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"Beiläufig legt der Guerillero seine Waltherpistole neben den Whisky. Morgen opferst du eine Kuh für uns! Cheers!" Auf seinem spannenden Trip durch Indien erklärt Gadamer nicht nur die fremde Kultur, sondern wirft auch einen ungewöhnlichen Blick auf die westliche Welt. So locker und virtuos, spannend und informativ ist selten über den Subkontinent geschrieben worden. Auf gadamers-reisen.de gibt es zum Buch 19 Filme, die Buch und Film multimedial zu einem sinnlichen Abenteuer machen.
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Seitenzahl: 487
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Klaus-Jürgen Gadamer wurde 1956 in Stuttgart geboren. In Heilbronn absolvierte er das Wirtschaftsgymnasium und studierte dann Germanistik und Musik. Seine Tätigkeit als Lehrer wurde durch einen schweren Verkehrsunfall beendet.
Reisen ist die beste Medizin: Nach vielen Jahren schwerer Krankheit, begann er zu reisen.
Sein Reisekonzept: Über das Internet Menschen anderer Kulturen kennenzulernen, diese zu besuchen und an ihrem Leben teilzuhaben.
So reist er immer wieder nach Indien, zum Stamm der Zomi nach Manipur, zu dem Stamm der Batak auf Sumatra, den Shan in Burma.
In Ghana besuchte er Bolgatanga, die Hauptstadt der Fra Fra und nahm dort Kontakt zu Musikern auf. Der Deal: Du kommst und spielst. Ich nehme die Musik mit meinen Aufnahmegeräten auf und am nächsten Tag bekommst du umsonst eine fertig abgemischte CD.
Über seine Reisen schreibt er viele Geschichten. Geschichten über Erlebnisse in fremden Kulturen. Und immer wieder wird klar: Wenn ich andere Sitten und Denkweisen verstehe, werden mir die Grundlagen des eigenen Denkens erst bewusst.
Videos dazu auf dem YouTube-Kanal: Kla Ga
K.-J. Gadamer veröffentlicht regelmäßig Artikel bei Tichys Einblick, in der Huffington Post und bei Indien-aktuell.
Wer andere erkennt, erkennt sich,
wer sich erkennt, erkennt andere.
(Remadag, 2000 v.Chr.)
Ob man eine Reise antritt oder ob man ein Buch zu schreiben beginnt, stets ist es ratsam, dem Ganesha eine Blüte, ein Räucherstäbchen und ein Gedenken darzubringen, damit er die Hindernisse niedertrampelt oder mit seiner breiten Elefantenstirn beiseiteschiebt, falls er nicht seine findige Ratte ein Schlupfloch suchen lässt.
Om, Ganeshaya namah! Om, Ehre dem Ganesha!«
oder:
Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
den schickt er in die weite Welt.
Aus einem deutschen Volkslied
Die Filme zum Buch:
Zum Buch gibt es 19 Fotoshows & Filme mit Musik und Originalklängen auf der Internetseite: gadamers-reisen.de
Präludium
Landung auf einem fremden Planeten Video
Gejagt Video
Kampf mit der Eisenbahn
Mit allen heiligen Wassern gewaschen Video
Viertel, halb & ganz Erleuchtete Video
While my Sitar gently weeps Video
Montezumas Rache Video
Vier, Fünf, Sex - da lacht die kleine Hex
Höllenfahrt zur Lamastadt
Kleintibet Video
Im Ohr der heiligen Kuh Video
Mamma Amma Video
Weiß auf schwarzem Sand Video
Krieg in Madras
In Varanasi – burning is learning Video
Ein guter Schnitt in Delhi Video
Manipur - Indianerland 2 Videos
Im Guerillacamp 3 Videos
Zurück Video
Das Multimedia-Projekt
Zu den fett gedruckten Abschnitten im Buch gibt es im Internet auf
gadamers-reisen.de
19 Fotoshows & Filme mit Originalklängen und Musik.
Diese erzeugen ganz neue, stimmungsvolle Eindrücke zum Text.
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So kann man die Filme zum Buch ansehen:
Im Internet auf die Seite gadamers-reisen.de gehen,
dann auf -Die Indienfilme zum Buch- klicken und
den Freischaltcode 1935 eingeben.
Und nun alle 19 Filme sehen - viel Spaß!
Oder:
Mit Ihrem Smartphone im Buch den QR-Code unter den fett gedruckten Abschnitten scannen und dann die Filme anschauen.
Zum Beispiel:
Der QR-Code für das Smartphone zum
13. FILM in Kapitel 18 - Manipur - Indianerland
Scannen und den Film sehen!
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Wer auf seinem Smartphone noch keinen QR-Code Scanner hat:
Einfach bei Google Play Store kostenlos herunterladen und den QR-Code scannen, dann können Sie den Film auf dem Smartphone sehen.
Besonderen Dank an
Regina Schopf, ohne die dieses Buch nicht möglich gewesen wäre,
und an
Christa Baurenschmidt für ihren guten Rat.
M. Matussek war Autor für den Stern und für den Spiegel. Er berichtete als Sonderkorrespondent aus Ost-Berlin, wofür er mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet wurde.
Er leitete die Büros des Spiegel in New York, Rio de Janeiro und London. Schließlich war er beim Spiegel Leiter des Kulturressorts.
Anschließend war er Kolumnist bei der Tageszeitung Die Welt.
Matthias Matussek ist Autor einiger deutscher Bestseller wie Die vaterlose Gesellschaft, Wir Deutschen und Als wir jung und schön waren
Endlich ein Buch über Indien, das den Möglichkeiten der modernen Medien gerecht wird. Nicht nur Wörter veranlassen den Leser, seine Vorstellung zu entfalten, sondern Gadamer präsentiert im Internet auch passende Bilder, Filme und vor allem auch die grandiose indische Musik. So kann sich der Leser sehr viel emotionaler auf die andere, die indische Kultur einlassen.
Ich habe Indien mehrere Male bereist und es wurde mir dabei immer fremder. Indien, soviel habe ich begriffen, lebt das Unmögliche mit allergrößter Selbstverständlichkeit, es steht mit einem Fuß im technologischen Übermorgen und mit dem anderen in einer 3000jährigen Kultur und religiösen Tradition. Auf alle Fälle ist es das spirituellste Land, das ich kenne, und dabei sehr offen.
Diese Gleichzeitigkeit von alter Religion, Tradition und Moderne ist uns fremd, aber sie wird von Gadamer sehr anschaulich geschildert. Es ist eine Fremdheit, die uns gleichzeitig vertraut ist, so fremd, so vertraut, wie Gadamer schreibt, denn wir finden vieles aus der indischen Gegenwart in unserer Vergangenheit.
Das letzte Mal reiste ich rund um den Kontinent mit der Überlegung, als Korrespondent nach Indien zu ziehen. Zur gleichen Zeit war mein Bruder Botschafter in Delhi, er hatte sich als letzten seiner Standorte eine Rückkehr nach Delhi gewünscht, wo er zu Beginn seiner diplomatischen Karriere stationiert war. Ich war verblüfft darüber, denn ich kenne ihn als rationalen, pragmatischen Menschen, doch die stillen und die lauten Verrücktheiten des Subkontinents hatten ihn nicht losgelassen.
Meine erste Indienreise war die typische Hippie-Tour mit einem VW-Bus Anfang der 70er Jahre. Indien. Wie für alle Hippies war es für mich eine Vision in Curry-Gelb und Safran-Rot, Staub und klimpernde Goldketten, schwarze Blicke und kiffende Sadhus an jeder Straßenecke.
Während Rainer Langhans in München vom Guru Kirpal Singh initiiert wurde, machten wir uns auf, um über die kurdische Osttürkei, Iran, Afghanistan, Pakistan, Indien, nach Nepal zu reisen, das war damals noch eine Route, die man mit der Steppdecke unterm Arm bewältigen konnte, im VW-Bus.
Und die junge Generation heute? Revival. Die westlichen Neohippies, die heute Indien bereisen, behängen sich mit den gleichen Utensilien, tragen die gleiche Haartracht. Aber was damals revolutionär war, ist heute ein fantasieloser Abklatsch der Mode der Eltern oder inzwischen sogar der Großeltern. Auch darüber schreibt Gadamer erhellend.
Damals verstanden sich Indien und Pakistan nicht gut. Das ist immer noch so. Aber wer weiß schon warum? Gadamer erklärt die hinduistische Aversion gegen den Islam. Schließlich war Indien 600 Jahre islamisch besetzt, die Hindus waren vor allem Untergebene und Sklaven im eigenen Land. Das Taj Mahal kündet heute noch von der Herrschaft der muslimischen Mogule.
Anfang der 70er gab es in Pakistan das Haschisch nahezu umsonst. Als unsere Reise von Pakistan nach Indien weiterging, steckte ich mir die beträchtlichen Reste in meine bereits ziemlich abgelatschten braunen Wildleder-Halbstiefel vom Stuttgarter Breuninger-Schlussverkauf, 38 Mark, und fuhr mit den anderen in einem öffentlichen Bus – unser VW hatte in Afghanistan schlappgemacht – auf die Grenze zu. In der Grenzbaracke saß eine Dame im Sari, mit einem roten Punkt auf der Stirn, dem dritten Auge. Plötzlich sprach die Dame mit dem dritten Auge und deutete auf mich. Ich wurde in ein Nebenzimmer gebracht, musste mich dort ausziehen und schon fiel das Haschisch zu Boden. Am nächsten Tag wurden wir nach Amritsar gebracht, ins Zentralgefängnis. Mein Trip nach innen, er begann tatsächlich in einer Zelle.
Eines Tages saß ich im Schatten der Gefängnismauer und hörte von der anderen Seite einen Ruf. Ich sah nach oben: eine halbe Hand. Da wollte sich einer unterhalten. Ich erzählte woher ich kam und dass das Leben ja sowieso eine Zelle sei, eine Einzelzelle, und dass nur die Bewusstseins-Revolution helfe. Von da an unterhielten wir uns öfter, und soweit ich ihn verstand, meinte er, dass das Leben zwar eine Illusion sei, aber eine schöne.
Dieses hinduistische Verständnis des Lebens beschreibt Gadamer immer wieder auch auf sehr humorvolle Art. Vor allem die Unterschiede von polytheistischem und westlich monotheistischem Denken sind interessant. In der Konstruktion von „Schuld“ und „Sünde“ unterscheidet sich der Westen in grundsätzlicher Weise von asiatischen Vorstellungen. Die Folgen dieses unterschiedlichen Lebensverständnisses sind immens und leider sonst kein Thema in der öffentlichen Diskussion. Hier rückt Gadamer einiges gerade.
Das nächste Mal besuchte ich Indien sozusagen in der Ersten Klasse. Mit der Stern-Fotografen-Legende war ich unterwegs, um ein Special zur indischen Literatur für das Magazin zu schreiben.
In Madras unterhielt ich mich mit einem Filmschauspieler, der wie ein Gott verehrt wurde. Mir wurde klarer als an irgendeinem anderen Ort der Welt, wie groß Klassenunterschiede sein können. In Kalkutta stiegen wir über die Beine von Leprakranken auf den roten Teppich des Grand Hotels. Merkwürdigerweise schien das niemanden zu empören, sie nahmen an, was das Schicksal, das ewige Rad der Wiedergeburten, ihnen für den gegenwärtigen Lebenslauf aufgab. Für uns Gerechtigkeits- und Gleichheitsfanatiker im Westen ist dieser Stoizismus schwer erträglich.
Auf unterhaltsame Weise erklärt Gadamer den Unterschied zwischen Karma und westlichem Gerechtigkeitsdenken. Beides kulturelle Konstruktionen, denn in der Natur gibt es weder das eine noch das andere.
Und immer wieder das Staunen über die spirituelle Hingebungsbereitschaft, über die zahllosen Tempel an fast jeder Straßenecke, die „pujims“, die Opfergaben, die noch von den Ärmsten zu Füßen der jeweiligen Götter abgelegt wurden, Speisen, Weihrauch, Blumengirlanden.
In einer Professorenwohnung in Delhi bemerkte ich einen Schrein, in dem Ganesha, der Elefantengott, einträchtig mit Buddha und Jesus versammelt war. Die Hausherrin meinte lachend dazu: „Who ever helps is welcome“ – wer auch immer hilft, ist willkommen.
Und auch dies erklärt Gadamer: Was im polytheistischen Denken normale Toleranz, ist im monotheistischen Denken nicht möglich. Oder haben Sie schon einmal eine Shiva-Statue in einer christlichen Kirche gesehen?
Ich bin sicher, dass der Leser mit Gadamers Buch seine Freude haben und verweilen wird, mit Text und Bildern und Filmen, denn Indien ist nach wie vor der Kontinent, der das Wort „Zauber“ Gestalt werden lässt.
Du wirst Indien hassen oder du wirst von Indien nicht lassen. Hass, Liebe und Hassliebe wird mir wechselweise prophezeit,
von Leuten, die noch nie in Indien waren,
aber von seiner spirituellen Kultur schwärmen,
von Leuten, die einmal und dann nie wieder nach Indien reisten,
von Leuten, die immer wieder nach Indien zurückkehren
und von Indien nicht lassen können.
Noch am Tage seiner Ankunft in Delhi buchte ein Freund den sofortigen Rückflug nach Deutschland. Mit freudiger Neugierde war er aus seinem Hotel getreten und sah direkt neben sich auf dem verdreckten Gehsteig einen Bettler sterben - einen in der langen Reihe von zerlumpten, armseligen, knochigen Bettlern, die zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel haben, in diesem Fall war es - zum Sterben genug. Wie geht man damit um, als satter, gutmenschiger Westeuropäer, der meint, das Elend der Welt auf seine Schultern bürden zu müssen.
Kann ich freier Westler mir in Indien die Freiheit nehmen, das Leben indisch zu sehen? Kann ich auf den Osten hören, der da sagt: Es ist, wie es ist.
Wir müssen helfen! Ganz betroffen von der Armut hilft eine sozialarbeitende Freundin in Indien.
Aber was ist Armut? Wer ist arm? Der, den wir als arm empfinden und deshalb ein schlechtes Gewissen haben? Aber der ist vielleicht ganz zufrieden, weil er schon viel mehr hat als sein Großvater.
Der weniger als einen Euro pro Tag verdient, ist unter der Armutsgrenze. Das wird in den deutschen Medien mit anklägerischem Timbre verlautbart und alle sind betroffen und gucken schuldbewusst. Aber in Delhi kann ich mich für 40 Cent in einer Arbeiterkneipe mit Dhal und Chapati sattessen. In deutschen Landen kostet mich das 4 Euro in der Kebabkneipe, also das 10-fache. Ein T-Shirt kostet mich hier mindestens 10 Euro, in Indien nur ein Zehntel.
Und wenn das ganze Jahr über 30 Grad Wärme herrscht, benötige ich nur ein paar der tollen Ti-Schörts und heizen brauch ich schon gar nicht. Ich brauch keinen gut bestückten Kleiderschrank, keine Winterklamotten und keine Stiefel. Ich brauche nicht einmal Fensterscheiben in den Fenstern, im Gegenteil, ohne Fensterglas ist es viel angenehmer, man spürt wenigstens manchmal etwas Kühle in der Schwüle.
Wer also in Deutschland Hartz 4 oder Sozialhilfe erhält, der hat vielleicht weniger als der Inder, der 3 Euro am Tag verdient. Wer also ist arm? Und wer ist reich? Die inzwischen unzähligen indischen Neureichen und erst die vielen Altreichen? Sie sind es sicher, aber die helfen den armen Armen zuletzt, in Indien. Wäre das nicht ihr Job?
Was wird mich erwarten im Land der 1,2 Milliarden begrenzten unbegrenzten Möglichkeiten? Wie werde ich mich fühlen in indischen Städten, die Günther Grass bei seinem einzigen Indienbesuch einmal als „Scheißhaufen Gottes“ bezeichnete?
Ganz wohl ist mir nicht. Tausend Mann vor dem Schalter und keine Fahrkarte im Bahnhof einer abgelegenen indischen Stadt. Die Erwartung berauscht nicht. Tausend Mann und ein Sprengsatz im Bahnhof irgendeines Indien-Tauns. Das Ergebnis ist bombig.
Aber auch Indien ist eingesponnen ins weltweite Netz. Also werde ich Suchmaschinen befragen, Fragen fragen, die das indische Leben gerade an mich stellt. Antworten finde ich im Netz und im Gespräch mit meinem Nachbarn in der Kneipe. Und die Antwort wird sein wie das Leben selbst. Manchmal klar, manchmal widersprüchlich - doch immer gewinnbringend.
Aber kann ich als Fremder überhaupt eine fremde Kultur verstehen? Eines eint zwar alle Länder, Völker hört die Signale: Money makes the world go round. Aber Indien ist ein fremder Planet. Meine Worte bedeuten dort anderes und die Worte der Inder bedeuten nicht meine Welt. Ist die politisch korrekte „Eine Welt“-Idee des Westens ein zynisches Missverständnis? Oder gibt es doch eine gemeinsame Grundlage?
In Indien bin ich weg von meinem Land, dem Land des Schonwaschgangs im Weichspülparadies und dem Gejammer auf hohem Niveau. Und wenn ich draußen bin, dann kann ich von außen auf meine Gesellschaft schauen. Von innen fällt mir nix auf, aber wenn ich sehe, wie´s woanders ist: Aha!
Wie alt unsere Gesellschaft ist, merken wir erst, wenn wir durch Indiens Straßen gehen und um uns herum fast nur junge Leute und Kinder wuseln, alles dicht an dicht, wie in Deutschland auf dem Volksfest. Indien, ein Jungvolk, kein Volksfest für Alte.
40-jährige zahnlose Inder und 80-jährige Deutsche mit fehlerlosem Gebiss. Was ist normal, was ist unnormal normal? Die Zahnärzte sind die wahren Könige von Deutschland und nicht ihre Kronen tragenden Patienten. Das sind nur die Vasallen, die hohen Tribut entrichten müssen und Blutzoll dazu. Und genau deshalb ziehen die armen unter den deutschen Schluckern immer öfter nach Indien, um sich jenseits des finanziellen Ruins die Beißer sanieren zu lassen. Entkronen die Deutschen bald ihre Könige und werden zu einem Bruchteil des Tributs Untertanen indischer Zahn-Maharadjas?
Und wie sind sie jetzt, diese Inder, die dort so ferne auf dem Mars leben? „Wie stellt man sich schon die Anderen vor, ehe man sie kennt? Genauso wie wir“ (Michel Houellebecq). Ist so das Missionsbedürfnis des Westens zu erklären? Ihr seid wie wir, also verhelfen wir euch zu unserem Glück, denn was wir glauben, macht selig. Tatsächlich?
Aber nicht nur die gleichen Worte bedeuten anderes, sogar dieselben Bilder werden unterschiedlich verstanden:
Nehmen wir einmal an, Inder und Deutsche sitzen vor dem Fernseher und sehen die folgenden Sequenzen eines Filmes:
Kamerafahrt in ein Zimmer. Ein wohlgenährter Mann sitzt dort auf einem Stuhl.
Deutsche Interpretation:
Der Dicke sollte mal eine Diät machen, sieht einfach unschön aus. Jetzt ist er froh, endlich seine Ruhe zu haben, er ruht sich aus und fühlt sich wohl.
Indische Interpretation:
Der gut aussehende Mann sitzt auf einem Stuhl und fühlt sich einsam. Selbst ein schöner Mann ist unglücklich, wenn er alleine ist. Hoffentlich besucht ihn bald seine große Familie, dann ist er wieder froh.
Kamerafahrt in ein Zimmer. Großmutter, Mutter und Kind schlafen in einem Bett.
Deutsche Interpretation:
Wie traurig. Die arme Familie hat kein Geld, damit sich jeder ein eigenes Bett leisten kann. Wir müssen helfen.
Indische Interpretation:
Natürlich schlafen die 3 auf einem Lager, so können sie die Wärme und Nähe des anderen spüren und brauchen sich nicht einsam zu fühlen.
Da macht es nichts, dass das Bett im Nebenzimmer leer bleibt.
Kamerafahrt in eine kleine Hütte auf dem Land in Indien: Eine Familie sitzt vor dem Fernseher.
Deutsche Interpretation:
Welch ein ärmliches Zuhause und alle hocken vor der Glotze.
Indische Interpretation:
Endlich ein Häuschen, endlich ein Fernseher. So sehen wir zum ersten
Mal, was draußen passiert. Unglaublich! Und jeden Tag gibt es genug zu essen. Unser Großvater hatte dies nicht. Er hungerte. Wir haben es gut.
Welche Interpretation ist die richtige? Die deutsche, die indische, beide oder keine von beiden? Bedeuten die gleichen Bilder in anderen Kulturen immer anderes? Oder kennen wir diese andere Bedeutung schon, nämlich aus unserer eigenen Vergangenheit?
Lange ist es nicht her, dass ein wohlgenährter Mann auch in Deutschland als stattlich und gut aussehend galt.
Lange ist es nicht her, dass es ein Kinderrecht auf ein eigenes Zimmer gibt. Aber sind die Kinder im Westen mit ihrer Unterhaltungselektronik glücklicher oder sind sie nur einsamer als indische Kinder?
Lange ist es nicht her, dass man in Deutschland sagte: Endlich ein Fernseher und jeden Tag genug zu essen. Unser Großvater hatte dies nicht. Er hungerte. Wir haben es gut.
Die von den Göttern gewollte Ordnung der Kasten Indiens ist nicht weit von der gottgewollten Ordnung der Zünfte im Mittelalter. Die Gerbergasse, der Färberweg findet sich auch in der indischen Kleinstadt, aber nicht wie in Deutschland nur noch als Straßenschild, sondern mit handwerklichem Leben erfüllt, und auch der indische Schuster hat bei seinen Leisten zu bleiben.
Wenn ich Glück habe, verstehe ich über die Vergangenheit meiner Kultur, die Gegenwart der fremden Kultur besser.
Und wenn ich Glück habe, zeigt mir die fremde Kultur meine Vergangenheit und erklärt mir so meine Gegenwart.
Wenn ich also Glück habe, erkenne ich mich im anderen. Und wenn ich mich erkenne, erkenne ich andere.
Nicht dass mir wohl ist, wenn ich herausreise in fremden Kosmos - fremdelnd.
Nicht dass es mir wohl ist, allein unter Fremden, aber interessant ist es allemal.
Runter kommen sie immer – der Flieger fliegt, fällt durch Luftlöcher, fällt durch die Zeit. Wodka über Russland, amerikanischer Whisky über Afghanistan, über Pakistan - Tee. Und als Augenschmaus abgehangene Hollywoodschinken oder bittersüße Liebesdramen aus dem Orient. Über den Wolken ist die Freiheit wohl grenzenlos.
Der Flieger schwebt abwärts, der Landebahn entgegen. Rumpel-pumpel-rumpel - Ankunft auf dem fremden Planeten. Indira Ghandi Airport in der Nacht. Langer Flug kurzer Sinn: Ich bin da! Ätzend ewiges Visum-Ausweis-Zoll-Gemurkse. Lange Schlangen bilden sich vor den wenigen Einreise-Schaltern für Ausländer. Gebändigt von den indischen Schalterdompteuren kriecht die Ausländerschlange im Schneckentempo voran. Locker lächelnd schreiten die Einheimischen hoch erhobenen Turbans vorbei zu den unzähligen Schaltern für Inder und werden dort locker lächelnd abgefertigt.
Endlich, endlich durch. Durch die kahle, weißgekalkte Empfangshalle kämpfen sich müde westliche Geschäftsleute in Nadelstreifen. In weiten weißen Hosen schlurfen Inder unter blauem, rotem Turban. Müde Ladies in bunten Saris zerren ihre quengelnden Kinder hinter sich her. An den Tresen der Souvenirshops dösen die Verkaufspiraten und warten im Halbschlaf auf ihre Beute. Aber die übernächtigten Passagiere haben keinen Sinn für Muschelketten und überteuerte Seidenschals.
Aber im Zollfreigeschäft fällt mein Blick auf Marlboro Filter Made in Switzerland für 7 €. Der DutyFreeShop will das nicht für eine Schachtel, sondern für eine Stange Ziggis. Ich merke, ich bin nicht mehr in Deutschland. Aber ich habe nur 6 der guten solventen Euros. Der Verkäufer wacht auf, schlackert begeistert mit dem Kopf und der Handel ist perfekt. Ich bin´s zufrieden und ich merke: Ich bin in Indien.
An der Absperrung streckt ein kleiner, dürrer Jungmann ein Schild in die Höh: „Mr. Gadamer“. Zum ersten Mal in meinem Leben gönne ich mir den Luxus und lasse mich abholen, das Internet macht´s möglich, transkontinentales Crossover. Gesucht, gefunden.
Wir drehen uns vom hellen, gut gekühlten Flughafengebäude durch die Drehtüre in die dampfende Nacht. Augenblicklich öffnen sich die Poren meiner Haut und der Schweiß beginnt zu strömen, über mein Gesicht, unter mein T-Shirt, meine Hose klebt auf meinen Schenkeln. Panta rei - alles fließt, nach wenigen Minuten bin ich klatschnass.
Der dünne Mann streicht seine langen, strähnigen Haare nach hinten und geleitet mich respektvoll über endlose, gleißend hell beleuchtete Parkplätze, bis wir am Ende vor einem uralten, völlig ausgebeinten VW-Bus stehen. Traurig hängt ein Wischer vor der Frontscheibe, die Seitenfenster hat schon lange das Zeitliche gesegnet. Im Innern sind 4 Sitze auf das Blech geschweißt. Das Auto wurde kunstvoll auf das Notwendigste reduziert: Motor, Räder & geschweißtes Stahlblech. In Deutschland wäre das ein Kunstobjekt. Das Feuilleton würde end- & sinnlose Abhandlungen über die metaphysischen Aspekte selbst-beweglicher Objekte, genannt Automobile, verfassen, der TÜV würde die Krätze kriegen, in Indien ist es einfach ein Taxi.
Der Schlafentzug und die Klimaveränderung haben mich schon so konfus gemacht, dass ich das Gefühl habe, in einen Desaster-Film geraten zu sein, Mad Max, irre Endzeitstimmung.
Der Fahrer tritt gegen die Tür. Die stöhnt auf und öffnet sich zögernd einen Spalt. Der Fahrer zerrt, die Türe quietscht ... nach kurzem Ringen gibt sie auf und der Weg ist frei. Wir steigen ein. Auf das Armaturenbrett ist eine große, leuchtende Plastikstatue geschraubt: Ganesha, der Elefantengott. Dicker Mann mit Elefantenkopf und 4 Armen. Eine Hand trägt das Beil zum Schutz gegen das Übel, eine hält die Lotusblüte, das Zeichen der Weisheit, die anderen beiden Hände spenden Trost und signalisieren: Fürchte dich nicht! Unter Ganesha sitzt sein Reittier, die Ratte, die immer den richtigen Weg findet. Ganesha, Herr des Anfangs. Du, der allen, die sich auf den Weg machen, Glück bringt, dich kann ich brauchen. Du Lenker meines Schicksals, alles liegt nun in deinen Händen.
Dem Flieger, der überirdisch grenzenlos Zeit & Raum überflog, bin ich entstiegen und vertraue mich nun meinem irdischen Schicksal an. Und da kann ich überirdischen Beistand besonders gut gebrauchen. Ganesha hilf!
Der junge Lenker des VW-Busses lässt den Motor aufheulen. Gott Ganesha leuchtet grell. LED Lichter tauchen das SchrottMetallinnere des Busses in blaues, grünes & rostrotes Flackerlicht. Lautsprecher erbeben und füllen das Gefährt mit Indian Chillout Music. Mein Gehirn ist nicht nur zwischen die Welten, es ist auch zwischen die Zeiten geraten, und die Schwüle macht mich kirre im Kopf. Ungerührt startet der Fahrer durch. Wie in Trance sehe ich Leuchtreklame als farbige Lichtbänder vorbeiziehen. Erleuchtete Fenster schlieren weiße Lichtmuster in die schwüle Tropennacht, schemenhaft nehme ich Menschen wahr. Wie hypnotisiert durchfährt mein Chauffeur alle roten Ampeln des Highways. Ich frage mich unwillkürlich, wie der Fahrer reagieren würde, träfe er auf ein grünes Signal. Wahrscheinlich würde er anhalten.
Von blaugrünrotem GaneshaStroboskoplicht umzuckt, fahren wir Kamikaze vorbei an völlig überladenen Lastkraftwagen, die ihre Fanfaren durch die Nacht dröhnen lassen. Aber hier sollen keine Mauern von Jericho zum Einsturz gebracht werden. Hier erzwingen moderne TechnoHubkonzerte Respekt von unterlegenen Gefährten.
Ich fahre in einer rollenden Götterdisko nach Delhitown. Einer Disko, durchblitzt von der Lightshow eines Gottes, einer Disko, in der der Motor eine zweite Melodie zum IndienPop aus den Lautsprechern spielt: Mal jubelt der DJ die Maschine hoch, mal lässt er ihn technosaundtief brummen, und die rumpelnden Beats werden durch die Schlaglöcher auf der Straße erzeugt. Krachend kracht der Bus in alle Löcher, die auffindbar sind und das sind viele. So wird mir leibhaftig klargemacht, welche segensreiche Erfindung Stoßdämpfer doch sind. Während seiner Karriere vom VauWe- zum OhWeh-Bus hat dies Gefährt sie wohl irgendwann verloren.
Während der wilden Hatz nach Dauntaun sehe ich plötzlich in den Spotlights der rollenden Disko ein europäisches Gesicht aufleuchten. Ein Mann in den bunten Kasperklamotten der Radrennfahrer versucht mit den Lastwagen mitzuhalten. In der Miene meines Fahrers zuckt es: Welch katastrophal übles Karma muss der Europäer haben, dass er sich mit dem Fahrrad in dies nächtliche Stahlbad stürzen muss. Welch extremreligiöses Gelübde hat der seltsame europäische Sadhu geleistet, um zur Erleuchtung zu kommen. Und darin liegt er dann vielleicht nicht einmal so falsch. Ob sich ein europäischer Sportler quält oder ein indischer Asket, sie sind wahrscheinlich verwandter als sie glauben.
Mein Hotel liegt in Paharganj, dem engen Händlerviertel, in dem die günstigen Unterkünfte liegen, direkt an der Main Bazaar Road. Die ist so schmal und so voller Menschen, dass mein VW-Bus sich nur langsam und mit Mühe vorwärtsquälen kann.
Irgendwann bleibt mein Gefährt ganz stecken. Rikschas und Schubkarren versperren den Weg. Ich steige aus, verlasse meinen schützenden Eisenkäfig und tauche ein in die fremde Welt. Rechts & links in Abbruchhäusern kleine Shops. Menschen ziehen und zerren ihre Lasten kreuz & quer. Mit meinem Rucksack schleppe ich mich durch die Menge, zu Fuß muss ich nun meine Herberge finden. Immer wieder stehen magere heilige Kühe im Weg. Mit guten Worten, Gefuchtel & Gehupe versuchen die Rikschafahrer sie wegzuscheuchen. Mit heiligen Kühen haben sie hier eine Eselsgeduld. Vielleicht sind deshalb die Kühe hier stur wie die Esel.
Ein Lastkraftwagen: ausgemergelte Arbeiter entladen Säcke von der Pritsche. Ausgemergelt schuften sie direkt vor einem überdimensionalen Plakat, auf dem in großen Lettern steht: Lose weight!- Don´t wait! Abnehmslogans in einem Land, das kürzlich noch Synonym für Hunger war – ich bin fassungslos.
Ein später Eisverkäufer badet sich in grünem Neonlicht. Slurpy, schlürf. 2 Jungs, eng umschlungen, schauen zu mir auf: Vorwurfsvoll? Gespannt? Was zeigt der AugenBlick?
Hindi Pop verschmiert mit Gassenlärm. Hühnerngackern: Ei der Daus. Kleine Haustempel ziehen an mir vorbei, Gemüseverkäufer hocken auf dem Boden und preisen ihre Waren, der Preis ist heiß. Vor mir eine heilige Kuh, die vom Licht der Autos angestrahlt, gelassen weiterwiederkäut. Wramm, dröhn - Muuuhhh.
Irgendwann, am Ende der Straße komme ich völlig erschlagen im Lord Krishna Hotel an.
QR-Code für das Smartphone zum
1. Film in Kapitel 2 - Landung auf einem fremden Planeten
oder im Internet unter gadamers-reisen.de
Im dunklen Vorraum des Hotels stoße ich mit dem Fuß an einen Körper. Der richtet sich auf und stößt einen markerschütternd schrillen Pfiff aus. Langsam öffnet sich ein Verschlag und verschlafen kommt der Portier herausgekrochen. Er kratzt sich unentschlossen zwischen den Beinen, zwinkert mir zu und brüllt durchdringend wieder in den Verschlag hinein. Nix passiert – doch, plötzlich kommt ein Jüngling mit einem riesigen Schlüsselbund herausgeschossen, reißt mein Gepäck an sich und spurtet vier Stockwerke nach oben. Ich habe die größte Mühe hinterher zu hecheln. Very gud room, Sir, very for ju. Das Zimmer scheint oberflächlich sauber. Aber Bad & Dusche sind in gar jämmerlichem Zustand. Auf dem Spiegel geben sich unzählige schwarzrote Flecken ein Stelldichein, ein Fresko aus zerquetschten Moskitos – Josef Beuys hätte seine Freude gehabt.
Im Zimmer ist es heiß und stickig. Also versuche ich den riesigen Ventilator über dem Bett in Gang zu bringen. Der ausgeleierte Schalter funktioniert aber nur in 2 Stellungen: Der Ventilator dreht sich entweder gar nicht oder er verursacht einen Wirbelsturm. Es ist sauheiß und ich habe die Wahl zu saunieren oder vom Bett geblasen zu werden. Ich bin todmüde und gleichzeitig extrem aufgedreht, an Schlaf ist gar nicht zu denken.
Also wandle ich durch das schwüle Hotel. Treppab, vorbei an Hoteltüren - einige sind offen: Ein westliches Paar streitet sich lauthals auf serbokroattschechospanisch. Ein Inder liegt auf dem Bett, raucht und sieht fern: Bollywoods bunte Bilder vor fleckig weißer Wand. Treppauf, vorbei an halboffenen Türen: Kiffende JunghippieFreaks, Kopfhörer am Ohr; Treppab treppauf, - vorbei an einem Reisenden, der hektisch nach seinen Schlüssel für die Tür sucht; hinab treppab, treppauf hinauf, - und ganz oben im Labyrinth finde ich, oh Wunder, einen wundervollen Dachgarten. Über mir der prachtvolle tropische Sternenhimmel, Millionen von Sternen leuchten für mich, das Himmelszelt spannt sich über alle Menschen und über dem Lord Krishna Hotel ist es besonders schön. Unter dem Firmament die Lichterflut Delhis, ein laues Lüftchen weht. Ich bin angekommen, Gott und Ganesha sei Dank, - es ist schön hier auf dem Dach.
Als das Besoffensein von Krish- und Ganeshas Sternenhimmel nachlässt, bemerke ich schmerzhaft, wie meine Zunge ausgedörrt am Gaumen klebt. Hinter einem Holzverschlag ruht die Mannschaft des 24-Stunden Restaurants. Ich habe wahnsinnigen Durst, der verdrängt meine Skrupel, die Jungs aufzuwecken und schließlich steht auf dem Plakat: 24 hours serving! Ich klopfe zaghaft. Knarrend öffnet sich ein Brettertürchen und ein verschlafener Boy antwortet auf mein Begehr: Es gibt kein Bier hier. Das hat mir noch gefehlt, groß ist die Not! Bier macht mich ruhiger. Hopfen & Malz Gott erhalt´s. Aber in der größten Not frisst der Teufel Fliegen und ich saufe eine warme Cola, zerre meine Marlboro „Made in Switzerland“ aus der Tasche, entflamme das Feuerzeug und inhaliere. Ich bin ja kein erfahrener Raucher, aber der Rauch erinnert mich doch stark an den Geruch von versengtem Heu, Schweizer Heu natürlich. Verdammt, der erste Deal in Indien und schon über den Tisch gezogen. Für 6 €uro Heu gekauft. Ich lehne mich über die Brüstung und schaue der fallenden Zigarette nach. Die Glut dreht sich vergnügt um sich selbst bis sie weg ist. Ich bin noch da - und bewege mich dann auch abwärts, in mein Zimmer und versuche zu schlafen.
Am nächsten Morgen auf der Dachterrasse genieße ich im diesigen Dunst die Aussicht auf Abbruchhäuser und die Delhi-Skyline. Ich lasse mir Mango Lassi und Honig Yoghurt schmecken und denke bei mir, dass die Luftqualität des stickigen Smogs unbedingt etwas verbessert werden sollte, mit Heuaroma zum Beispiel. Also biete ich den anderen Gästen reihum meine Marlboro an. Und, oh Wunder, denen schmecken sie, viel besser als die indischen Kippen. Also finde ich einfach auch Gefallen an ihnen. Wie komme ich eigentlich auf Heu, würzige Schweizer Bergluft inhaliere ich da, mit Schweizer Heuaroma, sehr gut!
Vor 2 Monaten hatte ich mir noch nicht vorstellen können, nach Indien zu reisen. Ich war nervlich etwas angespannt und da erschien mir das Indiengewimmel einfach als zu anstrengend und wohl war mir nicht, alleine im fremden Kosmos. Dann erinnerte ich mich an Ralph, einen alten Bekannten und Indienkenner. Der Arzt und Yogalehrer hatte mich eingeladen, zusammen mit seiner Reisegruppe ganz spirituell Nordindien zu bereisen. Dort wird er beim Bruder des Dalai Lama logieren, vielleicht ist der Lama ja auch selbst vor Ort und wenn es mein Karma will, kann ich mich mit Gott über Gott & die Welt unterhalten. Also Ralph, treffen wir uns in ein paar Wochen einfach auf dem fremden Planeten oder auf dem Dach der Welt, dem Himalaya. Du bist ein lockerer Typ und spirituell sind wir doch alle irgendwo, oder?
Danach wollte ich etwas Strandleben zelebrieren. Nein, nicht nach Goa, zu den Technopartyjüngern, sondern nach Gokarna. Und wie es der Zufall und das Internet so wollen, kann ich dort auch die gute Anna treffen. Sie hat sozusagen Blut geleckt in Asien, arbeitet als Krankenschwester in Krisengebieten. Immer da, wo´s gerade gekracht hat und Blut fließt, ist Anna nicht weit: Auf Sumatra nach dem Tsunami, in den pakistanischen Bergen nach dem großen Erdbeben. Ich hatte sie letztes Jahr auf einer thailändischen Insel kennengelernt. Damals wusste ich ihre nette, unaufdringliche Art sehr zu schätzen.
Und dann, dann werde ich sehen. Vielleicht Madras und Varanasi, die Totenstadt am Ganges. Also gesagt, getan, nicht weiter überlegt und einen Flug gebucht. Möge mein Karma entscheiden, ob ich im Himmel oder in der Hölle lande, so dachte ich vor 2 Monaten.
Und nun bin ich also in Delhi, im Himmel und in der Hölle. Ich lande in Deutschland im Mittelalter. Ich lande in der Moderne. Ich lande in einem Irrenhaus, in dem eine Kuh besser verköstigt wird als ein Bettler und in dem mancher Bettler mehr Geld verdient als ein Arbeiter. Ich lande auf einer Theaterbühne, auf der die buntesten Fantasiekostüme normal sind, wo die Frauen bauchnabelfrei tragen und trotzdem Sex und Erotik Tabu sind.
Alle Vorurteile über Indien werden bestätigt - ein Lob den Vorurteilen!
Alle Vorurteile werden widerlegt - weg mit den Vorurteilen!
Am nächsten Tag gehe ich die Main Bazaar Road entlang. Kleine Geschäfte links & rechts und rinks & lechts. Ja, die Händler lechzen nach Kunden und die reichen Weißen sind zweifellos das beste Lechzwerk, nach dem man im Basar begehren kann. Hallo Sir, very gud, very tschiep, very preis, very very … Hello Sir, very gud, very tschiep, very preis, very very … Manche zupfen an meinem Hemd, andere rupfen an der Hose. Das Heer der HandelsSöldner ist auf Jagd und wittert fette Beute. Und ich schlage tapfer meine Abwehrschlacht gegen Armeen von Verkaufskriegern.
Goldschmuck, die heimliche Währung Asiens, ist in einer besonders langen Händlerstraße zu finden. In Indien tragen Frauen ihre Ersparnisse als Goldreifen an den Armen. Und manche protzen mit Imitationen. Das ist der geleaste BMW der Inderinnen. Oft mehr Schein als Sein. Es ist eben nicht alles Gold, was glänzt.
Schmal ist die Straße, es passen vielleicht 2 Fahrradrikschas nebeneinander, oder 1 Vau-Weh Bus und eine Kuh, oder 33 Fußgänger, die dicht an dicht hin& herwimmeln.
Gewimmel. Im Jahre 2013 hatte Indien über 1,3 Milliarden Einwohner. Gewimmel, Getümmel. In 15 Jahren werden es über zwei Milliarden sein. Gewimmel, Getümmel, Gedrängel. Indische Metropolen sind 10 Mal dichter bewohnt als deutsche Städte. Gewimmel, Getümmel, Gedrängel, Gewusel. Läge München in Indien, würden sich auf seiner Fläche nicht 1,3 Millionen Einwohner, sondern 13 Millionen drängeln und in Hamburg würden 17 Millionen wimmeln - wie in Delhi.
Gewimmel, Getümmel, Gedrängel, Gewusel, Gewühl. Das Durchschnittsalter in Indien liegt bei 25 in Deutschland bei 43 Jahren. Kinder, Kinder! - Kinder wimmeln überall, hier in Delhi. Kleine verrotzte Mädchen in kurzen Kleidchen werden von kleinen verrotzten Buben in kurzen Hosen gezupft & gezogen. Eine Traube junger Maiden in blauen Schuluniformen drängt sich kichernd durch die Menge. Um ihre Familien zu entlasten, tragen 14-jährige Jungen schwere Lasten durch die Main Bazaar Road. Ein Pulk Teenager im bunten Sari flaniert durch die staubige Straße, betont desinteressiert an den jungen Männern, die die jungen Fräuleins betont interessiert mustern. 16, 18, 20-jährige Mütter schleppen kleine Kinder durch Matsch und Müll an glücklichen Kühen vorbei.
Ich komme von der alten Welt, der Welt der Alten und bin in einer uralten neuen Welt gelandet, der Welt der Jungen. Die Straßen sind voller Kinder, voller Kinder und Kühe.
Die Inder,
sie ham gar viele Rinder,
und nicht minder
viele Kinder,
die Inder.
Und die vielen Inderrinder,
die ham auch viele Rinderkinder,
die glotzen an die Inderkinder.
Sie sind so froh, die Inderrinderkinder,
dass niemand frisst die Inderrinder.
Hier bin ich nun, mitten im Gewimmel von Delhi. Und wenn mir das zu viel wird, reiße ich aus und reise weiter an die heiligen Gangesstädte am Fuße des Himalaya. Und dann will ich nach Gokarna und ich muss schauen, dass ich bald einen Flug buche. Die Alternative, eine 40-stündige Zugfahrt in sengender Hitze, ist für mich ungeduldigen, verweichlichten Europäer zu viel. Aber ich habe von den Kingfisher Airlines gehört. Ihr Slogan „Fly the good times“ hört sich verlockend an, ich fliege doch gerne in die guten Zeiten. In die Flugzeuge sind dicke Designerpolstergarnituren genagelt, auf denen Delikates von Delikatem serviert wird. Zum Flugfestmahl gesellt sich nämlich noch ein Augenschmaus: Besonders hübsche Models betreuen die Passagiere. I make your dreams come true. Wow. Für diesen Werbeslogan bin ich offen, falls das bezahlbar sein sollte.
Im Basar halte ich also Ausschau nach einem Flugdealer. Fly away. Ein buntes Neonschild leuchtet für mich: Kingfisher Airlines. Das Schild, das meinen Träumen Erfüllung verheißt.
Die überdimensionale MafiaSonnenbrille reißt die Türe auf und führt mich in ein verwahrlostes Büro. Der Reisedealer macht ganz traurige Augen, als ich beginne von Kingfisher Airlines zu schwärmen. Alles teuer und ausgebucht, aber er kenne eine ganz tolle kleine Fluggesellschaft, „Go Air“, die zu sagenhaften Preisen nach Goa fliege. Für lumpige 200 Dollar könnte ich hin & weg fliegen, falls ich jetzt sofort buche. Und verschwörerisch zwinkert mir der Dealer zu: Jeden Tag steigen die Preise. Wenn nicht jetzt, wann dann? Jetzt buchen! Im Prinzip der alte RheumadeckenVerkaufstrick bei Seniorenfahrten: Erzeug eine Schlussverkauf-Stimmung: Nur jetzt ist es alles billig. Morgen musst du das Doppelte bezahlen und dann ärgerst du dich ohne Ende. Manchmal bin ich einfach nicht fit, manchmal mach ich einfach etwas, was gegen alle Vernunft ist - ich buche das Ticket - JETZT!
Kurz vor der Tür überholt mich die MafiaSonnenbrille und reißt mit überschwänglicher Begeisterung wieder den Schlag auf. „Oh, you look like the boss”, sage ich zu dem Türsteher. “Oh, do you think so, that mäiks me very häppy”, grinst er schlitzohrig.
Einen Tag später stehe ich wieder vor dem Büro - die Tür wird wieder vom begeisterten Mafiamann aufgerissen, aber heute ist er allein. Er schaut mich verschmitzt an und setzt sich auf den prunkvoll gepolsterten Sessel hinter den Schreibtisch. Verschwörerisch schaut er mich durch seine Mafiasonnenbrille an, lässt locker eine Zigarette aus dem Mundwinkel hängen und nimmt den Telefonhörer ans Ohr: „Now mäik photo, now I äm the boss!“ Den Gefallen tue ich ihm doch gerne, schließlich ist doch jeder gerne Chef. Plötzlich betritt aber der Boss der Bosse das Büro, runzelt gefährlich seine Stirn und innerhalb von Sekunden steht Mafiamann kleinlaut wieder an der Tür.
Der DealerKönig setzt sich nun auf den Thron, setzt seinen alten Computer in Gang, tippt wild auf der Tastatur herum und druckt ein Blatt Papier aus, das angeblich ein Ticket sein soll, ein Ticket von einer Fluggesellschaft, von der ich noch nie gehört habe: Go! Wenn sie wenigstens Fly! heißen würde. Zu allem Unglück kostet mich der Deal mit dem Dealer die unverschämt hohe Provision von 1 000 Rupien, ein Drittel Monatslohn eines Arbeiters. Aber ich bin erschöpft, alles ist mir zu viel und ich benehme mich wohl deshalb ganz unwestlich: Ich lasse alles seinen Gang gehen. Möge mein Karma entscheiden, was mir die Zukunft bringt: Entweder kein Flug, 200 $ vergeigt und ich sitze dumm in Delhi - oder alles löst sich in Wohlgefallen auf, ich fliege gelöst nach Goa und nehme von dort aus ganz entspannt einen Zug nach Gokarna.
Ich bin gespannt, wohin mich mein Schicksal treibt, aber tief im Innern habe ich ein ungutes Gefühl. Nun merke ich wieder, wie sehr ich Westler bin, denn ein Inder würde sich nicht unsicher fühlen, er wäre nicht einmal gespannt, er würde sein Karma einfach annehmen.
In der Main Bazaar Road bündeln sich die Kleidergeschäfte, hier ballen sich die Stoffhändler, Stoffballen aller Art sind hier zu finden. Auch in Indien und besonders hier machen Kleider Leute. Junghippies, die meinen, mit heruntergekommenem Äußeren Sympathien zu erwerben, ernten das Gegenteil.
Die Luft flimmert in der brütenden Hitze. Staub legt sich über mein Gesicht, über meine Hände, meine Arme – über alles legt sich feiner, trockener Dreck. Die Ladenbesitzer tun ihr Bestes und kehren immer wieder vor ihrer Tür, aber sie wirbeln nur neuen Staub auf - Sisyphos in Indien.
„Asche zu Asche, Staub zu Staub“, der Tod gebiert Dreck und das Leben wirbelt Staub auf, besonders hier in Delhi. Gerne würde ich mich aus dem Staub machen. Aber wie dem Unentrinnbaren entrinnen? Geht nicht in Indien.
Bald hat meine weiße Bekleidung eine gesprenkelte Tarnfarbe angenommen. Hemd und Hose sind bräunlich, mit dunklen Dreck- und Schweißflecken bekränzt. Nix mehr weiß, geschweige denn rein.
Dabei erscheinen die indischen Gurus immer in Weiß, der Farbe der Reinheit. Wie machen sie das nur? Entweder sie bewegen sich in einer keimfrei erleuchteten Aura oder sie wechseln dauernd die Kleidung. Wahrscheinlich sind sie erleuchtet und sie ziehen sich ständig um. Ich bin zwar ein Weißer, aber nicht weise und weiß bin ich jetzt auch nicht mehr.
Zwischen den Kleidergeschäften und Schneidern finden sich überall Teeverkäufer. In hohem Bogen wird die goldgelbe Flüssigkeit von einer Kanne in die andere und dann wieder zurückgegossen. Kein Tröpfchen vom süßen Nass geht verloren. An Obstständen stapeln sich frische Früchte, der Duft von gewürzten Pfannkuchen durchzieht die Luft - Imbissbuden an jeder Ecke. Schwaden von Holzkohlenfeuer und Gegrilltem vermischen sich mit dem Geruch faulender Abfälle und dem Aroma abgestandenen Urins.
Was gäbe ich jetzt dafür, den heißen Schorf der Stadt mit einem kühlen Blonden hinunterzuspülen. Ein Königreich für ein Weizenbier. Aber bin nicht König und Kneipen mit Alkohollizenz sind in Indien dünn gesät. Also gebe ich meine Gelüste auf, schicke mich in mein Schicksal und genieße, was ich hier finde: frisch gepressten Zuckerrohrsaft. Am Straßenrand setze ich mich auf einen verrosteten Metallstuhl und sehe zu, wie sich 2 Jungmänner mit ganzer Kraft ins Zeug legen und mit einer uralten Stahlpresse den Saft aus den Zuckerrohrstangen quetschen. Vor meiner Nachbarin steht ein gebratener Pfannkuchen, belegt mit Tomaten, Kräutern und Kokosraspeln. Flugs bekomme ich Appetit und bestelle. Mmmhh - köstlich zum frisch gepressten Saft. Ein Mönch wandelt an mir vorbei, eine riesige Gebetskette auf seinem orangenen Gewand. Heilige Ketten in der Hand memoriert er heilige Worte, heilige Silben, heilige Klänge, ganz versunken lässt er sich nicht vom umtriebigen Lärm der Stadt stören.
Eine Frau sitzt auf dem Boden, klopft krumme Nägel wieder grad und verkauft sie. Ein Scherenschleifer dreht sein steinernes Schwungrad, und von ganz ganz ferne scheint eine Erinnerung in mir auf: In meiner frühen Kindheit zogen Scherenschleifer wie Zigeuner durch die Dörfer und schärften alle stumpfen Klingen. Und wenn die Leute wütend waren, beschimpften sie sich: Du Scherenschleifer, du Halbdackel, du! - Wie die Inder wohl über diese Handwerker denken? Respektabler Beruf oder jämmerliche Kaste?
Weiter geht es, wenn ich weiter gehe. Mit frisch geschärfter Klinge rasieren die Barbiere ihre Kunden direkt am Straßenrand. Eine freundliche Familie brutzelt über einem Feuerchen ihr Essen und lächelt mir zu. Und plötzlich sehe ich hinter ihnen an einem Laternenpfahl Strohpuppen hängen. Kinder haben aus Pappe gräuslich verstümmelte Gestalten gebastelt. Was bedeutet das? frage ich irritiert. Ein Jugendlicher fuchtelt mit seinem Spielzeugmaschinengewehr herum und antwortet: Das sind die Muslimterroristen. Wir müssen sie vernichten, bevor sie uns töten. Nieder mit Pakistan, dem Terrornest! lachen mir Alte zu.
Ich komme an Babas Reismühle vorbei und ich frage mich, was der Moslem Baba dazu meint. Denkt er genauso oder sieht er das als Muslim ganz anders?
Und dann sehe ich Frauen auf dem Bau arbeiten. Seltsam ungewohnt für deutsche Augen. Wo doch die Gleichberechtigung im Westen eine so große Rolle spielt. Warum dann nicht auf dem Bau? Warum stellen sich bei Steine schleppenden Frauen andere Gefühle ein als bei malochenden Männern? Und was ist das für ein Gefühl? Bedauern, Mitleid? Bei hart arbeitenden Wäschern und Trägern denke ich: Gut, dass sie einen Job haben. Bei Ziegel schleppenden Frauen: Tut mir leid, dass sie so schuften müssen. Und dann lächeln sie auch noch während der Maloche. Seltsame Sache mit den Gefühlen. So gar nicht logisch und politisch korrekt. Da scheinen mir die dahinwandelnden Saribräute natürlich natürlicher.
Ein Tempel erregt meine Aufmerksamkeit: Die großen Statuen stehen wie Wachsfiguren auf den Pyramidenmauern. Gewaltig groß ist der Götterhimmel, unüberschaubar die Zahl der GötterStatuen. Ich sehe mich im Tempel um und höre Gemurmel in angrenzenden Räumen. Also durchschreite ich die Türe, der Sermon wird lauter, laufe durch Gänge, immer lauter und entschiedener werden Texte rezitiert. Junge Stimmen im Sprechchor. In einem kargen Raum sitzen weiß gekleidete Jungen und rufen im Rhythmus ihre Gebete. Krishna! Krishna! Fanatisch? Tiefgläubig? Ich vermag es nicht zu sagen, und aus meiner Sicht sehe ich sowieso alles anders. Nichts ist, wie es mir scheint. Aber wohlgelitten bin ich hier scheinbar nicht.
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2. FILM in Kapitel 3 - Auf den Straßen Delhis
oder im Internet unter gadamers-reisen.de
Ich verlasse den Tempel, irre schweißüberströmt durch die wirre Welt der Gassen, irre durch Hitze, Dreck und Staub. Lord Krishna hilf! Plötzlich: Ein Chai Shop vor mir. Gott sei Dank, Dank Gott Krishna.
Dort serviert mir ein Kellner im staubgrauen Dress auf einem silbergrauen Tablett Gebäck und ein Glas goldbrauner Flüssigkeit: Tee mit Milch. Aus dem Glas steigt ein Aroma von Ingwer & Zimt. Ich trinke in kleinen Schlucken und lasse die heiße, zuckersüße Flüssigkeit genießerisch den Rachen hinunterrinnen. An meinem Tisch sitzt ein Inder im dunklen Anzug. Ich biete ihm von meinem Gebäck an und wir kommen ins Gespräch: Dort drüben ist das Haus meiner Eltern. Mein Vater ist Tuchhändler und konnte mir ein Studium in den USA bezahlen. Das war teuer, hat sich aber gelohnt. Ich bin jetzt Geschäftsmann und verdiene gut. Indien ändert sich schnell. In den Städten gibt es jetzt eine Mittelschicht, die sich etwas leistet und sie kauft vor allem die Marken, die sie in der Werbung sieht. Vielleicht hast du gesehen, dass Indien von bunten Massenwaren aus China überschwemmt wird. Das Zeug aus China ist zwar billig, aber Waren von so schlechter Qualität gibt es im Westen gar nicht. Deshalb ist Markenqualität bei uns wichtig. Die kostet natürlich etwas und das kann sich nicht jeder leisten. So werden die Marken zu Statussymbolen für unsere modernen Kasten. Ihr in Deutschland produziert tolle Qualität. Aber das können sich nur die ganz Reichen kaufen. Und die leisten sich alles, sie kaufen BMW, Mercedes, und damit sie sich das leisten können, kaufen sie die Politiker gleich mit, damit die ihnen Pfründe verschaffen. In den Städten rollt die Rupie. Auf dem Lande dagegen hat sich in Indien nicht viel geändert. Die Bauern sind von den Großgrundbesitzern abhängig wie eh und je und manches Mal bleibt nur der Selbstmord, wenn die Wucherzinsen für den Kredit nicht mehr zu bezahlen sind. Euch erschüttert, dass der Reichtum hier so ungleich verteilt ist. „Findet ihr das nicht auch ungerecht?“ werfe ich ein. „Für euch ist das ungerecht, für uns nur das Ergebnis von unterschiedlichem Karma. Aber vergesst nicht, die Idee der Fairness ist auch nur eine Erfindung der westlichen Kultur. In der Natur gibt es keine Gerechtigkeit. Solange es den Hinduismus in Indien gibt, so lange gibt es hier auch keine Revolution. Und jetzt besuche ich meine Eltern im Tuchgeschäft.“ Sprach’s, bezahlt meinen Tee und verabschiedet sich. Ich bleibe allein im Chai Shop und sinniere vor mich hin, über Indien und über Deutschland, wo vor wenigen hundert Jahren krasse soziale Unterschiede auch als von Gott oder der Natur gegeben galten. Und heute? Heute sind unsere Sozialkasten von Menschen geschaffen, sie sind ähnlich rigide wie in Indien und werden genauso wenig hinterfragt. Die Ärztin heiratet den Anwalt und nicht den Metzger. Reichtum wird vererbt, Bildung nicht viel anders und die Aufstiegschancen der Unterschicht sind gering. Da regt sich kaum einer drüber auf. So weit, so weniger gut, aber es könnte auch schlechter sein.
Und jetzt ist mir nach einer Zigarette. Leider habe ich meine tollen Schweizer Fluppen im Hotel vergessen. Also inhaliere ich einfach tief die Gerüche des Orients: Safran, Melchior & Balthasar. Gewürzdüfte mischen sich mit dem Aroma von Exkrementen der heiligen Kühe und menschlicher Fäkalien und darüber hängt der Abgasdunst der Motorradrikschas. Eine exquisite Mischung, - praktisch Rothändle ohne Filter.
Zum ganzheitlichen Naturrauchen passt natürlich auch ein gutes Essen, besonders, wenn man so Hunger hat wie ich jetzt. Nun ist es mit dem Essen in Indien so eine Sache. In jedem Reiseführer wird gewarnt, dass einem Angst & Bange wird. Ein Hauptproblem ist das Wasser. Das indische Leitungswasser ist so mit Bakterien verseucht, dass nur die ganz harten, lebenslang gestählten Inder davon trinken können, ohne die wüstesten Krankheiten davonzutragen. Also schleppe ich brav viele Liter Mineralwasser in mein Hotelzimmer und achte beim Öffnen immer fleißig darauf, dass das Siegel nicht schon erbrochen ist, auf dass ich nicht erbreche. Es passiert nämlich schon, dass Profitgierige Altflaschen sammeln, Leitungswasser hineingießen, wieder schön zuschrauben und dies mit treuherzigem Augenaufschlag als Mineralwasser verkaufen.
Also, habe ich gelernt: Leitungswasser macht krank. Aber auch der Salat ist mit Leitungswasser gewaschen, also kein Salat. Aber auch die Eiswürfel bestehen mit ziemlicher Sicherheit aus gefrorenem Leitungswasser, also keine Eiswürfel. Lassi, das Nationalgetränk aus Yoghurt, wird mit Leitungswasser verdünnt, also kein Lassi. Auch die Schalen indischen Obstes sind mit gar heimtückischen Keimen & Bakterien bevölkert, also nur Obst, das man schälen kann. Aber auch Gläser & Teller sind mit Leitungswasser gewaschen und wahrscheinlich mit dem schmutzigsten Trockentuch abgetrocknet, das zu finden war. Also kein …
Aber wie will ich hier eigentlich leben, unter dem Sauerstoffzelt, wie in einer Marskolonie? Das ist eine Grundsatzentscheidung: Entweder ich verhalte mich diesen Essensregeln entsprechend und bete jeden Tag zu Vishnu, dass keiner der garstigen Krankheitserreger es schafft, zu mir durchzudringen oder ich esse, was die Einheimischen essen. Das Ergebnis wird sein, dass meine Abwehrkräfte die Schlacht gegen die Armada angreifender Bazillen verlieren und ich dann irgendwann Durchfall bekomme. Mein Lieblingsplatz wird dann für 2 oder 3 Tage die Toilette sein und was ich oben hineinfülle, wird unten wieder herausschießen. Aber dann sind neue Kräfte aufgebaut und das Kriegsglück wendet sich, stärkere Abwehrarmeen werfen den Aufstand der boshaften Bakterien nieder und obsiegen. Wie gesagt, das ist eine Grundsatzentscheidung: Lebe ich das Leben der Einheimischen oder bin ich Astronaut auf dem Mars mit eigenem Weltraumanzug und Essen aus der Tube. Ich habe mich immer für ersteres entschieden und versucht die 3 Tage Dünnpfiff mit Anstand hinter mich zu bringen. Das gute Imodium aus deutscher Apotheke ist dabei sehr hilfreich.
Hungrig gehe ich in mein Hotel. Hungrig erklimme ich die schwindelnden Höhen des Hoteldachgartens und fühle mich ganz als Bergvagabund, der gleich eine zünftige indische Jause zu sich nimmt. Ich bestelle ein Tandoori Chicken, ein mariniertes Hähnchen im Lehmofen gebacken. Dazu gibt es Naan, das indische Brot und natürlich weißen Reis. Als Höhe- & Schärfepunkt ordere ich einen scharfen Gemüsesalat. Wie man sagt, brennt der Chili ja 2-mal. Hoffen wir, dass der Chili die Bakterien also doppelt wegbrennt - wohl bekomm´s mir.
Da in Paharganj die meisten günstigen Herbergen liegen, begegne ich hier auch vielen Rucksackreisenden. Indien ist schließlich das Gelobte Land vieler ältlicher und kindlicher Sinnsucher und sie kommen aus aller Herren West-Länder. Hier lässt es sich noch billig leben und reisen und das Land verspricht Abenteuer en gros, so trifft sich in Indien die ausgeflipptere Jugend der Welt. Deren Gewandung reicht von Kostümen aus dem Film „Moses Volk flieht aus Ägypten“, über Rastalocken, die vorzugsweise über GrünGelbRot getragen werden, bis zum sündhaft teuren Survivaldress des Sommerferiensurvivers. Scheinbar hoch individuell hat aber jede Kaste ihren Erkennungscode, ihre Individualitätsuniformen und ihre Ideologie. Dreadlockrastas und Pfadfinder, Junghippies und bizarrste Esoteriker auf dem Wege in die Ashrams der angesagten Gurus.
Die Deutschsprachler haben den orangenen Stefan Loose als Führer erwählt, der Rest der Welt bewaffnet sich mit dem blauen Lonely Planet. Das Motto heißt: Reiseführer befiehl, wir folgen. Alle laufen, rennen, schleichen dem einzig wahren - Lonely Loose nach. In diesen Bibeln für Reisende steht in unterschiedlichen Sprachen praktisch das Gleiche. Das ist praktisch, denn oft empfiehlt es sich über das Highlight nur zu lesen, und dann das high machende Licht zu meiden. Denn dort wimmelt es mit größter Wahrscheinlichkeit von Looseanern und mit tödlicher Sicherheit trifft man dort auch Massen von einsamen Planetariern. So ist man unter sich und trifft sich, welch riesiger Zufall, fortwährend wieder. Hi, John, I saw you last week, everything is so nice here, it´s great to see you again. Hallo Annalouise, so geil, dass ich dich schon wieder seh. Du, irgendwie schmeckt die Cola heute noch geiler. Vielleicht weil heut voll full moon ist, da geht´s ganz spirituell und Party und so ab.
Dabei will ich gar nix gegen den Loose sagen. Ich nehme auch dankbar seine Dienste in Anspruch, denn er präsentiert viele Fakten, ist gut recherchiert und 90% stimmt. Das kann man nicht von jeder Bibel behaupten.
Außerhalb der engen Gassen des Basarviertels, ist man schlagartig dem mörderischen Autoverkehr Delhis ausgeliefert. Da traut sich keine Fahrradrikscha hin. Die breiten Straßen haben keine Fahrspuren - alles fährt kreuz & quer im Affenzahn im Affenstall. Jeder gegen jeden und die Götter gegen alle. Die Autos und Motorrikschas rasen ohne Rücksicht, im Zentimeterabstand wird die Lücke gesucht. Fahrer hupen, wenn sie einen kleinen Abstand erspäht haben, von dem sie vermuten, dass sie sich hineinquetschen könnten. Fahrer hupen, weil sie in letzter Sekunde bemerkt haben, dass die Lücke zu klein ist und sie hupen, weil sie wieder ausscheren müssen. Fahrer hupen, weil die Hupe zum Hupen da ist und sie so zeigen können: Ich habe ein Auto! Und damit habe ich die Lizenz, Fußgänger zu jagen!
Diese rennen wie die Hasen über die Straßen, von hupenden Autos gehetzt. Auf der Rückseite der Lastwagen ist zu lesen: Please horn - Bitte hupen!!! Kakophone Dauerhuporgien malträtieren mein Trommelfell.
Wenn 5 Zentimeter neben meiner klapprigen Motorradrikscha die riesigen Räder eines Lastwagens donnern, habe ich Angst um mein Leben.
Wenn ich aus alter Gewohnheit aus einer anderen Welt über die Straße gehe, anstatt zu rennen, so rufen wohlmeinende Inder „Be careful!!!“ Das freut mich, dass wenigstens die Fußgänger ungern weitere Fußgängerleichen sehen. Die Autofahrer denken: Wo gehobelt werden, da fallen Späne und wo Autos fahren, gibt es eben Tote. Also gib Gas, das macht Spaß!
Wenn die Fußgänger ins Auto steigen und die Autofahrer zu Fußgängern werden, wird einfach das Bewusstsein ausgewechselt und alles läuft umgekehrt. Der ehemalige Autofahrer wird nun wie flüchtiges Wild gejagt und der Ex-Fußgänger hat nun Spaß am Gas.
Nun bin ich der Hase und muss die Straße der Hölle überqueren. Auf der anderen Seite liegt der Bahnhof Delhis und nur dort bekomme ich eine Fahrkarte zu meinem nächsten Reiseziel, Haridwar, die Stadt der Pilger am Ganges. Haken schlagend umkurve ich heranrasende Motorradrikschas „Be careful!“ Ich versuche heranzischende Motorräder nicht zu übersehen „Be careful!“, und so schnell wie möglich donnernden blauqualmenden Lastern mit ihren brüllenden Luftdruckhupen auszuweichen. „Be careful!“ Alles hupt & quäkt & dröhnt. Mir rinnt der Schweiß den Rücken herunter wie vor kurzem noch meinem Fahrradrikschamann. Der Schweiß der Anstrengung mischt sich mit kaltem Angstschweiß, denn einen falschen Haken zu schlagen, wäre des Hasen Tod.
Viele Hunde sind nicht immer des Hasen Tod. Aber nach der wilden Hatz klopft mein Herz immer noch bis zum Hals. Kaum bin ich auf dem Bahnhofsvorplatz, soll ich wohl endgültig zur Strecke gebracht werden. Eine Meute indischer Wölfe umzingelt mich. Mit breitem Grinsen um die gebleckten Zähne schallt es: „Do you nied help - I know very tschiep ticket“! Diese gaaanz hilfsbereiten Inder sind ganz einfach Schlepper. Sie wollen mich zu einem Reisedealer schleppen, der mehrfach überhöhte Preise verlangt. Und weil die Leute hier alle so freundlich sind, bemerken das die naiven weißen Traveller oft nicht einmal.
Und wieder stehe ich vor einer Grundsatzentscheidung: Entweder ich lasse mich abschleppen, nehme die deutschen Preise als Bezugspunkt und bezahle, weil hier alles billiger ist und ich vor den Einheimischen nicht als geizig erscheinen will.
Oder ich orientiere mich daran, was die Inder ausgeben und bezahle keine Mondpreise, einfach deshalb, weil ich nicht hinterm Mond lebe. Meiner Erfahrung nach halten die Asiaten diejenigen, die überhöhte Preise bezahlen, einfach nur für blöde, demjenigen, der auf dem lokalen Obolus besteht, zollen sie Respekt, auch wenn zunächst das Geschrei groß ist.
In den Augen der Inder ist jeder Westler Millionär. Sie können sich gar nicht vorstellen, dass ein Hartz 4 Empfänger zu knapsen hat. Der Westen ist das Land, wo Milch & Honig fließt und zwar für jeden. Der Weiße liegt das ganze Jahr in Goa am Strand und wenn er Geld braucht, geht er einfach zum Geldautomaten. Er arbeitet höchstens wenn ihm einmal langweilig ist oder er gerade keine Lust hat, nach Indien zu reisen. Die Leute aus dem Westen sind reich, sie leben im Schlaraffenland und „holen“ sich einfach alles, was im indischen Werbefernsehen so bunt zu sehen ist. Die Weißen sind regelrecht dazu da, ausgenommen zu werden. Und im Gegensatz zu den eigenen vielen Millionären lassen sie sich das auch noch bieten. Also wird das auch gemacht, am besten so unverschämt wie möglich - aber immer mit einem Lächeln im Gesicht.
Auf dem Platz bekomme ich keine Fahrkarte nach Haridwar. Also volle Kraft voraus – mit Mühe gelingt es mir die Phalanx der Schlepperwölfe zu durchbrechen und mich zur Schalterhalle durchzuschlagen. Ratlos passiere ich die endlose Reihe der Fahrkartenschalter und versuche herauszubekommen, wo ich einen Platz im Zug reservieren kann. Ich habe munkeln hören, es gäbe eine Extra-Halle, in der Fahrkarten für Ausländer verkauft werden. Aber wo? Also fragen. Und ich muss viele Inder fragen: ehrliche und ein bisschen weniger ehrliche, welche, die wissen wo´s lang geht und andere, die das nicht wissen, mich aber trotzdem fröhlich kreuz & quer durch den Bahnhof schicken.
Kein Inder gibt gerne zu, dass er den Weg nicht weiß, schließlich will er sein Gesicht nicht verlieren. Also heißt es, Informationen vergleichen und offensichtlichen Unsinn heraussortieren. Langsam, ganz langsam komme ich meinem Ziel näher. Das Office soll im ersten Stock des verwinkelten Bahnhofs liegen. Also treppauf, hinauf.
Ich betrete den Schalterraum und kühl klimatisierte Luft umströmt mich, alles ist bestens. Ich atme auf. Ahhh, ohhh, mein Odem fließt frisch & frei und ich freue mich, der heißen stickigen Luft entkommen zu sein.
Vor den Schaltern sitzt auf abgewetzten Sofas eine Parade Jungwestler: Neuhippiekinder im Schlabberlumpenlook, Dreadlockrastas in demonstrativ angefetzten Fantasieuniformen, daneben OutdoorTreckingGekleidete, die beige Hose muss mindestens 99 Taschen haben, der untere Teil der Beine, Verzeihung der Hosenbeine, ist per Reißverschluss abtrennbar. Macht zwar niemand, sieht aber cool aus. Jack Wolfskin muss es sein. In Hans Wolfshaut gehüllt suchen die Schafe im Wolfspelz das ultimative Abenteuer. Tja, und ich habe mir in Thailänd eine weiße Hose aus dünnem Leinenstoff schneidern lassen. Die hat zwar dem Schneider Lohn & Brot gebracht, sitzt aber nicht besonders und ist im Dauerzustand dreckig. Jedenfalls sieht man jeden Fleck & Dreck peinlich genau, im Gegensatz zum DreckingSchlabberlumpen-Outdoorlook.
Hinter den Schaltern hängt ein großes Plakat mit Brahma, dem Schöpfergott und seinem Begleittier, der Gans, die ihn gedankenschnell an jeden Ort bringen kann. Ich will ja nur nach Haridwar und gedankenschnell muss es ja auch nicht sein. Hauptsache, ich bekomme überhaupt eine Fahrkarte. Also gehe ich forsch zum ersten Schalter, um in westlicher Manier ruckzuck meine Fahrkarte zu lösen. A ticket to Haridwar, please. Langsam blickt ein Turban auf, guckt mich missbilligend an und wischt mich mit einer Kopfbewegung weg. Aha, war also falsch. Nun frage ich das anmutigste der netten Hippiekinder, wie man denn zu einer Fahrkarte komme. Ganz lieb & freundlich erklärt mir die Süße das Procedere: Ich muss erst einmal ein Formular holen. In das muss ich alle ganz wichtigen Daten eintragen, die die Indian Railway braucht, um mich befördern zu können. Den Namen des Vaters & des Sohnes (das bin ich), Gott sei Dank wird nicht nach dem Namen des heiligen Geistes gefragt. Bei Sex trage ich „yes“ ein, obwohl ich inzwischen zu der Ansicht neige, dass wohl eher nach meinem Geschlecht gefragt wurde. Auch der Beruf, das Alter und viele, viele andere Daten sind für die Indian Railway wichtig, um mir eine Fahrkarte verkaufen zu können. Ich trage fleißig alles ein und setze ich mich zu den anderen aufs Armesünderbänkchen.
