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Mit flotter Schreibe erklärt die junge Wissenschaftlerin, warum wir am besten früh anfangen, um Vergesslichkeit und letztlich Demenz vorzubeugen. Ob und wie lange man fit im Gehirn bleibt, ist auch das Ergebnis unseres Lebensstils und einiger Umweltfaktoren – beide lassen sich beeinflussen! Dr. Barbara Plagg erklärt, wie unser Gehirn funktioniert, warum Denken neuronale Teamarbeit ist und dass Prävention möglich ist. Dazu gibt es jede Menge Tipps für den Alltag und medizinische Infos, die die Gesundheitskompetenz der Leser*innen stärken.
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Seitenzahl: 388
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Barbara Plagg
Gesundes Gehirn, starkes Gedächtnis
DR. BARBARA PLAGG
GESUNDES GEHIRN STARKES GEDÄCHTNIS
ILLUSTRIERT VON NICOLE EL SALAMONI
Für und wegen Dr. Engl.
Nicht, weil er das Buch braucht, sondern weil er weiß, dass wir es brauchen.
In Zusammenarbeit mit dem
Institut für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen
Vergessen Sie das Vorwort!
TEIL I
Wir sind Hirn
Gedächtnissysteme
Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnis
Langzeitgedächtnis
Team Hirn
Neokortex
Nervenzellen und Synapsen
#Superhirn: Wie Lernen unser Gehirn verändert
Neurotransmitter
Gliazellen
#Superhirn: Die Plage mit den Plaques
Blut-Hirn-Schranke
Thalamus
Hippocampus
Amygdala
Basalganglien
Jetzt alle! Oder: Wie Tina in unser Gedächtnis kam
#Superhirn: Was ist eigentlich eine Demenz und kann man dagegen was tun?
Vom Lernen, Erinnern und Vergessen
Warum wir den Autoschlüssel verlegen
#Superhirn: Wie wir den Autoschlüssel nicht verlegen
Warum wir uns an Barbara Blocksberg erinnern
#Superhirn: Was wir uns leicht merken können
#Tipp: Wie wir uns Dinge besser merken können
Wie Erinnerungen sich verändern
Hände weg von meiner Lebenslüge!
#Tipp: Erinnerungspflege
Gehirn und Genetik
Erbsen, Erbe und Erinnerung: Von der DNA in unserem Kopf
#Superhirn: Kriege ich es auch?
Wie Gene unser Gedächtnis steuern
#Superhirn: Warum einige steinalt werden und andere nicht
TEIL II
Ich turne bis zur Urne
Hey Sportsfreunde
Einmal durchlüften bitte: Mehr Sauerstoff im Oberstübchen
Mein Gehirn gibt Gas: Was Stickstoffmonoxid mit unserem Denken zu tun hat
Dünger fürs Gehirn: Wachstumsfaktoren
Wie man die Feuerwehr ruft oder warum Bewegung Brände löscht
Dem Stress davonlaufen: Cortisol
Welche Bewegung ist gut für das Gedächtnis?
#Tipp: Wie viel Bewegung braucht mein Gehirn?
Exkurs: Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach? Wie man sich gesundes Verhalten angewöhnt
Das Gegenwartstierchen in uns
#Tipp: Wie dressieren wir das Tierchen?
Das Gewohnheitstierchen in uns
#Tipp: Wie dressieren wir das Tierchen?
Das Gewinnertierchen in uns
#Tipp: Wie dressieren wir das Tierchen?
Der Spaßvogel in uns
#Tipp: Wie dressieren wir das Tierchen?
Turnen to go
#Tipp: Alltagstaugliche Übungen für alle
Ich schmatze, bis ich abkratze
Wie viel Bauch steckt im Kopf?
Das Hirn in meinem Bauch: Enterisches Nervensystem
Wie der Bauch das Gehirn beeinflusst: Mikrobiom
Smart essen, aber wie?
#Tipp: Das Smarteste aus der Wissenschaftsküche – mediterrane Ernährung, DASH und MIND
Wer soll das alles bezahlen?
#Tipp: Billige Tricks – gesundes Essen
Ich bleibe hydriert, bis nichts mehr funktioniert
Drink, refill, repeat
#Tipp: Wie viel Wasser das Hirn braucht
Ich lese, bis ich verwese
Die Ameise und die Heuschrecke
Schwester Marys Hirn und die kognitive Vorratskammer
Smart durch den Tag: Alltag als Gedächtnistraining
#Tipp: Wie man das Oberstübchen mit kognitiver Reserve füllt
Also selbst schuld, wenn du Alzheimer kriegst?
Ich tippe bis zum Gerippe
Digitale Demenz und Computerhirne
#Tipp: Wie man das Netz nutzt, ohne zu verblöden
Ich bin voll amore, bis ich im Krematorium schmore
Warum sozial genial ist: Ehrenamt und Freundschaften
#Tipp: Gesunde Gutmenschen
Was Liebe, Sex und Zärtlichkeit mit unserem Gedächtnis machen
Hirn und Hormone: Testosteron, Progesteron und Östrogene
Warum Kinderhaben schön und Care so schwer ist
Ich bleibe gechillt, bis es mich killt
Stress machen
Der Säbelzahntiger: akuter Stress
Im Hamsterrad: chronischer Stress
Auf der Suche nach dem Gegengewicht
#Tipp: ICH! BIN! DOCH! ENTSPANNT!
Oxidativer Stress
#Tipp: Batmen überall!
Ich lache, bis ich die Grätsche mache
Sie waren auch schon mal witziger
#Tipp: Egal wie flach, lach!
Ich schlaf gut ein bis zum Schrein
Da brennt noch Licht im Oberstübchen
#Tipp: Hasta la siesta siempre!
Ich bleibe an der frischen Luft bis zur Gruft
Gift oder Gerücht? Von Aluminium, Feinstaub und anderen Toxinen
#Tipp: Detox dein Denken
Ich halte die Dosis bis zur Nekrosis
Welche Erkrankungen Gedächtnisstörungen begünstigen und warum sie behandelt gehören
Diabetes
Bluthochdruck
Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Cholesterin und Fettstoffwechselstörungen
Nikotin- und Alkoholmissbrauch
Chronisch entzündliche Erkrankungen
Depression
Auf den Kopf gefallen: Stürze und Unfälle
Hörverlust
#Tipp: Dose wie Hose oder: Wie finde ich die Medikamente, die zu mir passen?
Schon krank? Noch ist es nicht zu spät!
Kompetent bis zum Testament
Monopoly der Möglichkeiten oder eine Zigarette gegen eine Joggingrunde
Quellen
Dank
Autorin und Illustratorin
Falls Sie schon wieder vergessen haben, warum Sie dieses Buch überhaupt gekauft haben, sind Sie hier genau richtig! Denn mit der Lektüre dieses Buches finden Sie zwar nicht zwingend Ihren Autoschlüssel wieder, aber wissen dann immerhin, warum Sie ihn erstens überhaupt verloren haben und ihn zweitens zwar nicht wiederfinden, Ihnen dafür aber während des Suchens einfällt, was Sie heute Abend kochen könnten und dass Sie Oma Kathi ja schon gestern anrufen wollten. KAMEL. Das allein ist eigentlich schon Grund genug, das Buch zu lesen, weil es ist ja beruhigend zu wissen, warum man etwas nicht weiß – und dass das zumeist gar nicht so beunruhigend ist. KANAL. Aber dieses Buch schaut sich nicht nur die Lücken, sondern – im Gegenteil! – die Leistung unseres Gehirns an. Weil bekanntlich wollen zwar alle alt werden, aber niemand will alt sein. Und vor allem nicht im Kopf. STRUMPFHOSE. Und jetzt die gute Neuigkeit: Während man draußen langsam runzlig wird, war man es im Hirn schon von Anfang an. Und für die Falten im Hirn muss man sich nicht schämen, im Gegenteil, die Hirnwindungen haben einiges aufm Kasten. HELIKOPTER. Und zwar potenziell bei guter Pflege und mittelmäßigem Raubbau bis ins hohe Alter. Das ist alles kein Schicksal, das liegt weniger in Gottes Hand als in Ihrer! Und was genau man da jetzt tun kann, um die Falten im Hirn zu erhalten, das schauen wir uns in diesem Buch an. STEHLAMPE. Es gibt Infos, es gibt gute Tipps und keine faulen Tricks.
Das war’s auch schon mit dem Vorwort. Und falls Ihr Hirn beim Lesen des ersten Absatzes das Hirn der Autorin infrage gestellt hat wegen der wirren Wörter zwischen den Sätzen, dann können Sie sich jetzt schon Ihr erstes Fleißbildchen für Ihr Oberstübchen abholen! Weil da hat es was erkannt, was hier nicht hingehört. Und das ist eine wichtige Gehirnleistung! Aber bevor wir uns anschauen, wie unser Gedächtnis die Welt für uns entschlüsselt, damit wir uns in ihr bewegen können, machen Sie jetzt erstmal die Augen zu und überlegen Sie kurz, ob Sie alle fünf Wörter erinnern und (egal in welcher Reihenfolge) leise aufsagen können.
… und? Konnten Sie? Wenn nein, lesen Sie die nächsten Kapitel, um zu verstehen, warum das passiert ist, wieso das eigentlich auch egal ist, aber was Sie tun können, um die wirklich wichtigen Dinge zu behalten. Und wenn ja, dann lesen Sie bis zum Ende des Buches und schauen Sie mal, ob Sie es dann immer noch können!
Jeden Tag passen 86.400 Sekunden Leben in 1.300 Gramm Gehirn. Ob wir wach sind oder schlafen, unser Gehirn ist permanent am Sortieren, Assoziieren, Verlieren und Generieren. Nur weil Neurone permanent ackern, ärgern wir uns über die Arbeitskollegin, holen das richtige Kind von der Schule ab und stolpern nicht über unsere eigenen Füße. Wir denken, was wir denken, wir bewegen uns, wie wir uns bewegen, wir handeln, wie wir handeln, und wir fühlen uns dabei, wie wir uns fühlen, wegen unseres Gedächtnisses. Und diesen repetitiven Satzbau konnten Sie jetzt gerade überhaupt nur deswegen entschlüsseln, weil Ihr Hirn in den Untiefen seiner Windungen die Semantik der Wörter gefunden hat, die auf die phonologische Lautung passt, die Sie in Ihrer linken Hirnhälfte aus dem visuellen Code, den Ihre Augen nach oben geschickt haben, zusammengebaut hat.
Viele Menschen glauben, dass das „Gedächtnis“ eine isolierte Leistung des Gehirns ist, die reines Faktenwissen und Erlebnisse sammelt, wie zum Beispiel dass Rom die Hauptstadt von Italien ist und man 1999 die Leichtathletik-Schulmeisterschaft gewonnen hat, und dass dieses Wissen irgendwo an einer bestimmten Stelle abgespeichert und bei Bedarf rausgekramt wird. Aber das Gedächtnis ist viel mehr als nur Fakten-Archivar, es ist mit seiner gewaltigen Sammlung an Informationen zentraler Drehbuchautor für die Gegenwart und Zukunft, es ist existenziell in seiner Banalität und virtuos in seiner Komplexität. Ohne Gedächtnis wären wir keinen halben Tag überlebensfähig, wir würden aus dem Bett fallen, im Pyjama über die Treppen bis zur Haustür hinunterpurzeln, deren Scheibe wir irgendwann wütend einschlagen, weil wir das Konzept „Klinke“ nicht kennen, um dann in einer Welt zu stehen, die wir als dystopischen Ort voller verschlüsselter Codes und furchteinflößender Wesen wahrnehmen, die insgesamt allesamt absolut keinen Sinn ergeben.
Wir steigen täglich aber mehr oder weniger elegant aus dem Bett, schlürfen unser Müsli und sind dabei schon schlecht gelaunt, weil unser Gedächtnis wegen des gestrigen Meetings das Ergebnis des heutigen bereits antizipieren kann, wir steigen in eine Hose und über die Treppen, öffnen die Haustür galant mit links und starten in den Tag, ohne uns auch nur eine Sekunde bewusst zu machen, welche gewaltige Gedächtnisleistung gewährt, dass wir nicht wie Aliens durch den Tag krauchen und nach zehn Minuten von einem Auto überfahren werden. So wie wir nicht daran denken, dass wir jetzt mal wieder einatmen, den Herzmuskel kontrahieren und das Müsli eine Darmschlinge weiterschieben sollten, denken wir auch meistens nicht daran, woran wir alles so denken. Vieles von dem, was unser Gehirn leistet, bleibt unter der bewussten Wahrnehmungsschwelle, und oft fällt uns überhaupt nur auf, dass da wer (wir nämlich!) kognitivea Kunststücke vollbringt, wenn wir etwas voll gut können oder wenn etwas mal gar nicht klappt. Und während wir verärgert den Autoschlüssel oder angestrengt nach dem Namen des Gegenübers suchen, verfluchen wir unser „schlechtes“ Gedächtnis, das währenddessen Small Talk hält, sich in der Wohnung zurechtfindet und hundert andere Namen und tausend andere Objekte ad hoc herzunehmen hat.
Hey, wir sind dein Kurzzeit-, Langzeit- und Arbeitsgedächtnis und kümmern uns um deine Erfahrungen und Eindrücke.
Den ganzen Spaß mit dem „sapiens“ lässt sich der „Homo“ auch einiges kosten: Obwohl das Gehirn nur etwa 2–3% unseres Körpergewichts ausmacht, verbraucht es rund 20% der gesamten Energie.
Wir haben tatsächlich alle eins, ein Superhirn. Früher behauptete man, dass gut und gerne 50–80% der Intelligenz genetisch und 20–50% umweltbedingt seien, aber diese Prozentangaben, die schon damals mehr nach Winterschlussverkauf als nach Wissenschaft klangen, gelten inzwischen als überholt. Gewiss, geistige Gaben werden uns auch als Prädisposition in die Wiege gelegt, aber spätestens seit wir wissen, dass Gene von Umwelteinflüssen moduliert und wie Lichtschalter anund ausgeknipst werden können, ist aus dem Angeboren-Erworben-Summenspiel eine individuelle Multiplikation geworden. Diese zu lösen, versucht das Fachgebiet der Epigenetikb, aus deren theoretischen Annäherungen sich praktische Ableitungen für den Hausgebrauch zum Erhalt des gesunden Menschenverstandes ergeben. Und noch viel mehr. Und die außerdem zeigen, dass unsere Ausrede, dass wir nie Gitarre spielen lernten, weil unsere Mutter das Rhythmusgefühl eines Rhinozeros hatte, eine faule ist: Nicht die genetische Gabe fehlte uns, sondern die Geduld. Denn es gibt zwar tatsächlich eine genetische Prädisposition für Musikalität,1 aber es gibt definitiv kein Gen für ein absolutes Un-Talent.
Obwohl bekanntlich nichts so gerecht verteilt ist wie der Verstand, weil alle glauben, genug davon bekommen zu haben, und dieses Phänomen als „Dunning-Kruger-Effekt“c in die Wissenschaft eingegangen ist, scheinen neueren Erhebungen zufolge die meisten Menschen ihre (Gedächtnis-)Leistung tatsächlich relativ richtig einzuschätzen.2 Außer natürlich beim Fußball und beim Autofahren, wo erstens alle bessere Entscheidungen als die Bundestrainerin treffen und zweitens alle besser fahren können als der Rest der Verkehrsteilnehmerinnend.
Die Frage nach dem Gedächtnis ist letztlich immer eine Frage nach Intelligenz und damit nach Identität. Und das hat viel mit unserem Selbstwert und unseren Selbstzweifeln, mit unseren Sicherheiten und unseren Ängsten zu tun. Wir haben alle schon mal an der Tafel gestanden und konnten weder das Gedicht liefern noch die Gleichung lösen und kamen uns ganz schön blöd dabei vor, obwohl wir deswegen gewiss nicht blöde waren. Später kommen wir uns dann eher blöd vor, weil uns erst zehn Minuten nach dem Gespräch die schlagfertige Antwort und zehn Jahre nach Abschluss des Studiums die stimmigere Berufswahl für uns einfällt. Oder weil ein Minidiktator im Hirn uns permanent mit anderen vergleicht und dabei ständig feststellt, dass da immer wer besser und erfolgreicher ist als wir. Das ist natürlich Quatsch, weil wir haben alle ein Superhirn als Grundausstattung für den ride durchs Leben mitbekommen, und dieses Hirn ist, wie wir in den folgenden Kapiteln sehen werden, zugleich unser bester Freund und größter Feind und verantwortlich für unsere stärksten Leistungen und unsere schlechtesten Performances. Denn alles beginnt und endet in unserem Kopf. Genauer gesagt, in unserem Gedächtnis.
Was haben Autos, Algebra und Affären gemeinsam? Das Erste können wir ohne viel Nachdenken irgendwann fahren, das Zweite können wir mit viel Nachdenken irgendwann lösen und in das Dritte sind wir trotz Nachdenken hineingeschlittert, um der Stagnation in der Lebensmitte ein Gefühl der Selbstbestätigung entgegenzusetzen. Das alles sind ganz unterschiedliche tolle oder trottelige Leistungen, und sie alle verdanken wir unserem Gedächtnis! Von banal bis begabt ist das Gedächtnis unser Mädchen für alles.
Viele Wissenschaftlerinnen haben in den letzten Jahrzehnten ihr eigenes Gedächtnis benutzt, um das menschliche Gedächtnissystem zu analysieren, und sind dabei auf unterschiedliche Funktionen, Fähigkeiten und Hirnareale gestoßen, die sie kategorisiert und in unterschiedlichen Subsystemen subsumiert haben. Ganz grob kann man das Gedächtnis in zwei größere Systeme aufteilen: das Langzeit- und das Kurzzeitgedächtnis. Zum Kurzzeitgedächtnis gehört das Arbeitsgedächtnis und das Langzeitgedächtnis kann man nochmal ins deklarative Gedächtnis mit „expliziten“ Inhalten und ins nicht-deklarative Gedächtnis mit „impliziten“ Inhalten aufteilen – pauschal gesagt also in Inhalte, die wir bewusst denken müssen, um sie abzurufen, und in Inhalte, an die wir kaum oder nicht bewusst denken müssen, um sie abzuspielen. Die wissenschaftlichen Kategorien des Gedächtnisses sind allerdings weniger als isolierte Systeme denn als Zahnrädchen ein und desselben Systems zu verstehen, die alle ineinandergreifen, miteinander verbunden sind, sich untereinander unterstützen und auch mal gegenseitig in die Arbeit pfuschen. Ohne sich in den folgenden Kapiteln zu tief in den molekularen Komplexitäten der Kognition und den ganzen Gedächtnismodellen zu verlieren, ist ein kleiner Trip durch die Funktionsweise unseres Gripses durchaus dienlich, um im zweiten Teil des Buches besser verstehen zu können, wie wir ihn fit halten können.
Sie greifen ineinander, sie unterstützen sich gegenseitig und pfuschen sich auch mal in die Arbeit: das Kurzzeitgedächtnis, das Arbeitsgedächtnis und das Langzeitgedächtnis.
Ich weiß, dass ich es nur kurz weiß.
Nichts ist für die Ewigkeit und nur das wenigste für die längste Zeit. Und das ist eigentlich ganz gut so und erstmal sehr normal. Unser Hirn ist nämlich die Marie Kondo unter den Organen: Was wir drinnen nicht benötigen, muss draußen bleiben. Tatsächlich können wir das meiste von dem, was die Augen, Ohren, Zungen, Nasen und Hände von der Welt draußen wahrnehmen, nicht brauchen. Deswegen wird der größte Teil unserer sensorischen Eindrücke vom Ultrakurzzeitgedächtnis bereits innerhalb von Millisekunden bis maximal Sekunden wieder skrupellos rausgeworfen: das Klirren des Geschirrs im Hintergrund, während Sie im Café sitzen und in der „Vogue“ blättern, die Farbe von Heidi Klums Hosen, während Sie gedankenverloren weiterblättern, der sanfte Druck der Sessellehne, der konstant an Ihrem Rücken zu spüren ist, der Geruch nach Diesel, weil draußen ein Auto einzuparken versucht. Wenn Sie jetzt nicht gerade den Diesel einmal extra tief in Ihre Lunge ziehen, um mit geschlossenen Augen an Ihre schöne Zeit als Kranführerin im Hamburger Hafen zurückzudenken, wird nichts zur Weiterverarbeitung durchgelassen, was nicht von emotionaler oder existenzieller Wichtigkeit ist. Und das wenigste ist wirklich wichtig.
Ich weiß, dass ich nicht alles weiß.
Manches passiert aber dennoch die erste Hürde im Hirn und wird erstmal in den geistigen Warteraum, das „Kurzzeitgedächtnis“, geschoben. Dort bleibt es rund 20–30 Sekunden für eine weitere Castingrunde: Wird es für wichtig befunden, nimmt sich unser Arbeitsgedächtnis der Information an, wird es für unwichtig befunden und nutzen wir die Information nicht, dann verschwindet sie ohne viel Aufhebens aus unserem System. Wie zum Beispiel die Telefonnummer, die uns diktiert wird und für die wir schnell nach einem Kuli suchen, um sie aufzuschreiben. Da springt dann das Arbeitsgedächtnis ein: Kurz behält es die Information – im Fall der Telefonnummer werden die Zahlen in Ihrem „inneren Ohr“, der sogenannten phonologischen Schleife, wiederholt –, bis Sie einen Kuli gefunden haben und die Zahlen niederschreiben, dann sind sie wieder rasch vergessen. Ist die Telefonnummer eine regionale Festnetznummer (und Sie müssen sich die Vorwahl nicht auch noch merken) wird das übrigens eher klappen als bei einer längeren Handynummer: Das Arbeitsgedächtnis hat nur eine sehr begrenzte Kapazität und schafft wie das tapfere Schneiderlein nur sieben auf einen Streich. Sprich: Plus/minus sieben Informationseinheiten können wir kurz gut behalten, ab sieben wird die Trefferquote massig mieser. Dieses Sieben-Phänomen nennt man auch „Millersche Zahl“, weil der Wissenschaftler George A. Miller in den 50er-Jahren in Harvard die so banale wie geniale Idee hatte, unterschiedlichen Probandinnen immer wieder Zahlen, Buchstaben und Töne zu präsentieren und diese dann abzufragen. Er kam zum Schluss: Die Kapazitätsgrenze des menschlichen Kurzzeitgedächtnisses liegt bei plus/minus sieben Informationseinheiten, auch „Chunks“ genannt. Alles darüber kriegt das Kurzzeitgedächtnis mehr schlecht als recht hin. Über diese Forschungen schrieb er dann übrigens einen Artikel, der im Fachjournal „Psychological Review“ veröffentlicht wurde: The Magical Number Seven, Plus or Minus Two.3 Bis heute wurde der Artikel 42.000-mal zitiert und gehört damit zu den meistzitierten Arbeiten in der Psychologie überhaupt – klingt für Sie jetzt vielleicht nach einer mittelmäßig spannenden Information, aber Zitieren ist die Währung der Wissenschaft und für die Forscherin das, was für die Fotografin das Verkaufen ihrer Bilder ist: Je mehr, desto besser.
Sieben auf einen Streich können wir kurz behalten. Müssen mehr Informationseinheiten befördert werden, steigt die Fehleranfälligkeit rasch an.
Aber zurück zur magischen Zahl: Sieben Tage hat die Woche, sieben Todsünden die Menschheit, sieben Zwerge das Schneewittchen und sieben Meere die Welt. Zumindest sagt man das so. Aber ebenso wenig, wie die Welt sieben Meeree hat, scheint das mit den sieben „Informationseinheiten“ eine biologische Gesetzmäßigkeit zu sein – denn wie viel man sich merken kann, hängt in erster Linie von der Länge und Komplexität der „Informationseinheit“ und der persönlichen Relevanz, die man dieser „Informationseinheit“ beimisst, ab. Und wie komplex und interessant etwas ist, ist subjektiv. Die Zahlenreihe „19452002“ wäre beispielsweise jetzt vielleicht gerade noch so machbar, wenn Sie sie laut vor sich hinsagen und ein paar Runden in Ihrer phonologischen Schleife drehen lassen, aber recht lange würden Sie die acht beliebigen „Informationseinheiten“ dort nicht behalten können. Wenn Sie daraus aber einmal das Ende des Zweiten Weltkriegs (1945) und das Jahr, in dem Sie geheiratet haben (2002), machen, sind es plötzlich nicht mehr acht, sondern zwei „Informationseinheiten“, die Sie auch noch eine Viertelstunde später (vielleicht) geschickt zusammenstecken und abrufen können. Informationseinheiten sind also nicht zwingend fest definierte Größen wie eine Zahl, ein Buchstabe oder ein Ton, sondern variieren im Umfang und je nach individueller Wahrnehmung. Das war auch Miller schon klar, und viele andere Wissenschaftlerinnen nach ihm schlugen sich noch mit der „magischen Zahl“ bzw. der Definition von „Informationseinheiten“ rum. Der Wissenschaftler Nelson Cowan schraubte in einer ebenso häufig zitierten Arbeit 2001 die Kapazität des Kurzzeitgedächtnisses dann auf vier „Informationseinheiten“ runter und argumentierte, dass plus/minus sieben eher nur dann möglich sei, wenn die Probandinnen die Infos gruppieren würden (so wie bei der 1945- und 2002-Eselsbrücke). Er nannte seine Arbeit übrigens The magical number 4 in short-term memory: A reconsideration of mental storage capacity. Bevor wir uns jetzt komplett im Wissenschafts-Sudoku verlieren, sei festgehalten: Es ist eine Handvoll Informationen, aber nicht die gesamte Wocheneinkaufsliste oder die namibische Handynummer plus Vorwahl, die sich das Kurzzeitgedächtnis mal eben gut merken kann.
19542002 oder 1954 und 2002 – das, was wir eben gemacht haben, wird auch „Chunking“ genannt. Auf Deutsch kann man es „kreatives Gruppieren“ nennen. Was in Gedächtnistrainings gern als geniale Gedächtnisstrategie verkauft wird, baut auf dem einfachen Prinzip auf, dass lange, sinnentleerte Informationen schlechter behalten werden als kleinere, bedeutungsvolle Einheiten. Klingt logisch. Ist es auch. Kreatives Gruppieren nutzt die natürlichen Kapazitäten unseres Gehirns optimal aus. Also, immer schön zerlegen und gruppieren, was einem serviert wird!
Oft reicht das schon aus: Die Einkaufsliste kann man sich aufgeteilt in Kategorien wie Obst, Milchprodukte und Backwaren leichter merken. Auch den Vortrag, den wir halten müssen, teilen wir besser in merkbare Abschnitte mit Schlüsselthemen ein, anstatt den exakten Wortlaut auswendig zu lernen. Und bei abstrakten Informationen wie der Zahlenreihe einer Telefonnummer hilft es, die kleinen Häppchen mit persönlichen Ereignissen zu verbinden oder kreativ was zu erfinden, wenn’s keins gibt. Und dann ein paarmal wiederholen, damit die kreative Gruppe auch wirklich hängen bleibt.
Lass dich nicht ablenken! Aufmerksamkeit ist der entscheidene Faktor im Merkprozess.
Apropos gut merken: Das Kurzzeitgedächtnis kann die paar Informationen überhaupt nur dann für einen Moment zwischenspeichern, wenn es sich bewusst darum bemüht und nicht abgelenkt wird. Aufmerksamkeit ist der entscheidende Faktor im Lernprozess: Sie entscheidet, welche Information weiterkommt und welche nicht. Fährt unsere Aufmerksamkeit gerade im Gedankenkarussell oder hängt sich ans erstbeste vorbeifliegende Vögelchen, fallen selbst wichtige oder einfache Dinge durch den Rost. Wir können die Handynummer vom Kooperationspartner im inneren Ohr nur wiederholen, bis wir einen Kuli zur Hand haben, wenn nicht der Kollege gleichzeitig ins Büro reinruft, dass es heute Knödel in der Mensa gibt, und wir kurz mal ans Mittagessen denken. Danach ist die Zahlenreihe entweder falsch oder futsch. Komplizierter wird es außerdem, wenn der Kooperationspartner Ihnen eine Zahlenfolge mit vielen gleichen Zahlen diktiert. Kennt man ja von der IBAN – am schlimmsten sind immer die ganzen Nullen in der Mitte.
Na? Wissen Sie sie noch? Die Wörter vom Vorwort? KAMEL. KANAL. STRUMPFHOSE. Und so weiter. Rein statistisch gesehen haben Sie größere Schwierigkeiten beim unmittelbaren Abrufen der ersten beiden Wörter, denn die sind sich phonologisch ähnlich. Was sich lautähnlich ist, ist komplizierter zu merken, weil das Kurzzeitgedächtnis dann die Wörter eher durcheinanderbringt, allerdings nur, wenn sie sofort abgerufen werden sollen. Kamel, Kanal, Kamal, Kanel, irgendwas mit Ka-, aber waren es überhaupt zwei oder war es doch nur ein Wort mit Ka-? Hm. Auf jeden Fall war die Strumpfhose dabei. Der „phonologische Ähnlichkeitseffekt“ macht das Erinnern allerdings nur dann schwieriger, wenn wir es sofort wiederholen müssen, wollen wir es etwas später abrufen, kann er paradoxerweise dazu führen, dass wir uns besser an die Wörter erinnern.4 Kanal und Kamel! Die waren dabei! Aber was war jetzt nochmal das dritte Wort?
Neben der Quantität an Informationen, die das Kurzzeitgedächtnis behalten kann, haben Wissenschaftlerinnen auch schon viel Ehrgeiz in die Unterteilung des Kurzzeitgedächtnisses nach Art der Information und der Informationsverarbeitung gesteckt. Bis in die 70er teilte man das Gedächtnis schlicht in Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis ein, aber das war über kurz oder lang natürlich etwas zu vereinfachend. Das fanden auch die beiden Psychologen Alan Baddeley und Graham Hitch, für die das Konzept eines einzigen Kurzzeitgedächtnisses zu kurz griff. 1974 warfen sie deswegen den Begriff und das Konzept des Arbeitsgedächtnisses in den Forschungsdiskurs. Wie wir oben bereits erfahren haben, ist das, was Baddeley und Hitch als Arbeitsgedächtnis bezeichneten, die Fähigkeit unseres Gedächtnisses, Informationen kurzfristig zu halten und gleichzeitig verarbeiten zu können. Ein Zwischenschritt sozusagen. Die Information ist nicht sofort weg und bleibt nicht für immer, aber sie wird für den unmittelbaren Moment gebraucht, und wir können damit ein bisschen jonglieren. Beim Kopfrechnen zum Beispiel, wenn wir 23 + 13 rechnen und erstmal kurz 33 abspeichern und dann 3 dazunehmen, beim Lesen, wenn wir die am Satzanfang gelesenen Wörter präsent halten, damit das Gelesene am Satzende noch einen Sinn ergibt, oder im Gespräch, wenn wir die vom Gegenüber gemachte Aussage kurz abspeichern, um gleich darauf einzugehen. Das Arbeitsgedächtnis hält für uns die Bälle in der Luft und ermöglicht es uns, unmittelbar auf unsere Umgebung zu reagieren.
Baddeley und Hitch identifizierten in ihrem Modell des Arbeitsgedächtnisses verschiedene Komponenten, die für unterschiedliche Arten der Informationsverarbeitung zuständig sind. Dazu gehören die bereits genannte „phonologische Schleife“, aber auch der „visuellräumliche Notizblock“, die „zentrale Exekutive“ und der etwas später hinzugekommene „episodische Puffer“. Und das ist ja theoretisch alles ganz praktisch, um ein Framework für das Verständnis von Gedächtnisprozessen zu haben, ist aber praktisch halt sehr theoretisch. Und zwar erstens, weil dieses Modell – obwohl es schon die weiterentwickelte Variante ist – die Komplexität und Dynamik des Gedächtnisses als Prozess gezwungenermaßen noch immer vereinfacht, und zweitens, weil es trennt, was neurobiologisch nicht so klar zu trennen ist – denn den einzelnen „Speichern“ entsprechen keine einzelnen, isolierten Hirnareale (mehr dazu aber im Kapitel „Team Hirn“). Inzwischen haben sich noch viele Wissenschaftlerinnen nach Baddeley und Hitch am Gedächtnis ausgetobt und neuere Modellef entwickelt, die die Komplexität des menschlichen Gedächtnisses besser erfassen sollen. Und so ganz abgeschlossen ist dieser Forschungsprozess noch immer nicht, weil das Gedächtnis halt einfach sehr komplex ist. Für Otto Normalverbraucher ist das aber erstmal egal: Denn die Gedächtnismodelle sind für die Forschung zwar eine wichtige Grundlage, für den Hausgebrauch dann aber doch eher irrelevant. Den meisten Menschen ist nämlich ziemlich einerlei, wie man es nennt, was da mal wieder ausfällt, wenn man im Gespräch den Faden verliert. Und den meisten Menschen ist es auch eher egal, ob sie die Telefonnummer und die Einkaufsliste zwei Minuten später noch auswendig runterrattern können. Schön wäre aber, wenn man den Namen des Arbeitskollegen und den Termin bei der Optikerin nicht vergessen würde, obwohl man sich beides nirgends aufgeschrieben hat.
Danke, ich weiß das schon.
Die Gretchenfragen für den Gedächtnis-Hausgebrauch lautet daher für die meisten Menschen: Merke ich mir Dinge dauerhaft so schlecht, weil mein Kurzzeitgedächtnis sie nicht richtig ins Langzeitgedächtnis befördert? Und geht ein besseres Kurzzeitgedächtnis mit einem besseren Langzeitgedächtnis einher? Die Antwort lautet: Jein. Und das kommt daher, weil – wie wir gerade gesehen haben – die unterschiedlichen Gedächtnisarten zwar ineinandergreifen, aber doch auch eigenständige Funktionen haben. Ein hochkonzentriertes, starkes Arbeitsgedächtnis kann zwar dabei helfen, dass Informationen effektiver ins Langzeitgedächtnis befördert werden, aber ein ausgezeichnetes Kurzzeitgedächtnis bedeutet nicht automatisch ein gutes Langzeitgedächtnis. Sprich: Wer die namibische Telefonnummer noch fünf Minuten später rückwärts runterrattern kann, kann trotzdem gerade zum dritten Mal den Namen des Babys der Arbeitskollegin vergessen haben. Die Fähigkeit, Informationen aus dem Kurzzeit- in das Langzeitgedächtnis zu überführen, beruht nämlich auf verschiedenen Faktoren wie der Art der Information, der persönlichen Relevanz, der emotionalen Beteiligung, der Wiederholung, den angewandten Gedächtnistechniken und wie gut es Ihnen überhaupt und allgemein heute so geht.
Das wissen Sie zwar schon, aber vergessen es immer wieder, wenn Sie sich über sich selbst ärgern, weil Sie ein Gesicht nicht zuordnen können, einen Namen vergessen haben oder Ihnen ein Wort nicht einfallen will. Dabei ist das Gedächtnis ein empfindliches Tierchen, das sofort darauf reagiert, wie gut wir geschlafen, wie schlecht wir gegessen, wie wenig wir uns bewegt haben und wie sehr wir mal wieder vom Leben gestresst sind. Während die meisten Menschen zwar Verständnis dafür aufbringen, dass unsere Muskeln nicht jeden Tag einen Marathon laufen können, setzen viele voraus, dass unser Hirn den „Wahrnehmen-Einspeichern-Abrufen“-Triathlon täglich problemlos abliefern kann. Kann es aber nicht. Unsere Intelligenz ist kein statisches, sondern ein fluides Konstrukt, das schnell mal irritiert mit Denk- und Erinnerungsfehlern auf Stressoren antwortet. Es reicht, Menschen die Hand in Eiswasser zu tauchen, und schon können sie einfache Rechnungen (zum Beispiel 3+2=5) schlechter lösen und sich ein paar Wörter schlechter merken.5 Unser Hirn ist wie unsere anderen Organe empfindsam für das, was um uns herum passiert, und will gewartet und gepflegt werden. Und bezüglich Wartung gibt’s immerhin ein paar gute Nachrichten: Egal ob Kurz-, Arbeits- oder Langzeitgedächtnis, sie alle bestehen aus Zellen, die wiederum alle gleichermaßen von den gesunden Lebensstilfaktoren profitieren. Bevor wir diese im zweiten Teil des Buches vertiefen, schauen wir uns aber erst noch an, was mit den Informationen passiert, die es vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis schaffen.
Wenn Sie denken, Sie denken nicht, dann denken Sie nur, Sie denken nicht, weil eigentlich denken wir immer. Sogar im Schlaf. Und auch bei den Dingen, die wir so gut können, dass wir sie quasi im Schlaf tun könnten, wie zum Beispiel Pipi ins Klo machen, den Einkauf in die Tasche packen, ein Brötchen mit Butter beschmieren oder uns die Haare mit einem Kamm kämmen. Irgendwann haben wir das aber erst lernen müssen, dass man Pipi ins Klo und nicht in die Tasche zu machen und die Butter aufs Brot und nicht in die Haare zu schmieren hat. Sobald wir diese Basics draufhatten, haben wir dann fortgeschrittenes Gedächtniszeug wie Sprechen, Lesen, Rechnen, Autofahren und Geigespielen gelernt, und nach unzähligen Wiederholungen war auch das nicht mehr schwer, sondern einfach. Und zwar so einfach, dass wir während des Denkens gar nicht mehr ans Denken denken müssen – und das verdanken wir unserem Gedächtnis. Das hat nämlich ein Faible fürs Faule: Automatisierte Abläufe sparen Energie und wortwörtlich Nerven, weil wir uns dabei nicht mehr so sehr anstrengen und aufmerksam mitdenken müssen. Dass wir uns nicht mehr so anstrengen müssen, liegt daran, dass alles, was zur Gewohnheit wird, in verfestigten Erinnerungsspuren abgespeichert wird, die den Neokortex und den Hippocampus entlasten, weil die Verarbeitung grob gesagt etwas tiefer ins Hirn, in die Basalganglien, rutscht (siehe „Team Hirn“). Die Basalganglien sind ein Grüppchen von Kernen, die wie die „bleiche Kugel“ (Globus pallidus oder kurz einfach Pallidum) oder die „schwarze Substanz“ (Substantia nigra) zum Großteil nach ihren Farben benannt sind und im Inneren des Hirns rumhängen. Zum Team implizites Gedächtnis gehören neben den Basalganglien noch das Kleinhirn und die motorischen und sensorischen Areale des Kortex. Eine höchsteffiziente kleine Hirntruppe, die alle unsere gewohnheitsmäßigen Kenntnisse einspeichert und abspielt. Helfen beim bewussten Einlernen noch mehrere Hirnareale wie beispielsweise der Frontal- oder Parietallappen mit, klinken sich diese Bereiche nach erfolgreichem Einlernen aus und übergeben an das kleine Implizit-Team. So sparen wir Zeit und Zellen! Das implizite Team ist der Macher im Gedächtnissystem: Da wird nicht mehr lange sinniert, wie man da jetzt am besten dreht, steht, kickt, tippt, wäscht, schneidet, rollt, kuppelt, tritt, beugt oder redet – da wird getan. Und was getan wird, ist dabei zumeist nur schwer der Sprache zugänglich und beschreibbar.
Gestatten, Team Implizit! Die Basalganglien und das Kleinhirn sind definitiv keine Overthinker und erledigen das Binden von Schuhen, das Klavierspielen und das Fahrradfahren, ohne lange zu überlegen. Dabei sind sie ständig im Austausch mit den motorischen und sensorischen Arealen des Neokortex.
Gewohnheiten sind fürs Gedächtnis, was spritsparend fahren fürs Auto ist. Sie sind praktisch, weil das Hirn zum einen weniger aktiv und aufmerksam sein muss und man zum anderen während des Anziehens auch noch daran denken kann, was man heute kochen könnte, wo es doch gestern schon Nudeln gegeben hat. Erst das Multitasking unserer unterschiedlichen Gedächtnissysteme ermöglicht es uns, in einer hochkomplexen Umwelt lustig lebensfähig zu bleiben. Wenn Sie sich jetzt denken, dass Zähneputzen und Butterbrotschmieren sowieso nicht viel Grips benötigen, dann probieren Sie es heute doch einfach mal mit der linken Hand (oder rechten, falls Linkshänderin). Und schwups, schon können Ihre Neurone nicht mehr vollständig auf verfestigte Automatismen zurückgreifen und müssen plötzlich wieder bewusst „denken“, in welchem Winkel man jetzt den Backenzahn links unten am besten anpeilt und wie man schön gleichmäßig einbuttert, ohne von der Brotkante zu rutschen.
Unser Gedächtnis liebt Routine und speichert unsere wichtigsten Verhaltensweisen als Gewohnheiten ab. Mit dieser Strategie werden uns die meisten Entscheidungen in unserem Alltag abgenommen und verlangen uns keine große Denkarbeit mehr ab: Müsli mit links oder rechts in die Schüssel schütten? Socke über den Kopf oder über den Fuß ziehen? Zuerst kuppeln oder schalten?
Das implizite Gedächtnis fristet ein vergleichsweise unspektakuläres Dasein, weil es für die langweiligen Radfahren-Schuhebinden-Scrollen-Tätigkeiten steht und man mit denen keinen Hund hinterm Ofen hervorlockt, während die expliziten Wow-schau-mal-was-ichalles-weiß-und-erlebt-habe-Inhalte des deklarativen Gedächtnisses ein richtiger Partyknüller sind. Aber wie so oft ist der Underdog der eigentliche Star: Erstens werden die meisten unserer täglichen Handlungen aus dem impliziten Erfahrungsschatz gespeist, und zweitens gelingt uns der große geistige Wurf mit den expliziten Gedächtnisleistungen auch nur deswegen, weil das implizite Gedächtnis sein Fundament ist. Wir könnten auf der Dinnerparty erst gar nicht mit unserem Angeber-Faktenwissen über Usbekistan prahlen, wenn das implizite Gedächtnis nicht die 200 Muskeln koordinieren würde, damit wir „Taschkent“ überhaupt aussprechen können. Und noch ein bisschen banaler: Wir hätten uns noch nicht mal auf den Stuhl setzen können, wenn unser implizites Gedächtnis ihn nicht in seiner Bedeutung und Funktion als Standardsitzgelegenheit der westlichen Kultur erkannt und die Knie im rechten Winkel gebeugt hätte, damit wir unseren Popo drauf parken können. Nichts, wirklich gar nichts wäre aus einem Immanuel Kant ohne sein implizites Gedächtnis geworden: Geschätzte 45% (manche sagen sogar 50%) aller Tätigkeiten, mit denen wir so unseren Tag verbringen, sind Gewohnheiten.6 Müssten wir all diese Dinge ständig bewusst denken, es bliebe kein Platz mehr für die Kritik der reinen Vernunft. Keine Genialität ohne Banalität!
Das Tolle am impliziten Gedächtnis ist also, dass es wie ein alter Freund die Insider kennt und uns damit für unsere großen geistigen Ambitionen den Rücken freihält, aber das Blöde an unserem alten Freund ist, dass er mit seinem Insiderwissen recht unflexibel ist. Will heißen: Er kann zwar mit rechts essen, aber bei derselben Tätigkeit mit leicht veränderten Ausgangsbedingungen – weil man beispielsweise die linke statt die rechte Hand benutzen muss oder statt der Gabel Stäbchen nimmt – stellt er sich blöd an. Besonders motorische Gedächtnisinhalte sind immer nur flüssig und reibungslos in den Zusammenhängen einsetzbar, in denen sie erworben wurden. Wird der Kontext verändert, stehen die Basalganglien wie der Ochs vorm Berg, und es muss der Rest vom Hirn wieder übernehmen und erstmal nachdenken.
In Schubladen einsortieren kann das Langzeitgedächtnis gut! In Schubladen denken auch. Das ist dann zwar ziemlich effizient, aber nicht immer besonders intelligent.
Apropos Ochs vorm Berg, es sind leider nicht nur flinke Fertigkeiten, sondern auch fiese Vorurteile und Klischees, die unser alter Freund abspeichert und bei jeder Gelegenheit raushaut. Neben unschönen, aber nicht weiter schlimmen Angewohnheiten wie Nägelkauen finden sich beispielsweise auch negative Glaubenssätze und Rassismen im Unrat unseres impliziten Speicherbeckens. Das Ungute dabei ist, dass geistige Stereotype unverschämt in alle möglichen Kontexte reinflutschen und eine vereinfachte Typisierung der Welt vornehmen, die in den allermeisten Fällen schlicht falsch ist. Denn nicht nur das Tun, auch das Denken ist zum großen Teil von impliziten Inhalten abhängig. Prinzipiell ist das gut so, weil so ist ein Stuhl auch dann noch ein Stuhl, wenn er rosa und aufs Dach eines Autos gebunden ist. Geistige Schablonen erlauben es uns, die Welt schnell zu dechiffrieren. Sie werden aber dann zum Problem, wenn sie vereinfachen und verallgemeinern, wo es nicht mehr nur um Stühle, sondern um Menschen geht. Wenn Sie etwa glauben, dass Frauen schlechter Auto fahren als Männer oder dass People of Color gewaltbereiter sind als weiße Personen, dann sind Sie Opfer Ihrer Vorurteile, die sich (zumeist) unbemerkt über Mythen, Märchen und medialen Mist im Rahmen der Sozialisation in Ihr implizites Gedächtnis geschlichen haben. Das Schlechte ist, dass Stereotype auch unsere Interaktion mit den Menschen beeinflussen; das Positive ist, dass auch das implizite Gedächtnis nicht in Stein gemeißelt, sondern in plastischen Zell-Netzwerken gespeichert ist, die neu sortiert werden können.
Zusammengefasst ist das Gute an Gewohnheiten demnach, dass wir mit ihnen Hirnschmalz sparen, sie langfristig eingespeichert, verlässlich abrufbar und schwer wegzukriegen sind. Aber ähnlich wie mit dem Ehemann, bei dem uns ausgerechnet jene Charakterzüge, in die wir uns damals verliebt haben, heute regelmäßig zur Weißglut treiben, sind die guten Eigenschaften des impliziten Gedächtnisses gleichzeitig auch seine schlechtesten.
Unser Hirn ist ein großer Stratege beim Sparen: Neben Gewohnheiten, Routinen und verinnerlichten motorischen Abläufen gehören auch das Priming und die Konditionierung zu den Tricks des impliziten Spritsparens.
„Wir können zweimal an den gleichen Ort, aber niemals an die gleiche Zeit“, sagte der Astrophysiker Harald Lesch in einem Interview mal, und das stimmt natürlich. Und dann auch wieder nicht, weil unser Hirn zwei Sommer zurück und zwei nach vorne zappen kann, ohne natürlich den Rest vom Körper tatsächlich dorthin bringen zu können. Die gemeinhin wohl bekannteste Funktion unseres Gedächtnisses ist die private Zeitmaschinen-App: Augen zu, und zack ist wieder Summer of ’69 oder Last Christmas. Und auch ohne sich bewusst etwas in Erinnerung zu rufen, schnappt unser Gehirn gelegentlich (unbewusst) einen Hinweisreiz auf und teleportiert uns raus aus der Gegenwart in die Vergangenheit: Kurz mal eben in der Straßenbahn eine Kölnisch-Wasser-Note in die Nase bekommen, und zack steht unsere Oma wieder neben uns. Kurz mal eben auf dem Weg zum Supermarkt in eine Brünette gelaufen, die der blöden Nina, die uns immer gemobbt hat, zum Verwechseln ähnlich sieht, und zack klopft die PTBSg mit Puls auf 180 an.
Kurz Kölnisch Wasser in die Riechzellen bekommen und zwanzig Jahre zurück zur Oma gebeamt worden? Diesen Effekt, dass ein einzelner Geruch eine Erinnerung anknipst, nennt man auch „Madeleine-Effekt“. Madeleine steht in diesem Fall für den muschelförmigen Keks, den Marcel Proust als Ich-Erzähler in seinem Klassiker „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ in Tee tunkt und dann ziemlich aus dem Häuschen ist, weil ihn der Geschmack gedanklich ins Dorf seiner Kindheit katapultiert. Auf Proustisch klingt das sehr poetisch, nämlich so: „In der Sekunde nun, als dieser mit dem Kuchengeschmack gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog. Ein unerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt blieb, hatte mich durchströmt. […] Ich hatte aufgehört, mich mittelmäßig, zufallsbedingt, sterblich zu fühlen.“h Auf dass alle Gerüche und Geschmäcke unserer Kindheit, auf die wir gelegentlich stoßen, solche Glücksgefühle in uns auslösen mögen!
Dass wir Nina furchtbar finden und Oma furchtbar vermissen, verdanken wir unserem episodischen Gedächtnis, das Ereignisse aus unserem Leben abspeichert. Dieser Teil des expliziten Gedächtnisses, der unsere private Vita abheftet, wird auch „autobiographisches Gedächtnis“ genannt. Viel mehr noch aber, als Erlebtes einfach nur abzuheften und bei Bedarf bewusst oder unbewusst abzuspielen, ordnet das Gedächtnis unsere Erinnerungen wie Puzzlestücke auf der Zeitachse,isetzt sie miteinander in Verbindung und lässt damit in der Zusammenschau der einzelnen Erinnerungs-Puzzleteilchen ein hochkomplexes Bild entstehen: unsere Identität. Es sind unsere Erinnerungen, die die Geschichte unserer Person erzählen, und unser Selbstverständnis setzt sich aus diesen unseren Gedächtnisspuren zusammen. Wie mutig und lustig, traurig und einsam, witzig und cholerisch, fürsorglich und egoistisch, introvertiert und extrovertiert wir uns erzählen, verdanken wir unserem autobiographischen Gedächtnis. Aber nicht nur unser Wissen um unser Selbst, sondern auch unser Wissen um die Welt ist im expliziten Teil des Gedächtnisses gespeichert: Da stapeln sich das Allgemein- und Faktenwissen, das von unserer Person und unserem Leben unabhängig ist, im Fachjargon auch „semantisches Gedächtnis“ genannt. Das explizite Gedächtnis ist mit seinen gezielt abrufbaren privaten und faktischen Inhalten praktisch für Kreuzworträtsel und unterhaltsam bei Klassentreffen, hat aber auch eine existenzielle Überlebensfunktion.
Als explizites Gedächtnis bezeichnen wir das Wissen um das eigene Selbst (das wird auch „episodisches“ oder wahlweise „autobiographisches“ Gedächtnis genannt) und das Wissen um die Welt (also unser Fakten- und Allgemeinwissen, das unabhängig von unserem Erleben besteht).
Denn alles, was wir erleben, gleicht unser Gehirn in Sekundenschnelle mit den Erfahrungswerten ab, die es bereits gesammelt hat, die wir mit und in der Welt gemacht haben. Damit stellt das Gedächtnis unseren Kompass, der uns mit Blick in die Vergangenheit in der Gegenwart erst handlungsfähig macht. Stellt der visuelle Kortex beispielsweise fest, dass das Auge auf elf Uhr gerade die sich nähernde Chefin eingefangen hat, beschließt das Gehirn nach einem raschen Abgleich der Jetzt-Situation mit den bisher gesammelten Erfahrungswerten, den rechten Zeigefinger besser mal schnell die Rezensionen für den Dampfgarer wegklicken und wieder die Excel-Tabelle öffnen zu lassen. Weil wir aber nicht alle dieselben Erfahrungen sammeln, kommen wir oft zu unterschiedlichen Schlüssen und reagieren anders.
„Großhirn an Auge: Wer hat da eben ‚Saufkopf‘ gesagt?“
Otto Waalkes
Das Gedächtnis gibt den rationalen Handlungsanweisungen auch gleich den emotionalen Beigeschmack. Mal schmeckt die Gegenwart bitter, mal süß – je nachdem, wie unser Gedächtnis eine Situation aufgrund der gemachten Erfahrungen emotional bewertet – und deshalb kann sich ein und dieselbe Situation für zwei Menschen völlig unterschiedlich anfühlen. Das hat in erster Linie damit zu tun, dass autobiographisches Erleben immer mit einem emotionalen Qualitätsgefühl verbunden ist: Für die eine war Sportunterricht ein Traum, für die andere ein Trauma. Die eine freut sich auf Weihnachten, die andere bekommt schon zum ersten Advent Stresspickel. Dass wir dieselben Situationen unterschiedlich wahrnehmen, klingt irgendwie logisch, sorgt aber in Beziehungen regelmäßig für Knatsch, weil sie findet, dass er sich nicht genug Zeit für sie nimmt, und er meint, dass er sich wahnsinnig viel um sie bemüht.
Wennʼs einmal weh getan hat, tutʼs das vielleicht auch ein zweites Mal: Unser Langzeitgedächtnis bewertet Situationen aufgrund gemachter Erfahrungen.
Insgesamt ist die Vergangenheit also kein nostalgisches Hobby unseres Hirns, sondern existenziell für die Navigation durch die Gegenwart. Ohne unser Gedächtnis würden wir in einer bedeutungslosen Gegenwart der Impulsivität und Reflexe verschwinden und könnten privat keine Identität und kollektiv keine Kultur erschaffen. Sprich: Es ist tatsächlich gar nicht so sehr das Zurückschauen, sondern eher das Vorausdenken, für das uns die Götter das Gedächtnis geschenkt haben. Besser noch als jede Tarotkarte sieht unser Gedächtnis in die unmittelbare Zukunft und antizipiert: Tue ich A, folgt mit großer Wahrscheinlichkeit B. Wenn’s blöd läuft, C. Eins, zwei oder drei, aus vielen Möglichkeiten wählt das Gedächtnis eine für uns aus, und zwar weniger aus Willkür, sondern weil es glaubt, nach Gutdünken und Gefühl das Beste zu machen.
Unser Hirn ist sogar so gut im Hellsehen, dass es beispielsweise in Gesprächen voraussehen kann, was unser Gegenüber gleich sagen wird. Sagen wir mal, Sie stehen gerade mit Ihrem Mann an der Kasse eines verschlafenen Kleinstadtkinos und es macht 16 Euro aus. Ihr Mann zückt einen Fünfziger, die Kassiererin fragt: „Haben Sie zufällig einen Zwanziger?“ Ihr Mann erwidert: „Leider nein, ich habe es nicht kleiner.“ Und Sie sagen: „Ich kann gern auch mit Karte zahlen.“ Da haben Sie ganz schön viel hellgesehen: Rein statistisch hat nämliche jede der Pausen zwischen den Sätzen eine Fünftelsekunde (200 Millisekunden) gedauert, aber das ist aber eigentlich viel zu kurz für unser Gehirn, um zuzuhören, das Gesagte zu verarbeiten, eine Antwort zu überlegen und das Aussprechen der Antwort im Gehirn vorzubereiten. Dafür braucht es nämlich mindestens dreimal so lang, nämlich 600 Millisekunden.7 Dass Sie trotzdem so schnell geantwortet haben, liegt daran, dass Sie schon am Anfang des Satzes, beim „Nei…“ wussten, was Ihr Mann gleich sagen wird, weswegen Ihr Hirn sogleich die EC-Karte als Lösung gezückt und auch sofort mit der Vorbereitung der Antwort begonnen hat. Es stimmt also schon irgendwie, wenn er Ihnen sagt, Sie würden ihm nie zuhören. Zumindest im Small Talk hören Sie ihm immer nur ein bisschen zu, den Rest antizipiert Ihr Gedächtnis für Sie – und er macht das genauso. Hätte es an der Kinokasse hingegen einen unerwartete Plot-Twist im Satz Ihres Mannes gegeben, weil er beispielsweise „Nein, aber ich habe zwei Zehner“ gesagt hätte, dann hätten Sie Ihre ganze Sprachplanung vermutlich mit ein paar Stimmlauten oder Füllwörtern wie „Oh, ah, äh, gut!“ ausgebremst. In banalen Interaktionen antizipiert unser Gedächtnis mit hoher Trefferquote und ermöglicht uns damit, Sprache gleichzeitig zu verstehen und zu planen. Wird’s komplexer und geht über Gespräche hinaus, klappt das Vorhersehen natürlich nicht mehr so zuverlässig und man kann nur ahnen, was jetzt kommt, wenn man mal wieder den Hochzeitstag vergessen hat.
„‚It’s a poor sort of memory that only works backwards‘, says the White Queen to Alice.“ Lewis Carroll
Apropos Hochzeitstag, wo genau liegt der denn jetzt eigentlich im Hirn rum? Die Vermessung des Menschen war medizinhistorisch lange Zeit die Lieblingsbeschäftigung der Wissenschaftlerinnen. Hier befindet sich das Areal für die Sprache, dort für die Motorik – und wo stapeln sich jetzt der Hochzeitstag und die Einschulung? Ich sag’s gleich: Wo bestimmte Inhalte liegen, wissen wir nicht. Sie können im Gehirn nicht so genau lokalisiert werden, weil Gedächtnisspuren nicht wie Bücher in Regalen einsortiert, sondern als Aktivitätsmuster über viele Areale verteilt sind. Das schauen wir uns im nächsten Kapitel genauer an. Festhalten können wir aber, dass so wie für das implizite Gedächtnis auch für das explizite bestimmte Areale ganz besonders wichtig sind. Wenn wir Vergangenes erinnern und Zukünftiges planen, sind besonders der präfrontale Kortex, Teile des Temporallappens, das posteriore Cingulum, der Praecuneus und das „Seepferdchen“ (aka der Hippocampus) aktiv. Sie alle sind aber nur Teamplayer, die in ein großes Ganzes eingebettet sind und stets im Austausch mit unterschiedlichen anderen Hirnregionen stehen, da die Inhalte – wie zum Beispiel der Hochzeitstag oder die Einschulung oder die Hauptstadt von Usbekistan – über den Neokortex verstreut sind.
Ja, wo isses denn? Irgendwo auf dem Neokortex, aber manchmal dauert es ein bisschen, bis es das Langzeitgedächtnis hervorgekramt hat.
a Das ist ein Wort, das in diesem Buch häufig vorkommt, deswegen schauen wir es uns kurz an: Ganz allgemein kann man „Kognition“ als die Gesamtheit aller Wahrnehmungs- und Denkprozesse und das, was dabei herauskommt, definieren. Der Begriff umfasst somit alle geistigen Fähigkeiten, die unser Denken und Handeln steuern. Dazu zählen zum Beispiel das Erinnern, Lernen, Sprechen, Planen, Fantasieren, Fühlen, Schmecken, Singen, Tanzen, Argumentieren – einfach alles, was mit der Verarbeitung von Informationen und der Steuerung unseres Verhaltens zu tun hat.
b Epi…was, bitte? Epigenetik beschäftigt sich mit der Genregulation und schaut sich an, was ein Gen an- und ausknipst. Solche Schalter sind zum Beispiel grüner Tee oder Traumata. Aber mehr dazu in „Gehirn und Genetik“.
c Der „Dunning-Kruger-Effekt“ wurde 1999 von den Wissenschaftlern David Dunning und Justin Kruger beschrieben. Der Effekt besagt, dass inkompetente Menschen ihre Fähigkeiten oft überschätzen, während sie gleichzeitig die Leistungen kompetenter Menschen unterschätzen. Die Theorie ist häufig reproduziert, aber auch widerlegt worden.
d Hä? Wie jetzt, trainieren nur Frauen Fußballmannschaften oder fahren mit dem Auto? Natürlich nicht! Aber in diesem Buch wird im ersten Teil die weibliche Form und im zweiten Teil die männliche Form verwendet. Das heißt, im ersten Teil werden die Männer und im zweiten Teil die Frauen „mitgedacht“. Das ist im Buch allerdings weniger ein Politikum, sondern ein kleines, interaktives Gehirnexperiment, das wir dann auf Seite 139 vertiefen werden.
e Auch wenn man historisch von sieben Weltmeeren spricht – wer nachzählt, kommt nur mit etwas Fantasie auf sieben Ozeane, wenn man etwa Nord- und Südatlantik als zwei Meere zählt. Nach Definition der Nationalen Ozean- und Atmosphärenbehörde der USA sind es fünf Ozeane.
f … zu diesen neueren Gedächtnismodellen gehören zum Beispiel die „Theorie der dynamischen Gedächtnissysteme“, das „Konnektionistische Modell“, das „Mehrsysteme-Modell“ und noch ein paar andere. Für die Theorie ganz nett, für den Alltag eher unwichtig.
g PTBS steht für „Posttraumatische Belastungsstörung“.
h Der „Madeleine-Effekt“ heißt übrigens auch „Proust-Effekt“.
i … es ordnet, aber es täuscht sich auch beim Ordnen. Mehr dazu in Kapitel „Vom Lernen, Erinnern und Vergessen“.
Kennen Sie die Zeichentrickserie „Es war einmal … das Leben“a
