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Julia Möwe hat offensichtlich gerade eine Pechsträhne. Nicht nur, dass sie gezwungen ist, nach einer neuen Wohnung Ausschau zu halten und ihr Freund sie wegen einer reichen Professorentochter verlassen hat, zu allem Überfluss erfährt sie auch noch, dass sie schwanger ist. Und das sechs Wochen vor dem Examen!
Schlimmer kann es wirklich nicht kommen. Dann unterläuft ihr auf der Wohnungssuche eine Verwechslung. Sie meldet sich auf die falsche Anzeige. Doch mit diesem Irrtum verändert sich plötzlich ihr ganzes Leben ...
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Seitenzahl: 95
Veröffentlichungsjahr: 2020
Cover
Impressum
Julia Möwe zeigt es allen
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Air Images / shutterstock
eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)
ISBN 9-783-7325-9723-9
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
Julia Möwe zeigt es allen
Als ihr Leben in Scherben lag, traf sie eine mutige Entscheidung
Von Isabelle Maron
Julia Möwe hat offensichtlich gerade eine Pechsträhne. Nicht nur, dass sie gezwungen ist, nach einer neuen Wohnung Ausschau zu halten und ihr Freund sie wegen einer reichen Professorentochter verlassen hat, zu allem Überfluss erfährt sie auch noch, dass sie schwanger ist. Und das sechs Wochen vor dem Examen!
Schlimmer kann es wirklich nicht kommen. Dann unterläuft ihr auf der Wohnungssuche eine Verwechslung. Sie meldet sich auf die falsche Anzeige. Doch mit diesem Irrtum verändert sich plötzlich ihr ganzes Leben …
„Hey, Julia! Hast du vielleicht Lust auf einen Teller Spaghetti? Dann komm mit rüber!“
Lisa Weber war – natürlich ohne anzuklopfen – einfach in das Zimmer ihrer Kommilitonin gestürmt und stand jetzt dicht neben deren Schreibtisch, an dem anscheinend immer noch gearbeitet wurde. Sie stützte ihren rechten Ellbogen auf Julias linke Schulter und schielte auf das aufgeschlagene Buch mit dem Titel „Lernbiologie, Lernmethodik, Lerntechnik“.
„Du, Thomsen hat eine tolle Knoblauchsauce dazu gekocht oder angerührt, ich weiß es nicht so genau. Der Kerl ist als Koch echt spitze! Wenn wir wirklich einmal heiraten sollten, dann muss er kochen – und die Kinder erziehen. Ich gehe lieber die Kohle verdienen!“
„Eigentlich müsste ich ja noch lernen, aber es will heute so gar nichts da oben hängen bleiben.“ Julia Möwe tippte ärgerlich an ihre Stirn.
„Hohl?“, fragte Lisa mitleidig.
„Das will ich doch nicht hoffen! – Also gut, schon überredet. Vielleicht klappt es mit vollem Bauch besser.“ Julia klappte das Buch zu und folgte Lisa und dem Duft, der von der Küche aus in alle Richtungen strömte.
„Hallo, du fleißiges Mädchen!“, wurde sie von der Tischrunde begrüßt. „Setz dich ans Kopfende, du bekommst heute einen Ehrenplatz!“ Stefan Schopohl rückte Julia echt kavaliersverdächtig einen Stuhl zurecht.
„Du trinkst doch auch Wein? Welchen möchtest du, den roten oder den weißen?“ Thomsen fuchtelte mit dem Flaschenöffner und zwei Flaschen vor Julias Nase herum.
„Moment mal, ich habe doch heute keinen Geburtstag, und das Examen habe ich auch noch nicht bestanden. Also, irgendetwas stimmt doch hier nicht. Wetten, ihr wollt mich ködern – wozu?“
Diese übertriebene Höflichkeit der kleinen Wohngemeinschaft kam doch nicht von ungefähr, das merkte doch ein Blinder mit Krückstock.
„Komisch, dass manche Leute immer gleich Angst haben, über den Tisch gezogen zu werden, wenn sie mal besonders höflich behandelt werden“, nuschelte Stefan in sein Papiertaschentuch. Seine Nase sah gefährlich nach Bakterienverbreitung aus!
„Schämt ihr euch gar nicht, ihr feige Bande, so eine falsche Platte aufzulegen!“ Lisa stemmte entrüstet ihre Hände in die Seiten und sah die Jungs missbilligend an.
„Julchen, natürlich wollen wir etwas von dir“, mischte sich jetzt Karin Lübbers in das Gespräch ein. „Du hast doch sicher schon bemerkt haben, dass ich und Stefan, ich meine, dass wir jetzt zusammen sind – und Lisa und Thomsen auch“, stotterte sie.
„Habe ich – und weiter?“
„Also, ich bekomme ein Kind, und da wird unser Zimmer einfach zu klein. Und so dachten wir, dass du vielleicht auch mit deinem Ingo zusammenziehen willst oder dir eine andere Wohnung suchst.“
Thomsen klatschte gerade eine große Fülle Spaghetti auf Julias Teller und sah beschämt an ihr vorbei.
„Aha, das war endlich Klartext! Warum habt ihr mir das nicht gleich gesagt, anstatt diese Schau abzuziehen.“
„Du nimmst es uns doch nicht übel? Nee?“
Als sie Julia nicken sahen, atmeten alle erleichtert auf.
„Seht ihr, ich habe es gleich gesagt, Julia versteht das und hilft uns“, freute sich Karin.
„Wohnt Ingo nicht in einer schönen separaten Souterrainwohnung bei seinen Eltern?“, fragte Lisa und drehte als einzige ihre Spaghetti auf dem Löffel, bevor sie diese in den Mund schob.
„Ja, aber mit Familienanschluss – so ein ‚Hotel Mama‘, versteht ihr. Sie ist dagegen, dass er mit einer Frau zusammenzieht, bevor er sein Examen gemacht hat.“ Julia kostete von dem trockenen Wein, fand, dass er nach Korken schmeckte und im Übrigen der Kochdunst im Zimmer kaum zum Aushalten war.
„Dann sucht euch doch einfach eine andere Wohnung“, schlug Thomsen vor und reichte Julia das Kännchen mit der selbstkreierten Knoblauch-Kräutersauce.
„Wovon denn? Glaubst du, seine Eltern zahlen ihm auch nur einen müden Euro, wenn er auszieht?“ Julia spürte auf einmal so ein komisches flaues Gefühl in der Magengegend.
Eigenartig, den Duft von Knoblauch hatte sie doch sonst beim Essen ganz gut vertragen! Wieso würgte es plötzlich in ihrem Hals?
Sie atmete schön tief durch wie bei ihren Yoga-Übungen. Das unwohle Gefühl blieb. Ein kleines Bäuchlein wölbte sich über ihren Jeansbund, das gestern noch nicht da war. Wahrscheinlich Blähungen vom vielen Sitzen oder von der Schokolade, die sie seit Neuestem so oft futterte! Hätte sie sich bloß nicht zu Spaghetti überreden lassen. Das waren doch Füller!
„Was sind das denn für vorsintflutliche Leute?“, fragte Thomsen und zündete die drei tiefblauen Kerzen an, die Lisa noch schnell irgendwo her gekramt hatte.
„Du meinst seine Eltern? Das kann man so nicht sagen. Es gibt eben Prinzipienreiter. Außerdem studieren bei Wiedemanns immerhin drei Kinder. Ingos Vater ist zwar Oberamtsrat beim Zoll, aber von seiner Kohle müssen auch fünf Leute leben. Und alle drei Kinder haben ein Auto. Da hat der Papa auch immer noch etwas zugetan. Ihr kennt doch Ingos Autofimmel. Der steckt doch jeden Euro in seine blöde Kiste. An der hängt er doch mehr als an jeder Frau.“ Julia stockte und hatte plötzlich das Gefühl, diesen Knoblauchgeruch nicht mehr länger ertragen zu können. Sie stand auf, ging zum Fenster und öffnete es. Puh, das tat gut!
„He, was hast du? Du bist ja kreidebleich geworden, Julchen. Ist dir schlecht? Schwanger ist aber garantiert nicht ansteckend“, feixte Karin.
Nein! An diese Möglichkeit hatte sie überhaupt noch nicht gedacht. Warum auch? Zehn Tage drüber kam immer schon mal vor. Es gab sicher auch noch andere Menschen, denen es von Knoblauchgestank schlecht wurde!
„Hallo, Träumerin? Überlegst du, wann es passiert ist?“, fragte Stefan grinsend.
Nur das nicht, keine Komplikationen! In sechs Wochen will ich meine mündliche Pädagogikprüfung machen. Eine panische Angst überfiel Julia plötzlich.
„Quatsch was Intelligenteres“, murrte sie und ging auf wackeligen Beinen zum Tisch zurück. Sie zwang sich förmlich dazu, wenigstens eine Gabel voll in den Mund zu stopfen.
Doch noch ehe sie den letzten Bissen heruntergewürgt hatte, waren die Spaghetti plus Sauce schon wieder oben. In panischer Hektik sprang Julia auf und lief mit vorgehaltener Hand zum Etagenbad. Dicke, kalte Schweißtropfen standen auf ihrer Stirn, und vor ihren Augen drehten sich die Kacheln an den Wänden.
„Mist, so ein Mist!“, schimpfte sie, während sie würgend über der Klobrille hing.
„Ich gebe dir die Adresse von Dr. Zwirn. Ein guter Arzt, mit dem kannst du in aller Ruhe reden. Der nimmt sich noch echt Zeit für ein Gespräch. Und wenn du ihm dann erzählst, dass du dich zurzeit in einer Notlage befindest, dann wird er einen Ausweg wissen. Schließlich stehst du kurz vor deinem Abschluss, und dein Lover ist dir auch nicht so ganz treu …“ Lisa hielt entsetzt inne.
Wie konnte ihr dieser Satz nur in diesem Augenblick und unter diesen Umständen herausrutschen! Sie hielt noch immer Julias Kopf fest in ihren Händen und tupfte mit einem angefeuchteten Waschläppchen den Schweiß von ihrer Stirn.
„Würdest du mir das näher erklären, Lisa? Ist es tatsächlich diese Patricia, mit der ich ihn in letzter Zeit unverhältnismäßig oft gesehen habe? – Aha, ihr alle wisst es längst, nur ich Idiot wollte es nicht wahrhaben. Da hat sich wohl hinter meinem Rücken etwas ganz rasant entwickelt“, keuchte Julia und würgte nach einer kurzen Pause erneut.
„Männer sind ein schwaches Geschlecht und können kaum einer Anmache widerstehen! Also, ich sage dir, ich persönlich lege für Thomsen auch keine Hand ins Feuer. Das heißt, er ist ein Bequemer, und Bequemen passiert das nicht so schnell! – Vielleicht ist es ja nur Patricias Cabrio, was deinen Ingo an ihr reizt.“ Lisa schlug den Klodeckel zu, drückte die Wasserspülung herunter und bugsierte Julia auf den Holzdeckel.
„Er hat mir gesagt, dass sie die Tochter seines Professors ist und ihren Dad ab und zu im Labor besucht. Mehr nicht!“, lallte Julia. „Und ich, ich habe mir nichts dabei gedacht. Ich blödes Schaf! Kennst du sie, Lisa?“
„Jawohl ja, aber nur vom Sehen. Ich habe gehört, sie studiert just for fun so ein bisschen nebenbei, wenn sie nicht gerade für eine hiesige große Bekleidungsfirma modelt. Wahrscheinlich will sie sich an der Uni nur einen adäquaten Mann angeln. Ingo ist da sicher nicht gerade ihr Traummann! Obgleich – gut aussehen tut er ja. Manche Frauen haben eben nur Spaß an einem Typen, wenn sie ihn einer anderen ausspannen können.“
„Donnerwetter, woher hast du deine Weisheit?“ Julias Stimme klang betont schnoddrig, weil sie wusste, dass Lisa den Nagel auf den Kopf getroffen haben könnte.
„Bin eben ein kluges Kind.“
„Wie kann einem nur so schlecht sein!“
„Das weiß ich auch nicht. Reg dich nur nicht auf, vielleicht ist es ja doch die Galle. So, und jetzt stütz dich beim Gehen auf mich, du siehst ja aus wie Spucke!“
Julia protestierte nicht. Und nur mit Mühe wankten sie zu zweit in Julias Zimmer.
„Oh, zum Teufel, stinkt denn die ganze Wohnung nach Knoblauch!“, stöhnte diese.
„Das bildest du dir nur ein! Leg dich auf die Schlafcouch. Ich ziehe dir die Jeans schon aus. So, schön ruhig liegen bleiben, dann geht es dir gleich besser. Du brauchst mich nur zu rufen, ich lasse die Tür einen Spalt auf.“
„Nein, bloß das nicht!“, flehte Julia.
Ihr Kopf fuhr Karussell, und sie hatte das Gefühl, jeden Augenblick aus dem Bett zu fallen.
Stopp, anhalten!, schickte sie ein verzweifeltes Kommando an ihr Gehirn. Doch es wollte nicht gehorchen.
Lieber Himmel, wie einem nur so schlecht sein kann, dachte Julia, und dann weinte sie ein bisschen.
♥♥♥
Am nächsten Tag fühlte sie sich wie zerschlagen, wacklig auf den Beinen, der Schädel brummte, und der Spiegel zeigte ein Gesicht, das unmöglich ihr gehören konnte: hundert Jahre alt, grauweißer Teint, die blonden Haare klebten platt am Kopf, als wären sie seit Wochen nicht mehr gewaschen und geföhnt worden.
„Trink Kamillentee statt Kaffee!“, rieten ihr Karin und Lisa fachweiblich, bevor sie die Wohnung verließen, um die Vorlesung um neun Uhr noch zu erreichen.
Mein Gott, wie sah die Küche aus, das reinste Schlachtfeld – und noch immer dieser Geruch! Bestialisch!
Julia riss das Fenster auf, setzte einen Wasserkessel auf den Herd und flüchtete mit einem trockenen Brötchen wieder in ihr Zimmer. Und, o Wunder, es blieb im Magen. Was man von dem anschließend getrunkenen Kamillentee leider nicht behaupten konnte.
Julia versuchte es danach mit einem leichten Pfefferminztee und hatte mehr Erfolg.
So gegen zehn Uhr rief sie in der Praxis von Dr. Zwirn an. Weil gerade eine andere Patientin abgesagt hatte, konnte sie sofort kommen, wenn es sich um einen dringenden Fall handelte, sagte die Dame vom Empfang.
„Ja, ein absolut dringender Fall. Schmerzen im Bauch und Übelkeit.“
„Aha!“
Dr. Zwirn war ein Mann ungefähr Mitte Fünfzig. Ein väterlicher Typ, der Vertrauen einflößte und dem man sich wohl anvertrauen konnte. Das meinte Julia wenigstens.
