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»Sinnliches Wissen ist ein forschendes, herausforderndes und fantasievolles Buch, das es wagt, den Schwarzen Feminismus als das Prisma zu positionieren, durch das wir die Welt besser erleben und verstehen können.« Bernardine Evaristo In ihrem inspirierenden und ermutigenden Essay lehnt Minna Salami eine Opferhaltung ab und zeigt jenseits von Essenzialisierungen, welche ungeheure Wirkung in afrikanischen und weiblichen Sichtweisen auf die Welt verborgen liegt. Persönlich und global, analytisch und poetisch, kämpferisch und voller Emphase eröffnet sie eine Schwarze feministischePerspektive für alle, die durch ihre Nähe zu Spiritualität und eine andere Art der Naturbeziehung auch progressive, westliche Positionen herausfordert. Denn Gleichberechtigung kann nicht darin bestehen, dass Frauen sich Männern, Schwarze sich Weißen angleichen. In ihrem Nachdenken über Befreiung, Dekolonisierung, Identität, Blackness und Schwesternschaft, das sich aus vielfältigen und auch unvermuteten Quellen speist, erweitert Minna Salami nicht nur unsere eingeschränkte Sicht auf die Welt, sondern preist auch das Glück, eine Frau zu sein, eine Schwarze Frau, die für nichts weniger als die Befreiung aller Menschen kämpft.
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Seitenzahl: 303
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Minna Salami
Sinnliches Wissen
Eine schwarze feministischePerspektive für alle
Aus dem Englischen vonYasemin Dinçer
Für meine Mutter und meinen Vater
Vorwort
Vom Wissen
Von der Befreiung
Von der Dekolonisierung
Von der Identität
Vom Schwarzsein
Vom Frausein
Von der Schwesternschaft
Von der Macht
Von der Schönheit
Anmerkungen
Literatur
Danksagung
Poesie ist der Ort der Transzendenz.
BELL HOOKS
In einer weit entfernten Zeit lebte einmal ein Entdecker, der die Legende von einem nahe gelegenen Berg vernahm, auf dem ein solch riesiger Reichtum der Natur zu finden sei, dass er seine Stadt zur wohlhabendsten der Welt machen könnte. Unter dem Beifall der Stadtbewohner:innen machte er sich auf die Suche nach dem Berg, kehrte jedoch Monate später mit der enttäuschenden Nachricht zurück, er habe den Berg zwar gefunden, dieser sei jedoch unfruchtbar.
Der Berg geriet schließlich in Vergessenheit. Nur eine einzige Person wurde das Gefühl nicht los, dass an der Legende etwas dran sein müsse, und verließ selbst die Stadt auf der Suche nach dem legendären Berg. Als diese zweite Entdeckerin zurückkehrte, verblüffte sie alle mit ihrem Bericht, der Berg sei in der Tat bedeckt von üppiger Vegetation, hoch aufragenden Bäumen und mindestens einigen Hundert Pflanzenarten.
Verwirrt begannen die Menschen in der Stadt, einander zu beschuldigen. Sie bezichtigten den ersten Entdecker der Verschwörung mit benachbarten Städten. Auch die Integrität der zweiten Entdeckerin wurde infrage gestellt. Allerdings sagten beide Entdecker:innen die Wahrheit, sie hatten den Berg lediglich von verschiedenen Seiten gesehen.
Als schwarze* Frau afrikanischer Herkunft, die in der weiß und männlich dominierten Welt der Ideen arbeitet, bin ich wie die zweite Entdeckerin, die die andere Seite des metaphorischen Bergs erkundet hat. Wenn die universellen Konzepte – Wissen, Macht, Schönheit – in diesem Buch für den Berg stehen, habe ich aus der Perspektive der zweiten Entdeckerin über sie geschrieben, in diesem Fall aus einem afrikazentrierten schwarzen feministischen Blickwinkel anstelle der eurozentrischen und patriarchalischen Perspektive – die ich im Verlauf dieses Buchs als europatriarchalisch bezeichnen werde –, aus der wir sie zu betrachten gewohnt sind.
Aus einer afrikazentrierten schwarzen feministischen Perspektive schreibe ich allerdings nicht vorrangig, weil ich die europatriarchalische Sicht bekämpfen will. Mein Ziel besteht nicht darin, den ersten Entdecker davon zu überzeugen, dass er in Bezug auf den Berg im Unrecht ist. Das würde nur wieder ihn ins Zentrum der Geschichte stellen. Stattdessen geht es mir um die verborgene Geschichte der zweiten Entdeckerin und darum, ihre Welt ins Zentrum zu rücken.
Ich betone das Wort verborgen, da ich mit Sinnliches Wissen auch keine »neue« oder »alternative« Perspektive zur europatriarchalischen liefern möchte. Damit läge der Fokus erneut auf dem Weißsein und der Männlichkeit, da es implizierte, diese seien die Achse, um die sich alles andere drehen müsse. Mein Schwarzsein und meine Weiblichkeit sind für mich keine »neuen« oder »alternativen« Blickwinkel. Was Race und Gender angeht, sind es die einzigen Blickwinkel, die ich kenne.
Überdies sind das Schwarzsein und das Frausein zwar Eigenschaften, die mich Unterdrückung und Vorurteile wesenhaft verstehen lassen, aber sie bringen mich nicht automatisch in die Lage eines Opfers, so wie auch nicht jede weiß und männlich geborene Person automatisch ein Unterdrücker ist.
Ethnizität, Gender und Race sind Zufallsfaktoren, die allerdings aufgrund der Narrative, die unsere Gesellschaft formen, maßgeblich beeinflussen, wie wir die Welt sehen und wie die Welt uns sieht.
Ich möchte das Verständnis dafür, wie die Realität mit diesen Narrativen verbunden ist, nicht gegen die Illusion eintauschen, ich würde in einer farbenblinden, postfeministischen, postrassistischen und meritokratischen Fantasiewelt leben. Die unersetzliche Toni Morrison schrieb einst über die Naivität, die weißen Frauen historisch betrachtet gestattet wurde, weil Frauen mit anderem ethnischen Hintergrund sich um sie kümmerten: »Schwarze Frauen haben sich weißen Frauen gegenüber schon immer überlegen gefühlt. Nicht überlegen, was ihre Race angeht, sondern was ihre Fähigkeit angeht, gesund in der Welt zu funktionieren.«1
Mit dieser provokativen Aussage meinte sie, dass das Leben als schwarze Frau zwar eine Herausforderung sein kann, eine schwarze Frau zu sein aber dennoch ein Segen ist, nicht zuletzt, weil es das Risiko einer naiven und ambivalenten Haltung gegenüber der Realität verringert.
Wichtig an der verborgenen Perspektive der Entdeckerin ist also, dass sie das eindimensionale Denken unterbricht und zu einem lebendigeren Verständnis der Welt beiträgt. Schwarze Feministinnen haben von jeher betont, feministische Diskurse müssten antikapitalistisch und antiimperialistisch sein, da der Kapitalismus ein profitzentriertes System und der Imperialismus das Instrument ist, mit dem die Sucht nach Wachstum und Profit befriedigt wird. Es hat keinen Zweck, »das Patriarchat zu zerschlagen«, wie es viele westliche Feminismen von sich behaupten, ohne auch den Imperialismus und den Kapitalismus zu bekämpfen. Schließlich liegen in der europäischen Erde keine Diamanten. In den USA gibt es kein Coltan. Die Ressourcen, die die westlichen Patriarchate stärken, werden größtenteils auf eine unethische Weise aus dem Globalen Süden beschafft.
Grundsätzlich hat die patriarchalische Herrschaft ihre Systeme der Unterdrückung auch nach dem Vorbild der Zerstörung der Umwelt gestaltet. Im 21. Jahrhundert müssen wir dringend eine Sichtweise auf den Feminismus entwickeln, in der dieser die Menschheit und die Natur als in einer wechselwirksamen Beziehung lebend umfasst.
Die westliche feministische Bewegung ist allerdings kein Monolith, und Sinnliches Wissen ist inspiriert von der internationalen Frauenbewegung mit ihren Figuren wie der sozialistischen Revolutionärin Rosa Luxemburg, der Ökofeministin Maria Mies und den vielen westlichen Aktivistinnengruppen von den Suffragetten über die Women’s Liberation bis hin zu MeToo.
Sinnliches Wissen ist zwar im schwarzen Feminismus verwurzelt, äußert sich aber zur allgemeinen Unzufriedenheit der Gegenwart und ist für alle relevant, die glauben, dass die derzeitigen europatriarchalischen Herrschaftssysteme toxisch sind und wir Paradigmen entwickeln müssen, die stattdessen belebend wirken.
Ideen, die für den menschlichen Geist zentral sind, aus einer afrikazentrierten schwarzen feministischen Sicht neu zu denken, bedeutet nicht, zu essenzialisieren, wie afrikanische, schwarze oder weibliche Identitäten durch ein europatriarchalisches Wertesystem »verandert« wurden. Stattdessen bedeutet es, die Subjektivität in diesen Identitäten zutage zu fördern, denn wenn sie auch konstruiert sein mögen, so prägen sie doch unser Leben. Daher ist es wichtig, eine Sprache und ein Wissen zu entwickeln, die für und nicht gegen jene arbeiten, die von den Privilegien des Status quo ausgeschlossen sind.
Wir sprechen häufig von Wissen, als wäre es ein neutraler Begriff – als wäre die männliche Perspektive auf Schönheit übereinstimmend mit der weiblichen Perspektive. Oder als könnte Macht für schwarze Menschen als Gruppe tatsächlich dasselbe meinen wie für weiße Menschen als Gruppe. Und natürlich ist Wissen an sich weder weiblich noch männlich, schwarz oder weiß. Aber weil wir die Wissensproduktion typischerweise mit einer weißen und männlichen Voreingenommenheit interpretieren, haben Frauen und Männer und Menschen verschiedener Races und Ethnizitäten jeweils unterschiedliche Beziehungen dazu. Um noch einmal Morrison zu zitieren: »Eines der Mittel zur Gestaltung von Wissen ist die Erzählung.«2
Das Narrativ, durch das wir das Wissen betrachten, ist sowohl der Samen als auch die Frucht der Kultur, die es produziert. Um nahrhafte Früchte zu produzieren, müssen wir eine vortreffliche Saat aussäen.
Und doch versuchen wir typischerweise, eine reichere Ernte zu erzeugen, indem wir dasselbe alte Unkraut verwenden. Wir drängen dem Leben von Frauen männliche Normen auf und jeder Gesellschaft den amerikanischen Traum. Wir erziehen Mädchen dazu, mehr wie Männer zu werden, wenn sie groß sind, nicht aber Jungen dazu, mehr wie Frauen zu werden. Wir müssen uns fragen, weshalb das Frausein trotz aller feministischen Arbeit noch immer so stark abgewertet wird. Wieso ärgert es Frauen bis heute, wenn ihnen jemand (meistens ein Mann) sagt, sie verhielten sich wie Frauen? Und umgekehrt, warum sind sie stolz darauf, wenn ihnen jemand sagt, sie verhielten sich »wie Männer«? Wer anstrebt, wie Männer zu werden und den Vorstellungen von Männlichkeit zu entsprechen, legt die Messlatte ehrlich gesagt ziemlich niedrig. Männer sind ebenso versklavt von der Gesellschaftsordnung – die sie jedoch zu kritisieren zögern, da sie sie in ihrer Illusion darüber bestärkt, wer sie sind. Tatsächlich quälen Männer frustrierte Sehnsüchte, sie sind gefangen im Konkurrenzkampf des Hamsterrads, sie sind sexuell bedürftig, sie neigen in verstörend hoher Zahl zum Selbstmord, und sie besitzen ein unstillbares Verlangen nach Macht. Sowohl Frauen als auch Männer sollten diese einschränkende Definition von Männlichkeit ablehnen.
Ich behaupte nicht, Männer seien durch jene Illusionen von Macht nicht privilegiert. Aufgrund der gängigen Definition von Macht wird ein Mann in ein System hineingeboren, das sein eigenes biologisches Geschlecht als allen anderen überlegen ansieht. Doch Männer sind auch Opfer dessen, was wir als das Superman-Syndrom bezeichnen könnten, eine kognitive Dissonanz, die sie fälschlicherweise glauben lässt, weil die Gitter ihrer Gefängniszelle golden sind, sei es nicht länger ein Gefängnis. Das goldene Gefängnis der Maskulinität verurteilt Männer zu einem Leben in Konformität.
Ich möchte auch nicht nahelegen, es sei nicht wertvoll, für die Gleichstellung der Geschlechter zu kämpfen. Aber diese Gleichstellung sollte nicht auf Kosten der gelebten Erfahrung von Frauen erfolgen oder auch des von der feministischen Philosophin Sandra Harding so genannten »sozial situierten Wissens«. Damit ist gemeint, dass wir Wege entwickeln müssen, die Welt mit dem Leben und den Beschäftigungen von Frauen im Zentrum zu betrachten, woraus folgt, dass das Frausein darin die Norm ist.
Es gibt nicht die eine »weibliche Art des Wissens«, aber eins ist sicher: Ein im Frausein sozial situiertes Wissen ist antipatriarchalisch. Und so lässt es sich offensichtlich nicht vermeiden, mit den Auswirkungen von Dominanz zu ringen, wenn man über schwarz-, weiblich- und afrikazentrierte Welten schreibt.
Dieses Ringen hat keine Schreibblockade zur Folge, sondern ein entsprechendes Gefühl, das ich als Schreibkummer bezeichne. Schreibkummer verspürt man, wenn man sich des beständigen, schreienden Widerspruchs in den eigenen Worten schonungslos bewusst wird. Man verspürt ihn, wenn man sich wünscht, man könnte genauso über Trivialitäten schreiben, wie es weißen männlichen Autoren erlaubt ist. Oder man könnte so cool und unbefangen über Gender schreiben, wie schwarze männliche Autoren es vermögen. Anders als weiße Feministinnen kann man nicht einmal unbeirrbar über ein klassisches feministisches Thema wie den Gender-Pay-Gap schreiben, ohne dass jenes andere Thema seine Rs und As und Cs und Es über die Seiten schüttet.
Schreibkummer ähnelt dem, was der afroamerikanische Soziologe und Schriftsteller W. E. B. Du Bois als »Double Consciousness« bezeichnete, wenn er über Race-Fragen in den Vereinigten Staaten sprach. Er schrieb, Double Consciousness sei »dieses Gefühl, sich selbst immer nur durch die Augen anderer wahrzunehmen, der eigenen Seele den Maßstab einer Welt anzulegen, die nur Spott und Mitleid für einen übrig hat«.3 Aufgrund des institutionellen Sexismus und Rassismus lernen so viele von uns, die Welt auf diese Weise zu betrachten. Wir werden zu einer Figur im Hintergrund unseres eigenen Lebens und betrachten die Welt niemals aus unserem eigenen Blickwinkel. Sich selbst (so konstruiert dieses Selbst auch sein mag) niemals ins Zentrum der eigenen Weltsicht zu stellen, ist für eine schwarze Frau jedoch die gefährlichste Art und Weise, zu leben. Sogar für mich selbst bleibe ich so die »Andere«.
Als Folge dieser Verdrängung fühlen sich schwarze Frauen in der Welt der Ideen wie Eindringlinge. Sich an Gesprächen über die bedeutendsten Themen der Welt zu beteiligen, kann sich anfühlen, als sähe man sich einen Film erst ab der zweiten Hälfte an. Irgendwann reimt man sich den Plot wahrscheinlich zusammen, aber man bleibt verwundert über die Entscheidungen, die die Figuren treffen. Wieso hatte die Frau eine Affäre? Warum hat die Polizei das Gebäude in die Luft gejagt? Wer zum Teufel war der Typ mit den Superkräften, der am Ende auftauchte? In Wahrheit waren viele gesellschaftliche Debatten nie auf Inklusion ausgelegt. Wie die brillante und außergewöhnliche feministische Autorin bell hooks 2006 in einem Interview auf der mittlerweile stillgelegten Black Academics Platform sagte: »Jede Frau, die eine Intellektuelle sein, Sachbücher schreiben, sich mit Theorie auseinandersetzen möchte, begegnet einer Menge an Diskriminierung und vielleicht sogar Selbstzweifeln, weil es nicht viele gibt, die diesen Weg vor ihr gegangen sind. Und ich denke, dass es unser machtvollstes Werkzeug ist, uns Klarheit über unsere Absichten zu verschaffen. Zu wissen, was genau wir tun wollen, statt in eine Institution zu gehen mit der Hoffnung, diese werde es für uns formulieren.«
Hooks’ Zitat weist darauf hin, weshalb ich trotz allem nicht unter Schreibkummer litt, während ich dieses Buch schrieb. Meine Absicht war klar: Ich wollte kein Buch des Protests schreiben, ich wollte ein Buch des Fortschritts schreiben. Mit Fortschritt meine ich alle drei Bedeutungen des Wortes: erstens etwas noch nicht Abgeschlossenes, zweitens eine Vorwärtsbewegung und drittens eine Steigerung des Bewusstseins.
Der Unterschied zwischen Protest und Fortschritt (»protest« und »progress«) ist in diesem Kontext subtiler, als es zunächst erscheinen mag. Allerdings unterscheiden sie sich in einem wesentlichen Punkt. Während ein Buch des Protests sich darauf konzentrieren würde, für eine Hauptrolle in dem Film zu kämpfen – um das Beispiel von oben fortzuführen –, ist ein Buch des Fortschritts mehr daran interessiert, sich einen Film auszumalen, der von Beginn an inklusiv und aufregend ist. Was mich im Wesentlichen dazu motiviert hat, dieses Buch zu schreiben, war der Wunsch, zu erforschen, wie sich Konzepte, die das prägen, was wir als Wissen wahrnehmen, verändern, wenn man beim Nachdenken über sie weibliche Wissensformen, schwarze feministische Theorie und afrikanische Wissenssysteme in den Mittelpunkt stellt.
In Of Africa schrieb der Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka, das Afrika, wie wir es heute kennen, »bleibt die monumentale Erfindung europäischer Kreativität«. Doch »wenn es eine Gabe gibt, die untätig darauf wartet, die Welt mit einem bahnbrechenden Humanismus zu erleuchten, dann ist es die ›unsichtbare‹ Religion auf dem afrikanischen Kontinent«.4 Es ist an der Zeit, die Welt mit den tiefen Einsichten aus Afrikas Wissenssystemen und der von ihnen abstammenden schwarzen Kultur in der Diaspora zu erleuchten. Viel zu lange wurden diese Einsichten von einer europatriarchalischen Weltsicht abgewertet, die sie als alles Mögliche bezeichnet hat, um sie herabzuwürdigen: primitiv, tribal, urban, Street, Slang, Dritte Welt – um nur einige zu nennen.
Wir Frauen dagegen »finden uns herabgesetzt oder werden weich durch scheinbar harmlose Vorwürfe, wir seien kindisch, es mangele uns an Universalität, wir seien selbstbezogen und sinnlich«5, schrieb die schwarze feministische lesbische Dichterin Audre Lorde in »Dichten ist kein Luxus«. Wir werden einer Gehirnwäsche unterzogen, damit wir unseren Formen des Wissens misstrauen, die als feminin kategorisiert werden können, weil das Wort feminin so stark missbraucht worden ist. In ihren Texten bezog sich Lorde häufig auf die »schwarze Mutter« als eine verkörperte weibliche Weisheit, eine Quelle »jener dunklen und wahren Tiefe, der das Verständnis dient, seine Aufwartung macht und die es durch die Sprache uns selbst und anderen zugänglich macht«.6
Afrikanische feministische Wissenssysteme durchdringen den Feminismus mit dem Wissen der metaphorischen schwarzen Mutter. Sie führen eine Liebe für die Seele ein, wie die Schriftstellerin Alice Walker sagte, als sie ihre einflussreiche Theorie des Womanism definierte. Seele hat für unterschiedliche Menschen unterschiedliche Bedeutungen. Ich verwende den Begriff, um ein individuelles und kollektives inneres Wesen zu beschreiben, das unseren Charakter, unsere Stimmungen, Überzeugungen, Erinnerungen und Haltungen ausmacht. Wissen mit Seele zu durchdringen bedeutet also, die Künste, den Tanz, Sprichwörter, rituelle Texte, Versepen, musikalische Traditionen, Schöpfungsmythen, Lebensgeschichten, Frauentraditionen und Utopien, all jene Dinge, von denen man sagen könnte, dass sie etwas mit der Seele zu tun haben, als Quellen der Erkenntnis anzusehen.
Indem ich das Feminine und das Maskuline, das Messbare und das Unermessliche, Natur und Technologie, Geschichte und Futurismus, das Lokale und das Globale, die Intimität der Poesie und die Leidenschaftslosigkeit der Wissenschaft, die Schubkraft der politischen Realität und die Zartheit der Künste, das intuitive Wissen der Mythologie und das kritische Denken des Intellektualismus auf eine interdisziplinäre Weise miteinander verflechte, die aus einer ganzen Reihe von Traditionen, Ideologien und Gedankenströmungen schöpft, biete ich Sinnliches Wissen als meinen bescheidenen Versuch an, einen Samen einzupflanzen, der aufblühen könnte in einer hoffentlich anregenden afrikazentrierten, frauenzentrierten und schwarzen feministischen Synthese innerhalb der Ernte universeller Ideen.
Als die zweite Entdeckerin von ihrer Reise auf den Berg heimkehrte, begeisterte ihre Version des Berichts die Menschen in der Stadt. Ihre Augen leuchteten vor Liebe, wenn sie über diesen vor Üppigkeit strotzenden Berg sprachen. Sie wollten den Berg beschützen, da er ein Teil ihrer kollektiven Identität wurde. Jahrhunderte später, als der Anstieg der Kohlendioxidemissionen die Flora des Berges bedrohte, zögerten die Stadtbewohner:innen nicht, seiner Bewahrung oberste Priorität einzuräumen. Welche Spaltungen zwischen ihnen auch entstanden sein mochten, sie waren nun belanglos, da sie sich in dem Bemühen zusammentaten, ihren geliebten Berg zu retten. Weil sie den Berg als Ganzes gesehen hatten, aus allen Blickwinkeln, wussten sie, dass abweichende Ansichten zwar eine Herausforderung darstellten, jedoch auch ein tieferes Verständnis der Welt erzeugten.
Die nun folgenden Kapitel sind Schilderungen von der anderen Seite des Berges. Als solche sollen sie keine endgültigen Aussagen über die darin angesprochenen Themen treffen. Stattdessen sollen sie eine Untersuchung von Ideen darstellen, die hoffentlich Leser:innen inspirieren wird, über ihre eigenen Ansichten nachzudenken und diese auszuformulieren.
Wir werden unsere Erkundung beginnen, indem wir von der alten Yoruba-Zivilisation in Ile-Ife ins Silicon Valley und wieder zurück reisen, auf der Suche nach einer neuen Interpretation von Wissen. Als Nächstes erkunden wir mit der Hilfe von Künstler:innen, Mystiker:innen und Revolutionär:innen die Befreiung. Mit Rudern aus ererbtem feministischem Wissen werden wir die Ufer der Dekolonisierung ansteuern. Wir werden Identität als Kompass und als Gemeingut betrachten. Wir werden Griots, Wissenschaftler:innen und Göttinnen willkommen heißen, die aus vergangenen Epochen gereist kommen, um uns Geschichten über das Schwarzsein und das Frausein zu erzählen. Wir werden uns durch Geografien bewegen und im Bergland von Fouta Djallon, im alten Ägypten, in Südafrika und im Yorubaland nach »Blautönen« suchen, und wir werden zurückkehren mit einer neuen Bedeutung für den feministischen Grundsatz »Schwesternschaft ist mächtig«. Wir werden drei Flüsse befahren – den Jangtse, die Themse und den Niger –, um ein ermächtigendes Verständnis von Macht zu entdecken und zu erfahren, wie historische Begegnungen entlang von Flüssen die heutigen Machtverhältnisse geprägt haben. Schließlich werden wir unsere Reise damit beenden, dass wir regionen- und generationenübergreifend die Vorstellung von Schönheit erkunden.
Ja, wir werden die europatriarchalische Voreingenommenheit des Wissens infrage stellen, aber nicht auf Kosten der Seele – das heißt, des Wunders, der Freude, der Verkörperung, der Poesie und des Spiels, oder dessen, was wir schlicht als das Sinnliche bezeichnen können.
*Anm. d. Ü.: In Absprache mit der Autorin und ihrer Schreibweise im Englischen folgend, verzichten wir auf die im Deutschen heute auch gebräuchliche Großschreibung von »schwarz«.
Worauf Poesie folgen oder lieber vorher durchgenommen werden würde, da sie weniger zart und fein ist, aber einfacher, sinnlicher und leidenschaftlicher.
JOHN MILTON7
Revolutionärer Wandel richtet sich nicht in erster Linie gegen die repressiven Situationen, sondern gegen den Anteil des Unterdrückers, der tief in jedem von uns eingepflanzt ist und der allein mit den Taktiken des Unterdrückers vertraut ist, mit seinen Beziehungsformen.
AUDRE LORDE8
Am Anfang gab es nur den Himmel, das Meer und die Gött:innen. Olokun war die Göttin des Meeres, und Olorun war der Gott des Himmels. Eines Tages bat Obatala, der Gott der Schöpfung, den Gott des Himmels darum, Land und Lebewesen erschaffen zu dürfen, um seine Langeweile zu lindern. Olorun stimmte zu, und Obatala erschuf Ile-Ife, die große Stadt, die noch immer die Wiege der Yoruba-Zivilisation ist. Als Olokun jedoch herausfand, dass Obatala in ihrem Hoheitsgebiet Erde und Land geschaffen hatte, ohne sie zu fragen, rächte sie sich mit einer großen Flut, die die erste Stadt der Menschheit überschwemmte.
Ile-Ife wurde schließlich wiederaufgebaut und wurde zu »ondaiye (der Ort der Schöpfung), orirun (die Quelle des Lebens) und ibi oju ti nmo wa (der Ort, von dem die Sonne oder die Aufklärung aufsteigt)«, wie der bedeutende Gelehrte Stephen Adebanji Akintoye Ile-Ife in A History of the Yoruba People beschreibt. Aber in jenem neuen Ile-Ife war die leuchtende Stärke der weiblichen Weisheit aus dem Gleichgewicht geraten, und die Geschlechter waren fortan gefangen in einem endlosen Machtkampf.
Um zu gedeihen, erhielten die Menschen ogbon, was auf Wissen verweist, oder auf phronesis (praktische Weisheit). Die Gött:innen wussten jedoch, dass ogbon sowohl den Verstand als auch das Herz der Menschen erreichen musste. Also teilten sie ogbon auf in ogbon-ori und ogbon-inu, Begriffe, die wörtlich übersetzt »Wissen des Kopfes« und »Wissen des Bauches« bedeuten, mit denen jedoch jeweils geistige Intelligenz und emotionale Intelligenz gemeint ist. Nur eine Art von Wissen zu besitzen, hieß dem Yoruba-Epos zufolge, nur zum Teil weise zu sein.
So wie ogbon-ori und ogbon-inu zusammen ogbon ergeben, sind auch »Wissen des Kopfes« und »Wissen des Bauches« die zwei Seiten der Medaille des Wissens. In der gesamten Geschichte der Neuzeit herrscht jedoch die Überzeugung vor, alles wertvolle Wissen sei rational und logisch. Das verbreitete Dogma besagt, dass alle gültigen Formen des Wissens ausschließlich von den kognitiven Fähigkeiten des Denkens, der Quantifizierung und der deduktiven Untersuchung beurteilt werden. Daher werden von jungem Alter an all jene als besonders intelligent angesehen, die die besten Noten in den Fächern bekommen, die Rationalität und Logik beinhalten – Mathematik, Naturwissenschaften, und so weiter. Tatsächlich ist schon die Tradition, Kinder auf diese Art einzustufen, ein Resultat dieser Denkweise. Auch als Erwachsene fahren wir fort, Intelligenz nach bewertbaren und hierarchischen Prozessen zu beurteilen.
Die Künste und ihre Verbindung zu den Gefühlen, den Sinnen und den verkörperten Erfahrungen ermöglichen in unserer Vorstellung dagegen weder einen Zugang zum Wissen noch die Fähigkeit, es zu beurteilen. Wir assoziieren Talent mit den Künsten, nicht aber Wissen. Dabei ist die Kunst auch geeignet, die Realität zu erklären, da sie sie von innen heraus erfasst. Kunst erklärt, wer wir sind, da unsere Existenz kunstvoll ist. Wir sind nicht bloß rationale und geistige Wesen, wir sind auch physische und emotionale Wesen. Kunst ist ebenso ein Weg, die Realität zu verstehen und zu verändern, wie es quantifizierbare Informationen sind. Deshalb musste ogbon sowohl den Intellekt als auch die Emotionen ansprechen.
Geschichten verwandeln sich in Wissen, und Wissen wird zu Materie. Die dualistische Weltsicht trennt Materie von Erzählung, aber Geschichten sind die Materie, aus der wir unsere Weltsicht aufbauen, die sich wiederum in physische Objekte verwandelt: Bücher, Bauwerke, Barrikaden, und so weiter. Auch in unseren Körpern wird Wissen in Materie transformiert. So wie die erste Struktur, die sich im menschlichen Embryo formt, das Rückenmark ist, ist auch das Wissen das Rückgrat aller anderen Ideen, die unser Leben formen. Wie wir uns in der Welt bewegen und fühlen, die Luft, die wir atmen, die Gesundheit unserer Bäume, die Nahrung, die wir zu uns nehmen, die Ideologien, die wir unterstützen, wie wir tanzen und uns lieben, sind allesamt Abbilder dessen, was wir wissen.
Die Vorstellung, die Realität ließe sich nur durch kalkulierbare Logik angemessen erklären, ist eine der gefährlichsten Vorstellungen, die je geäußert wurden. Wir betrachten das Wissen mittlerweile auf eine fundamentalistisch rigide und regelgebundene Weise. Die Gesellschaft dürstet nach humanistischem Denken wie die Sahara nach Wasser. Je robotischer eine Gesellschaft wird, desto mehr soziale Probleme entstehen in ihr, was wiederum noch mehr überprüfbare Diagnostik hervorruft. Wie immer bezahlen die Ärmsten in der Gesellschaft den höchsten Preis für diese bewertungsbesessene Dynamik. In Großbritannien setzen die Kommunen immer stärker auf Algorithmen, um Entscheidungen über die Vergabe von Sozialleistungen zu treffen. Allerorts treffen festgesetzten Regeln folgende, berechenbare Methoden vermehrt wesentliche Entscheidungen über die komplexen Lebenswirklichkeiten von Menschen und überlassen damit jene, denen am dringendsten zugehört werden müsste, dem verbindlichen Urteil eines Computers.
Die Unfähigkeit, zuzuhören, führt zu einer Unterdrückung von Gefühlen, was einen toxischen Zustand erzeugt, da die Wirklichkeit dabei übersehen wird. Der Grund dafür, dass die gewalttätigsten Menschen meist männlich sind, liegt darin, dass die gesellschaftliche Erziehung Männern beibringt, ihre Gefühle zu unterdrücken. Das Unterdrücken von Gefühlen führt stets zu Gewalt, sowohl physischer als auch nichtphysischer Natur – sowohl gegenüber sich selbst als auch gegenüber anderen.
Wir benötigen eine Herangehensweise an das Wissen, die das Imaginative und das Rationale, das Quantifizierbare und das Unermessliche, das Intellektuelle und das Emotionale synthetisiert. Ohne Gefühl wird das Wissen schal, ohne Vernunft wird es roh. Wir benötigen eine Herangehensweise, die Weisheit nicht nur an Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT) oder dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) bemisst, sondern auch daran, wie ethisch wir unsere Gesellschaften organisieren. Wir benötigen Wissen, das sowohl das Innere als auch das Äußere beeinflusst. Ogbon-inu und ogbon-ori. Sinnliches Wissen.
Mit sinnlich meine ich nicht sexuell. Im Englischen gibt es zwei verschiedene Begriffe für »Sinnlichkeit«: sensuality und sensuousness. Während sensuality sich auf körperliche Begierden und ausschweifendes Vergnügen die physischen Sinne (Tasten, Schmecken, Sehen, Riechen und Hören) betreffend bezieht, geht sensuousness über diese Instinkte hinaus. Wenn etwas sinnlich (sensuous) ist, wirkt es sich nicht nur auf deine Sinne aus, sondern auf dein gesamtes Wesen – deinen Geist, deinen Körper und deine Seele. Bücher etwa sind auf diese Weise sinnlich. Man kann sie sehen, anfassen und riechen. Im Audioformat kann man sie hören, und man kann ihre Worte auf der Zunge schmecken. Bücher sind greifbare Objekte von unterschiedlichster Beschaffenheit – alt, gebunden, vielleicht sogar von Hand, und so weiter. Sie regen den Geist an, wirken therapeutisch und können die eingefahrensten Denkmuster umwandeln. Sie wirken sich auf dein gesamtes Wesen aus.
Als der Dichter John Milton in seinem 1644 veröffentlichten Traktat Von der Erziehung den Begriff sensuous prägte, wollte er gerade die sexuelle Konnotation des Wortes sensual vermeiden. So beschrieb er seine Literaturgattung – die Dichtung – als »einfacher, sinnlicher [sensuous] und leidenschaftlicher«. Sinnliches Wissen ist also ein poetischer Ansatz, der emotionale Intelligenz mit intellektueller Fähigkeit verbindet. Er versteht Wissen als eine lebendige, atmende Einheit, und nicht als ein abgepacktes Produkt zum passiven Konsum. Er begegnet dem Wissen als einem Partner und nicht als einem Diener – oder auch einem Herrn. Er bedeutet, das Wissen wie etwas Kostbares zu behandeln, das uns zur Verkörperung seiner guten Eigenschaften verhilft. Sinnliches Wissen ist ein Wissen, das Verstand und Körper mit Lebendigkeit erfüllt und seine Wirkung hinterlässt wie die Duftnote eines Parfüms. Es ist ein Wissen, das biegsam ist, und nicht hart wie Stein. Sinnliches Wissen bedeutet, nach Wissen zu streben, weil dieses einen erhebt und voranbringt, und nicht aus einem Machthunger heraus.
In dem Bestseller Schnelles Denken, langsames Denken des mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Neuropsychologen Daniel Kahneman findet sich ein Argument, das an die alte Yoruba-Philosophie von ogbon erinnert. Kahneman argumentiert, dass wir Entscheidungen mithilfe zweier innerer Systeme treffen, die er als System 1 und System 2 bezeichnet.
System 1 ist ein emotionales, intuitives System und »versteht kaum etwas von Logik und Statistik«, während System 2 ein reflektierendes, schlussfolgerndes System ist, das »logisch denken« kann.9 System 1 wäre also vergleichbar mit ogbon-inu, Wissen des Bauches, System 2 dagegen mit ogbon-ori, Wissen des Kopfes.
Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied. Auf die typisch dualistische Weise des europatriarchalischen Wissens (die Namen »System 1« und »System 2« sprechen hier schon Bände) sieht Kahneman die beiden Systeme als verwickelt in »ein Psychodrama mit zwei Figuren«, wobei das emotionale System 1 die weniger intelligente Figur ist als das logische System 2. Dagegen könnte man sagen, die mythologische Theorie der Yoruba sehe die beiden Systeme in einer leidenschaftlichen Liebesgeschichte mit zwei verliebten Figuren.
Ich bin nicht so anmaßend, die wissenschaftliche Forschung eines mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Neuropsychologen abzutun, insbesondere da ich keine Expertin für die Dual-Prozess-Theorie (DPT) bin, das psychologische Gebiet, für das Kahnemans System 1 und 2 ein Beispiel darstellen.
Tatsächlich haben aber auch Expert:innen auf dem Gebiet der DPT Kahnemans Gedanken infrage gestellt. Beispielsweise argumentieren die Wissenschaftler Hugo Mercier und Dan Sperber in ihrem provokativen Buch mit dem Titel The Enigma of Reason: A New Theory of Human Understanding, die intellektuelle Fähigkeit, logisch zu denken, sei selbst eine Intuition – eine emotionale Funktion. Sie behaupten, die Intuition spiele, genau wie die Vernunft, eine große Rolle bei unserem Vermögen, unsere Umgebung zu verstehen. Auch der angesehene Neurowissenschaftler António Damásio hat die Idee vorgebracht, die Vernunft werde nicht, wie üblicherweise angenommen, durch Emotionen blockiert, sondern durch diese gesteuert. Laut Damásios »Hypothese der somatischen Marker« setzen emotionale Erfahrungen (oder somatische Marker) die Vernunft außer Kraft, wenn wir Entscheidungen treffen. Kurz gesagt bildet unsere emotionale Reaktion auf eine Situation die Basis für unsere rationale Entscheidung.
Es gibt noch viele weitere wichtige, wenn auch widersprüchliche Theorien über diese fundamentale Frage in der Bewusstseinsforschung, die auch bekannt ist als das Körper-Geist- oder Leib-Seele-Problem. Der Epiphänomenalismus behauptet, es gebe gar keinen Geist, nur einen Körper, der auf das Leben reagiert. Der Pantheismus am anderen Ende des Spektrums argumentiert dagegen, der Geist sei eine Art kollektives Projekt, bei dem alle von den Gedanken und Handlungen aller anderen beeinflusst werden. Baruch de Spinoza, dem die Formulierung des Pantheismus zugeschrieben wird, drückte es im siebten Lehrsatz von »Über die Natur und den Ursprung des Geistes« so aus: »Die Ordnung und Verknüpfung der Ideen ist dieselbe wie die Ordnung und Verknüpfung der Dinge.«10 Aber noch hat niemand eine befriedigende Lösung für das gefunden, was David Chalmers »das schwierige Problem des Bewusstseins« nennt, womit einfach ausgedrückt die Frage gemeint ist, warum Menschen Gefühle haben. Wenn man bedenkt, dass wir nur eine Hälfte unseres Wissens nutzen, ogbon-ori, dann ist es vielleicht kein Wunder, dass dies noch immer ein so schwieriges Problem darstellt!
Das wirklich schwierige Problem besteht allerdings darin, dass das fragmentierte Wissenssystem, das heute verwendet wird, keine Antworten auf die drängenden Fragen liefert, die sich der Menschheit stellen, da es die erlebte Seite der Realität vernachlässigt. Unsere Bildungssysteme sind veraltet, sie bringen uns bei, wie man das Gehirn verändert, aber nicht die Psyche, sie erklären, wie man entwickelte Gesellschaften konstruiert, aber nicht, wie man zu entwickelten Bürger:innen in ihnen wird, und sie behaupten, Gefühle – die im Leben eine so zentrale Rolle einnehmen – seien nicht in der Lage, die Realität zu erklären.
Aus diesem Grund vermögen wir – obwohl wir im Informationszeitalter leben und uns eine Fülle von Einsichten zur Verfügung steht – die drängenden Probleme wie soziale Ungerechtigkeit, Sexismus, Rassismus, Klassismus, Speziesismus, Klimawandel, Armut, Unruhe, Fragen der psychischen Gesundheit und Einsamkeit nicht zu lösen. Ganz gleich, wie gebildet oder entwickelt eine Gesellschaft auch ist, verursachen genau diese Probleme überall Verzweiflung und Spaltung. Wir müssen also einräumen, dass wir uns entweder um die falschen Probleme kümmern oder dass wir die Probleme falsch angehen. Ich halte Letzteres für zutreffend. Der Produktion des Wissens fehlt die Seele.
Ich bezeichne die rigide, regelgebundene, roboterhafte Weise, auf die wir das Wissen heutzutage hauptsächlich betrachten, als europatriarchalisches Wissen, eine auf Hierarchie fixierte Konstruktion des Wissens, die elitäre europäische Männer als Propaganda verbreiteten, um ihre eigene Weltsicht im großen Maßstab durchzusetzen.
Das Wort Propaganda stammt von propagare ab, womit ursprünglich die Fähigkeit von Pflanzen gemeint war, sich von einer Generation zur nächsten zu vermehren und auszubreiten. Es ist etymologisch treffend, da die Fähigkeit, sich von Generation zu Generation anzupassen, gerade die Größe des europatriarchalischen Wissens ausmacht, jenes Narrativs, das Bemessung und Quantifizierung als Inbegriff des Wissens in den Mittelpunkt rückt und den europäischen Phänotyp und männlichen Genotyp als besonders begabt in der Produktion des genannten Wissens darstellt.
Das europatriarchalische Wissen hat seine Wurzeln im sogenannten Zeitalter der Entdeckungen. In jener geschichtlichen Periode entsandten die europäischen Monarch:innen die ersten Entdecker auf Reisen und Vorstöße in Weltregionen, die man damals für »das Unbekannte« hielt.
Angespornt wurden sie durch ein Sprichwort: »Wissen ist Macht.« Dieselbe Wendung nutzten progressive Schwarze später als Slogan, um dem Betrug ein Ende zu setzen. Doch während die Bürgerrechtsaktivist:innen damit meinten, Wissen sei die Macht, »ihr Schicksal und ihre Identität« selbst zu bestimmen, wie die Zeitschrift Ebony 1969 in einer Sonderausgabe mit dem Titel »The Black Revolution« schrieb, meinte der im siebzehnten Jahrhundert lebende britische Philosoph Francis Bacon, der den Spruch prägte, ihn im wörtlichen Sinne. Wissen war ein Kontrollwerkzeug: Es war das gottgegebene Recht des Mannes, zu wissen und die Natur nach seinen Wünschen und Zielen zu formen.
Bacons Novum Organon aus dem Jahr 1620 trug dazu bei, die allgemeine Einstellung in Europa fortzubewegen von der im Mittelalter vorherrschenden Vorstellung, das Wissen sei etwas, das es zu bewahren gilt, und hin zu der Vorstellung, das Wissen sei etwas, das man erwerben muss, wie es in der modernen Welt nun hieß. Bacons Methode der Induktion wird typischerweise als Wegbereiterin des Wissensparadigmas angesehen, dem wir heute noch anhängen, aber ich bin der Ansicht, dass sein Beitrag dazu, das Wissen als etwas anzusehen, das wir in Konkurrenz zu anderen erwerben sollen, ebenso entscheidend ist. Erwerben bedeutet »in seinen Besitz bringen«, und genau so betrachten wir das Wissen – als etwas Quantifizierbares, das wir in großen Mengen und um jeden Preis kontrollieren und besitzen müssen. Unsere Politik, Wirtschaft, Justiz, Medien, Bildung und Regelwerke sind allesamt nach dem fundamentalen Kernprinzip des europatriarchalischen Wissens gestaltet, demzufolge die Anhäufung von Wissen letztendlich Kategorisierung, Konkurrenz und Kontrolle zum Ziel hat.
Ich verwende den Begriff europatriarchalisches Wissen anstelle von beispielsweise Imperium, Supermacht oder kapitalistisches Patriarchat weißer Suprematisten, wie die schwarze feministische Gelehrte bell hooks das System, in dem wir leben, so scharfsinnig nennt, da wir in diesem Buch das Narrativ hinter der Wissensproduktion (die Rahmengeschichte oder das Metanarrativ) neu konzipieren, und nicht die Struktur, die dieses erzeugt. Beides ist aber natürlich eng miteinander verknüpft. Die strukturellen und politischen Systeme von White Supremacy, Kapitalismus, Neoliberalismus und Imperialismus stellen den Daseinszweck des europatriarchalischen Wissens dar. Dennoch möchte ich es auf diese Weise bezeichnen, um das Narrativ von den Strukturen zu unterscheiden, die es erzeugt, damit wir hoffentlich erkunden können, ob ein anderes Narrativ auch eine andere Struktur erzeugen würde. Im Wesentlichen müssen wir, um die Struktur zu verändern, als Erstes die Geschichte über die Struktur verändern.
Das ist möglich. Die MeToo-Bewegung zum Beispiel veränderte auf fundamentale Weise, wie die breite Masse über sexualisierte Gewalt spricht. Sie verschob das Narrativ vom Schweigen hin zu einer Stimme und von der Scham hin zur Schuldzuweisung. Das wiederum verändert die Strukturen sowohl in der privaten als auch in der politischen Sphäre, indem es den Schwerpunkt auf Einvernehmen und die Kriminalisierung von sexuellem Missbrauch legt. Auf ähnliche Weise müssen wir in allen unterdrückerischen gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Kontexten die Erzählung verändern.
Über die Strukturen von White Supremacy, Imperialismus, Elitismus und Patriarchat lässt sich nichts Positives sagen, allerdings ist das Narrativ, das europatriarchalisches Wissen erzeugt, nicht vollkommen negativ. Die wissenschaftlichen, industriellen und informationstechnischen Revolutionen hätten nicht stattgefunden ohne einen Wettlauf um den Erwerb von Wissen. Ohne diese Revolutionen hätte es die (durchaus problematische) Aufklärung nicht gegeben und damit auch weder Enzyklopädien, Landkarten, Eisenbahnen, Flugzeuge oder moderne Universitäten noch viele andere Institutionen, die auf ihre eigene Weise unsere gemeinsame Erfahrung bereichern. Das europatriarchalische Wissen hat einige bedeutende Errungenschaften hervorgebracht, nicht zuletzt in der hochgeschätzten Entwicklung des rationalen Denkens und der Vernunft. Rationalität und Vernunft sind Phänomene, die wir in der Tat schützen sollten. Um es ganz klar zu sagen: Sinnliches Wissen soll nicht dazu führen, die Induktion oder die objektive Beurteilung aufzugeben.
Allerdings ist das europatriarchalische Wissen ironischerweise selbst gar nicht so fest in der rationalen Objektivität verwurzelt, für die es eintritt. Es ist ein konstruiertes und voreingenommenes Narrativ, das Weißsein und Männlichkeit schamlos in den Mittelpunkt stellt. Es ist ein Narrativ, das Propaganda als Wissen präsentiert. Es verhilft zu Einsichten darüber, wie Kriegen, Armut und Krankheiten ein Ende bereitet werden könnte, wendet diese jedoch nicht an. Statt blühende, aufregende und weise Gesellschaften zu gestalten, wie es Aufgabe des Wissens sein sollte, erschafft das europatriarchalische Wissen eine Welt des sozialen, politischen, psychologischen und spirituellen Leidens. Das ist kein Zufall. Solange es gesellschaftliche Probleme gibt, die gelöst werden müssen, muss auch immer mehr technisches Wissen erworben werden – Daten, Studien, Gutachten, Analysen, Fachgremien, Wirtschaftsmagazine, und so weiter. Je mehr Ressourcen in technisches Wissen gepumpt werden müssen, desto stärker wird die Vorstellung, alles Wissen sei technisch.
Trotz aller Gelehrsamkeit wird das europatriarchalische Wissen niemals das Problem des menschlichen Leidens in den Griff bekommen, da das Ende des menschlichen Leidens auch das Ende seiner Herrschaft bedeuten würde. Der Algorithmus ist eindeutig: Solange europatriarchalisches Wissen der Input ist, wird der Output stets dasselbe Denkmuster favorisieren. Um das Schicksal der Menschheit zu ändern, müssen wir den Input hinterfragen – müssen unsere Art, das Wissen zu betrachten, neu konzipieren mit einer anderen, korrigierenden Erzählung. Eine Tabula rasa.
Verändert man das herrschende Narrativ, verändert sich auch alles andere. Genau aus diesem Grund wird so viel Propaganda verbreitet, um es aufrechtzuerhalten. Das europatriarchalische Wissen zu besiegen ist daher ein schwieriger Prozess. Er erfordert eine vollkommen neue Art, zu denken und in der Welt zu existieren. Er bedeutet, Wissen nicht als etwas Statisches, sondern als ein kreatives Projekt anzusehen, etwas, das wächst und sich weiterentwickelt – eine menschliche Aktivität, ein Kunstwerk. Denn gerade das macht es lohnenswert.
Um eins klarzustellen: Auch wenn sensuousness und sensuality keine Synonyme sind, lehne ich das erotische Element nicht ab. Im Gegenteil könnte man sagen, ich plädiere für eine Erotisierung des Wissens. Das europatriarchalische Wissen eliminiert das Erotische nicht zuletzt aufgrund seiner Assoziation mit dem Femininen. Es weigert sich, das Wissen mit dem Sinnlichen zu verweben, denn es bevorzugt die karge Vorstellung, Wissen habe mit verkörperter Erfahrung nichts zu tun. Im Europatriarchat ist alles binär, entweder oder
