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Mitreißend und elegant erzählt John Julius Norwich die turbulente Geschichte der »Königin der Inseln«, die ein einzigartiges Kaleidoskop der Völker und Kulturen war und ist. Unterhaltsam führt er uns durch die Jahrtausende, in denen Sizilien im Brennpunkt der Weltgeschichte stand. Sizilien: die größte Insel des Mittelmeers, die Schwelle zwischen Europa und Afrika, Bindeglied zwischen dem lateinischen Westen und dem griechischen Osten. Ihre einzigartige strategische Lage lockte Phönizier, Griechen, Römer, Araber und Normannen, französische Fürsten und spanische Könige. Die Kämpfe um die Insel spielten für den Aufstieg und Fall der mächtigsten Dynastien der Welt eine Schlüsselrolle. Erstmals verknüpft John Julius Norwich all die bunten Fäden der sizilianischen Geschichte zu einer umfassenden Darstellung und führt die Leser durch die Jahrtausende. Von ihren Anfängen in der Antike bis zu ihrem Aufstieg zur multikulturellen Drehscheibe des Handels während der Kreuzzüge, vom Widerstand gegen die Vereinigung mit Italien bis zum Aufkommen der Mafia ist die Insel reich an weltgeschichtlichen Ereignissen und dramatischen Persönlichkeiten. Wie die Insel selbst, ist dies ein Buch voller kräftiger Farben und Aromen, das man immer wieder zur Hand nehmen möchte.
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Seitenzahl: 684
Veröffentlichungsjahr: 2017
John Julius Norwich
Sizilien
Eine Geschichte von der Antike bis in die Moderne
Aus dem Englischen von Gerlinde Schermer-Rauwolf und Rita Seuß
Klett-Cotta
Die Arbeit der Übersetzerinnen (Kollektiv Druck-Reif) an diesem Buch wurde vom Deutschen Übersetzerfonds gefördert.
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Klett-Cotta
www.klett-cotta.de
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
»Sicily. A Short History, from the Greeks to Cosa Nostra«
im Verlag Random House, New York
© 2015 by John Julius Norwich
Für die deutsche Ausgabe
© 2017 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
Cover: Rothfos & Gabler, Hamburg
unter Verwendung des Gemäldes »Blick auf Catania und den Ätna« von J. Ph. Hackert © akg-images
Datenkonvertierung: Kösel Media GmbH, Krugzell
Printausgabe: ISBN 978-3-608-94930-8
E-Book: ISBN 978-3-608-10870-5
Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Triskele
Karte
Vorwort
Einleitung
1 Die Griechen
2 Die Karthager
3 Römer, Barbaren, Byzantiner und Araber
4 Die Normannen
5 Das Ende des Königreichs
6 Stupor Mundi
7 Die Sizilianische Vesper
8 Unter spanischer Herrschaft
9 Piraterie und Revolution
10 Die Ankunft der Bourbonen
11 Napoleon, Nelson und die Hamiltons
12 Joseph Bonaparte und Joachim Murat
13 Das Ende der Murats
14 Die Carbonari und das Quarantotto
15 Das Risorgimento
16 Die Mafia und Mussolini
17 Der Zweite Weltkrieg
Epilog
Anmerkungen
Bildnachweis
Bibliografie
Personenregister
Dank
Bildteil
Für alle meine Kinder und Enkelkinder
Die Triskele, das dreibeinige Symbol Siziliens
»Wir sind alt, Chevalley, sehr alt. Es sind zum mindesten fünfundzwanzig Jahrhunderte, daß wir auf den Schultern das Gewicht hervorragender, ganz verschiedenartiger Kulturen tragen: alle sind sie von außen gekommen, keine ist bei uns von selbst gekeimt, in keiner haben wir den Ton angegeben; wir sind Weiße, wie Sie es sind, Chevalley, und ebenso weiß wie die Königin von England; und doch sind wir seit zweitausendfünfhundert Jahren eine Kolonie. Ich sage das nicht, um mich zu beklagen: es ist unsere Schuld. Aber einerlei – wir sind müde und leer. [. . .]
Diese Heftigkeit der Landschaft, diese Grausamkeit des Klimas, diese ständige Gespanntheit, wohin man auch blickt, auch diese Denkmäler der Vergangenheit, großartig, aber unbegreiflich, weil nicht von uns errichtet: sie stehen um uns her wie wunderschöne, stumme Gespenster. All die Regierungen, Fremde in Waffen, gelandet von wer weiß wo, denen man sogleich diente, die man rasch verabscheute und nie begriff, die sich ausdrückten nur in Kunstwerken, die für uns rätselhaft blieben, und leibhaftig in den Eintreibern von Steuergeldern, die hernach anderswo ausgegeben wurden – all diese Dinge haben unseren Charakter gebildet, und darum bleibt er bedingt von äußeren Schicksalsfügungen, weit mehr noch als von dieser entsetzlichen Insularität des Geistes.«
Giuseppe Tomasi di Lampedusa, Der Leopard1
Ich habe Sizilien vor mehr als 50 Jahren eher zufällig entdeckt. Im Juni 1961 arbeitete ich im britischen Außenministerium als Referent für den Nahen Osten, als der Irak Kuwait überfiel. (Plus ça change . . .) Es kam zu einer Krise. Großbritannien schickte Truppen, und infolgedessen bekam ich erst Mitte Oktober Urlaub. Wenn meine Frau und ich Sonne und Wärme wollten, mussten wir ziemlich weit in den Süden fahren. Und allein aus diesem Grund entschieden wir uns für Sizilien. Es war für uns beide der erste Besuch, und keiner von uns wusste irgendetwas über die Insel. Wir fuhren mit dem Auto nach Neapel und nahmen die Nachtfähre nach Palermo. Es war ziemlich aufregend, als wir in den frühen Morgenstunden Stromboli passierten und der Vulkan alle 30 Sekunden hell aufglühte wie ein Ungeheuer, das eine riesige Zigarre pafft. Ein paar Stunden später, im morgendlichen Sonnenschein, näherten wir uns der Conca d’Oro, dem Becken, in dem die Stadt Palermo liegt. Ich erinnere mich an die Schönheit dieser Szenerie, vor allem aber spürte ich eine Veränderung der ganzen Atmosphäre. Die Straße von Messina ist nur ein paar Kilometer breit, die Insel ist daher vom Festland nicht weit entfernt, und politisch gehört sie ohnehin zu Italien. Dennoch hat man das Gefühl, eine andere Welt zu betreten.
In den folgenden zwei Wochen erkundeten wir diese für uns neue Welt. Alles zu sehen war unmöglich. Sizilien hat eine Fläche von fast 26 000 Quadratkilometern, und die meisten Straßen waren damals noch nicht asphaltiert, aber wir taten, was wir konnten. Mich beeindruckte nicht nur die Qualität, sondern auch die außerordentliche Vielfalt und Fülle dessen, was wir sahen: griechische, römische, byzantinische, arabische und schließlich barocke Monumente. Mein Herz jedoch verlor ich an die Normannen. Ich erinnerte mich an einen Abschnitt in H. A. L. Fishers Geschichte Europas, wo die Normannen Siziliens kurz gestreift werden, aber auf die Großartigkeit dessen, was mich erwartete, war ich nicht vorbereitet. Nur zwei Beispiele: Die Cappella Palatina in Palermo, vom Grundriss her eine lateinische Basilika, ist mit prächtigen byzantinischen Mosaiken geschmückt, und die Stalaktitendecke aus Holz, auf die jede Moschee stolz wäre, wurde von arabischen Kunsthandwerkern gestaltet. Noch eindrucksvoller ist das große Mosaik des Christus Pantokrator aus dem 12. Jahrhundert in der Kathedrale von Cefalù, die denkbar beste Werbung für das Christentum.
Von dem Moment an gingen mir diese normannischen Baudenkmäler nicht mehr aus dem Kopf, und als ich wieder in London war, suchte ich sofort die London Library auf. Zu meiner Verwunderung gab es praktisch nichts in englischer Sprache über die Normannen auf Sizilien. Allerdings entdeckte ich ein zweibändiges Werk mit dem Titel Histoire de la Domination Normande en Italie et en Sicile, erschienen 1907 in Paris. Der Verfasser war Ferdinand Chalandon, der sich als archiviste-paléographe bezeichnete. Er hatte gewissenhaft alle Quellen studiert, zahllose Klosterbibliotheken durchforstet und Fußnoten und Bibliografien, ja sogar ein Register erstellt, was in französischen Büchern aus jener Zeit selten ist. Das Einzige, was er versäumt hatte, war zu sagen, worauf er eigentlich hinauswollte. Sechshundert Seiten lang folgen Fakten auf Fakten, aber nirgendwo findet sich auch nur ein Hinweis darauf, dass der Verfasser irgendetwas schön, überraschend oder auch nur bemerkenswert fand. Das Ergebnis waren zwei Bände von gähnender Langeweile. Andererseits hatte er die ganze Kärrnerarbeit geleistet; mir blieb nur die Aufgabe, etwas Interessantes und Lesbares daraus zu machen.
Trotzdem war es eine Herausforderung – und, wie ich schnell feststellte, ein Vollzeitjob. Ich hatte keine andere Wahl, ich musste meinen Posten im Außenministerium aufgeben und meine schriftstellerische Tätigkeit ernst nehmen. Seither habe ich den Stift nicht mehr aus der Hand gelegt. Meine eigenen beiden Bände zur Geschichte der Normannen verschafften mir die notwendige Grundlage. Während ich daran arbeitete, wurde ich immer wieder gefragt, was eigentlich mein Thema sei. Nur ein einziges Mal stieß ich auf jemanden, der überhaupt eine vage Vorstellung davon hatte, womit ich mich beschäftigte. Und heute, 50 Jahre später, frage ich mich immer noch: Wie kann es sein, dass diese wunderbare Geschichte von Aufsteigern, wie es die Brüder und Vettern jener Normannen waren, die 1066 mit den Engländern kurzen Prozess machten, in England so wenig bekannt ist? Heutzutage, da so viele Leute auf Sizilien Urlaub machen, hat sich die Situation wohl ein wenig geändert. Aber die meisten Touristen interessieren sich sehr viel mehr dafür, Fotos zu schießen als ihrem Reiseführer zuzuhören. Daher bin ich mir doch nicht so sicher.
Während ich noch an dem 1967 erschienenen ersten Band, The Normans in the South (Die Wikinger im Mittelmeer. Das Südreich der Normannen 1016 – 1130, Wiesbaden 1968) arbeitete, erhielt ich das Angebot, einen Dokumentarfilm zu diesem Thema für die BBC zu machen. Heute erscheint es fast unglaublich, dass er in Schwarzweiß gedreht wurde. Aber so war das damals, und obwohl nicht herausragend, war er für einen ersten Versuch gar nicht so schlecht. Man hat es uns allerdings nicht leicht gemacht. Monsignore Pottino, der ältere Priester, der für die Cappella Palatina verantwortlich war, legte uns alle möglichen Steine in den Weg. Zuerst untersagte er uns die Verwendung von Scheinwerfern mit der Begründung, sie würden den Gips zum Schmelzen bringen, auf den die Mosaiken gelegt sind. Wir erklärten ihm, wir würden höchstens 30 Sekunden brauchen, und die Beleuchtung wäre längst wieder ausgeschaltet, bevor der Gips Schaden nehmen könnte. Dann warf er einen skeptischen Blick auf unser Kamerastativ. In der Kapelle seien keine Stative erlaubt, sie könnten den Boden zerkratzen. Wir sparten es uns, auf die Hunderte von Pfennigabsätzen zu verweisen, die tagtäglich über den Boden stöckelten, sondern präsentierten ihm stattdessen eine Art Trage für die Beine des Stativs; auf diese Weise würde nur eine glatte Oberfläche den Boden berühren. Monsignore Pottino ließ sich nicht umstimmen. Nie auch nur ein Wort der Entschuldigung, ein Vorschlag oder ein Lächeln. Schließlich riss unserem Regisseur, der ein wunderbares Italienisch sprach, die Geduld. »Dieser Mann«, sagte er, wobei er mit dem Finger auf mich deutete und mich damit in arge Verlegenheit brachte, »ist ein Viscount. Folglich ist er Mitglied des House of Lords. Wenn er nach London zurückkehrt, wird er dem Oberhaus berichten, wie er hier behandelt wurde.« Aber Monsignore Pottino sah ihn nur mitleidig an. »Io sono marchese«, gab er trocken zurück. Spiel, Satz und Sieg. Wir wussten, wir hatten den Kürzeren gezogen.
Dieser Monsignore war der einzige wirklich unangenehme Sizilianer, den ich jemals kennengelernt habe. Aber nirgendwo auf der Insel, so scheint mir, begegnet man der ungezügelten Fröhlichkeit der Menschen des italienischen Festlands. Und noch etwas sticht sofort ins Auge, besonders in den Dörfern: die merkwürdige Abwesenheit von Frauen. Nur selten trifft man sie in den Cafés, eine Domäne der Männer, die Karten spielen und jede einzelne auf den Tisch knallen, als wäre sie das Pik-Ass, von dem ihr Leben abhängt. Auch unbeschwertes Lachen hört man kaum. Manchmal frage ich mich, ob das nicht teilweise der islamischen Vergangenheit Siziliens geschuldet ist, aber es könnte auch an vielen anderen Faktoren liegen: den Jahrhunderten bitterster Armut, den ständigen Eroberungen durch häufig grausame Invasoren, ganz zu schweigen von den Naturkatastrophen: den Erdbeben, Pestepidemien und Vulkanausbrüchen. Selbst im Westen der Insel scheint der Ätna nie weit entfernt.
Eine Geschichte Siziliens zu schreiben war schwieriger, als ich dachte. Zum einen war ich überrascht und erschrocken über das Ausmaß meiner Unwissenheit. Ich hatte die Insel als Reiseführer bei Rundreisen und Kreuzfahrten wiederholt besucht und kannte mich ziemlich gut aus, aber ich hatte meine Kenntnisse maßlos überschätzt. Reiseführer können schließlich immer nur die Oberfläche streifen, für sehr viel mehr bleibt gar keine Zeit. Zum anderen hatte ich, abgesehen von der tragisch kurzen normannischen Epoche im 11. und 12. Jahrhundert, vieles ausgeblendet. Ich musste also eine Menge lesen. Und es gab ein weiteres Problem: Seit dem Mittelalter war Sizilien immer im Besitz ausländischer Mächte gewesen. Nach der Sizilianischen Vesper 1282 wurde die Insel eine spanische Kolonie, und in den nachfolgenden vierhundert Jahren geschah praktisch nichts. Vizekönige kamen und gingen, und die Barone beuteten die Bauern weiter aus, aber es gab so wenige bedeutsame Ereignisse, dass eine detaillierte chronologische Erzählung unmöglich war. Sogar die große dreibändige Geschichte Siziliens von Moses Finley(1), Denis Mack(1) Smith(1) und Christopher Duggan(1) handelt diese Epoche nur auf gut hundert Seiten ab. In meinem Buch reichen dafür zwei Kapitel.
Im 18. Jahrhundert, nach dem Frieden von Utrecht, wurde es um einiges besser. Die Insel wurde sieben Jahre von den Piemontesen und 14 Jahre von den Österreichern regiert, dann kehrten die Spanier zurück. Aber diesmal waren es die spanischen Bourbonen, die im Lauf der Zeit immer italienischer wurden und bald nur noch verächtlich auf ihre Verwandten in Madrid herabschauten. Sizilien war jedoch erneut nicht mehr als eine Provinz. Im Rampenlicht stand Neapel, und daran änderte sich auch in den nachfolgenden 130 Jahren nichts. Selbstverständlich müssen wir diesen Ereignissen folgen. Die Könige von Neapel waren auch die Könige Siziliens, und die faszinierende Geschichte von Lord Nelson(1) und den Hamiltons, die keinesfalls unter den Tisch fallen durfte, beginnt in dem einen Königreich und endet in dem anderen. Während der Napoleonischen Kriege trat kurzzeitig der Schwager des Kaisers, der ein wenig lächerliche Joachim Murat(1), an die Stelle der Bourbonen. Dann kehrten die Bourbonen für weitere 50 Jahre zurück, bis das Risorgimento sie für immer erledigte.
Die Geschichte Siziliens – das habe ich immer wieder gesagt – ist eine traurige Geschichte, weil Sizilien eine traurige Insel ist. Besuchern, die nur für ein, zwei Wochen hierher kommen, fällt das eher nicht auf. Die Sonne scheint, das Meer ist strahlend blau, und die Monumente versetzen den Betrachter in Staunen und Verwunderung. Wer klug genug ist, Cefalù zu besuchen, wird einem der eindrucksvollsten Kunstwerke der Welt begegnen.1 Aber die Traurigkeit ist stets präsent, und jeder Sizilianer weiß das. Dieses Buch ist nicht zuletzt der Versuch, dieser Traurigkeit auf die Spur zu kommen. Wenn ich mein Ziel verfehlt habe, dann deshalb, weil die Ursachen für diese Traurigkeit so vielfältig sind – und vielleicht auch, weil ich kein Sizilianer bin. Denn Nichtsizilianern wird diese wunderschöne Insel für immer ein Rätsel bleiben.
Heute ist mein 85. Geburtstag, und ich werde vielleicht nie mehr nach Sizilien zurückkehren. Dieses Buch ist daher ein Abschiedsgruß. So traurig die Insel ist, mir hat sie viele Glücksmomente beschert, und sie steht am Anfang – und womöglich auch am Ende – meiner literarischen Laufbahn. Die nachfolgenden Seiten sind gewiss unzulänglich, aber ich habe sie mit dem Gefühl tiefer Dankbarkeit geschrieben, und mit Liebe und Zuneigung.
John Julius Norwich
London, September 2014
»Italien ohne Sizilien«, schrieb Goethe(1), »macht gar kein Bild in der Seele: hier ist erst der Schlüssel zu allem.« Zuallererst einmal ist es die größte Insel des Mittelmeers. Und über die Jahrhunderte hinweg war Sizilien auch besonders glücklos. Als Schwelle zwischen Europa und Afrika, als Tor zwischen Ost und West, als Bindeglied zwischen dem lateinischen Westen und dem griechischen Osten, als Festung, Umschlagplatz und Beobachtungsposten war es zwischen allen großen Mächten umkämpft, die ihre Herrschaft im Mittelmeerraum erweitern wollten, und wurde im Lauf der Jahrhunderte von ihnen erobert. Die Insel gehörte allen – und war dennoch nie wirklich Teil einer fremden Macht. Denn auch wenn Vielzahl und Unterschiedlichkeit der Eroberer die Entwicklung einer ausgeprägten sizilianischen Individualität verhinderten, bescherten sie den Bewohnern zugleich einen so kaleidoskopisch reichen Erfahrungsschatz, dass eine vollständige Assimilation unmöglich war. Trotz der Schönheit der Landschaft, der Fruchtbarkeit des Bodens und des segensreichen Klimas spürt man bis heute etwas Düsteres, Grüblerisches – etwas unterschwellig Schmerzliches, wie es in der Armut, der Kirche, der Mafia oder sonst etwas zum Ausdruck kommt, das heute als Sündenbock herhalten muss, aber nicht die wahre Ursache ist. Es ist der Schmerz infolge langer leidvoller Erfahrungen, verpasster Gelegenheiten und unerfüllter Versprechungen – der Kummer einer schönen Frau, die zu oft betrogen wurde, um noch offen zu sein für das Wagnis der Liebe oder der Ehe. Phönizier und Griechen, Karthager und Römer, Goten und Byzantiner, Araber und Normannen, Deutsche, Spanier und Franzosen, sie alle haben auf der Insel ihre Spuren hinterlassen. Heute, 150 Jahre nach der Eingliederung in die italienische Heimat, mag Sizilien weniger unglücklich sein als in den vielen Jahrhunderten zuvor. Es ist jetzt nicht mehr verloren, aber immer noch einsam und auf der Suche nach einer Identität, die es nie ganz finden wird.
Selbst der Ursprung des Namens ist ein Rätsel. Manche behaupten, »Sizilien« sei von dem griechischen sik abgeleitet, das für schnell wachsende Pflanzen und Früchte verwendet wird und soviel heißt wie »fruchtbare Insel«, aber genau weiß das niemand. Ihr alter Name Trinacria spielt auf die nahezu dreieckige Form der Insel an. Die Triskele mit drei laufenden Beinen war das antike Symbol Siziliens. Merkwürdigerweise ist sie auch das Symbol der Insel Man, nur dass die sizilianischen Beine nackt, die der Insel Man gepanzert und mit Scharnieren und Sporen versehen sind. Den Mittelpunkt der sizilianischen Triskele bildet ein Medusenhaupt mit Schlangenhaaren. Medusa ist in Sizilien überraschend populär, obwohl die Mythengestalt weder hier beheimatet ist noch Perseus ihr hier den Kopf abschlug. (Im archäologischen Museum von Syrakus befindet sich eine relativ primitive antike Skulptur mit Reißzähnen und herausgestreckter Zunge, in der kunsthistorische Führer die Medusa sehen wollen. Aber sie liegen mit Sicherheit falsch: Es fehlen die Schlangen.) Die Insel ist Schauplatz verschiedener Episoden aus der griechischen Mythologie, unter anderem des Raubes der Persephone (Proserpina) durch Hades, den König der Unterwelt, eine Geschichte, die sich am Pergusa-See in der Nähe von Enna abgespielt haben soll.1 In Enna selbst – der vielleicht spektakulärsten Stadt Siziliens auf einem hoch aufragenden, steilen Felsen und somit von allen Seiten kilometerweit sichtbar – stand ein imposanter Tempel, der Persephones Mutter, der Göttin Demeter (Ceres), geweiht war. Erbaut wurde er von Gelon(1), dem Tyrannen von Syrakus, dem wir im ersten Kapitel dieses Buches wiederbegegnen werden. Demeter machte sich voller Verzweiflung auf die – vergebliche – Suche nach ihrer Tochter, und als sie schließlich die Wahrheit erfuhr, verdammte sie in ihrem Zorn Sizilien zu völliger Unfruchtbarkeit. Zum Glück intervenierte Zeus und verfügte, Persephone müsse acht Monate im Jahr bei ihrer Mutter verbringen, und in dieser Zeit solle die Vegetation erblühen. Mit Beginn des Herbstes müsse sie jedoch in die Unterwelt zurückkehren.
Der Kyklop Polyphem war ebenfalls Sizilianer. (Vielleicht war der einäugige Riese sogar der Ätna.) Er verliebte sich in die Meeresgöttin Galatea, eine Nereiden-Nymphe. Als sie jedoch Akis, einem gewöhnlichen Sterblichen, den Vorzug gab, wurde er so wütend, dass er seinen Rivalen an den Hängen des Vulkans (wo der Gott Hephaistos seine Schmiede hatte) mit einem Felsblock zerschmetterte. Galatea konnte ihren Geliebten nicht wieder zum Leben erwecken, und so verwandelte sie ihn in einen Fluss, der vom Ätna zum Meer hinabströmt, wo sie wieder mit ihm vereint sein konnte. An Akis erinnern bis heute der Name der Stadt Acireale sowie die Namen von nicht weniger als acht weiteren umliegenden Ortschaften. Bei Aci Trezza und Aci Castello ragen drei riesige Felsen aus dem Meer, die scogli dei Ciclopi – jene Felsen, die Polyphem, einer anderen Geschichte zufolge, auf Odysseus und seine Männer schleuderte, nachdem sie mithilfe einer List aus seiner Höhle geflohen waren. Odysseus war auf Sizilien nicht viel Glück beschieden. Nur mit knapper Not gelang ihm die Passage durch die Straße von Messina, wo Poseidons Tochter Charybdis mit ihrem Lieblingstrick aufwartete: Sie saugte die Fluten des Meeres auf, um sie dann so machtvoll wiederauszustoßen, dass ein gewaltiger Strudel entstand. (Das sechsköpfige Meeresungeheuer Skylla wohnte gleich gegenüber auf der Festlandseite der Meerenge.)
Aber dies ist keine Abhandlung über die griechische Mythologie. Es wird Zeit, in die prosaischere Welt von heute zurückzukehren. Die berühmten Sätze aus Giuseppe Tomasi di Lampedusas(1) Roman Der Leopard, die diesem Buch als Motto vorangestellt sind, sagt der Fürst Don Fabrizio Salina im Jahr 1860, wenige Monate nach der Eroberung Siziliens durch Garibaldi(1), zu dem piemontesischen Gesandten. Sie bringen die Geschicke der Insel auf den Punkt und erklären die zahllosen Unterschiede zwischen Sizilianern und Italienern – unendlich viele, trotz der geringen geografischen Entfernung. Die Sizilianer sprechen keinen Dialekt, sondern im Grunde genommen eine eigene Sprache, in der die italienische Endung o durch u ersetzt ist – und die fast kein Italiener versteht. Die Ortsnamen offenbaren die Leidenschaft der Sizilianer für fünfsilbige Wörter mit dem Rhythmus tam-ta-ta-tam-tam: Caltanissetta, Acireale, Calascibetta, Castelvetrano, Misterbianco, Castellammare, Caltagirone, Roccavaldina – die Liste ließe sich endlos fortsetzen.2 (Tomasi di Lampedusa(2) gab Don Fabrizios Landgut den wunderbaren Namen Donnafugata.) Auch ethnisch unterscheiden sich die Sizilianer vom Rest der Italiener. Erstaunlich viele Inselbewohner haben rötliches Haar und blaue Augen, angeblich von ihren normannischen Vorfahren. Eher stammen diese Merkmale allerdings von den Briten, die während der Napoleonischen Kriege auf der Insel waren, und von den britischen und amerikanischen Alliierten, die 1943 hier landeten. Es gibt auch gastronomische Unterschiede. Die Sizilianer hegen eine immense Wertschätzung für Brot – sie kennen 72 verschiedene Sorten – und eine Leidenschaft für Eiscreme, nach der es sie sogar zum Frühstück verlangt.
Auch Wein ist eine Spezialität der Insel. Sizilien zählt heute zu den wichtigsten Weinbaugebieten Italiens. Es ist eine bekannte Tatsache, dass die ersten Reben unter den Füßen des Dionysos hervorsprossen, als er am Fuße des Ätna tanzte. Daraus entstand der berühmte Mamertino, der Lieblingswein Julius Caesars(1). Im Jahr 1100 gründete Roger von Hauteville(1) im Kloster Sant’Anastasia(1) bei Cefalù eine Weinkellerei, die bis heute in Betrieb ist. Fast 700 Jahre später, 1773, kam John Woodhouse(1) nach Marsala und stellte fest, dass der hier produzierte und in Holzfässern gelagerte Wein den spanischen und portugiesischen Likörweinen, die sich damals in England großer Beliebtheit erfreuten, erstaunlich ähnelte. Er nahm ein Fässchen Marsala-Wein mit nach Hause und entfachte damit helle Begeisterung. Und so kehrte er nach Sizilien zurück und begann mit einer Marsala-Produktion, die er bis zum Ende des Jahrhunderts massiv ausbaute. Ein paar Jahre später kamen einige Mitglieder der Familie Whitaker(1) nach Sizilien und stiegen in den Marsala-Weinhandel ein. Ich erinnere mich noch gut an deren Nachkommen und die irgendwie bedrückende Villa Malfitano in Palermo, die man an Wochentagen vormittags besichtigen kann. Der nahe gelegene Villino Florio im herrlichsten Jugendstil ist gleichfalls der Öffentlichkeit zugänglich und meiner Ansicht nach sehr viel schöner.
Wenn man über Sizilien spricht, kommt man um die Mafia nicht herum. Sie ist bekanntermaßen schwer zu fassen, weil sie überall und nirgends ist. In Kapitel 16 dieses Buches werden wir uns eingehender mit ihr beschäftigen. An dieser Stelle jedoch muss gesagt werden, dass sie kein Haufen blindwütiger Banditen ist: Der normale Besucher ist in Sizilien so sicher wie überall sonst in Westeuropa.3 Tatsächlich ist es extrem unwahrscheinlich, dass man als Tourist mit der Organisation in Berührung kommt. Erst wenn man sich auf der Insel ansiedelt und ein Grundstück kaufen möchte, kann es sein, dass man von einem ausgesucht höflichen und gutgekleideten Signore Besuch bekommt, vielleicht einem kompetenten Anwalt, der einem darlegt, dass die Situation nicht ganz so einfach ist, wie man geglaubt hat.
Und schließlich noch ein Wort zu den sizilianischen Schriftstellern. Zwei Sizilianer haben den Literaturnobelpreis erhalten: Luigi Pirandello(1) und Salvatore Quasimodo(1) (das Pseudonym von Salvatore Ragusa). Pirandellos(2) Stück Sechs Personen suchen einen Autor ist ein frühes Beispiel des absurden Theaters. Bei der Uraufführung in Rom 1921 kam es zu einem solchen Eklat, dass der Autor(3) durch einen Seitenausgang flüchten musste. Doch heute ist das Stück ein Klassiker und wird auf der ganzen Welt gespielt. Pirandello(4) selbst wurde ein glühender Faschist und genoss die begeisterte Unterstützung Mussolinis(1). Quasimodos(2) Gedichte sind in Italien sehr populär und wurden in mehr als 40 Sprachen übersetzt. Wenn man Sizilien jedoch wirklich nahekommen will, sollte man nicht diese Giganten, sondern Leonardo Sciascia(1) (gesprochen »Scháscha«) und Giuseppe Tomasi di Lampedusa(3) lesen. Sciascia(2) wurde 1921 in dem Städtchen Racalmuto zwischen Agrigent und Caltanissetta geboren, wo er fast sein ganzes Leben verbrachte. Seine besten Romane – Der Tag der Eule, Jedem das Seine, Sizilianische Verwandtschaft – sind spannende Krimis mit authentischem sizilianischen Flair, beschreiben aber auch die tragischen Übel der Insel: die politische Korruption und die Mafia. Leichter, aber gleichfalls unwiderstehlich sizilianisch sind die Krimis von Andrea Camilleri(1) mit Commissario Salvo Montalbano in der Hauptrolle, die auch für das Fernsehen verfilmt wurden. Montalbano ist Polizeikommissar in der fiktiven Stadt Vigàta. Die Serie ist so populär, dass Camilleris(2) Heimatstadt Porto Empedocle vor kurzem in Porto Empedocle Vigàta umbenannt wurde.
Giuseppe Tomasi di Lampedusa(4) wiederum ist eine Klasse für sich. Der Leopard ist das großartigste Buch über Sizilien, das ich jemals gelesen habe, und für mich einer der bedeutendsten Romane des 20. Jahrhunderts. Interessierten Lesern empfehle ich auch David Gilmours(1) herausragende Biografie The Last Leopard. Weitere lesenswerte Bücher finden sich in der Bibliografie.
Aber Bücher können einem niemals alles sagen. Vermutlich wird kein Nichtsizilianer jemals allen Geheimnissen der Insel auf die Spur kommen. Wir müssen einfach unser Bestes versuchen, und ich kann nur hoffen, dass diese kurze Geschichte Siziliens ihren bescheidenen Beitrag dazu leistet.
1
Wie bei einer Insel, die fast genau in der Mitte des Mittelmeers liegt, kaum anders zu erwarten, besitzt Sizilien prähistorische Stätten in Hülle und Fülle. So schmücken auf der Insel Levanzo vor Trapani neolithische Malereien von Bisons, Hirschen und sogar Fischen die Wände einer riesigen Höhle, die unerklärlicherweise Grotta del Genovese(1) heißt; sie wurden erst 1950 entdeckt. Andere Malereien, die sehr viel älter, aber weniger spektakulär sind, fand man ein paar Jahre später am Monte Pellegrino, einem großen Kalkfelsen nur wenige Kilometer nördlich von Palermo Richtung Mondello. Interessierte erhalten alle benötigten (und vermutlich noch viele weitere) Informationen im Archäologischen Museum. Doch wenn man die Prähistorie den Prähistorikern überlässt, dann ist die älteste bedeutende Kultur, der wir hier begegnen, die mykenische, die um 1600 v. Chr. begann. Wahrscheinlich um 1400 v. Chr. war Sizilien Teil eines ausgedehnten Netzes von Handelsstraßen, das sein Zentrum in Mykene auf dem nordöstlichen Peloponnes hatte und sich bis nach Zypern und sogar darüber hinaus erstreckte. Aber das blieb nicht lange so. Um 1200 v. Chr. ging Mykene aus ungeklärten Gründen unter, der Handel brach zusammen, und die Sizilianer kehrten zu ihrer alten Lebensweise zurück.
Wer aber waren sie genau? Das ist schwer zu sagen. Historiker sprechen von den Sikanern, den Sikulern, den Ausoniern und den Elymern, von denen Thukydides(1) im 5. Jahrhundert v. Chr. berichtet, sie seien aus Troja geflüchtet (wie der Überlieferung zufolge auch die Römer). Man weiß jedoch nur wenig über sie. Die für uns wichtigste Bevölkerungsgruppe sind die Griechen, die Mitte des 8. Jahrhunderts v. Chr. nach Sizilien kamen. Mit ihnen tritt die Insel in das Zeitalter der Geschichtsschreibung ein. Ihre ersten Siedlungen befanden sich an der Südküste, wo es so gut wie keine natürlichen Häfen gibt, aber die Neuankömmlinge brauchten auch keine. Damals setzte man die Schiffe auf Strand, und deshalb hielt man Ausschau nach langen flachen Sandbänken, die sich hauptsächlich auf Naxos – wo Siedler aus Chalkis (heute Chalkida) auf Euböa bereits 734 v. Chr. landeten –, in Akragas (dem heutigen Agrigent) und in Gela fanden, wo 688 v. Chr. die erste auf Dauer angelegte griechisch-sizilianische Siedlung gegründet wurde. In den darauffolgenden Jahren verdrängten diese Siedler allmählich die einheimische Bevölkerung, ohne sie jedoch auszurotten, sowie mehrere phönizische Handelsposten. Sie führten den Oliven- und Weinanbau ein und schufen rasch ein blühendes Gemeinwesen. Schon bald wurde die Siedlung zu einem der wichtigsten kulturellen Zentren der zivilisierten Welt, Heimat von Dichtern wie Stesichoros(1) von Himera – den die Götter mit Blindheit schlugen, weil er Helena von Troja in seiner Dichtung schmähte – und Philosophen wie Empedokles(1) von Akragas. Der Verfasser bedeutender Schriften zur Seelenwanderung hatte bereits eine lange, eintönige Lehrzeit als Strauch hinter sich (Empedokles will bereits einmal Mädchen, Vogel, Fisch und sogar Busch gewesen sein), bevor er sich, nach Höherem strebend, eines Morgens im Jahr 440 v. Chr. seiner sterblichen Hülle entledigte: Im Rahmen seiner wissenschaftlichen Untersuchungen hatte er sich zu weit in den Krater des Ätna gewagt.
Inzwischen hatten die Griechen den größten Teil des östlichen Mittelmeerraums kolonisiert – und zivilisiert, denn sie brachten ihre Kunst und Architektur, ihre Literatur und Philosophie, ihre naturwissenschaftlichen und mathematischen Kenntnisse sowie ihre handwerklichen Fertigkeiten mit. Dennoch war Magna Graecia – und das kann gar nicht genug betont werden – niemals eine Nation oder ein Reich in dem Sinn wie das spätere Rom. Politisch bestand es aus einer Reihe kleiner Stadtstaaten. Um 500 v. Chr. gab es etwa 1500 davon, vom Schwarzen Meer bis zur Küste Kataloniens. Voller Stolz darauf, griechisch zu sein, unterstützten sie sämtliche Manifestationen des Panhellenismus, insbesondere die Olympischen Spiele. Gleichwohl führten sie häufig Kriege gegeneinander und schmiedeten zeitlich begrenzte Bündnisse, blieben im Wesentlichen aber unabhängig. Athen hatte zu dieser Zeit keine herausragendere Stellung als etwa die kleinasiatische Stadt Halikarnassos, wo Herodot(1) geboren wurde, oder die korinthische Kolonie Syrakus auf Sizilien, Geburtsort von Archimedes(1), oder auch die Insel Samos, Heimat des Pythagoras(1). Der Apostel Paulus(1) rühmte sich, ein Bürger Roms zu sein. Bürger Griechenlands hingegen gab es nicht, denn Griechenland war – ähnlich wie heute die arabische Welt – eher eine abstrakte Idee als eine Nationalität. Es gab keine klare Definition dafür. Wenn man sich griechisch fühlte und griechisch sprach, dann war man eben Grieche.
Da die griechische Diaspora so weit verstreut war, gibt es in Italien, Sizilien und Kleinasien ebenso viele großartige antike griechische Stätten wie im heutigen Griechenland. Die meisten sind natürlich verschwunden, doch allein im sizilianischen Selinunt, dem einstigen Selinus, sind mindestens sieben Tempel aus dem 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. relativ gut erhalten, vor allem dank eines beharrlichen und ehrgeizigen Wiederaufbauprogramms der letzten 50 Jahre. Von den neun Tempeln in Agrigent sind fünf sogar noch beeindruckender und vor allem bei Sonnenuntergang von überraschender Schönheit. Hinreißend ist das zwischen Bergen eingebettete Segesta, von Palermo aus leicht zu erreichen. Dabei blieb die Anlage unfertig; die Steinnasen für die Seile, mit deren Hilfe man die Steinblöcke bewegte, wurden nie abgeschlagen. Doch der Gesamteindruck ist der einer unaufdringlichen Perfektion: ein typisches dorisches Bauwerk aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. mit allem, was dazugehört. Auf der gegenüberliegenden Bergkette thront ein wunderbar erhaltenes Theater aus dem 3. Jahrhundert, von dem aus man auf den Tempel hinunterschauen und darüber staunen kann, dass ein so erhabenes Bauwerk 2500 Jahre fast unbeschadet überdauert hat.
Die Kathedrale von Syrakus schließlich entstand bereits fünf Jahrhunderte vor Christi Geburt. Ihre prächtige Barockfassade verrät nicht, was sich im Innern verbirgt, doch sobald man den Raum betritt, sieht man sich in eine andere Zeit versetzt. Die tragenden Säulen sind jene des ursprünglichen dorischen Athene-Tempels, errichtet von dem Tyrannen Gelon(2), der damit seinen Sieg über Karthago im Jahr 480 v. Chr. feierte. Die Pracht dieses Heiligtums war in der gesamten antiken Welt berühmt. Zur Römerzeit wurden seine größten Schätze von dem unsäglich korrupten Statthalter Verres(1)(2) gestohlen, gegen den Cicero(1) seine berühmten Anschuldigungen erhob. Die Byzantiner gestalteten den Tempel zu einer christlichen Kirche um, die Araber machten daraus eine Moschee. Auch die Normannen und die Spanier nahmen Umbauten vor, ehe mehrere Erdbeben dem Bauwerk schwer zusetzten. Nach dem Einsturz der normannischen Fassade fand im Jahr 1693 ein umfassender Wiederaufbau statt. Die antiken Säulen jedoch überstanden alles, was ihnen zugemutet wurde, und beweisen damit wieder einmal das eigenartigste aller historisch-religiösen Phänomene: dass eine einmal als heilig anerkannte Stätte heilig bleibt, unabhängig von der jeweils herrschenden Religion.
Aber wer war eigentlich dieser Tyrann Gelon(3), der den ursprünglichen Bau errichten ließ? Von allen Tyrannen – jenen Männern, die ihre Städte wie Diktatoren regierten und in der griechisch-sizilianischen Geschichte eine viel zu große Rolle spielten – konnte sich Gelon der vornehmsten Herkunft rühmen. Herodot(2) zufolge hatten seine Vorfahren die Stadt Gela gegründet. Die Prototypen dieser Tyrannen traten erstmals Anfang des 6. Jahrhunderts v. Chr. auf den Plan: Panaitios(1) in Leontinoi, Phalaris(1) in Akragas und noch einige andere. Über Panaitios ist so gut wie nichts bekannt und über Phalaris nur, dass er liebend gern Säuglinge und Kleinkinder verspeiste und einen riesigen hohlen Stier aus Bronze besaß, in dem er diejenigen röstete, die ihn verärgert hatten. Über Pantares(1) von Gela sind wir weit besser informiert. Sein Vierspänner war Sieger bei den Olympischen Spielen 512 oder 508, und nach ihm regierten seine Söhne Kleandros(1) und Hippokrates(1). Nach dem Tod von Hippokrates im Jahr 491, der in der Schlacht gegen die Sikuler an den Hängen des Ätna getötet wurde, riss dessen Kavalleriekommandeur Gelon die Macht an sich. Sechs Jahre lang regierte er seine Heimatstadt, bis er 485 v. Chr. nach Syrakus umsiedelte und mehr als die Hälfte der Bevölkerung mitnahm. Ein vernünftiger, ja unausweichlicher Schritt, denn Gela besaß keinen Hafen. Aber inzwischen setzte ohnehin niemand mehr Schiffe auf Strand, wenn es sich vermeiden ließ. Und in der gesamten griechischen Welt gab es kaum einen Hafen, der sich mit dem von Syrakus messen konnte.
Doch Syrakus hatte weit mehr zu bieten als nur seinen Hafen. Die hundert Meter vorgelagerte Insel konnte als riesige autarke Festung dienen. Hier gründeten die ersten griechischen Kolonisten ihre Stadt, die sie nach einem Beinamen der Göttin Artemis Ortygia nannten. Beinahe wie durch ein Wunder verfügte die Insel über eine schier unerschöpfliche Frischwasserquelle direkt an der Küste.1 Sie wurde Arethusa geweiht, einer der Nymphen der Göttin Artemis.
In den folgenden Jahren machte Gelon(4) aus seiner jüngsten Eroberung eine mächtige und prosperierende Stadt. Dabei half ihm ein unkluger Angriff einer anderen griechischen Stadt, Megara Hyblaea, knapp 20 Kilometer weiter nördlich an der Küste gelegen. Herodot(3) schildert das Geschehen:
Von den Bewohnern Megaras in Sizilien, das sich nach langer Belagerung zu einem Vertrag verstand, führte er [Gelon(5)] die Reichen, die den Krieg gegen ihn begonnen hatten und erwarteten, sie müßten dafür sterben, nach Syrakus und machte sie zu Bürgern. Das Volk der Megarer aber, das keine Schuld an diesem Kriege trug und keine Strafe erwartete, führte er ebenfalls nach Syrakus und verkaufte die Leute dort als Sklaven zur Verschleppung aus Sizilien. [. . .] Der Grund für diese Handlungsweise gegenüber beiden war seine Überzeugung, das Volk sei eine höchst unerfreuliche Wohngemeinschaft.2
Schon bald hatten Gelon(6) und sein Verbündeter, der unermesslich reiche Theron(1) von Akragas, ihre Macht auf den größten Teil des griechischen Siziliens ausgeweitet. Nur Selinunt und Messina hatten sich ihre Unabhängigkeit bewahren können. Und Anaxilas(1) von Messina schlug den einzigen Weg ein, der ihm möglich schien, um zusammen mit den Bewohnern der Stadt der Eingliederung zu entgehen: Er wandte sich Hilfe suchend an Karthago.
An dieser Stelle scheinen ein paar Worte über Karthago angebracht. Es war ursprünglich phönizisch; und die Phönizier – die Kanaaniter des Alten Testaments – waren ein wirklich eigenartiges Volk. Im Gegensatz zu ihren ägyptischen Zeitgenossen scheinen sie geringe oder gar keine Anstrengungen unternommen zu haben, einen einheitlichen Staat zu gründen. Das Alte Testament erwähnt das Volk von Tyros und Sidon, und im Ersten Buch der Könige lesen wir, wie Hiram(1), der König von Tyros, dem König Salomon(1) Holz und Handwerker für den Tempelbau nach Jerusalem schickte. Sein Volk hatte eine bemerkenswerte heimische Produktion entwickelt: Die Bewohner von Tyros sammelten Murex, die Purpurschnecken des Mittelmeers, aus deren Sekret sich ein tief purpurroter Farbstoff gewinnen ließ, so wertvoll, dass er nicht mit Gold aufzuwiegen war.3 Doch ihr Hauptinteresse galt stets den Ländern im Westen, mit denen sie allerdings nicht als Nation, sondern eher als loser Verbund von Kaufmannsniederlassungen Handel trieben. Heute sind sie vor allem als ein Seefahrervolk im Gedächtnis geblieben, das in die entferntesten Winkel des Mittelmeers vorstieß und Handelskolonien nicht nur auf Sizilien, sondern auch auf den Balearen und an den Küsten Nordafrikas gründete. Jenseits der Straße von Gibraltar hatten sie wichtige Niederlassungen an der marokkanischen Atlantikküste und am Golf von Cádiz. Wahrscheinlich überquerten sie auf der Suche nach Zinn aus Cornwall sogar den Ärmelkanal.
Karthago hatte seine Unabhängigkeit um 650 v. Chr. erlangt und sich dann bis zum 5. Jahrhundert zu einem mächtigen Stadtstaat entwickelt. Es war die bei Weitem wichtigste und einflussreichste aller phönizischen Siedlungen im Mittelmeerraum und etwa so groß wie das heutige Tunis. Die Überraschung ist groß, wenn man bei einem Blick auf die Landkarte feststellt, dass Tunesien gar nicht südlich, sondern fast westlich von Sizilien und gerade einmal 160 Kilometer davon entfernt liegt. Karthago war straff zentralistisch organisiert und wurde effizient regiert. Kurz gesagt, man durfte es nicht unterschätzen. Es kam dem Hilfsgesuch Messinas nach – und zwar in einem Maße, das alle Erwartungen übertraf und sich jedem Verständnis entzog. Zwar dauerte es eine Weile, bis die Karthager eingriffen, aber das lag schlicht daran, dass sie es ernst meinten. Sie waren nicht daran interessiert, unbedeutenden Tyrannen aus der Patsche zu helfen, sondern verfolgten sehr viel ehrgeizigere Ziele. Im Verlauf der nächsten drei Jahre stellten sie ein gewaltiges Heer zusammen, mit Soldaten nicht nur aus Nordafrika, sondern auch aus Spanien, Korsika und Sardinien. Gleichzeitig bauten sie eine ebenso große Flotte auf und landeten schließlich im Jahr 480 v. Chr. unter Führung ihres obersten politischen Machthabers Hamilkar(1) in Palermo. Von dort aus drangen sie die Küste entlang nach Osten bis Himera vor und griffen an.
Was als Nächstes geschah, ist so unbegreiflich wie Größe und Ausmaß der Expedition selbst. Theron(2), Gelons wichtigster Verbündeter, hatte die Route der karthagischen Flotte genau verfolgt und stand nun bereit, den Angreifern die Stirn zu bieten, obwohl er zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen war. Es gelang ihm jedoch, die Stellung zu halten, bis Gelon(7) aus Syrakus eintraf, dessen Heer etwa so groß war wie Hamilkars(2) Streitmacht, allerdings besser ausgerüstet und trainiert. Jetzt sahen sich die Karthager zu ihrer großen Bestürzung allein auf weiter Flur. Von Anaxilas(2) und den Messinesen, die sie doch schließlich gerufen hatten, war weit und breit nichts zu sehen, und auch aus Selinunt nahte keine Hilfe. In dem darauffolgenden verzweifelten Gefecht fiel Hamilkar – manche sagen auch, er nahm sich das Leben, indem er in ein loderndes Feuer sprang. Seine Schiffe, die manövrierunfähig am Strand lagen, wurden niedergebrannt. Zahllose Gefangene wurden versklavt, und Karthago musste eine immense Entschädigung zahlen. Gelon wusste das Geld hervorragend zu nutzen. Er ließ nicht nur den großen Athene-Tempel erbauen, sondern in einem aufstrebenden Viertel von Syrakus auch zwei kleinere Tempel, die Demeter und Persephone geweiht wurden, der Göttin der Fruchtbarkeit und der Ernte, und ihrer Tochter, der Königin der Toten.
Nach der Schlacht von Himera – die nach Herodot(4) auf den Tag genau mit dem großen Sieg Athens über die Perser bei Salamis zusammenfiel4 – war es, als hätte es den karthagischen Feldzug nie gegeben. Die Karthager zogen sich zurück, um ihre Wunden zu lecken. Sie machten keinen Versuch, Rache zu nehmen oder die Kampfhandlungen fortzusetzen, und verhielten sich die nächsten 70 Jahre ruhig. Anaxilas(3) durfte in Messina weitermachen wie zuvor. Er fühlte sich sogar sicher genug, nach Olympia zu reisen, wo er bei den Spielen ein nicht gerade aufregendes Rennen der Maultiergespanne gewann. Er scheint sich allmählich mit der Vorherrschaft von Syrakus abgefunden zu haben. Ein paar Jahre später verheiratete er seine Tochter mit Hieron(1), dem jüngeren Bruder und Nachfolger Gelons. Gelon(8) starb 478 v. Chr. Viele Jahre lang war er der mächtigste Mann der ganzen griechischen Welt, vielleicht sogar ganz Europas gewesen. Und trotz Herodots unschöner kleiner Geschichte über ihn war er, für einen Tyrannen eher untypisch, gerecht und gnädig. So setzte er im Friedensvertrag einen Passus durch, dem zufolge die Karthager ihre Tradition des Menschenopfers aufgeben mussten, was sie nicht ohne Bedauern akzeptierten. Nicht nur in Syrakus, auch in vielen anderen Städten von Magna Graecia wurde Gelon aufrichtig betrauert.
Allerdings färbten Gelons Popularität und die Achtung, die man ihm entgegenbrachte, nicht auf Hieron(2) ab. Zwar meinte Hieron es gut, aber er war nicht ansatzweise so fähig oder klug wie sein Bruder. Aus einer tiefen Unsicherheit heraus baute er eine riesige Geheimpolizei auf, die wenig bewirkte, außer ihn noch unbeliebter zu machen. Wie Gelon(9) siedelte er ganze Bevölkerungsgruppen um. Er brachte die Bewohner von Naxos5 und Catania nach Leontinoi, gründete Catania unter dem Namen Ätna neu und bevölkerte es mit Einwanderern vom Peloponnes. Auch an Ehrgeiz mangelte es ihm nicht: Im Jahr 474 v. Chr. entsandte er als Antwort auf eine Bitte aus Cumae eine Flotte in den Golf von Neapel, die den Etruskern eine vernichtende Niederlage beibrachte.
Sein vielleicht angenehmster Zug war seine Liebe zu den Künsten. Pindar(1), Simonides(1) sowie der Tragödiendichter Aischylos,(1)6 aber auch weniger bedeutende Dichter und Philosophen waren an seinem Hof in Syrakus willkommen; der alte Zauber war jedoch dahin. Es ist die Autokratien eigene Schwäche, dass ihr Erfolg vollständig vom Charakter und der Stärke des Autokraten abhängt. Eine Erbmonarchie kann hin und wieder einen schwachen Herrscher verkraften, eine Tyrannis scheitert. Und leider erwies sich Hieron(3) als völlig unzulänglich. Nachdem er 468 v. Chr. bei den Olympischen Spielen noch ein weiteres Wagenrennen gewonnen hatte, starb er im darauffolgenden Jahr. Kurz und ruhmlos folgten ihm zwei weitere Brüder nach, die beide verbannt wurden.
Nun wäre zu erwarten gewesen, dass irgendein neuer, nicht mit den Brüdern verwandter Abenteurer seine Chance erkannte und einen Staatsstreich wagte. Doch aus irgendeinem Grund kam die Tyrannenherrschaft plötzlich aus der Mode. Nicht nur Syrakus, bei Weitem die wichtigste Stadt Siziliens, kehrte zu einer Form der Demokratie zurück, sondern fast alle kleinen Tyrannenherrschaften auf der Insel (deren Schicksal zu verfolgen wir hier keine Zeit, keinen Platz und keinen Grund haben). Dieser Sinneswandel warf seine eigenen Probleme auf: So viele einheimische Bevölkerungsgruppen waren entwurzelt und in andere Städte verfrachtet worden, dass man kaum entscheiden konnte, wem ein Stimmrecht zustand und wem nicht. Die Folge waren 50 Jahre Chaos und Wirren. Vielleicht fühlten sich die Athener im Jahr 415 v. Chr. deshalb ermutigt, mehr als 250 Schiffe und ungefähr 40 000 Mann – Thukydides(2) zufolge eine der prächtigsten und kostspieligsten Flotten, die jemals eine griechische Stadt aufgeboten hatte – gegen Syrakus zu entsenden.
Aus Gründen, die nicht ganz klar sind, zeigte Athen ab den 450er Jahren, als es einen bis dato nicht vorstellbaren Freundschaftsvertrag mit Segesta geschlossen hatte – ein diplomatischer Coup, heute vergleichbar einem Pakt zwischen China und Paraguay –, ein etwas unheimliches Interesse an Sizilien. Eine Reihe ähnlicher Verträge folgte, und als im Jahr 427 v. Chr. Leontinoi um Hilfe bei der Abwehr eines Angriffs aus Syrakus bat, schickten die Athener umgehend 20 Schiffe. Eine in jedem Fall großzügige, im vierten Jahr des Peloponnesischen Krieges, in dem Athen um seine Existenz kämpfte, jedoch erstaunliche Geste. Thukydides(3) behauptet, nicht sehr überzeugend, es sei darum gegangen, die Lieferung von Getreide an die Feinde Athens zu verhindern.
Bis 415 hatte der Peloponnesische Krieg, der im Kern eine Auseinandersetzung zwischen Athen und Sparta war, kaum Auswirkungen auf Sizilien. Doch waren im Jahr zuvor – nicht zum ersten Mal – Feindseligkeiten zwischen den beiden im Westen gelegenen Städten Segesta und Selinunt aufgeflammt. Segesta, die deutlich schwächere der beiden, hatte Akragas, Syrakus und Karthago vergeblich um Hilfe gebeten und schließlich verzweifelt eine Gesandtschaft nach Athen geschickt. Zwar befand sich Athen genaugenommen noch im Krieg, doch nachdem ein unsicherer Waffenstillstand geschlossen worden war, lungerte eine Menge gelangweilter Kämpfer herum, die Beschäftigung brauchten. Außerdem gab es da einen jungen herausragenden Politiker namens Alkibiades(1) – einst Schützling des großen Perikles(1) –, der begeistert die Idee eines großangelegten Sizilienfeldzugs verfocht. Er hatte keine hohe Meinung von den Sizilianern, und in einer langen Rede an den Senat erklärte er auch, warum:
Und den Beschluß wegen Sizilien müßt ihr nicht umwerfen, als führen wir gegen eine zu große Macht, denn von zusammengewürfelten Massen wimmeln dort die Städte und haben viel Wechsel ihrer Bürger und neuen Zuzug. [. . .] Es ist unwahrscheinlich, daß ein solches Gemenge beim Planen auf eine Meinung hört oder beim Wirken gemeinsam vorgeht.7
Die Athener glaubten ihm und begannen den Feldzug.
Beinahe augenblicklich schien das bedrängte Segesta auch schon vergessen. Die Athener hatten Lohnenderes im Sinn. Gut möglich, dass sie ganz Sizilien unterwerfen wollten. Klar war jedenfalls, dass ihr erstes Angriffsziel die wichtigste Stadt der Insel sein musste: Syrakus. Sie stachen in See, doch kaum waren die Truppen dort an Land gegangen, fingen die Kommandeure zu streiten an. Alkibiades(2), der Fähigste von ihnen, wurde umgehend nach Athen zurückbeordert, um sich vor Gericht gegen den Vorwurf des Kultfrevels zu verantworten, und spielte bei den weiteren Kämpfen keine Rolle mehr, vielleicht hätte der Feldzug sonst einen anderen Ausgang genommen. Keiner der anderen Generäle schien einen konkreten Angriffsplan zu haben. Wochenlang zauderten sie und gaben Syrakus damit genug Zeit, sich zum Widerstand zu rüsten – und Hilfe zu holen. Sparta mit seinem exzellent ausgebildeten Heer und Korinth mit seiner imponierenden Seestreitmacht reagierten prompt. Und bald mussten die Athener feststellen, dass die Eroberung Siziliens kein Spaziergang war, wie sie geglaubt hatten – und die Einnahme von Syrakus auch nicht.
Hinzu kam, dass Syrakus, im Gegensatz zu Athen, einen ausgezeichneten Befehlshaber hatte. Thukydides(4) beschreibt Hermokrates(1) als hochintelligent, kriegserfahren und von auffallendem Mut. Xenophon(1) schildert ihn als gründlich, fleißig und für einen General ungewöhnlich aufgeschlossen gegenüber seinen Männern. Im Jahr 415 v. Chr. hatte er als einer der Ersten seine Landsleute vor der Gefahr aus Athen gewarnt und einen entschlossenen Versuch unternommen, Sizilien und Karthago gegen Athen zu einen, als noch Zeit dafür war. Allerdings war er damit gescheitert. Manche hatten ihn als Schwarzseher diffamiert, andere als Kriegshetzer verunglimpft. Offenbar war mehr als nur ein Schatten dieses Verdachts an ihm hängen geblieben, denn die Syrakuser weigerten sich, ihn mit dem Oberkommando zu betrauen. Stattdessen wählten sie ihn als einen von drei Generälen, die sich die Entscheidungsgewalt teilen sollten. Aufgrund dieser törichten Regelung waren ihm die Hände weitgehend gebunden.
Die Kämpfe dauerten zwei volle Jahre, und mindestens zweimal hatten die Athener die Stadt fast in ihrer Gewalt: Im Jahr 414 konnte ein größerer Sklavenaufstand gerade noch verhindert werden, und noch im selben Jahr sah sich Hermokrates(2) gezwungen, Friedensverhandlungen aufzunehmen. Nur das rechtzeitige Eintreffen des spartanischen Generals Gylippos(1) samt Verstärkung rettete noch einmal die Lage. Anfangs war Gylippos in Syrakus nicht gerade beliebt, doch schon bald erwies er sich als Profi durch und durch, und Hermokrates schluckte seinen Stolz hinunter und akzeptierte ihn als vorgesetzten Offizier. Letztlich sorgten diese beiden Männer für die Niederlage Athens, über welche die Stadt lange nicht hinwegkommen sollte.
Aber auch andere Gründe spielten für das Scheitern der Athener eine Rolle. Im Lauf der Zeit litten immer mehr ihrer Soldaten unter Heimweh und waren demoralisiert, was sie zunehmend anfällig für Krankheiten machte, insbesondere für die in Athen unbekannte, aber in Sizilien grassierende Malaria. Schließlich mussten die athenischen Befehlshaber ihren Misserfolg anerkennen und gaben Order zum Rückzug. Jedoch zu spät, denn die Syrakuser und ihre Verbündeten starteten einen Überraschungsangriff in letzter Minute, und die im Hafen eingeschlossene athenische Flotte wurde vernichtet. Es folgte ein wahres Massaker. Die beiden wichtigsten Generäle, der schwerkranke Nikias(1) und Demosthenes(1), wurden hingerichtet. Und 7000 ihrer Männer wurden gefangen genommen und zur Zwangsarbeit in die Kalksteinbrüche geschickt, die heute außerhalb der Stadt besichtigt werden können; die Spuren ihrer Spitzhacken sind noch zu sehen. In den nächsten Monaten starben viele von ihnen an der Kälte und anderen Unbilden des Wetters. Zahllose andere wurden auf der Stirn mit dem Zeichen eines Pferdes gebrandmarkt und in die Sklaverei verkauft. (Plutarchs Behauptung, dass einige Glückliche freigelassen wurden, weil sie Chöre aus den Tragödien des Euripides rezitieren konnten, ist mit Vorsicht zu begegnen.) Thukydides fasste das Ergebnis in dem Satz zusammen: »für die Sieger der größte Ruhm, für die Untergegangenen das größte Unglück.«8
Sizilien hatte gesiegt und war, jedenfalls für den Augenblick, sicher vor fremden Invasoren. Doch der Peloponnesische Krieg war keineswegs zu Ende. Und Hermokrates(3), jetzt beschäftigungslos, übernahm das Kommando über eine Flotte aus 20 Trieren, um in der Ägäis für Sparta zu kämpfen. Zwei Jahre lang ging alles gut, aber im Jahr 410 v. Chr. wandte sich das Schicksal gegen ihn. Vielleicht war er zur See weniger begabt als an Land, jedenfalls wurden bei einer erbittert geführten Schlacht vor Kyzikos im Marmarameer alle seine Schiffe von einer athenischen Flotte zerstört. Er kehrte nach Sizilien zurück, doch die Tore von Syrakus blieben ihm verschlossen. Möglicherweise misstrauten ihm die Bewohner trotz seiner glorreichen Vergangenheit und fürchteten, er wolle sich in seinem Ehrgeiz zum Tyrannen aufschwingen – und wahrscheinlich waren ihre Befürchtungen berechtigt. Als er im Jahr 407 einen entschlossenen Vorstoß in die Stadt wagte, wurde er umzingelt und ermordet.
An Hermokrates(4)’ Seite war an jenem Unglückstag auch ein großer, rothaariger junger Mann von 24 Jahren mit Namen Dionysios(1). Ein moderner Biograf nimmt an, dass er zwar »von Haus aus wohlhabend, aber gewöhnlicher Herkunft«9 war. Es heißt, er habe seine Bestimmung erkannt, als sich eines Tages ein Bienenschwarm in der Mähne seines Pferdes festsetzte.10
Tatsächlich wissen wir so gut wie nichts über seine Familie oder seine Herkunft – nur dass es ihm bestimmt war, allen Ruhm einzuheimsen, nach dem sein ehemaliger Heerführer getrachtet hatte, und noch viel mehr. Im Rückblick auf die jüngsten Ereignisse muss Dionysios(2) klar geworden sein, dass das Scheitern des athenischen Feldzugs und der gescheiterte Staatsstreich gegen seine Stadt Syrakus ein und dieselbe Ursache hatte: die mangelndem Können oder äußeren Einflüssen geschuldete Unfähigkeit der jeweiligen Befehlshaber. Von den athenischen Generälen hatte jeder seine eigene Vorstellung, wie die Operation ausgeführt werden sollte, während Nikias(2), der ranghöchste von ihnen, viel zu krank war, um ein Oberkommando zu leiten. Syrakus wiederum verfügte mit Hermokrates(5) über ein außergewöhnliches militärisches Talent, ließ ihm dann aber aus Feigheit keine freie Hand. Doch wie hatte all dies geschehen können? Der Fehler lag, so dürfte der junge Mann geschlussfolgert haben, im demokratischen System. Demokratie bedeutete Uneinigkeit. Nur wenn ein großer Führer die absolute Macht innehatte, konnte er seine Fähigkeiten voll entfalten und seine höchsten Ziele erreichen.
Gern würde man berichten, dass der schmachvolle Abzug der Athener den Frieden auf Sizilien wiederherstellte. Doch leider geschah nichts dergleichen. Selinunt und Segesta nahmen ihre alten Feindseligkeiten wieder auf, und 410 v. Chr. ersuchte ein verzweifelter Segesta erneut um Hilfe, diesmal in Karthago. Die Karthager kamen der Bitte nach – vermutlich hatten sie ihre katastrophale Intervention 70 Jahre zuvor inzwischen vergessen. Im ersten Jahr konnten sie nur eine kleine, eilig zusammengestellte Streitmacht schicken. Im Jahr 409 folgte dann ein stattliches Heer unter dem Befehl von General Hannibal,(1)11 das Selinunt binnen einer Woche in einen rauchenden Trümmerhaufen verwandelte. Die Bewohner der Stadt, die sich nicht in Sicherheit gebracht hatten, wurden abgeschlachtet. Danach stieß Hannibal nach Himera vor, wo seine Männer ein weiteres Massaker anrichteten, bevor sie bei Einbruch des Winters nach Nordafrika zurückkehrten.
Doch das Blut der Karthager war in Wallung geraten. Mit Sizilien waren sie noch lange nicht fertig. Und so kehrten sie im Frühjahr 406 zurück, mit einem noch größeren Heer und einem neuen Ziel: Akragas, das sich dank seiner umsichtigen Neutralität bei früheren Feindseligkeiten zu einer wohlhabenden Stadt entwickelt hatte. Die Syrakuser sammelten sich zur Verteidigung von Akragas, doch zu ihrer großen Entrüstung und trotz ihrer heftigen Vorwürfe rührten die Männer von Akragas kaum einen Finger. Allzu lange hatten sie ein angenehmes Leben geführt, vielleicht auch allzu sehr dem Luxus gefrönt, für den sie berühmt waren, und die weichen Betten und Kissen genossen, die sie bis in den letzten Winkel der griechischen Welt exportierten. Ein militärischer Erlass aus jener Zeit verbot es Soldaten, während ihrer Wache mehr als drei Decken und zwei Kissen zu benutzen. Unter diesen Umständen war es nicht sehr wahrscheinlich, dass sie bereit waren, sich in einen Kampf zu stürzen. Und tatsächlich gaben die Bewohner ihre Stadt auf und flüchteten nach Leontinoi, während die siegreichen Karthager plündernd in Akragas einzogen. Unter den zahllosen Kunstschätzen, die sie nach Hause schafften, soll auch der Bronzestier gewesen sein, in dem der Tyrann Phalaris(2) einst seine Opfer geröstet hatte.
Die Ereignisse von Akragas verfehlten nicht ihre Wirkung auf Syrakus, wo eine ohnehin prekäre politische Situation nun noch gefährlicher wurde, und Dionysios(3) erblickte seine Chance. Ohne größere Schwierigkeiten – in der Regierung ging sein Stern bereits auf – ließ er sich in das Feldherrnkollegium der Stadt wählen. Von da aus war es nur noch ein kleiner Schritt bis zum Oberkommando. Natürlich zögerte er nicht, es zu übernehmen. Karthago befand sich immer noch auf dem Kriegspfad. In den nächsten Monaten sollte Gela ein ähnliches Schicksal erleiden wie Akragas, und gewiss war Syrakus als Nächstes an der Reihe. Doch plötzlich überlegten es sich die Karthager anders und kehrten nach Hause zurück. Warum, das wissen wir nicht. Der antike Geschichtsschreiber Diodoros(1) spricht vage vom Ausbruch einer Seuche, aber es kann sein, dass Dionysios(4) selbst etwas damit zu tun hatte. Er war wohl bereits damals eine eindrucksvolle Persönlichkeit. Unwahrscheinlich, dass er die Karthager einzuschüchtern vermochte, geschweige denn eine Seuche unter ihnen hätte ausbrechen lassen. Aber vielleicht reichte sein diplomatisches Geschick aus, sie zu überzeugen, dass sich ein Angriff auf seine Stadt schlichtweg nicht lohnte.
Wie auch immer. Jedenfalls wurde ein Friedensvertrag unterzeichnet, in dem Syrakus erstmals eine karthagische Provinz auf Sizilien anerkennt. Die karthagischen Siedlungen, alle weit im Westen der Insel gelegen, sollten alleiniger Besitz Karthagos sein. Die besiegten Bevölkerungsgruppen durften unter der Bedingung nach Hause zurückkehren, dass sie ihre Städte nicht befestigten und eine jährliche Abgabe entrichteten. Über Syrakus jedoch erlangte Karthago keinerlei Macht. Dionysios(5) hatte die Stadt bereits fest in seiner Hand. Die zweite Epoche sizilianischer Tyrannen war angebrochen.
Um seinen Hals nicht dem Friseur darbieten zu müssen, lehrte er seine Töchter das Haareschneiden. So rasierten denn in niedrigem Mägdedienst die Königstöchter wie Coiffeusen Bart und Kopf ihres Vaters. Und von ihnen sogar entfernte er, als sie erwachsen waren, das Eisen und verfügte, daß ihm Bart und Kopfhaar mit glühenden Nußschalen gesengt würden. Er hatte zwei Frauen, seine Mitbürgerin Aristomache und Doris aus Lokroi. Nachts pflegte er in der Weise zu ihnen zu kommen, daß vorher alles ausspioniert und durchsucht wurde. Außerdem ließ er das Ehebett mit einem breiten Graben umgeben, über den man nur auf einer Holzbrücke gelangen konnte, und nachdem er die Tür des Schlafraums geschlossen hatte, ließ er erst noch diese Brücke wegdrehen.12
Diese Passage aus Ciceros(2) Gesprächen in Tusculum, die erst rund 400 Jahre nach dem Tod des Protagonisten geschrieben wurde, sollte wohl nicht als historische Anekdote, sondern eher als ein Beispiel für die wild wuchernden Gerüchte gelesen werden, die sich um legendäre Herrscher ranken, besonders wenn sie so lange an der Macht bleiben, dass sie beinahe zur Symbolgestalt werden. Dionysios I. von Syrakus(6) wurde »von einem Sekretär und ganz gewöhnlichen Privatmann zum Tyrannen über die größte Stadt der griechischen Welt und behauptete seine Herrschaft bis zum Tode, nachdem er achtunddreißig Jahre als Gewaltherrscher regiert hatte«.13
Wie hat er das geschafft? Gewiss verfügte er über all die für einen Herrscher unabdingbaren Eigenschaften: Mut, Selbstbewusstsein, eine hohe Intelligenz, Entschlossenheit und die Gabe der Redekunst, die in der griechischsprachigen Welt seit jeher von größter Bedeutung war. Doch er hatte noch etwas, das später nur wenige – sehr wenige – überragende Gestalten der Geschichte wie Alexander der Große(1), Julius Caesar(2) und Napoleon(1) besaßen. Man könnte von Charisma sprechen oder von Starqualitäten. Genau lässt es sich nicht fassen, aber man spürt es einfach, wenn man einer solchen Persönlichkeit begegnet – und Dionysios(7) von Syrakus war reich damit gesegnet.
Es ist faszinierend zu sehen, mit wie viel Fingerspitzengefühl und Raffinesse – es gibt keinen anderen Ausdruck dafür – Dionysios(8) in die Position der Macht aufrückte. Weder verbündete er sich mit der Aristokratie (zu der er keineswegs gehörte) noch mit dem Volk. Er wollte nicht als Rebell und schon gar nicht als Revolutionär gesehen werden. In seiner Argumentation stellte er die Sicherheit der Stadt und ihrer Bewohner in den Vordergrund: Der Feind stehe im Grunde immer noch vor den Toren; man müsse jederzeit mit einem neuen Angriff rechnen; und nach dem armseligen Schauspiel, das die anderen Generäle aus Syrakus in Akragas und Gela geboten hatten – von denen etliche, so verbreiteten es seine Agenten, in Geheimverhandlungen mit Karthago standen –, erklärte er in aller Bescheidenheit, dass ihm und nur ihm allein das Oberkommando zustehe. Um seine Position zu stärken, nahm er Hermokrates(6)’ Tochter zur Frau und verheiratete seine Schwester mit deren Schwager.14 Erst als er fest im Sattel saß, ging er gegen seine potenziellen Feinde vor.
Als Nächstes eignete sich Dionysios(9) die ganze – fast einen Quadratkilometer große – Insel Ortygia an, die schon immer das exklusivste Wohnviertel von Syrakus gewesen war und auf der seit kurzer Zeit der Athene-Tempel stand. Er baute die Insel zu seiner persönlichen Festung aus. Neben der weitläufigen Kaserne für sein Söldnerheer und Teile seiner Flotte15 standen hier auch die Häuser seiner engsten Freunde und Mitstreiter. Die Insel hatte den zusätzlichen Vorteil, dass sie nur durch eine Brücke mit dem Festland verbunden war, die man – wie den vorher erwähnten Zugang zu seinem Schlafzimmer – notfalls unbenutzbar machen konnte.
Dionysios(10)’ vorrangiges Ziel war es, sein Herrschaftsgebiet zu erweitern und auf diese Weise seine Macht und seinen Reichtum zu mehren. Doch was dieses Herrschaftsgebiet war, ist gar nicht leicht einzugrenzen. Zweifellos reichte es – mit Ausnahme des äußersten Westens, der in der Hand Karthagos blieb – weit über Syrakus hinaus und erstreckte sich über ganz Sizilien, einen großen Teil des südlichen Kalabriens (den Zeh des italienischen Stiefels) und die Basilikata (den Spann), hinzu kamen Ländereien im Mündungsgebiet des Po und ein paar Enklaven an der dalmatinischen Küste. Ein Vertrag, den er 367 v. Chr. mit Athen schloss, versprach athenische Hilfe für den Fall eines Krieges gegen Dionysios(11), seine Nachkommen oder »irgendeinen Ort unter Dionysios’ Herrschaft«. Es handelt sich um eine der wenigen internationalen Vereinbarungen der Weltgeschichte, die mit einem Staatsoberhaupt persönlich und nicht mit dem Staat getroffen wurden.
Dionysios(12)’ Hauptfeind war natürlich Karthago. Nachdem er seine Position auf Sizilien gefestigt hatte, traf er ein paar Jahre später ernsthafte Kriegsvorbereitungen, indem er Schiffbaumeister, Handwerker und Militäringenieure nach Sizilien holte. Sie statteten ihn mit Belagerungsgerät und Katapulten aus, wie man sie auf der Insel noch nie gesehen hatte. Ende 398 war er dann so weit. Noch bevor er offiziell den Krieg erklärt hatte, griff er die kleine karthagische Handelssiedlung in Syrakus an, plünderte sie und zerstörte alle ihre Schiffe, die zufällig im Hafen lagen. Die meisten anderen griechischen Städte auf der Insel folgten seinem Beispiel. Sein erstes richtiges Angriffsziel war Motya16, eine kleine Insel vor der größten und bevölkerungsreichsten karthagischen Siedlung Siziliens an der Westküste. Der Damm, der sie mit dem Festland verband, wurde von den Verteidigern zerstört, doch die Insel hielt bis zum Spätsommer 397 durch, bevor sie kapitulierte. Für ihren Widerstand zahlte sie einen hohen Preis. Ein Großteil der Bevölkerung wurde niedergemetzelt, alle Griechen, die Karthago gegenüber loyal gewesen waren, wurden gekreuzigt.
Im folgenden Jahr breiteten sich die Kämpfe über ganz Sizilien aus. Aus Karthago trafen ein großes Heer und eine ansehnliche Flotte ein, und einige Städte fanden sich damit ab. Die Mehrheit allerdings kämpfte mit aller Kraft. Messina wurde dem Erdboden gleichgemacht, doch Syrakus, das nächste Angriffsziel, wurde wieder einmal durch eine Seuche gerettet, die unter den Invasoren grassierte. Sofort ging Dionysios zum Angriff über, und die Karthager ergaben sich. Gegen die Zahlung von 300 Talenten – das waren ihre gesamten finanziellen Mittel – ließ man sie unbehelligt ziehen. Ihre von ihnen im Stich gelassenen Verbündeten, darunter mehrere Söldnerkontingente aus Nordafrika und Spanien, mussten sich allein durchschlagen.
Der Sieg von Syrakus war allerdings nicht das Ende der karthagischen Kriege. 393 und 392 unternahmen die Karthager weitere – erfolglose – Invasionen, bevor sie in den Jahren nach 383 v. Chr. erneut die Oberhand gewannen. Niemand weiß, wo genau Kronion lag, der Schauplatz von Dionysios(13)’ erster schwerer Niederlage. Dort verlor er den Großteil seines Heeres – und seinen Bruder Leptines. Er musste eine Entschädigung in Höhe von 1000 Talenten zahlen und neue Grenzziehungen akzeptieren, die ihn Selinunt und fast das gesamte Akragas kosteten. Im Jahr 368 v. Chr. nahm er Rache und konnte Selinunt zurückerobern. Doch war sein Werk unvollendet, als er in jenem Winter starb. Hinsichtlich seines Todes gibt es verschiedene Theorien. Einem Bericht zufolge ließ ihn sein Sohn und Nachfolger von seinen Ärzten vergiften; laut einem anderen starb er, nachdem er allzu ausgelassen die Nachricht gefeiert hatte, dass sein Stück Die Auslösung Hektors bei einem nicht sehr hochkarätigen Theaterfestspiel in Athen den ersten Preis gewonnen hatte.
Dionysios(14) selbst sah sich immer als einen Schriftsteller und Gelehrten. Im Jahr 388 v. Chr. beehrte Platon(1) seinen Hof mit einem Besuch, während der Historiker Philistos(1) und der Dichter Philoxenos(1) regelmäßig Gäste in Syrakus waren – auch wenn Philoxenos einmal in die Steinbrüche verbannt wurde, weil er sich über die Dichtung seines Herrschers despektierlich geäußert hatte. Auf Bitten mehrerer Freunde wurde er kurz darauf wieder freigelassen, leider noch rechtzeitig, um einer weiteren Lesung beizuwohnen. Er erduldete sie schweigend, bis ihn der Tyrann erneut nach seiner Meinung fragte. »Zurück in die Steinbrüche«, murmelte er.
Dante(1) verbannt Dionysios(15) – ein bisschen ungerecht – in den siebten Kreis der Hölle, wo er in den Phlegeton, einen Fluss aus siedendem Blut und Feuer, getaucht wird. Der erste oder zweite Höllenkreis hätte durchaus gereicht. Ja, Dionysios(16) war ehrgeizig, charismatisch, extravagant, vielleicht auch grausam – aber nicht grausamer als die meisten zeitgenössischen Herrscher, dabei aber vermutlich sehr viel intelligenter. Doch sein wichtigstes Ziel, die endgültige Vertreibung der Karthager aus Sizilien, hat er nicht erreicht. Wäre ihm das gelungen, hätte er womöglich einen Großteil Italiens erobert und sogar der wachsenden Macht Roms Einhalt geboten. Als er starb, herrschte er jedenfalls über beinahe die gesamte Insel, ganz zu schweigen von seinen ausgedehnten Territorien auf dem Festland. Seine bemerkenswerteste Hinterlassenschaft sind die Reste der Stadtbefestigung, die in vierjähriger Bauzeit zwischen 401 und 397 v. Chr. entstand, mit dem eindrucksvollen Castello Eurialo als baulichem Höhepunkt. Eine touristische Sehenswürdigkeit ist »das Ohr des Dionysios(17)«, wie es der Maler Caravaggio(1) nannte: eine seltsame Felsformation, dank derer er angeblich in der Lage war, seine Sklaven zu belauschen, wenn sie in den Steinbrüchen arbeiteten. Wie er das jedoch hätte bewerkstelligen sollen, ist kaum vorstellbar.
