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Wem gehört die Stadt der Zukunft? Daniel Wisser erzählt vom Traum einer digitalisierten Wohlfühlwelt und ihrem größten Problem: dem Menschen.
Aufbruchstimmung in NEUDA, der sichersten, saubersten und nachhaltigsten Stadt der Welt. Über den rechtwinklig angeordneten Straßen kreisen Drohnen, unten bewegen sich geräuschlos Elektrocaddies und Cleaning-Robots, eine Messsäule kontrolliert die Lautstärke, die 54 Dezibel nicht übersteigen darf. Die Journalistin Morag Oliphant, deren Mann und Tochter bei einem Überfall von unbekannten Tätern getötet wurden, sucht den Neuanfang in NEUDA und will über dieses Pilotprojekt berichten. Sicherheit, Lebensqualität und ein harmonisches Zusammenleben garantiert man den Einwohnern der Smart City. So zumindest die Versprechung der Politik. Doch schon bald bemerkt Morag Oliphant merkwürdige Dinge: Nicht registrierte Menschen huschen durch die Straßen, der Müll verschwindet einfach vor den Toren der Stadt, und für die Sicherheit sorgt nicht die Polizei, sondern ein privates Unternehmen, das sich jeder Kontrolle entzieht. Als bei einer Demonstration ein Mann stirbt und niemand verantwortlich sein will, kommt Morag Oliphant nicht nur dem schattenhaften Geflecht von Politik und dem Konzern, der NEUDA betreibt, näher. Auch die Aufklärung des Todes ihrer Familie scheint damit zusammenzuhängen.
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Seitenzahl: 482
Veröffentlichungsjahr: 2025
Aufbruchstimmung in NEUDA, der sichersten, saubersten und nachhaltigsten Stadt der Welt. Über den rechtwinklig angeordneten Straßen kreisen Drohnen, unten bewegen sich geräuschlos Elektrocaddys und Cleaning-Robots, eine Messsäule kontrolliert die Lautstärke, die 54 Dezibel nicht übersteigen darf. Die Journalistin Morag Oliphant, deren Mann und Tochter bei einem Überfall von unbekannten Tätern getötet wurden, sucht den Neuanfang in NEUDA und will über dieses Pilotprojekt berichten. Sicherheit, Lebensqualität und ein harmonisches Zusammenleben garantiert man den Einwohnern der Smart City. So zumindest die Versprechung der Politik. Doch schon bald bemerkt Morag Oliphant merkwürdige Dinge: Nicht registrierte Menschen huschen durch die Straßen, der Müll verschwindet einfach vor den Toren der Stadt, und für die Sicherheit sorgt nicht die Polizei, sondern ein privates Unternehmen, das sich jeder Kontrolle entzieht. Als bei einer Demonstration ein Mann stirbt und niemand verantwortlich sein will, kommt Morag Oliphant nicht nur dem schattenhaften Geflecht von Politik und dem Konzern, der NEUDA betreibt, näher. Auch die Aufklärung des Todes ihrer Familie scheint damit zusammenzuhängen.
DANIELWISSER, 1971 in Klagenfurt geboren, schreibt Prosa, Gedichte, Songtexte. 1994 Mitbegründer des Ersten Wiener Heimorgelorchesters. 2018 für den Roman »Königin der Berge« mit dem Österreichischen Buchpreis und dem Johann-Beer-Preis ausgezeichnet. 2021 mit seinem Roman »Wir bleiben noch« sowohl auf der SWR-Bestenliste wie auch auf der ORF-Bestenliste. Zuletzt erschien der Roman »0 1 2«, der ebenfalls auf der ORF-Bestenliste landete. Daniel Wisser lebt in Wien.
Daniel Wisser
Roman
Luchterhand
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unter Verwendung einer Illustration von © Ruth Botzenhardt
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-29582-0V001
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Auf M24 öffnet ein Arbeiter immer wieder eine Sicherheitstür, lässt sie los und schaut kopfschüttelnd zu, wie sie nicht ins Schloss fällt, sondern kurz davor stehen bleibt. Dann nimmt er aus einer der unzähligen Taschen seiner Hose ein Werkzeug, setzt sich auf den Boden und beginnt, die Tür zu bearbeiten.
Von der Fensterbank eines Büros im sogenannten Hufeisenhaus auf W18 tropft Wasser auf die Straße, weil eine Frau, die das sehr genau nimmt, wie jeden Freitag exakt um 15:00 die Agaven und Aloen gegossen hat, die dort in Terrakotta-Töpfen in einem Pflanzenkistchen stehen. Das Gießen darf nicht der Putzfrau überlassen werden, die am Freitag das Büro reinigt, denn die gießt die Pflanzen mit dem dreckigen Putzwasser. Und ist die genaue Frau einmal eine Woche verreist, was selten vorkommt, dann gibt sie die Agaven und Aloen in die Pflanzenpension Halbfurthner.
Wir haben die Smart City NEUDA über das Haupttor im Norden betreten. Hier, in der Nähe des Krankenhauses und des Botanischen Gartens, der sich über drei Grünflächen um den Loewi-Park erstreckt, in der Nähe des Sportstadions zwischen Außenring, äußerem Boulevard und Streichergasse, in der Nähe der Schwimmhalle, des Kindergarten- und Schulzentrums und ganz in der Nähe des Pauliplatzes, wo der Besitzer des soeben eröffneten Caffè Trastevere noch immer auf seine erste Kundin wartet, beginnt am 4. November 20** eine Geschichte, die schon bald jede und jeder in NEUDA kennen wird.
Auf dem NEUDA-Boulevard begegnen wir einer Gruppe von Besuchern aus England, die von Antonetta Kary, einer der beiden zertifizierten Stadtführerinnen des Stadtamts von NEUDA, angeführt wird. An der Kreuzung des Außenrings und des NEUDA-Boulevards bleibt sie stehen und sagt zuerst auf Englisch, dann auf Deutsch: »Willkommen in NEUDA! Hier werden Ihre Träume von einem nachhaltigen Leben wahr. In unserer Smart City gibt es keine Kriminalität und keine Migration. Sie und Ihre Familie können beruhigt schlafen und den Alltag genießen. Unsere Stadt bietet Sicherheit und ein erfülltes Leben. NEUDA setzt auf umweltfreundliche Lösungen ohne Emissionen und Abfall. Die Infrastruktur respektiert die Natur und schont Ressourcen. Warum warten? Erleben Sie selbst, was es heißt, in der sichersten und nachhaltigsten Stadt der Welt zu leben.«
In dem kleinen Café am Pauliplatz, dessen Name sich in den letzten drei Monaten zweimal geändert hat – Don Pedro und Cassis hat es schon geheißen, La Ola heißt es jetzt und Café No Name, Belmondo und MyPauli wird es einmal heißen – sitzen noch keine Gäste. »Pauli war ein berühmter österreichischer Physiker«, belehrt eine vorbeigehende Mutter ihren Sohn. »Ich habe nur gerade seinen Vornamen vergessen.« Der vollständige Name sowie Geburts- und Sterbejahr von Wolfgang Pauli stehen auf den Hinweistafeln, die sich jeweils unter den Straßenschildern befinden.
Zur selben Zeit steht ein kleines Mädchen in der Puchsbaumgasse. Sie hat einen Trinkbecher an eine Schnur gebunden. Mit der rechten Hand wirft sie den Becher ins Gras und freut sich, als der Cleaning-Robot, der die Rasenfläche zwischen Außenring und Kravoglstraße sauber hält, den Becher bemerkt, auf ihn zusteuert und ihn aufsaugt. Bevor er ihn schreddern kann, zieht das Mädchen an der Schnur, entreißt ihm den Becher und wirft ihn zwei Meter weiter wieder auf den Rasen.
Längst hat Antonetta Kary der Gruppe erklärt, dass NEUDA in den Jahren 20** bis 20** auf einer bis dahin ungenutzten Brachfläche am nördlichen Donauufer errichtet worden ist. Sie hat auch erklärt, dass es in NEUDA keine Autos, keine Treibhausgas-Emissionen und keine Abhängigkeit von Energielieferungen gibt. In der Mitte des Fußwegs über den Boulevard, der größten Straße NEUDAs, bleibt Kary wieder stehen und zeigt in Richtung des riesigen Hauptplatzes mit der zweireihigen Platanenallee, in deren Schatten mehrere Cafés ihre Gastgärten aufgebaut haben. Es ist so warm an diesem Novembertag, dass die meisten Gäste in T-Shirts im Freien sitzen. »Maybe, you want to have a drink here later«, sagt die Stadtführerin. Dann zeigt sie auf das große Display, an dem man die gegenwärtige Einwohnerzahl und die aktuelle Besucherzahl der Stadt ablesen kann:
NEUDA freut sich über 17953 Einwohnerinnen und Einwohner sowie 271 Gäste
Zur selben Zeit hüpft Sarah Krämer, Redakteurin der Neudaer Stadtzeitung Timeline, von einem Elektrocaddy, das sie zu ihrem Haus auf W11 im Innenring der Stadt gebracht hat. Ihr Mann, Cosmo Fröschel, ist ebenfalls von der Arbeit nach Hause geeilt, und als Sarah Krämer das Schlafzimmer verdunkelt, sagt sie zu ihm: »Beeil dich, Mista Lova-Lova, ich habe nicht viel Zeit. Heute wird das Redaktionsgebäude eröffnet.«
Vier Minuten später, um 15:32, erreicht die Gruppe englischer Touristen den Stadtpark. Antonetta Kary erklärt das Straßensystem: »In NEUDA gibt es 123 Straßen. Innerhalb des Innenrings tragen die vertikalen Straßen die Namen der Buchstaben des Alphabets. Es sind 25 Straßen mit den Namen A, B, C, D, E, F, G, H, J, K, L, M, N, O, P, Q, R, S, T, U, V, W, X, Y, Z – das I wird ausgelassen. Die 36 horizontalen Straßen tragen die Nummern 1 bis 36. Im Innenring von NEUDA werden Adressen nicht mit Hausnummern angegeben, sondern mit den Koordinaten des Blocks; also zum Beispiel A1, D9, W23 usw. Zwischen H und J verläuft durch die gesamte Innenstadt ein von einer Allee gesäumter Grünstreifen, auf dem Jogger, Skater, Radfahrer und Spaziergänger unterwegs sind. Die Allee hat keinen Namen. Viele nennen sie einfach Die Allee.«
Die Touristen sind von den vielen Zahlen, Buchstaben und Namen überfordert, lächeln aber trotzdem freundlich.
Zur selben Zeit steht Laurin Nussbaumer mit einer großen Fernbedienung um den Bauch auf dem Flachdach des Tucana-Towers und lenkt eine Drohne mit vier Kameras, deren Bilder er auf vier großen Monitoren rechts und links von ihm betrachten kann. Es ist die Zeit des sogenannten Zuzugs. Innerhalb von fünfzehn Monaten soll NEUDA mit 36000 Einwohnern besiedelt werden. Nussbaumer ist erst drei Wochen zuvor in die Stadt gezogen, wo er in der technischen Steuerung der Algenaufbereitungsanlage zu arbeiten begonnen hat.
Zur selben Zeit hat Jenny Beck, Leiterin der PR-Abteilung der Timeline, Herzrasen, weil sie Tilo Heuer, den CEO der Tucana, anrufen muss. Tatsächlich nimmt er den Anruf an.
»Tilo Heuer?«, sagt Jenny Beck ins Telefon und versucht dabei, so selbstsicher wie möglich zu wirken. »Hier spricht Jenny Beck von der Timeline. Ich habe die Lösung für Ihr Problem. Wenn Sie unseren Chefredakteur Benedikt Hoyos davon überzeugen, dass wir alle Artikel auch in Leichter Sprache bringen, dann sagen wir, die überschüssigen Lizenzen der Software sind dafür gekauft worden.«
»Das ist genial. Das mach ich gleich«, sagt Tilo Heuer. »Sie haben etwas gut bei mir. Wie war noch mal Ihr Name?«
»Jenny Beck.«
Laurin Nussbaumer steuert seine Drohne so weit in die Höhe, wie es erlaubt ist, lässt sie dort in der Luft stehen und richtet die Frontkamera gerade nach unten. Er sieht die Stadt, ihren rechteckigen Umriss mit verschiedenförmig abgeschrägten Ecken, die vier Haupttore und die kleine lange Straße, die nach Westen zu jenen beiden Gebäuden NEUDAs führt, die außerhalb der Stadtmauer liegen: das Kraftwerk Röthelstein, das sich wie die Smart City am Nordufer der Donau befindet und von dem aus man die Ruine Röthelstein am Südufer sehen kann. Und die Algenaufbereitungsanlage, in der er beschäftigt ist, gleich daneben. Dort werden Wasserpflanzen, die ferngesteuerte Mäher aus dem Flussbett schneiden, gesammelt und zu Papier und vor allem zu Nahrungsmitteln verarbeitet.
Zur selben Zeit hat Micha Finck den letzten Karton aus dem früheren Büro geholt und in das neue Redaktionsgebäude der Timeline gebracht. Gerade hat er seine Mutter am Apparat, die in einem Altenheim in Salzburg lebt und die er täglich anruft. »Du musst mich einmal besuchen kommen und das alles hier sehen«, sagt Micha Finck ins Telefon und weiß, dass es dazu nie kommen wird. »Hier ist wirklich alles ganz anders.«
Zehn Minuten später, um 15:42, steht Antonetta Kary mit den Engländern vor einem Gebäude mit kreisrunder Grundfläche, dem neuen Sitz der Timeline-Redaktion. Der gläserne Turm hat eine Neigung von 3,5 Grad, einen halben Grad weniger als der Schiefe Turm von Pisa. Im Gegensatz zu diesem ist die Neigung des Timeline-Turms absichtlich, daher sagt die Stadtführerin einen Satz, den sie bei jeder Stadtführung sagt: »In contrast to the Tower of Pisa with its unintentional tilt, the tilt of this tower is intentional.«
Nur heute fügt sie noch hinzu: »The building has just been finished and will be inaugurated today at 6 p.m. If you have time, feel free to join the opening.«
Zur selben Zeit macht sich Maria Lisini, eine Redakteurin der Timeline, auf den Weg zum Hauptplatz, wo sie sich mit einigen Kolleginnen und Kollegen vor der Eröffnung des neuen Redaktionsgebäudes treffen wird. Das Café Central am Hauptplatz ist mittlerweile zum Treffpunkt einer kleinen Gruppe geworden, die gerne unter sich bleibt.
Laurin Nussbaumer lenkt die Drohne über das Zentrum der Stadt und von dort ein Stück Richtung Südosten, bis sie über der Freudgasse steht. Er lässt sie sinken und erkennt das Dreifamilienhaus, in dem er wohnt. Ein kleiner Junge schlendert gelangweilt in Richtung Innenring und stellt sich dicht neben eine Messsäule, die alle fünfzehn Sekunden den Lärmpegel misst, der in NEUDA eine Stärke von 54 Dezibel nicht übersteigen darf. Dann beginnt er zu schreien. Doch er schafft es nicht, die Anzeige über 90 Dezibel zu bringen. 88 Dezibel bleibt an diesem Tag sein Rekord.
Zur selben Zeit betritt die Psychotherapeutin Marie-Luise Hornung das Gebäude in der Draustraße, wo sich die Gemeinschaftspraxis befindet, in der sie ihre Klientinnen empfängt. Sie sperrt ihren Teil des Aktenschranks auf und legt ihre Unterlagen hinein. Es handelt sich um Mitschriften ihrer Therapiestunden mit Morag Oliphant, die in Wien ihre Klientin war und in dieser Woche ebenfalls nach NEUDA kommen soll. Ab nächster Woche soll die Therapie hier in NEUDA fortgesetzt werden.
Zur selben Zeit bricht die Security eine Wohnungstür auf G9 auf und Sanitäter stürmen hinein, um eine Frau, die kollabiert ist, medizinisch zu versorgen. Doch es stellt sich heraus, dass die Alarmautomatik des Raumcomputers in ihrer Wohnung zwar richtigerweise den Notruf ausgelöst hat, weil die Frau regungslos auf dem Fußboden lag, dass sie aber nur unter einem Schrank nach einer Kontaktlinse gesucht hat. Es ist bereits der dritte derartige Einsatz an diesem Tag.
Um 15:50 zeigt die Stadtführerin Kary den Gästen das Krankenhaus der Stadt. Sie erklärt, dass der öffentliche Verkehr in NEUDA nur aus Elektrobussen und kleinen ebenfalls elektrisch betriebenen Caddys besteht. Die Fahrt mit dem Bus ist kostenlos. Die Caddys können mitsamt Fahrer kostenlos gemietet werden. Man braucht damit maximal sieben Minuten, um die größte Entfernung zwischen zwei Punkten in NEUDA zurückzulegen. Die Gummireifen der Caddys sind so beschaffen, dass es selbst bei starker Beladung und Höchstgeschwindigkeit zu einer maximalen Lärmbelastung von 54 Dezibel auf drei Meter Entfernung kommt. Seit die erste Einwohnerin am 1. April 20** nach NEUDA gekommen ist, sagt Antonetta Kary, habe es keinen einzigen Verkehrsunfall, keine Verkehrsverletzten und natürlich auch keinen einzigen Verkehrstoten gegeben.
Zur selben Zeit hat Benedikt Hoyos, Chefredakteur der Timeline einen Anruf von Tilo Heuer bekommen, dass er zukünftig in der Web- und in der Printausgabe der Zeitung Texte in Leichter Sprache anbieten soll. Nachdem er aufgelegt hat, quittiert er diese Nachricht mit einem Seufzen, sperrt die Lade seines Schreibtischs auf und nimmt einen Schluck aus einer kleinen Edelstahlflasche.
In Q27 wird eine Frau von ihrem Raumcomputer geweckt, um ihren Nachtdienst im Kraftwerk anzutreten. Am Radetzkyplatz sucht ein Securitymann der Tucana eine NEUDA-Smartwatch, die laut seiner Anzeige dort irgendwo im Gras, das in der Mitte des Kreisverkehrs gepflanzt wurde, liegen muss. Und im Chefbüro der Tucana schreibt Tilo Heuer gerade den Namen Jenny Beck auf seinen Notizblock.
Die Securitymänner der Tucana, die gerade in Bereitschaft sind, schauen in der Zentrale auf ihre Desktops, wo sie Videos aus über neuntausend Kameras, die in ganz NEUDA laufen, aussuchen können. Stößt dabei einer der Kollegen zufällig auf eine Wohnung, in der gerade eine Frau nackt in die Dusche steigt oder gar ein Paar sich beim Geschlechtsverkehr befindet, so macht er die anderen auf seinen Fund aufmerksam. Sarah Krämer und Cosmo Fröschel bleiben an diesem Nachmittag aber unbemerkt.
Auf A11 beendet eine Putzfrau das Reinigen einer Wohnung und zieht mit einem vollen Müllsack davon. Ein kleiner, rundlicher Italiener ordnet die Tische und Stühle vor seinem kleinen Lokal, das Caffè Trastevere heißt, und denkt gar nicht an NEUDA, sondern an das Städtchen, in dem er aufgewachsen ist. Der Caddyfahrer Nikola Zubić fährt gerade vom Außenring in die Romy-Schneider-Straße. Er fährt ganz langsam, um den Abnehmer eines Päckchens, das neben ihm im Caddy liegt, zu erspähen.
Um 16:00 begleitet Antonetta Kary die Touristengruppe zum Haupttor, wo die Führung endet. Zur gleichen Zeit ist im Kernfusionskraftwerk von NEUDA Schichtwechsel. Um 16:01 schiebt ein Mitarbeiter der Tucana-Security sein Tagebuch unbemerkt von den Kollegen in seine Schreibtischlade. Um 16:03 verlässt Maria Lisini ihre Wohnung auf D7 und ärgert sich, als sie auf dem Weg zum Lift entdeckt, dass lauter Umzugskartons im Korridor abgestellt sind. Auf einem steht in schwarzen Lettern WINTERSACHENNELLY. Sie tritt gegen den Karton und geht weiter zum Lift.
Um 16:05 setzt sich Micha Finck im Café Central an den Tisch, den er reserviert hat. Noch ist niemand von den anderen da.
In größter Eile braust Sarah Krämer sich ab und schlüpft in ein frisches Kleid: »Ich bin zu spät«, sagt sie. Ihr Mann liegt mit seligem Blick im Bett: »Wir haben hier wirklich alles, was wir brauchen.« Ohne sich zu ihm umzudrehen, sagt Sarah Krämer: »Jetzt brauchen wir nur mehr ein Kind. Und eine Demokratie.«
Noch einmal lässt Laurin Nussbaumer die Drohne hochsteigen und sieht nun zur Gänze die Planstadt NEUDA, die zwischen der Donau im Süden, dem Kernfusionskraftwerk und der Algenaufbereitungsanlage im Westen, dem Rußbach im Norden und im Osten der March, die hinter der Grenze in der Slowakei Morava heißt, liegt. Alle Videos, die er während des siebenundreißigminütigen Drohnenflugs gemacht hat, darf er danach auf einem USB-Stick mitnehmen oder mit einem Code downloaden. Er wird diese Videos auf seinem Laptop abspeichern und nie wieder ansehen.
Es ist schon Abend, als das Auto vor der Zufahrt zum Haupttor von NEUDA von zwei uniformierten Männern angehalten wird. Während der Fahrt hat Morag Oliphant nicht ein einziges Mal aus dem Fenster geschaut. Erst als die Wachen den Fahrer auffordern, Motorhaube und Kofferraum zu öffnen, und mit Spiegeln an langen Teleskopstangen die Unterseite des Wagens untersuchen, blickt sie das erste Mal auf. Nicht die Mauern mit den einzementierten Glassplittern stören sie und auch nicht die ständig blinkenden Signalleuchten des riesigen Sicherheitstors. Es stört sie, dass die Zufahrt zum Haupttor nicht asphaltiert ist. Sie steigt aus und steht im Staub. Die Haupteinfahrt scheint eine Baustelle zu sein.
Morag Oliphant blickt um sich. Die beiden mit Maschinenpistolen bewaffneten Männer, deren lange Schatten von der gleißenden Abendsonne auf die Oberfläche dieser Staubwüste geworfen werden, wirken wie zwei Astronauten, deren Raumschiff ohne sie wieder abgeflogen ist. Morag sieht die schmutzigen Schuhe der Wachmänner.
Mehr als drei Monate hat es gedauert, bis sie sich nach ihrer Einlieferung ins Krankenhaus das erste Mal wieder an die Zeit vor dem Überfall erinnern konnte. Sie erzählte niemandem von dieser Erinnerung. Morag fand, dass ihnen nicht zu trauen war, den Psychologinnen und Ärztinnen, die sie seit dem Aufwachen aus dem Koma betreuten. Und auch die früheren Arbeitskolleginnen, die ihr Bonbonniere um Bonbonniere und Blumenstrauß um Blumenstrauß ins Krankenhaus schickten, waren ihr verdächtig geworden. Sie schienen ihr durch die vielen Blumen sagen zu wollen, dass sie krank oder nicht normal war, dass sie in jedem Fall nicht mehr zu ihnen gehörte.
Die erste Erinnerung an die Zeit vor dem Überfall war die an einen Abend, an dem ihr Mann Rochus neben ihr im Wohnzimmer vor dem Fernsehapparat saß. Der Film, der gerade lief, handelte von einer Grönlandexpedition, die auf der Suche nach den verschwundenen Forschern einer früheren Grönlandexpedition war. Doch alles, was die Forscher im Eis fanden, war ein kleines Auto, das der verschwundene Expeditionsleiter extra für seine Mission hatte anfertigen lassen. Ihre Tochter Nelly fuhr gerade mit dem Roller durch die Wohnung und kam in regelmäßigen Abständen am Sofa vorbei. Nelly rief dabei immer denselben Satz. Rochus verärgerte das, aber Morag lachte. Rochus wies Nelly zurecht, sie solle aufhören und sie in Ruhe den Film anschauen lassen. Morag lachte immer noch und machte sich über Rochus lustig. Was hatte Nelly gesagt? Wie hieß der Expeditionsleiter? Wie hieß das kleine Auto? Vergessen.
Alles, was Morag Oliphant über die Wachmänner, die sie nun in den kleinen Container neben dem Sicherheitstor führen, sagen kann, ist, dass sie schmutzige Schuhe haben. Und dass ihre Beine sehr kurz sind. Sie erscheinen ihr wie bösartige Gnome mit überdimensionalen Füßen. Morag Oliphants Blick bleibt auf dem Boden, damit sie den Wachen nicht ins Gesicht sehen muss.
Einmal blickt sie doch auf, als ihr Pass kontrolliert wird. »Morag Oliphant«, liest einer der Wachmänner ihren Namen und betont die letzte Silbe des Nachnamens, als würde er »Elefant« sagen. So ist es auch früher gewesen, wenn jemand meistens schmunzelnd ihren schottischen Nachnamen las. Daran war sie gewöhnt. Aber ein Jahr nach dem Tod von Nelly und Rochus hatte sie beschlossen, dass es keine Morag Barabas mehr geben sollte, und ihren Mädchennamen wieder angenommen.
Morag Oliphant wird aufgefordert, die Beine zu grätschen und beide Arme zur Seite zu strecken. Es gibt keine weibliche Wache, die den Sicherheitscheck durchführen kann. Seltsam in einer Stadt mit fast drei Viertel Frauenanteil. Das militärische Gehabe der Wachleute missfällt ihr. Sie sind weder Soldaten noch Polizisten, sondern Angestellte der Tucana-Security, einer privaten Sicherheitsfirma. Die Wachmänner fordern Morag Oliphant auf, die NEUDA-App auf ihrem Smartphone zu installieren. Hat sie längst gemacht. Die zwei Wächter, die sie vom Auto abgeholt haben, stehen links und rechts von ihr. Ein dritter tippt in den Computer.
Lange schweigen alle. Morag Oliphant ist froh, nicht sprechen zu müssen. Der Mann am Computer erklärt, die Kommunikation mit der App sei nun aktiviert. Er scheint zu allen im Raum zu sprechen. Dann sagt er zu Morag Oliphant, sie darf ihr Mobiltelefon niemals ausschalten, es muss immer ausreichend geladen sein, und sie darf die App niemals deinstallieren. Weiß sie längst. Nun wird der Mann doch gesprächig. Er übergibt ihr ein Kuvert und redet dabei in einem fort. Sie versucht zu lächeln. Wahrscheinlich erzählt er gerade einen Witz. Nein, es ist eher ein Bericht über eine Ungeheuerlichkeit. Erst spät bemerkt Morag Oliphant, dass die Geschichte seinen Kollegen gilt und nicht ihr und dass die Männer bereits darauf warten, dass sie geht. »Die ganze Zeit hat alles auf diesem Zettel gestanden«, beendet der Mann seine Erzählung. »Aber niemand hat ihn gelesen.«
Die anderen Männer nicken zustimmend. Morag Oliphant hat das Gefühl, dass auch ihre Zustimmung erwartet wird. Sie nickt und geht mit einem gemurmelten Gruß davon. Als sie durch die Personenschleuse des Haupttors tritt, springt auf der riesigen Anzeigetafel auf der Grünfläche zwischen Außenring und Marchgasse eine Zahl um:
NEUDA freut sich über 17954 Einwohnerinnen und Einwohner sowie 257 Gäste
Das Taxi darf nicht durch das Haupttor, und so wird Morag Oliphants Gepäck auf einem kleinen Elektrofahrzeug weitertransportiert. Der Caddyfahrer lädt die Trolleys nur sehr widerwillig auf.
»D7«, ruft der Wachmann dem Caddyfahrer zu.
Nachdem sie ihr Ziel erreicht und das Gepäck gemeinsam abgeladen haben, verabschiedet Morag Oliphant sich nicht vom Caddyfahrer und gibt ihm auch kein Trinkgeld, da er nur einen der Trolleys vom Caddy gehoben hat, und das so widerwillig und langsam, dass sie in der Zwischenzeit die beiden anderen herunterheben konnte. Außerdem gibt es in NEUDA kein Trinkgeld, wiederholt Morag Oliphant für sich einen der vielen Merksätze, mit denen sie in ihre neue Heimat gekommen ist. Die Trolleys stehen auf dem Pflaster vor ihr. Sie zieht die Griffe heraus. Schnell hüpft der Fahrer wieder auf seinen Caddy und fährt davon.
Als Morag vor dem Haus steht, ist es so leise, dass sie zuerst vermutet, dass in ihrem Block noch niemand wohnt. Sie setzt sich auf den größten Trolley und bleibt still sitzen. Zwei, drei Minuten geschieht nichts. Dann geht die Straßenbeleuchtung aus. Sie versucht sich zu erinnern, was sie alles über NEUDA gelesen hat: Hier gibt es keine Verkehrsunfälle, keine Gewalt auf den Straßen, keine schädlichen Abgase, keinen Verkehrs- oder Baulärm (max. 54 dB), keine Armut und keine Obdachlosigkeit. Mobilität wird im Zeitalter der Vernetzung auf ein Minimum reduziert, der öffentliche Verkehr ist kostenlos, alle öffentlichen Flächen sind selbstreinigend, und die Straßenbeleuchtung geht nur bei Bedarf an. Morag Oliphant bewegt ihren Oberkörper. Die Straßenbeleuchtung geht wieder an.
»Ja, so ist es hier«, sagt Morag Oliphant zu sich selbst. »Wir sind hier sicher. Wir achten auf unsere Umwelt. Wir arbeiten nicht zu Hause. Wir jammern nicht. Wir gendern nicht. Wir sprechen über alle Menschen immer mit ihrem Vor- und Nachnamen und nennen nicht die Männer beim Nachnamen und die Frauen beim Vornamen – das ist diskriminierend. Wir bevorzugen niemanden und wir benachteiligen niemanden.«
Morag Oliphant schiebt einen Trolley mit der linken Hand und die anderen beiden mit der rechten Hand bis zur Eingangstür. Früher dachte sie: Wie gut, dass Trolleys Räder haben. Wie viele Jahrtausende hat der Homo sapiens gebraucht, um seine Koffer mit Rädern auszustatten? Aber jetzt ist das Geräusch, das die Räder auf dem Asphalt machen, so laut, dass sie sich dafür geniert. Sie übertönt damit die gesamten Straßengeräusche von NEUDA.
Plötzlich wird sie panisch. Sie weiß nicht mehr, wohin sie das Kuvert mit dem Wohnungsschlüssel gesteckt hat. Sie legt die linke Hand auf ihre Brust. Ihr Herz schlägt noch, aber viel zu schnell. Wenn sie den Schlüssel verloren hat, dann ist sie verloren. Dann gibt es kein Zurück in die alte Wohnung und kein Vorwärts in die neue. Sie wird hier vor dem Gebäude stehen bleiben und irgendwann von irgendwelchen Wachleuten weggebracht werden, die dafür sorgen müssen, dass es keine Obdachlosigkeit in NEUDA gibt.
Dann fällt ihr ein, dass die NEUDA-App über einen Notruf verfügt. Was bleibt ihr übrig, als davon Gebrauch zu machen? Morag Oliphant wartet, bis der Schwindelanfall vorbei ist, und geht dann auf die Tür zu, um zu lesen, ob ihr Name schon an der Gegensprechanlage steht. Als sie aber in die Nähe der Tür kommt, öffnet diese sich automatisch. Natürlich! Klar! Die Gesichtserkennung ist schon aktiviert. Sie atmet tief ein und aus. Sie hat es geschafft. Ihre Tochter und ihr Mann mussten sterben, aber sie hat es gerade noch geschafft. Schnell betritt sie den Wohnblock und fährt mit dem Lift in das sechste Stockwerk.
Auf ihrem Stockwerk angekommen sieht Morag Oliphant, dass die Spedition die Umzugskartons, die am kommenden Tag eintreffen sollten, bereits geliefert hat. Sie stehen auf dem Korridor vor der Wohnungstür. Es sind 57 Kartons. 31 Kartons mit Sachen von Nelly und 26 Kartons mit Sachen von Rochus. Sie kann diese Dinge einfach nicht wegwerfen. Alles, was ihr selbst gehört, ist in den drei Trolleys.
Die Wohnung sieht genauso aus wie in den Werbevideos – nur viel kleiner. Morag Oliphant weiß, wie sie die Temperatur der Klimaanlage verändern kann, nämlich mit einem deutlich ausgesprochenem Voice-Command.
Sie zieht einen Karton nach dem anderen in die Wohnung und stapelt sie im Wohnzimmer. Sie beginnt zu schwitzen und regelt die Klimaanlage weiter nach unten. Der Raumcomputer warnt sie, dass die zu erreichende Raumtemperatur für einen Menschen in sitzendem oder ruhendem Zustand zu niedrig ist. Sie bestätigt die gewünschte zu niedrige Temperatur.
Jedes Mal, wenn sie die Wohnungstür öffnen muss, vergewissert sie sich, dass niemand auf dem Korridor ist. Dann holt sie den nächsten Karton, bringt ihn in die Wohnung und schließt die Tür hinter sich.
Nachdem Morag Oliphant alle Kartons in die Wohnung gebracht hat, will sie sich ins Bett legen. Aber das Bett ist viel zu groß. Das Schlafzimmer ist zu groß. Zu groß, als dass sie sich dort vor einem Angreifer in Sicherheit fühlen würde. Sie nimmt die Matratze vom Bett und schleppt sie in den begehbaren Schrank. Der ist gerade breit genug dafür. Dann holt sie die Decke und ein Kopfkissen und verstellt den Zugang zum begehbaren Schrank mit Umzugskartons.
Vor dem Schlafengehen betrachtet Morag Oliphant die zwei Zettel, die sie immer bei sich trägt. Auf dem ersten steht eine Liste von Besorgungen für den folgenden Tag, die ihr Mann am Abend seines Todes geschrieben hat. Es waren seine letzten Zeilen. Morag Oliphant liebt seine schöne Schrift.
Auf dem zweiten Zettel ist eine Zeichnung, die ihre Tochter Nelly Barabas am Abend vor dem Überfall auf Morag Oliphants Schreibtisch mit Leuchtstiften gemacht hat. Neben die neongelbe Rakete hat sie die Worte NELLYROCHUSMORAG geschrieben. Morag Oliphant wurde auf den Zeichnungen ihrer Tochter Nelly immer als Dritte genannt. Und sie war auch immer die Dritte. Deshalb hat sie überlebt.
Der Gastgarten des Café Central auf dem Hauptplatz in der Mitte des NEUDA-Boulevards zwischen M11 und O14 ist voller Menschen. An einem der Tische sitzen Maria Lisini, Sarah Krämer, Jenny Beck und Micha Finck. Ein Mann, drei Frauen. Es ist ein Anblick, wie man ihn in NEUDA zur Zeit des Zuzugs gewohnt ist.
Es ist 17:02 und es hat noch 29 Grad Celsius. So ist es auf der Anzeigetafel im Stadtzentrum zu lesen. Neben dem Datum und der Temperatur steht:
NEUDA freut sich über 17953 Einwohnerinnen und Einwohner sowie 271 Gäste
Die vier Mitarbeiterinnen der Timeline diskutieren über eine Verlautbarung, die Chefredakteur Benedikt Hoyos per Rundschreiben gemacht hat.
»Jetzt kommen die Artikel auch in Leichter Sprache«, sagt Micha Finck. »Ich dachte, das brauchen nur die geistig Behinderten in den Wohnprojekten. Wer hat das wieder entschieden?«
Jedes zehnte Wohnhaus in NEUDA hat im Erdgeschoss ein Tageszentrum, das sich der Altenpflege oder Betreuung behinderter Menschen widmet. Damit sie Lektüre und Informationen haben, wurde eine Konversionssoftware von normaler Sprache auf Leichte Sprache angeschafft. Tilo Heuer, der CEO von Tucana, hat aber aufgrund eines Rechenfehlers zu viele Lizenzen gekauft. Diese werden ab sofort in der Redaktion der Timeline verwendet, um Artikel auch in Leichter Sprache veröffentlichen zu können.
»Wer das entschieden hat?«, sagt Sarah Krämer und lacht. »Ich wette dieser Tilo Heuer – und Bene muss es umsetzen.«
»Damit die Behinderten die Timeline lesen können!«, sagt Micha Finck.
»Nein, bitte kein Jammern über die Arbeit!«, sagt Jenny Beck streng.
»Und jetzt einmal ehrlich, Micha! Was stört dich daran?«, fragt Maria Lisini. »Die geistig Behinderten haben ihre geschützte Werkstätte, und die Journalisten haben in der Timeline ihre geschützte Werkstätte.«
Jenny Beck blickt ernst drein: »Das ist nicht lustig, Maria. Und du, Micha, hör auf zu jammern! Die Umwandlung erledigt eine Software. Das heißt, du hast gar keine Arbeit damit.«
Es wird eine zweite Runde Whiskey Sour bestellt. Auf der Anzeige steht inzwischen:
NEUDA freut sich über 17954 Einwohnerinnen und Einwohner sowie 257 Gäste
Maria Lisini, Sarah Krämer, Jenny Beck und Micha Finck müssen sich beweisen, dass sie ganz oben angekommen sind. Teure Getränke sind ein Zeichen dafür. Nur Jenny Beck träumt von noch weiter oben. Und hin und wieder geht dem einen oder anderen Menschen in diesen Tagen der Dauerjubel und die atemlose Abfolge von Feiern, Empfängen, Pressekonferenzen und Selbstbeweihräucherungsevents mit teurem Champagner auf die Nerven, und sie oder er flüstert dem Gegenüber ins Ohr: »Können wir heute nicht einmal ganz normal auf ein Bier gehen?«
Es wird eine letzte Runde bestellt und sofort bezahlt, damit man schnell gehen kann.
»Also, auf die Leichte Sprache«, sagt Micha Finck und hebt sein Glas.
»Ach, finky Finck«, sagt Maria Lisini. »Du hast einmal geträumt von einer Karriere bei der Frankfurter Allgemeinen. Und jetzt bist du beim Bezirksblatt gelandet. Take it easy!«
»Du wirst sehen: Ich werde der Meister der Leichten Sprache. Wenn ich über Mozart schreibe, muss ich immer hinzufügen: Mozart war ein österreichischer Komponist«, sagt Micha Finck. »Und dann noch: Ein Komponist ist ein Mensch, der Musikstücke macht.«
»Falsch! Das ist ein Relativsatz!«, sagt Sarah Krämer. »Du darfst nur Hauptsätze verwenden.«
»Ihr habt es noch immer nicht verstanden«, sagt Jenny Beck. »Es ist für die Menschen in den Betreuungsstätten.«
»Er ist nicht nur ausländerfeindlich, unser Finck«, sagt Maria Lisini. »Er ist auch misogyn und behindertenfeindlich. Und doch wette ich tausend Whiskey Sour, dass er Chefredakteur wird, wenn Bene geht.«
Sarah Krämer schaut gebannt zum Nachbartisch, wo sich zwei Damen in engen Stretch-Jeans sehr laut unterhalten. Eine davon trägt ein kurzes Oberteil und gibt den Blick auf eine Tätowierung auf dem unteren Rücken frei. Sarah Krämer zeigt lachend mit dem Zeigefinger darauf. Maria Lisini sagt in ihrem gewohnt trockenen Ton: »Das Arschgeweih ist Kindergärtnerin.«
»Woher weißt du das?«, fragt Jenny Beck.
»Ich bringe mit einer Bekannten oft ihr Kind zum Kindergarten, da sehe ich das Arschgeweih oft in der Früh«, sagt Maria Lisini.
Wie so viele Sätze von ihr wird auch dieser Spruch unter den Kolleginnen legendär: »Das Arschgeweih ist Kindergärtnerin.« Nur Jenny Beck hat nicht verstanden, was daran lustig ist. Micha Finck fragt sich, warum er es bis jetzt nicht geschafft hat, sie zu einem Abendessen einzuladen.
Kurz vor 18:00 machen sich die vier bereits ein wenig angeheitert auf den Weg. Sarah Krämer geht mit Maria Lisini voran. Micha Finck läuft dicht hinter ihnen her und wartet nur darauf, dass Maria Lisini zurückfällt und sich bei ihm einhängt. Jenny Beck geht weit hinter ihnen, aber nicht so weit, dass Micha Finck nicht bemerkt, wie plötzlich ein Caddy neben ihr hält. Man hört die Dinger kaum, so leise sind sie.
»Brauchen Sie ein Taxi, die Lady?«, ruft der Fahrer Jenny Beck zu.
»Sind nur zweihundert Meter«, antwortet sie und geht weiter.
Der Fahrer fährt neben ihr her und grinst. Er dreht das Lenkrad nur mit einer Hand, indem er den Handballen mit ausgestrecktem Arm dagegen presst.
Jenny Becks Eltern stammen aus Bosnien, sie selbst wurde in Bruck an der Mur geboren. Ihr richtiger Name ist Jagoda Begović. Kaum jemand weiß das. In ihrer Kindheit ist sie oft zwischen Wien und Sarajevo hin- und hergeflogen. Die Österreicher an Bord haben sich oft so peinlich benommen, dass sie als Jugendliche weder Bosnierin noch Österreicherin sein wollte. Sie hasst beide. Ihr Vater versteht das. Ihre Mutter nicht.
Jenny Beck redet oft von ihrem Vater. Als sie dreiundzwanzig war und ihr Masterstudium abschloss, weihte sie ihn in ihren Plan ein, nach NEUDA zu gehen, wo ihr ein Posten als Marketingleiterin angeboten wurde. Also wollte Jenny Beck nach NEUDA ziehen, dort aber einen neuen Namen annehmen; einen Namen, der ihre Herkunft unkenntlich macht. Als sie nach zwei schlaflosen Nächten auf einen neuen Namen gekommen war, ließ sie zur Probe Visitenkarten drucken und zeigte sie dem Vater. In geschwungenen Lettern stand da: Jenny Beck, MA. Der Vater, der beim Anblick der Visitenkarte gleichzeitig jubelte und weinte, rief aus: »Jawohl! Das ist ein internationaler Name!«
Jenny Beck hat für ihre Eltern ein Zuzugsersuchen nach NEUDA gestellt. Das Ersuchen ist bisher nicht bewilligt worden. Ja, sie will ihre Eltern hier bei sich haben. Sie ist ein Familienmensch, aber sie lässt sich das in keinem Moment anmerken. Der Macho-Caddyfahrer sieht das alles auf den ersten Blick. »Bist du auch Jugo?«, fragt er.
Er zieht Jenny an der Hand in den Caddy und schon fährt er los, an ihren Kolleginnen vorbei, die so tun, als hätten sie nichts gesehen. So erreicht sie das Redaktionsgebäude auf T29 zwei oder drei Minuten schneller als die anderen.
Das neue Timeline-Gebäude ist hell erleuchtet. Micha Finck sagt: »Es ist wirklich schief.«
»Zum Glück nicht so schief wie das Original!«, sagt Maria Lisini. »Es ist der Neid von Pisa.«
Wieder ein Bonmot, das bleibt. Ab sofort heißt die Redaktion bei den vier Kolleginnen Der Neid von Pisa. Im Inneren weist das Bauwerk zu diesem Zeitpunkt noch gravierende Mängel auf. Es hat keine Klimatisierung, durch die Glasfassade brennt die Sonne. Im Sommer werden sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach dem früheren Büro im Tucana-Tower zurücksehnen.
Bis zu diesem Tag besteht das Team der Timeline aus neun Redakteurinnen und Redakteuren und acht Mitarbeiterinnen. Nun kommen vier weitere dazu. Chefredakteur Benedikt Hoyos hat für ein Buffet mit Austern, Snacks, gekühlten Getränken und vor allem Champagner gesorgt. Maria Lisini, Sarah Krämer und Micha Finck kommen sieben Minuten und acht Sekunden zu spät, was Benedikt Hoyos missmutig bemerkt, aber er schweigt, denn er ist ein Mann mit Manieren, angeblich aus adeligem Haus. Viele bezweifeln, dass er wirklich Macht hat, denn täglich kommt der CEO Tilo Heuer beim Chefredakteur vorbei und verschwindet mit ihm in eine geheime Besprechung.
Beim Eröffnungsempfang fehlt Tilo Heuer. Benedikt Hoyos hält eine lange Rede. Er ist ein guter Redner und beendet seine Sätze, ohne zu stocken. Er erklärt in feierlichen Worten, dass man nun ein eigenes Büro hat und endlich auch Aufnahmestudios, einen Senderaum für einen eigenen Radio- und TV-Kanal. Und er kündigt an, dass man noch in diesem Jahr beginnen wird, in der Web- und in der Printausgabe Artikel in Leichter Sprache zu veröffentlichen.
Die neuen Redakteurinnen Asra Al-Hamsi und Britta Krenn und der neue Redakteur John Indermauer stellen sich selbst vor. Dann erklärt Benedikt Hoyos, dass eine neue Redakteurin heute nicht kommen kann – Morag Oliphant. Er lobt sie als im ganzen Land bekannte Kolumnistin und spricht nicht aus, was viele denken: dass man sie vor allem als die frühere Frau des gewaltsam ums Leben gekommenen Enthüllungsjournalisten Rochus Barabas kennt. Morag Oliphant will, sagt Benedikt Hoyos, nach dem tragischen Tod ihres Mannes und ihrer Tochter hier in der Smart City ein neues Leben beginnen. Und er ersucht die Kollegenschaft, im Umgang mit ihr auf das Rücksicht zu nehmen, was sie in den letzten Jahren durchgemacht hat.
»Na ja!«, ätzt Maria Lisini. »Die Ehrfurcht ist ein wenig übertrieben.«
»Warum?«, fragt Micha Finck.
»Also, ihr Mann, der war ein großer Journalist. Keine Frage! Aber sie ist doch nichts anderes als eine Klatschtante, oder?«
Rochus Barabas deckte zahlreiche Korruptionsskandale auf, schrieb eine legendäre Kolumne, und sein Blog war lange eine der meistgelesenen Webseiten des Landes. Oft war er in den Nachrichten zu sehen. Er schrieb auch Bücher – viele davon Bestseller. Politiker hassten ihn, an den Stammtischen und in der Boulevardpresse galt er als Staatsfeind. Er kam damit nicht gut zurecht und soll in einem fort geraucht und getrunken haben. Dann aber veränderte sich sein Leben: Er lernte eine junge schottische Journalistin kennen, Morag Oliphant. Er verliebte sich in sie, sie heirateten, und er gab seinen Beruf auf. Bald bekamen die beiden eine Tochter, die sie Nelly nannten. Und schon nach ein, zwei Jahren vermisste man nicht nur seine Artikel, sondern redete von ihm wie von einer großen historischen Figur. War er früher verschrien gewesen, so galt er plötzlich als eine Institution, ein kompromissloser Wahrheitsliebender, wie es keinen zweiten geben würde. Aber er dachte nicht an ein Comeback. Er gab das Rauchen und Trinken auf und war mit seinem neuen Leben glücklich. Seine Frau Morag Barabas, die unter der Sigle moraba für eine Boulevardzeitung schrieb, nahm man als Journalistin nicht ernst und warf ihr Anbiederung vor.
Dann – etwas weniger als zwei Jahre bevor Morag Oliphant nach NEUDA kam – geschah die Katastrophe. Morag Barabas war zu einem Empfang eingeladen. Ihre Tochter Nelly hätte eigentlich bei ihren Großeltern übernachten sollen, aber da sie über Bauchschmerzen klagte, holte Rochus Barabas sie von dort wieder ab. Nelly schlief im Alter von dreizehn Jahren immer noch bei den Eltern im Bett. Morag Barabas hatte Angst, dass ihre Tochter unter einer Verhaltensstörung litt, und zwang sie immer wieder, ins eigene Bett zurückzugehen. Doch wenn die Tochter krank war, ließen die Eltern sie im Ehebett schlafen. So muss es auch an diesem Abend gewesen sein. Rochus Barabas schrieb seiner Frau, dass die Kleine sich nicht wohl fühle, dass sie nun aber zu Hause sei und sie beide früh zu Bett gehen wollten.
Morag Barabas blieb sehr lange auf diesem Empfang und kam erst kurz vor halb drei Uhr morgens nach Hause. Die Gewissensbisse, die sie deswegen hat, wird sie bis an ihr Lebensende nicht mehr loswerden. Zu Hause angekommen fand sie ihren Mann und ihre Tochter tot vor. Sie lagen beide in Blutlachen auf dem Fußboden des Schlafzimmers, offensichtlich durch mehrere Schläge auf den Kopf getötet. Sie dachte, die Mörder wären bereits weg, und zückte ihr Mobiltelefon, um die Polizei zu rufen. Da wurde auch sie zusammengeschlagen. Zwei Schläge trafen ihren Rücken, einer ihren Kopf.
Morag Barabas wurde am Morgen von der Haushälterin gefunden und ins Krankenhaus gebracht. Nach drei Tagen erwachte sie aus dem Koma. Zunächst musste sie das Sprechen wieder erlernen. Was ihr blieb, war ein stockender Redefluss.
Der Empfang in der neuen Timeline-Redaktion ist ein voller Erfolg. Benedikt Hoyos macht eine Runde, um mit jedem Gast einmal geplaudert zu haben. Maria Lisini steht neben dem abwesend wirkenden Micha Finck und stößt ihn in die Seite: »Micha! Hauen wir ab? Nur wir zwei!«
»Das merken die anderen doch«, sagt Micha Finck.
»Ja, und?« Maria Lisini hält kurz inne. Dann lacht sie plötzlich und nickt: »Ach, ich weiß schon. Deine bosnische Sekretärin kriegt es dann mit. Und auf die stehst du. Ich habe doch gesehen, wie du dich umgedreht hast, als sie sich von diesem Fahrer aufreißen ließ.«
»Jenny ist keine Sekretärin«, sagt Micha Finck. »Sie ist unsere Marketingleiterin.«
»Schau, wie du sie verteidigst, diese Tussi«, sagt Maria Lisini. »Wahrscheinlich hat sie auch ein Arschgeweih.«
»Komm, wir trinken noch Champagner«, sagt Micha Finck.
»Wie langweilig!«, sagt Maria Lisini. »Ich will mit dir abhauen, und du willst hier trinken. Ein schöner Kavalier bist du!«
Bald hat Maria Lisini ihn so weit. Die beiden verlassen den Neid von Pisa ohne sich von irgendjemandem zu verabschieden.
Micha Finck: Geht’s? Jetzt? Okay! Also … Ich weiß es nicht … Ich weiß nicht, wo Morag Oliphant jetzt ist.
Das Licht im Raum geht an. »Guten Morgen, Maria Lisini-Werfring. Es ist sieben Uhr. Bitte nehmen Sie sich kurz Zeit und strecken Sie Ihren Körper durch.«
Micha Finck braucht eine Weile, bis er versteht. Die Stimme des Raumcomputers ist nervtötend. Er hat das Ding in seiner Wohnung deaktiviert. Noch unerträglicher als der Raumcomputer ist die Stimme Maria Lisinis neben ihm: »Oh, sorry, ich habe es noch immer nicht geschafft, den Alarm am Wochenende auszuschalten.«
Der Raumcomputer weist darauf hin, dass die Regelung der Raumtemperatur für eine Person konfiguriert ist und nicht für zwei.
»Und? Bist du fit?«, fragt Maria Lisini lachend.
Micha Finck versucht, sich an den Vorabend zu erinnern. Sie waren zuerst im Central gesessen und hatten drei oder vier Whiskey Sour getrunken. Dann sind sie zur Eröffnung ins Pisa-Haus gegangen. Ein paar Gläser Champagner. Und dann ist er mit Maria getürmt.
»Wir haben uns nicht verabschiedet?«, fragt Micha Finck. »Auch nicht von Bene?«
»Drauf geschissen!«
»Und dann sind wir hierher?«
Maria Lisini lacht, setzt sich auf und schaut ihm in die Augen: »Dann sind wir in die Captain’s Bar!«
»Uff, die Captain’s Bar hätte ich nicht mehr gebraucht.«
»Du redest so viel Unsinn«, sagt sie.
»Es tut mir leid«, sagt Micha Finck. »Wenn ich betrunken bin, rede ich tatsächlich viel Unsinn.«
»Nein«, sagt Maria Lisini. Sie setzt sich auf ihre Fersen, den Rücken durchgestreckt, als würde sie gleich zu meditieren beginnen. Das alles wäre nicht schlecht, denkt Micha Finck. Aber nicht in diesem Zustand. Ihm ist übel.
»Nein, jetzt. Jetzt redest du Unsinn. Du wolltest zum Captain gehen, nicht ich. Als du betrunken warst, hast du interessante Sachen gesagt.«
»Bitte sag mir nicht, was!«
»Zum Beispiel, dass Zuwanderer bei uns auf seltsame Weise miteinander verknüpft sind … wie durch einen geheimen Gang verbunden … wie der Vietcong früher, als die Vietnamesen im Krieg jahrelang unter der Erde gelebt haben, hast du gesagt, sie wissen alles voneinander, auch wenn sie einander nicht kennen.«
»Was haben wir denn getrunken beim Captain?«
»Whiskey.«
Maria Lisini lacht. Sie berührt Micha Fincks Bauch mit der Hand und streichelt ihn: »Dafür war es gar nicht schlecht. Ich könnte mir so ein kleines Dacapo vorstellen.«
»Und nach dem Captain sind wir hierhergegangen?«
»Du weißt anscheinend wirklich nichts mehr. Filmriss, oder was?«
»Wir haben doch auf dem Heimweg keinen Roboter geärgert, oder?«
»Komm, entspann dich!«
»Ach, verdammt! Jede Woche schreiben wir in der Timeline, dass man die Roboter in Ruhe lassen soll«, sagt Micha Finck.
Micha Finck: An dem Abend, als das Redaktionsgebäude eröffnet wurde und die neuen Mitarbeiterinnen vorgestellt wurden, war Morag Oliphant nicht da. Ich war enttäuscht und bin bald nach Hause gegangen. Dieser erste Eindruck ist mir immer geblieben. Sie war nicht da. Später hatte ich das Gefühl, dass sie abwesend wirkte, selbst wenn sie anwesend war.
In der Zeit des Zuzugs sind die Features von NEUDA für alle Kuriositäten. Etwa, dass die Straßenbeleuchtung abends nur angeht, wenn man die Straße betritt. Das heißt, nur ein Teilstück dieser Straße wird beleuchtet, und wenn man weitergeht, folgt einem auch das Licht.
»Und haben wir auch Beleuchtung-Ein-Aus gespielt und neben den Lautstärke-Messsäulen um die Wette geschrien?«, fragt Micha Finck.
Maria Lisini antwortet nicht und streichelt ihn weiter. Tatsächlich bringt sie ihn in Stimmung. Danach liegt er schnaufend auf dem Rücken und betrachtet seine Arme. Erst jetzt fällt ihm auf: Er trägt seine Smartwatch nicht.
Micha Finck: Ich will nichts Schlechtes über sie sagen. Dass sie im persönlichen Umgang schwierig ist, hat, glaube ich, mit ihrer Vergangenheit zu tun. Mit den schrecklichen Dingen, die sie erlebt hat. Man sollte ihre Privatsphäre respektieren.
Micha Finck steht aus dem Bett auf und sofort befällt ihn ein Schwindel. Er sucht seine Hose und sein Hemd. Beides liegt auf dem Boden. Als er sich bückt, schießt ihm das Blut in den Kopf. Maria Lisini hat sich an einem kleinen Tisch zu ihrem Laptop gesetzt. Sie starrt auf den Bildschirm und trinkt aus einer Kaffeetasse.
»Übrigens …«, sagt Maria Lisini. »Das waren wirklich ihre Kartons auf dem Korridor. Jetzt sind sie alle in ihrer Wohnung. Sie ist meine Nachbarin.«
»Ich habe keine Ahnung, wovon du redest«, sagt Micha Finck.
»Du solltest wirklich weniger trinken! Weißt du noch, dass du mich gestern mit deinem Ledergürtel auspeitschen wolltest?«
»Was?«
Maria Lisini lacht: »Das war ein Scherz. Aber im Ernst: Ich habe dir doch erzählt, dass der Korridor gestern Nachmittag voller Umzugskartons war. Und als wir gekommen sind, so um halb vier, waren sie alle weg.«
Halb vier! Das ist keine gute Nachricht.
»Ja, und?«
»Da ist gestern jemand eingezogen«, sagt sie. »Ich hatte so eine Vermutung. Das hab ich dir beim Captain erzählt. Und du hast gesagt: Das ist Blödsinn. Aber schau hier!«
Sie dreht den Laptop zur Seite. Micha Finck geht auf den Tisch zu. Zuerst erkennt er nur die Umrisse einer Tabelle. Dann eine Zeile, die Maria Lisini gelb markiert hat:
00 000 017 954 | Oliphant | Morag | Mag. | D7 /2 / 2. Stock / Top 23
»Was ist das?«
»Das ist eine Tabelle mit allen Bewohnern von NEUDA«, sagt Maria Lisini.
Nun ist Micha Finck wirklich übel. An dem kleinen Tischchen gibt es nur einen Stuhl. Und auf diesem Stuhl sitzt Maria Lisini.
»Ist alles gut bei dir?«, fragt sie.
»Warum hast du auf so etwas Zugriff?«
»Ach, ich hatte da kurz so einen Typen«, sagt sie. »Auch so einer wie du. Einer, der besoffen ficken möchte und in der Früh so schnell wie möglich wegläuft.«
»Ich laufe doch gar nicht weg.«
»Er ist bei Tucana in der Security und hat sich bei mir eingeloggt und das Passwort abgespeichert. Und seither kann ich das alles anschauen.«
Sie klickt auf eine Suchmaske und tippt Micha Fincks Namen ein. Wieder wird eine gelb markierte Zeile angezeigt:
00 000 003 444 | Finck | Micha | | N19 / 4. Stock / Top 44
»Was kannst du da noch alles nachschauen?«, fragt Micha Finck.
»Na, alles«, sagt sie. »Zum Beispiel, wo deine Smartwatch jetzt ist.«
Wieder tippt sie etwas ein und zeigt Micha eine Karte von NEUDA. Über dem Wohnblock N19 pulsiert ein roter Kreis. »Hier ist deine Smartwatch.«
»Verdammt, ich habe sie zu Hause vergessen«, sagt Micha Finck.
Alle Einwohner von NEUDA sind vertraglich verpflichtet, eine Tracking-App zu installieren und ihre Smartwatch zu tragen. Nur so können Rettungseinsätze punktgenau durchgeführt und alle Daten erhoben werden, die man für die Planung weiterer Smart Citys benötigt. In den nächsten vier Jahren soll in jedem Bundesland außer Wien eine Smart City gebaut werden: ARCHE (Salzburg), GANOT (Tirol), GREIM (Steiermark), PRIEL (Oberösterreich), MOHAR (Kärnten), SAIDA (Burgenland) und ZIMBA (Vorarlberg).
»Wenn sich die Smartwatch mehr als zwölf Stunden nicht bewegt, musst du dich bei der Security melden. Aber keine Angst: Das erste Mal kriegst du nur eine Verwarnung«, sagt Maria Lisini. Sie sieht sehr nett aus, wie sie nur mit Unterhose und T-Shirt bekleidet dasitzt.
»Ich habe schon eine Verwarnung.«
»Der Typ, den ich da kenne, kann deine Verwarnung aus der Datenbank löschen. Soll ich ihn bitten?«
Micha Finck zuckt mit den Achseln. In diesem Moment hasst er seine Kollegin. Er ist in ihre Falle gegangen. Er sucht seine Schuhe.
»Willst du sie sehen?«, fragt Maria Lisini.
»Wen?«
»Diese Morag.«
»Was?«
Sie blickt ihm scharf in die Augen: »Aber das kostet.«
»Kostet was?«
»In zwei Wochen habe ich Geburtstag. Um 18:00 gebe ich hier eine kleine Party. Nur für dich und mich. Und du kommst.«
»Und dann peitsche ich dich aus, oder wie?«, fragt Micha Finck.
»Mir reicht es, wenn die basic features funktionieren. Und jetzt: Pass auf!«
Maria Lisini öffnet ein weiteres Fenster und startet ein Video. In diesem Video sieht man ein Zimmer, genau wie das, in dem sich Micha Finck und Maria Lisini gerade befinden. Die Wände sind mit Umzugskartons verstellt. Die tiefstehende Sonne sticht durch das große Fenster neben dem Bett. Eine Frau zieht gerade eine Matratze in das Zimmer und hebt sie mit Mühe auf das Bett.
»Was macht sie mit der Matratze?«, fragt Maria Lisini. »Musst du bei Oliphant nicht auch automatisch an Elefant denken?«
Micha Finck greift nach dem Laptop und klappt ihn zu: »Lass das! Was soll das werden?«
»Aber das ist doch interessant.«
»Hör auf damit! Das ist krank!«
»Dann geh!«, sagt Maria Lisini. »Geh und bleib gesund!«
Auf dem Heimweg ist Micha Finck panisch. Er ist sicher: Maria Lisini hat das alles geplant. Sie will ihm Angst machen. Ihm zeigen, dass sie auch ihn jederzeit ausspionieren kann. Seine Smartwatch! Er muss schnell nach Hause. Er findet sie im Badezimmer. Vor dem Duschen hat er sie auf den Rand des Waschbeckens gelegt und dort vergessen. Er bindet sie um sein Handgelenk. Dann verlässt er die Wohnung wieder und geht ohne nachzudenken nach Norden auf das Haupttor zu.
»Na, machen wir einen Samstagsspaziergang?«, fragt einer der Wachmänner.
»Eine Runde um die Stadt«, sagt Micha Finck.
»Kein Wunder. Es ist Anfang November, aber Temperaturen wie im Mai. Wie soll das alles noch enden?«
»Wir tun doch alles, was wir können. Keine Autos, keine Abgase.«
»Ja, wir hier. Aber was tun die Chinesen oder die Inder?«
»Man muss sich anstrengen, wenn man zu denen gehören will, die überleben«, sagt Micha Finck. »Wir gehören dazu. Uns geht’s gut.«
»Aber kann es uns gut gehen, wenn es nicht allen gut geht?«, sagt der Wachmann. Micha Finck erstaunt diese Frage.
»Wir müssen der Welt Hoffnung machen«, antwortet er. »NEUDA ist ein gutes Beispiel für alle anderen.«
Micha Finck tritt durch das Haupttor und geht planlos über die Brachflächen, auf denen Unkraut und wilde Büsche wuchern. NEUDA liegt in einer Landschaft ohne Hügel oder Erhebungen. Eine nahegelegene Zuckerfabrik ist vor Jahren stillgelegt worden, und das Wasserkraftwerk, das in der Nähe hätte errichtet werden sollen, ist im Planungsstadium wieder aufgegeben worden.
Im Osten NEUDAs mündet die March in die Donau. Von Westen her kommt der Rußbach, der unterirdisch durch die Smart City fließt. Am oberen Lauf des Rußbachs ist im letzten Jahr ein kleines Dorf entstanden, das rasch wächst, weil Menschen, die in NEUDA arbeiten, aber keine Wohnung bekommen oder sich eine solche nicht leisten können, sich dort niederlassen. Das Dorf hat keinen Namen. In NEUDA nennt man es Rußbach oder einfach draußen.
Micha Finck setzt sich auf den Boden und denkt über Maria Lisini nach. Eines weiß er: Sie sucht einen Mann. Wie fast alle Frauen in NEUDA. Micha Finck blickt in die Ferne. Am Rußbach soll es auch Frauen geben, denkt er. Die kosten zwar eine Kleinigkeit, aber danach sind sie einem zumindest nicht lästig.
Micha Finck: Am Tag der Eröffnung des neuen Redaktionsgebäudes bin ich mit einer Kollegin – Maria Lisini – noch auf einen Drink gegangen. Ich hatte nie ein Verhältnis mit ihr. Obwohl das in der Redaktion herumerzählt wurde. Ich wollte … Was ich hier sage, erfährt niemand, oder? Ich wollte sie aushorchen. Darum habe ich auch meine Smartwatch zu Hause gelassen. Sie war schon angeheitert und hat es mir erzählt … Und ein paar Tage später hat sie es mir auch gezeigt. Ich glaube, es war im Büro oder vielleicht war es auch privat … Da zeigte sie mir, dass sie Zugriff auf die Daten der Bewohner hat.
Interviewer 1: Auf Daten oder auf die Videoüberwachung?
Micha Finck: Beides.
Interviewer 1: Was haben Sie getan?
Micha Finck: Ich habe es der Tucana gemeldet. Über das Whistle-Blower-Tool.
Benedikt Hoyos: Wissen Sie, ich hasse Gerede. Gerede, Gerüchte, Verdächtigungen. Das ist alles unwahr und hinterhältig. Ich habe versucht, Frau Oliphant erst einmal ankommen zu lassen. Entschuldigen Sie: Morag Oliphant. Sie sollte in Ruhe ankommen. Sie sollte in Ruhe ihre Kolumne schreiben können, das Gefühl haben, dass sie bei uns geschätzt wird. Muss ich mich dafür rechtfertigen? Dafür muss ich mich nicht rechtfertigen.
Auch am dritten Morgen in NEUDA erwacht Morag Oliphant in ihrem begehbaren Schrank. Erst öffnen sich ihre Augen, dann erstarrt ihr Blick. Was ist das für eine Zimmerdecke? Was ist das für eine Matratze, auf der sie liegt? Was sind das für Kartons? Ist niemand da, um ihr Tabletten oder Essen zu bringen?
Nur langsam dämmert es ihr. Sie ist seit drei Tagen in NEUDA. Es ist Montag. Sie sollte in ihr Büro gehen. Um über diese Stadt schreiben zu können, muss ich die Stadt auch sehen, denkt Morag Oliphant. Sie hat Angst. In dieser Stadt aber gibt es keine Angst. Sie hat Angst vor der Vergangenheit, in dieser Stadt gibt es aber auch keine Vergangenheit. Wenn sie aus dem Haus geht und rechts abbiegt, kommt sie zum Innenring und dann in die Illstraße. Wenn sie aus dem Haus geht und links abbiegt, erreicht sie nach vier Blocks den NEUDA-Boulevard. Das weiß sie, ohne es je getan zu haben.
Morag Oliphant steht auf und schiebt die Umzugskartons zur Seite, um den Weg vom begehbaren Schrank in das Schlafzimmer wieder freizumachen. Sie zieht die Matratze aus dem Schrank und bringt sie zurück ins Schlafzimmer, wo sie sie auf das Bett legt. Es ist ihr nicht möglich, in diesem Bett zu schlafen. Wie gut, denkt sie, dass niemand den Wahnsinn sehen kann, den sie da aufführt. Wird sie es schaffen, ins Büro zu gehen? Sie sucht die Redaktion im Navigationssystem der NEUDA-App. Von ihrer Wohnung sind es 420 Meter bis zum Timeline-Büro. Vier Minuten bei ihrer normalen Gehgeschwindigkeit.
Sie kann es einfach nicht. Sie muss diesen Hoyos anrufen und es ihm sagen. Benedikt Hoyos, korrigiert sich Morag Oliphant selbst. Alle Namen immer mit Vor- und Nachnamen.
Benedikt Hoyos: An ihrem ersten Arbeitstag, einem Montag, rief sie mich an. Sie wollte von zu Hause aus arbeiten. Hätte ich es nicht gestatten sollen? Ich gestattete es. Ich weiß, ich weiß: In NEUDA gibt es kein Home-Office. Wir wollen Arbeit und privaten Lebensraum nicht vermischen. Aber ich wollte, dass sie sich einleben kann.
Kurz vor elf Uhr vormittags schreckt Morag Oliphant auf. Es läutet. Nicht an der Gegensprechanlage, sondern an der Wohnungstür. Es dauert, bis sie öffnet.
»Morag Oliphant? Mein Name ist Benedikt Hoyos, Chefredakteur der Timeline.«
»Ich bin gerade erst eingezogen.«
»Aber das weiß ich doch«, sagt Benedikt Hoyos. »Deshalb bin ich ja hier.«
Er blickt kurz in die Wohnung und sieht hohe Stapel von Umzugskartons. Auf dem obersten Karton steht: NELLYHOLZSPIELZEUG.
»Darf ich … Darf ich eintreten?«
»Warten Sie kurz. Ich bin gleich wieder da«, sagt Morag Oliphant und schlägt ihm die Tür vor der Nase zu. Schnell macht sie das Bett und wirft den Schutzbezug darüber. Dann geht sie zurück und öffnet die Tür wieder.
»Bitte, kommen Sie herein«, sagt sie. »Aber, es ist nicht aufgeräumt … Ich habe gerade erst begonnen …«
Benedikt Hoyos: Ich wollte anbieten, ihr eine Woche Zeit zu geben, um sich einzurichten. Aber sie unterbrach mich und sagte mir, alles sei in Ordnung, und sie habe bereits einen Entwurf ihres ersten Artikels. Und den hat sie mir gezeigt.
Benedikt Hoyos sitzt an dem kleinen Tisch im Wohnzimmer, während Morag Oliphant in die Küche geht. Sie findet sechs Gläser, die zur Ausstattung der Wohnung gehören, und bringt ihm ein Glas Wasser.
»Nicht dass Sie glauben, dass ich mich vor der Arbeit drücke«, sagt Morag Oliphant. »Ich muss nur erst noch zurechtkommen. Aber mein erster Artikel … Ich habe da zumindest einen Entwurf …«
»Liebe Frau Oliphant!«, sagt Benedikt Hoyos. »Ich wollte Sie jetzt nicht zur Arbeit nötigen …«
Aber da öffnet Morag Oliphant schon den Artikel und dreht Benedikt Hoyos das Display ihres Laptops zu.
Benedikt Hoyos: Es war ein wunderschöner Artikel. Er trug den Titel »Ankommen«. Sie hat ihn nach meinem Besuch noch überarbeitet. Es lag so viel Wärme in diesem Text. Und was soll ich sagen? Der Artikel war ein voller Erfolg; online und in Print. Und die Version in Leichter Sprache wurde dreißig Mal so oft gelesen, wie wir erwartet hatten.
»Ganz wunderbar. Der erste wunderbare Artikel einer hoffentlich langen Reihe.«
»Danke, das freut mich sehr«, sagt Morag Oliphant. »Es tut mir wirklich leid, dass ich Ihnen nicht wenigstens Tee oder Kaffee anbieten kann.«
»Ich bitte Sie! Sie sind doch erst am Wochenende angekommen. Aber wie können Sie so gut über NEUDA schreiben, wo Sie doch gerade erst drei Tage hier sind?«
Morag ist aufgesprungen und rüttelt in der Ecke des Wohnzimmers an einigen Kartons, bis man ein Klimpern hört.
»Hier habe ich etwas«, sagt sie. »Irischen Whiskey. Mögen Sie so etwas?«
»Wenn sie es mir so nett anbieten.«, sagt Benedikt Hoyos. »Ist es unverschämt, wenn ich einen nehme? Ich nehme einen.«
Umständlich will Morag Oliphant nun den Karton mit den Flaschen vom Stapel nehmen. Sofort eilt Benedikt Hoyos zu Hilfe.
»Danke, Sie sind wirklich ein Gentleman. Der Fahrer, der mich gestern gebracht hat … Er hat nicht einmal meine Trolleys vom Caddy gehoben. Und diese Umzugsleute … Sie kamen einen Tag zu früh und haben alles einfach auf den Gang gestellt. Wissen Sie, ich sollte nichts heben wegen meiner … Die Verletzung von früher …«
»Sie hätten mich anrufen sollen«, sagt er.
»Das wäre mir nicht im Traum eingefallen«, sagt sie. »Ich hoffe, der Whiskey ist noch gut. Wir hatten zu Hause keinen Alkohol. Mein Mann war früher ein schwerer Trinker, und irgendwann habe ich alles weggeräumt. Aber den hier hatte ich noch in meinem Büro. Sie glauben, dass ich meinen Artikel nicht ernst meine?«
»Aber nein! Wie kommen Sie darauf?«
»Weil Sie gefragt haben, wie ich über NEUDA etwas schreiben kann, wenn ich erst vor drei Tagen angekommen bin …«
»Ja, das interessiert mich«, sagt Benedikt Hoyos. »Diese Professionalität. Sagen Sie es nicht weiter, aber: Unser Personal … Wissen Sie … Wir kriegen da alles Mögliche. Was tun mit diesen Leuten? Da sind Kolleginnen dabei – ich nenne keine Namen –, die Sie zu einer Pressekonferenz oder sonst wohin schicken können – und trotzdem wird ihr Artikel so klingen, als wäre er von irgendeinem Artikel im Netz abgeschrieben und sie wären nicht wirklich dort gewesen.«
»Ach, irgendwo gewesen zu sein, ist keine Garantie für irgendetwas«, sagt Morag und erzählt eine Geschichte, die ihr Mann Rochus oft erzählt hat:
Der Wetterreporter Bonaventura, den alle für einen Me
