Snowblind - Tödlicher Schnee - Christopher Golden - E-Book

Snowblind - Tödlicher Schnee E-Book

Christopher Golden

4,5

Beschreibung

Das kleine Städtchen Coventry in New England hat schon tausende Schneestürme erlebt … aber noch keinen wie diesen. Menschen gingen in das weiße Gestöber und kamen nie mehr zurück. Jetzt, zwölf Jahre später, zieht ein weiterer Sturm auf und die Bewohner von Coventry erinnern sich an diejenigen, die sie im Schnee verloren haben. Ein Fotograf trauert um seinen kleinen Bruder. Der Tod seiner Frau hat tiefe Narben im Leben eines Gelegenheitsdiebs hinterlassen. Und auf der anderen Seite des Landes erhält eine Frau einen Anruf … von einem Mann, der seit zwölf Jahren tot ist. Der neue Sturm wird noch schrecklicher als der Letzte werden und die Erkenntnis bringen, dass der Albtraum gerade erst anfängt.

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Seitenzahl: 547

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Ins Deutsche übersetzt vonStephanie Pannen

Die deutsche Ausgabe von SNOWBLIND – TÖDLICHER SCHNEEwird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern,Übersetzung: Stephanie Pannen;verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde;Lektorat: Katrin Aust und Gisela Schell; Satz: Rowan Rüster/Amigo Grafik;Cover-Foto: © Clayton Bastiani / Trevillion ImagesPrintausgabe gedruckt von CPI Moravia Books s.r.o., CZ-69123 Pohorelice.Printed in the Czech Republic.

Titel der Originalausgabe: SNOWBLIND

Copyright © 2014 by Christopher Goldenpublished in agreement with the author, c/o BAROR INTERNATIONAL, INC.,Armonk, New York, U.S.A. through.

German translation copyright © 2017, by Amigo Grafik GbR.

Print ISBN 978-3-95981-194-1 (September 2017)E-Book ISBN 978-3-95981-195-8 (September 2017)

WWW.CROSS-CULT.DE

Für Lily Grace Goldendie selbst die düstersten Tage erhellt

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

ZWÖLF JAHRE SPÄTER

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Ella Santos stand mit einer Zigarette in der Hand auf dem Bürgersteig, sah dem Schneefall zu und fühlte sich so allein wie noch nie in ihrem Leben. Der Sturm schien sich um sie herum zusammenzubrauen und mit angehaltenem Atem darauf zu warten, dass sie wieder hineinging. Für ein paar unmöglich lange Minuten waren weder Autos noch Schneepflüge auf der Straße zu sehen. Die Bank, die Boutique, der Musikladen und die anderen Restaurants auf diesem Teil der Washington Street waren schon seit Stunden geschlossen, die Fenster dunkel und leer. Die Stadt Coventry hatte sich dem Sturm überantwortet und plötzlich kam sich Ella dumm vor, weil sie nicht schon längst nach Hause gegangen war, um es sich mit einer schönen Tasse Tee und einem alten Film im Bett gemütlich zu machen.

Sie nahm einen langen Zug von ihrer Zigarette und zog ihren Mantel enger um sich, bevor sie den Rauch ausstieß. Das einzige Geräusch war der Schnee selbst, der so schnell und heftig fiel, dass sie ein seltsames Rauschen hören konnte. Ella erschauderte, nicht nur wegen der Kälte. Wie sie so allein auf der Straße stand, hätte sie auch die letzte Frau auf Erden sein können, die einzig verbleibende menschliche Stimme, die es aber nicht wagte, die stille Unterhaltung zwischen Schnee und Himmel zu unterbrechen.

Hinter ihr ertönte das Knarren einer Tür und Gelächter. Erschrocken drehte sie sich um und sah zwei Frauen, die das Restaurant verließen. Leise Musik – der lebhafte Klang einer Gitarre – drang ebenfalls nach draußen, bevor die Tür wieder zufiel.

»Nacht, Ella«, sagte eine der Frauen, während sie sich die blonden Haare aus den Augen strich. »Danke, dass Sie Ihren Laden aufgelassen haben.«

Ella lächelte. Sie fühlte sich albern, weil sie sich von der seltsamen Isolation auf der Straße hatte einnehmen lassen. Als Kind hatte sie Schneestürme geliebt, aber als erwachsene Besitzerin eines Restaurants gab es nur noch vereinzelt Schneetage … und die waren schlecht fürs Geschäft.

»Gern geschehen«, sagte sie und winkte, während die beiden Frauen über die Straße zu ihrem Wagen eilten. Ihre Schuhe hinterließen Abdrücke im frisch gefallenen Schnee. »Ich hoffe, Ihnen hat es geschmeckt. Kommen Sie heil nach Hause.«

»Sie auch!«, rief die zweite Frau, deren Kleid trotz der dicken Winterjacke für einen Schneesturm vollkommen ungeeignet war.

»Ich schließe bald«, erwiderte Ella.

Die Frauen waren nicht länger als eine Stunde im Restaurant gewesen und ihr Auto lag unter einer mindestens zwei Zentimeter dicken Schneeschicht. Statt es freizulegen, stiegen sie ein. Die Scheibenwischer erwachten zum Leben und räumten Teile der Windschutzscheibe. Die Heckscheibe blieb schneebedeckt, als sie vom Bordstein herunterfuhren. Die Fahrerin würde kaum etwas sehen, aber glücklicherweise waren nicht viele andere Autos auf der Straße. Selbst die Schneepflüge schienen sich heute nicht oft blicken zu lassen.

Ella zog erneut an ihrer Zigarette und ließ sich vom Rauch erwärmen, bevor sie ihn durch die Nase wieder ausstieß. Mit dem Rauchen hatte sie während eines Sommers in der Highschool angefangen, wie die meisten ihrer Freundinnen. Jetzt hasste sie es, wusste, dass sie dadurch nicht cool und sexy wirkte, sondern dumm und schwach, aber sie hatte bereits ein halbes Dutzend Mal aufzuhören versucht, und doch immer wieder angefangen.

Ein lautes Krachen und Schaben kündigte die Ankunft eines noch ein paar Blocks entfernten Schneepflugs an und sie schaute sich seinen mühsamen Fortschritt an. Die oberen Hälften seiner Scheinwerfer lugten über die große Metallschar hinweg.

Die Restauranttür schwang erneut auf und ihr Barkeeper Ben Duhamel steckte seinen Kopf heraus. Seine blauen Augen blinzelten gegen die plötzliche Bö, die ihm Schnee ins Gesicht wehte.

»Alles klar, Boss?«

Ella lächelte und wischte sich etwas Schnee von ihren Wimpern. »Hab nur nachgedacht. Sind die Gäste bald fertig?«

»Lange wird es nicht mehr dauern«, erwiderte Ben.

Wenn er sie für verrückt hielt, weil sie hier mitten in einem Schneesturm stand, verbarg er es gut. Vielleicht ist es wirklich ein bisschen verrückt, dachte Ella. Aber so einsam sie sich dadurch auch fühlte, liebte sie doch die reine weiße Stille.

»Wie spät ist es?«, fragte sie.

»Viertel nach acht«, antwortete Ben. Die Schneeflocken ließen sein vorzeitig ergrautes Haar noch weißer wirken.

»Also gut«, sagte sie, ließ die Zigarette auf den schneebedeckten Gehweg fallen und trat sie mit dem Absatz ihres Stiefels aus. »Letzte Runde. Um halb neun machen wir dicht.«

»Danke«, sagte Ben. Er zog sich wieder ins Innere zurück, zögerte dann aber. »Ist wirklich alles okay?

Ella bückte sich, um den zerquetschten feuchten Zigarettenstummel aufzuheben. »Klar.«

Entweder durchschaute Ben die Lüge nicht oder er hatte nur keine Lust, mit ihr zu diskutieren. Er ließ die Tür wieder zufallen, um offene Deckel abzukassieren. Ella konnte es ihm nicht verübeln. Ben hatte daheim eine hübsche Frau und ein kleines Baby und wollte sie nicht im Sturm allein lassen. Auf Ella wartete in ihrem kleinen Haus an der Cherry Road niemand. Sie hatte es also nicht eilig.

Als sie am schmiedeeisernen Knauf zog, wurde die Tür von einem heftigen Windstoß sofort wieder zugeworfen. Es fühlte sich fast so an, als würde sich der Sturm gegen sie stemmen, aber sie zwang die Tür auf und schlüpfte hinein. Bevor sie sich wieder schloss, erspähte sie durch einen Spalt den vorbeifahrenden Schneepflug. Im Licht seiner Scheinwerfer sah sie, wie dicht und schnell der Schnee tatsächlich fiel. Dann knallte die Tür zu und sie zuckte zusammen. Der Blizzard war angekommen.

Ihr Restaurant, The Vault, hatte zwei große Kamine, aber das Feuer in ihnen hatte den ganzen Abend über gebrannt und starb nun langsam. Trotz des Sturms war ziemlich viel los gewesen. Jetzt waren nur noch drei Tische besetzt, aber die Familie an dem einen und das ältere Paar am anderen suchten gerade ihre Sachen zusammen und zogen ihre Mäntel, Schals und Handschuhe an. Die drei Männer Mitte zwanzig, die am letzten Tisch saßen, schienen keine Eile zu haben. Sie tranken gemächlich ihren Kaffee, während einer von ihnen langsam sein Tiramisu aß.

An der Bar waren vier Leute – alles Stammgäste, die gehen würden, nachdem Ben die letzte Runde verkündet hatte. In der Ecke, in der donnerstags bis samstags Livemusik gespielt wurde, saß TJ Farrelly mit seiner großen Gitarre auf einem Barhocker und spielte ein altes Lied von Arcade Fire. Das brachte Ella zum Lächeln. Solange jemand da war, um ihm zuzuhören, würde TJ weiterspielen. Manchmal spielte er sogar weiter, nachdem alle Gäste gegangen waren, und unterhielt die Belegschaft beim Saubermachen und Kassensturz.

Schnee schmolz in ihrem Haar und tropfte ihr eiskalt in den Nacken. Ella ging zur Damentoilette, um ihre Zigarettenkippe zu entsorgen, und schwor sich, dass sie heute Abend nicht mehr rauchen würde. Sie sah sich im Spiegel, lachte leise und begann sich den Schnee aus den Haaren und von den Schultern zu streichen.

Als sie die Toilette verließ, begann das kleine Fenster hoch oben in der Wand in seinem Rahmen zu klappern und sie hatte das Gefühl, als könne sie tatsächlich spüren, wie das Gebäude schwankte. Das Restaurant war solide gebaut – früher war es einmal eine Bank gewesen –, aber die Mauern bewegten sich und ein Luftzug schlug die Toilettentür mit einem Knall zu.

Es fühlte sich fast so an, als sei ihr der Sturm nach innen gefolgt.

TJ beobachtete, wie Ella das Restaurant durchquerte und leise mit der letzten Gästegruppe sprach, drei Jungs, die an ihrem Tisch übernachten zu wollen schienen, solange jemand ihnen weiter Kaffee brachte. TJ fand es amüsant, wie die Berufstrinker an der Bar artig von ihren Hockern rutschten, dem Barkeeper ein Trinkgeld gaben und nach Hause gingen, wohingegen die Typen, die an ihrem Kaffee nippten, die Ruhe weg hatten.

Alte Freunde, dachte TJ, Highschoolkumpel, die sich seit einer Weile nicht gesehen haben. Er hätte sie gefragt, war sich aber ziemlich sicher. TJ war immer schon ein guter Beobachter gewesen. Er hatte ein Talent dafür, andere zu durchschauen, obwohl Ella ihm meistens Rätsel aufgab. Das Restaurant war praktisch ihr ganzes Leben. TJ nahm an, dass das bei einem solchen Unternehmen normal war, wo der finanzielle Spielraum eng und das Risiko einer Pleite beträchtlich war. Aber Ella war zweiunddreißig und Single, noch dazu ziemlich attraktiv, mit langen Beinen, schokoladenbraunen Augen und einem Mund, den er nur allzu gern küssen würde. Es musste jemanden geben, dem sie genug vertraute, um sich gelegentlich um das Restaurant zu kümmern, damit sie auch mal etwas unternehmen konnte – ins Kino oder in ein Konzert gehen, oder mal irgendwo anders essen als in ihrem Büro im Hinterzimmer ihres eigenen Restaurants.

Als hätte er sie durch seine Gedanken herbeigerufen, kam Ella mit einem Getränk in der Hand auf ihn zu. In der anderen hielt sie ihren braunen Wollmantel, von dem schmelzender Schnee tropfte.

Der Sturm hatte ihre Frisur ziemlich in Mitleidenschaft gezogen, aber TJ fand, dass ihr welliges schulterlanges Haar auch so bezaubernd aussah.

Als sie ihren Mantel auf einen der umliegenden Tische legte und auf einen Stuhl sank, unterbrach er das Lied, das er gerade gesungen hatte. Sie nippte an ihrem Getränk – er schätzte Captain Morgan und Cola – und legte die Füße auf einen gegenüberstehenden Stuhl. Links von ihr knackte der Kamin und er konnte sehen, dass sie die Wärme genoss.

»Soll ich dir was spielen, Ella?«, fragte er.

Sie schnitt eine übertrieben traurige Grimasse. »Du hast ja schon deine Mundharmonika weggepackt.«

TJ griff in seinen Rucksack. »Für dich hole ich sie einfach wieder raus.«

Manchmal gefiel es ihr, wenn er traurige alte Neil-Young-Songs spielte, und manchmal wollte sie lieber fröhlichere Musik von Dave Matthews hören, voller Herzschmerz und Ironie. Er dachte kurz an Blues Traveler, aber weil der Laden gleich zumachte, fühlte es sich später an, als es war. Also dachte er, etwas Melancholischeres sei angebracht. Erst als er Sugar Mountain von Neil Young angestimmt hatte, bemerkte er die Traurigkeit in Ellas Augen und ihm wurde klar, dass es vielleicht ein Fehler gewesen war. Doch während er sang, sah er, dass sie sich auf das Lied einzulassen schien, so wie sie sich auch auf ihren Drink einließ. Er konnte sehen, dass beides sie irgendwie aufheiterte, und das machte ihn froh. TJ wusste, dass er Ella nicht glücklich machen konnte – das konnte nur sie selbst –, aber er wollte sie auch auf keinen Fall traurig machen.

Er liebte es, im Vault zu spielen. Die Musik hatte ihm nie genug eingebracht, um davon zu leben, aber er glaubte nicht, dass er es auch nur einen Tag aushalten würde, ohne eine Gitarre in die Hand zu nehmen. Sein Vater hatte ihn gezwungen, ein Handwerk zu erlernen. So war TJ Elektriker geworden und seinem alten Herrn dafür auch dankbar. Aber selbst wenn er nicht gerade Musik machte, hörte er sie in seinem Kopf und spürte unsichtbare Saiten unter seinen Fingern. Das war, so hatte er herausgefunden, der Trick bei einem Restaurantpublikum. Sie klatschten nicht viel, aber solange er für sich selbst spielte, brauchte er ihren Applaus nicht.

Heute Abend spielte er jedoch für Ella.

»Hattest du an so was gedacht?«, fragte er, als die letzte Note verklungen war.

»Es war perfekt«, sagte sie. »Ich wünschte, du könntest mich in manchen Nächten in den Schlaf singen.«

»Jederzeit.«

Ella schmunzelte und sah weg. »Charmeur.«

»Tut mir leid. Dagegen kann ich nichts tun. Habe ich alles von meinem Vater geerbt. Es gibt kein Heilmittel.«

Sie lachte leise und schüttelte den Kopf. »Oh … das entschuldigt es natürlich.«

Die letzten Nachzügler gingen zur Tür und die Belegschaft hatte begonnen, alles für den nächsten Tag vorzubereiten. Ella warf einen Blick in Richtung Küche und dachte wahrscheinlich, dass sie wohl besser ein Auge auf die Aktivitäten dort haben sollte. TJ wollte sie daran erinnern, dass der Küchenchef und seine Leute wussten, was sie taten – sie spülten das Geschirr und bereiteten das Essen für morgen vor –, aber er hielt den Mund. Es ging ihn nichts an.

»Ich schätze, wir sollten wohl alle langsam nach Hause gehen, hm?«, fragte Ella, während sie zu den drei Kaffeetrinkern sah, die endlich aufbrachen.

»Gilt nicht für mich. Ich habe meiner Mutter gesagt, dass ich heute bei ihr schlafe.«

Ella lehnte sich zurück, nahm einen Schluck von ihrem Drink und sah ihn neugierig an. »Deine Mutter?«

TJ zuckte mit den Schultern. Träge spielte er Noten auf seiner Gitarre. »Sie ist eine alte Dame – auch wenn sie mir den Hintern versohlen würde, wenn sie mich hören würde. Ich möchte einfach nicht, dass sie sich Sorgen macht, sollte der Strom ausfallen, verstehst du?«

»Das ist aber sehr nett.«

»Ach was. Ich bin ihr Sohn. Da macht man so was eben.«

»Nicht alle Söhne würden das tun.« Ella stand vom Tisch auf. »Du bist ein guter Kerl, TJ.«

Sie nahm ihr Glas mit – nie würde sie es auf dem Tisch stehen lassen, damit es jemand anderes abräumte – und ging Richtung Küche.

»Du solltest aufbrechen«, sagte Ella. »Bring deine Mutter doch mal zum Abendessen her. Geht aufs Haus.«

»Das werde ich«, erwiderte er. »Aber ich habe es nicht eilig. Sie erwartet mich noch lange nicht. Außerdem wird sie mich höchstens zwingen, irgendeine Kochsendung oder so was mit ihr anzuschauen. Macht es dir was aus, wenn ich spiele, bis ihr abschließen wollt?«

Ella sah ihn über ihre Schulter hinweg an. »Solange du spielen willst, wirst du von mir niemals hören, dass du aufhören sollst.«

Sie eilte zur Küchentür. TJ lächelte ihr nach und fragte sich, ob er an diesem Abend nicht der Einzige im Vault war, der in Flirtlaune war.

Allie Schapiro stand wachsam vor ihrer Mikrowelle und lauschte dem Poppen der Maiskörner. Die Mikrowellengötter hatten einen grausamen Sinn für Humor gehabt, als sie den Knopf mit der Aufschrift »Popcorn« vorne an der Maschine angebracht hatten. Nachdem es ihr immer wieder angebrannt war, hatte sie schließlich gelernt, dass es nicht damit getan war, auf den Knopf zu drücken und wegzugehen. Verbrannte Maiskörner und dieser schreckliche Gestank waren die Folge. Während im Wohnzimmer also der Film weiterlief – sie hatte abgelehnt, dass Niko für sie auf Pause drückte –, lauschte sie dem Poppen, bis sich die Intervalle dazwischen eher wie Pausen anfühlten, und nahm es heraus.

Als sie den dampfenden Beutel öffnete, sah sie, dass das Popcorn perfekt geworden war, und der Duft warmer Butter erfüllte die Küche. Allie warf ihrer Mikrowellennemesis ein triumphierendes Lächeln und ein leises »Hah« zu, dann teilte sie das Popcorn in zwei Plastikschüsseln auf, die sie aus dem Schrank geholt hatte.

Als sie ins Wohnzimmer zurückkehrte, entkam Marty McFly im Jahr 1955 gerade auf einem Skateboard Biff. Zurück in die Zukunft war einer von Allies Lieblingsfilmen und sie hatte entsetzt feststellen müssen, dass Niko und seine Tochter Miri ihn nie gesehen hatten.

»Das riecht gut«, sagte Niko. Auf dem Sofa hielt die elfjährige Miri ihren Zeigefinger an die Lippen. Sie war vom Film vollkommen gebannt. Ihre kupferbraunen Augen leuchteten aufgeregt, eingerahmt von ihrem entzückenden braunen Lockenschopf.

Allies eigene Kinder – ihre Söhne Jake und Isaac – lagen bäuchlings auf dem Boden, das Kinn auf die Hände gestützt, und starrten auf den riesigen Flatscreen. Mit zwölf war Jacob zwei Jahre älter als Isaac, aber sie waren sich so ähnlich, dass sie manchmal für Zwillinge gehalten wurden. Allie konnte das nicht wirklich nachvollziehen. Jake hatte dunklere Haare und schaute fast immer sehr ernst, während Isaac immer ein Lächeln im Gesicht hatte – ganz zu schweigen davon, dass er zehn Zentimeter kleiner war als sein älterer Bruder. Sie nahm an, dass es an der Art lag, wie sie miteinander verbunden waren, wie sie manchmal gleichzeitig sprachen und sich gegenseitig beim Erzählen ergänzten. Und wie ihre Mutter liebten auch sie Filme.

Sie stellte eine der Schüsseln zwischen sie. Sofort zog Jake sie vor sich.

»Jacob«, sagte sie, aber nicht besonders streng. »Ihr sollt es euch teilen.«

Er sah nicht auf, sondern schob das Popcorn einfach wieder in die Mitte. Isaac hatte den Blick die ganze Zeit nicht vom Fernseher genommen. Als Biff mit seinem Wagen einen Düngelaster rammte und unter Mist begraben wurde, begannen beide Jungs zu lachen. Genau wie Allie. Wenn sie diesen Film sah, fühlte es sich auf seltsame Art an, als würde sie nach Hause kommen. Daher war es für sie etwas Besonderes, ihn jetzt mit Niko und seiner Tochter zu teilen. Beide Familien zusammen.

Seltsam, aber wunderbar.

Sie setzte sich links neben Niko in den Schneidersitz und reichte ihm die zweite Schale.

»Danke, Süße«, sagte er und gab ihr einen Kuss auf die Wange, während er sich eine Handvoll Popcorn nahm und sie dann an Miri weiterreichte.

Das kleine Mädchen schien vom Film wie hypnotisiert, aber Allie hatte schon lange den Eindruck, dass Miri alles Mögliche mitbekam, auch wenn es so wirkte, als würde sie nicht aufpassen. So klein ist sie gar nicht mehr, dachte Allie. Mit ihren elf Jahren war Mirjeta Ristani viel reifer, als Allie es in ihrem Alter gewesen war.

Jetzt sah Miri zu ihrem Vater auf, nahm den Kuss, der gerade passiert war, zur Kenntnis, und lächelte Allie an.

»Danke, Ms. Schapiro.«

»Wir sind nicht in der Schule, Miri. Du kannst mich Allie nennen.«

Miri nickte und fiel über das Popcorn her, ohne das Angebot, ihre ehemalige Lehrerin beim Vornamen zu nennen, weiter zu kommentieren. Die Jungs hatten natürlich kein Problem, Niko »Niko« zu nennen, aber diese Ungezwungenheit bedeutete nicht, dass sie ihn schon akzeptiert hatten.

Dieser Abend war seit Wochen geplant worden, um diese Tatsache zu ändern. Der Vater der Jungs war vor sieben Jahren in Afghanistan gefallen und lange Zeit hatte sie dem Drängen ihrer Freunde widerstanden, sich nach einem neuen Partner umzusehen. Als es dann doch endlich so weit gewesen war, hatte sie einen Haufen unangenehmer Blind-dates und genau drei enttäuschende zweite Dates hinter sich gebracht. Nach einer dieser schrecklichen Verabredungen hatte sie allein an einem Tisch in Krueger’s Flatbread gesessen und einfach zu lachen begonnen. Sie hatte sich die Hand auf den Mund gepresst und versucht, ihren Lachanfall zu unterdrücken, bis er nachließ, nur um zu bemerken, dass sie zu weinen begonnen hatte.

Niko hatte mit Miri, die damals in die vierte Klasse ging, an der Bar gegessen. Sie kannten Allie natürlich – schließlich war sie ein Jahr zuvor Miris Lehrerin gewesen. Und ihr war Niko natürlich ebenfalls aufgefallen. Es wäre auch unmöglich gewesen, ihn nicht zu bemerken, so attraktiv, wie er mit seinen gleichmäßigen Gesichtszügen, der olivfarbenen Haut und den gleichen kupferbraunen Augen wie seine Tochter war. Und sie machte eine solche Szene. Entsetzlich beschämt hatte Allie zum Ausgang marschieren wollen und freundlich gelächelt, als sie an der Bar an ihnen vorbeigekommen war.

»Ms. Schapiro«, hatte Niko mit dieser seidigen Stimme gesagt, die sie hatte innehalten lassen.

»Mr. Ristani«, hatte sie herausgebracht.

Er hatte weder gelächelt noch versucht, sie aufzuheitern. Stattdessen hatte er drei Worte gesagt, die sie noch eine Woche später abwechselnd fuchsteufelswild gemacht und inspiriert hatten.

»Lachen ist besser«, waren die drei Worte gewesen.

Aufgewühlt hatte sie etwas gemurmelt und war davongestürmt. Eine Woche lang hatte sie im Gang der Trumbull Middle School vermieden, Miri anzusehen. Und dann hatte sie einen Blick in das Adressbuch der Schule geworfen und eines Freitagabends einfach angerufen, um ihn zu fragen, ob er noch wusste, was er im Restaurant zu ihr gesagt hatte. Und überraschenderweise hatte er es noch gewusst.

»Ich wollte Ihnen danken«, hatte sie erklärt. »Und sagen, dass ich Ihnen zustimme.«

Jetzt waren sie schon seit etwas über einem Jahr zusammen. Er war gut aussehend, liebevoll und im Bett einfach umwerfend, also alles, was sie sich erträumen konnte. Ihre Mutter hätte eigentlich ekstatisch sein sollen, dass Allie einen Mann gefunden hatte, der sie liebte. Sie hatte sich immer gewünscht, dass sich ihre Tochter einen Arzt schnappte. Doch wie sie mehr als deutlich machte, hatte sie einen jüdischen und keinen albanischen Arzt gemeint. Glücklicherweise war Allie seit dem Tag, an dem sie zur Witwe geworden war, vollkommen egal, was andere über sie dachten.

Bei Miri und den Jungs war die Sache nicht so einfach. Ihretwillen hatten Niko und sie ihre Beziehung lange geheim gehalten, um ihren Kindern den Klatsch in der Schule zu ersparen und Miri davor zu bewahren, von ihrer Mutter, Nikos Exfrau Angela, verhört zu werden. Zwischen Niko und Angela, die im gleichen Krankenhaus wie er als Schwester arbeitete, gab es immer noch Spannungen.

»Hey«, sagte Niko, stupste sie an und sah ihr in die Augen. »Ich dachte, das wäre dein Lieblingsfilm.«

Allie nahm eine Handvoll Popcorn aus der Schale in seinem Schoß. »Einer davon.«

»Du wirkst so abwesend.«

»Nein«, sagte sie lächelnd. »Ich bin hier.«

Reflexartig küsste sie seine Wange, nur eine beschwichtigende Geste, aber sie sah, dass Miri sie genau beobachtete. Allie hob eine Augenbraue. Miri lächelte sie verlegen an und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Film zu.

Ihr Herz machte einen Freudensprung. Miri war an Bord. Ein paar ihrer Freunde hatten ihr gesagt, dass sie sich auf die Beziehung zwischen Niko und ihr konzentrieren sollte. Die Kinder würden einfach damit klarkommen müssen, irgendwann wären sie ohnehin erwachsen und würden aufs College gehen und sie sollte sich von ihnen nicht ihr Leben diktieren lassen. Aber sie wollte, dass Miri sie mochte, sich in ihrer Nähe wohlfühlte, und es wäre gut – nein, unbedingt erforderlich –, dass Jake und Isaac das Gleiche für Niko empfanden. Wenn sie und ihr gut aussehender Mann eine gemeinsame Zukunft haben wollten, musste diese ihre Kinder beinhalten.

Der heutige Abend war der Anfang einiger Bemühungen in dieser Richtung und sorgsam geplant gewesen. Nur sie fünf, ein Abendessen und ein Film, das war kein großes Problem. Aber der Abend würde damit enden, dass Miri und Niko bei ihnen schliefen. Miri im Gästezimmer und Niko in Allies Bett. Sie musste ihre Scham bei dem Gedanken niederkämpfen, damit die Kinder sie ihr nicht ansahen und das Gefühl bekamen, dass Niko und sie etwas taten, wofür sie sich schämen mussten.

Sie schob diese Ängste beiseite und versuchte, sich auf den Film zu konzentrieren. Da bemerkte sie, dass Jake sie beobachtet hatte. Genau wie Miri hatte er den Kuss zwischen Niko und ihr mitbekommen, aber Jakes Gesichtsausdruck war nicht zu deuten. Sie lächelte ihn an. Er schenkte ihr sein »Geht klar«-Nicken, das in letzter Zeit zu seiner Universalantwort geworden war, und drehte sich wieder zum Fernseher um.

Komm schon, Allie, dachte sie. Atme.

Die Jungs waren vor der Idee, dass Niko und Miri über Nacht hierblieben, nicht zurückgeschreckt, und Miri schien ganz entspannt. Alles würde gut gehen. Draußen tobte der Sturm und sie waren warm und sicher hier im Haus. Bald würde der Film vorbei sein, sie würde heiße Schokolade machen und die Kekse verteilen, die sie am Nachmittag gebacken hatte. Die Dinge liefen perfekt.

Das ist es ja, was mich beunruhigt, dachte sie.

Aber sie schmiegte sich an Niko und er legte einen Arm um sie und den anderen um Miri. Dann verlor sie sich wieder im Film.

Als Jake wieder über die Schulter zu ihnen sah, war Allie erneut kurz besorgt und fragte sich, ob es ihn störte, dass sie mit Niko kuschelte. Nach einem Moment wurde ihr klar, dass Jake sie und Niko gar nicht beachtete. Er schaute verstohlen zu Miri. Der bezaubernden Miri, die nur eine Klasse unter ihm war. Das Mädchen bemerkte seinen Blick und Jake lächelte sie an. Miri zuckte mit den Schultern und zog die Augenbrauen hoch, wie um zu sagen: Was glotzt du denn so? Jake verdrehte die Augen und sah wieder zum Fernseher. Allie bemerkte ein kleines schüchternes Lächeln auf Miris Lippen, das sofort wieder verschwand, als hätte es niemals existiert.

Oh je, dachte sie. Kein Wunder, dass sie nicht miteinander spielen wollen.

Jake und Miri waren ineinander verknallt, aber keiner von beiden wusste, dass der andere das Gleiche fühlte. Allie lächelte. Es war gleichzeitig niedlich und kompliziert, aber jetzt würde sie sich erst einmal auf den niedlichen Teil konzentrieren.

Der Wind blies stark genug, um an den Fenstern zu rütteln, Schnee peitschte gegen das Glas. Die Lampen flackerten und für einen Moment wurde der Fernseher schwarz.

»Oh nein«, sagte Miri.

»Ich hoffe, der Strom fällt nicht aus«, sagte Isaac.

Jakes Kinn ruhte auf seiner Hand. »Ich mag es irgendwie. Kerzen und Decken.«

Miri erschauerte. »Aber uns wird kalt werden.«

»Mach dir keine Sorgen, Liebling«, versicherte ihr Niko.

»Na ja«, murmelte Isaac. »Solange der Strom nicht ausfällt, bevor der Film vorbei ist.«

Als hätte er den Sturm damit herausgefordert, wurde das Haus von einem weiteren Windstoß getroffen und wieder flackerten die Lampen. Dieses Mal erloschen sie.

Joe Keenan ließ es auf der Brücke, die den Merrimack überspannte, ruhig angehen. Der Wind peitschte Schnee gegen seine Windschutzscheibe und er umklammerte das Steuer. Der Schnee fiel so stark, dass seine Scheibenwischer kaum mithalten konnten. Wo sie nicht hinkamen, hatte sich in der letzten halbe Stunde eine zweieinhalb Zentimeter dicke Schicht gebildet. Er wollte das Blaulicht seines Streifenwagens einschalten, aber ohne triftigen Grund durfte er das nicht und er wollte seinen Vorgesetzten keinen Grund geben, ihn zu feuern. Nicht sechs Tage vor Ende seines Anfängerjahrs. Es klang harmlos, aber in seinem ersten Jahr im Conventry Police Department war man praktisch Freiwild für Streiche aller Art bis hin zu handfester Schikane und musste selbst für Fehler von anderen den Kopf hinhalten.

Ein Windstoß traf den Wagen so stark, dass er fast das Steuer verriss.

»So eine Scheiße«, murmelte er und wünschte sich, zu Hause bei seiner Frau Donna zu sein und mit ihr einen Film oder sogar eine ihrer bizarren Reality Shows zu sehen.

Doch das konnte er vergessen. An einem Abend wie diesem meldete sich eine Handvoll dienstälterer Cops einfach krank – sie diskutierten sogar darüber, wer diesmal dran war – und dafür würde jeder Neuling in diesem verdammten Sturm draußen sein, auf Anrufe wegen des Stromausfalls reagieren oder sich um Rentner kümmern, die beim Schneeschippen ausgerutscht waren, weil sie nicht wollten, dass die angekündigten vierzig Zentimeter Schnee zu Eis erstarrten.

Keenan beugte sich über das Steuer, um durch seine schneebedeckte Windschutzscheibe zu blicken. Der Tacho zeigte nicht einmal dreißig an. Innerlich korrigierte er sich. Er lebte schon seit seiner Geburt in Coventry, aber so einen Abend hatte er noch nie erlebt. Seine Eltern, Tante und Onkel sprachen vom großen Blizzard 1978 mit einer seltsamen Mischung aus Angst, Ehrfurcht und vielleicht sogar Zärtlichkeit, aber dieser Sturm hier begann ernsthaft zu wütend. Damals, 1978, hatte der Blizzard festgesteckt, die Wetterbedingungen waren genau richtig gewesen, um ihn tagelang in der Großregion Boston zu halten. Der heutige Sturm würde wahrscheinlich nicht so lange andauern, aber wenn die hübsche rehäugige Wetteransagerin von Channel 5 am Morgen richtiggelegen hatte, würde man sich auch an ihn mit einer Mischung aus Angst und Ehrfurcht erinnern.

Keenan stellte die Heizung an. Er hasste es, sie laufen zu lassen, weil etwas abgebrochen oder eingeklemmt war, wodurch der Luftstrom ein nerviges Klicken verursachte, ganz zu schweigen davon, dass ein besoffener Jugendlicher vor einer Woche in den Wagen gekotzt hatte, und der Gestank immer noch da war, ganz egal wie gründlich der Boden und der Sitz gereinigt worden waren. Die Wärme machte es noch schlimmer.

»So eine Riesenscheiße«, flüsterte er erneut, als belausche ihn jemand, und warf einen Blick auf seine blauen Augen im Rückspiegel. Sein Spiegelbild schien ihm recht zu geben.

Er stellte den Blinker an, auch wenn niemand sonst auf der Straße war. Als er von der Brücke herunterfuhr, fiel ihm die Leuchtreklame von Heavenly Donuts ins Auge und er spürte Freude in seiner Brust aufkeimen. Er brauchte unbedingt einen Kaffee. Er würde ein paar Minuten anhalten, einen Kaffee trinken und die Anspannung abschütteln, die sich während seiner Patrouille in ihm aufgebaut hatte. Er hasste es, in einem Sturm Streife fahren zu müssen.

Dann mach es doch einfach nicht. Bleib doch einfach eine Stunde auf dem Parkplatz. Wer soll das bei diesem Wetter schon merken? Und es stimmte. Wenn ein Funkspruch reinkam, auf den er reagieren musste, konnte er das tun. Aber sich eine Stunde lang mit einem großen heißen Becher Kaffee auszuruhen, würde ihn aufmerksamer machen, um seinen Job besser zu erledigen – zumindest redete er sich das ein. Er schlief ja wirklich schon fast ein, während er versuchte, durch die freigeräumten Teile seiner Windschutzscheibe zu spähen, und dem hypnotischen Geräusch der Scheibenwischer lauschte.

Der Lockruf des Kaffees führte ihn auf den Parkplatz, aber fast sofort bekam er Zweifel: Es war seit einer Weile kein Schneepflug mehr vorbeigekommen, auf dem Parkplatz mussten mindestens acht Zentimeter Schnee liegen, und es wurde jede Minute mehr. Was, wenn er einschlief und eingeschneit wurde? Es war besser, in Bewegung zu bleiben.

Trotzdem … so ein Caffè mocha wäre ein Segen.

Er fuhr sich mit einer großen Hand über seinen blonden Bürstenschnitt und zögerte kurz, bevor er den Streifenwagen zum Drive-in-Schalter lenkte. Er runzelte die Stirn, als er auf dem Parkplatz einen einzelnen Lastwagen sah, auf dem sich bereits über fünfzehn Zentimeter Schnee türmten. Er ließ das Fenster herunter und wartete an der großen Menütafel. Ein ungutes Gefühl überkam ihn. Irgendetwas stimmte hier nicht.

»Hallo?«, rief er.

Keine Antwort. Nicht einmal ein Rauschen. Alarmiert nahm er den Fuß von der Bremse und ließ den Streifenwagen um die Ecke des Gebäudes rollen. Aber erst, als er das Fenster schloss und die dunklen Schatten im Inneren sah, erkannte er das Problem: Heavenly Donuts hatte wegen des Sturms früher zugemacht. Es würde keinen Kaffee geben.

Enttäuscht überlegte Keenan, wie weit er von den anderen Coffee Shops entfernt war. Es gab einen Starbucks und drei Dunkin’ Donuts in Coventry, aber der nächste der vier war kilometerweit entfernt und es gab keine Garantie, dass er nicht auch bereits geschlossen war. Nicht dass er es ihnen verübeln konnte, es gab schließlich auch nicht viele Kunden, die sich an diesem Abend auf die Straße wagten.

Seufzend verließ er den Parkplatz und dachte, dass er es einfach trotzdem beim nächstgelegenen Dunkin’ versuchen sollte, besonders in Anbetracht dessen, wie leise sein Funkgerät geworden war. Während des Feierabendverkehrs war er zu fünf verschiedenen Unfällen gerufen worden. Das gehörte einfach zum Leben in Neuengland dazu, auch wenn er es nie verstehen würde. Diese Leute hatten jeden Winter Schnee, schienen aber jeden Sommer aufs Neue zu vergessen, wie man darauf fuhr.

Inzwischen war es aber fast zweiundzwanzig Uhr und die meisten Leute waren sicher daheim, bis auf ein paar Unglückliche wie Schneepflugfahrer und Streifenpolizisten.

Als er über die South Main Street fuhr, wurde Keenan klar, dass er Mist gebaut hatte. Sein unerfülltes Verlangen nach Kaffee hatte ihn vergessen lassen, die Windschutzscheibe freizukratzen. Die Scheibenwischer begannen festzukleben, also schaltete er das Blaulicht an und fuhr rechts ran. Das wirbelnde Blau ließ im Sturm seltsame Geister entstehen und färbte die Schneeflocken auf der Scheibe ein.

Mit einem dumpfen Knall prallte der Wagen gegen etwas, das ihn heftig nach links riss. Er trat auf die Bremse, das Steuer fest in der Hand, und war so angespannt, dass er noch nicht einmal fluchen konnte. Sein Herz hämmerte in seiner Brust und in seinen Ohren und Schläfen pulsierte es – einen Moment lang hatte er Angst, einen Herzinfarkt zu haben, und schwor sich, seinen Oreo-Konsum zu verringern –, dann kam der Wagen rutschend zum Stehen und er atmete auf.

Er hielt am Straßenrand an.

»Scheiße, Scheiße, Scheiße«, sagte er, um sich zu vergewissern, dass seine Fähigkeit zu fluchen keinen Schaden genommen hatte.

Er öffnete die Tür, stieg aus und musterte die seltsam stumme Landschaft von Coventry, die der Winter fest im Griff hatte. Stromleitungen hingen tief und schwer durch. Schaufenster waren mit Eisblumen verziert. Es begannen sich Schneeverwehungen zu bilden. Der Schein seines Blaulichts drehte sich und malte allerhand geisterhafte Formen, die lautlos wuchsen und schrumpften.

Keenan stapfte zurück und untersuchte die Fahrerseite nach Beschädigung. Als er nichts entdecken konnte, ging er zur Front und stellte zufrieden fest, dass beide Scheinwerfer funktionierten. Seit dem Moment des Aufpralls war er eine Liste von Dingen durchgegangen, die er getroffen haben konnte – ein parkendes Auto, einen Hund, ein Reh, eine Person – aber er glaubte nicht, dass es etwas davon gewesen war. Der nasse Schnee hatte auf seiner Windschutzscheibe eine dicke Kruste gebildet, aber die Scheibenwischer räumten immer noch genug frei, dass er etwas so Großes gesehen hätte. Seine Scheinwerfer und die Straßenlaterne mochten den Sturm nicht besonders weit durchdringen, aber sie waren ausreichend.

Aber irgendetwas hatte er getroffen und als er an die Beifahrerseite kam, entdeckte er die Beule, die es bewies. Er suchte die Straße ab und sah zum Bürgersteig, fand aber keine Spur von … was immer es gewesen war. Keine Abdrücke. Kein Blut im Schnee oder sonst irgendeinen Hinweis, dass es überhaupt da gewesen war. Es war leicht zu erkennen, wo der Unfall geschehen war, indem man die Reifenspuren bis an die Stelle zurückverfolgte, an denen sie plötzlich nach links ausbrachen.

»Was zum Teufel …«, murmelte er.

Verwirrt vom Rätsel der Beule kehrte Keenan zum Streifenwagen zurück. Wie konnte er etwas getroffen haben, wenn nichts da war? Er ging neben dem Wagen auf die Knie und wischte die Schneeflocken weg, die sich in der Beule zu sammeln begonnen hatten. Dafür würde er mächtig Ärger bekommen und es niemals erklären können, aber dieses Rätsel würde er nicht lösen, indem er sich den Hintern abfror und der Sturm jegliche Beweise auslöschte.

Als er im blauen Lichtschein wieder nach vorne ging, kam ihm plötzlich ein Gedanke. Was wenn er überhaupt nichts getroffen hatte? Was wenn es umgekehrt gewesen war?

Keenan biss in der Kälte die Zähne zusammen und schüttelte den Kopf. Es war eine dumme Idee und solche Haarspaltereien machten überhaupt keinen Unterschied. Selbst wenn ein Bär aus dem Sturm gerannt gekommen und seinen Wagen während der Fahrt getroffen hätte, gäbe es dafür Beweise. Blut. Fell. Spuren.

Wenn der Bär keine Flügel gehabt hatte, war es kein Bär gewesen.

Als Doug Manning auf den Parkplatz von Harpwells Autowerkstatt fuhr, begann sein Magen zu knurren. Der Geruch von chinesischem Essen erfüllte sein Auto und er war äußerst dankbar, dass die Familie, die das Jade Panda betrieb, direkt über ihrem Restaurant wohnte, das daher offen geblieben war, während der Schnee unablässig fiel und vom Wind zu Verwehungen getrieben wurde. Einen offenen Spirituosenladen hatte er leider nicht gefunden, aber er nahm an, dass die Jungs genug Bier hatten, um die Nacht zu überstehen, und wenn nicht, gab es noch eine gut sortierte Auswahl halb voller Schnapsflaschen in Timmys Büro.

Die meisten Leute gingen auf Nummer sicher, deckten sich im Supermarkt mit Lebensmitteln ein und zogen sich mit einem Film oder Brettspielen in ihre Häuser zurück. Dougs Frau hatte genau das tun wollen, aber die Jungs von der Werkstatt hatten sich heute für das Spiel der Bruins verabredet, und wenn er versucht hätte, wegen ein wenig – na gut, einer Menge – Schnee einen Rückzieher zu machen, hätten sie ihm das ewig vorgeworfen. Also gab es Bier, chinesisches Essen und eine Menge Gemaule über ihre Ehefrauen. Die Bruins spielten in Florida, die glücklichen Mistkerle, also hatte der Sturm keinen Einfluss auf die Partie.

Doug parkte und stieg aus seinem restaurierten Mustang. Drei Schritte vom Wagen blinzelte er sich Schneeflocken aus den Augen und rutschte aus. Die braune Papiertüte mit dampfendem chinesischem Essen drohte ihm aus der Hand zu rutschen. Er ballte sie zur Faust und schloss die Augen. Als er sie eine Sekunde später wieder öffnete, stellte er erstaunt fest, dass er immer noch stand und die Tüte sicher im Arm hielt.

Sein Herz klopfte wild und er stieß ein leises Lachen aus. Timmy Harpwell zahlte einen anständigen Lohn und Doug mochte seinen Job, aber davon abgesehen hatte Doug nicht viel Glück im Leben. Es gab Leute, seinen älteren Bruder eingeschlossen, die ihn als Versager betrachteten, und an den meisten Tagen hätte er ihnen zugestimmt. Wenn er chinesisches Essen für hundertfünfzig Dollar auf dem Parkplatz fallen gelassen hätte, wäre er besser direkt wieder in den Mustang gestiegen und nach Hause zu seiner Cherie gefahren. Die Jungs hätten ihn endlos aufgezogen. Bei Cherie wusste er zumindest, dass er lächeln, sich entschuldigen und ihr einen Drink machen konnte und sie würde ihm schließlich vergeben. Wenn er ihrem Nörgeln lange genug zuhörte, würde am Ende des Regenbogens vielleicht sogar noch etwas Versöhnungssex auf ihn warten.

Aber dieses Mal hatte er es nicht versaut. Es waren keine Entschuldigungen nötig.

Sehr vorsichtig bahnte er sich seinen Weg über den verschneiten Parkplatz zur Tür. Ganz gleich, wie viele Zentimeter noch fielen, sie würden am nächsten Morgen kein Problem damit haben, wegzukommen. Timmy Harpwell hatte einen Schneepflugaufsatz an seinem Truck. Morgen würde er die Rentnerauffahrten freiräumen und einen Haufen Kohle verdienen, und das bedeutete, dass sein eigener Parkplatz als Erstes geräumt werden würde. Doug würde vielleicht sogar wieder daheim sein, bevor Cherie am Morgen aufwachte. Er konnte sich genau vorstellen, wie ihre karottenroten Haare ausgebreitet auf dem Kissen lagen, wie er neben ihr unter die Decke glitt und sie mit einem Kuss weckte. Er musste der Versuchung widerstehen, einfach das Essen abzugeben und schnurstracks nach Hause zu fahren. Timmy Harpwell hielt gern wie ein Mafiaboss Hof und er erwartete von seinen Angestellten, dass sie gelegentlich seinen Ring küssten.

Da Doug mütterlicherseits halb koreanisch war, mit schwarzen Haaren und dunkelbraunen Augen, hatte er sich in seiner Kindheit in Coventry eine Menge rassistischer Scheiße anhören müssen, sowohl beiläufig wie absichtlich bösartig. Die meisten offenen Beleidigungen hatten aufgehört, als er groß und breit genug geworden war, aber der beiläufige »Das ist doch nur Spaß unter Kollegen«-Rassismus würde nie enden. Er hatte früh gelernt, dass er, wenn er weiter bei Harpwell arbeiten wollte, alles hinzunehmen hatte und sich andere Möglichkeiten ausdenken musste, um es ihm heimzuzahlen. Sobald er sich anmerken ließ, wie sehr es ihm etwas ausmachte oder dass er seine Zeit lieber mit seiner Frau als mit den Jungs in der Werkstatt verbringen würde, war er gefeuert, und das konnten sich Cherie und er nicht leisten.

Doug stapfte durch die Tür und hinter ihm drängte Schnee herein, bis er sie schloss. Das vordere Büro war leer, also ging er geradewegs ins Hinterzimmer. Dort hatten sich neun Männer auf fleckigen Sofas und Sesseln ausgebreitet, die um einen riesigen Fernseher arrangiert waren. Doug hatte die Hälfte des zweiten Drittels verpasst, aber er hatte eine Partie Stein, Schere, Papier gegen Franco verloren, der das Essen eigentlich hatte abholen sollen. Sie waren beide letztes Jahr eingestellt worden und in der Hackordnung ganz unten, was bedeutete, dass sie immer die Drecksarbeit zu erledigen hatten. Doch das machte Doug nichts aus.

»Hoch lebe der dem Schneesturm trotzende Held!«, verkündete er beim Hereinkommen und hielt die große Papiertüte hoch. »Und niemand rührt meine frittierten Teigtaschen an.«

Die meisten Männer jubelten und prosteten ihm zu, ein paar standen auf und halfen ihm, das Essen zu sortieren. Aber nicht Timmy Harpwell. Sein Chef, mit seinem sorgfältig getrimmten Bart und seinen perfekten Haaren, saß nur da und grinste. Dann warf er Zack Koines einen Blick zu und schüttelte den Kopf.

»Keine Sorge, Dougie«, sagte Timmy. »Niemand wird deine kleinen Teigtaschen anrühren.«

»Die Teigtaschen deiner Frau würde ich aber liebend gern mal anfassen«, murmelte Koines.

»Oh scheiße, Zack, hast du das gerade echt gesagt?«, fragte Timmy.

»Da kannst du einen drauf lassen.«

Die Jungs begannen alle zu lachen und Doug lachte gezwungen mit. Er tat so, als sei das keine Beleidigung gewesen, als sei das alles nur ein großer Scherz. Er konnte das Grinsen in seinem Gesicht spüren und wusste, dass die anderen es falsch deuten würden. Sie würden denken, dass er es witzig fand, obwohl er Koine dafür am liebsten erwürgt hätte.

Stattdessen lachte er noch ein wenig lauter.

»Wenn diese drogensüchtige Filipino-Nutte nicht vor deiner Tür aufgetaucht wäre«, konterte Doug, »hättest du vielleicht immer noch eine Frau, die zu Hause auf dich wartet. Scheiße, deine Frau hätte dich vielleicht sogar bleiben lassen, wenn die Nutte nicht so verdammt hässlich gewesen wäre. Sie hat bestimmt nur einen Blick auf diese Schlampe geworfen und gedacht: ›Die würdest du eher ficken als mich?‹ Kein Wunder, dass sie …«

»Doug!«, sagte Timmy Harpwell nachdrücklich.

»Was denn? Wir machen doch nur Witze, oder?«, erwiderte Doug und breitete seine Arme aus. »Trinken ein paar Bier, nehmen uns ein bisschen auf den Arm. Zack erzählt den ganzen Tag davon, wie gern er meine Frau ficken will, aber er macht nur Witze, stimmt’s? Ist alles nur ein großer Scherz. Ich dachte nur, dass es witzig wäre, es in die richtige Perspektive zu rücken.«

»Meine Fresse«, flüsterte Franco.

Doug sah sich um, aber keiner seiner Kollegen sah ihm in die Augen. Keiner außer Timmy und Koines, die ihn beide anstarrten.

Koines wollte sich auf ihn stürzen, aber Timmy hielt ihn mit einer Geste zurück. Dann wandte er sich an Doug.

»Du bist gefeuert. Und jetzt raus hier.«

Doug lachte laut, obwohl sein Herz wie wild hämmerte und er seine Hände zu Fäusten ballte. »Soll das ein Witz sein? Weswegen? Wir nehmen uns doch ständig gegenseitig auf den …«

»Nicht«, sagte Timmy. »Hör auf mit dem Scheiß.«

Doug begann vor Wut zu zittern, aber er wusste, dass es keinen Zweck hatte, herumzudiskutieren. Und wenn er sich auf Koines stürzte, würde er nur blutend draußen im Schnee landen. Also hob er die Hände.

»Schön. Du gewinnst. Aber dein Führungsstil ist echt scheiße, Mann.« Er drehte sich um und ging zum Tisch, wo er den Beutel mit chinesischem Essen hingestellt hatte.

»Lass es da«, sagte Timmy.

»Ich habe meine zwanzig Dollar dazugetan. Mein Essen ist da drin.«

Timmy starrte ihn an, sagte aber nichts. Keiner der Jungs wagte es, sich für ihn einzusetzen.

Mit knurrendem Magen nickte Doug langsam in die Runde, dann verließ er den Raum. Als er die Vordertür erreicht hatte, hörte er, wie Koines ihm etwas nachrief.

»Arschloch«, sagte der Mistkerl. »Und ein beschissener Mechaniker bist du auch.«

Doug drückte die Tür auf und trat in den Schnee hinaus. Der Wind peitschte Schnee gegen ihn. Seine Haut fühlte sich so heiß an, dass er sich vorstellte, wie sich die Schneeflocken in Dampf verwandelten, wenn sie ihn berührten.

Cherie, dachte er.

Aber er konnte jetzt nicht zu ihr nach Hause gehen. Konnte es nicht ertragen, ihr zu erzählen, dass er seinen Job verloren hatte. Er fischte seine Schlüssel aus der Hosentasche und ging zum Mustang. Er hoffte, dass das Jade Panda noch aufhatte und er seinen knurrenden Magen mit ein wenig Essen zum Schweigen bringen konnte, um ihn dann in Whiskey zu ertränken.

Er startete den Mustang und trat aufs Gas. Dann verließ er mit dröhnendem Motor den Parkplatz. Seine Reifen matschten durch zentimeterhohen Schnee.

Verdammter Sturm. Verdammter Koines, dachte er. Aber er wusste, was Cherie sagen würde. Dein verdammtes Mundwerk.

TJ Farrelly legte seine Gitarre in den Hartschalenkoffer, den er seit seinem vierzehnten Lebensjahr benutzte. Seine Eltern hatten ihm eigentlich eine weiche Gitarrentasche kaufen wollen, aber er fand, dass die nur was für Hippies war, die von einem Gig zum nächsten trampen mussten. Der Hartschalenkoffer mochte altmodisch sein, aber er war einfach der Meinung, dass ein richtiger Musiker – jemand, der seine Gitarre liebte – sie nicht wie einen Rucksack voll schmutziger T-Shirts und Socken behandeln würde. Er hatte einen Rucksack, in dem er eine Auswahl Mundharmonikas und die dazugehörige Halterung transportierte, aber seine Gitarre war ihm wichtig. Ihr Ton war praktisch der Klang seiner eigenen Stimme.

»Wow«, sagte Ella vom anderen Ende des Restaurants aus. »TJ, das musst du dir ansehen.«

Er klappte den Gitarrenkoffer zu und sah zu ihr. Sie stand am Vordereingang des Restaurants, die Tür einen Spaltbreit auf. Schneeflocken tanzten an ihr vorbei ins Innere, der Wind verwehte ihre Haare, und plötzlich stieg eine Welle des Bedauerns in TJ hoch. Ella hatte sich nicht mal zu ihm umgedreht, aber trotzdem war sie wunderschön. Sie standen schon ewig in einem freundschaftlichen Verhältnis zueinander, aber an diesem Abend, als sie sich unterhalten hatten, während die restliche Belegschaft aufgeräumt hatte und in den Sturm hinausgegangen war, hatte TJ eine Verbindung zu Ella gespürt, die er nicht erklären konnte.

Sie hatten eine Weile zusammengesessen, während das Feuer im Kamin heruntergebrannt war. Er hatte ein paar Songs geschrammelt und gesungen, mittendrin aufgehört und war zu einem anderen übergegangen. Er konnte vor Publikum und für sich allein spielen, aber als der Koch des Restaurants aus der Tür gegangen war und sie zu zweit zurückgelassen hatte, war es ihm plötzlich irgendwie peinlich gewesen, nur für sie zu spielen. Seine Finger waren über den Hals der Gitarre gehüpft, das Plektrum über die Saiten gestrichen, und er war von Lied zu Lied gesprungen wie ein Kind mit ADHS, das sich einfach nicht für einen Radiosender entscheiden konnte.

»Ganz schön schlimm da draußen, was?«, fragte er, während er durch das Restaurant zu ihr ging.

Ella drehte sich nicht um. »Total verrückt. Das müssen acht Zentimeter pro Stunde sein.«

Der Wind heulte durch die schmale Öffnung der Tür. TJ sah, wie sie sich ruckelnd gegen Ellas Griff wehrte. Er stellte sich neben sie und sie ließ den Wind die Tür weiter aufzwingen. So standen sie da und schauten zusammen auf die Straße.

»Du hast nicht übertrieben«, sagte er.

Der Schnee hatte alles eingehüllt, abgesehen von den Stellen, an denen der Wind ihn zusammengetrieben und damit hohe Wehen geschaffen hatte, die wie Ozeanwellen wirkten. Was die Schneepflüge auch getan hatten, der Sturm hatte es ungeschehen gemacht. Wie es aussah, war es eine Weile her, dass jemand auch nur versucht hatte, die Straße zu räumen. Es waren breite Reifenspuren zu sehen. Jemand war in der letzten halben Stunde mit einem Laster vorbeigefahren und nicht stecken geblieben. Aber Ella fuhr einen Toyota Camry.

»Kommst du noch sicher nach Hause?«, fragte er. »Ich habe meinen Jeep. Ich könnte dich fahren.«

Sie drehte sich zu ihm um und TJ wurde sich auf einen Schlag bewusst, wie nah sie sich waren. Nur ein paar Zentimeter trennten sie voneinander. Ella erschauerte, als ein frischer Windstoß mehr Schnee über die Schwelle des Restaurants blies. Draußen tobte der Sturm, aber hier waren sie gerade noch am Rand einer Zuflucht, irgendwie gewagt, aber gleichzeitig geschützt.

»Ich hab überlegt, einfach hier zu schlafen. In meinem Büro. Ich hab da eine Decke und ein paar Kissen. Wenn ich versuche, nach Hause zu kommen, bleibe ich vielleicht stecken, aber selbst wenn ich es schaffe, habe ich morgen früh vielleicht Probleme, wieder herzukommen.«

TJ hätte ihr sagen können, dass der Sturm so übel wirkte, dass die ganze Region morgen möglicherweise ohnehin dicht war. Aber ihre Lippen glänzten im Licht der Lampe über dem Eingang und ihre Augen leuchteten hellbraun.

Eine Schneeflocke landete auf den Wimpern ihres linken Auges und er konnte nicht mehr atmen.

Sie lehnten sich vor, doch dann hielt sie inne und sah zu Boden. »Du musst gehen. Wenn es so weiterschneit, wird dich selbst dein Jeep nicht mehr nach Hause bringen.«

»Ella, ich …«

»Du hast deiner Mutter gesagt, dass du kommst.«

TJ lächelte und ließ geschlagen den Kopf hängen. Aber nur für eine Sekunde.

»Hier passiert etwas«, sagte er und starrte sie an, bis sie aufblickte und ihm in die Augen sah. »Das ist einer von diesen Momenten … ich kann es fühlen.«

»Du kannst es fühlen?« Sie sah ihn fragend an.

Einen Moment lang wusste er nicht, wie er weitermachen sollte. Dann hob er seine Hand und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht. Sie erschauerte erneut und sie sahen sich in die Augen.

»Ich spiele nicht oft die Lieder, die ich selbst geschrieben habe. Ich schätze, ich habe ein bisschen Angst, sie zu teilen. Aber kennst du ›Stars Fall‹?«

Sie nickte. »Ich liebe diesen Song.«

»In der Highschool habe ich mal bei meinem Kumpel Willie gepennt. Willie, ich und ein anderer Freund namens Aaron hatten den Tag miteinander verbracht. Und es war ein toller Tag gewesen. Damals vielleicht der beste Tag. Willie wollte, dass wir uns Schlafsäcke nehmen, Bier aus dem Kühlschrank in der Garage klauen und am Kenoza Lake zelten. Meine Eltern haben es erlaubt, aber nach einem Anruf daheim hat Aaron gesagt, dass seine Mutter das nicht will. Wir haben alle gewusst, dass er lügt.«

»Wollte er nicht zelten oder wollte er nicht trinken?«, fragte Ella und ließ die Tür zufallen. Jetzt war es irgendwie noch intimer, sie beide allein hier drinnen, während draußen der Sturm tobte.

TJ zuckte mit den Schultern. »Vielleicht beides. Aber diese Nacht hat etwas zwischen mir und Willie gefestigt. Wir haben keinen Bären gesehen, keine Gruppe Mädchen getroffen, keinen geheimen Schatz entdeckt oder so was. Aber wir haben die ganze Nacht am See gelegen und die Sterne beobachtet. Wir haben über unsere Familien gesprochen, über Mädchen und über die Zukunft. Ich kann mich immer noch genau erinnern, weil es sich selbst damals so real angefühlt hat. Danach waren Willie und ich einfach unzertrennlich.«

»Wo ist er heute?«, fragte Ella.

Ein vertrauter Schmerz breitete sich in ihm aus. »Irak. Er ist nicht nach Hause gekommen.«

»Tut mir leid.«

Einen Moment lang sagte TJ nichts. Dann ergriff er ihre Hand und sah ihr wieder in die Augen. »Mit Aaron war es nach dieser Nacht einfach nicht mehr das Gleiche. Er war immer noch unser Freund, aber er war nicht dabei gewesen, verstehst du?«

Ella atmete aus und nickte. »Ich glaube schon.«

»Ich will nicht wie Aaron sein«, sagte er.

»Was …« Sie lachte leise. »Was ist mit deiner Mutter?«

»Die Schneewehen sind so schlimm, dass ich mir nicht mal sicher bin, ob der Jeep das schaffen würde«, gestand TJ. »Ich rufe sie an und erkläre es ihr. Sie wird es verstehen.«

Ella lächelte. »Dann mache ich ein neues Feuer im Kamin. Und du holst besser wieder deine Gitarre raus.«

TJ grinste und lehnte sich zu ihr vor, zögerte einen Moment und berührte ihre Lippen sanft mit seinen. Kein Grund zur Eile. Sie hatten die ganze Nacht.

Ella verschloss die Tür, um den Sturm in Schach zu halten.

Später, als sie in den Holzscheiten herumstocherte, um das Feuer anzufachen, spielte er »Falling Slowly« von den Frames, das Lied, das sich Ella immer wünschte.

Und der Strom ging aus.

Martha Farrelly liebte ihren Sohn, aber manchmal ging es ihr auf die Nerven, dass er sie wie eine alte Dame behandelte. Sie war natürlich ein Spätzünder gewesen – sie hatte TJ mit neununddreißig bekommen –, aber sie fand, dass sie für eine Frau von einundsiebzig ziemlich gut in Form war. Sie machte Yoga, ging dreimal die Woche ins Fitnessstudio und kannte sich mit Computern genauso gut aus wie ihr Sohn, auch wenn das nicht viel hieß.

Sie hatte ihn nur deswegen gebeten, über Nacht zu bleiben, weil sie sich Sorgen machte, ob sie am nächsten Tag aus der Einfahrt kommen würde. Sie hatte jemanden, der ihr kleines Stück vom Gehweg räumte, aber selbst nach einem mäßigen Schneefall ließ er sich Zeit, weil er sich erst einmal um seine größeren Kunden kümmerte. Bei einem solchen Blizzard war nicht abzuschätzen, wann er auftauchen würde, und Martha hatte am nächsten Tag viel vor, angefangen mit ihrem Lieblingsyogakurs um sieben Uhr früh. Wenn der Schneepflugmann nicht auftauchte, wollte sie, dass TJ da war, um sie auszugraben, aber er dachte, dass sie Angst vor dem Sturm hatte.

Dummer Junge, dachte sie. In ihrem Alter gab es nicht viel, vor dem sie Angst hatte. Bestimmt nicht vor einem Schneesturm, ganz egal wie viele Zentimeter Schnee fielen. Ihr Kühlschrank und ihre Schränke waren voll und sie aß ohnehin nicht viel. Wenn sie ein paar Tage lang eingeschneit war, würde ihr das nur die Gelegenheit geben, ein bisschen zu lesen.

Als er angerufen hatte, um ihr zu sagen, dass er im Restaurant aufgehalten worden war und die Straßen übel aussahen, war sie ein bisschen beunruhigt gewesen, aber jede Sorge darüber, ihre morgendliche Yogastunde zu verpassen, war von der ungewöhnlichen Zögerlichkeit in seiner Stimme überdeckt worden. Auch wenn Martha sie nicht häufig zu hören bekam, wusste sie doch genau, was sie bedeutete – wie konnte sie auch nicht, schließlich hatte sie ihn aufgezogen. Er hatte ein Mädchen kennengelernt. Yoga hin oder her, Martha würde ihrem Sohn nicht im Weg stehen, wenn es um eine potenzielle neue Freundin ging. Sie wollte schließlich irgendwann einmal Enkel haben.

Er war ein guter Mann, ihr TJ. Rief alle paar Tage an, selbst wenn er viel zu tun hatte, und nie vergaß er ihren Geburtstag oder sie am Muttertag zum Brunch auszuführen. Er kam nicht oft vorbei, aber das machte Martha nicht so viel aus. Sie hatte ihr eigenes Leben und verstand es, im Gegensatz zu vielen ihrer Freunde. Die beschwerten sich ständig darüber, dass ihre Kinder und Enkel nicht genug Zeit für sie hatten, und vergaßen darüber irgendwie, dass sie sie dazu erzogen hatten, eigenständige Leben zu führen, selbst Kinder aufzuziehen und anderen Gutes zu tun. Martha und TJ aßen alle drei, vier Wochen gemeinsam zu Abend und gelegentlich trafen sie sich, um einen Film anzusehen, und das war auch immer schön, aber sie wollte auf keinen Fall, dass er sie als bedürftig ansah … als eine alte Frau, um die man sich kümmern musste.

»Alt, von wegen«, murmelte sie und lachte. Wenn sie allein vor sich hin murmelte, war sie vielleicht doch schon älter, als sie dachte. Aber sie musste es ja nicht mögen, und sie hatte auch nicht vor, sich aufzugeben.

Der Bursche, der diese Woche auf Channel 5 das Wetter moderierte, hatte so unheilvoll über den Sturm gesprochen, dass ihr doch ein wenig mulmig geworden war. Der übliche Wetteransager, ein Harvey Soundso, war im Urlaub – und dafür hatte er sich auch genau die richtige Woche ausgesucht –, aber Martha hätte der Vorhersage mehr vertraut, wenn er sie getroffen hätte. Unabhängig davon entwickelte sich der Sturm aber genauso schlimm wie angekündigt.

Martha saß im Wohnzimmer in dem weichen Lehnsessel mit Blumenmuster und schaltete sich durch die Kanäle. Die Tanzsendung, die sie mochte, war um zweiundzwanzig Uhr zu Ende gewesen und sie hatte in der letzten Dreiviertelstunde nichts gefunden, das sie ansprach. Sie hatte Bruchstücke eines halben Dutzends Filme und Ausschnitte aus Reality Shows geschaut, die alle versucht hatten, sie zu ködern. Sie empfand eine gewisse schreckliche Faszination für diese Shows, konnte sich aber nicht dazu durchringen, eine ganze Folge auszuhalten. Sie war davon überzeugt, dass sie ihre Menschlichkeit und Intelligenz für immer verlieren würde, wenn sie das jemals täte.

Genervt schaltete sie wieder um, auf der Suche nach irgendetwas, das nicht vollkommen geistlos war. Nicht dass sie noch lange durchhalten würde – sie stand kurz davor, in ihrem Sessel einzunicken, wie sie es fast jeden Abend tat –, aber noch war sie nicht bereit, sich dem Schlaf zu ergeben.

Als sie an einen Clint-Eastwood-Streifen geriet, gab sie der Fernbedienung eine Verschnaufpause. Eastwood war praktisch der einzige echte alte Filmstar, der noch auf diesem Planeten verblieben war, und sie hatte es immer gemocht, ihn anzusehen. Selbst sein Altern war interessant zu beobachten gewesen.

Innerhalb von Minuten begannen ihre Augenlider schwer zu werden und ihr Kopf sank langsam zur Seite. Schläfrig veränderte Martha ihre Sitzposition, um es sich bequemer zu machen, während sie Eastwoods tiefem Knurren lauschte.

Das Telefon riss sie aus dem Halbschlaf. Es war die blecherne Melodie, die sie einem altmodischen Klingeln vorzog – normalerweise. So spät am Abend war sie aufdringlich und viel zu fröhlich. Stirnrunzelnd stand Martha auf und eilte so schnell sie konnte in die Küche. Sie nahm an, dass es TJ war, der nachfragen wollte, wie es ihr ging, aber als sie den Hörer abgenommen hatte, hörte sie am anderen Ende der Leitung nichts mehr. Sie drückte mehrfach auf den Knopf, bekam aber kein Freizeichen. Der Sturm musste die Leitung gestört haben.

Sie hatte sich umsonst aus dem Sessel gequält.

Wo sie schon in der Küche stand, dachte sie darüber nach, gleich ins Bett zu gehen, statt vor dem Fernseher einzuschlafen. Stattdessen befeuchtete sie ihre Lippen und öffnete einen Schrank, um nach der Packung Oreos zu suchen, die sie für genau solche Momente bereithielt. Sie stellte sich die Kekse in einem Kasten mit der Aufschrift »Im Notfall Scheibe einschlagen« vor und schmunzelte.

Sie machte sich eine Tasse Tee und knabberte ein paar Kekse, während sie das Wasser zum Kochen brachte, dann ließ sie den Teebeutel lange genug im Becher, um den Tee schön stark zu machen. Als sie gerade einen weiteren Oreo aus der Packung fischte, klopfte es an der Tür. Martha zuckte zusammen, dann sah sie stirnrunzelnd auf die Uhr an der Mikrowelle. Zweiundzwanzig Uhr einundfünfzig. Wer stand so spät vor ihrer Tür?

Schnell warf sie den Teebeutel in den Müll, ließ ihre Tasse dampfend an der Spüle stehen und ging durchs Wohnzimmer zur Haustür. Dort warf sie einen Blick durch das dunkle Fenster. Schnee klebte an der Scheibe und hatte kleine Häufchen auf der Fensterbank gebildet. Sie versuchte, sich vorzustellen, wer um diese späte Uhrzeit noch unterwegs war und einen Grund hatte, bei ihr anzuklopfen. Fünf Schritte von der Tür entfernt hielt sie inne und dachte an Stromausfälle und geborstene Gasleitungen. Vielleicht gab eine Art Evakuierung?

Es klopfte erneut und sie dachte an den Anruf. Dann atmete sie erleichtert aus und lachte über ihre Nervosität. Es gab nur eine logische Antwort. TJ musste versucht haben, sie anzurufen, und als er sie nicht erreicht hatte, war er durch den Sturm zu ihr gekommen, weil er sich Sorgen um sie machte.

»Weißt du«, sagte sie, während sie die Tür aufschloss und nach innen aufzog. Schnee flog ihr ins Gesicht. »Ich kann wirklich selbst auf mich aufpassen.«

Aber in Wahrheit konnte sie das nicht.

Und es war auch nicht ihr Sohn an der Tür.

Cherie Manning war sauer. Der Strom war jetzt schon seit einer Stunde ausgefallen, und so wie der Sturm ums Haus tobte, wusste sie, dass er auch erst am Morgen wiederkommen würde – vielleicht sogar noch viel später. Einer der Bäume im Garten war bereits umgekippt und ein großer Ast gegen die Kellertür gestürzt. Ein paar Meter weiter hätte er die Fenster zerschlagen oder sogar die Wand beschädigt.

»Und wo zum Teufel ist Doug?«, sagte sie in ihr Handy. »Sich mit den restlichen Schraubern besaufen.«

Sie lag eingerollt unter einer Decke auf dem Sofa und telefonierte mit ihrer besten Freundin Angela, während sie die Reflexion des Kerzenlichts im Fenster beobachtete. Sie hatte gewusst, dass es in dem kleinen Haus zog, das Doug und sie im Herbst gekauft hatten, weil sie an eine Familie dachten. Aber so wie die Kerzen flackerten, kam es ihr eher so vor, als sei irgendwo ein Fenster auf.

»Hast du ihn angerufen?«, fragte Angela.

Cherie verdrehte die Augen. Sie wollte nicht zickig wirken, aber manchmal war Angela wirklich zu dämlich.

»Fünfmal. Er geht nicht dran.«

»Komm schon, Cherie. Du weißt doch, wie die Kerle sind. Er trinkt mit seinen Kumpels was und schaut sich das Spiel an. Er hat sein Handy wahrscheinlich in der Jacke gelassen oder so was. Oder er hat wegen des Sturms keinen Empfang. Ich habe zweimal versucht, dich anzurufen, bevor ich dich erreicht habe. Der Empfang ist heute Abend echt beschissen.«

»Kann sein«, erwiderte Cherie.

»Du weißt, dass Doug nicht halb so schlimm ist wie einige dieser anderen Typen«, fuhr Angela fort. »Zumindest weißt du, dass er nicht bei irgendeiner Nutte ist …«

»Tue ich das?«, fragte Cherie.

»Ach, bitte! Ja, tust du! Er ist vielleicht nicht der Hellste, aber der große Dummkopf liebt dich, und das ist doch schon eine Menge wert.«

Cherie lächelte und zog die Decke enger um sich. Sie betrachtete die flackernden Kerzen und dachte an die vielen Male, die Doug und sie Kerzen angezündet hatten, obwohl es keinen Stromausfall gegeben hatte.