Wie Blätter auf dem Wasser - Cristina Bruni - E-Book

Wie Blätter auf dem Wasser E-Book

Cristina Bruni

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Beschreibung

Seth Cohen ist ein Redcoat Sergeant bei der Royal Canadian Mounted Police in einem kleinen Ort nahe der Grenze zwischen Kanada und Alaska. Er hat einige überflüssige Pfunde und eine Vergangenheit, die ihn tief verletzt hat. Sein Herz hat er schon vor langer Zeit vor der Liebe verschlossen. Alles ändert sich, als Cole Danner, ein Journalist aus Vancouver, in dem Städtchen auftaucht. Zwischen den beiden Männern beginnt eine wunderbare Freundschaft, und Seth verliebt sich langsam in Cole. Das Gefühl bringt ihn aus der Fassung, nicht nur weil Cole ein Mann ist, sondern weil der Reporter entschlossen ist, die Mauern zu zerstören, hinter denen sich Seth versteckt. Wird Seth sich endlich der Liebe hingeben können?

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Seitenzahl: 372

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Cristina Bruni

Wie Blätter auf dem Wasser

Roman

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2024

http://www.deadsoft.de

© the author

Titel der Originalausgabe: Come foglie sul fiume

(Like leaves flowing on the river)

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte:

© Abstract51 – stock.adobe.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-686-9

Inhalt:

Seth Cohen ist ein Redcoat Sergeant bei der Royal Canadian Mounted Police in einem kleinen Ort nahe der Grenze zwischen Kanada und Alaska. Er hat einige überflüssige Pfunde und eine Vergangenheit, die ihn tief verletzt hat. Sein Herz hat er schon vor langer Zeit vor der Liebe verschlossen.

Alles ändert sich, als Cole Danner, ein Journalist aus Vancouver, in dem Städtchen auftaucht. Zwischen den beiden Männern beginnt eine wunderbare Freundschaft, und Seth verliebt sich langsam in Cole.

Das Gefühl bringt ihn aus der Fassung, nicht nur weil Cole ein Mann ist, sondern weil der Reporter entschlossen ist, die Mauern zu zerstören, hinter denen sich Seth versteckt.

Wird Seth sich endlich der Liebe hingeben können?

Kapitel 1

Evelyn stürmte mit der Wucht eines Hurricanes in das Polizeirevier der Royal Canadian Mounted Police. Die mit Aluminium verkleidete Tür schlug gegen die Wand mit den alten Gemälden und schwang unheilvoll gegen das Porträt von Chief Sergeant Shields, der bereits seit zwei Jahren im Ruhestand war.

Constable Jared, der hinter seinem Schreibtisch saß und sich gerade seinem üblichen Mittagsschlaf hingeben wollte, sprang förmlich aus seinem Stuhl.

»Ist er da?«, fragte Evelyn besorgt und schlug mit der Faust auf den Schreibtisch.

Jared blinzelte. »Äh? Ähm … Ja«, antwortete er schläfrig und versuchte, herauszufinden, wer und wo er war.

»Gott sei Dank«, seufzte die Frau und strich eine widerspenstige blonde Haarsträhne aus ihrem Gesicht.

Der Officer, der ein Gähnen kaum unterdrücken konnte, folgte ihr mit den Augen bis zur geschlossenen Tür des Chief Sergeants, oder vielmehr verfolgte er mit großem Interesse die sanften Kurven, die ihren schönen, mandolinenförmigen Hintern zeichneten. Er leckte sich über die Lippen und sah, wie sie einen langen Moment vor den goldenen Buchstaben innehielt, bevor sie schließlich ohne anzuklopfen eintrat.

Jared lehnte sich an seinem Schreibtisch zurück, um einen letzten, flüchtigen Blick auf eines der wenigen hübschen Mädchen des Dorfes zu werfen, bevor Evelyn die Bürotür mit naturgegebener Anmut schloss.

Seth Cohen, Chief Sergeant der RCMP, Abteilung M in Hana, Yukon, saß an seinem Schreibtisch und war in einen Bericht über den Diebstahl eines alten Polaris-Schneemobils vertieft, als Evelyn den Raum betrat.

»Seth, bei allen Göttern des Olymps«, seufzte sie und legte eine Hand auf ihre Brust.

Bei allen Göttern des Olymps … Es gab noch Menschen, die solche Ausdrücke benutzten? Mit einer hochgezogenen Augenbraue beobachtete er, wie sich die junge Frau auf dem Stuhl ihm gegenüber niederließ und ein weiteres Mal angespannt seufzte.

»Seth, ich brauche dringend deine Hilfe«, sagte sie und tippte mit ihren langen, rot lackierten Fingernägeln auf den Schreibtisch. »Hast du schon zu Mittag gegessen?«, fuhr sie fort und beugte sich vor.

Seths Blick wanderte unweigerlich zum großzügigen Ausschnitt ihrer rosafarbenen Bluse, der voluminöse, feste Brüste hervorhob, die einer Seifenoper-Diva würdig waren. Bei diesem Anblick lief ihm ein Kribbeln über den Rücken und weiter nach unten. Er begehrte sie seit Monaten. Zumindest glaubte er das. Tagelang hatte er sich ausgemalt, wie es wäre, sie zum Essen auszuführen oder nur zum Kaffee einzuladen. Und wie wunderbar es wäre, eine Frau wie sie an seiner Seite zu haben. Oder noch besser in seinem Bett. Mit Sicherheit wunderbar, doch eigentlich hatte Seth keine Ahnung, denn er hatte nie eine Gefährtin gehabt, die so sinnlich, schön und attraktiv war. Nicht einmal jemanden, der das genaue Gegenteil von Evelyn war. Genau genommen hatte er noch nie eine Freundin gehabt. Unzählige Male hatte er sich vorgestellt, sie einzuladen, aber immer im letzten Moment einen Rückzieher gemacht. Sowohl bei Evelyn als auch bei jeder anderen Frau, die ihn interessiert hatte. Denn er wusste bereits, wie es enden würde: Er bekäme einen Korb.

Seths eisblaue Augen fielen auf die geöffnete Akte. Der Fall des gestohlenen Schneemobils war am Vortag nach etwa eineinhalbstündigen Ermittlungen gelöst worden und gehörte zweifellos zu den aufregendsten Ereignissen, die sich in den letzten zehn Monaten in Hana zugetragen hatten. Ein Polizist in einem Dorf am Ende der Welt zu sein, gehörte nicht gerade zu den spannendsten Dingen. Der Mangel an Adrenalin in seinem Beruf ging Hand in Hand mit dem in seinem Privatleben.

»Ich habe … Ich habe noch nichts gegessen, Evy«, antwortete er zögernd.

Evelyns Gesicht hellte sich auf. »Oh, perfekt!«, zwitscherte sie und fächelte sich mit einer Hand Luft zu. Dann streckte sie sie nach Seth aus. »Komm, lass uns bei Jack’s ein Räucherlachssandwich essen gehen. Ich lade dich ein!« Evelyn sprang auf und öffnete mit Schwung die Tür.

Seth war noch dabei, in seine Dienstjacke zu schlüpfen, während sie schon halb draußen war.

Constable Jared hingegen hatte sich wieder seiner Mittagsruhe zugewandt.

Sie gingen ein paar Minuten schweigend Richtung Restaurant, entlang des rauschenden Yukon River, der durch das kanadische Dorf floss. Die ganze Zeit über hielt Seth seinen Blick gesenkt und hatte seine Hände in den Taschen seiner schwarzen Hose vergraben, während er überlegte, was Evelyn von ihm wollte. Vielleicht würde dieses Mittagessen das erste von vielen sein. Wenn Evelyn es anbieten würde, hätte er einen Vorwand, sich zu revanchieren, eventuell mit einem romantischen Abendessen. Bei dem Gedanken daran schlug ihm das Herz bis zum Hals. Er hätte nie den Mut gefunden, sie um eine Verabredung zu bitten.

»Evelyn, Seth, was darf ich euch bringen?«, fragte der Kellner und kam mit zwei Speisekarten an ihren Tisch. Jack Drummond war ein Fischer in seinen Fünfzigern. Sein Leben, das er oft im Freien verbracht hatte, hatte sein Gesicht mit ausgeprägten Falten gezeichnet. Doch sein stets präsentes Lächeln und seine strahlenden Augen ließen die Zeichen des Alterns vergessen.

Mit einer Handbewegung lehnte Evelyn die Speisekarten ab. »Zwei Räucherlachssandwiches, bitte. Und zwei Bier.«

»Für mich nur Wasser, ich bin im Dienst«, korrigierte Seth eilig. Er rieb sich mit den Händen über seine breiten Oberschenkel. Er schwitzte, ein deutliches Zeichen dafür, dass die übliche Angst lauerte, bereit, bei der ersten Gelegenheit zuzuschlagen.

»Getränke und Sandwiches kommen gleich, Leute«, verkündete Jack, bevor er sie allein ließ.

Evelyn legte ihre Hand auf ihre Brust und seufzte zum x-ten Mal. »Seth, ich habe ein Problem«, begann sie. Ihre Hand, die eben noch auf ihrem üppigen Dekolleté gelegen hatte, wanderte auf Seths Rücken und blieb dort.

Fuck.

Er erschauderte und versuchte, sich zu erinnern, wie oft er schon von Evelyn berührt worden war. Wie oft sich ihre Körper überhaupt berührt hatten. Die Antwort war: noch nie.

Sie richtete ihre schönen dunklen Augen auf die hellen von Seth. Eindringlich sah sie ihn an, was ihm eine Flut weiterer Schauder bescherte und prompt die Lust in seinem Schritt anregte.

»Ich glaube, ich bin verliebt, Seth«, verriet sie schließlich und umschloss seine Hand.

Oh Gott!

Meinte sie etwa ihn? Das war unmöglich. Es war einfach nicht vorstellbar, dass sich eine Frau wie sie zu einem Mann wie ihn hingezogen fühlte, zu einem Körper, in dem er seit Anbeginn gefangen war und den er hasste. Seth öffnete die Lippen und versuchte, etwas zu sagen, aber kein einziger Laut kam aus seinem Mund. Sein Herz klopfte hart gegen seine Brust. Himmel, wie sehr wünschte er, er hätte sie sagen hören: Seth, ich habe mich in dich verliebt! Er brauchte das geradezu physisch. Nicht, weil er in sie verliebt war. Er fühlte sich zu Evelyn hingezogen, aber er war sich ziemlich sicher, dass es keine Liebe war, die er für sie empfand. Schließlich konnte er niemanden lieben, mit dem er bis dato nur gelegentlich ein Wort gewechselt hatte. Sicherlich traf das auch auf Evelyn zu, und der rationale Teil von ihm flüsterte ihm das zu. Aber sich von jemandem geliebt zu fühlen, war etwas, das er sein ganzes Leben lang schon vermisste.

»Ich habe mich in Jim verliebt.«

Natürlich.

Seth nickte traurig und zog reflexartig seine Hand unter ihrer weg, um sie auf den Tisch zu legen. Jim Shields, der Sohn des ehemaligen Sergeant Major, war in Seths Alter. Er kannte ihn, seit er etwas über siebzehn Jahre alt gewesen war. Solange er sich erinnern konnte, galt Jim als der gut aussehende Mann des Dorfes. Er half Seth an drei Nachmittagen in der Woche beim Rainbow Project, in dem sie sich um die Kinder von Hana kümmerten, ihnen bei den Hausaufgaben in der Dorfbibliothek halfen und sie betreuten, bis ihre Mütter von ihren Jobs zurückkehrten, die teilweise außerhalb des Dorfes lagen. Nach Constable Jared und Officer Cory war Jim die Person, mit der er die meiste Zeit verbrachte, und sie verstanden sich gut. Jim hatte einen guten Draht zu den paar hübschen Frauen in Hana, zu denen der Nachbarorte und sogar zu den Ausländerinnen, die an den Schlittenhunderennen teilnahmen, die dieses Gebiet zwischen Alaska und Kanada während der langen und harten Winterzeit berühmt gemacht hatten. Seth könnte eine lange Liste mit all den Dingen schreiben, um die er Jim beneidete. Den schlanken, athletischen Körperbau zum Beispiel, aber auch die Ausstrahlung, den Charme, die Art, wie er sprach. Kurz gesagt: Jims verführerisches Arsenal würde 007 vor Neid erblassen lassen. Wenn er es mit seinem eigenen verglich … Seth dachte lieber nicht darüber nach.

»Du musst mir helfen, ihn zu beeindrucken, Seth!«, unterbrach Evelyn seine Gedankengänge.

Ihr helfen, jemanden zu beeindrucken? Evelyn beeindruckte jeden, sie hatte die Qual der Wahl.

»Du könntest ein bisschen mit ihm plaudern und herausfinden, was er von mir hält. Und vielleicht könntest du sogar eine Verabredung arrangieren! Mal überlegen …« Sie schnippte geräuschvoll mit den Fingern. »Ich hab’s! Die Fünfzigerjahre-Tanznacht, die der Bürgermeister für den Stiftungstag plant! Du könntest Jim sagen, dass ich gerne mithelfen würde. Und was noch, mal sehen …«

Aber da hatte er schon aufgehört, ihr zuzuhören.

Seth verließ das Restaurant, nachdem er versprochen hatte, sich mit Jim zu unterhalten. Er hatte bei jedem Vorschlag von Evelyn genickt, jede ihrer Bitten bejaht, ohne dass sein Verstand mit dem verbunden gewesen war, was seine Ohren gehört hatten. Evelyn hätte ihn fragen können, ob er Wells Fargo für sie ausrauben würde, er hätte ja gesagt und ihr das netteste aller falschen Lächeln geschenkt. Er hatte kein einziges Wort verstanden, das sie miteinander gesprochen hatten, weil es ihm schlicht egal gewesen war. Er hatte darauf bestanden, die Rechnung zu zahlen, und war mit brennenden Augen hinausgegangen. Eine Geschichte, die sich wiederholte, so unerbittlich und pünktlich wie ein Schweizer Zug. Seth war dreißig und hatte ein verwundetes Herz, das immer noch darauf wartete, von jemandem geheilt zu werden.

Er schlenderte geistesabwesend am Yukon entlang. Es war erst Ende August, doch einige der Blätter an den Bäumen begannen bereits gelb zu werden. Eines von ihnen fiel vom Ast einer Balsampappel, tanzte anmutig vor seinen Augen und landete dann auf dem Wasser des Flusses. Der harte nordamerikanische Winter versprach, in diesem Jahr früh zu kommen. Seth fluchte vor sich hin.

Er kam schließlich beim Polizeirevier an, hatte aber keine Lust, gleich wieder in sein Büro zu gehen. Also marschierte er um das Gebäude herum auf den hinteren Parkplatz und suchte in den Taschen seiner Uniformhose nach den Schlüsseln für sein Auto, einem Mazda 4x4. Er öffnete ihn und ließ sich auf dem Fahrersitz nieder. Für einen Moment schloss er die Lider, um seine müden Augen auszuruhen. Dann überfielen ihn die bitteren Erinnerungen an seine Jugendzeit. Sie kratzten und bissen ohne Erbarmen.

Seth war nie schlank gewesen. Als er auf die Welt gekommen war, hatte er viereinhalb Kilo gewogen. Die ersten Worte seiner Mutter Amanda waren gewesen: Hey, kleiner Riese! Sein Vater Dalton hatte an jenem kalten Dezembermorgen im Whitehorse General Hospital nicht viel zu seinem pummeligen Neugeborenen gesagt. Er hatte es nicht gestreichelt, nicht im Arm gehalten, nicht die kleine Wollmütze auf den kahlen Kopf gesetzt, die im Laufe der Jahre mit weichen, lohfarbenen Locken gefüllt worden war. Nein, er hatte keine liebevollen Worte zu seiner Frau oder seinem Sohn gesagt, sondern stattdessen das eine oder andere Schimpfwort über die Lippen gebracht, was ihm den Unmut des Krankenhauspersonals eingebracht hatte. Die erste Bemerkung, die Dalton seinem Sohn, im wahrsten Sinne des Wortes, entgegengespuckt hatte, war am Nachmittag gefallen: Noch so ein fetter Kerl! Genau wie seine Schlampe von Mutter. Er wird sterben, bevor er richtig leben kann! Dann war der frischgebackene Vater verschwunden, um sich einen Drink zu genehmigen. Aus dem Drink waren vier geworden, dann fünf und schließlich hatte er aufgehört zu zählen.

Dalton war wieder aufgetaucht, als Seth fünf Tage alt gewesen war und fortan in einem Loch von Wohnung über einem chinesischen Imbiss gewohnt hatte, das er bis zu seinem siebzehnten Lebensjahr sein Zuhause genannt hatte.

Becca Kelley war sein erster Schwarm gewesen. Okay, nicht ganz sein erster, aber die wenigen Erfahrungen, die ihr vorausgegangen waren, ließen sich eher unter Unschuldige Küsse mit zusammengepressten Lippen und ohne Anfassen, ausgetauscht mit Klassenkameraden in der Grundschule einordnen. Kurz gesagt: Nichts, was im Lebenslauf eines Mannes zählte. Mit Becca hatte sich Seth zum ersten Mal der Intimität angenähert. Die Sinnlichkeit eines Zungenkusses, das körperliche Vergnügen, zwei weiche, volle Brüste unter seinen Händen … Leider war das mit Becca seine erste und letzte sexuelle Erfahrung gewesen, wenn man von den Gelegenheiten absah, in denen er für Sex bezahlt hatte. Denn als Seth seine Hand zwischen die Schenkel der jungen Frau geschoben und den rauen Baumwollslip gespürt hatte, war Becca auf dem Sitz des alten Cavalier entsetzt zurückgewichen. Seths Blick dagegen war verloren vor Verliebtheit gewesen.

Hey, du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich mit einem fetten Kerl wie dir Sex haben will!, hatte sie gesagt. Ihre Stimme war schrill gewesen und hatte das Blut in den Adern des sechzehnjährigen Seth gefrieren lassen. Ein Schauder hatte seinen Körper umhüllt, während sein Nacken gekribbelt und sein Herz so heftig gepocht hatte, dass er geglaubt hatte, zu platzen und sein elendes Leben in dem dreckigen Chevy auszuhauchen, in dem die Luft nach Cola und Lust gestunken hatte.

Becca hatte spöttisch gelächelt, als sie den Ausdruck von echtem Schmerz auf Seths Gesicht bemerkt hatte. Dann hatte sie nach ihrer Handtasche gegriffen und ihren Lippenstift nachgezogen. Ein oder zwei Knutscher sind in Ordnung, aber nimm deine verdammten Wurstfinger von mir! Hast du dich mal angesehen? Du bist fast breiter, als du hoch bist, hatte sie beiläufig weitererzählt, ohne zu bemerken, dass jedes Wort, jede Silbe aus ihrem Mund einem Pflock in Seths Herz gleichgekommen war.

Er hatte regungslos da gesessen und sie betrachtet, während sich Becca geschminkt hatte. Dann hatte er die Hand auf die Tür gelegt, war nach Luft ringend aus dem Auto gestiegen und zügig zum Sägewerk gelaufen, wo er an den Wochenenden gearbeitet hatte, um die Miete zu bezahlen. Er hatte gedacht, dass nichts sein Herz mehr verletzen könnte als das. Aber da hatte er sich gewaltig geirrt.

Seine Mutter war tot in der Badewanne aufgefunden worden. Ihre Handgelenke waren mit einer Rasierklinge aufgeschlitzt gewesen und das Wort Fett war mit ihrem eigenen Blut auf die Fliesen geschrieben worden. Seth hatte sich nie ganz von diesem traumatischen Ereignis erholt und immer weniger über seine Mutter oder Becca gesprochen und die Erinnerungen in eine dunkle Ecke seines Geistes verschlossen. Doch noch immer blutete sein Herz, denn auch nach vierzehn Jahren hatte es nicht aufgehört.

Plötzlich rauschte das Funkgerät und trug ihn von der Straße der bitteren Erinnerungen weg.

Die unsichere, schwankende Stimme der Vermittlerin Pitcher ertönte. »Chief, hier ist die Zentrale. Wir haben ein 10-91D. Over.«

Seth blinzelte und schnaufte. Der Code 10-91D bedeutete Totes Tier. Er massierte sich müde den Nasenrücken und griff nach dem Funkgerät. »Hier ist Cohen. Ort des Fundes? Over.«

»In der Nähe von Old Pete’s, Chief. Jared fährt jetzt los. Over.«

Seth blickte gerade noch rechtzeitig auf, um zu sehen, wie der Officer aus der Hintertür des Reviers trat, seinen Hut zurechtrückte und die Stufen zum Parkplatz hinunterging. Seth hupte, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Jared grüßte ihn mit einer Handbewegung und beschleunigte die Schritte in seine Richtung. »Roger, wir fahren zusammen. Over and out.«

Hanas ranghöchster Officer der Royal Canadian Mounted Police fuhr los, sobald sein Stellvertreter an Bord war.

»Wie ist es mit Evelyn gelaufen?«, fragte Jared, als wäre nichts geschehen.

Seths Kiefer verkrampfte sich und um ein Haar hätte er Scott Walsh, den Bürgermeister, der gerade vorbeiging, beim Verlassen des Parkplatzes angefahren. Mit quietschenden Reifen kam er zum Stehen. »Verflucht«, murmelte er.

Ihm war nicht danach, über Evelyn oder irgendetwas anderes zu reden oder sich gar mit toten Tieren zu befassen, aber das war sein Job, also tat er sein Bestes, um sich daran zu erinnern, dass er es liebte, ein Redcoat zu sein.

»Alles in Ordnung, Chief?«, wagte Jared zu fragen.

»Wir sollten uns einfach auf diesen 10-91D-Scheiß konzentrieren, damit wir danach zügig nach Hause kommen«, antwortete er. Was so viel bedeutete wie: Halt die Fresse.

Sie schwiegen den ganzen Weg über, bis sie ihr Ziel erreichten.

Die verfallenen Überreste des alten Handelspostens westlich von Pine Creek, kurz nach dem Meilenstein 380 auf dem Klondike Highway, begrüßten sie in ihrem ganzen Elend. Diese alte Ruine war Old Pete getauft worden, weil man vor vielen Jahren an einer der wenigen noch stehenden Wände ein nicht mehr ganz erhaltenes, altes Foto gefunden hatte, auf dem ein Goldsucher zu sehen war, der bis zu den Knien im Wasser eines Flusses stand und eines jener Siebe in der Hand hielt, die zur Zeit des Goldrausches überall am Klondike verwendet worden waren. Am unteren Rand des Fotos hatte man gerade noch den handgeschriebenen Vornamen dieser Person lesen können: Pete. Wie sein Nachname gelautet hatte, wusste man nicht, da der Rest nicht mehr zu erkennen gewesen war.

»Es soll in der Nähe des großen Ahornbaums sein«, teilte Jared mit, als Seth den Wagen vor den maroden Pferdetränken parkte.

Sie stiegen aus und gingen zügig zur Rückseite von Old Pete.

»Mein Gott!«, äußerte der Officer plötzlich und erstarrte.

Im Schatten des großen Ahornbaums labte sich ein grauer Wolf an dem Aas des gemeldeten Tiers.

Jared tastete nach seinem Revolver im Halfter, aber die Aussicht auf den lauten Knall eines Schusses ließ ihn innehalten.

Seth war schneller als er, zog seine Smith & Wesson 5946 und schoss in die Luft. Ihm war an diesem Nachmittag wirklich nicht nach Scherzen zumute. »Verdammt«, murmelte er und sah zu, wie der Wolf türmte und die blutige Beute zurückließ. »Bringen wir es schnell hinter uns und verschwinden von hier«, sagte er mit zusammengebissenen Zähnen, während er seine Dienstpistole wieder an ihren Platz schob.

Jared pfiff. »Ich hole die Ausrüstung aus dem Kofferraum, Chief.«

Ihr „Opfer« war ein Fuchs, dessen lebloser, geschundener Körper am Fuß des großen Baumes lag.

»Das ist ein Swiftfuchs, Chief«, stellte Jared fest, während er sich hinhockte und ein Paar Einweglatexhandschuhe überstreifte. »Mein Gott, ein Welpe!«

Seth knurrte, schüttelte den Kopf und stemmte die Hände in die Hüften. Er war verärgert, denn es handelte sich um eine geschützte Art. Mist. Der Tag hatte schon schlecht angefangen und wurde nicht besser.

Seth kehrte seinem Stellvertreter den Rücken zu und überließ es ihm, sich um den Fuchs zu kümmern. Er begann die Felder zu inspizieren, die die Ruinen von Old Pete vom Fundort trennten, wobei sein wachsamer Blick jeden Grashalm und jeden Stein mit äußerster Gewissenhaftigkeit absuchte.

»Hier ist etwas«, meinte er kurz darauf und erhob seine Stimme, um Jareds Aufmerksamkeit zu bekommen.

Drei winzige Bleihülsen steckten zwischen den Zweigen eines kleinen Strauches direkt vor einem der zerbrochenen Fenster der Holzruine.

»Hülsen. Aus Blei. Wird von einem Luftgewehr sein«, fuhr er fort.

Obwohl er mit dem Rücken zu Jared stand, nahm er dessen irritiertes Schnauben wie ein leises Kitzeln in seinem Nacken wahr. Er wusste, dass Jared zu seinen eigenen Schlussfolgerungen kam. Immerhin waren sie ein eingespieltes Team. Er schnippte mit den Fingern und legte den Zeigefinger über die Schulter, um seinem Begleiter zu signalisieren, dass er diesen Gedankengang weiter verfolgen wollte.

»Wer benutzt noch ein altes Luftgewehr im Ort?«, fragte Jared.

»Der gute alte Jarvis Spencer«, antwortete Seth und betrat das verfallene Gebäude.

Die ramponierten alten Bretter knarrten unter den Sohlen seiner Stiefel. Im Inneren war es trotz der fast vollständig zerstörten Glasfenster und der zahlreichen Löcher, die das Dach wie eine Scheibe Schweizer Käse aussehen ließen, alles andere als hell.

Ein Flügelschlag über seinem Kopf ließ ihn aufblicken. Ein Sperber flog im großen Bogen davon, wahrscheinlich verärgert über die Störung.

»Tut mir leid, Kumpel«, grummelte Seth.

Drei große Schritte und einen Moment später war Seth am Fenster. Er rieb sich die Augen und ging in die Hocke, wobei er sein Gewicht auf die Zehen verlagerte. Sein Blick fiel sofort auf Asche, der sich unter der Fensterbank abzeichnete.

»Ich hasse es, immer recht zu haben«, beschwerte er sich, hob ein bisschen von der Asche auf und führte sie an seine Nase. Er atmete ein. Es war Tabak mit einer süßen Kirschnote. Wieder gab es nur eine Person im Dorf, die diese Art von Tabak rauchte. »Unser Freund hat hier auf die richtige Beute gewartet, um sich zu amüsieren, und in der Zwischenzeit hat er ein oder zwei Zigaretten geraucht!«, rief er Jared zu.

»Der Einzige, der hier im Ort Tabak mit Kirschgeschmack raucht, ist …«, rief Jared von draußen zurück.

»Jarvis Spencer!«, vollendete er den Satz. Dann richtete er sich auf und stemmte die Hände in die Hüften. Er schüttelte den Kopf und war leicht frustriert. Das war die Kriminalität, die sich auf Hanas Straßen abspielte: ein paar Vergehen wegen Trunkenheit am Steuer und sklerotische alte Männer, die es genossen, auf geschützte Tierarten zu schießen, und dann darauf warteten, dass der gewonnene Ruhm sie vielleicht an einen besseren Ort brachte. Das war es, was sein armseliges Leben ausmachte. Jeden Morgen, wenn Seth in seinem Bett erwachte, öffnete er die Augen und betete, dass endlich der Tag gekommen war, der seine Existenz erschüttern würde, der etwas Neues, Einzigartiges und Unvergessliches in seine Welt brächte. Aber dieser Tag kam nie.

»Das wird Richter Walsh gar nicht gefallen«, bemerkte Jared und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Sie waren so kurz, dass sein Versuch, sie zu zerstrubbeln, erfolglos blieb.

»Ich mache eine Tüte mit Beweismitteln fertig. Wir schießen ein paar Fotos, packen unser pelziges Opfer in die schwarze Tasche und hören uns an, was Travis zu sagen hat«, wies er an, während er zum Wagen ging.

Am Abend nahm Seth immer zwei Stufen auf einmal, wenn er die Verandatreppe seines Hauses erklomm. Ein Wohnzimmer, eine Küche, ein Schlafzimmer und ein Badezimmer mit einem angrenzenden, spärlichen Kleiderschrank, dazu eine Veranda auf der Vorderseite und ein Stück Grün auf der Rückseite. Bescheiden, aber mit allem ausgestattet, was man brauchte; so sah Seths Zuhause aus.

Er zog seine Stiefel aus und ließ sie auf der Fußmatte liegen. Dann öffnete er das Fliegengitter und die Eingangstür und betrat das Haus. Er hielt einen Moment inne und betrachtete den alten Teppichboden. Mehr als einmal hatte er daran gedacht, das Haus zu renovieren und den alten Bodenbelag zu erneuern, aber wie immer hatte er die Idee mit Bedauern verworfen. Es war es nicht wert, auch nur einen einzigen Dollar auszugeben, um das eigene Haus schöner zu machen, wenn man dazu bestimmt war, in Einsamkeit zu leben.

Er zog seine Dienstjacke aus und warf sie achtlos auf die Couch. Er hatte nicht die Kraft und vor allem nicht die Lust, auch nur einen Funken seiner freien Zeit darauf zu verwenden, sie an den Kleiderständer neben der Tür zu hängen. Er machte sich auf den Weg ins Bad, das direkt vor ihm lag, zog sich aus und verstreute seine Kleidung auf dem Boden. Er zog den Duschvorhang zurück und drehte den Warmwasserhahn auf Maximum. Er wollte warten, bis das Wasser heiß war, fast kochend, bevor er unter den Strahl trat. Er wollte spüren, wie seine Haut brannte, wollte, dass der Schmerz ihn wach und aufmerksam hielt. Er wollte sich nicht der Erschöpfung hingeben, die jeden Knochen und jede Faser seines Körpers erfasste. Es war geistige Müdigkeit, nicht körperliche. Die Erschöpfung in seinem Herzen.

Als der Dampf die Oberflächen des Raumes wie einen Mantel bedeckte, wischte Seth über den Spiegel, der das Bild seines erschöpften Gesichts reflektierte. Seth verharrte regungslos, betrachtete sich und studierte das Bild, als wäre es ihm völlig unbekannt und als würde es zu einer anderen Person gehören. Er sah diese imposante Gestalt, die breiten Schultern, die langen Beine, die kräftigen Oberschenkel … Sein Blick wanderte zu seinen Gesichtszügen und seinem lohfarbenen Haar. Er folgte der Linie des Halses, der breiten, starken Brust und schließlich dem Bauch. Er wehrte sich ein paar Sekunden, dann hielt er es nicht mehr aus und sah in einer Welle des Leidens weg, während Beccas Stimme in seinem Kopf zu schreien begann. Er wusste, dass sie erst verstummen würde, wenn sie durch die ihres Vaters ersetzt wurde.

Du mieser Fettsack.

Seth konnte seinen Körper nicht länger ansehen. Er war nicht in der Lage, sich eine objektive Meinung über ihn zu bilden und sich als schön oder hässlich zu definieren. Er sah nur die zusätzlichen Pfunde. Er war fett, Punkt. Es gab nichts anderes, nichts, was das Herz einer Frau reizen konnte, oder zumindest die Fantasie. Es war nicht Zuneigung, an der es ihm mangelte, denn jeder im Ort mochte ihn und war immer bereit, ihm zu helfen, wenn er darum bat. Manche betrachteten ihn als eine Art Neffen, wie der ehemalige Chief Sergeant, andere als älteren Bruder, wie Jared oder die anderen Mitglieder des Curlingclubs. Es gab Menschen, die seine Hemden bügelten, wie der Besitzer der Hana Lodge, und solche, die ihm Kuchen und warme Brühe brachten, wenn er krank war, wie Mary Royston, die berühmteste Hundeschlittenführerin des Landes. Es war die völlige Abwesenheit von romantischer Liebe und die Angst, wieder verletzt zu werden, die so sehr brannten, dass sie in der Mitte seiner Seele eine schwer zu füllende Furche hinterlassen hatten.

Seth warf einen letzten Blick auf das Spiegelbild seines Gesichts. Wer wusste, was aus ihm werden würde, wenn er siebzig war und die Einsamkeit seine Adern ausgetrocknet hatte? Würde er dann auch anfangen, Fuchswelpen zu erschießen?

Er schnaubte und stellte mühsam den Fuß in die Dusche. Morgen würde er sich die Tiraden von Richter Walsh anhören müssen. Aber das wollte er gar nicht. 

Kapitel 2

»Martha ist heute Morgen mit dem falschen Fuß aufgestanden, ich warne euch. Also seht zu, dass ihr mich nicht noch mehr aufregt, als ich es schon bin!«

Der Richter schritt vor der bescheidenen Menschenmenge entlang, die sich im Saal des als Gericht genutzten Rathauses versammelt hatte, und hinterließ einen so intensiven Luftzug, dass es Seth fröstelte. Walsh, Bürgermeister und Richter von Hana, zeigte wie immer eine bizarre Kombination aus den Gesichtszügen und der Haltung eines ehemaligen High-Fashion-Models und einer ausgeprägten Griesgrämigkeit. Brummbär von den sieben Zwergen auf dem Laufsteg sozusagen.

»Wann steht Martha jemals mit dem richtigen Fuß auf?«, flüsterte Seth Edith Michan ins Ohr, einer Dorfrätin, die als Staatsanwältin anwesend war.

Edith kicherte, aber als Walsh ihnen einen giftigen Blick zuwarf, als er auf seinem imposanten Stuhl Platz nahm, sahen sie beide verlegen zu Boden.

Ein lautes Geräusch von hohen Absätzen lenkte die Aufmerksamkeit aller auf den Korridor zwischen den beiden Bankreihen. Die Stenografin tat ihr Bestes, um zu ihrem Platz neben dem des Richters zu laufen, ohne über ihre Stelzen zu stolpern. Es war Evelyn.

»Entschuldigung, tut mir leid, ich bin zu spät!«, sagte sie mit schriller Stimme.

Allein ihr Anblick versetzte Seth einen Stich ins Herz.

»Also, was haben wir heute?«, fuhr der Richter fort und blickte erst auf die Dokumente vor sich und dann auf die Anwesenden im Gerichtssaal. Seine dicken dunklen Augenbrauen ließen ihn wie einen Bären aussehen. Einen zugegebenermaßen seltsamen Bären.

»Verstoß gegen Gesetz Paragraph …«, begann Edith, aber Walsh unterbrach sie sofort.

»Jarvis! Was zum Teufel machen Sie noch hier?«, donnerte er und breitete seine Arme aus. »Habe ich Ihnen nicht gesagt, Sie sollen sich von Biebes Eigentum fernhalten? Seine Töchter sind minderjährig, verdammt noch mal! Und sie benutzen die Stange nur, weil Biebe Feuerwehrmann ist und sie über der Kaserne wohnen!«, sprudelte es in einem Atemzug aus ihm heraus.

Jarvis verschränkte die Arme und hob sein Kinn. Das karierte Flanellhemd, das er trug, ließ ihn noch dünner und älter aussehen. »Ich war nicht in Biebes Haus, Scott!«, protestierte er, ohne sich um die Anstandsregeln zu scheren.

Der Richter wandte sich zweifelnd an die Dorfrätin. »Edith?«

»Es geht um den Kadaver eines Swiftfuchswelpen, der von drei Kugeln durchlöchert wurde, Euer Ehren«, antwortete sie und deutete auf die Mappe in Walshs Händen. »Das ist unser Opfer.«

»Edith, erspar mir doch diese Verlegenheit«, schimpfte er und öffnete die Mappe. Doch als sein Blick auf das Foto des Fuchses fiel, verzog er angewidert die Lippen und schloss die Mappe sofort wieder. »Jarvis, wo ist Ihr Anwalt? Wer vertritt Sie dieses Mal?«

»Ich brauche keinen verdammten Anwalt! Ich vertrete mich selbst!«, entgegnete er und machte gute Miene zum bösen Spiel. »Thiessen hat das letzte Mal keinen Finger gerührt. Ich habe sogar den Verdacht, dass ein echtes Komplott gegen mich im Gange ist!«

Walsh murmelte etwas und als Edith begann, die Anklagepunkte vorzutragen, hielt es Seth für das Beste, sich zu setzen, obwohl der Richter keinen förmlichen Befehl dazu gegeben hatte. Aber juristische Verfahren, genauso wie religiöse, waren in Hana schon lange alles andere als formell. Mit einem unangenehmen Gefühl, das langsam seine Wirbelsäule hinaufstieg, schloss Seth seine Finger um die Lehne der Bank vor sich.

Gott, lass mich nicht wirklich so werden wie er …

Ein starkes Gefühl der Übelkeit machte sich in seinem Magen breit und Seth rang nach Sauerstoff. Er konnte es kaum erwarten, von hier wegzukommen und sich auf etwas anderes konzentrieren zu können.

Jarvis, der von seinem Recht Gebrauch machte, sich selbst zu vertreten, begann zu Ediths Ausführungen Stellung zu nehmen, und in diesem Moment ertönte hinter dem Rücken aller ein scharfes Knarren. Ein junger Bursche hatte soeben den Raum betreten und war über einen Stuhl gestolpert, den jemand vergessen hatte, an seinen Platz zu stellen. Alle drehten sich um und sahen den Neuankömmling an.

»Äh, entschuldigen Sie bitte«, murmelte der junge Mann und setzte sich auf den ersten freien Platz, genauer auf den Stuhl, über den er gestolpert war.

»Edith, lass uns zum Ende kommen«, fuhr der Richter fort. »Du weißt genau, dass der Ortsrat um zwölf Uhr auf uns wartet. Was schlägst du vor?«

»Eine Geldstrafe und Sozialdienst«, war ihre prompte Antwort, was lauten Protest des Angeklagten auslöste.

Dann drang ein Zischen an Seths Ohr.

»Pssst! Hey!«

Er drehte sich um und bemerkte den Fremden, der eine Reihe weiter versuchte, seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

»Sheriff, hier wird der Fall der angeblichen religiösen Sekte besprochen, nicht wahr?«, fragte der junge Mann.

Seth runzelte die Stirn. »Ich bin Sergeant«, flüsterte er, »und es gibt hier keine religiöse Sekte. Nur tote Tiere.«

Der Fremde verzog die Lippen in Andeutung eines Lächelns und zuckte mit den Schultern. Diesmal flüsterte er nicht. »Ist das nicht das Gleiche?«

»Wollen Sie wohl endlich still sein? Oder soll ich Ihnen eine Strafe wegen Missachtung des Gerichts aufbrummen?«, knurrte Walsh.

»Ich bitte um Verzeihung, Euer Ehren«, beeilte er sich zu sagen.

»Jarvis, wie erklären Sie sich dieses Mal?«, fuhr der Richter fort.

Seth schüttelte den Kopf und richtete seinen Blick wieder auf den Mann, der das höchste Amt im Raum bekleidete. Doch ein Hauch Neugierde veranlasste ihn, seinen Blick erneut auf den Fremden zu richten. Er hatte den Neuankömmling noch nie zuvor gesehen. Er würde sich daran erinnern, wenn man bedachte, wie wenige Einwohner Hana hatte. Der geheimnisvolle Kerl war ziemlich sicher jünger als er. Vier oder fünf Jahre, nicht mehr. Sein rabenschwarzes Haar war glatt, vorne länger und rahmte seine Stirn ein. Es war zerzaust, ohne jedoch einen ungepflegten Eindruck zu machen. Seine Augen waren groß und durchdringend, aber gleichzeitig vermittelten sie eine unerwartete Sanftheit. Die Iris hatte die Farbe von Obsidian und ein Bartschatten bedeckte das Gesicht. Er trug eine dunkelgraue Jogginghose, ein schwarzes Sweatshirt mit Kapuze und Turnschuhe mit Schnürsenkeln in einem satten Pink. Lässige Designerkleidung, wahrscheinlich teuer.

Seths Blick verweilte auf dem Gesicht des jungen Mannes, beeindruckt von seiner Anwesenheit in diesem Raum und in diesem winzigen Dorf, das nur ein paar Schritte von Alaska entfernt lag. Wahrscheinlich verweilte er zu lange, denn der Typ spürte schließlich seinen Blick und wandte sich ihm zu. Einen Moment lang blickten sie sich an und Seth sah eine leichte Verwunderung in seinem Gesicht. Dann lächelte der junge Mann herzlich und strahlend, was Seth dazu zwang, eilig den Blick abzuwenden.

Der Hammerschlag von Richter Walsh ließ ihn fast von der Bank springen. »Die Sitzung ist geschlossen. Und jetzt, um Himmels willen, lassen Sie mich meine Frau anrufen!«, sagte er.

Die Verhandlung war zu Ende und Seth hatte nicht mal mitbekommen, dass ein Urteil verkündet worden war.

Mit schnellem Schritt und gesenktem Blick versuchte Seth, den Ausgang des Rathauses zu erreichen. Bis ihn eine Stimme rief.

»Sheriff, äh, Sergeant! Sergeant, richtig?«

Seth schnaubte, blieb stehen, drehte sich um und sah sich dem Fremden gegenüber, der mit seinem Rucksack kämpfte, da dieser offenbar nicht die Absicht hatte, auf seiner Schulter zu bleiben. Mit einem Notizbuch in der linken Hand blieb er vor ihm stehen. »Was wollen Sie?«, fragte Seth leicht unhöflich.

Der Rucksack gewann den Kampf und der Fremde gab auf, indem er ihn zwischen seine Füße auf den Boden stellte. »Hallo, ich heiße Coleson Danner, aber Sie können mich einfach Cole nennen«, sagte er und streckte seine Hand aus.

Seth sah ihn nachdenklich an. Er war nicht gerade in der Stimmung für Höflichkeiten und freundlichen Smalltalk. Da er jedoch der festen Überzeugung war, dass gute Manieren ein Aushängeschild der Polizei sein sollten, schüttelte er ihm energisch die Hand. »Seth Cohen, RCMP, Chief Sergeant«, stellte er sich mit zusammengebissenen Zähnen vor.

»Sie haben einen starken Händedruck, Sergeant. Wissen Sie, was man über diese Leute sagt?«, fuhr er fröhlich fort.

Seth warf ihm einen granitharten, nicht zu lesenden Blick zu. Hoffte der Kerl, sich mit seinem Geplapper mit ihm anzufreunden? Nun, falls ja, funktionierte es nicht. »Dass sie, ähm, eine starke Persönlichkeit haben«, beantwortete er seine Frage selbst und zögerte zum ersten Mal. Dann schnaubte er und zog seine Hand zurück. »Wissen Sie, Seth … Ich darf Sie doch Seth nennen, oder? Es ist nicht sehr schön, einseitige Gespräche zu führen. Eigentlich ist es sogar ziemlich frustrierend.« Cole kratzte sich nachdenklich am Kopf und warf Seth einen Blick zu, der voller Bedauern zu sein schien.

»Halten Sie mich auf, um mit mir über Händeschütteln und Frustrationen zu reden?«, fragte Seth und biss sich auf die Wange.

»Okay, ich verstehe, was Sie für ein Typ sind. Kein Reden um den heißen Brei. Kein Problem.« Er begann, in seinem Notizbuch zu blättern. »Also, ich arbeite für die Zeitung Evening Star in Vancouver. Ich bin hier, um einen Artikel über die toten Tiere zu schreiben, die Sie gefunden haben. Mal sehen …« Cole blätterte noch energischer in dem Notizbuch. »In einem alten Handelsposten …«

»Warten Sie, stopp!« Seth unterbrach ihn ungläubig und verengte die Augen. »Wollen Sie mir sagen, dass Sie Reporter sind und man Sie den ganzen Weg aus Vancouver hierhergeschickt hat, um einen Artikel über einen toten Fuchs zu schreiben?«

Cole zuckte mit den Schultern, als wollte er damit ausdrücken, dass dies die offensichtlichste Sache der Welt wäre. »Ganz genau. Wissen Sie, was man über tote Tiere sagt?«

»Nein, was denn? Dass sie keine starke Persönlichkeit mehr haben?« Seth wurde mit einem Mal heiß. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Sie war schweißnass. Er konnte es kaum erwarten, diesem absurden Gespräch ein Ende zu setzen.

»Der war gut, Sergeant! Ich schätze Ihren Sinn für Humor!«, kommentierte Cole kichernd. Dann wurde er mit einem Mal ernst. »Tieropfer sind eine der wichtigsten Ausdrucksformen satanischer Kulte. Die amerikanische Geschichte ist voll von ihnen. Unsere Quelle auf Twitter sagt …«

Bei satanische Kulte verschluckte sich Seth an seinem Speichel. Er hustete ein paarmal. »Hören Sie, hier draußen gibt es keinen satanischen Kult. Es gab keine Tieropfer. Sie waren doch auch im Gerichtssaal und haben gehört, wie es abgelaufen ist.« An diesem Punkt hielt Seth inne. Er war sich nicht sicher, ob Cole verstanden hatte, was geschehen und im Gerichtssaal gesagt worden war. Er selbst hatte den Höhepunkt der Anhörung verpasst, ganz zu schweigen davon, dass in Hana alles so familiär und ungezwungen ablief, dass es nicht verwunderlich war, wenn der Ausländer etwas verpasst oder die Fakten falsch interpretiert hatte. Er schüttelte den Kopf. »Wir haben nur ein totes Tier gefunden, und das wurde nicht geopfert, sondern erschossen. Die Jagd ist hier in Kanada heilig, aber nicht, wenn es um Welpen geschützter Arten geht. Hierfür wurde der Angeklagte verurteilt. Ich kann Ihnen versichern, dass es am Tatort nichts gab, was uns zu der Annahme führt, dass der Sachverhalt anders gewesen ist. Wir ermitteln nicht in dieser Sache. Es tut mir also leid, aber Sie können zurück nach Whitehorse fahren und den ersten Flug nach Vancouver nehmen«, sagte Seth in einem Atemzug. Er wandte sich zum Gehen, wobei er den Neuankömmling ohne Abschiedsgruß stehen ließ. Doch dann schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf, der ihn zwang, sich wieder umzudrehen. »Ihre Quelle, sagten Sie?«

»Es tut mir leid, aber ich kann seine Identität nicht preisgeben«, erklärte er entschlossen und schüttelte den Kopf.

Mehr brauchte er nicht zu sagen. Eine Sekunde später stand Seth vor ihm, breitbeinig und mit den Händen in den Hüften, und baute sich zu seiner ganzen Größe auf. »Sie haben Twitter erwähnt. Ich glaube nicht, dass es hier eine wirklich vertrauliche Quelle zu schützen gibt.«

Cole schnaubte, breitete die Arme aus und gab sich geschlagen. »So finden wir die Nachrichten«, begann er zu erklären. »Ein großer Teil meiner Arbeit besteht darin, Informationen im Internet zu sichten. Ich checke Hashtags, lokale und nationale soziale Netzwerke … Und wenn ich etwas Interessantes finde, stelle ich es meinem Chef vor und er gibt mir das Okay, einen Artikel zu schreiben. Gestern stieß ich auf einen Tweet über tote Tiere, mögliche Opfer. Wir begannen eine Unterhaltung auf Twitter und, ähm …« Cole verstummte und seine Wangen färbten sich blassrot. Vielleicht begann er, zu verstehen, dass er eigentlich gar nichts in der Hand hatte.

»Das ist alles? Hat Sie Ihr Chef in den Yukon geschickt, um aufgrund eines Tweets einen Sensationsartikel zu schreiben?«, erkundigte sich Seth verblüfft.

»Nun, wissen Sie, manche Artikel entstehen aus noch weniger«, versuchte sich Cole zu rechtfertigen.

Und dann sah Seth etwas in den großen schwarzen Augen seines Gesprächspartners: Ein Schimmer von Traurigkeit veränderte sie für einen Moment, als hätte sich ein Gefühl der Erkenntnis in Cole breitgemacht.

»Oder vielleicht wollte mein Chef nur, dass ich mich eine Weile von ihm fernhalte«, murmelte er traurig und senkte den Blick.

Seth seufzte und kratzte sich erneut am Kopf. Dieser Blick erweckte in ihm ein unerwartetes Gefühl der Milde. »Ich möchte gern den Namen des Twitter-Profils wissen, von dem der Tweet stammt«, bat er höflich.

»Nun, ich weiß nicht, ob …«, begann er, aber Seth warf ihm einen autoritären Blick zu, der keine Ausflüchte zuließ.

»Sie wissen ganz genau, dass ich es selbst herausfinden kann, aber wenn Sie es mir jetzt sagen, erspart mir das Zeit und Ihnen Kopfschmerzen.«

Cole nickte, nun ohne jede Ausrede. »JBiebe98«, verriet er schließlich.

Jennifer Biebe, die älteste Tochter des Feuerwehrmanns.

Jennifer Biebe, siebzehn Jahre alt und mit einer prächtigen blonden Lockenmähne, lehnte sich im Sessel zurück und ließ den violett-roten Minirock ihre langen Beine präsentieren. Diese steckten in einer Strumpfhose, die so durchsichtig war, dass sie der Fantasie kaum Raum ließ.

Die junge Frau starrte mit leerem Blick in die Runde und kaute geräuschvoll Kaugummi. »Und? Wird mir etwas vorgeworfen?«, fragte sie, um die Stille zu durchbrechen, die im Büro von Seth herrschte. Sie schaute zuerst zu ihm hinter dem Schreibtisch, dann zu Walsh daneben und schließlich zu Coleson links von ihm, der mit verschränkten Armen an der Wand lehnte. Ihm warf sie das aufreizendste aller Lächeln zu. Ihren Vater, der neben ihr saß, ignorierte sie.

»Nein, wir werfen dir nichts vor, Jennifer«, beruhigte Seth sie, obwohl das Mädchen diese Beruhigung nicht besonders nötig zu haben schien.

»Oh, wie schade …«, beschwerte sie sich interessanterweise, was eine Kaugummiblase zum Platzen brachte.

»Wenn das so ist … Wollen wir es dabei belassen?«, maulte der Bürgermeister und donnerte mit der Hand auf den Tisch.

Seth und der Vater des Mädchens, schon lange an Walshs Wutausbrüche gewöhnt, blieben unbeeindruckt.

Cole hingegen zuckte vor Überraschung zusammen, stieß dabei gegen ein gerahmtes Foto des ehemaligen Chiefs und hob es vom Nagel. Mit Reflexen, die eines Athleten würdig waren, schnappte er es, bevor es zu Boden fiel. »Jesus«, murmelte er und hängte es mit zitternden Händen wieder an seinen Platz.

Als Seth das Geklapper hörte, drehte er sich um und sah gerade noch, wie Cole auf die Knie ging, um den Rahmen vor seinem tragischen Ende zu bewahren.

»Justin, deine Tochter kann gehen«, sagte Walsh und drohte Biebe mit dem Finger. »Aber du behältst sie verdammt noch mal im Auge und sorgst dafür, dass sie nicht noch mehr Lügen und weiß Gott was noch verbreitet!«

Kein einziges Wort kam über die Lippen des Feuerwehrmanns. Als ob ihn die ganze Sache nichts anginge, setzte er sich seine graue Mütze auf, erhob sich und ging zur Tür, ohne sich zu vergewissern, ob seine Tochter ihm folgte. Tatsächlich blieb Jennifer sitzen, ohne einen der rot lackierten Fingernägel oder ihre dick geschminkten Wimpern zu bewegen.

»Hast du noch irgendwelche Fragen, Mädchen?«, wollte der Bürgermeister wissen.

Jennifers Gesicht leuchtete interessiert auf. Dann wandte sie sich an Cole, der sich noch immer nicht aus seiner Ecke bewegt hatte, und fragte kokett: »Was machst du heute Abend?«

»Großer Gott …«, murmelte Walsh.

Cole räusperte sich, ging ein paar Schritte nach vorn und kniete sich neben Jennifer. Das Mädchen schaffte das unmögliche Kunststück, ihr Lächeln noch breiter werden zu lassen, und schlug zum x-ten Mal die Beine übereinander. Ein irritierendes Kribbeln begann in Seths Nacken zu stechen. Spontan wollte er aufstehen und Fräulein Biebe persönlich aus seinem Büro geleiten, das für solche Angebote definitiv kein angebrachter Ort war. Aber Cole war schneller als er.

»Miss Jennifer, ich danke Ihnen sehr für Ihr nettes Angebot«, erwiderte er höflich, »aber ich bedaure, Ihnen mitteilen zu müssen, dass mich Frauen nicht ansprechen.«

Oh …

Als das Grollen des Bürgermeisters anschwoll, stand Jennifer schließlich auf, bedachte sie alle mit einem entrüsteten Blick und verließ mit ihrem Vater das Polizeirevier.

Seth beobachtete, wie Cole aufstand und auf die geschlossene Tür starrte. Er hatte fast den Eindruck, dass sich der junge Mann unwohl fühlte. Vielleicht war ihm die soeben abgegebene Erklärung peinlich oder die ganze Situation, die um seine Anwesenheit herum entstanden war. Was auch immer der Grund sein mochte, Seth hatte Mitgefühl mit ihm.

»Das ganze Durcheinander tut mir leid«, murmelte der Reporter, sein Blick war noch immer ungerührt.

Die zweite Intuition war also die richtige. »Er hat wirklich nichts zu …«, begann Seth, aber Walsh beeilte sich, ihn mit seiner lauten Stimme zu unterbrechen.

»Entschuldigungen nützen nichts, Junge!«, warnte ihn der Bürgermeister. »Gott sei Dank haben wir die Sache im Keim erstickt, bevor Ihre Zeitung einen Artikel veröffentlicht hat, der unsere friedliche Gemeinde ruiniert hätte!«

Cole biss sich auf die Unterlippe, nickte und musterte den bedrohlichen Bürgermeister von der Seite. Er schien sich wirklich schuldig zu fühlen.

»Ich empfehle Ihnen dringend, das erste Flugzeug nach Vancouver zu nehmen und sich hier nie wieder blicken zu lassen«, knurrte Walsh und schloss sein Jackett. »Hana braucht keine aufdringlichen Jungs vom anderen Ufer, die gerne irreführende und unbegründete Gerüchte verbreiten!«

»Vom anderen Uf…? Wie bitte?«, wiederholte Cole verblüfft und drehte schließlich den Kopf. Ein Aufblitzen von Stolz belebte seine dunklen Augen. Im Nu stand er direkt vor dem Bürgermeister, während Seth von seinem Stuhl aufsprang, um die beiden zu trennen.

»Kommen Sie, meine Herren! Wir sollten uns alle beruhigen. Darum geht es hier doch gar nicht.« Während er dies sagte, ließ er ohne nachzudenken seine Hand auf Coles Arm gleiten. Es war eine leichte Berührung, doch dieser starke, muskulöse Arm unter seinen Fingern jagte einen Schock durch ihn.

Cole nickte, als er seine Aufforderung, sich zu beruhigen, akzeptierte, trat einen Schritt zurück und löste sich von Seths Hand.

Walsh stöhnte etwas, das kaum wie ein Abschiedsgruß klang, und verließ, ohne sich bei Cole zu entschuldigen, den Raum.

Einige Augenblicke lang starrte Seth auf die Milchglasscheibe seiner Bürotür und verfolgte die Silhouetten von Jared und dem Telefonisten. Er hörte Coles Schritte, die in den hinteren Teil des Raumes führten, wahrscheinlich zu seinem Rucksack in der Ecke.

»Sie sind also schwul.« Diese Aussage war ihm einfach über die Lippen gekommen, ohne dass er Zeit zum Nachdenken gehabt hätte.

»Ja«, bestätigte Cole. Feindseligkeit schwang in seinem Tonfall mit.