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Einschlägige Ratgeber zum Thema Rauchen bzw. Nicht-Rauchen sind zahlreich wie eintönig, denn sie suggerieren dem (Noch-)Rauchenden zumeist, wie einfach es doch sei, mit dem Laster aufzuhören. Der Autor verzichtet bewußt auf moralinsauren Druck, sondern bleibt in der passiven Rolle des Schilderns eigener Erfahrungen. Vertrauen zu sich selbst und Vertrauen zu einem Leben in Selbstverantwortung sind dabei wesentliche Bausteine; Begrifflichkeiten wie "Scheitern" oder "Erfolg" erübrigen sich hier. Kurzum: ein Buch für jeden mündigen (Noch-)Raucher ...
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Seitenzahl: 59
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Jean-Peter Braun
Smokeless
Zeitgemäße Betrachtungen eines ex-rauchenden Künstlers
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
SMOKELESS
Impressum neobooks
1. Vorwort
Eines vorweg: ich bin Ex-Raucher. Nein, kein Nicht-Raucher, sondern Ex-Raucher! Sie sind ja auch – zumindest, wenn Sie in Ihrem bisherigen Berufsleben ein wenig Ehrgeiz hatten – Ex-Bundespräsident und kein Nicht-Bundespräsident.
In meinem Hauptberuf allerdings bin ich Musiker. Das heißt, genau genommen sehe ich mich in erster Linie als Mensch – als ein Wesen, das einfach nur so da ist und sein Leben zu genießen versucht, gerne isst, trinkt, wandert, Freunde trifft, seinen Job liebt und den Verlockungen des Daseins nicht immer abgeneigt ist.
Stets tendierte ich dazu, meine Umwelt durch eine leuchtend bunte Farbenbrille zu betrachten, um auf diese Weise den Alltag vor der Gefahr des Ergrauens zu schützen. „Nutze den Tag“ war mein selbstgewähltes Lebensmotto und um diesem hochgesteckten Anspruch nahe zu kommen, suchte ich mir einen guten Freund und ständigen Begleiter, der mich in vielen Lebenslagen an der Hand zu nehmen bereit war: die Zigarette!
Irgendwie ist es schon verrückt: als ich eines Morgens aus einem äußerst misslungenen Traum erwachte, war mein erster Gedanke nicht der an meinen gewohnten Milchkaffee samt Croissant mit Erdbeermarmelade, sondern der plötzlich auftretende Wunsch, meinen treuen Kameraden, die Zigarette, für immer zu verlassen.
So begann ich also, die Welt fortan in rauchende und nichtrauchende Zeitgenossen einzuteilen. Ob Mann oder Frau, dick oder dünn, Schwede oder Argentinier, Sympathieträger oder charmefreier Querulant, jegliche Unterscheidungskriterien schienen sich meiner Wahrnehmung zu entziehen. Mich interessierte nur noch: Glimmstängel oder kein Glimmstängel.
Ich entwickelte die Überzeugung, dass jeder rauchende Mensch, vom Gärtner bis zum Ministerialdirektor, von der Studienrätin bis zur Floristin, mindestens ein einziges Mal in seinem Leben an die gleiche Glaubensschwelle gerät, welche dann in letzter Konsequenz zur Entscheidungsfrage führt: ein Dasein mit Nikotin oder ein Leben in Freiheit, Abhängigkeit oder Selbstbestimmung?
Der Volksmund sagt: „Ehemalige Raucher sind die Schlimmsten“ und hat damit nicht ganz Unrecht. Gemeint ist hierbei das Toleranzverhalten ehemaliger Süchtiger gegenüber dem „anderen Lager“, jenen zu bedauernden Geschöpfen, die sich aufgrund vermeintlich mangelnder Einsicht oder Willensstärke dem Verderb ausliefern.
Liebe Raucher, missionarischer Eifer liegt mir fern und so möchte ich weder Ihr (Raucher-)Gewissen unter Druck setzen, noch moralische Wertungen Ihres Charakters vornehmen. Auch möchte ich keine zusätzlichen Ängste bei Ihnen erzeugen, nur um auf einen eventuellen Gesinnungswechsel Ihrerseits hin zu polemisieren.
Ich weiß, dass es heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts weltweit zahlreiche Stop-Smoking-Programme gibt, die zum Teil unter hervorragender fachlicher
Leitung gute Erfolgsquoten präsentieren. Ich bin weder Arzt, noch Psychotherapeut oder sonstiger Experte auf dem Gebiet der Nikotinsucht. Aber
ich bin ein Eingeweihter mit mehr als 20-jähriger Erfahrung als Raucher, von der ich Ihnen im vorliegenden Buch erzählen möchte.
Keine Angst, liebe Leser, ich werde Sie nicht langweilen mit Warnungen oder gutgemeinten Ratschlägen, die Sie sicherlich schon hundertfach um die Ohren gehauen bekommen haben.
In Form kleiner Essays habe ich meine Gedanken und Sichtweisen zum Thema Nichtrauchen zusammengestellt. Sie können diese auch in frei gewählter Reihenfolge lesen.
Und nun machen Sie es sich bequem, suchen Sie einen Platz auf, den Sie mögen und an dem Sie entspannen können. Legen Sie zur Untermalung eine CD mit leiser, beruhigender Musik auf. Ich empfehle die Thais Meditation von Massenet, das Adagio aus Bruckners Siebter oder Jazzballaden. Natürlich können Sie auch AC/DC, Harry Belafonte oder Roberto Blanco wählen, dann aber bitte ausgesprochen leise, denn ein bisschen Spaß muss sein – beim Lesen. Wenn Sie wollen, rauchen Sie dabei, denn dies ist kein psychologisches Trainingsprogramm.
Dennoch: wenn auch nur ein einziger Leser dieses Buches die Motivation für ein rauchfreies Leben bekommen hat, freut sich der Autor mit diesem Glücklichen.
Jean-Peter Braun
P.S. Liebe Raucherinnen! Aus Gründen der Einfachheit verwende ich die klassische männliche Form der Anrede. Dies ist keine wissentliche Herabsetzung Ihrer Würde. Danke für Ihr Verständnis.
2. Erste Versuche
Erzählt ein Ex-Raucher von seinen Entwöhnungsversuchen, überkommt ihn schnell das Gefühl von Scham und Minderwertigkeit, wobei er kaum zu unterscheiden weiß, gegenüber wem die Peinlichkeit größer ist: dem Gesprächspartner oder dem eigenen Spiegelbild. Der schonungslos ehrliche Ehemalige fürchtet dabei nichts mehr, als dass sein Gegenüber (und zwar beide!) erhabenen Blickes Unverständnis äußert über die offensichtliche Lächerlichkeit der ersten – gescheiterten – Gehversuche; und das Fatale bei der Sache: der Aufhörwillige hat recht.
Menschen mit Raucherkarriere aber sind den Umgang mit Angst gewohnt und so traue ich mich, Ihnen von meinen Erlebnissen zu berichten.
Mein erster Anlauf war die sogenannte Reduktionsmethode: weniger ist mehr. Bewusster rauchen. Nur noch nach dem Essen, nach der Arbeit, nach dem Sex. Die zwei Belohnungszigaretten, die ich auf meinem Schreibtisch als feierabendliche Ration drapiert hatte, ließen mich täglich mit Tempo 196 km/h nach Hause gleiten, denn ich wurde ja sehnsüchtig erwartet. Aber auch mein Alltagsleben während dieser Phase war rasant, hatte ich doch eine neue, zusätzliche Aufgabe bekommen: Stop Smoking. Nicht nur meine Gedanken an „das Eine“ beanspruchten meine kostbare Zeit, sondern ebenso die Ausführung von Ersatzhandlungen, die von Psychologen gerne mit dem Scheitern des Anliegens gleichgesetzt werden.
Ich beschloss also, die Zigarette zwischendurch abzuschaffen. Es war Samstag Mittag und ich hatte Zeit. Viel Zeit. Die Versuchung, während einer Nachdenkfluppe wie gewohnt das Wochenende zu planen war groß. Doch ich war standhaft und wagte meine erste rauchfreie Autofahrt. Nach einer guten Stunde und ausgiebigsten Nikotinträumen erreichte ich Heidelberg; eine Stadt, der ich es ob ihrer Schönheit zutraute, mir kurzweilige Alternativen zu bieten. Angenehme, warme Sonnenstrahlen, das herrschaftlich dreinblickende Schloss, die freudig fotografierenden, asiatischen Touristen und die Anmut der erhaltenen Altstadtarchitektur ließen mich für Augenblicke alles vergessen. Sogar den Tabak.
Der erste Prüfstein erreichte mich in Form eines gut besuchten Studentencafés. Die junge Juradoktorandin, der Zauselbart am Katzentisch vor der Toilette, die Bedienung, selbst die Sperrmüllstühle und die bordeauxroten Stofflampen schienen zu rauchen. Kann doch nicht so schlimm sein, dachte ich, Millionen
Qualmer können nicht irren; jetzt eine Kippe. Jetzt entspannen. Jetzt fröhlich und unbeschwert dasitzen, in den Raum schauen und Kringel blasen. „Menschen beobachten“ nennen Nikotinrethoriker das.
Der Gedanke an die wohlverdiente Dinnermarlboro auf der heimischen Couch half mir jedoch gerade noch rechtzeitig, Standhaftigkeit zu bewahren. Auch in
der Eisdiele, die ich nach einem kleinen Einkaufsbummel in der malerischen Fußgängerzone erreicht hatte, hielt diese Zurückhaltung noch ohne größere Verlangensattacken an.
Ich zerstreute mich des weiteren mit ziellosem City-Sightseeing, einer Bootsfahrt auf dem Neckar, etwas Fachsimpelei mit einem Straßenmusiker und der – immer noch nikotinfreien - Abendplanung. Als Gerade-Noch-Raucher wollte ich mir eines der letzten Male den Luxus von Spontaneität gönnen und beschloss kurzerhand, bei einer Gemüsequiche in einer Esskneipe meine Entschlossenheit zu testen; wenn ich erst Nicht-Raucher, sorry, Ex-Raucher wäre, gäbe es nur noch ein Leben in strengen, preußisch festgelegten Tagesabläufen – lieblos, lustlos und langweilig. So meine damalige Überzeugung.
Nun gab es zu dieser Zeit noch keine Trennung zwischen Rauchern und Nichtrauchern in Restaurants, sodass ich ungehemmt über die im Lokal anwesenden Vertreter beider Gattungen sinnieren konnte. Ich kannte die Psyche der einen bis zum Erbrechen, die der anderen wollte ich mir peu à peu erarbeiten.
