Silvia-Gold 113 - Liebesroman - Jenny Kayser - E-Book

Silvia-Gold 113 - Liebesroman E-Book

Jenny Kayser

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1,49 €

Beschreibung

Reifen quietschen, im nächsten Moment ein dumpfer Schlag - und Simone, die am Fenster steht, um ihrem Töchterchen nachzuwinken, erstarrt. N-e-i-n!, schreit alles in ihr, und für ein paar gnädige Sekunden hofft sie, dass sie gerade Gespenster gesehen hat, dass in dem Dämmerlicht draußen nichts so eindeutig zu erkennen ist. Dann folgt das grausame Begreifen. Neben dem großen dunklen Wagen liegt ein Kind. Es trägt den bunt geringelten Pullover Melanies. Es ist ... ihr Kind! Und jetzt rennt Simone los, und das Haus, durch das vor zehn Minuten noch fröhliches Kinderlachen geklungen ist, wird still ...

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Seitenzahl: 95

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Inhalt

Cover

Impressum

Im Unglück allein

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: stockfour / shutterstock

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7517-0060-3

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Im Unglück allein

Wenn ein einziger Tag das ganze Leben verändert

Von Jenny Kayser

Reifen quietschen, im nächsten Moment ein dumpfer Schlag – und Simone, die am Fenster steht, um ihrem Töchterchen nachzuwinken, erstarrt.

N-e-i-n!, schreit alles in ihr, und für ein paar gnädige Sekunden hofft sie, dass sie gerade Gespenster gesehen hat, dass in dem Dämmerlicht draußen nichts so eindeutig zu erkennen ist. Dann folgt das grausame Begreifen. Neben dem großen dunklen Wagen liegt ein Kind. Es trägt den bunt geringelten Pullover Melanies. Es ist . . . ihr Kind!

Und jetzt rennt Simone los, und das Haus, durch das vor zehn Minuten noch fröhliches Kinderlachen geklungen ist, wird still...

»Raus hier!«, verlangte Simone Baumeister zwar entschieden, aber mit einem kopfschüttelnden Lächeln. »Solltest du etwa vergessen haben, dass das mein Zimmer ist?«

»Aber Mama!«, protestierte die sechzehnjährige Dörthe. »Das ist hier der einzige, wenigstens halbwegs ruhige Platz, um ein Telefongespräch zu führen, das nicht gleich die ganze Familie mit anhört.«

»Ich weiß.« Simone lachte und schob ihre Tochter ungeachtet jeden Protests in Richtung der Tür. »Und aus genau demselben Grund erhebe ich jetzt Anspruch auf mein Zimmer. Telefonieren kannst du auch … zum Beispiel aus dem Keller.«

Antonia Soller, Simones beste Freundin, stand noch immer an der Tür und beobachtete leicht amüsiert, wie viel Energie Simone aufbringen musste, um wenigstens zeitweilig irgendwo in diesem großen Haus ihre Ruhe zu finden.

»Wie du das aushältst … Ich weiß immer noch nicht, ob ich dich bewundern oder bedauern soll.«

»Weder noch.« Simone sorgte mit einigen raschen Handbewegungen dafür, die beiden Sessel vor dem großen Fenster von allerlei Gegenständen freizuräumen, die nicht unbedingt dorthin gehörten. »Setz dich doch schon mal«, forderte sie Antonia auf. »Ich gehe nur noch mal in die Küche, um unseren Tee zu holen – und lass keinen in dieses Zimmer, hörst du?«

»Ich werde sehen, was sich machen lässt.« Mit diesen Worten ließ Antonia sich in den Sessel sinken.

Wie immer fühlte sie sich sofort wohl bei Simone, obwohl sich dieses Zimmer – wie das gesamte geräumige Haus der Baumeisters – in einem Zustand befand, den die meisten anderen Menschen als chaotisch bezeichnet hätten.

»Ordnung war nie Simones starke Seite«, erinnerte sich Antonia lächelnd und dachte daran, wie sie damals, als sie beide noch die Schauspielschule besucht hatten, sich lange Zeit ein Zimmer geteilt hatten. »Der Salzstreuer stand fast immer im Bücherregal, neben den Memoiren der Garbo …«

Antonia kicherte in sich hinein. Das war nun schon mehr als zwanzig Jahre her, und beiden war es nicht gelungen, in die Fußstapfen der bewunderten Schauspielerin zu treten. Dabei hätte Simone wirklich das Zeug dazu gehabt …

»Du scheinst dir ja schrecklich ernste Gedanken zu machen«, bemerkte Simone, als sie nun wieder den Raum betrat, beladen mit einem Tablett, auf dem vor allem ein duftender Kuchen Antonias Aufmerksamkeit erregte.

»Oh, ich dachte nur eben daran, was aus uns hätte werden können. Aus dir zumindest …«

»Das musst du gerade sagen!«, unterbrach Simone. »Wer kann sich denn vor Aufträgen nicht retten? Wer hat denn kaum noch Zeit für mich?«

»Das stimmt natürlich, aber … Von Rollen für Fernsehserien haben wir damals nicht gerade geträumt. Muss ich dich wirklich daran erinnern, dass du den Vertrag für Mailand schon in der Tasche hattest, als …«

»Musst du nicht!«, unterbrach Simone erneut. Sie schmunzelte. »Schließlich habe ich so gut wie Tag und Nacht laut genug in den Ohren, dass sich die Dinge dann etwas anders entwickelt haben. Obwohl, du musst zugeben, auf einer Theaterbühne geht es selten so turbulent zu wie hier.«

»Was ist das denn?« Antonia zuckte zusammen.

»Ich vermute mal, Florian hat es endlich geschafft, seine neuen Verstärker in Gang zu setzen«, erklärte Simone gelassen und anscheinend kein bisschen beunruhigt durch die schrill verzerrten Musikklänge, die nun durchs Haus dröhnten.

»Wirklich, deine Nerven möchte ich haben …« Antonia nahm sich endlich ein Stück von dem noch etwas warmen Käsekuchen. »Und dass du solche Kuchen backen kannst, hätte sich damals auch kein Mensch träumen lassen.«

»Damals hätten wir so etwas auch gar nicht gegessen«, erwiderte Simone vergnügt. »Wir wollten doch immer noch schlanker werden …«

»Nun, das ist dir auf jeden Fall gelungen.« Antonia seufzte und betrachtete bewundernd die noch immer fast knabenhaft schlanke Figur ihrer Freundin. »Für die neue Serie haben sie mir schon wieder die Rolle der Mutter angeboten. Ich sollte wirklich dringend in paar Kilos abnehmen … Aber nun erzähle mal von dir. Was gibt es Neues?«

»Mehr als genug. Dörthe ist verliebt! Zum ersten Mal – ich hatte ganz vergessen, wie schrecklich das ist. Du weißt schon, jetzt noch im Himmel und gleich darauf in der finstersten Hölle. Und sie telefoniert vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Und das Badezimmer blockiert sie auch stundenlang …«

»Und dich scheint das alles köstlich zu amüsieren«, unterbrach diesmal Antonia. Selbst kinderlos, brachte sie für Simones Begeisterung an allem, was ihre Kinder betraf, kein allzu großes Verständnis auf.

»Aber nein, wo denkst du hin!«, widersprach Simone heftig. »Ich leide natürlich mit ihr … Und bin froh, dass ich das hinter mir habe.«

»Na ja, wenn man fast zwanzig Jahre lang verheiratet ist …« Antonia lächelte etwas spöttisch und brachte den Satz nicht zu Ende. Gelegentlich hatte sie Simone zwar um Mann und Kinder beneidet, aber immer dann, wenn sie mit Aufträgen so eingedeckt war wie zurzeit, fand sie es doch ganz gut, völlig nach eigenem Gutdünken über ihre Leben entscheiden zu können.

Simone ging auf diese Bemerkung nicht ein, es sei denn, die steile Falte, die plötzlich auf ihrer Stirn erschien, hatte etwas zu bedeuten.

»Stimmt etwas nicht mit Richard und dir?«, erkundigte sich Antonia denn auch prompt.

»Ach, nein, es ist nur … die alte Geschichte.« Simone bemühte sich um ein Lächeln. »Er hat sich noch immer nicht an meine Haushaltsführung gewöhnt, und die Kinder sind ihm immer zu laut …«

Ein markerschütternder Schrei von draußen unterbrach jetzt das Gespräch.

Simone sprang auf. »Das klingt ganz nach Melanie … Du entschuldigst mich kurz?«

♥♥♥

Dörthes Liebeskummer, die zerschundenen Knie der sechsjährigen Melanie, Florian, der sich nun eigentlich um sein bald bevorstehendes Abitur kümmern sollte, die Frage nach der Qualität eines Verstärkers aber weitaus interessanter fand – natürlich musste Simone ihrer Freundin Antonia recht geben.

»Dass ich mal als Hausfrau und Mutter ende, hätte ich früher ja selbst nicht geglaubt.«

Nachdenklich starrte sie auf den großen Esstisch in der Küche, ohne die Berge von Geschirr darauf wahrzunehmen. Es war einer der seltenen Momente, an denen es ruhig im Haus war.

Die kleine Melanie lag jetzt um neun bereits im Bett, Dörthe flüsterte in irgendeinem stillen Winkel Liebesworte in ihr Smartphone, und Florian war bei einem Freund, angeblich, um Mathematik zu büffeln.

»Genau der richtige Zeitpunkt«, überlegte Simone und zog sich einen Stuhl heran, um die Beine darauf zu legen, »um einmal fünf Minuten gar nichts zu tun. Wenn ich jetzt noch eine Zigarette hätte …«

Sie lächelte über sich selbst, dass es ihr noch immer gelegentlich schwerfiel, auf diese jahrelange und bekanntlich äußerst ungesunde Angewohnheit zu verzichten.

»Schade, dass Richard jetzt nicht da ist«, murmelte sie. »Dann könnten wir jetzt in aller Ruhe eine Flasche Wein zusammen trinken, und er würde staunen, wie friedlich es bei uns manchmal ist.«

Aber Richard war, wie so oft in letzter Zeit, nicht zu Hause. Er arbeitete als Lektor für einen großen Publikumsverlag, und seit er damit beauftragt war, eine neue Serie zu konzipieren, war er so gut wie jeden Abend unterwegs, um mit Autoren zu sprechen.

»Vielleicht sollte ich ihn doch gelegentlich begleiten«, überlegte Simone. »Immerhin kommt Melanie jetzt bald in die Schule, sie müsste eigentlich alt genug sein, um auch einmal ohne mich einzuschlafen.«

Ein zärtliches Lächeln huschte über ihr Gesicht. Melanie war der typische Nachkömmling – keineswegs geplant, doch dafür umso inniger geliebt und verwöhnt.

Natürlich liebte Simone auch ihre beiden Großen, und auch deren Entwicklung hatte sie mit Eifer und großer Anteilnahme verfolgt. Aber mit Melanie war es anders, und das hatte vermutlich ganz einfach damit zu tun, dass Simone sich bei diesem dritten Kind nicht mehr so leicht aus der Ruhe bringen ließ und dadurch noch mehr Anlässe als früher fand, sich einfach über alles zu freuen, was Melanie entdeckte und erlebte.

»Dabei war sie der Grund dafür«, Simone stand auf und begann nun doch endlich den Tisch abzuräumen, »dass ich mich vom Theater endgültig verabschiedet habe. Antonia versteht das natürlich nicht, aber … ich habe es noch keinen einzigen Tag bereut.«

Im Übrigen war Simones Rückzug von der Welt des Theaters nicht vollständig erfolgt. Vor drei Jahren hatte sie damit begonnen, andere in diese Kunst einzuführen, als Lehrerin an der örtlichen Schauspielschule.

Anfangs hatte sie Bedenken gehabt, ob sie dieser Aufgabe überhaupt noch gewachsen wäre, nach fast dreizehn Jahren theatralischer Enthaltsamkeit, und Richard hatte keineswegs dazu beigetragen, dass sie ihre Unsicherheit überwand. Das hatte zum einen ihr eigener, inzwischen schon recht betagter Lehrer geschafft, und dann war die Reaktion der Schüler so eindeutig ausgefallen, dass Simone sehr rasch zu ihrem üblichen Selbstbewusstsein zurückgefunden hatte.

»Nur Richard …« Sie starrte in das schaumige Wasser im Spülbecken. »Irgendwie läuft es zwischen uns in letzter Zeit nicht so besonders. Dass unsere Kinder sehr lebhaft sind … daran müsste er sich inzwischen doch gewöhnt haben. Und ich bin doch alles in allem auch dieselbe geblieben.«

Simone seufzte. Die Ehe mit Richard verlief zwar keineswegs schlecht, gelegentliche Zusammenstöße hielt sie, ihrem heftigen Temperament entsprechend, für völlig normal.

»Aber es fehlt etwas«, sagte sie nun halblaut vor sich hin. »Das, was man im allgemeinen als das gewisse Prickeln bezeichnet. Irgendwie ist alles so … routiniert geworden. Ob das einfach nur normal ist nach so langer Zeit?«

♥♥♥

Das Frühstück am Sonntagmorgen war eine nahezu geheiligte Einrichtung bei den Baumeisters. Im Allgemeinen begann es gegen zehn, und leicht konnte es sich bis um zwei Uhr hinziehen, zumal oft genug auch noch Freunde dazu stießen.

Heute aber war die Familie unter sich, nur Dörthe fehlte noch.

»Wo bleibt sie nur wieder«, nörgelte Florian. »Inzwischen bin ich auch mit ihren Spiegeleiern fertig …«

Jeder trug dazu bei, dass dieses Sonntagsfrühstück für die ganze Familie zu einem Vergnügen wurde, und Florians Aufgabe bestand traditionell darin, alle mit Eiern zu versorgen, jeweils nach Wunsch zubereitet.

»Da kannst du mal sehen«, belehrte Simone ihren Sohn, »wie das ist, wenn man das Essen fertig hat und dann warten muss.«

»Aber Dörthe hat doch gar nichts fürs Frühstück gemacht!«, schlug sich Melanie jetzt auf die Seite ihres Bruders, während sie zwei Gläser mit frischgepresstem Obstsaft auf dem Tisch abstellte.

»Hat sie doch!« Triumphierend wies Simone auf den Hefezopf, der im Zentrum der Tafel prangte. »Gestern Abend schon, und so, wie der aussieht …«

»Er schmeckt ganz hervorragend«, bestätigte Richard, der, in die Sonntagszeitung vertieft, bereits vom ersten Backversuch seiner Ältesten gekostet hatte.

Und dann erschien Dörthe höchstpersönlich, was alle Gespräche um den Frühstückstisch abrupt verstummen ließ. Alle starrten fassungslos auf Dörthe, die heute Morgen kaum wiederzuerkennen war.

»Na, was sagt ihr dazu?« Kokett drehte sie sich um die eigene Achse und schüttelte stolz ihre mehr als schulterlange Mähne. »Ist das nicht ein irrer Farbton?«

»Irre, du sagst es«, entfuhr es Florian.

»Wie hast du das gemacht?«, zeigte sich Melanie vorsichtig interessiert.