Sklaverei - Michael Zeuske - E-Book

Sklaverei E-Book

Michael Zeuske

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Beschreibung

"Sklaverei" – das Wort lässt an afrikanische Arbeiter auf amerikanischen Plantagen denken. Doch Verschleppungen und Zwangsarbeit gab es schon, als die Menschen gerade erst sesshaft geworden waren, und es gab sie so gut wie überall. Michael Zeuske führt in dieser umfassenden Darstellung durch die gesamte Geschichte der Versklavten und der Sklaverei in allen Weltgegenden. Er macht seine Leser mit chinesischen Kindersklaven genauso bekannt wie mit osmanischen Elitesklaven oder den "Hofmohren" in preußischen Residenzstädten. Und er blickt in die Gegenwart. Denn auch heute werden Menschen noch wie Waren behandelt – von der Zwangsprostituierten bis hin zum Kindersoldaten. "Ein vielschichtiger historischer Blick auf ein höchst brisantes Thema." (DIE ZEIT)

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Seitenzahl: 438

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Michael Zeuske

Sklaverei

Eine Menschheitsgeschichte von der Steinzeit bis heute

Mit 10 Karten

Reclam

2018, 2021 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Covergestaltung nach einem Entwurf von zero-media.net

Covermotiv: mauritius images / ClassicStock / Sipley, mauritius images / Science Source / LOC, FinePic®, München

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2018

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN978-3-15-961309-3

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-020546-4

www.reclam.de

Inhalt

Vorwort zur Neuausgabe

Sklaverei – eine sehr alte Schlange

Definitionen

Globalhistorische Sklavereiplateaus

Erstes Sklavereiplateau ohne Menschenhandel (Beginn etwa 20 000 / 8000 v. Chr.)

Zweites Sklavereiplateau (Beginn etwa 3. Jahrtausend v. Chr.)

Drittes Sklavereiplateau (Beginn etwa 1400 n. Chr.)

Viertes Sklavereiplateau – Abolitionsdiskurse, Bond-Sklaverei und Second Slaveries (Beginn um 1800)

Ein fünftes Sklavereiplateau (Beginn etwa 1900)?

Und heute?

Was kosten menschliche Körper?

Andere globale Räume – andere Sklavereien. Fallbeispiel China

Versklavte weltweit in Zahlen

Die östliche Hemisphäre: Indischer Ozean, Ostafrika und Pazifik

Die westliche Hemisphäre der Atlantic Slavery: Afrika – Atlantik – Amerika und zurück

Kein Ende nach dem Ende – Diskurse und Realitäten der globalen Sklaverei seit 1800

Literaturhinweise (Auswahl)

Webseiten

Verzeichnis der Karten

Vorwort zur Neuausgabe

Das Interesse an Sklaverei allgemein und ihren Folgen bis heute hat seit der Erstveröffentlichung des vorliegenden Buches 2018 stark zugenommen. Diese Zunahme ist neuen Forschungen, aber auch der memory-Bewegung, den Diskussionen darüber und den Dekolonisierungsdebatten geschuldet. Die breitere Öffentlichkeit wird mit diesem Diskurs etwa durch den Streit um Straßennamen, Denkmäler und Museen konfrontiert. Das Interesse an Sklaverei ist historisch, memory sowie Dekolonisation sind politische Phänomene.

Zunächst zum Historischen. Seit ich 1987 als Assistent in Leipzig Vorlesungen des kanadischen Historikers Clarence J. Munford hörte, beschäftige ich mich, zunächst eher neben globalhistorischen Forschungen zur Revolutionsführung im nördlichen Südamerika (Simón Bolívar im Rahmen des Zentrums für Vergleichende Revolutions-/Transformations-Forschung unter den Universalhistorikern Walter Markov und Manfred Kossok), mit Sklaverei und Sklavenhandel in der Karibik. Nach dem Zusammenbruch des Staats-Marxismus und der Umstrukturierung der Universitäten in der ehemaligen DDR begann ich 1993 mit Forschungen, die sich nach eher strukturellen Ansätzen (die Idee bestand darin, den Klassenbegriff auf schwarze Versklavte in Kuba anzuwenden) auf die »Stimmen der Versklavten« konzentrierten. Aus einer Regionalgeschichte des 1860–1886 weltweit modernsten Massensklaverei-Industriegebiets um Cienfuegos im mittleren Süden Kubas wurde sehr schnell postkoloniale Mikrogeschichte, und ich befasste mich mit Lebensgeschichten ehemaliger Versklavter und ihrer Nachkommen.

Dieser Ansatz führte mich immer tiefer in Provinzarchive der Region, in denen Tausende Notariatsprotokolle über Kauf und Verkauf menschlicher Körper, Testamente ehemaliger Sklavinnen und Sklaven sowie Akten zu Gerichtsverhandlungen unter Beteiligung von Versklavten und ihren Nachkommen zu finden waren. Ich analysierte ellenlange Namenslisten ehemaliger Sklaven und ihrer Nachkommen (Wahllisten, Armeelisten). Dazu kamen Narrative ehemals Versklavter, sogenannte testimonios (unter anderen das berühmte Buch Der Cimarrón von Miguel Barnet über den geflohenen Sklaven Esteban Montejo) und zeitgenössische Beobachtungen sowie Analysen von Sklaverei – wie die Alexander von Humboldts in seinem Buch Politischer Essay über die Insel Kuba (frz. 1826, span. 1827, dt. 1889).

Nach zehn Jahren intensivster Studien und Feldforschungen (u. a. auf ehemaligen Sklavenplantagen, die zu großen Zucker-Agrarindustriezentren geworden waren, in Sklavenhäfen und an Küsten, an denen geschmuggelte Versklavte aus Afrika illegal angelandet worden waren) hatte ich unzählige Käufe und Verkäufe von Versklavten auf Kuba (Abolition 1886) sowie Namen von Nachkommen ehemals Versklavter recherchiert. Ich verfügte über eine umfassende Datenbasis zu einer konkreten Sklaverei (die übrigens die wirtschaftlich profitabelste des 19. Jahrhunderts war). Das Aufschlussreichste war aber ein Negativ-Ergebnis: Ich habe nur extrem wenige »Stimmen« in Selbst-Repräsentation von Versklavten in der Sklaverei (nicht danach!) gefunden. Zwar hatte ich dank des mikrohistorischen Ansatzes und der extrem vielen Dokumente und Beobachtungen vor Ort ›Grund berührt‹. Aber ich traute mich gerade wegen dieses Ansatzes kaum noch, Aussagen zur Nachbarprovinz auf Kuba, zu anderen Sklavereikolonien der Karibik (wie Jamaika oder Martinique) oder gar weltweit zu machen, weil es dort ähnlich viel Material gab und gibt.

Da kam es mir sehr gelegen, dass 2005 im Nationalarchiv Kubas in Havanna Interna aus dem Leben eines Sklavenschiffskapitäns namens Ramón Ferrer, des Kapitäns und Besitzers des filmnotorischen Schoners Amistad, auftauchten. Ich machte mich atlantikweit auf die Suche nach den Schiffen dieses Kapitäns. Auch, weil Sklavenschiffskapitäne, Offiziere, Ärzte, Mannschaften, Matrosen und Köche (wenn man so will, die direkten Versklaver), sehr nahe an den Versklavten ›dran‹ waren (im Englischen heißt das face-to-face). Die Zeugnisse und Darstellungen der direkten Versklaver, von denen es sehr viel mehr als von Versklavten gibt, konnten mir verlässliche Informationen über die Lebensbedingungen der Versklavten geben. Der Grundansatz aller meiner Bücher und Texte zur Sklavereigeschichte ist immer das Interesse am Leben versklavter Menschen gewesen. Das gilt auch für die Zukunft und für das vorliegende Buch.

Aus dieser Suche ging alles hervor, was ich zu atlantischem Sklavenhandel und illegalem Menschenschmuggel (den ich mit dem Konzept des Hidden Atlantic erfasse) geschrieben habe. 2006 erhielt ich das Angebot, eine 600-seitige Weltgeschichte der Sklaverei zu verfassen. Ich wandte mich wieder der Globalgeschichte zu, erinnerte mich meiner welthistorischen Ausbildung bei Markov und Kossok in Leipzig 1976–1990 und behielt zugleich die mikrohistorische Herangehensweise bei. Schnell stellte ich fest, dass sich fast alle Sklaverei-Gesamtgeschichten auf die traditionelle Linie dessen konzentrieren, was ich »hegemonische Sklavereien« (nach dem Muster der »Sklavengesellschaften« von Moses I. Finley) aus europäischer oder nordamerikanischer Sicht nenne: Sie behandeln die Antike (meist Griechenland und Rom), das Mittelalter eher nicht und von den neuzeitlichen Sklavereien vor allem den Süden der USA und meist noch ›etwas Karibik‹ – in der Regel die britische. Eine gewisse Ausnahme stellt José Antonio Saco mit seiner Historia de la esclavitud vom Ende des 19. Jahrhunderts dar (den ich im vorliegenden Buch öfter zitiere). Davon deutlich getrennt gab es mehr und mehr soziologische, politikwissenschaftliche oder anthropologische Studien zur sogenannten »modernen Sklaverei«. Ich wusste aber aus meiner mikrohistorischen Arbeit, dass es extrem viele konkrete Sklavereiregimes sowie Sklavereien mit ihren Folgen und Konsequenzen für das Leben von Versklavten und ihrer Nachkommen gab und bis heute gibt. Und dass diese historische Dimension auch für heutige Sklavereien eine extrem wichtige Rolle spielt.

Ich begann bei der Recherche über Versklavte mit ihren jeweiligen Bezeichnungen, Sklavereien und Sklavereiregimes weltweit, in der Geschichte aller Gemeinschaften, Gesellschaften und Territorien. Ich stellte schnell fest, dass, wenn man wirklich genau hinschaut und die Fixierungen auf »hegemonische Sklavereien« aufgibt, überall Versklavte und Sklavereien zum Vorschein kommen, von der Prähistorie bis heute. Auch in Gesellschaften, deren Mitglieder, Historiker oder Intellektuelle, aus welchen Gründen auch immer, behaupten, dass es bei ihnen gar keine Sklaverei »wie in Rom« oder »wie im Sklavenhandel von Afrika in die USA« gegeben habe. Und schwarze Sklaven schon gar nicht. Und auch kein Wort für »Sklaven« oder »Sklaverei«. Auch die Zeitleiste wurde länger und länger: Im Grunde gab es schon in der Prähistorie Menschen, deren Status der dem eines Sklaven oder einer Sklavin »ohne institutionelle Sklaverei« gleichkam, und überall existieren Sklavereiregimes ohne eine Definition von privatem Eigentum (wie im sogenannten »römischen« Recht).

2009 hatte ich ein 700-seitiges Manuskript fertig, aber noch nicht einmal die östliche Hemisphäre um den Indischen Ozean, Südostasien oder China bearbeitet. In jeder Gesellschaft, die ich untersucht hatte, passierte mehr oder weniger das Gleiche – es gab sehr zeitig Kriegsgefangene, Verschleppte, Frauen und Mädchen auf der Suche nach Schutz, Waisen oder Verurteilte und Schuldner. Überall entstanden Eliten mithilfe solcher Menschen, die, je mächtiger die Eliten wurden, desto deutlicher in einen Status von Versklavten kamen, und es bildeten sich mehr und mehr expansive Imperien mit definierten Sklavereien, in die Menschen kamen und oft über Generationen in ihnen blieben. Ohne Sklavereien gäbe es keine Imperien. Hätte ich dieses Manuskript weiter in einer historisch-chronologischen Unterteilung nach Gruppen, Häuptlingstümern, Staaten/Monarchien und Imperien geschrieben, wären wahrscheinlich zehn Bände mit jeweils 600 Seiten herausgekommen.

Ich strukturierte das Manuskript nach historisch-anthropologischen Gesichtspunkten und großen Weltregionen um (Ozeanen/Meeren, Hemisphären und Kontinenten). Das Buch erschien 2013 und 2019 als Handbuch Geschichte der Sklaverei. Eine Globalgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. Die Globalgeschichte ist ein typisches Grundlagenforschungsbuch und steht in vielen National- und Universitätsbibliotheken. Es ist aber kein Publikumsbuch. Ein Buch zu diesem Thema mit wissenschaftlichem Anspruch, aber eben kurz und lesbar, blieb ein Desiderat. Eine Kollegin hatte in einer Rezension gefordert, ich möge doch einmal in lesbarer Form erklären, was die Hauptergebnisse meiner Grundlagenforschung seien. Also schrieb ich eine kurze und lesbare Synthese. Das Ergebnis war die erste Auflage des vorliegenden Buches.

Dieser Band ist eine Geschichte der Sklavereien, die sich wie eine dichtgewebte Bindungsstruktur extremster asymmetrischer Abhängigkeiten durch die Welt- und Globalgeschichte von den Anfängen bis heute und in allen Gesellschaften ziehen. Werden Wirtschaft, Produktion, Handel, Hierarchien oderHerrschaftsverhältnisse betrachtet, finden sich bei genauer Analyse fast immer Versklavte, Sklavereien und Sklavereiregimes (und ihre Folgen). In vielen Büchern zu Kultur-, Wissens- und Geistesgeschichte, auch in Nationalgeschichten, werden sie oft nicht behandelt - sie werden verschwiegen oder interessieren schlicht nicht. Auf den nachfolgenden Seiten stehen sie im Zentrum. Das vorliegende Buch ist keines über »Freiheit«, Menschenrechte, Widerstand oder Abolitionen (obwohl es ein Kapitel dazu gibt), sondern über Sklavereien, Versklavte und ihren ›Wert‹ sowie ihre Preise in den jeweiligen Sklavereien und Sklavereiregimes. Die Hauptaussage lautet, dass Sklavereien in der Welt- und Globalgeschichte bis heute ubiquitär und in gewissem Sinne alltäglich sind, samt ihren strukturellen Folgen und Nachwirkungen sowie heutigen Wirkungen. Nur merken wir das oftmals gar nicht. Um das handhabbar (und lesbar) zu machen, habe ich die historisch-anthropologische Differenzierung nach Sklaverei-Plateaus (insgesamt sechs für die Geschichte der Menschheit) bei der Gliederung des Bandes angewandt. Das sind keine »Formationen« oder stages (wie es heute in Neudeutsch heißt). Sie beginnen alle an einem gewissen Punkt der Weltgeschichte, hören aber nicht auf, mit relativer Ausnahme des dritten Plateaus zur atlantischen Sklaverei um 1400–1900.

In der Zeit zwischen der Erstpublikation 2018 und der Neuauflage 2021 ist die Sklavereiforschung (weniger die Forschung zu Versklavten) exponentiell gewachsen. Und es gibt Sklavereiforschungszentren, die wichtiges neues empirisches Material vorgelegt haben. Allein schon Deutschland hat sich vom ›Zaungast‹ der Sklavereiforschung mit Fixierung auf die USA-Academia zu einem neuen Zentrum der Sklavereiforschung mit den wichtigsten Standorten Bremen, Frankfurt an der Oder (Vergleichende Europäische Wirtschafts- und Sozialgeschichte), Hannover und Bonn (Bonn Center for Dependency and Slavery Studies, kurz BCDSS) entwickelt. Neben den sehr vielen Einzelergebnissen und Tagungen des BCDSS ist vielleicht das wichtigste bisher erreichte Resultat, dass eine der globalhistorischen Fehlrezeptionen in Deutschland und Mitteleuropa dabei ist, sich aufzulösen – nun ist klar, dass Brasilien das Land mit der umfassendsten Sklavereigeschichte und -forschung weltweit ist.

Deutschland und Mitteleuropa (es gibt auch in der Schweiz starke Forschungen) galten bisher als Hinterland oder Peripherie der dynamischen Wirtschaften der Sklaverei- und Sklavenhandelsnationen (Portugal, Spanien, Großbritannien, Frankreich, Niederlande, Dänemark, Schweden samt ihren Kolonien; mit Abstrichen auch Brandenburg/Preußen). Inzwischen aber wird deutlich, dass diese Regionen daran durchaus beteiligt waren – entweder durch einzelne Unternehmer, Firmen oder durch Teilnehmer am afrikanischen und atlantischen Sklavenhandel sowie Plantagenbesitzer oder in sklavereinahen Jobs wie Mediziner/Arzt, Handwerker, Aufseher/Manager in der Sklaverei, in Sklavereiregimes und -wirtschaften oder durch Besitz und Handel mit Versklavten im deutschen Alten Reich, in der Schweiz oder in italischen Staaten. Dies war vor allem im 18. Jahrhundert und den Zeiten des Biedermeierkapitalismus bis zur eigentlichen Industrialisierung in Mitteleuropa (um 1870) der Fall.

Was einzelne Forschungsergebnisse betrifft, will ich nur auf die aus meiner Sicht wichtigsten verweisen, zumal auf solche, die gerade Gegenstand der Debatte sind: Die Erbauer der Pyramiden waren keineswegs stolz darauf, an einem »Weltwunder« mitgearbeitet zu haben – im Alten Ägypten gab es richtige Sklaven (ein Forschungsergebnis mit Signalwirkung für materielle Kultur und Sozialgeschichte der frühen Staatlichkeit expansiver Imperien). Neue Erkenntnisse gibt es aber auch zu verschiedensten Sklavereien in der Geschichte Chinas sowie Asiens überhaupt, zur globalgeschichtlichen Neujustierung antiker Sklavereien, zur Globalgeschichte (inklusive der Geschichte »vormoderner Sklavereien« sowie other slaveries, d. h. formeller und informeller Sklavereien von Indigenen und unter Indigenen); zu Russland, russischer Geschichte und russischem Reich; zu Afrika als Zentrum der Sklavereigeschichte und der Beteiligung afrikanischer Eliten an der atlantischen Sklaverei; zu den Debatten um Sklaverei als Kapitalismus vor allem in den USA bis 1860, Surinam bis 1863, Puerto Rico bis 1873, Kuba bis 1886 und Brasilien bis 1888 (Second Slavery, New Economic History – vor allem in den USA – und Slavery as Capitalism), zu Sklavereien und Sklaverei-/Sklavenhandels-Regimes am und auf dem Indischen Ozean sowie Randmeeren des Pazifiks und in Südostasien.

Zum Schluss noch ein Blick aufs Politische: memory. Die Erinnerungskultur der Sklaverei bzw. des Sklavenhandels, der Sklavereiregimes und des Lebens von Versklavten und ihrer Folgen (sowie des materiellen Erbes in Städten, Bauten, Institutionen, Banken, Museen – heritage) ist zugleich die Politik von Aktivisten (meist bis heute nationale oder lokal-urbane Politik). Aber memory, sofern es sich nicht um geschichtsblinden Aktivismus handelt, ist auf historische, soziologische und anthropologische Sklavereiforschung angewiesen, speziell auf Forschungen zu Versklavten und Versklavern (Sklavenhändlern, Sklavenhalterinnen und Sklavenhaltern sowie Funktionskräften – also Reedern, Schiffsausrüstern, Versicherern, Investoren, Ärzten, Managern, Administratoren, Notaren, Priestern, auch Kapitänen und Schiffsoffizieren oder Köchen, die die Massen von Versklavten ernährten – und Hilfskräften, also Wachen, Übersetzern, Ruderern, Matrosen, Karawanenträgern etc.

Dekolonisierungs-, Umbenennungs- und Anti-Rassismus-Debatten laufen schon einige Zeit (auch in Bezug auf Museen); wichtige neuere memory-Aktivitäten in der Politik gab es im Nachgang des Todes von George Floyd (25. Mai 2020 in Minneapolis) vonseiten der Black-Lives-Matter-Bewegung. Alle drei Debatten werden uns auch in Zukunft begleiten. Die vorliegende Sklavereigeschichte soll nicht zuletzt dafür eine Basis bilden.

Leipzig, im Februar 2021

Sklaverei – eine sehr alte Schlange

»Welche neue Form wird dieses alte Monster annehmen, in welcher neuen Haut wird diese alte Schlange daherkommen?« (Frederick Douglass, 1865).1

Der Mensch sei frei geboren, aber überall liege er in Ketten, sagte Jean-Jacques Rousseau im ersten Kapitel seines Gesellschaftsvertrags.2 Sklaverei, der Besitz von Menschen, ist heute weltweit verboten, aber es gibt sie immer noch als globales Phänomen, heute genauso wie durch die ganze Weltgeschichte hindurch.3 War ›der Mensch‹ je frei geboren?

Sklaverei bedeutet Gewalt von Menschen über den Körper anderer Menschen, es bedeutet in den allermeisten Fällen körperlichen Zwang zu schwersten und schmutzigsten Arbeiten oder zu Dienstleistungen sowie Mobilitätseinschränkung. Dazu kommen alle Formen und Folgen von Statusdegradierung, wie besonders der entwürdigende Kauf und Verkauf von Menschen. Einzelne der genannten Dimensionen, auch in Kombinationen, existieren weiterhin. Heute sind sie oft nicht mehr begründet mit der falschen, aber wirkungsvollen Theorie von eingefrorener ›äußerer‹ Statusdegradierung, d. h. Rassismus, sondern eher durch andere soziale oder ethnische Rangzuschreibungen. Sexuelle Verfügung ist sogar noch immer verbunden mit einem der Hauptmerkmale formeller Sklaverei – dem Kauf und Verkauf sowie der Kommodifizierung menschlicher Körper, oft im Rahmen irgendeiner Art illegaler Verschleppung oder Entführung. Aber Sklaverei bedeutet nicht nur sexualisierte Gewalt; auch die schlicht durch exzessive Gewalt erzwungene Arbeit für die jeweiligen Halter macht die Opfer zu Sklaven – heute ist das meist keinen Medienbericht mehr wert. Was hingegen nicht mehr existiert, ist die Legitimierung und Institutionalisierung durch formale Rechtssysteme sowie der Anspruch, ein einmal erworbenes Eigentum über das Mutterrecht (»Sklavenbauch gebiert Sklaven«) sozusagen legal zu verewigen. Aber selbst das gilt in Bezug auf Gebräuche weltweit nur bedingt.

Sklavenstatus und Sklaverei (oder besser: Sklavereien) sind offenbar ein nicht-evolutionäres Phänomen der Welt- und Globalgeschichte. Ich komme auf dieses fundamentale Problem noch mehrfach zurück. Hier gilt es zunächst festzuhalten, dass Sklaverei zwar in bestimmten Gesellschaften eine stärkere Einbindung in vorherrschende Wirtschaftssektoren (wie Hauswirtschaft, Bergbau oder Plantagen), Institutionalisierung und Verrechtlichung erfahren hat in Form von sogenannten »hegemonischen Sklavereien«, aber nicht-institutionalisiert oder in anderen Formen der Institutionalisierung in allen Gesellschaften bis heute existiert hat und weiterhin existiert. Sklavereien und unfreie Arbeit treiben eher, wie ein Motor aus menschlichen Körpern, die Dynamiken von Wirtschaft und Reichtum an. Es gibt insofern keine evolutionistische Epoche der »Sklavereigesellschaft«; es gibt nur Gesellschaften mit mehr oder weniger ausgeprägten, mehr oder weniger institutionalisierten Sklavereien. Oder eben mit Sklavereiplateaus, wie ich es in vorliegendem Buch vorschlage. Besagte Plateaus setzen in der Welt- und Globalgeschichte irgendwann einmal ein; sie hören aber nicht auf und existieren auch unterhalb oder neben den jeweils späteren Plateaus (mit Ausnahme des weiter unten behandelten dritten Sklavereiplateaus). Ich bin auch nicht ganz sicher, ob wir nicht besser immer im Plural von Sklavereien sprechen sollten. Bei den Gesellschaften mit stärker ausgeprägten Sklavereien handelt es sich, möglicherweise seit der Bronzezeit, aber einigermaßen sicher seit der Uruk-Zeit im 4. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung, jeweils um staatlich oder imperial organisierte Gesellschaften oder um solche, die sich gegen Expansionen wehren bzw. auf Raub und Menschenjagd spezialisiert sind (räuberische Gesellschaften oder militaristic slaving societies).4 Erst seit dem 14. Jahrhundert verbanden sich Sklavereien, zuerst in Weltregionen, die mehr und mehr als »Westen« bezeichnet wurden, mit Institutionen und Firmen, deren Gesamtheit seit 1900 als »Kapitalismus« bezeichnet wird (siehe das dritte Plateau unten).

Sklaverei ist nur scheinbar tot. Bei näherem Hinsehen wird schnell klar, dass die großen und klar erkennbaren Sklavereien sich zu illegalen, meist kleinen und getarnten Sklavereien gewandelt haben. In diesem Wechsel des Aggregatzustandes der Sklaverei von groß und fest zu eher flüssig und klein sowie oft opportunistisch liegt der Bruch, den ihre formalen Abschaffungen im »Westen« oder auf seinen Druck hin 1792–1970 weltweit langfristig bewirkt haben. Die große Mehrzahl anderer, sagen wir ›kleinerer‹, verdeckter und mobiler Sklavereien, existiert weiter oder entwickelte sich neu. Prozesse der Versklavung und Zwangssysteme haben, vor allem seit dem ambivalenten Prozess von Abolitionen und Abolitionsdiskursen, zwar einen anderen historischen Aggregatzustand angenommen. Alle Sklavereien sind heute, wie bereits gesagt, illegal, aber es gibt mehr Versklavte als je zuvor in der Geschichte (zumindest was die geschätzten, bekannten und absoluten Zahlen betrifft).

Um das Rätsel der sich immer wieder häutenden Schlange Sklaverei zu lösen, will ich zunächst auf der Ebene von Welt- und Globalgeschichte Definitionen von Sklaverei darstellen und analysieren. Danach folgen, in einer sehr weiten historischen Perspektive, die Plateaus oder Stratifikationen von Sklaverei auf diesem Globus. Im Grunde ist dies ein anthropologisch-historischer Versuch, die genannten Aggregatzustände von Sklavereien in chronologische Schichten zu ordnen. Es wäre auch eine räumliche Ordnung von Sklavereitypen möglich, dann würden sich aber zu viele chronologische Sequenzen innerhalb einzelner Räume wiederholen. Die übergreifende räumliche Ordnung ist an Ozeanen und Hemisphären ausgerichtet.

Für mich gibt es eine relativ simple Zäsur zwischen Welt- und Globalgeschichte – ohne dass ich damit sagen will, dass bestimmte Imperien, Staaten, Kulturen oder gar Individuen nicht auch heute noch Weltgeschichte schreiben, dafür sorgt schon die sogenannte New Imperial History (die natürlich von britischen Historikern lanciert worden ist). Die Zäsur ist 1522. In diesem Jahr kehrte eines der Schiffe, mit denen Fernão de Magalhães, spanisch Fernando de Magallanes (dt. Magellan), 1519 aus Sanlucar bei Sevilla aufgebrochen war, nach fast genau drei Jahren im September 1522 nach Spanien zurück. Das Schiff hatte den Erdball umrundet. Damit war der Beweis für die Theorie des Globus erbracht. Im 16. Jahrhundert beginnt Weltgeschichte, die den Globus umfasst – reale Globalgeschichte. Und es entsteht der enge historische Zusammenhang von europäischem Kolonialismus, Massensklavereien, Imperien und Kapitalismus, verbunden und vorangetrieben durch neues Wissen, die Massenproduktion (von Nahrungs- und Genussmitteln wie Zucker, Kakao, Kaffee, Tabak, Drogen, Opium, Farben, Gewürzen, Kautschuk, Trockenfrüchten), Technologien (wie dem Schiffbau und Transport) sowie Transkulturationen. Seit die Spanier 1565 Manila auf Luzón gegründet hatten, waren alle vier großen, bis dahin in Europa bekannten Landmassen (Amerika, Asien, Afrika und Europa) durch Segelschiffe verbunden. Auf all diesen Kontinenten existierten lokale und indigene Formen von Sklaverei. Damit begann die globale Phase der Weltgeschichte, die bis heute anhält. Nur Australien wurde erst durch britische Sträflingstransporte Ende des 18. Jahrhunderts einbezogen. Das sind Fixpunkte der wirklichen Globalisierung, natürlich nicht des ideellen Raumsphären- und Globendenkens (da sei Peter Sloterdijk vor).

Die Weltgeschichte vor und nach dem 16. Jahrhundert sowie die Globalgeschichte seit dem 16. Jahrhundert sind durch Sklavereien geprägt, oft unter dem Dach von Imperien oder räuberischer Regimes bzw. militaristischer Menschenjagdgesellschaften. Meist aber, und das dürfte für viele neu sein, verbirgt sich Sklaverei in der Tiefe der Geschichte in Häusern und Gebäuden, d. h. die sogenannte Haussklaverei konnte und kann auch in Tempeln, Jurten, Hausbooten, Zelten oder Palästen stattfinden.

Was war Sklaverei? Zunächst sollten wir uns darüber klar sein, dass das deutsche Wort ›Sklaverei‹ für eine Institution steht, ein bereits existierendes Gewaltsystem, das in einer Gemeinschaft mit herausragenden Anführern oder einer Gesellschaft mit Staatsstrukturen (sozialen Hierarchien, Herrschaft, Armee, Recht, Bevölkerung, Territorium) durch Rechtsregeln und Gewohnheit der Mitglieder der Gesellschaft abgesichert ist, meist sogar durch Religion. Wenn also nach Sklaverei als Institution gefragt wird, ist die antike Sklaverei im römischen Imperium und Sklaverei in der Tradition des »römischen« Rechts wahrscheinlich die am besten definierbare Sklaverei der Welt- und Globalgeschichte. Auf jeden Fall aber ist sie die am häufigsten in der Geschichtsschreibung dargestellte Sklaverei. Sklaverei als voll entwickeltes soziales System bedeutet aber mehr – sie besteht mindestens aus den sozialen Elementen Versklavte (die absolute Mehrheit), Sklavenhalter, ›Sklavenproduzenten‹ und -jäger sowie Sklavenhändlern und ihren jeweiligen Hilfskräften (Bewacher, Matrosen/Ruderer, Ärzte/Heiler, Köche, Übersetzer, Schreiber/Notare, Priester).

Um diese Elemente in der Breite der Globalgeschichte und der Tiefe der Weltgeschichte zu erforschen und darzustellen, reicht es nicht, die Rechtsregeln und -texte einer Institution in einer gegebenen Gesellschaft und deren geschichtliche Entwicklung und Rezeption anzuschauen. Sklaverei als Institution war und ist ein rechtlich erlaubtes System der Gewalt (coercion/violence), der Nutzung menschlicher Körper als Kapital und der Herrschaft einer Person über den Körper einer anderen Person, meist zum Zweck der Ausbeutung ihrer Arbeitskraft und/oder ihres Körpers.5 Die sehr lakonische Kurzform einer Definition des Verhältnisses von Gewalt und Kontrolle menschlicher Körper stammt von Peter Kolchin: »Born in violence, slavery survived by the lash«6. Das erfasst nachgerade paradigmatisch auch das Ubiquitäre und Alltägliche von Gewalt. »Ubiquitär« bedeutet in diesem Zusammenhang, dass Sklaverei und Gewalt immer und überall anzutreffen waren und auch heute noch zusammengehören.

Ich spreche lieber von Sklavereien, weil eine Sklaverei immer das innere Bild eben dieser gerade skizzierten »römischen« Sklaverei evoziert. Um die sprachliche Konstruktion von etwas Festgefügtem und Unveränderlichen zu vermeiden, bezeichne ich mit Joseph Miller »slaving als historischen Prozess«7. Im Kern geht es um die Verfügbarkeit der Körper von Menschen oder von Teilen der Körper von Menschen. Diskursiv umhüllt und repräsentiert waren diese verfügbaren Körper in der meisten Zeit, indem man ihnen niedrigste Ränge der jeweiligen Gesellschaft oder Gruppe (Verwandtengemeinschaft) zusprach oder sie sogar ganz ausschloss (Orlando Patterson nennt das social death).8 Das ist für die bisherigen, eher rechts- oder wirtschaftshistorisch ausgelegten Geschichten der Sklaverei eine völlig neue Herangehensweise an Sklavereipraktiken.

Sklavereien und, mehr noch, slaving als Strategie hat es in der Welt- und Globalgeschichte bei allen Clans, Völkern, Stämmen und Gruppen gegeben, vor allem um und in Feuer- und Wohnstätten, Siedlungen, Häusern, Tempeln sowie Palästen. Die frühen Sklavereien existierten lokal und weltgeschichtlich zugleich in dem Sinne, dass es sie überall in der Welt gegeben hat, sie aber nur in ihren lokalen Sinnzusammenhängen zu verstehen sind und keine Verbindungen miteinander aufwiesen, also beispielsweise kein Sklavenaustausch stattfand. Bis zu den großen Wissensrevolutionen der Neuzeit, die mit dem Beweis der Globalität zusammenhingen, waren Sklavereien selten global in dem Sinne, dass Versklaver oder gar Versklavte gewusst hätten, dass sie auf dem Erdglobus operieren; oder dass es übergreifenden Sklaventransport und -austauschstrukturen gegeben hätte. Lokale Gruppen fanden es die meiste Zeit der Weltgeschichte auch völlig legitim, Mitglieder anderer Gruppen (›Fremde‹) zu töten oder zu versklaven.

Die extrem lokale Fokussierung erweiterte sich – mit Vorläufern in anderen expansiven Imperien (wie Assyrien, Rom oder China) – vor allem seit der arabisch-berberischen Expansion, der mongolischen Expansion im 13. Jahrhundert und seit der europäischen Atlantikexpansion im 15. und 16. Jahrhundert. Die im 16. Jahrhundert einsetzenden Transporte von Massen Versklavter auf iberischen Schiffen über den Atlantik von Afrika nach Amerika haben sogar entscheidend zur Erkenntnis dieser Globalität beigetragen: Die erste Süd-Süd-Globalisierung, wenn ich das in modernen Begriffen ausdrücke, fand zwischen Afrika (sowie bald auch Asien über Manila und Macau) und Amerika statt.

Als Hypothese datiere ich die Anfänge von lokalen, aber weltweiten Sklavereien wegen ihrer Bedeutung für Arbeiten, Dienstleistungen, Viehhüten und Vorratshaltung auf die Anfänge der Landwirtschaft. Diese begann vor rund 10 000 bis 3000 Jahren in voneinander unabhängigen Gebieten – im Vorderen Orient, in der Ost-Sahara, in China, im Industal, in Neu-Guinea, Peru und Mittelamerika. Diese Sklavereien differenzierten sich auch chronologisch und breiteten sich von den Entstehungszentren in unterschiedlichen chronologisch-räumlichen Dynamiken aus (u. a. nach Europa). Es könnte angenommen werden, dass es günstige Gelegenheiten zur Haltung erster ›Sklavinnen ohne Institution‹ schon in der Zeit der Cro-Magnon-Menschen (Jungpaläolithikum), besonders in der Phase des Magdaléniens (um 18 000–10 700 v. Chr.) mit seinen Feuerstätten, Lagerplätzen und ersten Siedlungen gab. Damals taten sich einerseits erfolgreiche Jäger als dominante Persönlichkeiten und sozusagen erste Eliten (volkstümlich große Männer, big men, genannt; später auch Häuptlinge, Priester usw.) hervor. Andererseits waren Brennstoffbeschaffung, Abfallbeseitigung, Verletztenpflege sowie andere »schmutzige« und geringer geachtete Nebenarbeiten zu erledigen (knüpfen, flechten, Seile drehen, Felle schaben – sogenannte »geringe Arbeiten«, d. h., gering geschätzte menial works). Möglicherweise hatten auch Frauen als Heilerinnen und Spezialistinnen für Beobachtung und Übersinnliches eine besondere Stellung, sodass neue Mitglieder von Gruppen (meist Frauen und Waisen) entweder unter deren Kontrolle oder die von »großen Männern« kamen. Eventuell existierte eine eher opportunistische Art der Sklaverei schon in den präneolithischen Opferritualen, die es 400 Generationen lang geben sollte. Auf jeden Fall sollten Opfersklaverei und Menschenopfer sowie Anthropophagie und Rituale mit lebenden oder toten Körpern bedacht werden, wenn es um die Entstehung von ›Zivilisation‹ (Ackerbau; städtische Siedlungen), Religion, Landbesitz, Kontrolle von Sexualität, Herkunftsbewusstsein sowie die Legitimierung von Eigentum (Ahnen) und die Herrschaft von Priestern ging.

Wichtig für eine Globalgeschichte der Sklaverei ist, dass die ›kleinen‹ Sklavereien des ersten Plateaus bis in die Gegenwart reichen und von den reinen Zahlen her gar nicht mehr so klein erscheinen. Es gibt noch heute viele Individuen, vor allem Frauen und Kinder, im Sklavenstatus: Laut einem Bericht der International Labour Organisation (ILO) von 2014 betrifft das weltweit 21 Millionen Menschen (eine konservative Schätzung), drei Viertel davon Frauen und Kinder. Ein ILO-Bericht für die Periode von 2002 bis 2011 hatte Zahlen von 19,5 bis 22,3 Millionen genannt, der Global Slavery Index zählt 45,8 Millionen Menschen als Sklaven – heute, jetzt. In absoluten Zahlen ist das die größte Menge an Versklavten in der Weltgeschichte, bei einer Weltbevölkerung von rund 7,5 Milliarden Menschen dennoch relativ wenig. Was es aber heute wirklich nicht mehr gibt, ich wiederhole das, sind große Wirtschaftskomplexe wie Plantagen- und Bergwerkssklavereien in Gesellschaften, die auf Sklaverei beruhen, also die sogenannten Sklavereigesellschaften. Alle Sklaverei ist heute illegal, aber trotzdem »da«.

Damit ist auch gesagt: Wenn das Thema dieses Buches die Welt- und Globalgeschichte der Sklaverei ist, kann es sich nicht nur um die mehr oder weniger ›bekannten‹ und in legislativen Texten relativ trennscharf definierten Sklavereien der Antike, Roms oder um die Sklaverei im Süden der USA drehen. Von dazu forschenden Historikern höre ich am häufigsten Kritik an meiner allgemeinen Definition von Sklaverei als Verfügung über Körper auf der Basis von realer Gewalt gegen eben diese Körper und Statusminderungen, aber auch an der Definition von Sklaven als Kapital menschlicher Körper. Dabei geht es mir gar nicht um eine unbedarfte Überdehnung des Begriffes Sklaverei. Im Sinne von slaving als historischer Strategie beabsichtige ich, Welt- und Globalgeschichte eben nicht aus der Perspektive von »Freiheit« als normativer Kategorie zu interpretieren. Es geht vielmehr darum, die tiefenhistorischen Prozesse der Versklavung, des Handels mit Menschen nachzuzeichnen und die jeweilige Stellung von Versklavten in der sozialen Ordnung unterschiedlichster Gesellschaften zu bestimmen. Es geht mir auch nicht einfach nur um Arbeit und Verkauf von Menschen, sondern um realgeschichtliche Verfügung über Körper. Eben diese verwischt die Trennschärfe legaler Definitionen.

Mit »weit« ist sowohl der gesamte Globus als auch die zeitliche Tiefe, d. h. von ungefähr 8000 v. Chr. an (oder gar 20 000–18 000 v. Chr.) gemeint. Ich beschränke mich nicht auf Griechenland von etwa 800 v. Chr. bis zum 3. Jahrhundert, Rom vom 4. Jahrhundert v. Chr. bis ins 6. Jahrhundert oder den Süden der USA von 1820 bis 1865. Ich nenne diese ›bekannten‹ Sklavereien, die mit relativ klaren Chronologien und Rechtsregeln verbunden waren, die uns noch heute eingängig erscheinen, weil sie auf die eine oder andere Art auch noch unsere Gesellschaften prägen (etwa durch das Eigentumsrecht oder die traditionell akzeptierte Spaltung in arm und reich), »hegemonische Sklavereien«.9 Aus der Perspektive dieser Sklavereien scheint es, als existiere nur »a single archetypal image of slavery«10, wie Andrea Major in ihrem Buch über Sklavereien, Abolitionen und das Empire in Britisch-Indien schreibt. Würde sich eine Menschheitsgeschichte der Sklaverei lediglich auf diese Sklavereien fixieren (wie es die meisten Geschichten der Sklaverei tun), wäre sie eben keine Welt- und Globalgeschichte. Eine Globalgeschichte dieses Zuschnittes muss zumindest den Anspruch erheben, das ganze Rund des Globus und eine große zeitliche Spanne der Weltgeschichte bis heute zu behandeln; eben als eine Art globaler Menschheitsgeschichte. Anders würden die Anfänge nicht in den Blick kommen. Es würde nicht deutlich werden, dass solche ›kleinen‹ Sklavereien informell heute noch existieren. Und räumlich gesehen würden weite Gebiete des Globus (indigene und vorkoloniale Amerikas / Karibik, Afrika, Mittelasien, Indien, China, Japan, Südostasien, Philippinen, Indonesien, Russland/Sibirien, Australien, Kanada, die Gebiete im und am Indischen Ozean sowie die Gebiete im und am Pazifik) im Dunkeln bleiben, nämlich fast die ganze Welt. Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass eine solche Geschichte gerade für Historiker, die auf Quellen angewiesen sind, schwierig ist.

Niemand spricht gerne über Sklaverei. Da, wo es heute noch Sklavereien gibt, ist es sogar gefährlich, darüber zu sprechen. Oft wissen die wenigsten, dass Menschen in der Nachbarschaft eigentlich Sklavinnen, d. h. versklavte Menschen, sind. All das ist kompliziert und hängt mit der erwähnten Fokussierung auf die antike Sklaverei in »römischer« Rechtstradition zusammen. Es gab seit der Spätzeit des römischen Reiches im 6. Jahrhundert unter Kaiser Justinian (schon mit dem Zentrum Konstantinopel) eine relativ klare rechtliche Definition des »Sklaven« und der »Sklavin« sowie einer »Sklaverei«, fokussiert auf das Eigentumsrecht, aber auch auf das Zivil-, das Völker- und das Naturrecht sowie gewisse Rechtsrituale. Der Codex Justinianus (später: Corpus Iuris Civilis) war es auch, der zwei Grundtypen von Sklaverei definierte: zum einen »Privatsklaven« in der Rechtsfigur Herr/Sklave, d. h. »ein Herr, ein Sklave«, und zum anderen eine kollektive Sklaverei von Menschen, die an ein bestimmtes Besitzterritorium (gleba) gebunden sind (oder auf Territorien angesiedelt werden). Letztere können nur gemeinsam mit dem Territorium Besitz sein und Eigentumstransaktionen (wie Verkauf, Vererbung, Geschenk oder Tausch) unterworfen werden; das ist die rechtliche Konstruktion des glebae adscriptus (meist übersetzt mit »an die Scholle Gefesselter«) oder des Halbfreien. Der Codex Justinianus benutzte als Bezeichnung für Versklavte noch nicht den Begriff »Sklave«, sondern »römische« Namen wie etwa servus und ancilla oder colonatus – das Wort »Sklave« verdankt der »westliche« Kulturbereich erst der Transkulturation zwischen islamischen, christlichen und osteuropäischen Eliten während expansiver Imperien- und Staatsbildung.

Ganz genau weiß noch niemand, was die »Halbfreien« und an »die Scholle Gefesselten« sein sollen. Sie werden fast immer im Zusammenhang mit Sklavenkategorien debattiert, meist aber von »richtigen« Versklavten differenziert; ich interpretiere den Kolonat und die der Rechtsfigur der glebae adscripti Unterworfenen als Subjekte kollektiver Sklavereiformen, auch in Hinsicht auf andere Räume der Globalgeschichte – siehe regelrechte Sklavensiedlungen im alten Ägypten, bei germanischen Gruppen, deren Bewohner schon Tacitus an colonati erinnerten, oder Russland im zweiten Sklavereiplateau. Der wohl beste Kenner in Deutschland, Klaus-Peter Johne, beschreibt den Kolonat nach dem 3. Jahrhundert als »Alternative zur Wirtschaft mit Sklaven«11. Johne sagt weiter:

»Die Fesselung der Kolonen an den von ihnen bearbeiteten Boden steht am Ende eines langen Weges […]. Durch die Schollenpflichtigkeit der Arbeitskräfte ließen sich die Einnahmen der Grundherren sicherstellen und über diesen Umweg durch regelmäßige Steuereingänge die Staatsfinanzen zumindest in gewissem Umfange sanieren«.12

Zudem ließen sich in Krisenzeiten höherer Mobilität rurale Arbeitskräfte eben besser fixieren. Der Versuch der Stabilisierung eines

»durch Barbareneinfälle und Bürgerkriege zerrütteten Reiches bestand somit auf dem Agrarsektor in einem Arrangement zwischen dem militär-bürokratischen Staatsapparat auf der einen und der Aristokratie der großen Grundeigentümer auf der anderen Seite. Die Lasten dieses Arrangements hatten die kleinbäuerlichen Kolonen zu tragen […]. Die Gesetzessprache hat dafür den im Jahre 342 erstmals belegten Ausdruck colonatus geprägt«.13

Miroslava Mirković sagt, nachdem sie einen ganzen Artikel lang über Kolonen als »Nicht-Sklaven« argumentiert hat: »Es gibt aber Beispiele, die zeigen, daß die abhängigen coloni sich selbst, im Bewußtsein ihrer realen Lage und ökonomischen Abhängigkeit, als Sklaven des Landbesitzers bezeichneten«.14

Die Sklaven, die wir heute innerlich vor uns sehen – junge Männer aus Afrika, die in den Plantagenökonomien Amerikas schufteten –, entsprechen nicht so sehr dem »römischen« Bild der kollektiven Sklaverei, sondern der chromatisierten Rechtsfigur »ein Herr, ein Sklave«. Es hat diese Sklaven gegeben, zweifelsfrei, aber das Bild ist erst zwischen 1550 und 1700 entstanden und hat seine weite Verbreitung durch die europäische Expansion seit um 1650 sowie die Aufklärung und die Abolitionsdiskurse (seit 1770) gefunden.

Die Sklavereien, die westliche Seemächte auf dem Atlantik und in den Amerikas in der Neuzeit zwischen 1440 und 1888 organisierten, konnten auf diese »römische« Tradition der Rechtsdefinition der Sklaverei und des »Privatsklaven« als absolutes Eigentum in beiden Hauptdimensionen (totale Kontrolle und Weggabe/Verkauf an Fremde) zurückgreifen, eben in der Tradition des Corpus Iuris Civilis. Die wichtigsten rechtlichen Aspekte, die eher direkt als indirekt in der Tradition des »römischen Rechts« stehen, sind erstens die »Befugnis«, mit einem Menschen zu machen, was der »Halter« für richtig ansieht (bis hin zur Tötung), und zweitens, einen versklavten Menschen auch an Fremde wegzugeben, d. h., zu verkaufen und zu kaufen (die Rechtspapiere/Notariatsprotokolle sind immer aus Sicht des Verkäufers formuliert), woraus sich drittens die lebenslange Kondition der Versklavung sowie Ortfixierung (Mobilitätsbeschränkung) sowie viertens die Vererbung dieser Kondition in weiblicher Linie (mittels des Mutterrechts nach der Regel »Sklavenbauch gebiert Sklaven«) ergeben.

In vielen anderen Sklavereien gibt es aber diese römische Rechtstradition nicht, vor allem die formale Dimension der Veräußerung des Eigentums (»Weggabe an Fremde«) und die Dimension biologischer Weitergabe des Sklavenstatus (»Sklavenbauch gebiert Sklaven«) fehlen. Stattdessen existieren andere, in Europa weniger geläufige Formen – u. a. das Herausreißen aus einer Herkunftsgruppe, die Weggabe von Kindern der eigenen Gruppe oder auch die Ansiedlung oder Übernahme von bäuerlichen Bevölkerungen in kollektive Sklavereien oder expansive Imperien (Staat) als Arbeitstributsbeschaffer und Sklavenrazzienbetreiber (das Wort razzia/ghazzia: ›Überfall, Raubzug/Versklavung‹, stammt aus dem Arabischen). Das Kriterium der Verfügung über Körper von Menschen ist allemal wichtiger in Bezug auf die Definition individueller Sklavereien à la »ein Herr, ein Sklave«. Es gibt andere Aushandlungssituationen, doch sie sind alle von Gewalt und von kastenartigen Differenzierungen in Gute und Schlechte, Ehrbare und Entehrte, Eroberer und Eroberte oder Eigene und Fremde geprägt.

Deshalb kann man in einer Welt- und Globalgeschichte, wie ich sie verstehe, Sklaverei als Realität und Sklave oder Sklavin als Status nicht nur nach römischen Rechtsregeln definieren. Ob überhaupt Rechtsregeln einer Kultur (darauf bezieht sich meist das caveat hinsichtlich des Rechts), eines Staates oder eines Wirtschaftssystems, einer Zivilisation Sklavereien in der Realität ihrer Entwicklungen sowie in weltgeschichtlicher Tiefe und in globaler Breite erfassen und definieren können, lasse ich dahingestellt. Eine kategoriale Trennung ergibt nur Sinn in einem relativ engen zeitlichen und räumlichen Rahmen – Ausgangspunkt ist fast immer die neuzeitliche Plantagensklaverei (weltweit etwa 1500–1950), d. h. eine globale »hegemonische« Sklaverei meist unter Kontrolle von christlichen Europäern und ihren Nachkommen in europäischen Kolonien.

Neben dieser eher strukturellen Definition von Sklaverei gibt es, wie bereits erwähnt, auch eine prozessuale, die von dem jeweils unterstellten historischen ›Sinn‹ der Sklaverei ausgeht. Joseph Millers Begriff slaving beschreibt

»[…] eine Strategie, die Menschen [Versklaver und Sklavenhändler] in historischen Positionen der Marginalität seit jeher mit bedeutenden Konsequenzen für sich und andere um sie herum verfolgt haben, ohne Beachtung der Leiden, die diese Versklavungspraxis den Menschen, die sie versklavten, auferlegte«15.

Dem möchte ich die Verfügbarkeit von Körpern als Voraussetzung dieser Strategie und Hauptcharakteristikum von Sklavereien hinzufügen. Innerhalb dieser langfristigen Perspektivierung ist die kategorische Trennung etwa zwischen Sklaverei, Schuldknechtschaft (debt bondage) und anderen bondage-Formen, wie sie in englischsprachiger Forschung vorgenommen wird, kaum sinnvoll, vom Begriff ganz abgesehen – im Grunde sind damit Abhängigkeiten außerhalb der rechtlichen Scharfzeichnung »Herr und Sklave« im »römischen« Recht gemeint. Zudem geben sie sich bei näherem Hinsehen meist als Übergangsformen zu Sklavereien zu erkennen; da ist das Konzept der Schuldsklaverei (debt-slavery, James Warren16) allemal besser.

Mein eigenes Spezialgebiet umfasst die kubanische Sklaverei und Sklavereien in der Karibik sowie die Atlantic slavery (Sklavereien und Sklavenhandel) auf und am Atlantik. Zwischen 1830 und 1880 war Havanna die Zuckermetropole der Welt und im etwa gleichen Zeitraum auch die Metropole des Menschenschmuggels. Dieser Versuch einer Globalgeschichte steht in der Tradition des kubanischen Intellektuellen José Antonio Saco (1797–1879), der ein Rassist war, ganz ähnlich wie sein Vorläufer Francisco de Arango y Parreño (1765–1837), und sich zudem als Adam Smith der Plantagensklaverei und »guter« Sklavenhalter profilierte (weil er seinen Mitsklavenhaltern empfahl, die Versklavten gut zu behandeln).17 Den weitgespannten analytischen und weltgeschichtlichen Ansatz dieser Autoren nehme ich an; den funktionalen Rassismus verweigere ich, analysiere ihn aber als Hauptform der Statuszuschreibung für Versklavte und ihre Nachkommen. Saco publizierte eine der ersten umfassenden Weltgeschichten der Sklaverei auch außerhalb der »römischen Tradition«. Freilich schrieb Saco seine Geschichte aus ganz anderen Gründen – weil er Rassist war und die Sklaverei erhalten wollte. Ich dagegen tue es, weil ich meine, Sklaverei und Rassismus sollten, nach dem eher diskursiven Hiatus der liberalen Abolitionen, endlich wirklich beendet werden.

Kuba, vor allem die Cuba grande der technologisierten Plantagenwirtschaft im Westen der Insel, war die ›modernste‹ Sklaverei des 19. Jahrhunderts. Deshalb findet sich die globalhistorisch erste Visualisierung einer Sklavereiwirtschaft nach den Regeln der Modernität im Werk eines Akteurs der Sklaverei: Justo Canteros Los Ingenios – aus diesem Buch stammen noch heute fast alle ›authentischen‹ Illustrationen in Büchern über Plantagensklaverei.18

Die erste wirkliche Kulturgeschichte der Sklaven, nicht so sehr der Sklaverei, erwuchs aus reichlich dubiosen kriminalethnologischen Ansätzen zu Beginn des 20. Jahrhunderts (Cesare Lombroso). Die erste ›postkoloniale‹ Geschichte einer Gesellschaft wiederum, die ihren welthistorischen Aufstieg Sklavinnen und Sklaven, Menschenhandel und der Sklaverei verdankt, die Ex-Sklaven allerdings mehr oder weniger alle als »Hexer« und Verbrecher verunglimpft, stammt aus der Feder von Fernando Ortiz (1881–1969), dem Schöpfer des heute wieder so wichtigen Konzepts der transculturación (Transkulturation).19

In einer Linie der verborgenen Transkulturation folgte ihm der Literat Miguel Barnet 1966 mit seinem weltweit erfolgreichen Prototypus der Testimonio-Literatur unter dem Titel Biografía de un Cimarrón (dt. Der Cimarrón). Darin spricht ein weißer Autor für einen Ex-Sklaven (span. cimarrón), eine Technik der realhistorischen Transkulturation, die es auch im 19. Jahrhundert schon gegeben hatte. Heute würde man das wahrscheinlich im Postkolonialismus als Mimikry-Subjektivierung bezeichnen.20 Barnets »authentische« Geschichte wurde geschrieben vor dem breiten Hintergrund der Arbeiten von José Luciano Franco, Pedro Deschamps Chapeaux und Juan Pérez de la Riva.21 Sie bezieht sich aber auch auf die wichtigste Struktur- und Sozialgeschichte einer konkreten Sklavereigesellschaft El Ingenio22 (im Grunde wird darin nur die Entstehung um 1790 bis etwa 1860 behandelt), deren erster Band 1964 von Manuel Moreno Fraginals (1920–2001) publiziert worden war. Moreno Fraginals gehörte einer der Schulen kubanischer Sklavereiforschung an, die im Unterschied zu Fernando Ortiz auf Strukturen und Demografie setzte. Diese Historiografie war vor allem verbunden mit dem Namen Ramiro Guerra y Sánchez, der auch das englisch-karibische und französisch-karibische Konzept der Sugar Revolution einbrachte. Sein Schüler war Raúl Cepero Bonilla; in gewisser Weise gehören auch die Sklavereihistoriografie sowie Wirtschaftsgeschichte Puerto Ricos und der Dominikanischen Republik dazu.23 Die ›große‹ Sklaverei hat längst auch eine substanzielle Sklavereigeschichtsschreibung hervorgebracht, die ›kleinen‹ Sklavereien hingegen nicht.

Weltsklavenhandel 1500–1900

Sollte nach Lektüre des vorliegenden Buches der Eindruck entstehen, es gebe »überall Sklaverei«, obwohl uns bisher immer erzählt wurde, mit »der« Abolition der Sklaverei sei alles in grauen Vorzeiten vorbei gewesen, so ist er nicht ganz falsch. Es war nicht »überall Sklaverei«, aber es gab viel mehr und viel länger unterschiedlichste Sklavereien, als wir glauben. Sklaverei ist Teil der Menschheitsgeschichte, und dies ist ein Buch, das sich auf Versklavte und Sklaverei konzentriert. Es zeigt, dass es viel mehr Versklavte gab, als wir uns möglicherweise vorstellen können oder wollen – und es gibt sie vor allem heute noch. Versklavte sind bis auf einige heutige Formen von »moderner« Sklaverei vor allem im »Westen« auch in der Weltgeschichte meist und klar ersichtlich von jedem und jeder erkennbar gewesen. Ein von Aristoteles inspirierter römischer Sklavenbesitzer würde bei einem Besuch (per Zeitmaschine natürlich) eines durchschnittlichen »westlichen« Gebiets wahrscheinlich uns alle für Sklaven halten – weil wir alle oder zumindest die übergroße Mehrheit für andere Menschen arbeiten.

Definitionen

»Es ist gefährlich, das Wort Sklaverei zu benutzen.«24

Eine Definition von Sklaverei als Institution für die gesamte Welt- und Globalgeschichte ist schwierig. Ich will es trotzdem versuchen, obwohl ich kein großer Freund von Definitionen bin.25 Angesichts der Ubiquität von Sklavereien kann, wie gesagt, dieser niedere und rechtlose Status nicht an irgendeine klar abgrenzbare soziale Großformation gebunden werden, noch kann Sklaverei nur als Rechtsform definiert werden. Es geht nur anthropologisch-historisch.

Sklaverei war und ist in der gesamten Weltgeschichte ubiquitär: es gab sie überall und fast immer in alltäglichen Situationen. Die anthropologische Universalie besteht in der Herauslösung von Menschen aus ihrer sozialen Umgebung (also ihrer wie auch immer definierten und kulturell kodierten Gemeinschaft, etwa: Clan, Dorf, Stamm, Gruppe, Familie) und der auch durch Hunger oder Strukturen erzwungenen Unterordnung in niedrigem Status oder »ohne Status« in einer anderen Gemeinschaft. Je weiter die Entfernung zwischen beiden sozialen Umgebungen (Gemeinschaften) ist, desto mehr kommen Fremdheit und »Anderssein« sowie extreme Abhängigkeit ins Spiel.

Wir können mit diesen Definitionslinien auch slaving erfassen, das in Zeiten der Atlantic slavery nicht auf »römischem« Recht der Konstruktion eines ›privaten‹ Herr-Sklave-Verhältnisses beruhte. Und wir können mit dieser anthropologisch-historischen Definition weit in die Geschichte zurückgreifen (bis zum Neolithikum). Diese Dimensionen ermöglichen den Verweis auf innere und äußere Statusminderungen, die sich im Laufe der Weltgeschichte der Sklavereien herausgebildet haben und die vor allem seit Beginn der Globalgeschichte im 16. Jahrhundert ideologische Ausgangspunkte neuer Sklavereien sein konnten, am deutlichsten wohl im fünften Plateau der großen Lagersklavereien. Wir können so auch globale Dimensionen der Sklaverei außerhalb der atlantischen Chronologie und Hemisphäre erfassen (etwa: Russland, China, Indien, Südostasien, Indischer und Pazifischer Ozean), und wir können darüber hinaus heutige Sklavereien beschreiben.

Das Problem meiner weiten Definition von Versklavten und Sklaverei ist: Wie weit reichen die Kriterien, die es uns erlauben, von Versklavten zu sprechen? Lässt sich eine global existierende prozessuale Institution der Gewalt mit jeweils lokalen, regionalen und überregionalen Wurzeln und Ausprägungen annehmen, deren Kern in der bereits mehrfach erwähnten Verfügung über Körper besteht? Die Antwort ist im Allgemeinen einfach, aber sie ist, historisch wie auch heute, in den konkreten Ebenen der Realität von lokalen Versklavungen und bewussten Marginalisierungen schwer zu geben. Ich werde im Laufe des Textes immer wieder auf die realen Probleme von Status und Statuszuschreibungen zurückkommen.

Menschen in Sklavereiarbeit, Menschen in Gewaltsituationen, Menschen, deren Körper von anderen benutzt werden, Menschen, die aus ihren Familien herausgerissen sind, finden sich meist (außer z. B. bestimmte hochrangige Opfer- und Elitesklaven) in den lokalen oder regionalen Sozialordnungen und in Texten über bestimmte Gesellschaften an Stellen, an denen Unterschichten (Arbeitende) und Arbeitssysteme beschrieben werden. Alle Sozialordnungen sind auch Körper- und Raumordnungen. Körperordnungen werden in sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Arbeiten eher selten thematisiert, zumal über diese niedrigen Sozialkategorien wenig gesprochen und schon gar nicht geschrieben wurde. Zudem erhoben Menschen aus diesen oft sehr großen Gruppen von Versklavten selbst kaum ihre Stimme (im Sinne von selbst verfassten Dokumenten über ihre Situation). Besonders deutlich wird das Nichtsprechen über Sklaverei bzw. das Zur-Seite-Drängen des eigentlich Offensichtlichen unter dem Druck von Zivilisations-, Nations- und Modernisierungsdiskursen des 19. Jahrhunderts, wie sie etwa mit der großen Erzählung der britischen Abolition verbunden sind.

Es ist auch ein Problem der Perspektive. Vorliegendes Buch ist eines über Versklavte und Sklavereien und eben keines über Freiheit oder Menschenrechte bzw. nur über die »Freiheit« (Abolition, Emanzipation) und Rechte von Versklavten. Also konzentriere ich mich weniger auf Menschen, die »frei« waren (rechtlich) oder real mehr »Freiheiten« genossen als die in der jeweiligen Gesellschaft Versklavten. Den potenziell Versklavbaren (meist Fremde, Bauern oder städtische Unterschichten, Frauen und Kinder, bestimmte Kasten) war die Unterscheidbarkeit von den jeweiligen Sklavengruppen, auch den kollektiv Versklavten, wie leibeigenen Bauern, ein Anliegen, für das viele auch in den Tod gingen, wie viele Aufstände zeigen – siehe etwa die großen Bauernrebellionen im russischen oder im chinesischen Reich.

Der Kern meiner Definition von Sklaverei besteht darin, dass der Körper eines Menschen, Mann, Frau oder Kind, durch Institutionen geschützt und berechtigt, unter Kontrolle eines Halters (deshalb Sklavenhalter) steht, der ihn mit Gewalt seiner Mobilität und Entscheidungsfreiheit beraubt und ihm Leistungen des Körpers (Arbeit/Produktion, Energie, Dienstleistungen, Sex, Reproduktion, Schutz), Teile des Körpers (Eunuchen) oder gar das Leben selbst (Opfersklaven, Sklavensoldaten, Opferungen in Totenfolge oder zur Prävention von Rebellionen) abverlangt. Damit sind diese Körper zugleich Kapital. »Sklavenhalter« können auch Frauen, Gruppen von Menschen, Korporationen oder Institutionen (Herrscherhäuser, Paläste, Tempel, Armeen, Aktiengesellschaften, der Staat) sein. Zu einer Definition gehören Ursachen. In der Globalgeschichte gibt es vier Hauptgründe der Sklaverei: Selbstversklavung/Weggabe (oft im Zusammenhang mit Schulden oder Hunger), Krieg, Handel und Geburt als Versklavte oder Versklavter.

Das ist noch keine rechtliche Definition, es sei denn, man bezieht die legale Gewalt (»Befugnisse« des Halters aufgrund eines Besitz- und Eigentumsrechts) mit ein. Ich will mich auf die Lebenssituationen von Versklavten konzentrieren, die immerhin die größte Gruppe innerhalb des oben genannten Sklavereikomplexes (Versklavte, Sklavenhalter, Sklavenhändler usw.) bilden und kaum adäquat in der Geschichtsschreibung behandelt werden – meist wird unter dem Thema »Sklaverei« die Institution behandelt und nicht das Leben und die Subjektivität der Versklavten.26 Die rechtliche Dimension bleibt erst einmal außen vor, weil sonst immer gleich das »römische« Recht oder auch die legalistische Tradition Chinas in den Vordergrund drängen. Es geht mir zunächst um Gewalt, und zwar weniger nach dem Motto »na, Prügel haben wir ja alle bekommen« (was selbst im heutigen Deutschland für fast alle über Fünfzigjährigen noch gilt).

Vielmehr interessiert mich die wirklich die Oberfläche eines individuellen Körpers markierende oder verstümmelnde Gewalt, die die Lebenssituation, Lebensweise und das Leben individueller Versklavter komplett durchdringt und überformt. Selbst die andauernde Androhung solcher Gewalt wirkt lebensverändernd. Diese Dauereinwirkung von Gewalt, monotoner Arbeit (die die Körper von Menschen stark beeinflussen kann), Angst vor Gewalt (oder vor intensiverer Gewalt), zum großen Teil auch sexualisierter Gewalt, Repression, Stress und andere Faktoren (Überarbeitung, schlechte Ernährung, Krankheiten) wirkt sich bis auf die Körperhaltung, die Gesundheit und die Knochen aus. Oft sind Mutilationen, wie etwa Brandzeichen (carimbos) oder Tätowierungen im Gesicht oder auf den Schultern, das rituelle Zeichen, der »Ausweis« von Sklaven. Sie sind allerdings schon kurz nach dem Tod der entsprechenden Person nicht mehr nachweisbar (d. h. archäologisch nur selten fassbar).

Gewalt ist grundlegend als »einseitige Macht, Drohung, Gewalt«27 zu verstehen: erstens als direkter Zwang auf individuelle Körper, meist durch profane Prügel mit Peitschen oder Stöcken. Sie ist in gewissem Sinne »messbar« an den Verletzungen oder Mutilationen einzelner Körper oder Körperteile, etwa der Haut des Rückens, Verletzungen, um Flucht zu verhindern (Blendung, Füße abhacken, Fußsehnen durchtrennen), Verstümmelung von Ohr(en) oder Nase sowie durch entwürdigende Tätowierungen im Gesicht und Brandzeichen (carimbo). Zweitens ist die strukturelle Gewalt der Sklaverei als Institution sowie ihrer Infrastrukturen zu nennen, legitimiert und oft legalisiert durch »den Staat« oder staatenähnliche Gebilde (coercion). Das ist das Hauptelement von weiträumigem Sklavenhandel, Sklaverei und Sklavenstatus (z. B. in der Atlantic slavery). Eine dritte Form von Gewalt ist nicht so direkt, aber umfassender und möglicherweise die historische Ursache aller Sklavereien (vor allem in quantitativer Hinsicht und weil sie bis tief in die Prähistorie reicht). Kurz gesagt ist es die Angst vor dem Tod, speziell vor dem Verhungern. Ordnen sich Menschen dieser Gewalt unter, hat sie folglich auch eine Schutzfunktion – sie verspricht etwas mehr Sicherheit vor Tod, Hunger oder zusätzlicher Gewalt. Viertens muss noch der Gewaltpegel von Gesellschaften und Kulturen in die Analyse einbezogen werden.

Was den Gewaltpegel angeht, scheint das periphere lateinische Europa von 500 bis 1500 sich durchaus hervorgetan zu haben mit der »Völkerwanderung« sowie den Expansionen der Franken, Slawen, Ungarn, Wikinger/Normannen usw., aber auch mit dem Widerstand kleinerer vom Raub lebender Stämme oder Völker gegen imperiale Expansionen, den unendlichen Fehden, dem Fehlen eines dämpfenden Zentralismus, den Razzien, Kriegen, Religionskonflikten, Belagerungen und Rebellionen. Dieser hohe Gewaltpegel verbreitete sich durch die atlantische Expansion weltweit. In der politischen und demografischen Zerstörung eigenständiger Imperien und Gesellschaften in der Neuen Welt scheint die alles durchdringende Gewalt einen neuen globalen Höhepunkt gefunden zu haben. Der zweite Gewaltexzess unter Beteiligung an sich schon gewaltbereiter und -gewöhnter Europäer galt verschleppten Menschen vor allem aus Afrika. Am Anfang betraf das einfach nur cativos – Kriegsgefangene. Der massive und systematische Terror auf dem Atlantik und – seit der Expansion der Portugiesen im 15./16. Jahrhundert auch auf und am Indischen Ozean sowie darüber hinaus in den Pazifik hinein – gegen große Gruppen »anderer« Menschen hatte wiederum Auswirkungen auf die Gewaltintensität der Geschichte Europas.

Parallel zu dieser Gewaltgeschichte verläuft die Geschichte der Individualisierung des »Selbst«, der Klassenbildungen und der Globalisierung der europäischen Konsumtion (sowie anderer Weltteile – siehe das Vordringen amerikanischer Nutzpflanzen nach China und Indien) –, was wiederum aufs engste mit dem Nutzen außereuropäischer Massensklavereien zur Produktion von Luxus zu tun hat. In einigen Imperien, deren Kultur in einer Religion wurzelte und sich auf eine legale Tradition (wie die des »römischen« Rechts) berief, kam es auch zu Kodifizierungen der Sklavenhaltung (wie den Leyes de Indias im spanischen Imperium). Die »legale« Erlaubnis, Gewalt auszuüben (»Befugnis«), ist eine wesentliche und in Texten regulierte Dimension von Gewalt und als solche nur graduell unterschieden von anderen Formen der Sklaverei wie modern slavery, serfdom, debt bondage, indentured service, serviciais und convict labour (penal servitude).28 Sklaverei nach »römischem« Recht ist aber durch die Verschriftlichung sowie Fassung in Gesetzen besser nachweisbar.29

Die eher anthropologische Dimension der Verfügung über den Körper, die sehr wohl für individuelle Versklavte und für einzelne Gruppen weltweit empirisch erforscht werden kann, spielt dagegen kaum eine Rolle. Dahinter steht selbstverständlich auch die methodische Schwierigkeit, dass in vielen Gesellschaften mit Nah- und Schuldsklavereien (wie Asien und Afrika) Versklavte, vor allem Kinder- und Haussklavinnen (speziell Mädchen) so ubiquitär wie unsichtbar waren – da sie im Haus (Gebäude, Wohneinheit, Tempel) verborgen blieben. Andere Sklaven, vor allem in kollektiven Sklavereien im 19. und 20. Jahrhundert, wurden und werden in Lagern vor der Öffentlichkeit verborgen. Seit Sozialgeschichte etwas aus der Mode gekommen ist, spielt auch die Analyse von Sozialordnungen mit ihren jeweiligen Körperordnungen sowie Verräumlichungen keine große Rolle mehr. Im Marxismus hieß das Ganze noch Klassenanalyse – auch wenn Versklavte kaum jemals eine Klasse bildeten und Karl Marx Schwierigkeiten mit Sklaven und Sklavinnen hatte.30

Eine Welt- und Globalgeschichte, die Sklaverei und die sozialen Gruppen, die sie konstituieren (Versklavte, Sklavenhalter, Sklavenhändler und Personal) als Ordnungsprinzip nutzt, soll nicht zur Inflation eines ›europäischen‹ Begriffs beitragen. Sklavereien sowie Versklavte (und weitere Gruppen) können in gegebenen Gesellschaften durchaus empirisch lokalisiert und erforscht werden. Wenn dabei der Eindruck entsteht, alles sei Sklaverei gewesen (ich übertreibe etwas), so ist dieser Eindruck generell nicht ganz falsch. Es gibt einen wahren Kern – in allen Gesellschaften der Welt hat es Versklavte gegeben und in vielen Gesellschaften sogar Massen von Versklavten, die globalgeschichtlich meist nicht nach europäisch-westlichen Rechtsformen definiert waren. Und sie waren oft für global operierende Europäer oder »Westler« und »Westlerinnen«, die Quellen wie Briefe, Tagebücher oder Reiseberichte schrieben, einfach nicht als Sklavinnen und Sklaven erkennbar. Der Eindruck entsteht aber auch, weil oftmals die Frage nach globalen Sklavereiformen überhaupt nicht gestellt worden ist und – zusätzlich – viele Gesellschaften, Individuen und Institutionen lieber den Schleier des »forgetting« darüber wallen lassen würden. Dazu kommt, dass sich eine Welt- und Globalgeschichte der Sklaverei und der Versklavten sowie Versklaver eben auf ihren Gegenstand zu konzentrieren hat.

Wie eine ganze Reihe von Historikern subsumiert der Konstanzer Globalhistoriker Jürgen Osterhammel Sklaverei unter servitude:

»Servitude umfasst neben (1) Sklaverei mindestens vier weitere Formen: (2) Leibeigenschaft (serfdom), (3) Indentur (indentured service), (4) Schuldknechtschaft (debt bondage) und (5) Zwangsarbeit im Strafvollzug (penal servitude)«.31

Allerdings ist fraglich, warum man für globale Sklavereiformen unter Einbeziehung der heutigen Formen ›moderner‹ Sklavereien diskursiv übergeordnete Ersatzworte wie Servilität, bondage oder servitude sowie »Leibeigenschaft«, »Schuldknechtschaft«, »Zwangsarbeit« oder »Knechtschaft« nutzen soll und welcher Erkenntnisgewinn für eine globale Weltgeschichte der Sklaverei in solchen anderen Begriffen liegen könnte. (Gleichwohl können Letztere als Differenzierungen im konkreten lokalen Rahmen, in legalen Systemen oder innerhalb eines Forschungsfeldes durchaus sinnvoll sein.) Die Ablehnung des Wortes Sklaverei als Oberbegriff wird meist mit Rechtsformen begründet, beruht aber historisch oft auf Diskursstrategien wie einer gezielten Politik des »Schweigens« über Sklaverei bzw. Sklaven. Oder sie wurzelt in einer gezielten »Nichtsichtbarmachung« – man verzeihe mir das Wortungetüm – von Versklavten sowohl gerade wegen der Existenz von Versklavten in Realzeit (wie im Heiligen Römischen Reich im 18. Jahrhundert)32, aber auch in Bezug auf »the work of forgetting slavery« in Großbritannien nach 1808 (Abolition des Sklavenhandels auf britischen Schiffen) und 1838 (Abolition der Sklaverei in britischen atlantischen Gebieten).33 Gezieltes forgetting ging und geht weltgeschichtlich weit über das britische Beispiel hinaus, cum grano salis gilt das für alle Sklavereimächte und ehemaligen Sklavereimächte, aber auch für Imperien, die sich bisher in gewisser Weise als »sklavenfrei« oder wenigstens »sklavenhandelsfrei« konzipiert haben bzw. konzipiert worden sind (wie das spanische Weltreich). Und Nichtsichtbarmachung von Versklavten ist auch heute gängig.

Am wenigsten Sinn ergibt die Unterscheidung aus post-postkolonialer Sicht, wenn die »Kolonialität von Arbeit« an den Rändern des »Westens« (und in seinen peripheren Einflussgebieten, wenn man, wie ich, die Wallersteinschen Peripherien nicht so mag) konstatiert wird, meist nachdem auf die Konzeptualisierung von Sklaverei als »Anomalie« und als »niedrigere Form« von Arbeit durch Adam Smith und Karl Marx verwiesen wurde: Man spricht dann von »einer Theorie des Weltsystems, die Sklaverei und Leibeigenschaft zusammen mit Pachtverhältnissen, Kontraktsklaverei und anderen Formen der Zwangsarbeit als Arbeitsregime an der Peripherie des modernen kapitalistischen Systems begreift«.34