Sina. Nebelgraue Anthrazitnacht - Helga Silber - E-Book

Sina. Nebelgraue Anthrazitnacht E-Book

Helga Silber

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Beschreibung

Nebelgraue Anthrazitnacht – »Ein Tagebuch« aus den 80ern: Sinas Tagebuch handelt von der Bewältigung ihrer psychischen Krankheit, von der Abhängigkeit, den Wirren einer jungen Frau, vom der Sehnsucht, ihren eigenen Weg zu finden. Eine ungewollte Schwangerschaft ist unter anderem der Auslöser für eine Depression – leider immer noch ein Tabuthema. Sina erlebt einen Schwangerschaftsabbruch in einer Zeit, als die Emanzipation die Freiheit der Frau, über sich selbst entscheiden zu können, einfordert. Jede Freiheit hat auch einen Preis ... Die Geschichte erzählt im Rückblick aus einer Jugend in den 70ern und den 80ern, gibt Einblicke in diese Zeit.

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EPUB

Seitenzahl: 127

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Helga Silber

Sina

Nebelgraue Anthrazitnacht

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2012

Handlung und Personen sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen

Personen wären rein zufällig und unbeabsichtigt.

Bibliografische Information durch die Deutsche

Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.

Copyright (2012) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Titelfoto: sad woman © Benicce Fotolia.com

Foto © miiko Fotolia.com

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Eine Mondsichel
Dezember 1988
23. Dezember 1988
29. Januar 1989
30. Januar 1989
31. Januar 1989
03. Februar 1989
05. Februar 1989
06. Februar 1989
09. Februar 1989
Neuanfang
14. Februar 1989
23. Februar 1989
25. Februar 1989
26. Februar 1989
17. März 1989
23. März 1989
09. Mai 1989
10. Mai 1989
MELANCHOLIE
17. Mai 1989
Todessehnsucht
18. Mai 1989
Liebe
19. Mai 1989
Mondscheinfantasie
Danksagung

Tagebuchnotizen von Sina

Eine Mondsichel

in nebelgrauer Anthrazitnacht

hat mich gerettet.

Sie wurde jener Vollmond,

der mir den Weg wies,

als alle Wälder tiefschwarz

sich um mich schlungen,

ich den Abgrund nicht sah.

Doch eine Hand hielt mich fest,

eine Stimme in mir

wies mir den Weg

zum Licht.

Die Nacht ging,

und der Tag

brachte das ganze Licht.

Er brachte die Lebensgeister.

Er brachte die Freude zurück.

Deine Angst bringt genau das Gegenteil. Du musst schon loslassen können und du selber sein: ganz du selber sein und dein Leben aktiv in die Hand nehmen, wenn deine Seele den Dienst an der Gesellschaft verweigert.

Dezember 1988

Vielleicht ist es besser, wenn ich wieder anfange, mir die Scheiße von der Seele zu schreiben, da ich so wenig Vertrauen habe, so wenig das Gefühl, dass mich jemand versteht. Immer sollst du dich so verhalten, dass die anderen gut mit dir zurechtkommen, etwas von dir haben. Immer sollst du geben!

Ich habe manchmal Angst vor den depressiven Anfällen; vor dem Gefühl, wieder auf einer Kante zu laufen. Ich bin so ausgebrannt! Ich schlafe nicht. Auf meiner Brust liegt ein Druck. Ich habe Angst zu ersticken. Ich sehne mich nach Dauerschlaf, Flucht in eine Fantasiewelt voller Helden, buntem Herbstlaub, voller Sonne und Wärme …

Ich passe nicht in diese Gesellschaft! Floskeln über Floskeln. Funktionieren ist alles; Unwichtiges, Überflüssiges.

Verhängnisvoll und plastisch kann ich es sehen, das leere Nichts; grau und lautlos kam es mir entgegen. Umgeben mit trostloser Dunkelheit, um mich zu nehmen, ganz belanglos. Bestimmt in Bahren der Ferne, zieht es seinen Bogen um mich. Es hat die Macht bei diesem Überfluss an Fühlen, Gedanken endlich zu blockieren, gemeinsam ans Schweigen zu gewöhnen.

Ich handle von nun an automatisch, aus dem letzten Winkel meines Selbst beobachte ich die Welt. Ich reihe mich unauffällig in den Alltag ein und falle nicht auf. Doch Depression hat ihren Preis. Ich werde von den anderen Studenten etwas gefragt, kann aber nicht antworten. Ich sehe Schatten vor den Augen und kann einfach nicht sprechen. Ich kann nicht weinen; mein Inneres ist nur ganz starr. Lasst mich, ich möchte nicht! Ein Tier legt sich zum Sterben hin. Ein Mensch darf es nicht: Er sollte Rücksicht nehmen, nicht so egoistisch sein.

Die Tür ist zu. Der Bewegungsraum deiner Persönlichkeit grenzt sich immer mehr ein – lange bevor du merkst, dass etwas nicht stimmt. Die Möglichkeit, am aktiven Leben teilzunehmen wird immer geringer. Die anderen leben – und du schaust nur zu. Du kannst nicht handeln – wozu sollst du es auch? Du hast seltsame Gedanken, extreme Gefühle gehen durch deinen Bauch, quälen dich. Noch machst du dich selbst verantwortlich, und schon hast du die Hauptrolle in einem Film übernommen und existierst nicht mehr.

Du siehst nur zu, und eines Tages fällt das Kartenhaus zusammen. Die Kreise um dich werden immer kleiner. Eines Tages bist du das Tier im Käfig. Es gibt keine Fluchtmöglichkeit! Du kämpfst gegen Windmühlenflügel, gegen unsichtbare Fassaden. Jede Wendung, jeder Versuch, in eine andere Richtung zu gehen, endet mit Rekapitulation. Deine Fassade nach außen ist perfekt. Was in dir drin vorgeht, merkt niemand. Irgendwann ist das Gefühl zum ersten Mal da: Man sitzt unter vielen Menschen und kann nichts sagen. Eine Ebene trennt dich von den anderen.

Du darfst nichts sagen, denn sie dürfen nichts merken.

Du bewegst dich kaum, du bist wie gelähmt. Worte lassen dich zusammenzucken. Tausend Meilen, tausend Tage bist du weg von ihnen, bist du weg von dir. Du bist ja nicht mehr da, hast keine Identität. Angst zerdrückt deinen Kopf, pulsiert überall. Tod ist ein Wort, das einen attraktiven Charakter besitzt. Der Druck, der Schmerz ist so groß, dass sterben so friedvoll erscheint, so erlösend. Jede Stunde, jeder Tag ist mit diesem Bewusstsein ausgefüllt. Hilfe ist zufällig. Schicksal?

23. Dezember 1988

Bei meiner Geburt waren mein Vater und meine Mutter schon im vorgerückten Alter. Ich habe eine Zwillingsschwester und einen älteren Bruder. Tagsüber kam zeitweise eine Krankenschwester in unseren Haushalt, um mich zu versorgen, da ich keine Nahrung zu mir nahm. Ich war vom Säuglingsalter an empfindlich, oft kränklich und hatte außer allen Kinderkrankheiten auch jedes Jahr die Grippe. Meine Mutter nahm nicht viel Notiz von mir, ich lief neben den anderen her. Zu dieser Zeit galten Zwillingsgeburten als nur eine Geburt und die betroffenen Eltern bekamen nur einmal Kindergeld. Meine Mutter sagte später immer zu mir, ich hätte kein Geld vom Staat bekommen. Meine Kinderseele nahm dieses Bewusstsein mit, nichts wert zu sein. Logisch wäre die Aussage gewesen, wir hätten jeder nur halb so viel wie andere Kinder bekommen. Meine um 25 Minuten ältere Schwester Senta war von uns Geschwistern die Angesehenste, da sie das tat was meine Mutter von ihr verlangte. Ich hingegen war der Liebling meines Vaters, da ich gerne schmuste und vermutlich weil ich das Nesthäkchen war. Ich war ein niedliches Kind.

Meine Mutter ist sehr dominant. Sie war während des Krieges im Arbeitslager, hatte vorher in Wien gearbeitet und dort meinen Vater am Prater beim Pferdefüttern kennengelernt. Von Wien und ihrer Tätigkeit als Abteilungsleiterin redet sie heute noch. Von den Straßennamen, den Menschen, die sie dort kennengelernt hat, von der Großmutter, die sie dorthin geholt hatte. Meine Mutter hatte selbst sieben Geschwister und wurde in einen Pfarrhaushalt im Böhmerwald hineingeboren. Sie ist eine stattliche, gut aussehende Frau mit einem aufgesetzten künstlichen Wesen. Von ihr geht etwas Tragikgeladenes aus. Sie tritt auf, als würde sie schauspielern. Als Kind hatte ich Ehrfurcht vor ihr, empfand aber auch Bewunderung für sie. Ich buhlte um ihre Aufmerksamkeit und ihre Liebe. Sie trug langes pechschwarzes Haar, und auf Fotos, selbst nach der Geburt meiner Schwester und mir, wirkte sie sehr beeindruckend, voller Energie und jugendlich wie eine amerikanische Filmschauspielerin in Hollywood.

Ich war als kleines Kind sehr schüchtern und wurde schnell verlegen.

29. Januar 1989

Ich verlasse zurzeit meine Wohnung recht selten, denke nach und bereite mich auf die Prüfungen vor. Manchmal setze ich mich in der Cafeteria zu ein paar Leuten und plaudere ein bisschen, das lässt mich die Sinnlosigkeit meines Lebens und die Einsamkeit vergessen. Glücklicherweise sind die Vorlesungen beendet, und ich hoffe, dass ich die Klausuren gut bestehen werde. Ich möchte die Semesterferien dazu benutzen, um ein Stück weiter mit mir selbst zu kommen und mich etwas auf das neue Semester vorzubereiten. Gestern habe ich mir vorgenommen, nicht mehr zu rauchen, da ich unter Durchblutungsstörungen leide. Ich möchte wieder positiver leben, insbesondere gesünder als im letzten halben Jahr.

In letzter Zeit lösen sich manchmal die Schatten vor meinen Augen.

Am 14. Februar beginnt die Einzeltherapie: dreimal die Woche eine Sitzung im Liegen. Ich habe Angst, aber ich weiß, dass etwas passieren muss. Eine Freundin sagte mir, dass die Sitzungen dann zu helfen beginnen, wenn man anfängt, den Therapeuten zu hassen, sich weigert hinzugehen, weil er einem die Wahrheit und Realität vermittelt. Ich weiß, dass es viele Tränen und harte Stunden geben wird und ich keine andere Wahl habe.

Anfang des Jahres haben die Symptome wieder schlagartig zugenommen. Ich hatte mich verliebt und merkte, dass es absolut nicht ging: die alten Probleme, die alten latenten Ängste! Zu Silvester lag ich im Bett und hatte Grippe. Ich kämpfte mit einem schwarzen Ungeheuer, das mit mir schlafen wollte, und lief in mir selbst umher wie auf einer Kante. Da war sie wieder: die alte Angst, es nicht zu schaffen; unfähig zu sein und nicht zu genügen – die alten Minderwertigkeitsgefühle. Ohnmächtige Schwäche! Das Ungeheuer besiegte mich, und ich wälzte mich im Bett hin und her. Die Wände nahm ich verschleiert wahr wie durch ein Objektiv. Ich lag so zwei Tage und konnte endlich weinen: darüber, dass ich mich mit diesen Bildern quäle; darüber, dass ich erkennen kann, wie die Mechanismen in mir ablaufen. Ich beobachte sie gerade. Es sind Mechanismen, die darauf abzielen, den Selbsthass auszudrücken, mich zu strafen, mir das anzutun, was ich verdiene. Ich habe mir alles zerstört, habe mir alles genommen, um immer noch mehr zu prüfen, wie lange so etwas auszuhalten ist. Manchmal liege ich im Bett und stelle mir vor, wie ich meinen Körper mit Scherben zerschneide und wie das Blut an der Seite hinab fließt. Ich sehe Kadaver, Räder, die mir über die Beine rollen. Ich denke daran, dass ich die Klausuren bestehen will. Ich habe Angst, dass ich nicht in die Hochschule gehen kann, dass mir die Beine versagen. Ich denke daran, dass es möglich ist, mich einfach nicht mehr bewegen zu können. Man lebt, man stirbt.

Dieses leise Gerangel da draußen um Geld, Macht, Besitz, Ansehen, Prestige, Beachtung ekelt mich an.

Mein Vater war der älteste unter den Geschwistern. Seine Eltern starben während des Krieges an Unterernährung. Er musste seinen Traum, Musiker zu werden, aufgeben, da er von heute auf morgen zum Wehrdienst einberufen wurde. Als er zurückkehrte, war die Geige, die er immer gespielt hatte, nicht mehr da, und er hatte inzwischen eine Familie, die er ernähren musste. Er fing als Gehilfe in einem Büro in der Stadt an und arbeitete sich hoch – trotz der drei Kinder. Er war später Prüfer für Auszubildende und Abteilungsleiter. Für mich war alles, was mein Vater sagte oder vorlebte, das einzig Existierende und Richtige. Ich kämpfte mit allen Mitteln um die Liebe meiner Mutter; die meines Vaters war mir sicher. Sie nannte mich immer »kleine Hexe« und wertete alles, was ich tat, ab und meinte, ich wäre für alles zu ungeduldig. Als ich manchmal in der Küche helfen wollte, nahm sie mir einfach den Kochlöffel wieder aus der Hand und musste ständig beweisen, dass doch sie alles am besten konnte. Ich fühlte mich ohnmächtig und hilflos.

Zwischen meinen Eltern herrschten unterschwellig ständig Spannungen, die wir Kinder natürlich mitbekamen. Mein Vater und meine Mutter sind in den Bildern meiner Erinnerung nie wirklich glücklich und gelöst. Ständige Themen waren Geldsorgen und wie viel meine Mutter leistete. Mein Vater wurde mit der Zeit immer verschlossener und zog sich in seine eigene Welt zurück. Sonntags gingen wir manchmal spazieren. Er sprach kaum, erzählte nie etwas, war bedrückt. Ich sagte manchmal gemeine Sachen, weil ich ihn aus der Reserve locken wollte. Meine Mutter war gleichgültig und vertrat ausschließlich ihre Weltanschauung und kümmerte sich meist um ihre eigenen Sorgen. Ihr Selbstbild bestand aus ihrem Eindruck, es sehr schwer zu haben – was sie wieder und wieder nach außen demonstrierte. Es tat mir immer weh, meinen Vater so zu sehen. Gefühle wurden stets unterdrückt, ein heimliches, stillschweigendes, für alle geltendes Agressionsverbot hing in der Luft. Von außen gesehen waren wir eine angesehene Familie: mein Vater als pflichtbewusster, treu sorgender Ehemann, meine Mutter in ständiger Arbeit und ganz für das Wohl der Familie sorgend. Wir waren Kinder aus gutem Hause.

In den künstlerischen Fächern war ich gut. Ich zeichnete mich stundenlang in eine andere Welt und bekam sogar von meinem Vater Ölfarben geschenkt. Meine Schwester spielte Tennis und mein Bruder Gabriel Geige. Wir Mädchen gingen auf ein Mädchengymnasium und Gabriel auf ein Jungengymnasium. Meine Mutter war sehr streng und wir gingen nicht oft außer Haus; auch, weil dazu das Geld nicht da war. Mit neun Jahren durfte ich ins Ballett. Mein Vater schenkte uns jedes Weihnachten teure Bildbände, interessante Bücher; auch, weil er diese selbst in seiner Jugend nie bekam, obwohl er sich immer Bildung gewünscht hatte. Meine Mutter vergaß nie zu sagen, wir könnten ihr die meiste Freude damit machen, brav zu sein. Kein Geschenk konnte sie annehmen, ohne zu sagen, es wäre nicht nötig gewesen. Es gab keine Möglichkeit sie tatsächlich zufriedenzustellen. Dafür gab es jede Menge Schuldgefühle. Fast täglich wurde der Krieg erwähnt und wir wurden darauf hingewiesen, wir könnten froh sein, diesen nicht erlebt zu haben. Ich habe gar nicht verstanden, was das genau sein sollte, nur, dass ich an den Folgen anscheinend mit Schuld hatte. Immer wieder wurden wir darauf hingewiesen, wie viel sie und mein Vater doch für uns täten. Manchmal wollte ich gar nichts mehr. Ich wollte einfach nicht mehr Danke sagen, abhängig sein. Ich lernte so nie zu fordern, jemand zu sein, Rechte zu haben oder die Gewissheit zu haben, dass es einem auch gut gehen darf. Manchmal habe ich mir überlegt auszureißen. Ich liebte Bücher wie »Huckleberry Finn« oder »Fünf Freunde«, Abendteuerfilme und gründete mit den Nachbarskindern eine Bande. Wir bauten ein Lager auf dem Feld; ab diesem Zeitpunkt war ich so oft wie möglich mit ihnen unterwegs.

Ich liege an einem Bach, die Beine den Hang hinauf, den Kopf fast am Wasser gebettet. Ich höre das Plätschern, spüre die Sonne, wie sie mein Gesicht wärmt. Ich schließe die Augen und falle. Mein Körper dreht sich im Geiste immer schneller um seine eigene Achse, immer schneller. Er wird kleiner und löst sich auf.

Meine Seele fliegt.

30. Januar 1989

Manchmal tauche ich für Stunden in frühere Gefühlswelten ein. Dann habe ich Wahrnehmungen, die ich als siebzehnjähriges, romantisch empfindendes Mädchen hatte. Die Dämmerung, das Vogelzwitschern morgens, Gerüche: Ich fühle mich um Jahre zurückversetzt.

Vor Tagen hat mir mein Vater einen Brief geschrieben. Nach dem Streit vor zwei Jahren, als ich hatte studieren wollen, war dies der erste Schritt, den er auf mich zuging. Dann haben wir telefoniert und eine Stunde über Politik diskutiert, als ob nichts gewesen wäre. Ich konnte endlich weinen. Die Liebe zu ihm, die Schuldgefühle und die Angst, ihn zu verlieren, steckten mir wie ein Kloß im Hals. Mir wurde bewusst, wie wichtig er immer für mich gewesen war. Ich empfand die gleiche Angst, die ich als kleines Mädchen schon hatte: er könnte sterben, und ich müsse allein weiterleben; das Bewusstsein, das nicht zu wollen; die Angst vor diesem Moment und die Sinnlosigkeit, dann weiterzumachen; das Nichtverstehen-Können, dass ein Mensch, der von mir so geliebt wird, einfach einmal nicht mehr da sein könnte; die Gewissheit, seine Weltanschauung, seine Ideale nicht erfüllt zu haben, und Tränen darüber, dass er mich doch immer wieder angenommen hat; der Schock als er nicht wollte, dass ich anfing zu studieren; unbewusste Angst, die zu mir spricht: »Er kann nicht mehr, er ist alt«; Existenzangst – Schuldgefühle; Bilder aus meiner Kleinmädchenzeit, konnte ich doch immer Vertrauen zu ihm haben.

Ich rannte im Zimmer umher. Tränen über Tränen liefen mir über die Wangen, ich hatte das Gefühl zu ersticken. Es war, als ob eine Mauer niedergerissen würde, ein Loch entstünde. In mir löste sich alles: alle Trauer, aller Zweifel. Ich konnte oft nicht nett zu ihm sein, gerade weil ich ihn so sehr mochte. Da war Trauer darüber, dass ich es nie gezeigt hatte; darüber, es könne eines Tages zu spät sein.