Sinnlicher Skandal um eine Lady - Sophie Jordan - E-Book

Sinnlicher Skandal um eine Lady E-Book

Sophie Jordan

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Beschreibung

Für eine Nacht will Graciela, Duchess of Autenberry, ihrem Alltag als junge Witwe entfliehen. Verborgen hinter einer Maske besucht sie ein Etablissement, das sinnliche Genüsse verspricht. Doch das zügellose Treiben erschüttert die zarte Lady zutiefst! Zum Glück rettet ein Gentleman sie aus einer prekären Situation. Graciela erkennt ihren Beschützer sofort: Es ist Colin, der Earl of Strickland, ein enger Freund ihres Stiefsohns – und absolut tabu für sie! Um ihre Tarnung und ihren Ruf zu bewahren, muss sie allerdings seine sinnlichen Küsse erwidern. Natürlich nur zum Schein! Aber warum fühlt sich die Lust dabei so erregend echt an?

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HISTORICAL GOLD EXTRA erscheint in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg

Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/72 52-399 E-Mail: [email protected]
Geschäftsführung:Katja Berger, Jürgen WelteLeitung:Miran Bilic (v. i. S. d. P.)Produktion:Christina SeegerGrafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto)

© 2017 by Sharie Kohler Originaltitel: „The Scandal of it all“ erschienen bei: Avon Books, an imprint of HarperCollins Publishers LLC, New York, U.S.A Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe HISTORICAL GOLD EXTRA, Band 142 08/2022 Übersetzung: Ira Panic

Abbildungen: Lee Avison / Trevillion Images, alle Rechte vorbehalten

Veröffentlicht im ePub Format in 08/2022 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783751511179

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, TIFFANY

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1. KAPITEL

Wie hüpfende Krähen bewegten sich die schwarz gekleideten Damen durch den Raum und pickten ebenso angeregt an den Speisen auf ihren winzigen Tellern wie sie über das kürzlich erfolgte Ableben von Lady Vanderhall plauderten, die nun in dem samtverhüllten Sarg, der am anderen Ende des Salons aufgebahrt war, ihre ewige Ruhe fand.

Die Wände waren mit schwarzem Trauerflor bespannt, der die geblümten Tapeten verbarg. Der undurchdringliche Stoff bedeckte auch die Fenster, sodass kein Tageslicht in hereindrang. Auf jeder verfügbaren Oberfläche flackerten Kerzen, die einen Tanz aus Licht und Schatten in das abgeschirmte Zimmer warfen. Morgen würden Angehörige und Freunde den Sarg zur Kirche begleiten. Bis dahin wurde Totenwache gehalten. Menschen kamen und gingen, und man achtete darauf, dass die Kerzen niemals erloschen. Dass der Leichnam niemals allein blieb.

„Wie tragisch“, sagte eine hakennasige Dame und wedelte dabei so bedeutungsvoll mit ihrem Schinkensandwich, als wäre sie die Erste, die bei dieser äußerst unglücklichen Gelegenheit auf einen derartigen Gedanken gekommen war.

„Glauben Sie, dass ihre Töchter sich später an sie erinnern werden?“, fragte eine andere, während sie sich suchend nach den kleinen Mädchen umschaute.

„Fraglich. Sie sind wohl erst zehn und acht Jahre alt. Das ist noch sehr jung. Aber es ist zweifellos besser so.“

In der Hoffnung, auf diese Weise den sauren Geschmack aus ihrem Mund vertreiben zu können, kippte Graciela, die Duchess of Autenberry, den Rest ihrer Limonade mit einem Schluck hinunter und blickte sehnsüchtig zur Tür. Am liebsten hätte sie die Flucht ergriffen.

Es sollte besser für die Mädchen sein, wenn sie ihre Mutter vergäßen? Das wäre doch, als hätte sie nie existiert, als wäre sie wie Staub, vom Winde verweht. Und das hielten diese Plappertaschen für das Beste? Sie hoffte, dass sie sich da irrten. Dass sie sich da sehr, sehr irrten.

Die kürzlich verstorbene Lady Vanderhall war ihre Freundin gewesen, und da Graciela nur wenige Freundinnen hatte, empfand sie den Verlust besonders schmerzlich.

Sobald die Nachricht von Evangelines überraschendem Tod nach einem Reitunfall sie erreicht hatte, war Graciela nach London zurückgekehrt. Ihre Tochter und Stieftochter blieben in Autenberry Manor, es bestand keine Notwendigkeit, sie den langen Weg in die Stadt für so etwas Trostloses wie eine Beerdigung zurücklegen zu lassen, zumal Lady Vanderhall nur eine flüchtige Bekannte für sie gewesen war.

Clara und Enid zogen es ohnehin vor, auf dem Land zu bleiben. Um diese Jahreszeit bot London nur wenig Abwechslung. Da war es für die Mädchen reizvoller, Schneemänner zu bauen, Schlitten zu fahren und vor dem Kamin Gedichte von Byron zu lesen und heiße Schokolade zu schlürfen. Offen gestanden wären das in diesem speziellen Moment auch für Graciela reizvollere Beschäftigungen gewesen. Das hier war einfach unerträglich. Sie war ohnehin schon tieftraurig über den Tod ihrer Freundin, aber diese Trauergäste mit ihren gefühllosen Bemerkungen machten alles nur noch furchtbarer.

Jedenfalls glaubte sie nicht, dass sie diese Totenwache für die arme Evangeline auch nur eine Minute länger aushalten konnte, und die Beerdigung morgen würde noch schlimmer werden.

„Was für ein Haufen Aasgeier“, meinte Mary Rebecca, ihre vielleicht einzige verbliebene Freundin.

Wie Graciela war Lady Talbot eine junge Witwe, die vom ton nicht unbedingt mit offenen Armen aufgenommen wurde. Die beiden Frauen waren von Anfang an Außenseiter gewesen, Lady Talbot als Irin und Graciela wegen ihrer spanischen Herkunft. Mehr als eine Dame hatte sie hinter vorgehaltener Hand beschuldigt, sich einen vornehmen Ehemann geangelt und dadurch einem weit passenderen englischen Mädchen die gute Partie gestohlen zu haben. Bereits bei ihrer Ankunft in England im zarten Alter von achtzehn Jahren waren Graciela diese verstohlenen Sticheleien zu Ohren gekommen. Und jetzt, mit fünfunddreißig, bekam sie sie immer noch zu hören. Manche Dinge änderten sich nie.

„Gott, ich glaube, die genießen das richtig“, murmelte Mary Rebecca. „Das Unglück anderer Leute sorgt dafür, dass sie sich mit ihrem eigenen trostlosen Leben besser fühlen.“

Graciela warf ihrer Freundin einen Seitenblick. „Ich glaube, wir haben für heute ausreichend Beileid bezeugt.“

„Ganz bestimmt.“ Mary Rebecca nickt bekräftigend. „Los, wir machen uns davon.“ Sie wandte sich zum Gehen.

Graciela folgte ihrem Beispiel, und die beiden Frauen verließen das Trauerhaus, begleitet von ein paar scheelen Blicken.

„Ich habe eine ganze Residenz für mich allein“, verkündete Graciela, während sie darauf warteten, dass die Kutschen vorfuhren. Sie streifte ihre Handschuhe über und kuschelte sich tiefer in ihren mit Hermelin verbrämten Mantel. Dünne Schneeflocken rieselten aus dem Nachmittagshimmel. „Warum kommst du nicht mit zu mir? Dann können wir angemessen auf Evangelines Angedenken anstoßen, und du erzählst mir von den Feiertagen mit den Kindern. Ich will alles darüber erfahren.“

„Ein ganzes Haus für dich allein? Wie soll ich mir denn so etwas vorstellen? Als ich vorhin von zu Hause aufgebrochen bin, haben meine Jungs mit Holzschwertern aufeinander eingeprügelt, während meine Tochter einen Wutanfall bekam, weil sie ihr Lieblingsschultertuch nicht finden konnte.“ Ergeben blickten Mary Rebecca himmelwärts. „Was natürlich irgendwie meine Schuld war.“

Graciela lachte verstehend. „Selbstverständlich.“

„Tatsächlich habe ich es nicht besonders eilig, dorthin zurückzukehren. Fahr voran, meine Liebe, und ich komme dir hinterher.“

Lächelnd ließ Graciela sich von einem Stallburschen in ihre Kutsche helfen. Sie wusste ganz genau, wovon ihre Freundin sprach, denn auch sie selbst war so gut wie nie allein, ihre Tochter Clara und ihre Stieftochter Enid waren praktisch immer in ihrer Nähe. Das war Graciela sehr recht. Sie war gern von Freunden und Verwandten umgeben und fürchtete schon jetzt den Tag, an dem ihre Tochter heiraten und sie verlassen würde. Natürlich wünschte sie Clara alles Glück der Welt und einen guten Ehemann. Mit ihren nunmehr vierzehn Jahren würde dieser Tag kommen, ehe sie sich’s versah.

Das Leben verging so schnell. Es kam Graciela wie gestern vor, dass sie barfüßig durch Papas Weinberg gelaufen war, ein Mädchen mit zerzausten Haaren, das kichernd Fangen mit seinen Geschwistern, Cousinen und Cousins spielte. Und nun war sie selbst Mutter einer halbwüchsigen Tochter.

Doch Claras Verlust war nicht der Einzige, den sie fürchtete. Auch Enid würde ihr schmerzlich fehlen. Zwar erweckte ihre Stieftochter den Eindruck einer alten Jungfer, doch Graciela ging davon aus, dass sie eines Tages dennoch heiraten würde. Sie schloss das aus der Sehnsucht nach einem eigenen Heim, einem Ehemann und Kindern, die sie jedes Mal in Enids Augen lesen konnte, wenn wieder ein anderes Mädchen in ihrem Alter den Bund der Ehe einging und eine Familie gründete. Ihre Stieftochter war eigenwillig und klug und zeigte definitiv Blaustrumpf-Tendenzen – nicht unbedingt die begehrteste Mischung bei einer englischen Braut, aber Graciela war überzeugt davon, dass die junge Frau irgendwann einen Gentleman kennenlernen würde, der sich von ihrem ganz eigenem Charme angezogen fühlte.

Und dann würde Graciela wirklich allein sein. Eine einsame Witwe, die dem Wechsel der Jahreszeiten zuschaute, während sie auf die Besuche ihrer Familie wartete.

Als sie ihre Stadtresidenz erreichte, zwang sie sich dazu, diese rührseligen Gedanken abzuschütteln, die wahrscheinlich ohnehin nur auf die schrecklichen Umstände dieses Tages zurückzuführen waren. Doch das Haus kam ihr so still vor ohne Clara und Enid … so leer, trotz der rund zwanzig Dienstboten, die hier beschäftigt waren.

Sie ging mit Mary Rebecca in den Salon, zog ihre Handschuhe aus und läutete nach ihrem Lieblingsmadeira, der von dem Weingut stammte, das einst Papa gehörte. Mittlerweile führte ein entfernter Cousin die Ländereien und den Titel, doch ein Schluck von dem lieblichen Wein katapultierte sie in das Heim ihrer Kindheit und all den süßen Erinnerungen, die damit verbunden waren.

Das war vor Autenberry gewesen. Bevor das Leben so … enttäuschend geworden war.

Die Haushälterin Mrs. Wakefield brachte die Karaffe, dazu eine üppige Auswahl verschiedener Kuchen und Kekse, über die Graciela und Mary Rebecca hungrig herfielen.

„Vielen Dank, Mrs. Wakefield“, sagte Mary Rebecca, bevor sie sich einen Keks nahm. „Ich habe den ganzen Tag über keinen Bissen heruntergebracht.“

„Das ist ja auch wirklich schrecklich mit Lady Vanderhall“, stellte Mrs. Wakefield fest. „Also, mich werden Sie niemals auf irgendwas sehen, das vier Beine hat.“

Nachdem sie den ersten Bissen gekostet hatte, seufzte Mary Rebecca genüsslich. „Sie müssen meiner Köchin unbedingt das Rezept für diese unglaublich köstlichen Zitronenküchlein schicken.“

„Das mache ich, Mylady.“ Mrs. Wakefield wandte sich zur Tür, blieb aber noch einmal stehen. „Nehmen Sie Ihr Dinner heute Abend zu Hause ein, Euer Gnaden?“

Dinner. Bei der Vorstellung, allein an der riesigen Tafel zu sitzen, unterdrückte Graciela eine Grimasse. „Ja. Aber ein Tablett auf mein Zimmer wird reichen. Vielen Dank.“ Ihr war es wesentlich lieber, allein in ihren privaten Räumlichkeiten zu essen.

Die Haushälterin nickte und verließ das Zimmer.

Nach ein paar weiteren Zitronenküchlein ließ Mary Rebecca sich gänzlich undamenhaft in ihren Sessel zurückfallen und hob die Hände. „Was für ein entsetzlicher Tag.“

Grimmig nickte Graciela. „Ich kann nicht glauben, dass sie wirklich tot ist.“

„Noch vor einem Monat haben wir darüber gesprochen, dass sie mich und die Kinder, bevor die Saison wieder losgeht, im Lake District besuchen kommt.“ Unmutig schüttelte Mary Rebecca den Kopf. „Man weiß nie, wann das letzte Stündlein geschlagen haben könnte.“

„Sie war doch erst ungefähr so alt wie wir“, murmelte Graciela.

„Stimmt, sie wäre im November sechsunddreißig geworden.“

Mitten im Kauen hielt Graciela inne. Der Keks schmeckte plötzlich wie Asche.

„Was ist los?“ Mary Rebecca setzte sich wieder aufrecht hin und griff nach dem nächsten Küchlein.

Graciela zuckte mit den Schultern, während sich in ihrem Magen ein ganzes Nest unbehaglicher Knoten bildete. „Ich hielt sie für älter.“

„Evangeline? Nein, sie sah nur älter aus. Ihr grässlicher Ehemann hat sie um Jahre altern lassen.“

Graciela befeuchtete sich die Lippen. „Ich werde im September sechsunddreißig.“ Sie war also älter als Evangeline. Älter als die Freundin, die gerade gestorben war. Zugegeben, ihr Tod war unerwartet gekommen. Ein tragischer Unfall, dennoch machte diese Erkenntnis ihr zu schaffen.

„Nun, dann bist du wohl die Nächste“, meinte Mary Rebecca augenzwinkernd.

„Oh, du!“ Graciela warf den Rest ihres Kekses auf ihre Freundin. Der schlechte Scherz war mal wieder typisch Mary Rebecca. „So etwas sagt man nicht.“

„Was?“ Mary Rebecca wischte sich die Krümel vom Kleid. „Glaubst du, mir gefällt das besser? Ich bin zwei Jahre älter als du. Doch die Wahrheit ist nun mal, dass es jeder von uns passieren kann. Der Tod ist nicht wählerisch. In einem Moment war Evangeline quicklebendig, hat gelacht und gescherzt, und im nächsten …“ Sie beendete den Satz nicht, doch das Ungesagte stand dräuend im Raum.

Graciela seufzte.

„Es bringt einen zum Nachdenken“, fügte Mary Rebecca hinzu. „Ich für meinen Teil habe jedenfalls fest vor, mein Leben zu genießen … wie lange es auch immer währen mag.“

Angespannt starrte Graciela ins knisternde Kaminfeuer, bis sie sich gezwungen sah zu blinzeln. Es brachte einen tatsächlich zum Nachdenken.

Seit zehn Jahren war sie Witwe, seit über siebzehn Jahren lebte sie in England, erst als pflichtbewusste Ehefrau, dann als hingebungsvolle Mutter und Stiefmutter. Sehr viel mehr Persönlichkeit hatte sie nicht vorzuweisen.

Schon bald würde ihre süße, lebhafte Clara flügge werden und sich ihrer Zukunft widmen. Dann wäre Graciela ganz allein und würde die Wände anstarren. An einer Wiederheirat hatte sie kein Interesse. Einmal reichte.

Wann immer man sie auf ihren verstorbenen Gatten ansprach, setzte sie eine angemessen melancholische Miene auf. In den Augen der Welt hatten sie und der dahingegangene Duke of Autenberry eine überglückliche Ehe geführt. Eine Illusion, die sie für ihre Tochter aufrechterhielt. Für ihre Stiefkinder, deren Erinnerungen an den Vater sie nicht durch die Wahrheit vergiften wollte. Sie würde das, was wirklich geschehen war, für sich behalten. Die Vergangenheit blieb besser im Verborgenen. Sie hatte nichts mehr zu bedeuten.

Ohnehin war Graciela reichlich beschäftigt mit der Gegenwart und Zukunft.

Bis heute war ihr das genug gewesen. Mehr als genug.

Doch während sie hier neben Mary Rebecca saß und den Tod ihrer Freundin über sich hängen spürte wie eine dunkle Gewitterwolke, fühlte sich das, was das Leben ihr bot, plötzlich nicht mehr gut genug an.

Sie spürte eine Leere in sich. Das verzweifelte, nagende Bedürfnis nach mehr. Nach mehr Gegenwart. Und mehr Zukunft.

„Ich sollte besser aufhören zu essen, sonst passe ich nicht mehr in das sündhafte Kleid, das ich heute Abend im Sodom tragen wollte.“

Bei der Erwähnung des berüchtigten Clubs richtete Graciela sich unwillkürlich auf. Sie selbst hatte zwar noch nie einen Fuß in das skandalöse Etablissement gesetzt, war aber durch Mary Rebecca bestens im Bilde über die Vergnügungen und verderbten Wonnen, die man dort erleben konnte. Es gab dort für jeden Geschmack etwas. Heftig oder sanft. Flüchtig oder von dauerhafterer Natur. Ob Liebhaber oder Fremde, sie alle trafen sich im Sodom. Graciela musste einräumen, dass Mary Rebeccas Erzählungen sie gleichermaßen erregt wie schockiert hatten. „Du gehst ins Sodom? Heute Abend?“

Im Laufe der Jahre hatte Mary Rebecca ihre Freundin ungezählte Male dazu aufgefordert, sie in den lasterhaften Club zu begleiten, war jedoch jedes Mal abschlägig beschieden worden. Graciela hatte einmal einen Mann in ihrem Bett gehabt. Sie hatte keinerlei Bedürfnis, das Erlebnis mit einem anderen zu wiederholen.

„Nach einem Tag wie heute ist ein Besuch im Sodom ratsamer denn je. Er wird mir in Erinnerung rufen, dass ich am Leben bin.“ Mary Rebecca hob eine helle Braue. „Vielleicht könntest du ja ebenfalls so eine Erinnerung gebrauchen. Kommst du mit?“

Nicht lange nach dem Tod ihres Mannes hatte Mary Rebecca sich den ersten Liebhaber genommen. Ihre und Lord Talbots Verbindung war aus Liebe geschlossen worden. Sie war ein einfaches Mädchen vom Lande gewesen, das er kennenlernte, als er auf dem Hof ihres Vaters Irland Vollblutpferde kaufen wollte. Mary Rebecca behauptete, dass sie sich, nachdem sie einmal die Freuden des Ehebettes erleben durfte, außerstande sah, ohne die Zärtlichkeiten eines Liebhabers auszukommen.

Graciela konnte nicht behaupten, mit derlei Bedürfnisse vertraut zu sein.

Anfangs hatte sie Zuneigung für ihren Gatten empfunden, und er schien einen Narren an ihr gefressen zu haben. Obwohl deutlich älter als sie, war er ein gut aussehender Mann gewesen, doch sie hatte es nicht genossen, das Lager mit ihm zu teilen. Es war enttäuschend gewesen. Sie hatte ihn in dieser Hinsicht enttäuscht, wie er ihr noch während der Hochzeitsnacht zu verstehen gab. Angesichts deines feurigen Temperaments hätte ich erwartet, dass du im Bett etwas aufregender bist, Graciela.

Er warf ihr diese Worte an den Kopf, während er sich abrupt von ihrer Seite erhob, seinen Morgenrock überwarf und heftiger als nötig zuknotete, begleitet von einem Blick, der sie mitten ins Herz traf. Dann ließ er sie zurück. In ihrer Hochzeitsnacht. Allein in einem kalten Bett. Ein Mädchen, das nicht mehr unschuldig war und sich nach Trost sehnte. Es war die erste von vielen Nächten, in denen sie ihre eigene Enttäuschung hinunterschluckte und sich mit den Launen eines selbstsüchtigen, selbstgefälligen Ehemanns abfand.

Auf Autenberrys Enttäuschung reagierte sie mit einer inneren Anspannung und noch mehr Hemmungen – kaum die beste Voraussetzung, um sich in der Kunst des raffinierten Liebesspiels zu vervollkommnen. Sie wusste, dass ihr Mann sich anderweitig vergnügte. In den letzten Jahren ihrer Ehe hatte er mehr Zeit in fremden Betten verbracht als in ihrem. Das hatte sie zwar ein wenig verletzt, doch die Erleichterung überwog bei Weitem – was vermutlich viel über den kläglichen Zustand ihrer Beziehung aussagte.

Vielleicht war es ja endlich an der Zeit, ein neue. KAPITEL aufzuschlagen und herauszufinden, wie es mit einem anderen Mann sein könnte. Der geschlechtliche Akt konnte einfach nicht jedes Mal derartig unbefriedigend sein – warum hätten sonst so viele Menschen so ein Gewese darum gemacht?

Sie schluckte, um die plötzliche Trockenheit aus ihrem Mund zu vertreiben. „Mary Rebecca … erzähl mir ein bisschen mehr über das Sodom. Wie geht es dort zu?“ Sie hatte nie nachgehakt, es nie darauf angelegt, mehr zu erfahren als das, was Mary Rebecca ihr von sich aus mitteilte – was bereits ziemlich viel gewesen war. Doch jetzt war sie wissbegierig, bereit, etwas zu lernen. „Da hinzugehen heißt doch nicht, dass man es auch tun muss, oder?“

„Oh nein!“ Mary Rebecca winkte mit großer Geste ab. „Deine bloße Anwesenheit ist kein bindender Vertrag, schlimme Dinge tun zu müssen.“ Sie stieß ein prustendes Lachen aus. „Glaub mir, dort sind jede Menge Voyeure. Und auch Gäste, die nur trinken und Karten spielen und sich nicht an den Aktivitäten im oberen Stockwerk beteiligen.“ Sie zwinkerte anzüglich. „Was schade ist, denn dort passiert alles, was Spaß macht.“

„Hm“, murmelte Graciela unbestimmt, noch nicht bereit, sich ins Abenteuer zu stürzen.

„Du kannst einfach nur hingehen, um zu flirten und dich bewundern zu lassen … keiner sagt, dass du mit jemandem schlafen musst. Nichts ist aufregender und schmeichelhafter, als die Aufmerksamkeit eines Mannes zu fesseln. Auch wenn es nur charmantes Geplänkel ist, stärkt es das Selbstvertrauen, und du fühlst dich wunderbar … lebendig.“

Mit Schrecken wurde Graciela klar, dass sie sich seit Jahren nicht mehr wirklich lebendig gefühlt hatte. Vielleicht sogar noch nie. Schließlich war zwischen ihr und ihrem Mann nie der Funke übergesprungen, und praktisch direkt nach der Hochzeit hatte sie Schutzwälle um sich herum errichtet. Oberflächlich betrachtet, war sie eine glückliche, fügsame Gattin gewesen. Doch innerlich hatte sie sich taub und hohl gefühlt, all ihre Träume von Liebe und Leidenschaft waren der kalten Realität gewichen.

Einen Moment lang starrte sie ihre Freundin nachdenklich an. „Das stimmt“, sagte sie dann leise. „Es wäre aufregend, sich lebendig zu fühlen. Wieder lebendig“, fügte sie hastig hinzu, damit Mary Rebecca nicht merkte, wie durch und durch verödet ihr Dasein war. Die andere Frau würde sie nur bemitleiden, wenn sie wüsste, dass Gracielas Herz und Körper nicht erst nach ihrer Ehe verkümmert waren, sondern schon während ihrer Ehe. Und Mitleid wollte Graciela nicht.

„Wir können Masken tragen“, schlug Mary Rebecca vor. „Das machen viele.“

„Mit meinem Akzent? Und meinem Teint?“, Graciela schnaubte. „Jedem wird sofort klar sein, dass ich es bin.“ Mehr als eine Dame des ton hatte in ihrer Hörweite bemerkt, dass sie so dunkelhäutig sei wie eine Erntehelferin. In dieser Hinsicht gab sie sich keinerlei Illusionen hin. Sie war unverkennbar.

„Das Licht dort ist gedämpft“, erwiderte Mary Rebecca. „Und wer sagt, dass du überhaupt reden musst?“ Sie wackelte anzüglich mit den zart geschwungenen Brauen. „Du kannst andere Dinge mit deinem Mund machen. Wenn du willst.“

„Lady Talbot, Sie sind eine verdorbene Person.“ Lachend schüttelte Graciela den Kopf. „Aber was ist mit dem Geplänkel, das du erwähntest?“

„Dann rede. Unterhalte dich.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ernsthaft. Es spielt wirklich keine Rolle. Was soll’s, wenn jemand glaubt, dich zu erkennen? Ich gehe seit Jahren dorthin, und alle wissen, dass ich hinter der Maske stecke. Ich habe keinerlei unangenehmen Konsequenzen zu spüren bekommen. Meine Kinder haben nicht unter meinem Benehmen gelitten. Die Damen des ton durchbohren mich noch immer mit Blicken … wie sie es seit eh und je machen. Es ist völlig egal, was ich in meiner Freizeit tue und lasse, daran wird sich auch nie etwas ändern. Ich werde immer dieser irische Emporkömmling sein, der sich den Earl of Talbot geangelt hat. Wir sind Witwen, Ela. Wir dürfen uns deutlich mehr Spielraum erlauben.“ Sie beugte sich vor und ergriff Gracielas Rechte. „Es ist jetzt zehn Jahre her. Es ist lange überfällig, dass du dir ein wenig Vergnügen gönnst.“ Aufmunternd drückte sie ihr die Hand. „Höchste Zeit, mal ein bisschen zu leben.“

Ein bisschen zu leben.

Unwillkürlich schaute Graciela auf ihr schwarzes Trauerkleid und musste wieder an Evangeline denken, die kalt und tot in einem Sarg lag.

Sie reckte das Kinn. „Wann brechen wir auf?“

2. KAPITEL

Du legst heute Abend ein ziemliches Tempo vor, Marcus. Hast du vor, dich zu betrinken?“ Der Earl of Strickland starrte seinen langjährigen Freund über den Tisch hinweg an.

„Vielleicht“, erwiderte der Duke of Autenberry düster. „Hast du es etwa nicht vor?“

Entnervt stieß Colin die Luft aus. „Es war die Rede von Karten und Frauen. Irgendeine Chance, dass wir heute noch dazu kommen?“ Wenn Autenberry weiter in dieser Geschwindigkeit Brandy in sich hineinkippte, dann würde er zu gar nichts mehr kommen, außer mit dem Gesicht nach unten auf dem Fußboden zu landen. Und dann müsse Colin ihn aufsammeln und nach Hause tragen.

Statt zu antworten, leerte Autenberry das nächste Glas in einem Zug.

„Ist es wegen deines Bruders? Bist du immer noch wütend auf ihn?“

Verärgert funkelte Autenberry ihn an. „Halbbruder“, zischte er. „Und er ist nicht mein Bruder. Er wird niemals mein Bruder sen.“

Langsam nickte Colin. Wütend war vermutlich noch untertrieben.

„Ich bin nicht wütend“, fügte Autenberry hinzu. „Ich müsste erst einen verdammten Pfifferling auf ihn geben, um so was wie Wut zu empfinden.“ Er fuhr mit den Fingerspitzen um den Rand seines Glases. „Ich empfinde absolut nichts für diesen schottischen Bastard. Struan Mackenzie ist Luft für mich.“ Nach dieser Verkündung presste er die Lippen zu einer harten Linie zusammen.

Colin glaubte ihm keine Sekunde, behielt dies aber für sich.

Autenberrys unehelicher Halbbruder hatte die ganze restliche Familie für sich eingenommen, und an Autenberrys diesbezüglichen Gefühlen konnte kein Zweifel bestehen, egal, was er behauptete.

Struan Mackenzie hatte sogar Poppy Fairchurch gewonnen – und seinem Halbbruder das verführerische kleine Ladenmädchen direkt unter der Nase weggeschnappt. Dabei spielte es absolut keine Rolle, dass Autenberry sich seiner vorgeblichen Verbindung zu dem Mädchen gar nicht bewusst gewesen war, da er zu jenem Zeitpunkt im Koma lag. Poppy war jetzt mit Struan Mackenzie verheiratet, und diese Tatsache ging Autenberry gründlich gegen den Strich.

„Na schön. Du bist nicht wütend. Bloß missmutig und ein Spaßverderber.“ Colin seufzte kapitulierend und schaute sich suchend im Raum um. Es gab schließlich keinen Grund, wegen Autenberrys übler Laune den ganzen Abend abzuschreiben.

Obwohl die meisten Mitglieder des ton sich über den Winter aufs Land zurückgezogen hatten, war das Sodom heute gut besucht. Verschiedene leicht bekleidete Damen, die offensichtlich keinen Gedanken an die draußen herrschende eisige Kälte verschwendeten, zogen ihre Kreise. Manche waren maskiert, andere zeigten ihr Gesicht. Bei so vielen unterschiedlichen Frauen war wirklich für jeden Geschmack etwas dabei, um selbst den mürrischsten Mann von seinen bitteren Grübeleien abzulenken.

„Du magst doch Rothaarige“, sagte Colin, der sich vorkam wie ein Erwachsener, der versuchte, ein Kind dazu zu überreden, sein Abendbrot zu essen. „Wie wäre es denn mit der da drüben?“ Er deutete mit dem Kopf auf eine potenzielle Gespielin, die sich gerade mit einladendem Hüftschwung über die breite Prunktreppe zu den privaten Räumen im Obergeschoss begab.

Autenberry zuckte mit den Schultern, offensichtlich nicht in Versuchung geführt.

„Sollten wir dann nicht besser nach oben gehen?“, drängte Colin, in der Hoffnung, seinen Freund von der Flasche wegzulocken. „Vielleicht finden wir ja dort etwas, das dich interessiert.“ Seit Autenberry aus dem Koma erwacht war, hatte er einen guten Teil seiner Zeit im Vollrausch verbrachte. Colin hoffte, ihn von dieser Gewohnheit abzubringen.

„Geh schon mal vor. Ich komme nach, sobald ich ausgetrunken habe.“

Seufzend erhob sich Colin. Er bezweifelte, dass Autenberry sich tatsächlich von der Stelle rühren würde, bevor er seinen Verstand in Brandy ertränkt hatte.

Kopfschüttelnd ließ er ihn vor seinem Glas sitzen, nicht länger willens, mit anzusehen, wie sein Freund immer tiefer in dem dunklen Morast versank, der ihn umfangen hielt.

Er wusste, dass die Begegnung mit dem eigenen Tod nicht spurlos an jemandem vorbeiging. Autenberry war gerade aus einem lebensbedrohlichen Koma erwacht und hatte seine Welt völlig verändert vorgefunden. Eine solche Erfahrung konnte einen Mann in seinen Grundfesten erschüttern. Colin würde ihm den Freiraum geben, sich wieder einzukriegen. Zumal er heute Abend selbst von etlichen Dämonen verfolgt wurde.

Colin hatte seiner Großmutter versprochen, sich in dieser Saison zu verloben.

Die alte Schachtel hatte ihn fast sein ganzes Leben lang ignoriert, jedoch kürzlich zu sich beordert, um ihn darüber zu informieren, dass er der Familie einen Erben und einen Ersatzerben schuldig war. Dagegen ließ sich nicht wirklich etwas sagen. Es war an der Zeit. Er war jetzt neunundzwanzig.

Damit näherten sich seine unbeschwerten Junggesellentage rapide dem Ende. Er hatte stets vorgehabt, sein Ehegelübde zu halten, das hieß, Nächte wie diese, in denen er die Freiheit hatte, sich mit willigen Frauen zu vergnügen, würde es nicht mehr lange geben. Natürlich hatte er, als er diesen Vorsatz fasste, gehofft, seiner künftigen Frau so viel Zuneigung entgegenzubringen, dass es ihm nicht schwerfallen würde, seinem Ehegelübde zu entsprechen. Doch bislang war ihm keine Debütantin untergekommen, die derlei Gefühle in ihm ausgelöst hätte. Er konnte nicht mal behaupten, ein spezielles Mädchen mehr als andere zu mögen. Allerdings hatte er auch nicht viel Zeit damit verbracht, sich in den entsprechenden Salons und Cliquen umzutun und auch die Bälle des ton nach Möglichkeit gemieden, um kuppelwütigen Mamas aus dem Weg zu gehen. Stattdessen trieb er sich in Spielhöllen oder Clubs wie dem Sodom herum.

Doch nun war es definitiv höchste Zeit, sich mit heiratswilligen jungen Damen zu beschäftigen. Oder zumindest den Weisungen seiner Großmutter zu folgen, die sich in solchen Dingen besser auskannte und ihm bereits eine Liste von Debütantinnen geschickt hatte, die ihren persönlichen Auswahlkriterien entsprachen. Alle hatten einen makellosen Stammbaum und gebärfreudige Becken. Letzteres war, wie er nun wusste, von allergrößter Wichtigkeit für seine Großmutter.

Colins Mutter war bei seiner Geburt gestorben, was seine Großmutter auf mangelndes Durchhaltevermögen zurückführte. Umhüllt von zahllosen Pashmina-Schals und umgeben von ihren Katzen hatte die alte Dame auf dem Sofa gekauert, einen knorrigen Zeigefinger auf ihn gerichtet und seine verstorbene Mutter als zerbrechlich und zu schwächlich fürs Kinderkriegen kritisiert.

Dein Vater hätte eine kräftigere Frau heiraten sollen. Eine, die nicht so schnell dahinschwindet. Stattdessen war er ein Narr, geblendet von Schönheit. Das wird dir nicht passieren, Junge, dafür sorge ich. Du wirst klüger wählen als mein Charles und dir eine stattliche, gebärfreudige junge Braut suchen.

Sie sprach von seiner künftigen Braut wie von einer preiswürdigen Zuchtsau, doch Colin verwahrte sich nicht dagegen. Mit ihren neunundsiebzig Lenzen würde seine Großmutter ihre Einstellung ohnehin nicht mehr ändern.

Er war noch recht klein gewesen als sein Vater starb, erinnerte sich aber an den riesigen Schatten eines hochgewachsenen Mannes, der hin und wieder ins Kinderzimmer eindrang, ein Glas in der Hand, und mit rotgeränderten Augen auf seinen Sohn herabstarrte. Du siehst genau wie sie aus, Junge. Und sich dann, als könnte er den Anblick nicht länger ertragen, abrupt abwandte und Colin mit dem Kindermädchen allein ließ.

Damit erschöpften sich die Erinnerungen an seinen Erzeuger. Das Hinscheiden des Earls war eine kaum wahrnehmbare Unterbrechung des Alltags gewesen. Eines Morgens hatte die Haushälterin ihm mitgeteilt, dass sein Vater tot war und sich im nächsten Atemzug erkundigt, ob er seinen Haferbrei mit Honig essen wollte.

Danach hatte Colins Leben den üblichen einsamen Verlauf genommen, bis er aufs Internat kam und dort Autenberry kennenlernte, dessen Angehörige zu einer Art Ersatzfamilie für ihn wurden. Plötzlich war er nicht mehr so allein gewesen.

Obwohl er praktisch über keinerlei familiäre Bindungen verfügte, fühlte er die Verpflichtung, die Linie der Stricklands fortzusetzen. Oder vielleicht gerade deswegen. Weil er sich diese Bindungen wünschte. Ein eigenes Rudel, einen Clan, der zu ihm gehörte … Er wollte Kinder, wollte die Familie, die er nie gehabt hatte. Den größten Teil seines Lebens hatte er damit verbracht, sich den Autenberrys aufzudrängen. In jeder schulfreien Minute war er bei ihnen zu finden. Das war besser, als die Zeit im verlassenen Internat totzuschlagen oder in seinem leeren Mausoleum, wo nur die Dienstboten ihm Gesellschaft leisteten.

Aber es würde nicht mehr leer sein, sobald er verheiratet war und das Anwesen mit den Früchten seiner Lenden bevölkerte. Diese Vorstellung gab ihm Trost und rührte an die geheime Sehnsucht in seinem Herzen. Er wollte ein halbes Dutzend Kinder haben, mindestens. Der Gedanke entlockte ihm ein belustigtes Schnauben. Seine Großmutter wäre begeistert, von solchen Plänen zu hören. Nun musste er nur noch das Mädchen finden, dass ihm all diese Nachkommen schenkte.

Aber nicht jetzt. Heute Abend würde er keine einzige Sekunde mehr damit verschwenden, ans Heiraten oder Erbenzeugen zu denken.

Er ging die Treppe hoch. In der zweiten Etage war es stiller, dunkler – mehr Schatten als Licht, genau die Umgebung, die zur Fleischeslust ermutigte. Im Laufe der Jahre hatte Colin hier im Sodom so manche intime Begegnung genossen. Dieser Abend schien ihm perfekt zu sein für eine weitere.

Blinzelnd, um seine Augen an das schwache Licht zu gewöhnen, schlenderte er den Flur entlang, vorbei an geöffneten Türen, hinter denen sich alle Arten von verbotenen Aktivitäten abspielten. In einige der Räume steckte er den Kopf, um sich suchend umzuschauen. Vielleicht entdeckte er ja die Rothaarige und konnte sie dazu überreden, Autenberry von seinem Brandy wegzulocken.

Und dann sah er sie.

Es war ihre vollkommene Bewegungslosigkeit in einem Zimmer voller Stimmengewirr, Gelächter und körperlicher Annäherungen, die seinen Blick bannte.

Er trat ein. Lampen mit roten Schirmen verbreiteten einen feurigen Schein, der dem geräumigen Salon eine fremdartige, exotische Atmosphäre verlieh. Fast hätte man vergessen können, dass man sich mitten in London befand und nicht in einer dekadenten Lasterhöhle irgendwo am Mittelmeer.

Der Raum war mit Sorgfalt ausgestattet worden. In jeder Ecke und auch an den Wänden entlang gab es Nischen, die jenen, die das Bedürfnis danach verspürten, Privatsphäre gewährten. Hinter den vorgezogenen Vorhängen hörte man gedämpfte Schreie und Stöhnen.

Colin musterte die Frau am anderen Ende des rosig illuminierten Salons. Sie war allein, was sie aus der Menge hervorhob. Wie viele der anwesenden Damen trug sie eine Domino-Maske. Der tiefe Ausschnitt ihres dunkelroten Gewands enthüllte ein recht gewagtes, aber nicht schockierend entblößtes Dekolleté. Für dieses Etablissement war sie geradezu sittsam gekleidet.

Er ging weiter in den Raum hinein, vorbei an Sofas, auf denen sich diverse Personen küssten und liebkosten. Die Luft summte förmlich vor Gelächter und Geplapper. Tief atmete Colin ein, den Duft von Verlangen und Sex und entfesselten Begierden.

Auf einer Polsterbank versenkte ein Mann seine rechte Hand unter die Röcke einer Dame und bescherte seiner Gefährtin lustvolle Ekstase. Ein paar Leute schauten den beiden angeregt zu. Ein Gentleman öffnete seine Hose und massierte seinen harten Schaft, während die Frau immer lauter keuchte und ihre Röcke weiter nach oben zerrte, damit ihr Liebhaber seine Finger tiefer und schneller in ihr bewegen konnte.

Derlei Szenarien waren Colin nicht fremd, er hatte so etwas schon zuvor gesehen, sich aber nie lange dabei aufgehalten. Er widmete sich lieber in intimer Zweisamkeit den körperlichen Freuden. Für Voyeure, die sich auf seine oder die Kosten seiner Partnerin erregten, hatte er nichts übrig. Wenn Colin mit einer Frau zusammen war, wollte er nicht abgelenkt werden.

Normalerweise hätte er sich spätestens jetzt zurückgezogen, um seine eigenen Angelegenheiten zu verfolgen, aber die einsame Frau in der Ecke hatte ihn neugierig gemacht. Sie erinnerte ihn an ein furchtsames Kaninchen, das unter dem Blick eines Raubtiers erstarrt war. Ein schiefes Lächeln zuckte um seinen Mund. Falls der Vergleich zutraf, dann hatte sie sich gerade in einen ganzen Raum voller Raubtiere gewagt.

Ihre Wangen glühten hochrot. Sie war eindeutig neu in dieser Umgebung. Diese Erkenntnis weckte eine seltsame Emotion in ihm. War es Mitleid? Beschützerinstinkt? Jedenfalls verspürte er plötzlich den verrückten Drang, sie zu packen und in eine Kutsche zu werfen, bevor die Wölfe sie umzingelten.

Kopfschüttelnd wandte er sich zum Gehen. Sie war eine erwachsene Frau, die offensichtlich wusste, wo sie sich befand und was sie hier erwartete. Niemand kam ins Sodom, ohne zumindest eine Ahnung zu haben, was die Menschen hier trieben. Diese Dame wollte nicht gerettet werden, egal wie tief sie errötete.

Dann bemerkte er die beiden Männer, die sich ihr näherten. Die Botsams waren Brüder, nur ein Jahr auseinander, Enkel des verstorbenen Erzbischofs von Canterbury – und stadtbekannt für ihre verdorbenen Neigungen. Zugegeben, eine Ironie des Schicksals. Kein anständiger Mann ließ seine Tochter oder Schwester auch nur in die Nähe der beiden Schurken.

Da Colin mit ihnen in Eton gewesen war, hatte er reichlich Gelegenheit gehabt, ihr fragwürdiges Verhalten aus erster Hand zu beobachten. Die Botsams waren grausame Jungen gewesen, die zum Spaß Vögel zerquetschten oder streunende Katzen quälten. Einmal erwischten er und Autenberry sie mit der Tochter des Hausmeisters. Sie hatten ihr alle Kleider vom Leib gerissen und waren gerade dabei, das Mädchen abwechselnd zu schänden. Es war ihm und Autenberry gelungen, den Brüdern Einhalt zu gebieten, aber nicht ohne Kampf. Bis heute konnte Colin eine Narbe über der linken Braue aufweisen, wo einer der beiden mit einem Stein zugeschlagen hatte.

Wie man hörte, war ihr Benehmen in der Zwischenzeit nicht besser geworden. Sie waren noch immer widerliche Mistkerle, die er seinem ärgsten Feind nicht an den Hals wünschte.

Etwas zog sich in seiner Brust zusammen, als er sah, wie zielsicher sie auf die Frau zustrebten. Selbst durch die Maske hindurch erkannte er, wie ihre Augen sich weiteten, während sie immer weiter zurückwich, auf einen leeren Alkoven zu.

Leise fluchend verfolgte Colin das Geschehen und beschwor die Frau stumm, sich nicht von den Männern hinter den Vorhang drängen zu lassen, wo keiner sie sehen könnte und es ein Leichtes wäre, ihre Schreie zu unterdrücken.

Als alle drei in der dunklen Nische verschwanden, ballten sich seine Hände unwillkürlich zu Fäusten. Vermutlich war seine Reaktion übertrieben. Schließlich waren sie hier im Sodom.

„Großer Gott“, murmelte er und eilte vorwärts.

3. KAPITEL

Eben noch hatte sie offenen Mundes auf das unanständigste Szenario gestarrt, das ihr je untergekommen war, und sich gefragt, wohin Mary Rebecca wohl verschwunden war und wie sie selbst sich möglichst unauffällig aus dem Staub machen könnte. Und dann standen plötzlich zwei Männer vor ihr, mit schmutzigen, verdorbenen Vorschlägen, bei denen ihre Ohren glühten und sich ihr der Magen verkrampfte.

„Was machen Sie da? Lassen Sie mich los.“ Ihre keuchenden Worte und abwehrenden Hände ignorierend, stießen die Männer sie rücklings auf ein dick gepolstertes Sofa.

Sie bewegten sich im Einklang, als hätten sie so etwas schon ungezählte Male getan. Als wäre sie eine Stoffpuppe, die man gedankenlos und ohne Rücksicht herumwerfen konnte, drehten grobe Hände Graciela um und drückten sie mit dem Gesicht nach unten in die Kissen. Und dann spürte sie, wie ihre Röcke nach oben geschoben wurden.

„Aufhören!“, rief sie erstickt und griff hinter sich, um die aufdringlich grapschenden Hände zu packen. Ihr hochhackiger Schuh traf auf irgendetwas, Schmerz durchzuckte ihr Bein, und einer der Männer fluchte.

Der andere lachte. „Sie ist eine Kämpfernatur. So was hatten wir lange nicht mehr. Das wird ein Spaß.“

„Du willst also kämpfen, was?“ Harte Finger krallten sich in ihre Haare und hielten ihren Kopf so kraftvoll unten, dass ihr der Nacken schrecklich wehtat. Dutzende Nadeln lösten sich aus ihrer Frisur und rieselten um sie herum aufs Polster. „Nur zu. Kämpf mit uns. Das mögen wir.“

Das konnte doch nicht wahr sein!

Sie hatte nur ausgehen wollen, einen Abend lang, um ein wenig zu leben. Um sich lebendig zu fühlen und nicht wie ihre arme Freundin, die tot in einer Holzkiste lag. Und nun passierte das hier, und sie wünschte sich nichts sehnlicher als die Sicherheit ihres Zuhauses. Wie gern hätte sie jetzt mit Clara und Enid vor dem knisternden Feuer in ihrem Salon gesessen! Nur nicht das hier. Alles, bloß nicht das. Die Aufregung und der Nervenkitzel, nach denen sie gesucht hatte, existierten offenbar nicht. Nicht für sie.

Verzweifelt wehrte sie sich gegen den stahlharten Griff, und plötzlich löste sich der Druck gegen ihren Hinterkopf. Hastig drehte sie sich auf die Seite und schaute hinter sich. Sie sah, wie ein dritter Mann einen ihrer Angreifer von ihr wegzerrte, so heftig, dass der Kerl das Gleichgewicht verlor und zu Boden fiel. Der Neuankömmling, ein schattiger Umriss in dem dunklen Alkoven, stellte einen Fuß auf den Nacken des hingestreckten Gegners und packte den anderen Wüstling am Halstuch.

Wie erstarrt verfolgte sie das Geschehen vom Sofa aus. Nie zuvor war sie Zeugin einer derart brutalen Szene geworden.

„Botsam, du und dein Bruder, ihr habt doch gewiss mitbekommen, dass die Dame keinen Wert auf eure Gesellschaft legt. Aber ich bin sicher, dass ihr anderswo mehr Zuspruch für eure Aufmerksamkeiten findet. Immerhin sind wir hier im Sodom … und über Geschmack lässt sich nicht streiten.“

„Deine Einmischerei wird langsam zur lästigen Gewohnheit, Strickland. Erst Eton und jetzt hier? Verfolgst du uns vielleicht?“

Strickland?

Beim Klang des vertrauten Namens verspürte sie Erleichterung. Sie war in Sicherheit, dass wusste sie nun, auch wenn es natürlich äußerst bedauerlich war, von Lord Strickland in einer so würdelosen Lage angetroffen zu werden. Der Earl würde niemals zulassen, dass man einer Dame zu nahe trat. Der Freund ihres Stiefsohns war ein Ehrenmann durch und durch.

„Wenn ich mich recht erinnere, habt ihr für eure Verfehlung in Eton eine mächtige Tracht Prügel bezogen“, sagte Lord Strickland. „Hast du Lust auf einen Nachschlag, Botsam?“

„Diesmal bist du allein, jedenfalls sehe ich nichts von Autenberry. Es dürfte dir schwerfallen, uns ohne Hilfe deines Freundes zu verprügeln. Einer gegen zwei ist nicht die beste Voraussetzung.“

„Oh, Autenberry ist ganz in der Nähe. Ich bin sicher, er wäre gern bereit, es euch wertlosen Schweinen ein weiteres Mal zu zeigen.“

Panik stieg in ihr auf, und das Herz schlug ihr bis zum Hals. Ihr Stiefsohn war hier?

Oh nein.

Er durfte sie hier nicht sehen.

„Aber ich brauche ihn heute gar nicht“, fuhr der Earl fort. „Ich habe die Situation vollkommen unter Kontrolle.“ Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, bohrte er seine Stiefelspitze tiefer in den Hals des am Boden liegenden Mannes. Der Gepeinigte schrie auf und wimmerte dann leise.

„Ihr wollt hier doch bestimmt keinen Ärger provozieren, oder? Mrs. Bancroft duldet bekanntlich keinerlei Gewalt in ihrem Etablissement, und ihr habt gewiss kein Interesse daran, dass sie euch die Mitgliedschaft für diesen Club entzieht. Und zwar für immer.“

Schweigen folgte den Worten des Earls, der sein Gegenüber weiter unverwandt anstarrte. Graciela wagte kaum zu atmen. Bang legte sie sich eine Hand an die Kehle und versuchte, den stummen Austausch der Männer zu dechiffrieren.

Endlich räusperte Botsam sich. „Wie du richtig bemerktest, gibt es hier entgegenkommendere Frauen“, erklärte er spöttisch. „Wir überlassen diese hier also deinen freundlichen Bemühungen.“

Strickland ließ das Halstuch des anderen los. „Weise Entscheidung.“

Während Botsam sein zerknittertes Halstuch zurechtzupfte, bedachte er Graciela mit einem Blick, bei dem sie sich plötzlich wie Dreck fühlte. „Ich habe ohnehin nicht viel für dunkles Fleisch übrig.“

Unwillkürlich schnappte sie nach Luft. Es war nicht das erste Mal, dass sie eine abfällige, anzügliche Bemerkung über ihre äußere Erscheinung hörte. Ihre dunklen Haare und Augen und ihr leicht getönter Teint bildeten einen auffälligen Kontrast zu anderen englischen Damen. Manche Männer fanden sie attraktiv – wie vor langer Zeit ihr verstorbener Ehemann. Andere hingegen betrachteten sie mit kaum verhohlenem Abscheu.

„Du kannst sie haben, Strickland“, sprach Botsam weiter und deutete mit einer lässigen Handbewegung auf den Mann am Boden. „Wärst du vielleicht so nett, meinen Bruder freizugeben?“

Colin überlegte eine Weile, als müsste er sich die Frage erst durch den Kopf gehen lassen. „Wenn ich jemals wieder mitkriege, dass ihr eine Dame misshandelt, wird es kein nächsten Mal geben“, verkündete er dann und hob seinen Fuß. Hastig rappelte der hingestreckte Botsam-Bruder sich auf, umklammerte seinen schmerzenden Hals und funkelte Strickland finster an, bevor er sich eiligst davonmachte.

Nachdem sein Bruder ihm langsameren Schrittes gefolgt war, befanden sie sich allein in dem Alkoven.

Erst jetzt wurde sie sich den Rauschens in ihren Ohren bewusst. Ihr Herz flatterte wild, wie eine verzweifelt auf Flucht bedachte Taube. Ohne nachzudenken sprang sie auf und warf sich ihrem Retter an den Hals, krallte eine Hand förmlich in seine Schulter, während die andere auf seiner Brust zu liegen kam, gefangen zwischen ihren beiden Körpern. Er war ein vertrauter Fels in der dunklen Brandung, in die sie geraten war.

Überrascht verspannte er sich. Sie öffnete den Mund, um ihrer Dankbarkeit und Erleichterung über sein Eingreifen im furchterregendsten Moment ihres Lebens Ausdruck zu verleihen – doch dann hörte sie seine Stimme, spürte, wie sie in seiner Brust vibrierte.

„Keine Ursache, Miss …“

Abrupt schloss sie den Mund wieder.

Ihr Gedanken überschlugen sich.

Er hatte sie nicht erkannt. Natürlich nicht. Sie war maskiert. Es war dunkel. Sie hatte noch nichts gesagt.

Diese Erkenntnis wurde von einer anderen Art Erleichterung begleitet, zwar komplizierter, aber dennoch eine Erleichterung. Sobald sie das Wort ergriff, würde er sie identifizieren. Also war offensichtlich, dass sie nicht sprechen sollte. Sie durfte nichts sagen, dann bestand die Möglichkeit, dieser Situation zu entkommen, ohne dass Lord Strickland oder ihr Stiefsohn jemals etwas von dem Fehler erfuhren, den sie gemacht hatte, indem sie hiergekommen war.

Sie trat einen Schritt zurück und biss sich auf die Unterlippe, als könnte sie sich so am Reden hindern. Noch immer lagen ihre leicht zitternden Finger an seiner festen, kräftigen Brust, die breiter zu sein schien als ihr bislang aufgefallen war.

Als sie aufblickte, fühlte sie sich förmlich umfangen von seinen Augen. Er hatte wunderschöne Augen. Sie entzog sich ihrem Bann und schaute über seine Schulter, halb befürchtend, dass ihr Stiefsohn plötzlich auftauchen könnte.

„Sie kommen nicht zurück“, versicherte Colin, ihre Beklommenheit missverstehend, und drückte ihr beruhigend die Schulter.

Ihr Blick kehrte zu seinem Gesicht zurück. Er glaubte, dass sie nach seinem tapferen Eingreifen noch immer Angst vor den Botsam-Brüdern hätte? Fast unmerklich schüttelte sie den Kopf. Sie fürchtete etwas ganz anderes, diese Angst würde sich erst legen, wenn sie wieder sicher in ihrer Residenz am anderen Ende der Stadt war.

Seine silbrigen Augen leuchteten förmlich im Dämmerlicht. Ihr waren diese Augen schon immer außergewöhnlich vorgekommen, und mehr als einmal hatte sie sich vorgestellt, dass er damit mehr sah als andere … dass er alles durchschauen konnte.

Ihr Stiefsohn war impulsiv, sogar hitzköpfig. Im Laufe der Jahre hatte er ihr des Öfteren Sorgen bereitet. Sie hatte Colin immer als mäßigenden Einfluss betrachtet. Vernünftig und umsichtig und besonnen. Ein guter Freund für Marcus. Genau die Sorte Freund, die er brauchte. Heute Abend war er sogar ihr ein Freund gewesen, hatte sich für sie eingesetzt und sie gerettet – und dass, obwohl sie für ihn, soweit er wusste, eine Fremde war.

„Kommen Sie.“ Er tätschelte ihr leicht die Schulter. „Ich bringe Sie von hier weg.“