Sind die Kirchen noch zukunftsfähig? - Hans-Joachim Girock - E-Book

Sind die Kirchen noch zukunftsfähig? E-Book

Hans-Joachim Girock

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Beschreibung

I"...Ich finde es sehr schön, dass Sie dieses Thema so klar und so deutlich angesprochen haben... In sofern glaube ich nicht, dass Sie sich zu weit aus dem Fenster gelehnt haben...- Ich bin gewiss, dass Ihr Buch zur rechten Zeit erschienen ist..." Klaus-Peter Jörns, ev. Theologe, Prof. em.; Verfasser mehrerer Bücher über theologische und kirchliche Grundsatzthemen. U. a. "Notwendige Abschiede - auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum"; Vorsitzender der 'Gesellschaft (von Theologen und Laien) für eine Glaubensreform e.V.'. (Zusammen mit dem kath. Theologen und Autor Hubertus Halbfas.) "...Ihre fundierte und auf die wahrhaft zentralen Aufgaben der Kirchen und von uns Christen in der heutigen Welt konzentrierte Betrachtung ist eine notwendige Herausforderung, der sich hoffentlich doch ein größeres Publikum aufmerksam zuwenden wird..." Richard von Weizsäcker, Bundespräsident i. R., u.a. Präsident des Deutschen Evangel. Kirchentags und zeitweilig Mitglied im Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen.

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Seitenzahl: 265

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Mit Dank an Hans Jürgen Schultz, der 1958 mit der SDR-Sendereihe "Kritik an der Kirche" den Grundstein gelegt hat für eine journalistische, unabhängige und sachkundige Beschäftigung mit dem Selbstverständnis und dem Auftrag von Kirche in der heutigen Welt.

Überarbeitete und aktualisierte Neuauflage und erste Reaktionen

„Kirche soll Licht der Welt sein, nicht ihr Rücklicht“ Hans Jürgen Schultz in einem Vortrag

Zum Inhalt:

Vorbemerkung

I. Defizite in der gegenwärtigen Situation

oder:

Wie ein Hamster im Rad

II. Die Ökumene und die „Weltverantwortung“

oder:

Wir waren schon mal weiter

III. Wunsch und Wirklichkeit

oder:

Die Grenzen der ökumenischen Idee

IV. Rückzug in die Perspektivlosigkeit

oder:

Die Macht der Gewohnheit

V. Umdenken und Erneuerung: Fehlanzeige

oder:

'Viel Geschrei und wenig Wolle'

VI. Herausforderung im 21. Jahrhundert

oder:

'Hoffnung wider alle Hoffnung'?

---

VII. Nach(t)gedanken

oder:

Der Traum vom Bündnis der Religionen

-----------------

DOKUMENTATIONEN

1. Kommentare und Berichte

2. Zitate

3. Literaturhinweise

4. Namens- und

Stichwortregister

Nachwort

zur Neuauflage

Reaktionen

Vorbemerkung

Die folgenden Überlegungen stützen sich auf mehr als fünf Jahrzehnte journalistischer Begleitung kirchlicher Vorgänge und Entwicklungen; vorwiegend in Deutschland und in der Ökumene. Angestoßen und immer neu bestimmt von der Frage, warum es den Kirchen offensichtlich so wenig gelingt, ihre überaus wichtige Botschaft verständlicher und überzeugender zu vertreten und zu verbreiten. Warum verliert der christliche Glaube im ursprünglich „christlichen Abendland“ mit wachsender Geschwindigkeit an Bedeutung, trotz aller Anstrengungen und vielfältiger Rettungsversuche derer, die ihn von Amts wegen verwalten und verkündigen?

Es geht dabei nicht um grundlegend neue Erkenntnisse. Kirchen- und theologiekritische Untersuchungen und Forderungen behandeln seit langem alle erdenklichen Aspekte dieser Thematik. Die unterschiedlichen Strömungen, Blickwinkel und die dazugehörigen Auseinandersetzungen füllen inzwischen Bibliotheken und werden von Jahr zu Jahr offener diskutiert. Allerdings werden sie von den etablierten Kirchen und ihrer Theologie kaum beachtet und nach Möglichkeit verdrängt. Die überkommenen Traditionen und Strukturen verhindern trotz anderslautender Erklärungen immer wieder notwendige Öffnungen und neue Schritte. Selbst die intensiven Versuche des Ökumenischen Rates der Kirchen, die 'Gaben und Aufgaben' des Glaubens neu zu interpretieren, sind am Beharrungsvermögen der Institutionen weitgehend gescheitert.

Die hier vorgelegten Beobachtungen und Erfahrungen sollen symptomatische kirchliche Vorgänge seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts in Erinnerung bringen und notwendige Schlussfolgerungen anmahnen. Dabei argumentiere ich als Journalist, gemäß meiner ursprünglichen kritischen Fragestellung. Mit dem "Mut zur Lücke“, und wo nötig auch über die eine oder andere 'rote Linie' hinaus. Bei selbstverständlichen theologischen Aussagen habe ich auf die übliche Herleitung aus der Fülle zweitausendjähriger exegetischer Erkenntnisse und kirchengeschichtlicher Vorgaben verzichtet. In der Überzeugung, dass die Kernaussagen des jüdischen Propheten aus Nazareth auch heute noch plausibel genug sind, um für sich selber zu sprechen. Und in der Hoffnung, durch die Beschreibung wichtiger Grundlinien und Beispiele entscheidende Probleme und die Dringlichkeit anstehender Aufgaben deutlicher sichtbar zu machen, als das in systematischen Untersuchungen meist der Fall ist. -

Die ausführlichen Rückblenden und die Dokumentationen sollen helfen, wichtige kirchliche Entwicklungslinien und prägende Persönlichkeiten der vergangenen sechs Jahrzehnte vor dem drohenden Vergessen zu bewahren, ihre Einordnung zu erleichtern und ihre Bedeutung für die heute notwendigen Entscheidungen zu verdeutlichen. 'Wer will denn die alten Geschichten heute noch lesen', haben wohlmeinende und sachkundige Freunde mich gefragt? Obwohl ich die Frage gut verstehe, halte ich an dieser 'aussschweifenden' Rückschau fest. Sie soll nicht nur helfen, aus immer wiederkehrendem Fehlverhalten zu lernen, sondern auch zeigen, wieviel Erneuerung schon seit langem in der Luft liegt. Vor allem anderen aber soll der kritische Rückblick dazu ermutigen, die immer zahlreicher und grundsätzlicher werdenden Diskussionen um die Zukunft der Kirchen zu unterstützen und manches, was so oft schon gründlich bedacht und auch gefordert worden ist, weiterzudenken und weiter zu entwickeln in die Welt und Wirklichkeit von heute. Meine gelegentlichen theologischen und kirchenpolitischen 'Grenzüberschreitungen' mögen hier und da als Provokation erscheinen, vielleicht auch als Anmaßung. Und sicher kommt manches derzeit noch einer Utopie näher als einem erreichbaren Ziel. Aber ohne den Mut und die Bereitschaft, über das bisher Erlaubte und Vorstellbare hinaus zu denken und neue Schwerpunkte zu setzen, - ohne Umkehr und Neuanfang -, kann ich mir eine 'nachhaltige' Zukunft der christlichen Kirchen - und der großen Religionen überhaupt - nicht mehr vorstellen.

August 2014 Hans-Joachim Girock

I. Defizite in der gegenwärtigen Situation oder: Wie ein Hamster im Rad

„Kirche der Freiheit“ heißt ein umfangreiches „Impulspapier“ der Evangelischen Kirche in Deutschland von 2006, das „Perspektiven für die Evangelische Kirche im 21. Jahrhundert“ aufzeigen soll. Ein Autorenteam hat im Auftrag des Rates versucht, das Selbstverständnis der EKD zu definieren und einen Aufgabenkatalog für die nächsten Jahre zu erstellen. Die ‚Kernaufgaben’ der Kirche werden nicht nur aufgelistet und beschrieben, sondern auch mit qualitativen und quantitativen Verbesserungswünschen versehen. Außerdem werden strukturelle Vereinfachungen angemahnt, vor allem mit Blick auf die Vielzahl der kleineren und größeren Landeskirchen. Zwölf sogenannte „Leuchtfeuer“ beschreiben am Ende die erhoffte Kirche von morgen.

Inhalt und Innovationskraft dieses ausführlichen Grundlagenpapiers bleiben jedoch hinter seinen vollmundigen Ansprüchen weit zurück. Wer erwartet hatte, die seit langem rückläufigen Mitglieder- und Beteiligungszahlen sowie die schwindende Anziehungskraft und nachlassende öffentliche Bedeutung der verfassten Kirchen hätten selbstkritisches Nachdenken hervorgerufen und die kirchliche Lebenspraxis samt ihrer Theologie auf den Prüfstand gestellt, wird gründlich enttäuscht. Das wortreiche und seitenstarke Papier bleibt der Tradition der allermeisten kirchlichen Untersuchungen in eigener Sache treu: Es beschränkt sich im wesentlichen auf Fragen der Selbsterhaltung und auf Forderungen und Rezepte, die spätestens seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts auf der Tagesordnung stehen (müssten), die vielfach auch lange schon diskutiert werden, die aber seit Jahrzehnten kaum etwas anderes hervorgebracht haben, als eine Bestätigung und Befestigung der überkommenen (und weitgehend als unantastbar betrachteten) Verhältnisse. Zwar werden die wichtigsten aktuellen Stichworte auch in diesem 'Impulspapier' genannt. Von „Ökumene“ und „Weltverantwortung“ ist selbstverständlich die Rede, ebenso vom „Friedensauftrag“ der Kirchen und vom "Dialog" mit anderen Religionen. Aber über rhetorische Beschwörungsformeln oder waghalsige Behauptungssätze reicht das selten hinaus. Allenthalben dominiert die Neigung, Wünsche und Vorstellungen so zu beschreiben, als seien sie heute schon, spätestens aber morgen selbstverständliche Realität.

Das gilt vor allem für die –oft ermüdend langatmige– Behandlung der sogenannten „Kernaufgaben“. Die Endlosdiskussion etwa um den Gottesdienst wird fortgesetzt ohne erkennbar neue Impulse. Einige seit Jahrzehnten schon unternommene Öffnungsversuche wie Jugend-, Familien- oder Themengottesdienste, „Citykirche“ oder „Thomasmesse“, auch gelegentliche Experimente bei Kirchentagen und in diesem oder jenem Radio- und Fernsehgottesdienst, - all diese Versuche sind ohne erkennbar übergreifende Ergebnisse geblieben. Aber das wird weder thematisiert noch hinterfragt. Der normierte Sonntagsgottesdienst ist weiterhin unangefochten zentraler Ausdruck des Gemeindelebens. An seiner Praxis wird über kosmetische Hinweise hinaus so gut wie nichts verändert. Der liturgische Rahmen widersteht wie bisher allen ernsthaften Reformversuchen, die Auslegung der Bibeltexte dürfte sich kaum häufiger als bisher über die bekannten und erwarteten Schlussfolgerungen hinauswagen. Nach wie vor dominiert der „Frontalunterricht“. Reaktionen der Gemeinde sind außer bestätigenden Gebeten und Gesängen nicht vorgesehen. Der Gottesdienst, so ist zu fürchten, wird auch nach den Ratschlägen und Forderungen des Impulspapiers nicht wirksamer als bisher zum bewussteren Umgang mit den Fragen und Herausforderungen des Glaubens anleiten, und damit weiterhin wenig Aufmerksamkeit und Anziehungskraft wecken über die „Kerngemeinden“ hinaus. Er wird in erster Linie „Trost des Evangeliums“ bleiben für die immer kleiner werdende Schar derer, die nichts anderes erwarten.

Natürlich werden die seit langem rückläufigen Mitglieder- und Teilnehmerzahlen inzwischen eingestanden und bedauert. Aber als Ausweg aus der Misere empfehlen die Autoren der Grundsatzüberlegungen genau besehen nicht mehr als ein besseres „Qualitätsmanagement“. Nach Prinzipien des Wirtschaftslebens und dem Vorbild bekannter Werbeagenturen sollen Predigt und Gottesdienstformen auf bessere Akzeptanz hin überprüft und verbessert werden. Die Pfarrerinnen und Pfarrer, so scheint es, sollen’s richten. Wie und nach welchen Kriterien, ist nicht so recht erkennbar. Von der Möglichkeit veränderter theologischer Erkenntnisse und zeitgemäßer Ausbildungswege ist konkret nicht die Rede.

Vergleichbar vage bleiben auch die meisten sonstigen Überlegungen und Vorschläge des Papiers. In schwer nachvollziehbarem Optimismus werden Forderungen und Behauptungen aneinander gereiht, als sei damit der Erfolg schon gewährleistet. So heißt es beispielsweise im 1. „Leuchtfeuer“: „Im Jahre 2030 ist die evangelische Kirche nahe bei den Menschen. Sie bietet Heimat und Identität für die Glaubenden und ist ein zuverlässiger Lebensbegleiter für alle, die dies wünschen".

Wie mit solchem Wunschdenken der erhoffte „Aufbruch“ in Richtung „Kirche der Freiheit“ und die immer wieder beschworene „Schärfung des protestantischen Profils“ erreicht werden soll, ist schwer vorstellbar.

Entsprechend zwiespältig waren die Reaktionen. Während in den oberen Rängen der kirchlichen Hierarchie viel Beifall geklatscht und von Verheißung geredet wurde, überwogen bei den Praktikern im Mittelfeld Zurückhaltung und Skepsis. Dort wird die Fülle der Forderungen und Erwartungen eher als Kritik an der bisherigen Arbeit und als Belastung empfunden. Das Papier sei von einem „Innovations- und Steigerungsstress“ gekennzeichnet, der auf Dauer „auslaugt, erschöpft und frustriert“, befand der Vorsitzende des Verbandes evangelischer Pfarrer/innen in Deutschland und forderte in diesem Zusammenhang bessere Rahmenbedingungen für den Pfarrdienst. Diese Forderung bezieht sich sicher nicht nur auf Arbeitszeit, sondern vor allem auf den Arbeitsinhalt. Es wäre naheliegend, die theologischen Grunddaten und Zielvorstellungen zu überprüfen, nach denen und auf die hin Gemeindepfarrer/innen im 21. Jh. ausgebildet werden, und die sie den Menschen nahe bringen sollen. Aber auch davon ist im Impulspapier nicht ernsthaft die Rede.

In den allermeisten Gemeinden ist nach meiner Beobachtung das Papier „Kirche der Freiheit“ so gut wie gar nicht 'angekommen'. Nicht zuletzt, weil bei uns nach dem 2. Weltkrieg die Gemeindeglieder von den neu verfassten Kirchen mit dem Glauben als Gegenstand der persönlichen Auseinandersetzung und als Maßstab für das Alltagsleben meist nur unzulänglich konfrontiert worden sind. Die Versuche, mit „Denkschriften“, „Texten“ oder anderen Stellungnahmen das Kirchenvolk zu aktivieren, blieben bis auf wenige Ausnahmen in den Leitungsgremien stecken. In den Gemeinden gibt es deshalb nur selten eine die Passivität als Norm hinterfragende Erwartungshaltung, und in der Regel auch kein entsprechendes Engagement. (Ausnahmen wie der „Deutsche Evangelische Kirchentag“ und die eigenständige Entwicklung der Kirchen in der DDR müssen an anderer Stelle verdeutlicht und bedacht werden). Ohne innere und äußerlich erkennbare Beteiligung der Gemeinden und Gemeindeglieder bleibt aber die Kirche mit all ihren Angeboten und Ansprüchen ein Koloss auf tönernen Füßen.

Auch was inzwischen von den Vorschlägen und 'Leuchttürmen' des Papiers umgesetzt oder in Angriff genommen wurde, ist von Aufbruch oder Erneuerung weit entfernt. Ob es verschiedene Arbeitsgruppen sind mit Themenschwerpunkten wie Mission, Predigtausbildung oder die Vorbereitungen auf den 500. Geburtstag der Reformation: Immer geht es vor allem um die Befestigung des Bestehenden und um von Skrupeln ungetrübte Verweise auf die Prägekraft der Tradition. Kreativität und Innovation, verbunden gar mit selbstkritischer Bestandsaufnahme und der Offenheit für neues Denken sind bisher, in den Arbeitsgruppen selbst und darüber hinaus, seltene Ausnahmen. Zwar gibt es immer mal wieder kritische Rückfragen (z. B. an den Reformator), und zum Abschluss eines groß angelegten EKD-Zukunftsforums (im Mai 2014) hat der Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider gesagt: "Wir erleben Veränderungen und wir gestalten sie auch". Aber die wenigen substanziellen Ansätze zu verändertem Denken wurden entweder in innerkirchlichen Streitereien verschlissen, - wie das EKD-Papier über ein zeitgemäßes Familienverständnis -, oder zusätzlich - wie das Grundsatzpapier zum Verständnis der Reformation - katholischerseits harsch kritisiert und als unökumenisch zurückgewiesen. Dass "die Chance, sich wieder stärker selbst zu begreifen", die der frühere Bundesverfassungsrichter Udo di Fabio als (katholischer) Vorsitzender des 'Wissenschaftlichen Beirats des Kuratoriums zur Vorbereitung des Reformationsjubiläums 2017' auf dem genannten Zukunftsforum beschworen hat, - dass diese Chance nicht nur be-, sondern auch ergriffen wird, ist kaum irgendwo zu erkennen. -

Zusammenfassend dominiert also der Eindruck: Was mit dem Innovationspapier als Grundlage und Anweisung gedacht war für Selbstverständnis, Arbeit, Denken und Verkündigung der Kirche im nächsten Jahrzehnt, ist mehr oder weniger stecken geblieben im überkommenen Vorverständnis und in den alten, verkrusteten Strukturen. Auch Jahre nach der Veröffentlichung sieht es nicht so aus, als ob "Kirche der Freiheit" die erhofften und immer wieder verheißenen Veränderungen und Erneuerungen bewirken kann. Trotz all ihrer Aktivitäten und zweifellos vorhandenen Bemühungen gleicht die Kirche derzeit einem Hamster, der die ganze Nacht sein Rädchen antreibt, und am Morgen immer noch auf der Stelle tritt.

II. Die Ökumene und die "Weltverantwortung" oder: Wir waren schon mal weiter

Im Vergleich mit dem derzeitigen Zustand zeigt ein Blick zurück in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts ein ganz anderes Bild. Nicht sosehr von den Kirchen in ihrem Verhalten und ihren unterschiedlichen Organisationsformen, sondern von dem, was innerhalb der Christenheit rumorte und über Konfessionsgrenzen hinweg als Selbstverständnis und Auftrag des Glaubens sich Bahn zu brechen begann.

Erkennbar wurde das mit der Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1948. Sie war das (durch den 2. Weltkrieg verzögerte) Ergebnis unterschiedlicher Wünsche und Forderungen nach mehr Einheit und Präsenz der vielfach gespaltenen Christenheit. Auf verschiedenen Konferenzen der „Bewegung für Weltmission“ und des internationalen Rates „für praktisches Christentum“ vor allem in Stockholm (1925), Oxford und Edinburgh (1937) waren solche Überlegungen zutage getreten und in Ausschüssen weiterentwickelt worden. Es entstand die Vorstellung vom Zusammenschluss möglichst vieler Einzelkirchen in einem Ökumenischen Rat, der zwar keine Über- oder Oberkirche werden sollte, mit seinen Mitgliedern aber gemeinsame Ziele entwickeln und allen die Verfolgung gemeinsam gefasster Beschlüsse nahe legen konnte. Die Arbeit sollte sich auf zwei Schwerpunkte konzentrieren: Die Einheit der Kirchen und die Weltverantwortung der Christen..

Der erste Generalsekretär dieses Ökumenischen Rates, der holländische Theologe Willem A. Visser`t Hooft, war für die Umsetzung dieser Überlegungen bestens geeignet. Er hatte sich schon in jungen Jahren in leitenden Funktionen beim internationalen CVJM und als Generalsekretär des Christlichen Studentenweltbundes mit den unterschiedlichen theologischen Strömungen weltweit auseinandergesetzt und dabei auf einem festen Glaubensfundament aufmerksam und in unerschrockener Offenheit die Zuständigkeit der christlichen Botschaft auch für die Probleme der Welt erkannt. Seine ungewöhnliche Sprachbegabung hatte ihm die Kontakte zu den führenden Köpfen der Weltchristenheit erleichtert und maßgebliche Teilnahme ermöglicht an den zahlreichen internationalen Kirchenkonferenzen, die in den zwanziger und dreißiger Jahren auf unterschiedlichen Wegen nach neuen Antworten suchten. Zum Beispiel auf „die bedeutsame Frage nach dem Verhältnis von ‚jenseitiger’ und ‚diesseitiger’ Interpretation des christlichen Glaubens“ oder nach der „biblische(n) Vollmacht für die soziale und politische Botschaft der Kirchen heute“.(Willem A. Visser’t Hooft: “Die Welt war meine Gemeinde“, S. 246 u. 297)

Es war daher naheliegend, dass Visser ’t Hooft zum Generalsekretär vorgeschlagen und gewählt wurde, und dass er für lange Zeit unbestritten der maßgebliche Kopf des allmählich Gestalt gewinnenden Ökumenischen Rates der Kirchen blieb.

Zu seinen ersten Aufgaben gehörte es, die Verbindung zu und zwischen den anfangs 147 Mitgliedskirchen aus 44 Ländern zu klären und zu stabilisieren. Dank der wichtigen Rolle, die er während des Krieges bei der Vermittlung verschiedener verdeckter Friedensbemühungen kirchlicher und politischer Gruppen gespielt hatte, (u. a. für den deutschen Pfarrer und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer), kannte er die entstandenen Spannungen und Verwerfungen gut genug, um Verständigung und - wo nötig - Versöhnung zwischen den von mancherlei Misstrauen befallenen Kirchen und Kirchengruppen in die Wege zu leiten. Zum Beispiel beim Treffen einer ÖRK-Delegation aus Genf mit maßgeblichen Männern des deutschen Protestantismus schon im Oktober 1945. Das „Stuttgarter Schuldbekenntnis“, das dabei als Wort der Buße unter maßgeblicher Beteiligung von Karl Barth und Martin Niemöller verfasst wurde, öffnete die Türen für den Beitritt der gerade sich strukturierenden neuen „Evangelischen Kirche in Deutschland“ zum ÖRK, und für einen Neubeginn der internationalen Beziehungen auch zwischen den Kirchen.

Das Selbstverständnis des Ökumenischen Rates kam in zwei wichtigen Aussagen zum Ausdruck. Die theologische Grundlegung, die „Basis“ des ÖRK, formuliert kurz und eindeutig christologisch: „Der Ökumenische Rat der Kirchen ist eine Gemeinschaft von Kirchen, die den Herrn Jesus Christus gemäß der Heiligen Schrift als Gott und Heiland bekennen und darum gemeinsam zu erfüllen trachten, wozu sie berufen sind, zur Ehre Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“.

Und in die Welt hinein lautete einer der ersten und wichtigsten Sätze: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein“. -

Diesem Ansatz entsprechend gewannen zwei Arbeitsbereiche besondere Bedeutung:

Die Abteilung „Glaube und Kirchenverfassung“ (Faith and Order) war im weitesten Sinne zuständig für die Fragen nach der „Einheit“ der Christenheit und einem möglichst umfassenden theologischen Selbstverständnis; - und im Arbeitsbereich „Kirche und Gesellschaft“ (Church and Society) sollte und wollte man sich auf die Suche begeben nach der „Präsenz der Kirche in einer sich rasch verändernden Welt“, und sich kümmern um die vielfältigen, schwierigen und nicht selten auch umstrittenen gesellschafts- und sozialpolitischen Aufgaben, denen sich Christen bei recht verstandenem Glauben nicht entziehen können. Nach den Vorstellungen des Generalsekretärs sollte der Ökumenische Rat „..ein weltweites Diskussionsforum über Botschaft und Auftrag der Kirche sein. Und die fortschreitende Erneuerung der Kirchen ebenso zeigen müssen wie ihre Einheit in den zentralen Fragen des christlichen Glaubens trotz aller Verschiedenheit“. (Visser ’t Hooft, ebd. 246)

An anderer Stelle fasste der Generalsekretär Wesen, Ziele und Arbeitsweise des Weltrats in zwei Fragen zusammen:

1. Wie versteht der Weltrat sich selbst und seine Aufgabe im Verhältnis zu den Kirchen? Anders ausgedrückt: Welches ist seine ekklesiologische Bedeutung? - und

2. Welche Position bezieht der Weltrat in den ideologischen und politischen Konflikten unserer Zeit, insbesondere im Ost-West-Konflikt?“ (Visser `t Hooft, ebd. 261)

Ein Schwerpunkt bei den Bemühungen um die Einheit der Christen war natürlicherweise das Gespräch mit der römisch-katholischen Kirche. Diese hatte nach vielfältigen Kontakten und Versuchen eine Mitgliedschaft im sich bildenden ÖRK zwar abgelehnt, ihre Mitarbeit in einzelnen Bereichen aber nicht ausgeschlossen. Möglichkeiten dafür zu suchen und zu installieren – z.B. durch die Teilnahme offizieller katholischer „Beobachter“ - war lange Zeit ein wichtiges Thema. Mit wechselnden Erfolgen, und abhängig auch von unterschiedlicher Nähe zwischen den jeweiligen Repräsentanten in Rom und Genf. Ein wirklicher Zusammenschluss aber gilt, nicht zuletzt wegen der erdrückenden Größe der römischen Weltkirche gegenüber den anderen ÖRK-Mitgliedskirchen, längst beiderseits als unrealistisch.

Erfolgreicher verlief die innerökumenische Entwicklung. Auf der 2. Vollversammlung in Evanston, (1954), war erkennbar geworden, dass der Weltrat auf dem Wege zu seinem Ziel, ’Zusammenleben in einer geteilten Welt', vom ‚Zusammenbleiben’ (Amsterdam) zum ‚Zusammenwachsen’ fortgeschritten ist, …dass das Zusammenrücken der Kirchen wirklich einen Sinn und für ihr Leben und ihr Zeugnis konkrete Folgen hatte, und dass der ÖRK theologische Spannungen im Inneren und politische Spannungen in der Umwelt unversehrt überstehen konnte. (V.’t H. ebd. 296) Sein Ansehen und die Zahl der Mitgliedskirchen war kontinuierlich gewachsen. Und als auf der 3. Vollversammlung in Neu-Delhi (1961) der große Block der orthodoxen Kirchen des Ostens sich zum Beitritt entschlossen hatte, konnte sich der Ökumenische Rat zu recht als ein „Weltrat“ der (nichtkatholischen) Christenheit betrachten.

Neben diesen Bemühungen um mehr christliche Einheit spielte die Frage nach der „Weltverantwortung“ bald eine immer größere Rolle. Schon in Amsterdam 1948 war klar geworden, dass die „biblische Vollmacht für die soziale und politische Botschaft der Kirchen heute“ (V.`t.H 246) zum unausweichlichen Selbstverständnis und Auftrag des neu gegründeten Ökumenischen Rates gehört. Auf einer Sektionssitzung über „Die Kirche und die Auflösung der gesellschaftlichen Ordnung“ war der Begriff „Verantwortliche Gesellschaft“ als christliche Aufgabenstellung formuliert worden, und dieses Leitbild ist über Jahrzehnte ein entscheidender Bezugspunkt des ökumenischen Denkens geblieben.

Das deutlichste Signal für den Willen zur Mitverantwortung in einer sich rasch verändernden Welt war die 1966 nach Genf einberufene „Weltkonferenz für Kirche und Gesellschaft“ zum Thema: „Christen im technischen und sozialen Umbruch unserer Zeit“. Nach jahrelanger Vorarbeit hat das zuständige Referat dafür aus allen Kontinenten führende Fachleute zu den wichtigsten Fragen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, aus Sozialethik und natürlich auch der Theologie gewinnen können, - mehrheitlich sog. Laien. Auch die 420 Teilnehmer aus 80 Nationen und inzwischen 164 Mitgliedskirchen waren zur Hälfte Nichttheologen. Der übliche Charakter solcher kirchlichen Zusammenkünfte wurde dahingehend geändert, dass „aus einer Konferenz, die im Namen der Kirchen sprechen sollte, eine Konferenz wurde, die zu den Kirchen sprechen und sie bei der christlichen Antwort auf die Herausforderungen der revolutionären Wandlungen in unserer Zeit beraten würde.“ (s. “Von Neu-Delhi nach Uppsala“, ÖRK 1968, S. 72).

Vorrangiges Ziel sollte sein, „das soziale Denken und Handeln des ÖRK und seiner Mitgliedskirchen und die Entwicklung in vielen Lebens- und Arbeitsbereichen der Ökumene nachhaltig zu beeinflussen“ (ebd., S. 69).

Dazu waren in vier Bänden unter Mitarbeit von 60 Wissenschaftlern folgende Themen vorbereitet worden:

- Christliche Sozialethik in einer sich wandelnden Welt,

- Verantwortliche Regierung in einem revolutionären Zeitalter,

- Wirtschaftliche Entwicklung in weltweiter Sicht,

- Der Mensch in der Gemeinschaft. -

Zu allen Themenbereichen sprachen mehrere Referenten und Koreferenten vor dem Plenum. Danach wurden die Referate in den einzelnen Sektionen und Arbeitsgruppen beraten, und der Extrakt dieser Beratungen landete als Hilfe für die Beschlussfassung nochmals im Plenum.

Die Ergebnisse dieser Konferenz entsprachen voll und ganz ihrer ungewöhnlichen Zusammensetzung und den noch ungewöhnlicheren Zielvorgaben. Zu letzteren hatte der Generalsekretär in seinem richtungweisenden Eingangsreferat deutliche Worte gefunden. An die Adresse der Fachleute und Referenten hatte er gesagt:

„Wir bitten Sie nicht, im Rahmen der Kirchen oder des Ökumenischen Rates der Kirchen zu sprechen, sondern wir bitten Sie, zu uns allen zu sprechen. Der Grund dafür liegt nicht darin, dass die Mehrheit dieser Konferenz aus Laien besteht. Das macht sie mehr und nicht weniger repräsentativ für das wirkliche Leben der christlichen Gemeinschaft. Der Grund ist vielmehr der, dass Sie volle Freiheit haben sollen, Ihre Ansichten zu äußern. Die Ergebnisse Ihrer Arbeit werden den Kirchen und auch dem Ökumenischen Rat der Kirchen auf seiner nächsten Vollversammlung im Jahre 1968 in Uppsala vorgelegt, und wir versprechen Ihnen, dass die Ergebnisse sehr ernsthaft bedacht werden. -… Was erwarten wir von Ihnen: Erstens: Bringen Sie die Kirchen dazu, sich mit den Realitäten des raschen sozialen Wandels auseinander zu setzen, damit die Kirchen sich nicht mit den Problemen von gestern, sondern mit denen von heute und morgen befassen.

Zweitens: Zeigen Sie, dass wir trotz unserer verschiedenen Herkunft und theologischen Meinungsverschiedenheiten ein relevantes Wort zu den dringenden sozialen Fragen sprechen und damit zeigen können, dass wir im Evangelium die Kraft finden, nationale, rassische oder ideologische Anliegen oder Interessen zu überschreiten. Wir hoffen auch, dass wir in diesen Fragen in zunehmendem Maße eine gemeinsame Sprache für die Kirchen des Ökumenischen Rates und die römisch-katholische Kirche finden können.

Drittens: Zeigen Sie den Kirchen, welches ihre besondere Aufgabe bei der Gestaltung einer verantwortlichen Gesellschaft ist, sowohl durch ihre eigene geistliche und erzieherische Arbeit als auch durch ihr Zeugnis vor den Völkern und ihren Regierungen.

Viertens: Arbeiten Sie aus, welches die gemeinsame Position und Aktion der Kirchen als weltweite Gemeinschaft sein müsste, damit die Kluft zwischen den immer reicher werdenden und den von Hunger und Armut bedrohten Nationen überwunden wird.

Fünftens: Helfen Sie den Kirchen, verantwortliche Partner zu werden, wenn es darum geht, Entscheidungen für die zukünftige Entwicklung der Gesellschaft zu treffen, das heißt, wenn es um Entscheidungen geht, in denen der Sinn des menschlichen Lebens überhaupt auf dem Spiele steht. Ich möchte mit einem verblüffend bedeutsamen Wort eines der ersten Propheten schließen. Es ist bedeutsam, weil ein Laie es an das Volk Gottes richtet. Es warnt uns davor, unsere Konferenz für einen Selbstzweck zu halten, und sagt uns, welches Gottes Plan für uns ist. Bei dem Propheten Amos im 5. Kapitel heißt es: „Gott der Herr spricht: Ich mag eure Versammlungen nicht riechen“. Das ist eine Warnung. Aber der Herr sagt weiter: „Es soll aber das Recht offenbart werden wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein starker Strom“ (Amos 5, 24). -- Das sind unsere Marschbefehle.

(aus: "Appell an die Kirchen der Welt"; Kreuzverlag 1967, S. 41/2)

Dass mit solcher Zielsetzung ein tiefgreifendes Umdenken im Blick auf das Verständnis des christlichen Glaubens und das daraus abzuleitende Handeln der Christen und Kirchen eingefordert werden sollte, war nicht zu übersehen. Zusätzlich sorgte die Kompetenz der hochrangigen Fachleute aus aller Welt nicht nur für ein ungewöhnlich umfassendes Niveau der Konferenz, sondern auch für die Erweiterung des Blickwinkels über die geläufigen kirchlichen Horizonte hinaus. Hier wurden die wichtigsten Fragen der im Umbruch befindlichen Welt aufgelistet und dargestellt, unabhängig von christlichen Erwartungen und kirchlichem Vorverständnis. Neben dem allgegenwärtigen Ost-West-Konflikt kamen auch die damals noch weitgehend unbeachteten und unterschätzten Problemfelder und die weltweiten sozialen und gesellschaftspolitischen Verschiebungen in Sicht, darunter auch erste Hinweise auf den drohenden Klimawandel und seine Ursachen. Hauptthema aber war noch die Ausbreitung des Hungers als Folge des sog. Nord-Süd-Gefälles, als immer dringlichere Anfrage an die Menschen auf der nördlichen Halbkugel, - an die sog. „westliche Welt“.

Die „Botschaft der Konferenz“ hielt denn auch unmissverständlich fest, was man künftig unter Beteiligung an einer 'verantwortlichen Gesellschaft` verstehen wollte. Dort heißt es u. a.:

Im Lichte dessen, was jetzt in unserer Gesellschaft geschieht, können wir Christen dem Ruf zum ernsthaften Studium und kraftvollen Handeln nicht ausweichen..

und an anderer Stelle (nahezu prophetisch):

In vielen Teilen der heutigen Welt stellt die Kirche eine verhältnismäßig kleine Minderheit dar, die sich zusammen mit anderen religiösen und weltlichen Bewegungen am Kampf um die Zukunft des Menschen beteiligt. Zudem kann sie nur dann hoffen, zur Umwandlung der Welt beizutragen, wenn sie selber im Kontakt mit der Welt umgewandelt wird… (ebd., S. 267 u. 269)

Zwei Jahre später, auf der 4. Vollversammlung in Uppsala, wurde deutlich, dass der ÖRK es mit dem Stichwort von der verantwortlichen Gesellschaft durchaus ernst meinte. Unter dem Konferenzmotto „Siehe, ich mache alles neu“ ging es zwar weiterhin um die zentralen Fragen der Einheit der Christenheit, wobei die Möglichkeiten engeren Zusammenrückens mit der römisch-katholischen Kirche einen optimistischen Höhepunkt erreichten. Daneber aber spielten die Programmplanungen, die sich aus der Beziehung zwischen der „Einheit der Kirche und der Einheit der Menschheit“ ergeben, eine mindestens ebenso wichtige Rolle. Die Frage nach „Christliche(n) Antworten auf die technische und gesellschaftliche Revolution unserer Zeit“ stellte sich ebenso dringend wie nach einer „Zukunft des Menschen und der Gesellschaft in einer wissenschaftlichtechnischen Welt“.Wachsende Gewalt weltweit und der Kampf um soziale Gerechtigkeit drängten ebenso ins Bewusstsein wie die allmähliche Einsicht in die Notwendigkeit des Dialogs mit anderen Religionen.

Besonders bedeutsam sollte der Beschluss von Uppsala werden, ein „Programm zur Bekämpfung des Rassismus“ zu entwickeln. Hier zeigte sich deutlicher als bei den bisherigen Aktivitäten, dass kirchliche Stellungnahmen zu sensiblen gesellschaftspolitischen Fragen nicht nur öffentliche Aufmerksamkeit erregen können, sondern auch mit Widerspruch und Widerstand rechnen müssen, sowohl innerkirchlich als auch seitens politischer Interessengruppen. Dass Rassismus unvereinbar ist mit dem christlichen Menschenbild war kein neues Thema. Aber die wachsende Zahl von Mitgliedskirchen aus Afrika, Asien und Lateinamerika hatte im ÖRK das Gefühl für solche Fragen stärker sensibilisiert als zuvor. Und da „weißer“ Rassismus weiter verbreitet und weltweit augenfälliger war (und ist) als „farbiger“, sahen die bisher tonangebenden 'abendländischen' Kirchen sich erstmals mit einer Thematik konfrontiert, die ihr eigenes Verhalten kritisch hinterfragte. Folgerichtig hatten sie mit Unverständnis und mit massivem Unwillen in den eigenen Reihen zum Teil erhebliche Probleme. Bei der Konzentration des 'Antirassismusprogramms' zunächst auf das südliche Afrika war ja nicht nur das rassistische Verhalten einiger ehemaliger „Missionskirchen“ zu korrigieren. Auch die wirtschaftliche Unterstützung des rigorosen südafrikanischen Apartheitsystems durch namhafte -auch deutsche-Großunternehmen geriet ins Visier der Ökumene, - keineswegs immer im Einverständnis mit den zuständigen kirchlichen Institutionen. Innerhalb der deutschen Landeskirchen kam es bei Synoden und bei Tagungen ökumenischer Gremien gelegentlich zu heftigen Diskussionen über die Frage, ob das 'Antirassismusprogramm' überhaupt die Zustimmung der EKD-Kirchen bekommen sollte oder nicht. Auf einer Tagung des ÖRK-Zentralausschusses in Addis Abeba (1971) drohte der damalige EKD-Finanzchef unverhohlen mit Kürzung der Gelder, falls Genf sich deutschen Vorbehalten beim Umgang mit der Rassismusfrage widersetzen sollte. Da die EKD nach den US-Kirchen zweitgrößter Finanzier der Ökumene war, lief diese Drohung auf einen glatten Erpressungsversuch hinaus. Er konnte zwar von der deutschen Delegation unter Leitung des Berliner Bischofs Kurt Scharf, (der im Unterschied zu anderen deutschen Kirchenführern ein überzeugter „Ökumeniker“ war), verhindert werden. Aber insgesamt blieb das Antirassismusprogramm (nicht nur) in der EKD umstritten.

Auch die weiteren Versuche des Ökumenischen Rates, in den Kirchen und Gemeinden das Bewusstsein für die Mitverantwortung in der Welt aus Glaubensgehorsam zu vertiefen, sorgten in den folgenden Jahren für immer neue Auseinandersetzungen.

Zwar entstanden - auch in katholischen Kirchen - Bewegungen mit ethisch-gesellschaftspolitischen Schwerpunkten, wie die „Theologie der Befreiung“, (sogar „…der Revolution)“ in Lateinamerika, die "Politische Theologie" und weltweit auch die „Feministische Theologie“. Ihnen standen aber nicht nur die römische -, sondern auch viele etablierte nichtkatholische Kirchen und die meisten frei-kirchlichen Gruppierungen distanziert bis massiv ablehnend gegenüber. Mit ihrem organisatorisch und dogmatisch tradierten Rigorismus verhinderten sie eine nachhaltige Ausbreitung der neuen, als „unibisch“ verdächtigten, dem sog. „Zeitgeist“ verfallenen und mindesens als unbotmäßig empfundenen theologischen Denkrichtung und Verhaltensweisen. Im deutschsprachigen Raum konnten sich diese konservativen Gegenströmungen vorwiegend mit dem griffigen Slogan „Kein anderes Evangelium“ als Beschützer und Bewahrer des „wahren“ Glaubens darstellen und in vielen Gemeinden eine vermeintlich „kirchentreue“ und „rechtgläubige“ Anhängerschaft für sich gewinnen. Ihre lautstarken und unduldsamen Wortführer gründeten schließlich die evangelikale „Lausanner Bewegung“ und inszenierten einen offenen Glaubenskrieg gegen die Genfer Ökumene. Dieser richtete sich hierzulande speziell gegen den „Deutschen Evangelischen Kirchentag“ (DEKT), der sich als protestantische Laienbewegung nach dem Kriege zu einer vielbeachteten Diskussionsplattform auch für die Fragen von 'Kirche und Welt' entwickelt hatte. Mit Blick auf ÖRK und DEKT gleichermaßen formierten die „evangelikalen“ Kreise nach und nach und ziemlich erfolgreich ihren gezielten Widerstand gegen eine nach ihrer Meinung unerlaubte „Politisierung“ der offiziellen Kirchen.

Diese Auseinandersetzung zwischen herkömmlicher, weitgehend innerkirchlicher „Rechtgläubigkeit“ und dem erwachten Bewusstsein für die Welt(mit)verantwortung der Christen konnte zu Beginn der 80er Jahre noch einmal überdeckt werden von dem kräftigen Einsatz der Ökumene für die sog. „Konvokation“, eine 'Zusammenrufung' der Christenheit – möglichst unter Beteiligung auch der katholischen Kirche - zum Thema „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“. Die dramatisch angewachsene Bedrohung der Menschheit durch atomare und biologische Waffensysteme von bis dahin nicht gekannter Vernichtungskraft hatte nicht nur dem Friedensauftrag der Kirchen neuen Auftrieb gegeben, sondern auch die Aufmerksamkeit der nichtkirchlichen Öffentlichkeit für solche Themen sensibilisiert. Deshalb fand der Ökumenische Rat viel Beachtung, als auf seiner VI. Vollversammlung im kanadischen Vancouver 1983 die Forderung nach einem allgemeinen umfassenden christlichen Friedenskonzil laut wurde.

Der Gedanke war nicht neu. Schon fünf Jahre vor Beginn des 2. Weltkriegs hatte ein junger Pfarrer namens Dietrich Bonhoeffer in einer Morgenandacht der ökumenischen Jugendkonferenz im dänischen Fanö unter dem Eindruck der drohenden politischen Entwicklung in Deutschland die später vielzitierte Frage gestellt:

„Wer ruft zum Frieden, dass die Welt es hört, zu hören gezwungen ist, dass alle Völker darüber froh werden müssen? Nur das eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Christi aus aller Welt kann es so sagen, dass die Welt zähneknirschend das Wort vom Frieden vernehmen muss.“

Freilich war die Forderung, den christlichen Friedensauftrag auf einem gesamtchristlichen „Konzil“ voranzutreiben, 1934 noch so visionär, dass Bonhoeffers dramatischer Appell ohne die Verknüpfung mit dem späteren Gewicht seines Namens sicher unbeachtet geblieben wäre. Weder in den Kirchen des Westens noch in denen des Ostens, weder auf der nördlichen noch auf der südlichen Halbkugel hätte die Vorstellung von soviel christlicher Gemeinsamkeit ernsthaften Erwägungen standgehalten. Und für die römisch-katholische Kirche war eine 'allchristliche' Erneuerung der Tradition altkirchlicher Konzilien ohnehin undenkbar.

Aber die Überzeugung, in einer immer unruhiger werdenden Welt aus christlichem Glaubensgehorsam ein weithin sichtbares Signal für Frieden und Gerechtigkeit setzen zu müssen, fand immer neue Anhänger. Und gleichzeitig wuchs die Einsicht, dass diese Aufgabe, wenn überhaupt, nur in größtmöglicher Übereinstimmung sinnvoll angepackt werden kann. So war es nur folgerichtig, dass ein Vorschlag der DDR-Kirchendelegation auf der ÖRK-Vollversammlung in Vancouver die Forderung enthielt, es müsse “geprüft werden, ob die Zeit reif ist für ein allgemeines christliches Friedenskonzil, wie es Dietrich Bonhoeffer angesichts des drohenden 2. Weltkriegs vor 50 Jahren für geboten hielt.“

Trotz grundsätzlicher Zustimmung konnte der Ökumenische Rat eine langwierige Debatte über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten eines „Konzils“ nicht verhindern. Erst als der bekannte Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Düsseldorf 1985 den Gedanken eines „konziliaren Prozesses“ aufgriff und an die Kirchenleitungen appellierte, 'um der Gefährdung des Überlebens willen' ein gesamtkirchliches Friedenskonzil einzuberufen, und als er das wenig später mit seinem vielbeachteten Buch „Die Zeit drängt“ untermauerte, gewann das Thema in den Kirchen selbst und darüber hinaus erkennbaren Auftrieb. Weizsäckers wichtigste Forderung war ein „Bewusstseinswandel“, „..als notwendige Konsequenz einer Selbstkritik der heutigen Welterfahrung“. Theologisch heißt das „Umkehr“, erinnerte er und beklagte, „dass die Weise, wie vom Evangelium gesprochen werden sollte, heute nicht konsensfähig ist.…Noch immer verwandeln sich Wahrnehmungen in eindeutig intendierte Sätze, aus Angst, wie mir scheint. Das ist der Hort der traditionellen Theologie.“ Und gegen diese Theologie gerichtet gab Weizsäcker zu bedenken, „was die Christen zu erkennen vermöchten, wenn sie nicht Angst vor den Folgen dieser Erkenntnisse hätten.“