Slayer - Kiersten White - E-Book

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Kiersten White

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Beschreibung

*Aus der Welt von BUFFY*Aus jeder Menschengeneration wird ein Mädchen auserwählt Nina und ihre Zwillingsschwester Artemis sind alles andere als normal. Kunststück, wenn man an der Akademie für Wächter aufwächst. Hier läuft alles etwas anders als auf gewöhnlichen Internaten. Die Teenager der Akademie werden zu Ratgebern für Jägerinnen ausgebildet jene Mädchen, die mit übernatürlichen Kräften gegen die Mächte der Finsternis kämpfen. Doch obwohl Ninas Mutter ein bedeutendes Mitglied im Rat der Wächter ist, hat Nina den gewalttätigen Lebensstil der Wächter nie selbst angenommen. Stattdessen folgt sie dem Wunsch, Menschen zu heilen, und sucht sich ihre Nische als Sanitäterin an der Akademie.Bis zu dem Tag, an dem sich Ninas Leben für immer verändert. Dank Buffy der berühmten (und berüchtigten) Jägerin, für deren Überleben Ninas Vater sein eigenes Leben opferte, ist Nina die neue Auserwählte. Mehr als das: Sie ist die letzte Jägerin für immer!Schon während Nina ihre Fähigkeiten mit Leo, ihrem Wächter in spe, trainiert, hat sie alle Hände voll zu tun mit illegalen Monsterkämpfen, einem Glücksgefühle fressenden Dämon und einer schattenhaften Gestalt, die sich in Ninas Träumen herumtreibt Doch erst, als die ersten Leichen auftauchen, werden Ninas neue Kräfte wirklich auf die Probe gestellt denn jemand, den sie liebt, könnte das nächste Opfer sein.Eins ist klar: Auserwählt zu werden ist einfach. Selbst eine Wahl zu treffen ist jedoch verdammt schwer. Teil 1: Slayer Das Erbe der Jägerin Teil 2. *folgt*

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Slayer

Das Erbe der Jägerin

Kiersten White

Copyright © 2019 by

Drachenmond Verlag GmbH

Auf der Weide 6

50354 Hürth

http: www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Übersetzung: Kathrin Tordasi

Vorwort: Christian Handel

Lektorat: Nina Bellem

Korrektorat: Michaela Retetzki

Layout: Michelle N. Weber

Umschlagdesign: Alexander Kopainski

Bildmaterial: Shutterstock

ISBN 978-3-95991-127-6

German language copyright © 2019

by Twentieth Century Fox Film Corporation

Original English language copyright ©2019

Published by arrangement with Simon Pulse,

An imprint of Simon & Schuster Children’s Publishing Division

All rights reserved.

No part of this book may be reproduced or transmitted in any form

or by any means, electronical or mechanical, including photocopying,

recording or by any information storage and retrieval system,

without permission in writing from the Publisher.

Inhalt

Zuvor bei Buffy the Vampire Slayer

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Epilog

Zuvor bei Buffy the Vampire Slayer

Oder: Kann ich das Buch auch lesen, wenn ich die Serie und/oder die Comics nicht kenne?

In jeder Generation wird eine Jägerin geboren.

So begann im März 1997 Buffy the Vampire Slayer ihren Siegeszug durch die Popkultur. Joss Whedon schrieb mit seiner TV-Serie um eine nicht auf den Mund gefallene Schülerin, die im Schutz der Nacht Monster zur Strecke bringt, TV-Geschichte. Buffy war anders als die klassischen jungen Mädchen in Horrorfilmen. Sie ging nicht bereits in den ersten dreißig Minuten schreiend zu Boden. Mit Witz, Verstand und Kraft rettete sie nicht nur sich selbst, sondern auch die Menschen um sich herum. Und hatte trotzdem mit Sorgen zu kämpfen: Wie bekomme ich das mit der Schule auf die Reihe? Wem kann ich vertrauen? Werde ich geliebt? Wann – und mit wem – habe ich das erste Mal Sex? Wo will ich mit meinem Leben hin?

Die Serie entwickelte sich vom Geheimtipp zum weltweiten Phänomen. Obwohl sie nicht die erste Serie mit einer starken Heldin war, glauben viele US-amerikanische Fernsehgrößen, dass Buffy diversen nachfolgenden Serien – von Alias über Veronica Mars bis Supergirl – den Weg ebnete. Shonda Rhimes, Produzentin einiger der derzeit erfolgreichsten US-Serien (Grey’s Anatomy), hat jüngst verraten, dass sie durch das Bingen von Buffy das Fernsehen neu für sich entdeckte.

Mit den Jahren wurde Buffys Welt größer. Es folgte das Spin-off Angel – Jäger der Finsternis und Joss Whedon wandte sich Comics zu. In Tales of the Slayer verriet er, wie die Erste Jägerin erschaffen wurde, noch ehe Buffy das in der TV-Serie erfuhr. In der Miniserie Fray versetzte er den Jägerinnen-Mythos in eine futuristische Zukunft. Und mit Buffy the Vampire Slayer – die 8. Staffel setzte er sogar seine Erfolgsserie nach deren Ende im Fernsehen offiziell fort.

Einen Roman hat er selbst leider nie geschrieben. Im Lauf der Jahre gab es allerdings diverse Film-Tie-in-Romane, die andere Autorinnen und Autoren verfassten und (meist) zwischen den einzelnen Episoden der TV-Serie spielten.

Sie alle standen vor dem Problem, sich nahtlos in die Serie einfügen zu müssen. Zu wesentlichen, die Haupthandlung vorantreibenden Dingen durfte es also nicht kommen und auch die Figuren selbst durften sich nicht weiterentwickeln.

Bei Slayer – Das Erbe der Jägerin ist das anders. Kiersten White ist etwas Besonderes gelungen: Sie hat einen Roman geschrieben, der sich nicht wie ein Film-Tie-in liest, sondern wie ein Spin-off. Ein Roman, der den Geist des Buffyverse atmet, bei dem ich beim Lesen einerseits das Gefühl hatte, nach Hause zu kommen und gleichzeitig Neues über die Welt von Buffy & Co. zu lernen. Für die Geschichte, die sie erzählt, erschafft sie neue Figuren, sie bleibt dem Original aber treu! Den Auftrag zu diesem Buch ergatterte sie unter anderem, weil man sie vor einigen Jahren auf der Comic Con mit einem Sunnydale High T-Shirt herumlaufen sah. White ist ein großer Buffy-Fan, ihre Lieblingsstaffel ist die dritte, ihre Lieblingsepisoden stammen aber aus den Staffeln vier, fünf und sechs. Kurzum: Sie liebt Buffy, und das merkt man Slayer an. Sagen euch die Namen D’Hoffryn, Gwendolyn Post oder William der Blutige etwas? Immer wieder verweist sie auf Geschehnisse aus den TV-Serien. Zum Verständnis der Handlung selbst sind diese nicht nötig, mein Fanherz schlägt aber jedes Mal höher. Wenn ihr Buffy-Fans seid, könnt ihr euch auf die nachfolgende Geschichte freuen. Wenn ihr noch keine Fans des Buffyversums seid, macht euch das Buch vielleicht dazu.

Vielleicht stellt ihr euch die Frage, wie viel ihr von der Serie und den Comics wissen müsst, um bei Slayer – Das Erbe der Jägerin nicht den Anschluss zu verlieren. Aus meiner Sicht macht Kiersten White ihre Sache sehr gut, notwendige Informationen, die ihr für das Verständnis der Handlung braucht, mühelos im Roman unterzubringen. Er spielt kurze Zeit nach dem Ende der achten Comicstaffel.

An diejenigen von euch, die dennoch vorbereitet sein wollen, die Comics nicht kennen oder etwas Auffrischung möchten, richtet sich nachfolgendes

Was bisher geschah

Afrika, vor Tausenden von Jahren:

Um eine Waffe gegen die Vampirhorden zu erschaffen, die ihre Dörfer heimsuchten, versammelten sich die Ältesten einiger Stämme. Sie wirkten mächtige, dunkle Magie, um ein Wesen zu erschaffen, das die Blutsauger bekämpfen konnte. Sie beschworen einen Dämon und sperrten ihn in den Körper eines jungen Mädchens, das daraufhin übernatürliche Kräfte entwickelte: Stärke, Schnelligkeit, Ausdauer, außergewöhnliche Selbstheilungskräfte und prophetische Träume. Dieses Mädchen wurde die Erste Jägerin. Sie war mächtig und besiegte zahlreiche Dämonen, aber sie war nicht unsterblich.

Nach ihrem Tod gingen ihre Kräfte auf eine Nachfolgerin über und nach deren Tod auf die nächste – durch alle Zeiten hindurch. Immer nur ein Mädchen gegen all das Böse der Welt. Die Nachkommen der Schamanen gründeten eine Organisation, die sich der Rat der Wächter nannte. Sie machten es sich zur Aufgabe, die Mädchen zu finden, in denen das Potenzial schlummerte, zur Jägerin berufen zu werden, um sie schon vor ihrer Aktivierung auszubilden. Die meisten Jägerinnen hatten kein langes Leben. Und kaum Freunde. Sie kannten nur die Pflicht.

Bis Buffy Summers kam.

Los Angeles, Mitte der 90er-Jahre

Der Sitz des Rats der Wächter befindet sich mittlerweile in London, er operiert aber weltweit. Sie haben ihre Augen und Ohren überall. Umso schockierter sind sie, als ein Mädchen zur neuen Jägerin berufen wird, das sie übersehen haben. Die fünfzehnjährige Buffy Summers weiß nicht, wie ihr geschieht, als der Wächter Merrick bei ihr in Los Angeles auftaucht und ihr von ihrer Aufgabe berichtet. Sie ist die klassische Highschool-Schönheit, eine Cheerleaderin und Home­coming-Queen und auf Monster jagen hat sie ebenso wenig Lust wie auf die ständigen Streitereien ihrer Eltern. Merrick gelingt es dennoch, sie anzuleiten und auszubilden – stirbt aber in Ausübung seiner Pflicht, um seinen Schützling zu retten. Buffy hat vom Dämonen­jagen endgültig die Nase voll und zieht mit ihrer Mutter nach

Sunnydale, Kalifornien, 1997

Dort trifft sie auf einen neuen Wächter, Rupert Giles. Da sie nicht bereits als Kind unter die Fittiche des Rats genommen wurde, verhält sich Buffy ganz anders als die üblichen Jägerinnen vor ihr. Sie weiht ihre Freunde in ihr Geheimnis ein, weigert sich, die klassische Schwarz-Weiß-Malerei des Rats in Bezug auf Dämonen fraglos hinzunehmen, beginnt eine Beziehung mit einem Vampir – und bricht sogar schließlich mit dem Rat. Klar, dass die Wächter nicht gut auf sie zu sprechen sind.

Im Verlauf der Jahre nähert man sich trotzdem wieder aneinander an – bis im Jahr 2002 das Urböse mit seinen Todesboten die Jagd auf die Jägerinnen eröffnet. Und zwar nicht nur auf Buffy, sondern auch auf alle potentiellen Jägerinnen überhaupt. Um ihr Ziel zu erreichen, suchen sie nicht nur überall nach potentiellen Jägerinnen und ermorden diese, sondern sie töten auch die Wächter. Das Hauptquartier in London wird in die Luft gejagt – und Buffys Wächter Rupert Giles glaubt, der einzige noch überlebende Wächter zu sein.

Im Kampf gegen das Urböse bricht Buffy erneut mit den Regeln. Mithilfe ihrer Hexenfreundin Willow gelingt es ihr, ihre eigenen Kräfte unter allen potentiellen Jägerinnen aufzuspalten: Jedes Mädchen, in dem die Macht schlummert, Jägerin zu sein, wird fortan eine Jägerin. Der alte Kreis aus Einsamkeit scheint gebrochen.

Bis die nächste Apokalypse die Welt heimsuchte. Die achte Staffel, die es nur als Comic gibt, spielt circa ein Jahr nach dem Ende der Serie. Von Schottland aus leiten Buffy und ihr Team eine Organisation von rund fünfhundert Jägerinnen. Aber, wie Buffy in den Comics sinniert: »Apokalypsen entstehen, weil die Welt versucht, sich zu ändern«.

Gemeinsam mit ihren Gefährten kämpfen die Jägerinnen im Finale der achten Staffel gegen das Einstürzen der Wälle zwischen den Dimensionen. Unser Universum droht, von Dämonen überflutet zu werden. Sie dringen in solcher Überzahl in unsere Welt ein, dass Buffy nur einen Ausweg sieht. Sie zerstört die Quelle der Magie, die sogenannte Saat der Wunder. Die berufenen Jägerinnen behalten zwar ihre Kräfte, aber weder können Dämonen aus anderen Dimensionen in unsere Welt eindringen, noch kann jemand auf der Erde magische Kräfte einsetzen.

Buffy zieht nach San Francisco, wo sie ein neues Leben beginnt und jene Dämonen bekämpft, die in unserer Welt gestrandet sind. Durch das Verschwinden der Magie kann nie wieder eine neue Jägerin berufen werden. Das Ende ihrer Ära scheint gekommen. So mancher ist deshalb nicht gut auf Buffy zu sprechen. Der Rat der Wächter, beziehungsweise der Teil, der davon übrig geblieben ist, ebenfalls nicht. Aber davon ahnt Buffy nichts. Denn sie weiß nicht, dass eine kleine Gruppe Wächter sich in einer Schlossanlage in Irland versteckt hält. Unter ihnen lebt Nina. Sie ist die letzte Jägerin.

Nina ist nicht Buffy. Sie glaubt, sie kann sie nicht mal ausstehen, aber unähnlich ist sie ihr nicht: Sie besitzt einen Hang zur Ironie, sie vertraut ihren Freunden und sie hat ein großes Herz.

In jeder Generation gibt es eine Jägerin.

Sagt Hallo zu Nina. Slayer ist ihre Geschichte.

Christian Handel, April 2019

Prolog

Bei Sonnenuntergang einen Friedhof besuchen, während die Nacht sich über die Welt legt – gerade diese drei hätten es besser wissen müssen.

Die Söldnerin beobachtete die Mutter, die kerzengerade dastand und ihren ganzen Kummer auf das Grab richtete, in dem ihr Herz begraben lag. Rechts und links von ihr stand jeweils ein kleines Mädchen in pinkfarbenen Cowboystiefeln. Beide waren dünn und blass und die Dunkelheit hatte die Farbe aus ihren roten Locken getilgt.

Die Dunkelheit verpasste allem denselben Farbanstrich. Jeder war gleich im Dunkeln. Farblos.

Eigenschaftslos.

Machtlos.

Die Söldnerin würde dafür sorgen, dass es so blieb. Es war immerhin ihr Job. Sie wandte sich an den Vampir neben ihr. Beide waren vollständig verborgen in den tiefen Schatten des Mausoleums. »Die Frau muss leben. Die Kinder kannst du haben.«

Im Prinzip musste nur eins der Mädchen sterben, aber besser sie vermieden jedes prophetische Schlupfloch. Der Vampir schritt hinüber zu der trauernden Familie. Er versteckte sich nicht und schlich sich auch nicht an. Das brauchte er nicht.

Eines der Mädchen zerrte hektisch an der Hand seiner Mutter. »Mama. Mama!«

Die Frau drehte sich erschöpft um. Für Überraschung blieb keine Zeit, der Vampir schleuderte sie durch die Luft. Sie flog rückwärts, krachte gegen den Granitgrabstein ihres Ehemanns und fiel bewusstlos auf die weiche Erde über seinem Sarg. MERRICK JAMISON-SMYTHE prangte über ihr in einer klassisch eingemeißelten Inschrift. Die Söldnerin wünschte, sie hätte eine Kamera dabei. Dieses Bild war perfekt in Szene gesetzt.

»Hallo, meine Kleinen.« Das Frohlocken in der Stimme des Vampirs war nicht zu überhören. Die Söldnerin sah auf ihre Uhr. Sie hätte sich einen Höllenhund suchen sollen, oder vielleicht einen Kopfgeldjäger aus dem Bündnis von Taraka. Aber deren Einsatz befand sich außerhalb ihres Budgets und wäre, um ehrlich zu sein, übertrieben gewesen. Zwei Kinder machten wenig Arbeit beim Töten. Und ihr gefiel die Symmetrie daran, einen Vampir zu benutzen.

Er breitete die Arme aus, als ob er die Kinder zu einer Umarmung einladen wollte. »Ihr könnt davonlaufen, wenn ihr wollt. Mir macht eine Jagd nichts aus. Regt den Appetit an.«

Die Söldnerin hätte gedacht, dass die beiden Mädchen spätestens jetzt lauthals losschreien würden. Stattdessen sahen sie einander ernst an. Vielleicht spürten sie die Wahrheit hinter seinen Worten, während sie an dem Grab ihres Vaters standen. Er war wegen eines Vampirs gestorben und sie würden sein Schicksal teilen.

Eines der Mädchen nickte. Das andere warf sich mit einer solch überraschenden Geschwindigkeit und Wut gegen die Beine des Vampirs, dass er rücklings zu Boden ging. Bevor er das eine Mädchen von sich stoßen konnte, sprang das andere auf seine Brust.

Und dann war der Vampir Geschichte. Beide Mädchen standen aufrecht da und klopften sich den Staub von ihren adretten schwarzen Kleidern. Das zweite kleine Mädchen steckte seinen Holzpflock zurück in seinen geblümten Cowboystiefel. Sie liefen hinüber zu ihrer Mutter und klopften ihr auf die Wangen, bis sie sich wieder regte. Die Mutter zumindest war vernünftig genug, um in Panik auszubrechen. Die Söldnerin seufzte verärgert, als die Mutter ihre Mädchen an sich drückte. Jetzt spähten sie alle wachsam in die Nacht. Die Söldnerin hatte gehofft, im Verborgenen bleiben und die direkte Konfrontation vermeiden zu können, aber es musste getan werden. Sie zog ihre Armbrust hervor.

Ihr Beeper summte. Aus Gewohnheit schaute sie auf das Display, und als sie wieder den Blick hob, war die Familie verschwunden.

Sie fluchte. Sie hätte keinen Vampir benutzen sollen. Das hatte sie von dem Versuch, ein wenig poetische Tragik schaffen zu wollen. Ihr Befehl lautete, die Mutter wenn möglich am Leben zu lassen, und sie hatte gewollt, dass die Mutter überlebte, allein, nachdem sie alles an das gleiche, jämmerliche Mischlingsmonster verloren hatte.

Als Strafe dafür, dass sie geglaubt hatte, sich vor der Prophezeiung verstecken zu können. Als Strafe dafür, dass sie die ganze Welt für ihre eigenen, egoistischen Sehnsüchte riskiert hatte.

Na ja. Die Söldnerin würde sie wiederfinden. Sie schlug ihre Kapuze hoch und ging zu der nächstliegenden Tankstelle. Ein Münztelefon wartete dort in einem matten Lichtkegel. Sie nahm den Hörer ab und wählte die Nummer auf ihrem Beeper.

»Ist es erledigt?«

»Nein«, antwortete die Söldnerin.

»Ich bin enttäuscht von dir.«

»Dann verpass mir Hausarrest.« Sie legte auf, starrte düster vor sich hin und ging schließlich hinüber zum Eingang der Tankstelle. Zumindest für heute war es ihr nicht gelungen, die Apokalypse zu verhindern.

Sie brauchte was Süßes.

Eins

Von all den Schrecknissen, die wir Dämonen zu verdanken haben, ist das Überleben von Latein mit Abstand das schlimmste. Latein verdient den Tod.

Ganz zu schweigen von Sumerisch. Und Sumerisch, das ins Lateinische übersetzt wurde? Absolut teuflisch. Meine Zunge stolpert über die Aussprache, während ich mich mühsam durch die Seite vor mir kämpfe. Früher habe ich jede Minute in der Bibliothek genossen, umgeben vom Lebenswerk ganzer Generationen vorangegangener Wächter. Aber seit dem letzten Beinaheweltuntergang – der zweiundsechzig Tage her ist, um genau zu sein – kann ich kaum still sitzen. Ich rutsche auf meinem Stuhl herum. Ich trommele mit meinem Bleistift auf die Tischkante. Ich tappe mit dem Fuß auf dem Boden. Ich möchte raus und einfach losrennen. Dabei wurde ich schon oft mit Grauen und Tragödien konfrontiert. Ich habe keine Ahnung, warum ich gerade dieses Mal so viel angespannter bin. Es gibt vielleicht einen möglichen Grund dafür, aber …

»Das kann nicht stimmen.« Ich schaue auf meine eigene Handschrift. »Der im Schatten wandelt wird sich erheben und die Welt durchkitzeln?«

»Ich hasse es, wenn man mich kitzelt«, sagt Rhys, lehnt sich zurück und streckt sich. Sein brauner Lockenschopf hat sich mal wieder erfolgreich gegen einen geraden Scheitel zur Wehr gesetzt. Ein paar Locken fallen ihm in die Stirn und mildern die strenge Linie seiner Augenbrauen, die er ständig in einem Ausdruck der Konzentration oder Sorge über dem Rand seiner Brille zusammenzieht. Sobald wir unsere morgendliche Unterrichtsstunde beendet haben, werde ich meine kleine Krankenstation auf Vordermann bringen und Rhys wird sich mit Artemis im Kampftraining messen.

Ich lockere meine Finger, weil ich irgendwas bewegen muss. Vielleicht gehe ich wirklich eine Runde Laufen. Niemand würde mich vermissen. Oder vielleicht frage ich, ob ich am Kampftraining teilnehmen darf. Bisher haben sie mir das nie erlaubt, aber ich habe auch schon seit Jahren nicht mehr nachgefragt. Ich möchte irgendetwas vermöbeln und ich weiß nicht warum, und das macht mir Angst.

Es könnte daran liegen, dass ich den ganzen Morgen dämonische Prophezeiungen über Tod und Verderben gewälzt habe. Ich streiche meine missglückte Übersetzung durch. »Im Vergleich zu anderen Apokalypsen klingt Tod durch Kitzeln doch eigentlich ganz angenehm.«

Imogen räuspert sich, aber ihr nachsichtiges Lächeln mildert die Strenge ihres Tons. »Könntest du dich bitte wieder auf deine Übersetzung konzentrieren, Nina? Und Rhys, ich möchte einen kompletten Bericht über die Klassifizierung von Halbmenschen und Halbdämonen.«

Rhys zieht den Kopf ein und wird rot. Er ist der Einzige auf dem Ausbildungsweg zum vollwertigen Wächter und das bedeutet, dass er eines Tages dem Rat beitreten kann. Dann wird er mit den übrigen Ratsmitgliedern Entscheidungen für uns alle fällen. Er spürt das Gewicht dieser Verantwortung in allem, was er tut. Er ist morgens der Erste in der Bibliothek und der Letzte, der geht. Außerdem trainiert er fast so viel wie Artemis.

Am Anfang waren die Wächter dazu bestimmt, Vampirjägerinnen zu leiten – jene auserwählten Mädchen und Frauen, die mit besonderen Kräften für den Kampf gegen Dämonen ausgestattet waren. Mit den Jahrhunderten haben jedoch auch wir gelernt, aktiv mit anzupacken. Wächter müssen schwere Entscheidungen treffen, und manchmal ist der Griff zur Waffe das Resultat dieser Entscheidung. Wir benutzen Schwerter. Zaubersprüche. Messer.

Pistolen, wie im Fall meines Vaters.

Aber nicht alle von uns werden für den Kampf ausgebildet. Jeder von uns nimmt unsere Ausbildung ernst, aber auf mir lastet zumindest ein bisschen weniger Druck. Hier in der Burg bin ich nur die Sanitäterin und dieser Job platziert mich ziemlich weit unten auf der Wichtigkeitsskala. Es ist wichtiger zu lernen, wie man Leben auslöscht, nicht, wie man sie rettet.

Aber auch als ansässige Krankenschwester komme ich um den Grundkurs Prophezeiungen zu Tod und Verderben nicht herum. Ich schiebe die lateinisch-sumerische Kitzelapokalypse von mir weg. »Imogen«, jammere ich, »kann ich was Einfacheres bekommen? Bitte?«

Sie seufzt lang und gequält. Imogen hatte nicht vorgehabt, Lehrerin zu werden. Doch jetzt hat sie keine Wahl, denn unsere eigentlichen Lehrer wurden alle in die Luft gesprengt. Sie unterrichtet uns für ein paar Stunden jeden Morgen und verbringt den Rest des Tages damit, sich um die Knirpse zu kümmern.

Ihr blonder Pferdeschwanz schwingt träge hin und her, während sie aufsteht und das nächstgelegene Bücherregal durchsucht. Ich verkneife mir ein triumphierendes Lächeln. Imogen gibt bei mir immer viel schneller nach als bei den anderen. Tatsächlich sind alle hier sehr nachsichtig mit mir. Ich versuche, das nicht auszunutzen. Aber wenn die anderen darauf bestehen, mich wie das Burgmäuschen zu behandeln, bloß weil ich bei ihrem Weihwasser-und-Pfahl-Trainings­gemetzel nicht mitmische, dann sollte ich wenigstens ein paar Vorteile genießen können.

Das Regal, vor dem Imogen steht, ist eigentlich für uns verboten. Aber seitdem Buffy – die Jägerin, die im Alleingang fast unsere ganze Organisation ausgelöscht hat –vor ein paar Monaten jegliche Magie auf der Welt lahmgelegt hat, spielen die alten Verbote keine Rolle mehr. Benutzte man früher diese Bücher, lief man Gefahr, von einem Dämon besessen zu werden, einen Höllengott heraufzubeschwören oder sich eine wirklich fiese Papierschnittwunde einzufangen. Jetzt waren sie genauso harmlos wie jedes andere Buch.

Das sorgt allerdings nicht dafür, dass man sie leichter übersetzen kann.

»Die Magie ist immer noch defekt, oder?«, frage ich, während Imogen mit ihrem Finger über den Rücken eines Buches streicht, das im fünfzehnten Jahrhundert einen ganzen Raum voll Wächter getötet hat. Seit zwei Monaten ist die gesamte magische Energie versiegt. Wir sind eine Organisation, deren ganze Struktur mit Magie verwoben ist. Die Umstellung fällt uns also nicht leicht. Ich wurde zwar nicht im Gebrauch von Magie geschult, aber ich habe gesunden Respekt, besser gesagt Angst vor ihr. Zu sehen, wie Imogen dieses besondere Machwerk wie jedes x-beliebige Buch behandelt, verpasst mir daher eine Gänsehaut.

»Keine Batterie der Welt bringt die wieder zum Laufen.« Rhys starrt mit düsterem Blick auf sein eigenes Buch, so als ob der Dämon, über den er recherchiert, ihn persönlich beleidigt hat. »Wenn Buffy etwas kaputt macht, dann richtig. Würde mir jemand die Saat der Wunder vorlegen – die Quelle aller Magie auf Erden, ein waschechtes mystisches Mirakel –, dann würde ich, ich weiß nicht, vielleicht innehalten und das Ganze näher erforschen. Es muss doch andere Optionen gegeben haben, um die Apokalypse des Tages zu verhindern.«

»Buffy kommt, sieht und zerstört«, murmele ich. Ihr Name fühlt sich fast wie ein Schimpfwort in meinem Mund an. Wir nennen ihn nicht oft in meiner Familie. Andererseits reden wir überhaupt nicht viel in meiner Familie, mit Ausnahme von »Hast du meinen guten Dolch gesehen?« oder »Wo sind unsere Pfahlschnitzutensilien?« oder »Seid gegrüßt, Zwillingstöchter, ich bin es, eure Mutter, ich liebe eine von euch mehr als die andere und ich habe damals entschieden, den besseren Zwilling zuerst zu retten, als das Feuer kurz davor war, euch beide zu töten.«

Okay, Letzteres wird vielleicht gedacht, aber nicht ausgesprochen. Denn ich wiederhole: Wir reden nicht viel. Gemeinsam unter demselben Dach zu leben ist nicht ganz so familiär gemütlich, wenn das Dach auf einer riesigen Burg sitzt.

»Wenn ich daran denke, was wir alles hätten lernen können«, seufzt Rhys. »Wenn ich nur eine Stunde mit der Saat gehabt hätte …«

»Zu ihrer Verteidigung, die Welt war dabei, unterzugehen«, sagt Imogen.

»Zu ihrer Nicht-Verteidigung, sie war der Grund, warum die Welt überhaupt in Gefahr war«, kontere ich. »Und jetzt ist die Magie tot.«

Imogen zuckt mit der Schulter. »Keine Höllenschlunde mehr, keine Dimensionsportale. Keine Dämonen, die für einen Kurztrip und eine Runde Sightseeing vorbeischauen.«

Ich stoße ein Schnauben aus. »Schlemmertouren zum Planeten Mensch sind gestrichen. Tut uns leid, dämonische Dimensionen. Das bedeutet natürlich auch, dass alle anwesenden Touristen nicht in ihre trauten Höllenlöcher zurückkriechen können.«

Rhys wirft mir einen finsteren Blick zu, nimmt seine Brille ab und poliert die Gläser. »All das Wissen, das wir über dämonische Grenz­überschreitungen, Portale, Dimensionen, Weltentore und Höllenschlunde angesammelt haben, wurde über den Haufen geworfen und zerstört – und ihr reißt Witze darüber. Nichts von unseren Informationen ist noch gültig. Selbst wenn ich wollte, könnte ich nicht herausfinden, was diese ganzen Veränderungen bedeuten.«

»Siehst du? Buffy schadet jedem. Armer Rhys. Keine Nachschlagewerke für deine Fragen.« Ich tätschele seinen Kopf.

Imogen wuchtet einen riesigen Wälzer auf den Tisch. »Und trotzdem müsst ihr eure Hausaufgaben erledigen. Versuch es mit dem hier.« Eine Staubwolke explodiert aus den Seiten des Buches. Ich zucke zurück und halte mir die Nase zu.

Imogen verzieht das Gesicht. »Tut mir leid.«

»Ist schon okay. Ich hab schon lange keine Asthmaattacke mehr gehabt.« Ja, es ist okay, dass mein Asthma ganz plötzlich und zufällig an dem Tag verschwunden ist, als Buffy die Magie zerstört hat, die Welt beinahe unterging und ich mit einer Ladung interdimensionalem Dämonenschleim übergossen wurde. Das ist völlig okay und hat überhaupt nichts mit dem Dämon zu tun. Genauso wenig wie die Tatsache, dass ich mich verzweifelt danach sehne zu rennen oder zu kämpfen, oder irgendwas anderes mit meinem Körper zu tun, als mich in eine Ecke zu kuscheln und zu lesen. Was bis vor Kurzem meine Lieblingsbeschäftigung gewesen war.

Ich ziehe den Saum meines Ärmels über meine Hand und wische damit vorsichtig über den ledernen Buchdeckel. »›Die Apokalypse von … Arcturius dem Weitsichtigen‹? Klingt so, als ob der Typ eine neue Brille gebraucht hätte.«

Rhys lehnt sich herüber und späht neugierig auf die erste Seite. »Das Buch habe ich noch nicht gelesen.« Er klingt neidisch.

Notizen füllen die Seitenränder und die Handschriften verändern sich im Verlauf der Jahrhunderte. Auf den letzten Seiten befinden sich ein paar orangefarbene Fingerabdrücke, als ob jemand beim Lesen eine Tüte Cheetos gegessen hat. Die Wächter, die mir vorausgingen, haben ihre eigenen Anmerkungen hinterlassen, haben Kommentare und Details zum Text hinzugefügt. Der Anblick ihrer Arbeit erschlägt mich beinahe mit dem Gefühl, dass ich ihren Erwartungen gerecht werden muss. Meine Familie fühlt sich seit Jahrhunderten dazu berufen, Jägerinnen zu schützen, Dämonen zu bekämpfen und die Welt zu retten. Nicht viele sechzehnjährige Mädchen können auf so einen Stammbaum zurückblicken.

Ich finde einen guten Eintrag. »Wusstet ihr, dass einer der Merryweathers in 1910 einen Tintenfischaufstand niedergeschlagen hat? Ein Leviathan gab ihnen ein Bewusstsein und sie hätten beinahe die Weltherrschaft an sich gerissen! Merryweather geht nicht ins Detail. Scheint so, als hätte er sie besiegt mit …«, ich schaue genauer hin, »… Zitrone. Und Butter. Ich glaube, das ist ein Rezept.«

Imogen klopft mit dem Finger auf das Buch. »Wie wär’s, wenn du die letzten zehn Prophezeiungen übersetzt?«

Ich mache mich an die Arbeit. Rhys stellt ab und zu Fragen an Imogen. Als unsere Unterrichtsstunde vorbei ist, stapelt sich ungefähr die Hälfte des Inhalts aller Regale auf unserem knarzenden Tisch. Früher hätten Rhys und ich gar nicht zusammen gelernt. Er wäre in einer Klasse mit den anderen Ratsanwärtern in spe. Doch weil es jetzt nur noch so wenige von uns gibt, mussten wir mit unseren Strukturen und Traditionen ein bisschen flexibler werden. Nicht mit allem, zugegeben. Ohne Traditionen, was wären wir dann noch? Nur eine Gruppe Spinner, die sich in einer Burg versteckt und Dinge lernt, von denen sonst kein Mensch überhaupt etwas wissen will. Was wir ja eigentlich auch mit unseren Traditionen sind. Aber das Wissen, dass ich Teil einer Jahrtausende währenden Schlacht gegen die Mächte des Bösen bin (ganz zu schweigen von den Tintenfischen), gibt der ganzen Sache so viel mehr Bedeutung.

Buffy und die Jägerinnen haben sich vielleicht von den Wächtern abgewandt, haben unsere Führung und unseren Rat abgelehnt, aber wir haben dem Rest der Welt nicht den Rücken zugekehrt. Normale Menschen können ihr Leben leben, nichts ahnend und fröhlich, weil wir harte Arbeit leisten. Und darauf bin ich stolz. Selbst wenn das bedeutet, dass ich dämliche Prophezeiungen übersetzen muss. Selbst wenn ich mich während der letzten Jahre immer wieder gefragt habe, ob die eingefahrene Art, mit der die Wächter und Jägerinnen gegen das Böse kämpfen, immer die richtige ist.

Die Tür zur Bibliothek fliegt auf und meine Schwester Artemis kommt herein. Sie holt tief Luft und schaut finster drein, während sie an mir vorbeistapft und eins der alten Fenster aufreißt. Das Fenster ächzt protestierend, aber Artemis erreicht, was sie will – wie bei allem anderen auch. Sie zieht einen meiner Inhalatoren aus ihrer Tasche und stellt ihn neben mir auf den Tisch. Alles in dieser Burg läuft wegen Artemis wie geölt. Sie ist eine Naturgewalt. Eine wütende, aber effiziente Naturgewalt.

»Dir auch ein herzliches Hallo«, sage ich mit einem Lächeln.

Sie zupft an einer meiner Haarsträhnen. Wir haben beide rote Locken, auch wenn ihre immer in einem strengen Pferdeschwanz zurückgebunden sind. Ich habe viel mehr Zeit für Schönheitspflege. Wenn ich ihr Gesicht anschaue, dann ist es, als sähe ich in einen Spiegel – vorausgesetzt, der Spiegel würde mir zeigen, wer ich in einem anderen Leben hätte sein können. Ihre Sommersprossen sind dunkler als meine, weil sie viel mehr Zeit draußen verbringt. Der Blick ihrer grauen Augen ist stechend, die Linie ihres Kinns irgendwie härter. Ihr Rücken ist gerader, ihre Arme haben mehr Muskeln. Ihre ganze Figur ist weniger mollig und weich als meine und signalisiert mit jeder Faser: Ich mach dich fertig, wenn’s drauf ankommt.

Kurz gesagt, Artemis ist der thoughe Zwilling. Der starke Zwilling. Der auserwählte Zwilling. Ich dagegen …

Ich bin diejenige, die zurückgelassen wurde.

Damit meine ich nicht nur das Feuer. Der Moment, in dem meine Mutter sich entscheiden musste, wen von uns sie aus den schrecklichen Flammen retten würde – und ihre Wahl fiel auf Artemis –, hat natürlich mein Leben verändert. Aber selbst danach, nachdem ich es geschafft hatte zu überleben, entschied sich meine Mutter immer wieder für Artemis. Artemis wurde für die Prüfungen und das Training ausgewählt. Artemis bekam verantwortliche Aufgaben und Verpflichtungen zugeteilt, genauso wie eine wichtige Rolle im Verband der Wächter. Und mich hat man an der Seitenlinie zurückgelassen. Ich bin nur deshalb irgendwie vielleicht ein bisschen wichtig, weil so viele von uns gestorben sind. Und die Wahrheit ist, ich verstehe das.

Ich wurde lediglich in die Welt der Wächter hineingeboren, aber Artemis verdient es, eine von ihnen zu sein.

Sie setzt sich neben mich, zieht ihr Notizbuch hervor und schlägt ihre heutige To-do-Liste auf. Die Liste ist in mikroskopischer Kleinschrift geschrieben und nimmt nicht nur diese komplette Seite ein, sondern wahrscheinlich auch die nächste. Niemand in dieser Burg arbeitet härter als Artemis. »Hör mal«, sagt sie, »ich glaube, ich habe Jade verletzt.«

Ich hebe den Blick von der letzten Seite meines Buches. Jede andere Prophezeiung war von Anmerkungen darüber begleitet, wie die jeweilige Apokalypse verhindert worden war. Müßig frage ich mich, was es bedeutet, dass diese Prophezeiung die letzte ist. Hat sich Arcturius der Weitsichtige endlich eine Brille besorgt, oder war diese Apokalypse so apokalyptisch, dass er nicht über sie hinaussehen konnte? Hier gibt es auch keine Notizen anderer Wächter. Und Wächter sind akribisch in ihrer Arbeit. Wenn diese Apokalypse keine Fußnote hat, dann bedeutet das, dass sie noch nicht verhindert wurde.

Meine eigenen Burgnotfälle sind allerdings viel dringender. »Und mit ›du glaubst‹ meinst du …«

Artemis zuckt mit der Schulter. »Ich bin mir sicher.«

Wie aufs Stichwort humpelt Jade herein. Sie fährt mit ihrer Schimpftirade mitten im Wort fort.

»… und bloß weil die Magie nicht mehr funktioniert, heißt das noch lange nicht, dass ich als Artemis’ Sandsack herhalten muss! Mir ist klar, dass mein Vater im Sondereinsatz unterwegs war, aber ich will das nicht. Ich hatte ein Talent für Magie! Nicht für das hier!«

»Niemand ist so gut wie Artemis«, sagt Rhys. Seine Stimme klingt ruhig und ohne jede Wertung, aber wir erstarren alle in unserer Bewegung. Das ist auch so eine Sache, über die wir nicht sprechen: Artemis ist zweifelsohne die Beste von uns und trotzdem ist Rhys der offizielle Star der Show.

Als Wächter glänzt man am besten bei der Recherche, beim Dokumentieren von Ereignissen und dabei, gewisse Dinge für sich zu behalten. Die ganze Organisation ist extrem britisch. Auch wenn Artemis und ich genau genommen gebürtige Amerikaner sind. Bevor wir hierherkamen, haben wir in Kalifornien und Arizona gelebt. Rhys, Jade und Imogen – die alle in London groß geworden sind – lachen mich aus, wenn ich mich darüber freue, wie viel es hier regnet. Seit acht Jahren bin ich in England und Irland zu Hause, aber ich liebe den Regen immer noch, genauso wie die grüne Landschaft und alles, was nicht nach Wüste aussieht.

Jade lässt sich neben mir auf einen Stuhl fallen und hievt ihren Knöchel auf meinen Schoß. Ich drehe ihren Fuß, um zu sehen, wie gut er sich bewegen lässt.

»Das hier heißt übersetzt ›Jägerin‹«, sagt Artemis, während sie über meine Schulter schielt. Sie streicht meine Übersetzung des Wortes durch. ›Mörderin‹. Ist doch das Gleiche.

Jade japst empört. »Aua!«

»’Tschuldige. Der Knöchel ist nicht gebrochen, aber er wird schon dick. Ich denke, das ist eine leichte Verstauchung.« Ich werfe Artemis einen Blick zu und sie schaut zur Seite. Wahrscheinlich errät sie meine Gedanken, wie so oft. Sie weiß, ich werde ihr sagen, dass es keinen Grund gibt, so hart zu trainieren. Sich gegenseitig zu verletzen. Aber anstatt unsere übliche Diskussion abzuspulen, zeige ich auf meine Übersetzung. »Was bedeutet dieses Wort?«

»Beschützer«, sagt Artemis.

»Nicht schummeln«, ruft Imogen, während sie ein paar der Bücher zurück in die Regale räumt.

»Das zählt doch nicht als schummeln. Wir sind praktisch die gleiche Person!« Niemand widerspricht meiner Lüge. Artemis sollte zu all ihren anderen Verpflichtungen nicht auch noch meine Hausaufgaben machen müssen, aber sie hilft mir, ohne dass ich sie extra dazu auffordern muss. So funktionieren wir eben.

»Hast du von Mom gehört?«, frage ich wie nebenbei. Dieses Thema behandle ich noch vorsichtiger als Jades Knöchel.

»Nichts Neues seit Dienstag. Mit Südamerika sollte sie in den nächsten Tagen aber durch sein.« Artemis hat die ganze Aufklärungsmission für meine Mutter geplant. Ich habe nicht einen Pieps von ihr gehört, seit sie sich vor sieben Wochen auf den Weg gemacht hat, aber Artemis verdient regelmäßige Updates.

»Kannst du dich bitte mal konzentrieren?«, beschwert sich Jade. Sie war auf einer Mission in Schottland, um ein Auge auf Buffy und ihre Armee von Jägerinnen zu haben. Nicht, dass das viel gebracht hätte. Buffy hat es trotzdem geschafft, einen Beinaheweltuntergang auszulösen. Jetzt, da Jade ohne jede Spur von Magie zur Burg zurückgekehrt ist, ist sie mit der ganzen Situation unzufrieden und das lässt sie uns wissen.

Ständig.

»Rhys, würdest du zu meiner Krankenstation gehen und mir meine Erste-Hilfe-Tasche für Verstauchungen bringen?« Ich frage ihn, obwohl ich weiß, dass Artemis sich ohne zu zögern darum kümmern würde. Aber ihre To-do-Liste ist sowieso schon übervoll und ich will ihr nicht noch mehr aufladen.

Rhys steht auf. Es ist nicht seine Aufgabe, für mich den Laufburschen zu spielen. In der Rangordnung steht er weit über mir, aber für ihn ist Freundschaft wichtiger als Hierarchie. Neben Artemis mag ich ihn von den anderen in der Burg am liebsten. Nicht dass es da viel Konkurrenz gäbe. Rhys, Jade und Artemis sind die einzigen anderen Teenager. Imogen ist Anfang zwanzig. Die Knirpse sind noch im Kinder­gartenalter. Und die Ratsmitglieder – alle vier von ihnen – sind nicht gerade für Freundschaftsanfragen geeignet. »Wo finde ich die?«, fragt er.

»Gleich neben der Tasche fürs Wunden flicken und hinter der Gehirnerschütterungstasche.«

»Bin gleich zurück.«

Er schlendert davon. In Wirklichkeit ist die Krankenstation eine große Abstellkammer, die ich im gegenüberliegenden Gebäudeflügel in Beschlag genommen habe. Der Trainingsraum ist natürlich großartig. Das Draufschlagen wird hier mehr wertgeschätzt als das Heilen. Während wir auf Rhys warten, hebe ich Jades Bein an und lege ihren Knöchel auf einem Stapel Bücher ab, die einmal die dunkelsten Zaubersprüche überhaupt beinhaltet haben. Jetzt dienen sie als Briefbeschwerer.

George Smythe, der jüngste unserer Knirpse, platzt in die Bibliothek. Er vergräbt sein Gesicht in Imogens Rockfalten und zieht an ihren langen Ärmeln. »Imo, komm und spiel mit uns.«

Imogen nimmt ihn auf ihren Arm. Während der Unterrichtszeit hat Ruth Zabuto die Verantwortung für die Knirpse, aber sie ist so alt wie Methusalem und noch viel verkalkter. Ich nehme es George nicht übel, dass er Imogen lieber mag.

»Bist du fertig?«, fragt sie mich.

Triumphierend halte ich mein Blatt Papier in die Höhe. »Geschafft!«

Kind der Jägerin

Kind des Wächters

Zwei werden eins

Eine wird zu zweien

Feuermädchen

Beschützerin und Kriegerin

Eine, um die Welt zu heilen

und eine, um sie in Stücke zu reißen.

»Es gibt einen Nachtrag. Wahrscheinlich konnte Arcturius nicht anders, als seine eigene gruselige Prophezeiung zu kommentieren. ›Am Ende aller Dinge, wenn Hoffnung und Wunder Seite an Seite vergehen, dann wird ihre Dunkelheit sich ausbreiten und alles aufessen.‹«

Imogen schnaubt. »Verschlingen. Nicht aufessen.«

»Zu meiner Verteidigung, ich hab Hunger. Stimmt der Rest?«

Imogen nickt. »Dank der Hilfe, die du bekommen hast.«

»Na ja, selbst mit Artemis’ Hilfe bleibt das hier Kauderwelsch. Und die Calamari-Rezepte fehlen.« Ich schiebe meine Übersetzung zurück in das Buch.

Rhys kommt mit dem Verbandszeug zurück, genau in dem Moment, als zwei weitere Knirpse in die Bibliothek stürmen und Imogen in Beschlag nehmen. Sie ist die am meisten beschäftigte Person in der Burg, mit Ausnahme von Artemis, die sich schon auf den Weg gemacht hat, um das Mittagessen für uns alle vorzubereiten. Manchmal wünschte ich, meine Schwester würde mir genauso gehören wie allen anderen.

Rhys bringt mir die Erste-Hilfe-Tasche. Der kleine George läuft ihm zwischen die Füße und Rhys stolpert, kurz bevor er bei mir angekommen ist. Ohne nachzudenken strecke ich die Hand aus und fange die Tasche mitten in der Luft. Die ganze Aktion fühlt sich überraschend einfach und natürlich an, bedenkt man, wie unkoordiniert ich sonst bin.

»Gut reagiert«, sagt Rhys. Die Überraschung in seiner Stimme hätte mich beleidigt, wenn ich selbst nicht so erschrocken gewesen wäre. Ich habe gut reagiert. Viel zu gut.

»Tja, Glück gehabt«, sage ich und gebe ein unbehagliches Lachen von mir. Ich greife mir ein Coolpack und drapiere es um Jades Knöchel. »Zwanzig Minuten drauflassen, dann eine Stunde ohne Coolpack. Ich mach dir einen frischen Verband, wenn du die Kompresse abnimmst. Das wird gegen die Schwellung helfen. Und den Knöchel so gut wie’s geht schonen.«

»Kein Problem.« Jade lehnt sich zurück und schließt die Augen. Die Zeit, die sie sonst auf ihre Magie verwandt hat, verbringt sie jetzt mit Schlafen.

Ich weiß, dass ihr die ganze Sache übel zusetzt – das geht uns allen so. Die gesamte Weltordnung hat sich wieder einmal verändert. Aber wir tun das, was Wächter immer tun: Wir machen weiter.

Mein Handy brummt. Eigentlich vermeiden wir den Kontakt mit der Außenwelt. Wenn deine Freunde und deine ganze Familie in die Luft gesprengt wurden, kannst du schon mal ein bisschen paranoid werden. Eine Person hat jedoch meine Nummer und er ist das Highlight unseres Exils hier am Rand eines verschlafenen irischen Dorfes. »Cillian ist mit unseren Vorräten fast da.«

Rhys wird sofort aufmerksam. »Brauchst du Hilfe?«

»Aber ja, ich habe keine Ahnung, wie ich es ohne dich schaffen soll. Es ist dringend notwendig, dass du mit mir nach draußen kommst und mit deinem Freund flirtest, während ich die Vorratskisten durchgehe.«

Sonnenlicht fällt in die dauerhaft unterkühlte Eingangshalle der Burg. Die Buntglasfenster malen blaue, rote und grüne Flecken auf den Boden. Liebevoll tätschele ich die schwere Eichentür, während ich über die Schwelle nach draußen in die klare Herbstluft trete. In der Burg zieht es ständig. Dazu kommen eine fragwürdige Sanitäranlage und eine heikle Elektrik. Die meisten Fenster lassen sich nicht öffnen, und diejenigen, die man öffnen kann, sind undicht. Die Hälfte der Zimmer ist baufällig. Der gesamte Wohnflügel ist eher eine Sammelstelle für allen möglichen Krempel und Unrat. Den Teil der Burg, in dem sich der Turm befand, können wir gar nicht betreten, weil dort akute Einsturzgefahr besteht.

Doch trotz allem hat diese Burg unsere Leben gerettet und den wenigen, die von uns noch übrig sind, einen sicheren Rückzugsort gegeben. Dafür liebe ich diese Bruchbude.

Draußen auf der Wiese – die sich mittlerweile davon erholt hat, dass vor zwei Jahren eine Burg wie aus dem Nichts aufgetaucht und auf ihr gelandet ist – üben sich mein Großonkel, der alte Bradford Smythe, und die schreckliche Wanda Wyndam-Pryce im Schwertkampf. Obwohl, Schwertdebatte wäre wohl die bessere Beschreibung, denn die beiden legen nach jedem Schwerthieb eine Pause ein und streiten über die richtige Kampfhaltung. Das Rätsel um die frei herumlaufenden Knirpse ist indes gelöst. Ruth Zabuto schläft tief und fest.

Ich beobachte sie vom anderen Ende der Wiese aus, um sicherzugehen, dass sie noch atmet. Sie gibt einen Schnarcher von sich, der so laut ist, dass er trotz der Entfernung in meinen Ohren dröhnt. Beruhigt folge ich Rhys zu dem Feldweg jenseits des Burggeländes. Ich kann Wanda und Bradford immer noch diskutieren hören.

Cillian fährt auf einem Scooter, auf dessen Gepäckträger mehrere Boxen geschnallt sind. Er hebt eine Hand und winkt uns fröhlich zu. Seiner Mutter gehörte der einzige Zauberladen in der Umgebung. Die meisten Leute wissen nicht, dass es Magie wirklich gibt – beziehungsweise gab. Aber seine Mutter war eine annehmbar talentierte und sachkundige Hexe. Und, was noch viel besser ist, sie konnte Geheimnisse für sich behalten. Cillian und seine Mutter sind die einzigen Menschen, die wissen, dass es immer noch Wächter gibt. Dass wir nicht wie vorgesehen alle ums Leben gekommen sind.

Wir haben ihnen nicht viel darüber erzählt, wer wir sind und was wir tun. So ist es am sichersten. Und die beiden haben nie Fragen gestellt, denn bevor Buffy die Magie getötet hat, waren wir ihre besten Kunden. Auch jetzt noch kümmert sich Cillian um unsere nicht­magischen Einkaufslieferungen. Seltsamerweise lehnen Onlinehändler die Adresszeile ›Verborgene Burg mitten im Nirgendwo am Rand von Shancoom, Irland‹ kategorisch ab.

Cillian bremst seinen Scooter direkt vor uns. »Was geht?«

»I…«

Etwas bewegt sich blitzschnell hinter Cillians Rücken. Ein Knurren erfüllt die Luft und dann stürzt sich die Dunkelheit auf ihn.

Mein Kopf schaltet sich ab.

Mein Körper reagiert.

Ich springe nach vorn und erwische das Ding mitten in der Luft. Wir prallen aneinander und stürzen hart zu Boden. Ich rolle mich auf den Rücken, das Ding immer noch auf mir, und packe den weit aufgerissenen Kiefer, der mir an die Kehle will. Heiße Speicheltropfen brennen auf meiner Haut.

Dann reiße ich den Schädel herum, es kracht und das Ding erschlafft, fällt in sich zusammen und bleibt tonnenschwer auf mir liegen.

Ich hieve es zur Seite und rappele mich auf. Mein Herz rast, mein Blick huscht über den Feldweg auf der Suche nach weiteren Angreifern, meine Beine sind zum Sprung bereit.

Das ist der Moment, als der Schrei an mein Ohr dringt. Das Geräusch klingt weit weg. Vielleicht war der Schrei schon die ganze Zeit da? Ich schüttele meinen Kopf und versuche, die Welt wieder in den richtigen Fokus zu rücken. Und ich bemerke, dass zu meinen Füßen ein Monster liegt – ein Monster, das ich irgendwie getötet habe. Ich stolpere rückwärts und wische mir hektisch mit dem Ärmel meines Hemds den heißen, klebrigen Monstersabber vom Hals.

»Artemis!« Bradford Smythe kommt angerannt. »Artemis, geht’s dir gut?« Er läuft an mir vorbei und beugt sich über die Bestie. Sie sieht aus wie ein infernaler Hundeverschnitt, was eine akkurate Beschreibung ist, denn ich bin mir ziemlicher sicher, dass das da ein Höllenhund ist. Schwarze, fleckige Haut. Struppiges Fell, das mehr nach schimmeligen Warzen aussieht. Fangzähne und Klauen und eine ungebremste Lust zum Töten.

Bis jetzt. Denn jetzt habe ich das Vieh getötet.

Ich habe es getötet?

Dämon, flüstert eine Stimme in meinem Kopf. Und sie meint damit nicht den Höllenhund.

»Nina«, sagt Rhys, der genauso schockiert klingt, wie ich mich fühle.

Bradford Smythe schaut verwundert hoch. »Wie bitte?«

»Nicht Artemis. Das war Nina … Nina hat es getötet.«

Alle starren mich an, als ob auch mir Fangzähne und Klauen gewachsen wären. Ich verstehe nicht, was da gerade passiert ist. Wie es passiert ist. Warum es passiert ist. Noch nie zuvor habe ich auch nur etwas Ähnliches wie das hier getan.

Mir ist schlecht und gleichzeitig fühle ich mich … aufgekratzt? Da läuft doch was falsch. Ich fühle mich, als könnte ich einen Marathon laufen. Als ob ich mit einem Sprung über die gesamte Burg hinwegsetzen könnte. Als ob ich mich mit hundert anderen Höllenhunden anle…

»Ich glaube, ich muss mich übergeben«, würge ich hervor und blinzele angesichts des toten Dings. Ich bin keine Mörderin. Ich bin eine Heilerin. Ich bringe Lebewesen wieder in Ordnung. Das ist meine Aufgabe.

»Das war unglaublich.« Rhys betrachtet mich, als wäre ich eins seiner Bücher. Als ob er das, was er sieht, nicht übersetzen kann.

Er hat recht. Ich kann auch nicht glauben, dass ich das hier wirklich getan habe.

Bradford Smythe dagegen scheint weniger überrascht zu sein. Er sackt ein bisschen in sich zusammen, während er seine Brille abnimmt und sie mit einem Ausdruck der Resignation auf dem Gesicht poliert. Warum ist er nicht schockiert, jetzt, wo er weiß, dass ich nicht Artemis bin? Der Blick, den er mir zuwirft, ist voller Mitleid und Bedauern. »Wir müssen deine Mutter anrufen.«

Zwei

Wie bitte schön kommt ein Höllenhund nach Shancoom?« Sowohl der Tonfall von Wanda Wyndam-Pryces Stimme als auch ihr verkniffener und wütender Gesichtsausdruck deuten darauf hin, dass das alles meine Schuld ist. Als ob ich mich freiwillig zum Hundesitten gemeldet und aus Versehen ein infernales Höllenbiest angeschleppt hätte.

Ich kann meinen Blick nicht von der Leiche auf dem Boden wegreißen.

Der Leiche.

Wie habe ich das gemacht?

Bradford Smythe streicht über seinen Walrossbart. »Das verheißt nichts Gutes. Shancoom hatte schon immer natürliche mystische Schutzbarrieren. Das war einer der Gründe, warum wir uns diesen Ort ausgesucht haben.«

»Es gibt keinen mystischen Schutz mehr.« Ruth Zabuto verkriecht sich noch tiefer in ihren Kokon aus Schals und Tüchern. »Könnt ihr das nicht spüren? Es ist alles weg. Nur noch das Böse existiert.«

»Was macht ihr denn alle hier?«, will Artemis wissen, noch bevor sie bei uns angekommen ist. Sie sieht den Höllenhund und wirft sich zwischen mich und den toten Dämon, noch bevor wir irgendetwas erklären können. Ihr erster Instinkt ist immer, mich zu beschützen.

»Wir müssen das Gelände abriegeln! Alle zurück in die Burg. Sofort!«

Rhys zuckt zusammen und die älteren Wächter – drei von den vieren, die von dem einst erlesenen und mächtigen Rat übrig geblieben sind – sind klug genug, um verängstigt auszusehen. Wo eine Bedrohung ist, könnte eine zweite nicht weit sein. Das hätte ihnen klar sein müssen. Artemis hatte es sofort kapiert. Rhys packt Cillian am Arm und zieht ihn mit sich.

Cillian runzelt die Stirn. »Ich dachte, ich darf die Burg nicht betreten? Was war das für ein Ding?«

»Los jetzt!« Artemis läuft rückwärts und sucht dabei den Waldrand mit den Augen nach der nächsten Bedrohung ab. Sie weicht nicht von meiner Seite. Sie hat die Trainingserfahrung. Sie ist auf Situationen wie diese hier vorbereitet.

Krach. So klang es, als die Knochen zwischen meinen Händen brachen.

Ich renne den Pfad zur Eingangstür der Burg hinauf. Der Gedanke, dass da draußen noch mehr Biester unterwegs sein könnten, sollte mich vor Angst lähmen, aber es fühlt sich nicht so an, als ob andere Höllenhunde in der Nähe sind. Was mich beunruhigt. Woher weiß ich das?

Kaum sind wir drinnen, verriegelt Artemis die Türen und erteilt Befehle. »Jade und Imogen sollen sich mit den Knirpsen im Wohnflügel verschanzen. Rhys, geh mit Cillian und Nina. Verbarrikadiert euch in der Bibliothek. Es gibt ein Geheimzimmer hinter dem letzten Regal. Falls sie die Burg überrennen, benutzt das Fenster dort als Notausgang.«

»Es gibt ein Geheimzimmer?«, frage ich im gleichen Moment, als Rhys mit empörter Stimme sagt: »Es gibt Bücher, von denen ich nichts weiß?«

Cillian macht einen Schritt auf die Tür zu. »Verbarrikadieren? Die Burg überrennen? Zum Teufel, was ist hier eigentlich los?«

Artemis streckt den Arm aus, um ihn vom Gehen abzuhalten. Mir ist nicht entgangen, dass Rhys dazu abgestellt wurde, Cillian zu beschützen, den ahnungslosen Zivilisten, und mich. Sie hat keine Ahnung, dass ich den Höllenhund getötet habe, und ich weiß nicht, wie ich es ihr sagen soll. Es fühlt sich so an, als wäre das jemand anderem passiert. Die ganze Sache ist mir … peinlich. Und sie macht mir Angst. Denn es hat sich so angefühlt, als ob etwas Fremdes die Kontrolle übernommen hätte. Das bedeutet, dass diese ganzen seltsamen Signale meines Körpers, die ich die letzten Monate ignoriert habe, tatsächlich und ohne jeden Zweifel real sind.

Artemis öffnet eine verstaubte alte Truhe neben der Tür und verteilt Waffen. Wanda Wyndam-Pryce schreckt vor einer großen Armbrust zurück. Artemis blickt sie wütend an. »Wäre dir eine hölzerne Gerte lieber?«

»Pass auf, was du sagst«, zischt Wanda. Ich verstehe nicht, worum es geht, aber Wanda nimmt die Armbrust und eilt davon. Rhys bekommt ein Schwert. Bradford Smythe nimmt eine andere Armbrust. Die uralte Ruth Zabuto zieht ein Messer aus einer Scheide unter den Lagen ihrer wallenden Röcke hervor.

»Was ist mit …«, beginne ich.

»Bibliothek!«, donnert Artemis. »Sofort!«

Bradford Smythe wirft mir einen bedeutungsschweren, bekümmerten Blick zu. Er wirkt so, als wollte er etwas sagen. Fast erwarte ich, dass er ein Bonbon aus der Tasche seines Jacketts zieht und es mir mit einem Kopftätscheln überreicht. Das ist so ungefähr alles an Interaktion, was zwischen uns in den letzten Jahren stattgefunden hat. Es gibt nie einen Grund, warum der Rat mit mir sprechen sollte. Jedenfalls ist meine Mutter Mitglied im Rat und sie braucht mich nie. Warum sollte es bei den anderen anders sein?

Rhys nimmt Cillians Hand und zieht ihn mit sich, und ich laufe den beiden hinterher zur Bibliothek. Jade ist nicht mehr da – hoffentlich ist sie in ihrem Zimmer, wo Bradford Smythe sie schnell finden kann. Rhys findet den versteckten Hebel am hintersten Regal und die Regalwand schwingt zur Seite. Ein verstaubter, enger Raum kommt dahinter zum Vorschein. Dort drin sperren wir uns ein.

»Erklärung, jetzt«, keucht Cillian. »Was war das für ein Ding? Und warum haben wir uns in der Burg verbarrikadiert? Und darf ich jetzt endlich fragen, wie zur Hölle ihr es geschafft habt, hier überhaupt eine Burg hinzupflanzen? Ich habe mich nämlich sehr angestrengt, so zu tun, als wäre hier alles normal, aber ich wohne schon mein ganzes Leben in Shancoom und wenn es hier immer eine Burg im Wald gegeben hätte, dann hätte ich das gewusst. Und Nina, was … was … wie hast du das da draußen gemacht?«

Er starrt mit eindringlichem, wenn auch ungläubigem Blick zu mir herüber. Wir waren bereits befreundet, bevor er und Rhys das erste Date hatten. Was ich mit dem Höllenhund gemacht habe, wirft ihn mehr aus der Bahn als die Tatsache, dass es Höllenhunde gibt. Ich starre auf die abgetretenen Holzdielen auf dem Boden. Generationen meiner Leute sind über diesen Boden gegangen, haben hier recherchiert und Pläne geschmiedet. Haben sich hier ausgeruht.

Die Burg war zu keiner Zeit unser Hauptquartier. Eigentlich war es ein Erholungsort für Wächter. Aber vor fast zwei Jahren, lange vor dem Saat-der-Wunder-Fiasko, haben fanatische Anhänger einer uralten Macht, die sich das Urböse nannte, den ehemaligen Rat und fast jedes Mitglied des Bunds der Wächter in die Luft gejagt. Und das alles ist passiert, weil Buffy das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse so durcheinandergebracht hat, dass das Urböse eine Chance bekam, sich aus dem Chaos zu erheben.

Das Urböse hat seine Anhänger ausgeschickt, um alle zu ermorden, die ihm gefährlich werden könnten. In diese Kategorie zählten alle potenziellen Jägerinnen – mit anderen Worten, alle Mädchen, die mit der Veranlagung zur Auserwählten geboren wurden. Im Grunde hätte jede von ihnen Buffys Platz einnehmen können, wenn diese im Kampf gegen das Urböse starb.

In die Kategorie Feind des Urbösen gehörten allerdings auch die Wächter. Selbst nachdem Buffy uns den Rücken zugekehrt hatte, wusste das Urböse, dass wir eine Gefahr darstellten. Buffy gelang es irgendwie, das Urböse zu besiegen und die Welt zu retten.

Aber sie hat keinen einzigen Wächter gerettet.

Diejenigen von uns, die überlebt haben, waren entweder unterwegs auf einer Mission oder auf Exkursion. Auf Mission waren: Bradford Smythe und Wanda Wyndam-Pryces Tochter Honora. Auf Exkursion: Rhys Zabuto, Jade Weatherby, Artemis, Imogen Post, die Knirpse und ich selbst. Meine Mutter, Ruth Zabuto und Wanda Wyndam-Pryce brachten uns hierher, damit wir uns anschauen konnten, was unsere Zukunft für uns bereithielt. Damit wir ein bisschen an die frische Luft kamen und eine spirituelle Reinigung in Vorbereitung auf unsere Magieausbildung durchlaufen konnten.

Bei dem letzten Programmpunkt wäre ich nicht dabei gewesen. Für mich gab es keine Magieausbildung, genauso wenig wie Kampftraining. Ich hätte auf die Knirpse aufpassen sollen, während Imogen ihren spirituellen Frühjahrsputz erledigte. Damals war sie Baby­sitterin in Teilzeit. Sie durfte sich nicht zur vollständigen Wächterin ausbilden lassen, weil ihre Mutter Gwendolyn Post die Wächter verraten und die Jägerinnen überredet hatte, ihr eine unvorstellbar mächtige Waffe zu übergeben. Es hat mich immer schon gestört, dass Imogen für etwas zur Rechenschaft gezogen wurde, das sie gar nicht getan hatte. Stimmt schon, wir waren wegen unserer Eltern hier, aber das bedeutete nicht, dass wir und sie aus demselben Holz geschnitzt waren. Es bedeutete nicht einmal, dass wir so wurden, wie sie uns gerne gehabt hätten. Niemand wusste das besser als ich.

Ruth dehnte jedoch die Regeln für Imogen, weil sie wollte, dass jeder, der eine Grundausbildung in Zaubersprüchen haben konnte, diese auch bekam. Und der beste Ort dafür war der ursprüngliche Sitz unserer Macht. Die Burg beschützte uns davor, mit dem Rest unserer Leute in die Luft gejagt zu werden.

»Wir sollten bei den anderen sein.« Ich lege meine Hand an das Regal, das uns hier einschließt. Ich spreche nicht aus, was ich wirklich meine, nämlich dass Rhys bei den anderen sein sollte. Er ist derjenige, der für das Training zum künftigen Ratsmitglied ausgewählt wurde. Aber wir wissen beide, dass Artemis die Verteidigung der Burg organisiert und dass er sich hier mit uns versteckt.

Erstens ist Artemis fähiger als er. Das war sie schon immer.

Zweitens hat Artemis Rhys hierhin verfrachtet, damit er mich beschützt. Bradford Smythe hat mich da draußen Artemis genannt. Er ging davon aus, dass ich sie bin. Weil ich das, was ich getan habe, niemals hätte tun können. Das wäre schlichtweg nicht möglich. Ich habe nie trainiert, habe nie gekämpft.

Es wurde mir nie erlaubt und ich hätte das auch nie gewollt.

Rhys starrt mich an, als wäre ich eine Fremde. »So, wie du dich da draußen bewegt hast. Was du da getan hast. Du hast ausgesehen wie …«

Cillian unterbricht uns. »Ich wiederhole, was zur Hölle? Würde mir bitte endlich jemand erklären, was hier läuft? Was war das Ding da draußen?«

Ich lehne mich gegen das Regal. Ich bin froh, dass ich mich auf eine Erklärung für Cillian konzentrieren kann, denn dann muss ich nicht zu angestrengt darüber nachdenken, was ich getan habe. Was Rhys vielleicht gleich gesagt hätte. »Es war ein Dämon.«

»Ein was, bitte?« Cillian fährt sich mit der Hand über die Haare, die er sehr kurz geschnitten trägt. Seine Mutter ist Britin mit nigerianischen Wurzeln und sein Vater wuchs in Shancoom auf. Cillian ist die erste Person, in die ich mich nach Leo Silvera verknallt habe. Das hat genau drei Minuten gedauert, dann wurde mir klar, dass er nicht auf mich stand und das auch nie tun würde. Rhys ist ein Glückspilz.

Das war aber immer noch besser als das letzte Mal, als ich für jemanden geschwärmt habe. Das endete in einem dermaßen peinlichen Desaster, dass es drei Jahre gedauert hat, bis ich irgendjemanden wieder genauer angeschaut habe. Vielleicht schaffe ich es nach drei weiteren Jahren, endlich über die ganze Sache mit Leo Silvera hinwegzukommen.

Obwohl ich das bezweifle. Von all den traumatischen Erfahrungen, die ich in meinem Leben durchgemacht habe – und davon gab es nicht wenige –, war der Moment, in dem ich zuhören musste, wie meine liebeskranken Gedichte meinem Schwarm vorgelesen wurden, einer der schlimmsten. Gott, Honora Wyndam-Pryce hätte mich zumindest gleich mit umbringen können. Aber sie kennt keine Gnade.

Niemand weiß, ob Leo Silvera und seine Mutter noch leben. Wir haben seit Jahren nichts mehr von ihnen gehört. Sie sind Mitglieder im Bund der Wächter, also kann man davon ausgehen, dass sie tot sind. Die Giles-Linie gibt es jetzt nicht mehr, genauso wenig wie den Großteil der Zabuto-, Crowley-, Travers-, Sirk- und Post-­Linien. Todesursachen waren: gebrochenes Genick durch ehemaligen Verbündeten, Dämon, Dämon, in die Luft gesprengt, in die Luft gesprengt, und Arm abgeschlagen bei gleichzeitigem Stromtod durch Blitzschlag. Letzteres betraf Imogens Mutter. Arme Imogen. Ich bin froh, dass sie hier ist und mich erdet, indem sie mir vor Augen führt: Meine Mutter könnte tatsächlich schlimmer sein.

Trotzdem. Es sind nur noch so wenige von uns übrig. Ich hoffe, dass die Silveras irgendwo da draußen noch am Leben sind.

Genauso wie ich innig hoffe, dass ich sie nie wiedersehen muss.

Ich habe keine Ahnung, warum dieser ganze Schock mich an Leo denken lässt. Moment. Doch. Es ist absolut logisch, dass überreizte, grässliche Gefühle mich an ihn erinnern.

»Ein Dämon«, wiederhole ich und versuche, mich wieder auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. »Es gibt jede Menge unterschiedliche Arten. Manche von ihnen sind aus Höllendimensionen über­gewandert. Andere sind halb Dämon, halb Mensch. Richtige Dämonen existieren eigentlich nicht in unserer Dimension, aber manchmal können sie Menschen infizieren. Wie Vampire.«

»Vampire?« Cillians Stimme rutscht einen Ton höher, als er sich zu Rhys umdreht. »Die gibt es wirklich. Vampire gibt es wirklich. Ich hab gedacht – ich meine, ich wusste, dass es Magie gibt, aber ich dachte, ihr wärt nur irgend so ein alberner Verein. Du hast kein Wort über Vampire verloren. Täusche ich mich, oder wäre das eine ziemlich wichtige Information gewesen? Wir sind jetzt ein Jahr lang zusammen, da hättest du das, ich weiß nicht, irgendwann erwähnen können. ›Hey, Cillian, du hast einen schönen Mund und übrigens, wusstest du, dass die Welt voll ist von Dämonen und Vampiren?‹«

Rhys verkeilt den Hebel an der Regaltür mit einem Tisch. Er sieht leicht verlegen aus. »Ich wollte mit dir nicht über die Arbeit reden. Ich mag, dass du kein Teil von dem Ganzen hier bist. Und ich habe irgendwie gedacht, du weißt Bescheid, wo deine Mutter eine Hexe ist und so.«

»Bei ihr geht’s um Kristalle und Gesänge und so’n Mist! Ein bisschen über dem Boden schweben! Nichts von dem hier. Wie viele Dämonen gibt es genau auf der Welt?«

»Mehr, als wir zählen können. Tausende. Vielleicht Zehntausende. Und es kommt darauf an, wie man sie klassifiziert.«

Cillian weicht so abrupt zurück, dass er samt Stuhl umkippt und auf den Boden kracht. »Zehntausende? Warum unternimmt die Regierung nichts dagegen?«

»Welche Regierung?«

»Unsere! Ninas! Irgendjemand ergreift da doch bestimmt die Initiative.«

»Manchmal tun sie das, ja. Aber Dämonen sind gut darin, ihre Existenz geheim zu halten.« Ich hebe die Hand, um an einer Haarsträhne zu zwirbeln, und halte inne. Mit dieser Hand habe ich den Kiefer eines Höllenhundes gepackt und ihm das Genick gebrochen. Mit einem Schaudern schiebe ich beide Hände in meine Hosen­taschen und überlasse es Rhys, den Rest zu erzählen. Dämonen gibt es schon seit Ewigkeiten. Portale, Höllenschlunde und Magie ermöglichen ihnen die Überfahrt aus ihren Dimensionen. Es ist schwierig, ihre Spur aufzunehmen. Noch schwieriger, sie zu bekämpfen.

»Hier kommen wir ins Spiel«, sagt Rhys. »Unsere Organisation arbeitet seit dem finstersten Mittelalter daran, die Menschheit zu beschützen. Wir kennen alle Prophezeiungen, alle Dämonen, alle anstehenden Apokalypsen. Aber schon am Anfang war klar, dass wir das nicht allein schaffen konnten. Wir – sie – übertrugen die Kraft eines Dämons auf ein Mädchen, damit es die Jägerin werden und die Dämonen bekämpfen konnte.«

Cillian hebt eine Braue. »Also haben sich diese Vorzeittypen gedacht, hey, suchen wir uns ein Mädchen aus, das die Menschheit beschützen soll? Was für ein bescheuerter Plan war das denn?«

»Du kritisierst hier unsere ältesten Vorfahren«, empört sich Rhys.

Ich muss allerdings zugeben, dass ich Cillian hier recht gebe. Nur, dass es aus diesem Grund eben auch die Wächter gab. Wir haben den Jägerinnen nicht diese große Verantwortung aufgebürdet und sie dann im Stich gelassen.

Sie haben uns im Stich gelassen. Buffy war die Vorreiterin, wie immer. Sie war die erste Jägerin in der Geschichte unserer Organisation, die unsere Führung abgelehnt hat. Unser Wissen. Unsere Unterstützung. Als ob wir ihr nicht helfen, sondern sie zurückhalten würden.

Mir ist schwindelig. Ich spüre immer noch die brechenden Knochen zwischen meinen Fingern. »Aber dann hat Buffy, die derzeitige Jägerin …«

Rhys fällt mir ins Wort. »Eine der derzeitigen Jägerinnen. Früher haben alle Jägerinnen als Anwärterinnen angefangen. Wenn die gegenwärtige Jägerin starb, wurde die nächste gerufen. Also gab es immer nur eine von ihnen. Die meisten Anwärterinnen wurden nie zu Jägerinnen. Tja, aber als Buffy starb …«

»Zweimal«, werfe ich ein.

»Nicht wichtig für das, was wir erklären wollen«, schnaubt Rhys. »Sie starb und Kendra, die nächste Jägerin, wurde gerufen. Aber Buffy wurde wiederbelebt und damit gab es zwei Jägerinnen. Dann starb Kendra, und die Jägerin nach ihr hieß …«

»Die Wikipedia Kurzversion reicht völlig, danke«, sagt Cillian.

Während Rhys die Geschichte erzählt, klettere ich auf einen der Stühle vor den hoch gelegenen Fenstern und schaue nach draußen zum Waldrand. Ich will Rhys nicht zuhören, ich kenne das schon alles. Vor zwei Jahren, als Buffy gegen das Urböse kämpfte, war sie drauf und dran, zu verlieren. Also tat sie das, was sie immer tut: Sie zerstörte etwas. Diesmal waren es die Regeln, die die Macht der Jägerin kontrollierten. Die Regeln, die seit dem Anbeginn der Zeit funktioniert hatten, wurden kurzerhand aus der Welt geschafft.

Plötzlich wurde jedes Mädchen mit der richtigen Veranlagung zur Jägerin, sobald sie alt genug war.

Sie ließ die Wächter sterben, und dann flutete sie die Welt mit fast zweitausend neuen Jägerinnen. Und danach schaffte sie es, ungefähr eintausend von ihnen in einer Schlacht zu verlieren. Natürlich hat sie das. Es hat einen Grund, warum es immer nur eine Jägerin und eine ganze Organisation von Wächtern gab. Und die Existenz dieser neuen Jägerinnen hat die Waagschale nicht auf die Seite des Guten gedrückt, im Gegenteil. Dämonen, die damit zufrieden waren, sich in den Schatten herumzudrücken und ihrem dämonischen Alltag nachzugehen, fühlten sich plötzlich bedroht. Je wilder Buffy vorstieß, umso mehr wehrte sich die Dunkelheit. Und sie wehrte sich so heftig, dass die Welt beinahe unterging.