlich – genau wie seine Wangen.

„Reginald?“, wiederholte Carlos, aber Reggie hielt an seinem Schweigen fest. Also lehnte sich Carlos hinüber, um besser aus dem Fenster sehen zu können.

„Was ist am achtzehnten Loch so spannend?“

Interessant an dem Kurs war Russell Lee, der versuchte, den Putt des Tages zu landen und das Loch mit einem Birdie zu beenden, um seine gute Position zu behalten.

Reginald sah, wie er mit MacKenzie diskutierte und sich dann darauf vorbereitete, den Golfball zu schlagen. Und als Lee seinen Griff ausprobierte und probeweise ausholte, rückte Reggie näher ans Glas, hielt den Atem an und folgte dem Geschehen mit erwartungsvollem Blick. Sein Idol live beim Golfen beobachten zu können hatte ihn sofort vergessen lassen, wie arrogant er Russel eigentlich fand.

Schließlich schlug Russell geschickt den Ball, der direkt in das Loch rollte. Er hatte sich den fünften Platz gesichert. Lautes Klatschen kam aus dem Publikum, als Lee zufrieden seine Mütze absetzte. Jetzt konnte auch Reginald endlich wieder atmen.

Doch seine Erholung hielt nicht lange an. Eine blonde Frau, groß und schlank, näherte sich Russell. Sie kam hinter der Absperrung des Bereichs hervor, zu dem die Öffentlichkeit keinen Zutritt hatte. Er zog sie an sich und starrte heißhungrig auf ihren Mund. Die Frau war Danielle Morton, seine Langzeitpartnerin. Jetzt endlich konnte sich Reginald von der Szene losreißen und seinen Blick wieder auf sein Notizbuch richten. Auf einmal war er traurig.

„Lass los, Süßer“, riet ihm Carlos vorsichtig.

„Mir geht es gut, Carlos, mach dir keine Sorgen um mich.“ Er runzelte die Stirn und konzentrierte sich wieder auf seine Notizen. „Und jetzt lass uns über das Wasserhindernis bei Loch Siebzehn nachdenken.“

Doch die Siebzehn blieb nur für drei Minuten der Fokus seiner Konzentration, da Lee und MacKenzie nun das Clubhaus betraten. Reginalds Herz hämmerte wie verrückt in seiner Brust.

Bitte, lieber Gott, mach, dass er mich nicht sieht …

Aber warum sollte es ein Problem sein, wenn Lee ihn sah? Sicherlich hatte er zum jetzigen Zeitpunkt Reggies Gesicht und die Ereignisse von gestern längst vergessen.

Lee schüttelte auf dem Weg zur Theke viele Hände.

Reginald tat sein Bestes, um sich auf die Daten und Messungen zu konzentrieren, die vor ihm lagen, doch er scheiterte. Er konnte seinen Blick nicht von Russell lösen, von seiner weißen Hose, seinem orangenen Poloshirt. Er fühlte sich von seiner Präsenz regelrecht angezogen. Je mehr er versuchte, woanders hinzuschauen, desto mehr klebte sein Blick an dem dunkelblonden Haar, das Russells Gesicht umgab, an seinem lächelnden Mund. Dieser Mann hatte ihn verletzt, und er war so dumm, sich immer noch Kontakt zu wünschen.

Dumm, dumm, dumm …

„Ehrlich, Reggie, er ist es nicht wert“, hörte er Carlos wieder flüstern.

„Ich habe dir doch schon gesagt, mir geht es gut.“

Erneut versuchte er, sich auf die Zeichnung vom siebzehnten Loch zu konzentrieren, bei dem er fälschlicherweise den Ball auf den Fairway geschlagen hatte, sodass er ins Wasser gefallen war. Doch obwohl er das Loch erst kürzlich gespielt hatte, konnte er sich an kein hilfreiches Detail erinnern. Sein Gehirn weigerte sich zu kooperieren.

„Ich hoffe nicht, dass du dich in Lee verliebt hast“, fuhr Carlos unbeirrt fort.

„Ich bin in niemanden verliebt!“, stellte Reginald sofort klar. Seine Stimme überschlug sich dabei fast und er hüpfte in seinem Stuhl auf und ab. Er spürte, wie ihm die Verlegenheit ins Gesicht schoss, während sein Herzschlag sich weigerte, sich zu verlangsamen.

Es war nur Bewunderung, oder nicht?

Er wandte den Kopf ab in einem für ihn ungewohnten und kindischen Protest, und zu diesem Zeitpunkt entschieden sich sein Herz und seine Lungen nicht weiter miteinander zu arbeiten. Es dauerte nur einen Moment, dann erblickten Russells blaue Augen Reginalds. Sie musterten sie, besaßen sie.

Und, Gott, er war so unglaublich schön. Und dieser Blick – so verdammt männlich …

Es war nicht schwer zu erkennen, dass, ja, Lee ihn wiedererkannt hatte. Er fühlte wieder dieselbe Verlegenheit wie am Vortag, so stark, dass er sofort den Blick abwandte. Seine Haut durchlief in nur einer halben Sekunde jeden erdenklichen Rotton.

„Lass uns gehen, wir müssen nicht länger hier blieben“, wies Carlos ihn entschlossen an. Reggie schloss sein Notizbuch und stand auf, nachdem er seinen Orangensaft ausgetrunken hatte. Er nickte und folgte ihm.

„Vernünftig, mein Freund!“, kommentierte Carlos.

Sie gingen auf den Ausgang zu, indem sie sich zwischen den vielen Menschen hindurchmanövrierten, die das Clubhaus füllten. Reginald hielt seinen Blick nach vorne gerichtet, besonders, als sie nur noch einen Schritt von Lee entfernt waren.

Für eine Sekunde befürchtete er – hoffte er –, dass Lee ihn aufhalten würde, um ihm etwas wie ‚Ich möchte mich für gestern entschuldigen’ zu sagen. Doch das geschah nicht.

Verdammter Idiot …

Einen Moment später waren sie wieder draußen, in der schwülen Hitze des Golfplatzes.

§§§

Das Resort konnte drei Restaurants aufweisen: ein luxuriöses Steakhouse, ein Fast-Food-Restaurant und eine Sushi-Bar. Seit sie in Virginia Beach angekommen waren, hatten sie nur Fast-Food als Abendessen gehabt, da das Steakhouse zu teuer für ihre Brieftaschen war und sie keinen rohen Fisch mochten.

Donnerstagabend war da nicht anders. Carlos bestellte einen Bacon-Hamburger und Reginald einen Salat.

„Scheiße, Mann, du solltest wirklich mit etwas Sex Luft ablassen und diese gesunde Diät beenden“, tadelte Carlos ihn, nachdem er den Inhalt des Salattellers begutachtet hatte.

„Danke, Carl, ich liebe dich auch“, grummelte Reginald und öffnete seine Dose Rootbeer.

Nicht, dass Reggie ein totaler Gesundheitsfanatiker gewesen wäre. Er gönnte sich ab und zu gerne ein gutes, leicht gebratenes Steak oder einen saftigen Hamburger. Tatsächlich versuchte er, sein weniges Geld beisammen zu halten. Seine Familie war nicht reich, und alle hatten viele Opfer gebracht, um ihm die professionelle Tour zu ermöglichen. Die Flüge, die Hotelübernachtungen, der Unterricht bei seinem Coach und Carlos’ Gehalt verbrauchten immer den größten Teil seiner Einnahmen bei jedem Turnier. Also zog er es vor, dass sich sein Freund keine Sorgen machte, indem er ihn glauben ließ, manche seiner Entscheidungen waren sein eigener Wille, und ihm nicht durch finanzielle Nöte aufgezwängt. Anderenfalls, das wusste Reginald, würde Carlos sich zu viel um ihn sorgen.

Sie waren schnell mit dem Essen fertig, und als sie das Restaurant verließen, war die Temperatur immer noch hoch. Die Sonne war gerade mal den ersten Tag untergegangen, und Reggie war schon ein Wrack, mental noch mehr als körperlich. Es erschien ihm fast unmöglich, den kommenden Sonntag zurechnungsfähig zu erreichen.

„Ich bin noch nicht so müde. Ich würde gerne in den Park gehen, bevor ich schlafen gehe“, verkündete Reginald, seine Hände in den Taschen seiner Trainingshose vergraben.

„Ich gehe direkt zurück. Wir müssen morgen früh aufstehen“, entschied sich Carlos dagegen.

Sie verabschiedeten sich vor einem der Seiteneingänge des Resorts. Carlos wünschte ihm mit einem Klaps auf die Schulter, so, wie er es oft tat, eine gute Nacht. Dann machte sich Reginald alleine auf den Weg.

Das Gelände des Resorts war immens groß, mit dem Park, den Swimmingpools, der Shoppingmeile und den anderen Annehmlichkeiten. Eine kurze Zeit später befand sich Reggie vor einer Reihe Umkleidekabinen und sah auf den kleinsten der Pools hinaus und von dort zum Eingang des im Dunkeln liegenden Fitnessbereichs.

Er konnte nicht sagen, wie genau er hierher gekommen war. Sein Kopf, zu konzentriert auf die Ereignisse der letzten zwei Tage, wäre jedenfalls nicht imstande gewesen, seinen Körper diesen Pfad ein zweites Mal entlangzuführen. So entschied er sich, das Fitnessstudio zu betreten, in der Hoffnung, von dort aus zu seinem Hotelzimmer zurückkehren zu können.

Der Begriff ‚Fitnessbereich’ war nicht ganz zutreffend. Es hätte ‚super-luxuriöser Fitnessbereich’ heißen müssen. Es war ein großer rechteckiger Raum; die beiden langen Seiten von Fenstern gesäumt, vor denen hier und da elegante Ledersessel platziert waren, der Boden vollständig mit Parkett ausgelegt. Das Sportequipment (alles aus der neuesten Generation) befand sich am Ende des Raumes, während sich vorne in einer Ecke eine Bar befand, die aus einer runden Theke und einem modernen Stahlkühlschrank bestand. Dieser war mit einem digitalen Display ausgestattet, in den ein Code eingegeben werden musste, um ihn öffnen zu können.

„Hmm, hier also verstecken sie den Vorrat an Moët & Chandon“, gluckste er leise.

Heute Abend war es weitestgehend ruhig in dem großen Raum. Reginald schlenderte ein wenig nach rechts, links und durch die Mitte, schaute sich jedes Sportgerät an und lächelte in sich hinein. Ruhe und Beschaulichkeit waren genau das, was er jetzt brauchte.

Er näherte sich einem der Fenster, um sich geistesabwesend den Park anzusehen, der sich dahinter befand. Und dort erwartete ihn eine Überraschung.

Danielle, Russells Gefährtin, schlenderte dort durch den Park, Hand in Hand mit einem Mann. Doch dieser Mann war nicht Russell, sondern ein schwarzhaariger junger Mann, den Reginald nicht kannte. Jetzt küsste sie ihn sogar leidenschaftlich.

Reginald fühlte sich wie ein Eindringling in der Privatsphäre von jemand anderem. Er sprang von dem Fenster weg und presste sich gegen die Wand.

„Shit …“, fluchte er und fuhr sich durch die Haare.

Sofort durchschoss ihn eine Welle der Schuld und Verwirrung wegen dem, dessen er gerade ungewollt Zeuge geworden war. Er fühlte plötzlich eine unerklärliche Verbundenheit gegenüber Lee, die schnell die lebhaften Farben ihres Zusammentreffens am Tag zuvor abmilderte.

Doch dann sagte er sich, dass er letztendlich nichts über Russells Privatleben wusste. Sie konnten eine „offene“ Beziehung haben, oder vielleicht hatten sie einander auch schon jahrelang betrogen. Warum sollte er sich um eine Person sorgen, die ihn nicht einmal mochte?

Er straffte die Schultern und ging auf die Bar zu. Er beugte sich hinunter und nahm sich ein Glas von dem unteren Regal, das er auf der Theke abstellte. Anschließend wandte er sich dem Kühlschrank zu und runzelte die Stirn.

Wie zur Hölle auch immer die Kombination lautet …

Reginald gab willkürlich Zahlen ein, doch keine Kombination schien zu funktionieren. Irgendwann wurde er sauer auf die böswillige Maschine vor ihm. Er fing an, wütend die Knöpfe zu drücken, ohne sich darum zu scheren, dass ihm das Ding gar nicht gehörte.

„Verdammt!“, fluchte er und schlug einmal gegen das Gerät, um seinen Ärger zu unterstreichen. „Denkst du denn wirklich, dass sie da drin Moët & Chandon lagern?”

„Eins, zwei, drei, vier“, sagte eine Stimme hinter ihm.

Reginald zuckte zusammen und drehte sich zum Eingang, ein wenig verlegen darüber, erwischt worden zu sein. Hinter der Theke, die orangenen Ärmeln seines Shirts bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt, die rechte Hand in die Hüfte gestemmt, stand Russell Lee. Er sah Reginald an, einen beinahe amüsierten Ausdruck im Gesicht.

„Wa… was?“, stotterte Reginald. Gedanklich dankte er Gott für die Fast-Dunkelheit des Raumes, die half, die Röte, die in seine Wangen geschossen war, zu verbergen.

„Die Zahlenkombination für den Kühlschrank ist eins, zwei, drei, vier. Banal, ich weiß, aber so ist es“, erklärte der Mann und leckte sich die Lippen. „Und … nein, da ist kein Moët & Chandon, nur ein paar Flaschen mit durchschnittlichem Wein.“

Meine Güte, diese Zunge …

Reginalds Herz fing in seiner Brust zu hämmern an. Bum, bum, bum! Unerträglich …

Was für einen verdammt idiotischen Eindruck ich abgeben muss.

„Lass mich mal“, sagte Russell. Einen Moment später war er vor dem Gerät und schob Reginald mit einem Schwung seiner Hüfte aus dem Weg.

Reginald erbebte. Das hier zu überleben würde kein einfaches Unterfangen werden.

„Das Mädchen, das hier tagsüber serviert, hat mir die Kombination gegeben. Weißt du, sie mag mich sehr gern“, fuhr Russell fort, während er Früchte aus der Schublade des Kühlschranks nahm. Früchte, die Reginald in diesem Moment unbekannt schienen. Karotten? Mangos? Er wusste es nicht.

„Daran zweifle ich nicht“, entfuhr es ihm, seine Stimme so schrill, dass es schon fast peinlich war.

Was bitte habe ich gerade gesagt?