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Karl Bonhoeffer, der Vater Dietrich Bonhoeffers, hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, am Silvestertag jeden Jahres einen kurzen Jahresrückblick niederzuschreiben. Dieses »Silvester-Tagebuch« berichtet von dem Leben der Familie, aus der in der Zeit des Naziterrors vier profilierte Gegner des Hitlerregimes hervorgehen sollten, die alle ihren Widerstand mit dem Leben bezahlten. Was machte diese Familie aus? Warum erwies sie sich als unkorrumpierbar und resilient, als die meisten anderen einfach mit der Masse liefen?
Diese sorgfältige und umfassende wissenschaftliche Erstedition des vollständigen Tagebuches von Karl Bonhoeffer eröffnet eine aufschlussreiche Perspektive auf diese Fragen. Sie erschließt die Lebenswirklichkeit, das Netzwerk und den Wertekosmos einer großbürgerlichen Familie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
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Seitenzahl: 462
Veröffentlichungsjahr: 2022
Karl Bonhoeffer, der Vater Dietrich Bonhoeffers, hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, am Silvesterabend jeden Jahres einen kurzen Jahresrückblick niederzuschreiben. Dieses ›Silvester-Tagebuch‹ berichtet vom Leben der Familie, aus der in der Zeit des Naziterrors vier überzeugte Gegner des Hitlerregimes hervorgegangen sind, die alle ihren Widerstand mit dem Leben bezahlten. Was machte diese Familie aus? Warum erwies sie sich als unbeirrbar und mutig, während die meisten anderen einfach mit der Masse liefen? Diese sorgfältige wissenschaftliche Erstedition des vollständigen Tagebuchs von Karl Bonhoeffer eröffnet neue Perspektiven auf diese Fragen. Sie erschließt die Lebenswirklichkeit und den Wertekosmos einer großbürgerlichen Familie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Jutta Koslowski, Dr. theol., geboren 1968, verheiratet, vier Kinder. Pfarrerin in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau; Lehrbeauftragte an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, zahlreiche Veröffentlichungen zu den Themen ökumenische Theologie und interreligiösen Dialog. Promotion in München im Fach Ökumene mit einer Arbeit unter dem Titel »Die Einheit der Kirche in der ökumenischen Diskussion«. Derzeit arbeitet sie an einem Habilitationsprojekt an der Universität Mainz über das Thema »Judentum und Christentum – Versuche der Verhältnisbestimmung nach der Shoah«. Mitglied in der Internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft. Sie lebt mit ihrer Familie im Kloster Gnadenthal.
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Copyright © 2022 Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln
Umschlagmotiv: Umschlagmotiv: Karl Bonhoeffer (1868-1948), Porträt ca. 1928; © der Vorlage picture alliance / ullstein bild
ISBN 978-3-641-28889-1V001
www.gtvh.de
Inhalt
Einleitung
von Jutta Koslowski
1. Karl Bonhoeffer
2. Das Silvester-Tagebuch
3. Der Charakter dieses Textes
4. Die Gestalt des Typoskripts
5. Die Bearbeitung für die Veröffentlichung
6. Die Bedeutung dieses Werkes für die Bonhoeffer-Forschung
Silvesterberichte
von Karl Bonhoeffer
Danksagung
Anhang
Faksimile aus dem Typoskript
Zeittafel zum Leben der Familie Bonhoeffer
Stammbaum der Bonhoeffer-Vorfahren
Stammbaum der Bonhoeffer-Nachkommen
Abkürzungsverzeichnis
Literaturverzeichnis
Personenregister
Einleitung
von Jutta Koslowski
1. Karl Bonhoeffer
Biographie
Karl Bonhoeffer1 wurde am 31. März 1868 im schwäbischen Neresheim geboren und verstarb am 4. Dezember 1948 im Alter von achtzig Jahren in Berlin. Mehr als fünf Jahrzehnte lang war er mit Paula von Hase (1876–1951) verheiratet, die einer traditionsreichen Adelsfamilie von Malern, Bildhauern und Theologen entstammte. Mit ihr zusammen hat er acht Kinder großgezogen – vier Söhne und vier Töchter. Der jüngste dieser Söhne ist Dietrich Bonhoeffer, der als Theologe und Widerstandskämpfer im Dritten Reich weltbekannt wurde und bis heute Beachtung findet. Aber auch viele andere Angehörige der Bonhoeffers – einer weitverzweigten, über viele Generationen hinweg etablierten Gelehrten- und Künstlerfamilie des gehobenen Bürgertums – sind wichtige Persönlichkeiten, deren Lebenslauf bemerkenswert ist. Es ist ein Verdienst der Bonhoeffer-Forschung der letzten Zeit, dass die Bedeutung der Familie als System immer mehr in den Blick genommen wird: Eine zunehmende Zahl an Beiträgen widmet sich Biographien aus dem Bonhoeffer-Umfeld und zeigt den Zusammenhalt zwischen den verschiedenen Personen auf, der es ihnen ermöglichte, gemeinsam gegen das Nazi-Regime Stellung zu beziehen.2
Familie
Der älteste Sohn von Karl und Paula Bonhoeffer war Karl-Friedrich Bonhoeffer3 (1899–1957), verheiratet mit Grete von Dohnanyi (1903–1992, der Tochter des bekannten ungarischen Komponisten Ernst von Dohnányi); er wurde später Professor für Physikalische Chemie und galt als Nobelpreis-Anwärter für seine Entdeckung des ›schweren Wasserstoffs‹. Danach wurde Walter Bonhoeffer (1899–1918) geboren, der als Achtzehnjähriger im Ersten Weltkrieg fiel. Klaus Bonhoeffer4 (1901–1945) war mit Emmi Delbrück5 (1905–1991) verheiratet, einer Tochter des berühmten Gelehrten, Historikers und Politikers Hans Delbrück. Klaus wurde promovierter Jurist und Chef-Syndikus der damals noch jungen Deutschen Lufthansa. Er war aktiv im Widerstand gegen den Nationalsozialismus; auf persönlichen Befehl Hitlers wurde er noch in den letzten Tagen des Nazi-Regimes ermordet. Die älteste Tochter von Karl und Paula Bonhoeffer war Ursula (1902–1983), die mit Rüdiger Schleicher6 (1895–1945) verheiratet war. Rüdiger Schleicher war ebenfalls Jurist; er arbeitete im Reichsluftfahrtministerium und als Professor für Luftrecht an der Technischen Universität in Berlin, bevor er zusammen mit Klaus Bonhoeffer als Widerstandskämpfer erschossen wurde. Christine7 (1903–1965) hat Zoologie studiert und Hans von Dohnanyi8 (1902–1945) geheiratet, den Bruder von Karl-Friedrichs Ehefrau Grete. Auch Hans von Dohnanyi war als Jurist und Ministerialbeamter maßgeblich aktiv in der Konspiration gegen Hitler, und auch er musste dafür mit seinem Leben bezahlen. Dietrich Bonhoeffer9 (1906–1945) blieb unverheiratet und kinderlos. Kurz nach seiner Verlobung mit Maria von Wedemeyer10 (1924–1977), die dem ostpreußischen Landadel angehörte und später in den USA als Mathematikerin in der aufstrebenden Computer-Branche Karriere machte, wurde Dietrich von der Gestapo verhaftet. Er war Theologe und führendes Mitglied der Bekennenden Kirche in Deutschland. Später wurde er Doppelagent und unterstützte das Attentat vom 20. Juli 1944; in den letzten Kriegstagen wurde er erhängt. Seine Zwillingsschwester Sabine11 (1906–1999) heiratete den Jurist Gerhard Leibholz12 (1901–1982) – da er jüdischer Abstammung war, emigrierte die Familie 1938 nach England und überlebte dort die Nazi-Diktatur. Nach Kriegsende kehrte das Ehepaar nach Deutschland zurück, wo Gerhard Leibholz Richter am Bundesverfassungsgericht wurde. Susanne13 (1909–1991), die jüngste Tochter von Karl und Paula Bonhoeffer, heiratete den Theologen Walter Dreß14 (1904–1979), einen Studienfreund Dietrich Bonhoeffers, der ebenfalls zur Bekennenden Kirche gehörte und ab 1938 die Vertretungspfarrstelle in Berlin-Dahlem für den im KZ inhaftierten Martin Niemöller innehatte. Über all diese Persönlichkeiten (und viele andere mehr) erfahren wir im Silvester-Tagbuch von Karl Bonhoeffer, das darum ein zeitgeschichtliches Dokument hohen Ranges darstellt und als wichtige Primärquelle die zukünftige Bonhoeffer-Forschung bereichern wird.
Persönlichkeit
Karl Bonhoeffer wird von seiner Tochter Sabine folgendermaßen beschrieben:
»An unseres Vaters Erscheinung waren wohl die ausdrucksvollen Augen und die sehr differenzierte Mimik das auffallendste. Er hatte einen schön geformten Kopf, dunkles Haar und eine brünette Haut. Seine Glieder waren grazil, und er bewegte sich sehr elastisch. Eindrucksvoll und sprechend waren auch seine Hände. Sehr behutsam und ausgewogen waren seine Gesten. Seiner Natur nach war unser Vater etwas distanziert und zurückhaltend, und doch blickten seine Augen den anderen mit intensiver Einfühlung an. Wollte er einer Sache Nachdruck verleihen, so geschah das durch Akzentuierung, aber nie durch Lautwerden.
Professor Scheller15 sagte von ihm: ›So wie ihm alles Maßlose, Übertriebene, Undisziplinierte von Grund auf zuwider war, so war an ihm selber alles Beherrschtheit, Einhalten der Form, äußerte Disziplin.‹
Er erzog uns durch sein Beispiel, durch die Art und Weise, wie er sein tägliches Leben führte. Er sprach wenig, und wir entnahmen sein Urteil einem erstaunten Blick, einem Spaß, gelegentlich auch einem leicht mokanten Lächeln. Außergewöhnlich war seine klares Auge für das Echte, Spontane, Schöpferische. Er ließ uns seinen Respekt für warmherziges, selbstloses, selbstbeherrschtes Handeln spüren und vertraute darauf, daß man dem Schwächeren zur Seite stand. Er hoffte vor allem, daß wir einmal Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden lernen und unsere Grenzen erkennen würden. Seine große Toleranz verstellte der Boniertheit den Weg und weitete unser Haus. Er setzte das Gute voraus und erwartete viel, aber seiner Güte und seines gerechten Urteils waren wir immer gewiß. Er besaß großen Sinn für Humor und wußte bei einer Hemmung oft durch einen Spaß zu ermutigen. Sein gezügeltes Temperament ließ ihn nie ein Wort zu uns sprechen, das nicht ganz auf uns gerichtet gewesen wäre. Seine Ablehnung der Phrase hat manchen von uns zu Zeiten einsilbig und unsicher gemacht, aber erreicht, daß wir als Heranwachsende an Schlagwörtern, Geschwätz, Gemeinplätzen und Wortschwall keinen Geschmack mehr fanden. Ein Schlagwort oder Modewort hätte er selbst nie benutzt.
In unserer Erziehung standen die Eltern wie eine Mauer zusammen. Es kam nicht vor, daß einer ›Hüh‹ und der andere ›Hott‹ gesagt hätte. […] Unser Vater war wohl die letzte Autorität für uns. Sagte unsere Mutter ›Papa möchte das nicht gern‹, so genügte dies, daß es nicht geschah. Wenn unser Vater das Zimmer betrat, wäre es unmöglich gewesen, dies zu ignorieren. Er war ein Meister der Zeiteinteilung; ohne je von ›keine-Zeit-haben‹ zu sprechen, brachte er unglaublich viel in seinem Tagesablauf unter, ohne gehetzt zu wirken. ›Paulinchen, nicht hetzen‹, rief er meiner Mutter oft zu.
Unser Elternhaus blieb ein Mittel- und Sammelpunkt für die große Familie und war – was ja nicht selbstverständlich ist – eine Attraktion auch für die Schwiegerkinder, und zwar nicht nur an Festtagen, sondern in Sturmzeiten, denn unsere Sorgen waren auch die der Eltern. – Tränen in den Augen ihrer erwachsenen Kinder füllten sogleich auch die Augen meiner Mutter mit Tränen, obwohl sie keineswegs ans Wasser gebaut hatte. Meine Eltern trennten sich fast nie; jeder war nur ein ›halber Mensch‹ ohne den andern. Sie brachten es in ihrer fünfzigjährigen Ehe auf eine Trennungszeit von ein paar Wochen.«16
Vor Kurzem ist eine Monographie über Karl Bonhoeffer erschienen; der Verfasser Klaus-Jürgen Neumärker charakterisiert ihn als »äußerst sensible Natur« und beschreibt seine ärztliche Tätigkeit folgendermaßen:
»Alles öffentliche Sich-zur-Schau-Stellen, also Ansprachen, Kongreßreisen, aber auch das Kolleglesen, waren ihm nicht angenehm. Von Disziplin war sein ganzer Tagesablauf geprägt: Tagtäglich erschien er pünktlich um 9.00 Uhr in der Klinik, ließ sich in der Klinikkonferenz über die aktuellen Dinge durch die Abteilungsärzte informieren und führte anschließend Visiten durch. Von 11.00 bis 12.00 Uhr hielt er, stets gut vorbereitet, seine Vorlesungen im Hörsaal, lief, wenn nötig, zur benachbarten chirurgische Klinik hinüber, um sich dort über Operationsverfahren an Gehirn und Rückenmark bei einem seiner Patienten zu erkundigen, suchte aber auch die Pathologie auf, die sich wenige Meter von seiner Klinik entfernt befand. Er scheute sich auch nicht, einer Obduktion beizuwohnen, um die von ihm erhobenen klinisch-neurologisch-psychiatrischen Symptome mit den pathologisch-anatomischen Gegebenheiten zu korrelieren. Dabei war er bemüht, ›niemals abgehetzt zu wirken‹, und verließ regelmäßig gegen halb zwei die Klinik, um sich nach Hause zu begeben. Hier erwarteten ihn die eigene Praxis, die er montags, mittwochs und freitags von 16.00 bis etwa 18.00 Uhr betrieb, die eigene wissenschaftliche Arbeit und die Familie.«17
Ernst Kluge, ein Schüler und Mitarbeiter Karl Bonhoeffers, ergänzt diese Schilderung aus seiner Erinnerung:
»Der Tag in der Klinik begann um 9.00 Uhr mit der Konferenz. Dort wurde über die Zugänge berichtet, es durften auch Fragen über schwierige Vorkommnisse gestellt werden, die aber meistens endgültig erst bei der Visite beantwortet wurden.
Bonhoeffer machte regelmäßig Visiten auf allen Stationen, und zwar ohne Gefolge. Er kannte jeden Patienten, man stellte ihm die Zugänge vor und es wurde das Nötige besprochen. Er hörte sehr aufmerksam zu, seine Stellungsnahme sah man oft nur aus einer kleinen Geste – und verstand ihn. Hatte man dann noch eine Frage, ging er geduldig und ausführlich auf alles ein. Bei solchen Gesprächen ließ er am liebstem dem Jungen, dem Nichterfahrenen die erste Äußerung, brachte ihn durch Mitdenken zur Initiative. […]
Ich möchte sagen, daß er eine goethische Natur war. Er näherte sich Menschen und Dingen mit großer Behutsamkeit und umso größerer Intensität. Daher kam seine Fähigkeit, die Phänomene zu durchschauen.«18
Karl Jaspers hat Bonhoeffers Neigung zu Vorsicht und Zurückhaltung einmal folgendermaßen charakterisiert: »Durch seine Arbeit geht ein Hauch von Bescheidung von den ungeheuren Rätseln«.19
2. Das Silvester-Tagebuch
Silvester-Abend
Karl Bonhoeffer machte nicht täglich Notizen – dazu hätten ihm seine vielfältigen Verpflichtungen als Universitätsprofessor und als Direktor der Klinik für Psychiatrie und Neurologie an der Berliner Charité trotz seines wohlstrukturierten Tagesablaufs wohl kaum Zeit gelassen. Aber er führte über Jahrzehnte hinweg ein sogenanntes Silvester-Tagebuch. Dabei handelt es sich um eine der zahlreichen Besonderheiten, welche im Hause Bonhoeffer gepflegt wurden: Die gesamte Advents- und Weihnachtszeit (beginnend mit den Weihnachtseinkäufen ab Oktober) war von vielfältigen Traditionen geprägt, die von der Mutter quasi liturgisch zelebriert wurden und jedes Jahr wiederkehrten.20 Außer dem Schrieben der Wunschzettel, der großen Weihnachtsbäckerei und den gemeinsamen Adventsnachmittagen zur Anfertigung der selbst gemachten Weihnachtsgeschenke gehörten dazu unter anderem die Nikolausfeier, das Schmücken des Baumes und das Aufstellen der Krippe, Heiligabend (mit einem Hausgottesdienst für die ganze Familie und die zahlreichen Angestellten), bestimmte Besuche bei Verwandten und Freunden an den Feiertagen, die Geburtstagsfeste für Walter am 10. Dezember, für Paula am 30. Dezember, für Klaus am 5. Januar und für Karl-Friedrich am 13. Januar – und auch der Silvester-Abend. Über dessen Ablauf berichtet Susanne:
»Am Tag darauf, in der Silvesternacht, fand die Festzeit im Kreis der Familie und in der nächsten Freund- und Verwandtschaft dann ihren Abschluss. Kirchgang war uns hier (wie auch am Heiligen Abend) fremd. Dafür hatten sich aber in unserer Familienfeier streng kultische Formen ausgeprägt: Man versammelte sich gegen zehn Uhr abends und trank Punsch aus alten, nur an diesem Abend gebrauchten Gläsern. Dazu gab es Pfannkuchen. Dann wurde eine große Wanne mit Wasser auf den Tisch gestellt, und wir ließen ›Schiffchen‹ schwimmen: zwei große Nussschalen mit je einem winzigen Licht. Trafen sie zusammen, dann ging der angegebene oder auch unausgesprochne Herzenswunsch in Erfüllung. Man konnte auf diese Art auch Sommerreisepläne und Ähnliches diskret den höheren Stellen vermitteln. Das Problem, ob Wellen gemacht werden dürfen, um ein leichtes corriger la fortune zu betreiben, blieb immer eine offene Streifrage. Alsdann ging es ans Bleigießen und Ausdeuten der bizarren Gebilde, worin mein Vater Autorität war. Die Schattenwirkung mit einzubeziehen, was plötzlich üblich wurde, erschien mir artfremd. Noch ein Glas Punsch, und dann wurden Karten gezogen.
Wahrsage-Karten! Gedruckter, aber eigenster Familienbesitz, gemalt von meiner Patentante Helene York-Kalckreuth, gedichtet von ihrem Mann. Ich konnte sie bald alle auswendig, diese zukunftsweisenden Verschen. Aber Zauber und Spannung haben nie aufgehört bei diesem Spiel einmal im Jahr – und ein bisschen glaubte man im betreffenden Moment doch daran. Wenn meine Mutter aber zog »Blanker Helm auf stolzem Haupt hat dein wehrlos Herz geraubt!«, dann war die Heiterkeit groß.
Bis halb zwölf Uhr waren diese weltlichen Bräuche erledigt; die Kerzen wurden noch einmal angesteckt, die Angestellten hereingerufen, der feierliche Teil begann. Für mich war er das Schönste an diesem Abend, und ich glaubte, ihn nie entbehren zu können. Meine Mutter las den 90. Psalm: »Herr Gott, du bist unsere Zuflucht für und für!« Bei den letzten Worten: »Ja, das Werk unserer Hände wolle er fördern«,21 fühlte ich mich zu einer Lebensleistung gerufen. Ich war gewillt, das kommende Jahr so zu leben, dass es sich auf das Endziel in den fernen Jahren des Erwachsenseins ausrichtete, wo es auf das ›Werk der Hände‹ ankommen würde. Ein Vers nach dem anderen wurde anschließend das lange Silvesterlied von Paul Gerhardt22 gesungen, wobei meine Mutter wieder vorsprach. Wenn ich auch die letzten Weihnachten im Krieg noch nicht recht bewusst erlebt habe – die Tränen meiner Mutter, deren Gesicht unbewegt blieb und deren Stimme führend durchhielt, während andere versagten, vergesse ich nicht! Wenn die Glocken läuteten, wünschte man sich am offenen Fenster ein gutes Jahr und die – in unserer Familie sonst nicht üblichen – Küsse wurden getauscht. Still und besinnlich sah man die letzten Kerzen verglimmen, die langen Schatten an Wänden und Decke zittern. Als brennende Frage (die wohl andere Fragen an das neue Jahr gern verdrängte), blieb die Spannung im Raum, welche Kerze als letzte verlöschen würde. Als sie sich schließlich von selbst beantwortet hatte, ging man geruhsam ins Bett.«
Auch wenn das Silvester-Tagebuch hier keine Erwähnung findet, steht fest, dass sich Karl Bonhoeffer an jedem23 Silvester-Abend Zeit nahm, um eine Eintragung in dieses Buch vorzunehmen (das nur einmal im Jahr zu diesem besonderen Zweck benutzt wurde – und deshalb eigentlich kein ›Tagebuch‹, sondern eher ein ›Jahresbuch‹ ist). Oft geschah dies in der letzten Stunde des Jahres, und gelegentlich lesen wir, dass Karl Bonhoeffer beim Schreiben vermerkt, wie gerade die Glocken erklingen, um das neue Jahr einzuläuten. Um die nötige Ruhe zu finden, zog sich Karl Bonhoeffer in einen Nebenraum bzw. sein Arbeitszimmer zurück, wie er im Jahr 1904 vermerkt, da sich Besuch eingefunden hatte:
»Zum ersten Mal sind wir heute Abend nicht ganz alleine. Nebenan ist Tante Emilie und Tante Elisabeth und Bubi.«24
Beginn und Neubeginn
Den ersten Eintrag in dieses Buch nahm Karl Bonhoeffer am 31. Dezember 1899 um 23.00 Uhr in Breslau vor; damals war er jung verheiratet, und in diesem Jahr waren seine beiden ältesten Söhne geboren worden – Karl-Friedrich am 13. Januar und Walter (als Sieben-Monats-Kind) am 10. Dezember 1899. Die bedeutungsvolle Phase der Familiengründung hatte begonnen, und im vertrauten Zuhause war man nun zu viert. Die Erfahrung, Vater geworden zu sein, und das Bedürfnis, etwas von den eigenen Erinnerungen an die kommende Generation weiterzugeben, bildeten wohl den Anlass dafür, ein Silvester-Tagebuch zu beginnen. Dazu kam die Tatsache, dass in diesem Moment ein neues Jahrhundert anbrach, dem Karl Bonhoeffer mit ebenso viel Erwartung und Zuversicht entgegensah, wie die meisten seiner Zeitgenossen:
»Eben schlägt es 12 Uhr. Des nächsten Jahrhunderts25 Beginn feiern hoffentlich unsere Urenkel ebenso zufrieden, wie wir heute sind.«26
Dass sich diese Hoffnung nicht erfüllt hat, sondern alles ganz anders gekommen ist, – und wie die Angehörigen der Familie Bonhoeffer mit den Herausforderungen und Schicksalsschlägen umgegangen sind, die in den folgenden Jahren mit den beiden Weltkriegen über sie hereinbrachen –, dies kann man in Karl Bonhoeffers Silvester-Tagebuch nachlesen. Ja, viel mehr als das: Man kann diesen dynamischen Prozess gleichsam mitvollziehen. Denn anderes als in einer Autobiographie, wo der Lebenslauf vom Verfasser rückblickend so konstruiert wird, dass zumeist ein Eindruck von Folgerichtigkeit und Geschlossenheit entsteht, lässt sich hier Schritt für Schritt erleben, wie Erwartungen gehegt und enttäuscht werden, wie sich Einstellungen ändern und Überzeugen herausbilden. So stand Karl Bonhoeffer etwa dem Beginn des Ersten Weltkriegs, wie viele Menschen um ihn her, zunächst positiv gegenüber (auch wenn er die Kriegsbegeisterung des Preußischen Militarismus nicht teilte); seine Notizen der folgenden Jahre vermitteln ein authentisches Bild, wie sich diese Haltung aufgrund von Erfahrungen langsam grundlegend gewandelt hat. Dabei werden frühere Eintragungen nicht korrigiert, sondern gleichsam fortgeschrieben (und erscheinen so wie ein Abbild des Lebens selbst mit all seinen ›Irrungen und Wirrungen‹).
Am 28. April 1918 ist Walter, der zweitälteste Sohn von Karl und Paula Bonhoeffer, in einem französischen Militärlazarett in Franconcourt seinen Kriegsverletzungen erlegen – die Erschütterung über diesen Verlust ging so tief, dass der Vater lange verstummte und für die nächsten zehn Jahre keine Einträge mehr vorgenommen hat. So begreiflich das ist, so sehr ist diese große Lücke im Text zu bedauern – denn diese zehn Jahre umfassen eine geschichtlich außerordentlich bedeutsame und bewegte Zeit: das Ende des Ersten Weltkriegs, die Gründung der Weimarer Republik, Inflation und Währungsreform, das Berlin der ›Goldenen Zwanziger Jahre‹ und die Vorboten des Nationalsozialismus. Auch innerhalb der Familie ist in diesem Jahrzehnt Entscheidendes geschehen, worüber das Silvester-Tagebuch schweigt (Karl Bonhoeffer verzichtet bei seinem Neueinsatz auch auf einen zusammenfassenden Rückblick): Aus Kindern wurden Erwachsene, und eine neue Generation wuchs heran. In diesen Jahren haben drei der vier Bonhoeffer-Töchter geheiratet (Ursula im Jahr 1923, Christine 1925 und Sabine 1926), und die ersten vier Enkelkinder wurden geboren. Als die Großfamilie mit allen Kindern, Schwiegerkindern und Enkelkindern an Silvester 1927 im Elternhaus ihn Berlin zusammentraf, waren Freude und Dankbarkeit so groß, dass Karl Bohnhoffer den Mut fand, »den unterbrochenen Faden wieder aufzunehmen und an das Verlorene anzuknüpfen.«27 Von nun an führte er sein Silvester-Tagebuch bis zu seinem Tod fort (die letzte Eintragung stammt vom 31. Dezember 1947; Karl Bonhoeffer starb achtzigjährig am 4. Dezember 1948 in Berlin).
Tradition
Die Tradition eines Silvester-Tagebuchs wurde von Karl Bonhoeffers jüngster Tochter Susanne aufgegriffen. Sie wollte schon als kleines Mädchen Schriftstellerin werden und hat neben vielen anderen Texte auch exzessiv Tagebuch geschrieben – bis ihre Familie ohne ihr Wissen darin gelesen hat und wegen des Inhalts besorgt war.28 Da unterbrach sie im Jahr 1926 ihre Tagebucheintragungen für volle zehn Jahre (ähnlich wie ihr Vater …) und setzte sie erst 1936 wieder fort. Als Susanne später ihre ausführlichen Lebenserinnerungen verfasste, benutzte sie ihr Silvester-Tagebuch als Quelle und Gedächtnisstütze, wie sie gelegentlich erwähnt:
»In meinen Aufzeichnungen aus den Jahren 1936 bis 1950, die ich neulich wieder tief im Schreibtisch verborgen entdeckte und die ich seitdem als Anhaltspunkt benutze, steht als erster Satz: ›Im Interesse meines kleinen Michael will ich nun nach zehn Jahren wieder ...‹. Aber ich habe nur am Silvestertag etwas hineingeschrieben, als kurzgefasste Jahresübersicht. So ein Silvesterbuch hatten meine Eltern auch, und zu mehr kam ich nicht. Ob ich dieses Buch meinem Ältesten noch vor meinem Ableben gebe? Ich glaube kaum – es ist den Kirchenkampfzeiten entsprechend sehr fromm geschrieben.«29
Ihr Tagebuch war für Susanne nun also nicht mehr täglicher Begleiter und ›Gesprächspartner‹, sondern sie benutzte es für einen Jahresrückblick am Silvesterabend – ganz so, wie sie es in ihrem Elterhaus kennen gelernt hatte. Über Jahre hinweg behielt sie diese Gewohntheit bei, wie aus Zitaten aus ihrem Silvester-Buch aus den Jahren 1942,30 194431 und 194532 hervorgeht.
3. Der Charakter dieses Textes
Eigenarten
Der bereits genannte Klaus-Jürgen Neumärker charakterisiert das Silvester-Tagebuch von Karl Bonhoeffer folgendermaßen:
»Jahr für Jahr nahm Bonhoeffer zu Silvester sein Tagebuch zur Hand, um die vielfältigen familiären und beruflichen Umstände, Ereignisse und Vorkommnisse niederzuschreiben. Jenes Silvestertagebuch, der Familie, den Kindern und zukünftigen Enkelkindern zugedacht, war das Spiegelbild der Familie.«33
Wenn Ereignisse nicht täglich, sondern jährlich festgehalten werden, bietet dies bestimmte Vorteile: Der Text entsteht mit vergleichsweise geringem zeitlichen Abstand, sodass Ereignisse nicht so leicht in Vergessenheit geraten (wie es bei autobiographischen Erinnerungen geschehen kann); andererseits wird auf diese Weise eine gewisse Distanz ermöglicht (anders als bei tagesaktuellen Einträgen). Karl Bonhoeffer hat in seinem Silvester-Buch nur das Wichtigste aufgeschrieben, sodass dieser Text vom Umfang her überschaubar bleibt. Seine Formulierungen sind sorgfältig abgewogen, da sie in einem besonderen Moment entstanden sind – nämlich in den stillen Stunden des Altjahresabends. Dazu kommt, dass Karl Bonhoeffer (wie wir bereits gehört haben) von seiner Persönlichkeit her ohnehin ein Mensch war, der seine Worte sparsam verwendet und wohl überlegt hat. Außerdem war er von Beruf Psychiater und darin geschult, Menschen und Vorgänge genau zu beobachten und möglichst objektiv zu beschreiben. All dies zusammengenommen, führt zu dem Ergebnis, dass wir es hier mit einem Konzentrat zu tun haben, das einen Einblick in fünfzig Jahre aus dem Leben der Familie Bonhoeffer ermöglicht – vor dem Hintergrund von Schicksalsjahren der neueren deutschen Geschichte.
Freilich zeigen die Eintragungen in das Silvester-Tagebuch eine gewisse Tendenz in Richtung auf jeweils unmittelbar zurückliegende Ereignisse – mithin die Weihnachtsfeiertage und den Geburtstag seiner Ehefrau Paula, der alljährlich am Vortag von Silvester begangen wurde. Aus diesem Grund erfahren die Leser des Öfteren, was es an Heiligabend für Geschenke gab oder welche Speisen bei der Geburtstagsfeier serviert wurden. Eine weitere spezifische Färbung erhält der Text dadurch, dass Karl Bonhoeffer Arzt war und ein besonderes Augenmerk auf medizinische Aspekte und den Gesundheitszustand seiner Angehörigen richtet. Typisch sind etwa Bemerkungen wie »Die Kinder waren am Weihnachtsabend alle gesund«34 oder »Krankheiten haben uns in diesem Jahr gottlob nicht heimgesucht«35 – oder gar »Der Schädelumfang36 beträgt 56 [cm].«37 Auch auf frische Luft und gesunde Wohnverhältnisse legte Karl Bonhoeffer viel Wert und kommt regelmäßig darauf zu sprechen.38 Der naturwissenschaftlichen Prägung des Verfassers ist es wohl geschuldet, dass seine Berichterstattung bisweilen etwas nüchtern wirkt – etwa wenn Schulnoten aus den Weihnachtszeugnissen seiner Söhne detailliert aufgelistet werden39 oder wenn Grundstücksgröße und Kaufpreis des Ferienhauses in Wölfelsgrund angegeben sind.40 Zu diesen Eigenarten gehört auch, dass Zahlworte im Text fast immer als Ziffern geschrieben sind (»Am 3ten Weihnachtsfeiertag sind wir hierher gefahren«41 u.ö.). Andererseits finden sich im Text immer wieder persönliche Bemerkungen und treffende Charakterbeschreibungen; beispielsweise diese von Silvester 1902 über Karl Bonhoeffers Sohn Klaus im Alter von einem Jahr:
»Er betrachtet Mahlzeiten als ernsthafte Ereignisse, während deren er zu keinem Spaß zu haben ist. Mit 1 1/2 Jahren hat er laufen gelernt, dann gings aber auch sehr flott. Er ist zurückhaltend und sieht sich alle ihm unbekannten Menschen erst lange – oft tagelang – an, bis er sich mit ihnen einlässt. […]
Claus42 schwatzt jetzt auch schon verständlich und singt mit seinen Brüdern. Er ist leicht verletztes Gemüt, überlegt sich, was er tut, spielt viel für sich alleine.
Wenn ihn etwas schmerzt, so wird er still und in sich gekehrt und es kostet Mühe, ihn wieder aufzuheitern. Im ganzen ist er aber heiter, vergnüglich und zu Scherzen geneigt und auch ausgelassen.«43
1903 bemerkt der Vater über den Zweijährigen:
»Claus, der bedächtige, ruhige und realistische Beobachter, liebt seine Luise44 schwärmerisch, außerdem seinen Regenschirm. Zu Weihnachten wünschte er sich einen Kleiderschrank, einen Regenschirm und eine Leiter für Luise. Er ist ein drolliger, dicker Bengel.«45
An Silvester 1904 war Klaus drei Jahre alt; der Vater charakterisiert ihn so:
»Claus hat sich zum Niklaus eine Dienstmannsmütze gewünscht und zu Weihnachten eine Guten-Tag-Mütze und [ein] Bild vom lieben Gott und ein Automobil!46 Er macht sich seine eigenen Gedanken. Er glaubt nicht, dass Gott überall sein kann und beschäftigt sich mit theologischen Fragen.«47
Im Jahr 1905 notiert Karl Bonhoeffer über den vierjährigen Klaus:
»Der Dicke ist noch immer Philosoph und bedenkt sich die Probleme des Lebens. Seine Hauptneigung ist die elektrische [Eisenbahn] und seine Weihnachtswünsche bewegen sich fast ausschließlich auf Fahrzeuge der verschiedensten Art.«48
1907 war Klaus sechs Jahre alt; der Eintrag lautet:
»Claus spielt Cello, er wächst langsam, sodass Ursel zu seinem Schmerz ihm über den Kopf gewachsen ist. Er liebt es, seine Geschwister gelegentlich zu zwicken und zu necken, spielt aber mit den Zwillingen sehr nett.«49
Und 1909 liest sich die Beschreibung des Achtjährigen folgendermaßen:
»Er ist in der Schule anscheinend auch ganz brauchbar. Im übrigen hat er mehr als seine Geschwister Schwierigkeiten, sich jovial zu halten. Er rauft und knufft sich gerne und liebt es, seinen Geschwistern und Frl. Horn Streiche zu spielen. So hat heute noch ein kleines Strafgericht stattfinden müssen. Hat man ihn alleine, so ist er nett und liebenswürdig und interessiert sich noch immer für allerhand Abstraktes und Rätselhaftes im Leben. Er ist schwerlebiger als die anderen Jungen.«50
Das verborgene Ich
Auffällig ist, dass Karl Bonhoeffer im Silvester-Tagebuch von sich selbst fast immer in der dritten Person spricht (»Vater«); nur an seltenen, sehr persönlichen Stellen ringt er sich durch zum »Ich«. Dies geschieht zum Beispiel dort, wo er Erinnerungen an seinen Großvater in der Ich-Form mitteilt – nachdem sich der Verfasser zuvor hinter dem Pluralis maiestatis (»wir«) oder der dritten Person Singular verbarg:
»Am letzten Silvester haben wir nicht geschrieben, weil tags darauf Vaters51 Reise nach Tübingen bevorstand. Davon haben wir schon geschrieben, dass damals traurige Tage waren, weil Großvater Bonhoeffer im Sterben lag. Ich selbst erinnere mich an meinem Großvater, der, wie ich 4 Jahre alt war, gestorben ist. So denke ich, dass auch Karl-Friedrich, Walter und Claus, vielleicht auch Ursel, sich an ihren Großvater erinnern werden«.52
Das Silvester-Tagebuch hat einen impliziten Adressat, nämlich die eigenen Kinder und Nachkommen, die an wichtigen Stellen auch direkt angesprochen werden – etwa im Zusammenhang mit dem eben erwähnten Tod des Vaters:
»Seine letzten Worte waren aus seinen Träumen heraus ›viele Grüße‹: Er meinte damit Euch und Eure Mutter.«53
Im Allgemeinen bezeichnet Karl Bonhoeffer im Silvester-Tagebuch mit »Vater« sich selbst, mit »Mutter« seine Ehefrau Paula, mit »Onkel Otto« seinen älteren Bruder usw. Dies wird jedoch nicht konsequent durchgehalten, und häufig gibt es unvermittelte Wechsel. So kann mit »Mutter« auch Karl Bonhoeffers eigene Mutter Julie gemeint sein; das lässt sich aus dem Kontext erschließen und wird jeweils in erklärenden Fußnoten vermerkt. Den Schwerpunkt des Berichteten bildet jedenfalls die eigene Familie – so sehr, dass bedeutende Ereignisse aus Gesellschaft und Politik nur ganz am Rand Beachtung finden und hinter dem Privaten zurücktreten. So wird etwa die Machtergreifung Hitlers am 30. Januar 1933 überhaupt nicht erwähnt; stattdessen die Feier des 65. Geburtstags des Vaters von Karl Bonhoeffers Schwiegersohn Gerhard Leibholz, die am 18. Januar 1933 stattfand.54 Lediglich am Ende seines Eintrags an diesem Silvesterabend bemerkt Karl Bonhoeffer: »Das neue Jahr gibt uns vieles zu wünschen.«55 Ein weiteres Beispiel ist der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, der im Silvester-Tagebuch folgendermaßen zur Sprache kommt:
»Von Ende Juli bis Mitte August waren wir mit Leibholzens in Zandvoort und Wassenaar.56 Es waren schöne Tage, an die wir gern zurückdenken. – Karl-Friedrich war im Sommer noch zu Vorträgen in England und Dietrich in Amerika und kam kurz vor Kriegsausbruch wieder nach Hause. – Gestern war Mamas Geburtstag, die Wünsche, die wir dabei haben, sind neben den persönlichen, dass sie uns so gesund erhalten bleiben möge, dieselben, die wir für’s neue Jahr haben.«57
Politische Ereignisse
Dort, wo auf politische Ereignisse Bezug genommen wird, kann es auch auf irritierende Weise geschehen – wer dies rückblickend mit dem besseren Wissen der Nachgeborenen liest, sollte sich bewusst machen, dass Karl Bonhoeffer aus seiner damaligen Perspektive schrieb und die zukünftige Entwicklung nicht vorhersehen konnte. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs (von dem man damals noch nicht wusste, dass es ein ›Weltkrieg‹ werden würde und dass auf diesen ›Ersten‹ Weltkrieg bald ein weiterer folgen würde) wird im Silvester-Tagebuch so kommentiert:
»Es kamen nun die großen Tage der einmütigen Erhebung unseres Volkes, die wir zusammen in Berlin erlebten. Unter den Linden vor dem Schloss des Kaisers und des Kronprinzen trafen wir mit den Kindern in bewegte Massenansammlungen, Bilder, die uns allen unvergesslich bleiben werden. Den ersten Wochen des siegreichen Fortschreitens unseres Heeres durch Belgien und den Norden Frankreichs mit den fast täglich frohen Botschaften folgte dann die ruhigere Zeit des Stellungskampfes der sich gegenüberstehenden feindlichen Heere, und es folgten die Nachrichten von den schweren Opfern, die fast jede Familie, und die unsrige in ihrem weiteren Umkreise in besonders hohem Maße, betrafen.«58
Bereits zwei Jahre später, 1916, war Karl Bonhoeffer durch zahlreiche Erlebnisse ernüchtert worden; seine ausführlichen Reflexionen der wirtschaftlichen und militärischen Lage beschließt er nun mit Worten, die kritische Distanz zur herrschenden Propaganda erkennen lassen:
»Zu eigenem Urteil ist man bei der zensierten Presse nicht fähig, und was politisch geschieht, hat so häufig den Charakter der mangelnden organischen Notwendigkeit, dass man beunruhigt ist. Der dauernde Appell an den gutgläubigen Untertanenverstand, der nur zu retrospektiven Betrachtungen zugelassen ist, hat nichts Erhebendes.«59
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs hat sich Karl Bonhoeffer vom Deutschen Kaiserreich distanziert und die Enwicklung der Weimarer Demokratie bejaht – ähnlich wie der befreundete Historiker Hans Delbrück, der in den von ihm herausgegebenen ›Preußischen Jahrbüchern‹ schrieb:
»Der Monarch aber muß vor allem Staatsmann sein und sich, von allen Leidenschaften befreit, identisch fühlen mit dem in der Tiefe erfaßten Interesse des Ganzen. Verfehlt er dies, so hat er gefrevelt gegen seinen monarchischen Beruf, und ist es geschehen an einer so entscheidenden Stelle, daß der Fehler in den Abgrund führt, so ist auch der monarchische Gedanke und die Monarchie dahin.«60
Die über den persönlichen Horizont hinausweisenden Betrachtungen nehmen im Silvester-Tagebuch im Lauf der Zeit immer mehr zu: Während Karl und Paula Bonhoeffer in der intensiven Lebensphase der Familiengründung, wo fast in jedem Jahr ein neues Kind geboren wurde, dadurch verständlicherweise sehr in Anspruch genommen worden sind, finden später gesellschaftliche und politische Themen breiteren Raum – wobei die Herausforderung durch die Nazi-Diktatur dazu reichlich Anlass bot und so diese Tendenz noch verstärkt haben mag.
Reisen und Urlaube
Der Fokus der Eintragungen richtet sich jedoch insgesamt vor allem auf das Wohlergehen der eigenen Kinder, Schwiegerkinder und Enkelkinder. Einen weiteren Schwerpunkt bildet das Thema Reisen und Urlaube: Das Ehepaar Bonhoeffer war außergewöhnlich unternehmungs- und reiselustig61 und verfügte über die finanziellen Mittel, um ›standesgemäß‹ (das bedeutete: luxuriös) zu logieren. Reisen hatte damals noch einen ganz anderen Charakter als heute in Zeiten des Massentourismus und war einer wohlhabenden Oberschicht vorbehalten. Häufig erwähnt Karl Bonhoeffer nicht nur die Orte, sondern auch die Hotels, wo er untergebracht war, und es handelte sich dabei fast ausnahmslos um das ›erste Haus am Platz‹. Sofern die Gebäude heute noch existieren, vermitteln sie einen Eindruck der Prachtentfaltung, welche die Gäste genossen haben – etwa das legendäre Grand-Hotel auf dem Semmering bei Wien oder das Sanatorium in Glotterbad (das Fernsehzuschauern als Außenkulisse aus der Fernsehserie ›Schwarzwaldklinik‹ bekannt ist).
Die Reisen der Bonhoeffers waren vielfältig: Es gab (zu dieser Zeit eine große Seltenheit!) touristische Städtereisen, etwa nach Venedig, Mailand, Verona, Rom und Neapel; Paris und Marseille; Barcelona; Genf, Zürich und Bern oder Kopenhagen. Alljährlich im Frühjahr wurde eine Dienstreise in eine deutsche Stadt angetreten, wo jeweils die Jahresversammlung des ›Deutschen Vereins für Psychiatrie‹ abgehalten wurde, dessen Vorsitzender Karl Bonhoeffer über viele Jahre hinweg gewesen ist; dabei wurde er stets von seiner Ehefrau Paula begleitet, die bisweilen auch an den Sitzungen teilnahm und eine interessierte Zuhörerin war. Wieder und wieder gab es Verwandtenbesuche – vor allem in der schwäbischen Heimat Karl Bonhoeffers sowie in der ostpreußischen Stadt Königsberg und im niederschlesischen Breslau, wo Paula Bonhoeffer aufgewachsen war. Aber auch andere Gegenden wie etwa Düsseldorf wurden regelmäßig aufgesucht, nachdem sich Gertrud Wedell (eine Nichte Karl Bonhoeffers) dorthin verheiratet hatte und Karls Bruder Otto dort wohnte. Und natürlich reisten die Eltern Bonhoeffer häufig nach Hamburg, Göttingen und Leipzig, als sich ihre Kinder Christine, Sabine und Karl-Friedrich mit ihren Familien dort niedergelassen hatten. (Alle anderen Kinder lebten in Berlin – in ihrem Elternhaus oder in unmittelbarer Nachbarschaft dazu.) Solche Verwandtenbesuche wurden oft so organisiert, dass sie mit anderen Reisen auf dem Hin- oder Rückweg verbunden werden konnten.
Bonhoeffers liebten aber nicht nur Luxus und Kultur, sondern auch die Natur; dabei konnten sie sich auch mit ganz einfachen Verhältnissen zufriedengeben (wie etwa in Krummhübel im Riesengebirge). Als sie noch in Breslau wohnten, hatten sie ein eigenes Ferienhaus im schlesischen Wölfelsgrund erworben; nach dem Umzug in die Hauptstadt Berlin im Jahr 1912 verkauften sie dieses Anwesen und bezogen stattdessen das legendäre ›Häuschen‹ in Friedrichsbrunn im Harz. Es entwickelte sich über Jahrzehnte hinweg zum Treffpunkt für naturverbundene Familien- und Erholungsurlaube, die oft mehrere Wochen lang dauerten und auch in der nachfolgenden Generation beliebt waren. Das Haus in Friedrichsbrunn musste mit selbst geschlagenem Holz oder Kohle beheizt werden und verfügte nicht über fließendes Wasser – doch dies scheint Bonhoeffers nicht gestört zu haben; zumindest wird es im Silvester-Tagebuch nicht erwähnt.62 Während des Ersten Weltkriegs wurde eine Ziege mitgenommen, welche die Familie zur Verbesserung der schwierigen Ernährungslage angeschafft hatte; mehrmals im Jahr reiste sie mit der Eisenbahn von Berlin nach Friedrichsbrunn und zurück (wobei die Reisegesellschaft einen eigenen Waggon für sich reservieren konnte).63
Karl und Paula Bonhoeffer liebten ihre Kinder sehr – aber nicht ›über alles‹! An erster Stelle stand für dieses Paar die eigene Ehe. Susanne formuliert das in ihren Lebenserinnerungen so:
»Obwohl meine Mutter uns Kinder in den ersten drei Schuljahren alle selbst unterrichtete und uns in ihrer Fürsorge manchmal etwas zu weit ging, uns zu viel Schwierigkeiten abnehmen wollte, zu sehr alle Einzelheiten unserer Wege mit uns ging – so hatten wir doch das Gefühl, dass sie in erster Linie und eigentlich ausschließlich für unseren Vater da war. Dass auch für meinen Vater nur meine Mutter galt und wir Kinder nur in soweit infrage kamen, wie wir ihr Freude machten, schien uns keinem Zweifel unterworfen. Wir fanden das auch ganz richtig so; mir schien jede Ehe, von der ich merkte, dass es anders war, eigentlich recht unglücklich. Wir waren Folgen, aber nicht Zweck der Ehe meiner Eltern. Wohl das Schönste, was man seinen Kindern mitgeben kann, ist ein sogenanntes harmonisches Elternhaus, dessen Grundlage ja die Beziehungsart der Eltern ist. Vielleicht verwirrt aber auch eine solche Ideal-Ehe die Begriffe der Kinder fürs Leben ebenso wie eine unordentlich geführte. Die Ansprüche erhöhen sich – was ja für die Auswahl erst einmal gut ist, nachher aber doch manche Umstellung und manches Umdenken verlangt. Meine Eltern waren vor uns nie zärtlich miteinander, sie sprachen auch nicht über ihre glückliche Ehe. Es war ihnen selbstverständlich, dass Menschen, die sich der Einmaligkeit des Lebens bewusst sind, wenn sie heiraten, so miteinander und füreinander leben, dass es gar nicht der Rede wert war.«64
Karl und Paula Bonhoeffer haben neben den Familienurlauben auch immer wieder mehrwöchige Reisen zu zweit unternommen – und zwar trotz ihrer zahlreichen Kinder und bereits zu einem Zeitpunkt, als diese noch klein waren. Die erste dieser Reisen fand im September 1900 statt, als ihre beiden Söhne 19 und 9 Monate alt waren; im Silvester-Tagebuch wird darüber berichtet:
»Durch Krankheiten der Kinder sind wir in diesem Jahr nicht geängstigt worden. Wir konnten es deshalb im September wagen, unsere Kinder auf 6 Wochen im Stich zu lassen und sie den Großeltern in Pflege zu geben. Während der Reise schrieb Luise (das Kindermädchen) täglich eine Karte an die Mutter, deren Inhalt meist lautete: ›Die Kinderchen sind noch munter, alles übrige in Ordnung.‹ Blieb die Karte einen Tag aus, so war es mit der Ferienfreude der Mutter zu Ende. Doch geschah dies glücklicherweise nicht oft.
Die Eltern65 waren in dieser Zeit zu Besuch nach Jena, Heilbronn, Baden-Baden und endlich 3 Wochen in Tübingen, wo die Mutter die alte Heimat des Vaters kennen lernte und das Schwabenland zum ersten mal richtig sah.«66
Das Ehepaar Bonhoeffer achtete also auf genügend Zeit für Zweisamkeit und hielt gleichzeitig die Verbindung mit den Kindern aufrecht. Wenn jemand aus der Familie erkrankt war oder Hilfe brauchte, wurde der Urlaub sofort abgebrochen (was immer wieder vorkam). So berichtet Karl Bonhoeffer im Jahr 1930, als die Kinder bereits erwachsen waren:
»[Wir] fuhren von da nach Glotterbad, um uns zu erholen. Schon nach 3 Tagen fuhren wir durch die Nachricht, dass Ursel eines Blinddarmabszesses wegen schleunigst von Sauerbruch operiert werden musste, beunruhigt zurück.
Die Sache heilte, aber es waren doch mehrfache Bauchdeckenabszesse noch zu öffnen. Am 4ten Oktober versuchten wir noch einmal wegzufahren und waren 10 Tage in Lugano, wo Mutter sich einen heftigen Hexenschuss mit ischiasähnlichen Erscheinungen holte, der heute noch nicht ganz geschwunden ist. Ursel und Rüdiger, die wir zu einer Erholung nach L[ugano] eingeladen hatten, brachten uns die Nachricht, dass bei Suse Blutungen aufgetreten seien, die wahrscheinlich eine künstliche Frühgeburt nötig machten. Wir fuhren daraufhin zurück.«67
Im Jahr 1904 war die Kinderschar der Bonhoeffers bereits auf fünf angewachsen, und die Familie lebte in Heidelberg, wo sie jedoch nur für ein Semester blieb. In dieser Phase der beruflichen Konsolidierung von Karl Bonhoeffer gab es innerhalb von acht Jahren nicht weniger als sieben Umzüge in verschiedenen Städten (Breslau, Königsberg, Heidelberg und wieder Breslau) – trotzdem ist keine Rede von Überanstrengung, und das Ehepaar fand Zeit für zahlreiche Unternehmungen mit und ohne Kinder bzw. Verwandte und Bekannte. Karl Bonhoeffers Beschreibung des bewegten Sommers in Heidelberg liest sich so:
»In Heidelberg waren alte Breslauer Freunde – Gaupps –, mit denen wir sehr viel zusammen waren und deren Julchen sich mit Claus und Ursula anfreundete. – Vater und Mutter waren einmal 3 Tage am Rhein auf dem Niederwald-Denkmal und in St. Goar. – Ende des Semesters gingen wir mit Papa Hase in die Schweiz an den Vierwaldstättersee und von da nach Göschenen. Von hier zu Fuß über den Gotthard nach Airolo, indessen waren die Eltern68 bei den Kindern. Vorher waren wir mit Benedikt,69 der 4 Wochen zu Besuch war, im südlichen Schwarzwald, Titisee, Feldberg, Haldenwirtshaus, Belchen, Freiburg. Während des Einpackens der Möbel für Breslau waren die Kinder mit Tante Emilie auf dem Birfelderhof, wo sie in dem einfachen Gasthause einen schönen Landaufenthalt hatten.«70
Die Tatsache, dass Familie Bonhoeffer ein sich gegenseitig unterstützendes System bildete, bezog auch die jeweiligen Herkunftsfamilien mit ein. Man war in ein weitläufiges Netzwerk eingebunden, welches neben den beiden Großelternpaaren auch etliche Onkel und Tanten und weitere Angehörige umfasste. Begriffe wie ›Tagesmutter‹ oder ›Betreuungsnotstand‹ waren Bonhoeffers fremd; sie verfügten über eine große Anzahl von geeigneten und bereitwilligen Verwandten, wo ihre Kinder jederzeit versorgt werden konnten (entweder in deren oder in ihrem eigenen Zuhause) – egal, ob die Eltern nun einen Umzug organisieren oder einfach Urlaub machen wollten. Als Karl und Paula Bonhoeffer selbst Großeltern einer zahlreichen Schar von Enkelkindern geworden sind, haben sie diese generationenübergreifende Solidarität mit ihren Nachkommen projeziert und sich ihrerseits häufig um die Enkelkinder gekümmert (oft über Wochen hinweg).
Karl und Paula Bonhoeffer haben Urlaube zu zweit genossen, als ihre Kinder noch klein waren – umgekehrt haben sie mit ihren Kindern (und deren Kindern) Urlaub gemacht, nachdem diese bereits erwachsen waren. So wird davon berichtet, dass sie Ende der zwanziger Jahre mehrere Male nach Kampen auf Sylt fuhren und dabei ihre jüngste Tochter Susanne bzw. ihre Söhne Karl-Friedrich und Dietrich eingeladen haben.71 Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass sie in diesem vornehmen und teuren Seebad zwar exquisit wohnten und das Ehepaar Bonhoeffer im Zug erster Klasse fuhr – dass die Tochter aber während der Anreise im gleichen Zug in einem Waggon dritter Klasse untergebracht war …
Als das Ehepaar Bonhoeffer älter wurde und körperliche Beschwerden langsam zunahmen (trotz ihrer stabilen Konstitution, die angesichts der Entbehrungen und Schicksalsschläge im Zweiten Weltkrieg umso bemerkenswerter ist), hat eine andere Art von Urlaub zunehmend an Bedeutung gewonnen: selbstverordnete Kuraufenthalte (z.B. in Wiesbaden und vor allem in dem bereits erwähnten Ort Glotterbad im Hochschwarzwald). Vermutlich haben diese Reisen (modern gesprochen: eine gute Life-Work-Balance) mit dazu beigetragen, dass Karl und Paula Bonhoeffer sich bis ins hohe Alter hinein guter Gesundheit und eines klaren Verstandes erfreuen konnten.72 Auf jeden Fall wird im Silvester-Tagebuch deutlich, dass Karl Bonhoeffer Reisen als wichtige Höhepunkte betrachtete, die dem Jahreslauf eine gewisse Struktur gaben und deshalb besonders hervorgehoben werden.
Manchmal fanden Urlaube auch über Silvester statt (obwohl der Jahreswechsel bevorzugt in der vertrauten Umgebung des eigenen Zuhauses begangen worden ist). In diesem Fall wurde der Rückblick am Altjahresabend von Karl Bonhoeffer auf einem separaten Schriftstück notiert und nachträglich in das Silvester-Tagebuch eingefügt – wie im Jahr 1907, wo man sich im Urlaub im schlesischen Riesengebirge befand:
»Zum ersten Mal nicht zu Hause. Wir sind mit Karl-Friedrich, Walter, Claus und Fräulein Horn am 28. nach Schmiedeberg gefahren, haben dort übernachtet und sind dann nach den Grenzbauden teils zu Fuß teils zu Schlitten herausgekommen. Hier sitzen wir heute müde vom Schneeschuhlaufen. Das [Silvestertage]Buch liegt in Breslau, aber wir wollen doch diesmal wieder den Jahresüberblick zum richtigen Zeitpunkt schreiben.«73
Auch andere Unterlagen wurden bisweilen zwischen den Seiten des Silvester-Tagebuchs aufbewahrt; etwa eine Kinder-Zeichnung aus dem Riesengebirge, die in einem Brief an die Eltern enthalten war: »Karl-Friedrich hat der Mutter die beiliegende Skizze vom Gebirge gezeichnet.«74 Diese Unterlagen sind in der maschinenschriftlichen Abschrift nicht erhalten. Bei späteren Gelegenheiten wurde das Silvester-Tagebuch im Reisegepäck mitgeführt – beispielsweise im Jahr 1910, wo der Eintrag in Wölfelsgrund vorgenommen wurde75 oder 1914, als man Silvester in Friedrichsbrunn verbrachte.76
Zeitpunkt der Eintragungen
Karl Bonhoeffer hat die Eintragungen in sein Silvester-Tagebuch zumeist in den letzten Stunden des Jahres vorgenommen; dies wird bisweilen ausdrücklich vermerkt: »Jetzt läuten die Neujahrsglocken das Jahr 1903 ein und wir schließen dies Buch für ein Jahr.«77 Es gab aber auch Ausnahmen von dieser Regel, die vom Verfasser erwähnt werden. So notiert er am Silvesterabend 1905: »Wir schreiben diesmal schon am Abend den Jahresbericht, weil wir nach dem Abendbrot Vater Hase, Elisabeth und Benedikt erwarten und weil die Eltern Bonhoeffer aus Tübingen da sind.«78 Vereinzelt kam es auch vor, dass der Eintrag am Silvesterabend ganz unterblieb und erst im folgenden Jahr nachgetragen wurde. Dies war 1906 der Fall, denn Karl Bonhoeffers Vater war sehr krank und ist am 11. Januar 1907 gestorben. Hierzu bemerkt der Verfasser:
»Sylvester 1906 haben wir nicht wie in früheren Jahren die letzten Jahresstunden mit dem Schreiben der Jahresübersicht verbracht. Wir waren nicht recht in der Stimmung, da Vater79 am Mittag des 1. Januar 1907 nach Tübingen fahren wollte, um nach seinem schwer erkrankten Vater zu sehen.«80
Auch an Silvester 1913 gab es keinen Tagebucheintrag – aus einem ähnlichen Grund: Diesmal lag Paulas Vater im Sterben und erlag seinem Leiden am 1. Januar 1914. Am 31. Dezember 1914 berichtete Karl Bonhoeffer darüber:
»Zum 1. Mal haben wir im vergangenen Jahr den Sylvestereintrag unterlassen und auch im Lauf des Jahres nicht nachgeholt. Wir konnten uns nicht zum Schreiben entschließen, weil wir wussten, dass das Ende von Großvater Hase bevorstand. Er ist dann auch in der ersten Stunde des Jahres 1914 gestorben.«81
Es konnte auch geschehen, dass der Jahresrückblick nicht am Silvesterabend erfolgte, sondern wenige Tage später vorgenommen wurde; dies war für das Jahr 1908 der Fall, wie der Verfasser festhält:
»Großvater Hase, Elisabeth und Großmutter Bonhoeffer waren den Sylvesterabend mit uns zusammen, sodass wir nicht zum Schreiben des Jahresabschlusses kamen. Am 2ten [Januar 1909] fuhren wir nach […]82 und ich schreibe erst heute am 11. Januar, dem Todestag unseres Tübinger Großvaters.«83
Am auffälligsten ist vielleicht das Fehlen des Tagebucheintrags an Silvester 1915, weil hier kein besonderer Grund ersichtlich wird. Erst ein Jahr später hat Karl Bonhoeffer die Ereignisse der beiden vergangenen Jahre festgehalten und bemerkt dazu:
»Silvester 1915 haben wir nicht geschrieben, wir waren zu Hause. Mutter lag zu Bett mit leichter Influenza. Das Kriegsjahr [19]15 hat uns den Ende [19]14 erhofften Frieden nicht gebracht.«84
Auch am Silvesterabend des Jahres 1938 unterblieb die Eintragung (und wurde im Folgejahr nachgeholt); in diesem Fall wird der Grund ausdrücklich genannt: »1938 Silvester kamen wir nicht zum Schreiben wegen Beunruhigung durch Göttingen,85 eine Sorge, die uns auch das ganze Jahr begleitet hatte.«86
Die Tatsache, dass Karl Bonhoeffer solche Abweichungen jeweils eigens hervorhebt, belegt, mit welch großer Regelmäßigkeit er sein Silvester-Tagebuch führte. Abgesehen von den hier erwähnten Fällen fanden die Einträge von 1899 an bis zu seinem Tod im Jahr 1948 statt – mit Ausnahme jener bereits erwähnten großen Unterbrechung zwischen 1917 und 1927, die wiederum durch die Erschütterung über den Tod eines nahen Angehörigen ausgelöst worden war, den Verlust seines Sohnes Walter. Als Karl Bonhoeffer sein Silvester-Tagebuch schließlich wieder zur Hand nimmt, beginnt er mit den Worten:
»Eine Lücke von 10 Jahren. Wir fanden Sylvester 1918 nicht die Stimmung zum Schreiben. Der Tod Walters am 28. April [1918] an seiner Verwundung lag auf uns. Dazu die Unruhe der Revolutionszeit, die ganze Unsicherheit der Verhältnisse war nicht zum Rückblicken angetan. Auch in den folgenden Jahren fehlte der Mut, den unterbrochenen Faden wieder aufzunehmen und an das Verlorene anzuknüpfen. Das diesjährige Weihnachten, wo wir alle uns gebliebenen Kinder wieder einmal zusammen haben, lässt uns das alte Buch wieder aufnehmen, und wir wollen wieder berichten.«87
Einblick in die Gegenwart
Eine weitere Eigenart des Silvester-Tagebuchs von Karl Bonhoeffer soll hier genannt werden: Es enthält nicht nur eine Rückschau auf vergangene Ereignisse, sondern ermöglicht bisweilen einen Einblick in die unmittelbare Gegenwart des Verfassers (die freilich inzwischen schon längst Geschichte ist…). Dies geschieht in solchen Momenten, wo Karl Bonhoeffer mit seiner Retrospektive am Altjahresabend angekommen ist und den Leser nun gleichsam am Geschehen teilnehmen lässt. So berichtet er an Silvester 1901 davon, dass Paulas jüngerer Bruder Benedikt (ein enfant terrible innerhalb der Familie) bei ihnen aufgenommen worden ist,
»damit er der pädagogischen Talente seiner Schwester Paula teilhaftig wird. […] Er sitzt jetzt neben uns und sieht zum ersten mal beim Jahreswechsel zum Fenster hinaus und freut sich des Läutens der Glocken und des Mondscheins und hat mit seiner Kinderpistole zum Fenster hinausgeschossen. Dieses Momentes halber konnte er nicht einschlafen und wir haben ihn um 1/2 12 Uhr aufstehen lassen. Unsere Kinder schlafen.«88
Am eindrucksvollsten und spannendsten ist dieser Effekt zweifellos am Silvesterabend 1929, wo Leser des Jahresrückblicks die Verlobung von gleich zwei Söhnen der Familie Bonhoeffer sozusagen live miterleben können:
»Karl-Friedrich kam Ende Oktober zurück mit einer Berufung nach Harvard. Oktober bis Mitte November war mit viel Aussteuer- und Hochzeitsvorbereitungen für Suse erfüllt. W[alter] Dreß hatte seine Habilitation und sein zweites Examen hinter sich und eine Hilfspredigerstelle in Aussicht. –
Eben kommt ein Ferngespräch [nach Glotterbad] aus Berlin, in dem Claus seine Verlobung mit Emmy89 Delbrück mitteilt – eine Überraschung, weil wir eigentlich eine solche Nachricht von Karl-Friedrich erwarteten. Claus stellt für heute Abend90 auch noch Karl-Friedrichs Verlobung in Aussicht. Bis jetzt 11 Uhr ist sie noch nicht da. –
Die Ruhe für eine stille retrospektive Jahresübersicht ist damit verschwunden. Unser Leben kennt eben noch keine Ruhe, sondern vorläufig noch immer nur Bewegung. –
Nachts am 1. Januar [19]30. – Am 14. November war Suses Hochzeit. Wenige Tage später Gert und Sabines Umzug nach Greifswald, wohin er als o[rdentlicher] Professor berufen worden ist. Gleichzeitig musste Suses neue Wohnung installiert werden, eine hübsche Wohnung mit hübschem Blick auf den Lietzensee.
Seit Karl-Friedrichs Rückkehr aus Amerika spielt dauernd die Berufungsfrage Göttingen, Breslau, Zürich, Frankfurt neben Harvard und Prag [eine Rolle]. –
Fast gleichzeitig kamen Berufungen nach Zürich und Frankfurt. Nachdem er sich nun gestern verlobt hat mit Grete Dohnanyi wird es wohl Frankfurt werden.«91
Gemeinschaftswerk
Schließlich sei noch erwähnt, dass das Silvester-Tagebuch von Karl Bonhoeffer in gewisser Weise ein Gemeinschaftswerk ist, da es vereinzelt auch Einträge von Paula Bonhoeffer enthält (durch Kursivdruck vom sonstigen Text abgehoben). Dies ist vor allem in den ersten Jahren der Fall – ja, das Silvester-Tagebuch wird überhaupt in ihrer Handschrift, nicht in seiner, begonnen. Die ersten Worte lauten:
»Voriges Jahr am Sylvesterabend waren wir beide still zu Hause. Wir waren beide noch allein und warteten auf Karl-Friedrich. Er zögerte lange mit seinem Erscheinen und machte es mir nicht ganz leicht. Dies war aber alles ganz vergessen als er am 13ten Januar zur Welt kam.«92
Zwei Jahre später, als Paula sich bereits um drei kleine Kinder kümmern muss, fügt sie am Ende des Eintrags ihres Mannes eine sanfte Kritik an dessen Arbeitseifer ein:
»Karl ist immer fleißig, manchmal nur zu sehr. Die Praxis nimmt auch zu; daneben viel Gutachten und wissenschaftliches Arbeiten. Möchte es ein gutes neues Jahr werden.«93
Doch im Allgemeinen ist Paula Bonhoeffer stolz auf die Karriere ihres Mannes – als im Jahr 1907 der von ihm geleitete Neubau der Psychiatrischen Klinik in Breslau eingeweiht wurde, vermerkt Karl Bonhoeffer dies mit der für ihn typischen Neigung zum understatement so:
»Das Jahr hat äußerlich nicht viel Veränderung gebracht. Im Frühjahr ist die Klinik eröffnet worden und damit für den Vater94 ein lange gehegter Wunsch in Erfüllung gegangen.
Der Eröffnung folgte ein kleines Frühstück, bei dem auch die Kinder dabei sein durften.«95
Und Paula fügt bewundernd hinzu:
»Dem Vater wurde an diesem Tage ein Orden überreicht, der ihm sehr schön stand und den Kindern sehr gut gefiel. […]«96
Danach fährt Karl Bonhoeffer wieder mit seiner Eintragung fort; die beiden werden also während der Niederschrift beisammengesessen haben, und Paula hat mitgelesen, was ihr Mann schrieb. Ob das Silvester-Tagebuch überhaupt eine Idee von Paula Bonhoeffer war – so wie die meisten der zahlreichen Bräuche rund um die Advents- und Weihnachtstage, die in der Familie eingeführt und bewahrt worden sind? Möglichweise war Karl Bonhoeffer dieses besondere Buch kurz zuvor an Weihnachten 1899 von seiner Frau geschenkt worden – nachdem sie ihm in diesem Jahr bereits zwei Söhne ›geschenkt‹ hatte und aus dem Ehepaar eine Familie geworden ist, für deren Kinder von Anfang an ein Erbe bewahrt und weitergegeben werden sollte. Dies würde zu Paula Bonhoeffers initiativem Wesen (vor allem in Hinblick auf familiäre Belange) gut passen; doch bleibt es eine Vermutung. In jedem Fall sagt die Tatsache, dass Paula Bonhoeffer die Einträge ihres Mannes bisweilen ergänzte, etwas über den besonderen Charakter dieses Buches aus: Es war nicht (wie es sonst für ein Tagebuch typisch ist) von höchst privater, intimer Art, sondern in gewisser Weise öffentlich. Sein Ziel bestand weniger darin, der Selbstreflexion des Verfassers zu dienen, als wichtige Ereignisse für die Nachkommen festzuhalten. Und vielleicht auch für die Nachwelt – dies mag eine postume Veröffentlichung des Textes rechtfertigen (auch wenn sie zweifellos nicht in der Intention seines Verfassers lag).
4. Die Gestalt des Typoskripts
Manuskript und Typoskript
Das Silvester-Tagebuch besteht aus zwei Büchern, in welche handschriftliche Eintragungen vorgenommen wurden (Manuskript). Es ist erhalten in Gestalt einer maschinenschriftlichen Abschrift, welche dieser Ausgabe zugrunde liegt (Typoskript). Die Abschrift des ersten Buches umfasst 55 DIN-A4-Blätter (Teil I), die Abschrift des zweiten Buches 16 Blätter (Teil II). Eine maschinenschriftliche Paginierung befindet sich am oberen Rand dieser Blätter und wird für jeden der beiden Teile neu gezählt; das Typoskript besteht also aus insgesamt 71 DIN-A4-Seiten.97
Zum Text des Silvester-Tagebuchs kommt am Ende noch ein Blatt hinzu mit der Abschrift eines Briefes von Paula Bonhoeffer an ihren Mann vom 20. September 1923 (nicht paginiert). Er stellt insofern eine Seltenheit dar, als dieses Paar an fast jedem Tag seiner fünfzigjährigen Ehe beisammen war, sodass nur wenige Briefe gewechselt worden sind. Vermutlich wurde das Original dieses Briefes zwischen den Seiten des Silvester-Tagebuchs aufbewahrt und von derjenigen Person, die dessen Inhalt abgetippt hat, in das Typoskript mit aufgenommen.
Das Typoskript liegt nicht im Original vor, sondern in einer Fotokopie. Diese wurde der Herausgeberin zur Verfügung gestellt von Marikje Smid, evangelische Pfarrerin und Verfasserin des Buches ›Hans von Dohnanyi, Christine Bonhoeffer. Eine Ehe im Widerstand gegen Hitler‹.98 Jahrelang hat Marikje Smid in einem Forschungsprojekt mitgearbeitet, das von Professor Heinz-Eduard Tödt geleitet wurde und in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts an der Universität Heidelberg verortet war. Dieses Projekt hatte den Titel ›Widerstand des Bonhoeffer-Kreises 1933–45‹ und wurde von der Stiftung Volkswagenwerk gefördert. Nach Angaben von Frau Smid99 wurde die Fotokopie des Silvestertagebuchs dem Forschungsprojekt von Eberhard Bethge zur Verfügung gestellt. Er war es demzufolge auch, der die maschinenschriftliche Abschrift des Silvester-Tagebuchs veranlasst (und möglicherweise selbst ausgeführt) hat – so wie er es bei zahlreichen handschriftlichen Textzeugnissen von Dietrich Bonhoeffer und seinem Umfeld tat, um sie für die Nachwelt zu sichern. Bei der Entzifferung der oft schwer lesbaren Kurrentschrift aus dem Bonhoeffer-Nachlass hat sich übrigens Ilse Tödt große Verdienste erworben, die Ehefrau von Heinz-Eduard Tödt; allerdings war sie an der Abschrift des Silvester-Tagebuchs von Karl Bonhoeffer nicht beteiligt.100
Wenn das Typoskript von Eberhard Bethge oder in seinem Auftrag angefertigt wurde, so ist wahrscheinlich, dass sich das Original des Typoskripts in seinem Besitz befand und – zusammen mit all dem anderen reichhaltigen Material aus seinem Archiv – der Staatsbibliothek in Berlin übergeben wurde, wo es als ›Nachlass Eberhard Bethge‹ aufbewahrt und archiviert wird. Tatsächlich befindet sich das Original-Typoskript (zusammen mit einer Fotokopie davon) dort im Nachlass Eberhard Bethges.101 Jedoch ist das handschriftliche Original des Silvester-Tagebuchs von Karl Bonhoeffer in der Berliner Staatsbibliothek nicht vorhanden.102 Ob es verloren ging oder im Familienbesitz aufbewahrt wird, ist leider nicht bekannt. Verschiedene Nachforschungen im Umkreis der Angehörigen blieben ohne Erfolg. Deshalb wurde im ›Bonhoeffer-Rundbrief‹ (Mitteilungen der Internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft. Deutschsprachige Sektion) ein Aufruf veröffentlicht mit der Bitte um Hinweise zum Verbleib des handelschriftlichen Originals.103 Auch dies erbrachte kein Resultat, sodass das Original als derzeit nicht auffindbar gelten muss. Darum erfolgt die Publikation des Silvester-Tagebuchs von Karl Bonhoeffer hier auf der Grundlage des Typoskripts.
Nach Beendigung des Forschungsprojekts von Heinz-Eduard Tödt sind die dabei gesammelten Unterlagen an das Bundesarchiv in Berlin übergeben worden, wo sie sich heute befinden. Einzelne Dokumente waren jedoch bei Frau Smid verblieben – darunter auch eine Fotokopie des Typoskripts von Karl Bonhoeffers Silvester-Tagebuch. Im Mai 2020 wurde dieser Text von Marikje Smid an die Herausgeberin geschickt, zum Zweck der weiteren wissenschaftlichen Bearbeitung.
Bei diesem Exemplar wurden alle Blätter der beiden Teile mit Klebebindung zusammengefügt und mit einem grünen Einband versehen. Auf dem vorderen Einband wurde mit Kugelschreiber als Titel vermerkt:
Karl und Paula Bonhoeffer
Sylvesterchronik
Handschriftliche Korrekturen
Das Typoskript enthält (bereits in der Vorlage der Fotokopie) durchgehend handschriftliche Bearbeitungen und Korrekturen des maschinenschriftlichen Textes. Diese kommen häufig vor und finden sich in mehr oder weniger großer Anzahl auf fast allen Seiten des Typoskripts. Sie stammen von mindestens zwei verschiedenen Personen – wobei die eine Handschrift (die deutlich öfter auftaucht) klein und gut lesbar ist; die andere, seltener verwendete Handschrift ist größer und bisweilen schwer zu entziffern. Es ist nicht eindeutig erkennbar, ob noch weitere Personen Bearbeitungen vorgenommen haben oder ob die Handschrift des zweiten Bearbeiters uneinheitlich ist; in jedem Fall wurde mit mehr als zwei verschiedenen Stiften gearbeitet (wozu neben einem Füller mit Tinte wohl auch ein Bleistift gehört hat). Die unterschiedlichen Korrekturen finden sich über alle Seiten hinweg verteilt, sodass der gesamte Text des Typoskripts von mindestens zwei Bearbeitern gelesen und korrigiert worden ist.104 Nach Vermutung von Marikje Smid wurden diese Korrekturen von Eberhard und Renate Bethge vorgenommen.105 Diese handschriftlichen Bearbeitungen haben ganz unterschiedlichen Charakter, können jedoch insgesamt als Verbesserungen von Fehlern verstanden werden, die beim Abtippen des Manuskripts entstanden sind.
Einige dieser Fälle sind einfache Tippfehler (z.B. »Häzlichkeit« statt »Häuslichkeit«
