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BITTE EINMISCHEN !!! Der Wind scheint sich zu drehen in Deutschland: Ein Ende der Willkommenskultur und der Aufstieg des Rechtspopulismus bedrohen die Fortschritte, die in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten erreicht wurden. Und die Fundamentalablehnung unserer "Freiheitlich-Demokratischen Grundordnung" kommt mittlerweile von rechts. Jetzt ist Dagegenhalten angesagt. Claudia Roth, die grüne Feministin und Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, und der aus einer eritreischen Familie stammende Musiker Fetsum treten an zur Verteidigung ihres Deutschlands. Ihr klares Plädoyer lautet: Die Abschottung und der Rückmarsch in die 50er Jahre ist keine Option für ein modernes, tolerantes und weltoffenes Land in den Zeiten der Globalisierung. Anschaulich und engagiert schildern sie, was dieses Land ausmacht, an dessen Veränderung sie mitgearbeitet und das sie schätzen gelernt haben. Und sie appellieren an unseren Bürgersinn: NUR WER MITMACHT UND SICH EINMISCHT, KANN EINFLUSS DARAUF NEHMEN, WOHIN ES MIT DEUTSCHLAND GEHT.
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Seitenzahl: 221
Veröffentlichungsjahr: 2016
Ebook Edition
Claudia RothFetsum Sebhat
So geht Deutschland
Eine Anstiftung zum Mitmachen und Einmischen
Unter Mitarbeit von Oliver Domzalski
Der Abdruck von Rio Reisers Songtext »Mein Name ist Mensch« erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Gert C. Möbius. © Gert C. Möbius.
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www.westendverlag.de
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
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Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
ISBN 978-3-86489-649-1
© Westend Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2016
Redaktion: Oliver Domzalski (www.lektorat-domzalski.de)
Redaktionelle Mitarbeit: Joachim Gros
Umschlagfoto: Andree Kaiser
Satz und Datenkonvertierung: Publikations Atelier, Dreieich
Vor 30 Jahren wäre wohl niemand auf die Idee gekommen, eine linke, feministische Grüne sei die richtige Autorin für ein Buch mit dem Titel »So geht Deutschland« – hätte Claudia Roth damals ein Buch über Deutschland geschrieben, hätte es wohl eher geheißen »So geht es nicht!«. Und man hätte damals wohl auch keinen Musiker mit Einwanderungsgeschichte wie Fetsum Sebhat als Co-Autor gewählt.
Seither haben Deutschland und die Welt sich verändert. Deutschland ist offener, bunter, weiblicher, mitfühlender und umweltbewusster geworden. Und es kamen laufend neue Bürger hinzu, in deren Heimatländern die bürgerlichen Freiheitsrechte keineswegs selbstverständlich waren – und die deshalb die Demokratie hierzulande zu schätzen wussten und wissen. So hat sich zum kritischen Blick eine grundsätzliche Wertschätzung dieses neuen Deutschlands gesellt, ein Stolz auf die erreichten Veränderungen – und zugleich ein Gefühl für ihre Gefährdung. Angriffe auf die liberale Idee von Deutschland, Kritik am System und die Fundamentalablehnung der »freiheitlich-demokratischen Grundordnung« kommen mittlerweile vor allem von rechts. Gleichzeitig ist die Welt instabiler geworden, Verunsicherung und Furcht nehmen zu und vieles einst für selbstverständlich Gehaltene scheint auf wackligen Beinen zu stehen.
Was also macht Deutschland 2016 aus? Wie blicken Claudia Roth und Fetsum Sebhat auf dieses, auf ihr Land? Wie stehen sie zu Europa? Was bedeutet für sie Heimat? Wer gehört aus ihrer Sicht dazu? Was hält unsere Gesellschaft zusammen? Was sollte verändert werden – und was müssen wir unbedingt verteidigen?
In diesem Buch tauschen die schwäbische Grüne und der eritreischstämmige Schwabe, die Frau und der Mann, die Berufspolitikerin und der Bürger, die ehemalige Band-Managerin und der Musiker ihre Standpunkte zu grundsätzlichen Fragen aus, vor denen unser Land steht – stets geprägt durch die eigenen biographischen Erfahrungen.
Ergänzt werden ihre Statements durch vom Verlag zusammengestellte Informationen und Fakten sowie Anregungen zum Einmischen und Mitmachen. Denn: »Natürlich ist es schwer, wenn einige wenige die Arbeit von vielen tun müssen. Aber wenn alle mit anpacken, ist es erstaunlicherweise immer viel, viel einfacher.« (Fetsum Sebhat)
Die Gespräche zwischen Claudia Roth und Fetsum Sebhat, die diesem Buch zugrunde liegen, fanden im September und Oktober 2016 in Berlin statt.
Markus J. Karsten
(Verleger)
Claudia Roth:
Fetsum, 1980 hast du als Sohn eritreischer Freiheitskämpfer, also als Flüchtlingskind, in Rom gelebt. Und ich war damals Mitte 20 und wurde wegen meiner Oppositionshaltung gegen die CSU in Bayern, gegen Atomkraft und Nachrüstung und wegen meines Feminismus zum Teil wie ein Staatsfeind behandelt. Wir gehörten also beide auf gewisse, wenn auch unterschiedliche Weise nicht dazu. Was ist seither passiert?
Fetsum Sebhat:
Ganz schön viel. Du bist stellvertretende Bundestagspräsidentin und repräsentierst unsere Demokratie im In- und Ausland. Und mir wurde der Verdienstorden des Landes Berlin verliehen, weil ich ein Benefizfestival für Kinder im Krieg und auf der Flucht initiiert und mitorganisiert habe. Mich interessiert, wie das aussah, unser beider Weg in die Mitte der deutschen Gesellschaft. Woher sind wir gekommen und wie haben wir und das Land uns entwickelt?
Claudia Roth:
Ja, wie ist das gelaufen, dass wir nun ganz dazugehören? Was hat sich verändert? Wir, das Land, oder beide?
Fetsum Sebhat:
Wahrscheinlich beide. Übrigens haben wir eine Gemeinsamkeit in unseren Biographien, obwohl uns ja viel unterscheidet, wir verschiedenen Geschlechtern und Generationen angehören und ganz verschiedene Familiengeschichten haben. Aber die Musik hat für uns beide eine ganz wichtige Rolle gespielt, oder?
Claudia Roth:
Ja, Musik spielte von Anbeginn eine riesengroße Rolle. Mein Großvater war Kirchenmusiker, und es heißt, dass ich immer auf seinem Schoß saß, wenn er Klavier gespielt hat. Der Lebenstraum meines Vaters war ein Musikstudium in Frankreich gewesen – und als er dann nach Frankreich musste, sollte er dort nicht Musik studieren, sondern als Soldat kämpfen. Das hat ihn fürchterlich traumatisiert und sein Leben sehr stark geprägt. Die deutsch-französische Freundschaft war ihm heilig.
Mit sechs habe ich selber Klavierunterricht bekommen. Und an stürmischen Herbstabenden hat unsere Mutter meine beiden jüngeren Schwestern und mich aufs Sofa gesetzt und mit uns italienische Opern angehört, in denen meistens die Männer die Bösen waren. Die Vorsicht vor der Männergewalt und Männermacht hat eine große Rolle gespielt. Und oft saßen wir dann alle zusammen da und haben geweint.
Musik ist für mich ein Lebensbegleiter – und sie war auch das Mittel, mich zu emanzipieren von den Eltern. Meine Eltern waren Musikliebhaber, auch Popmusikfans, meine Mutter hat die Beatles geliebt. Da musste ich als Kind dann was dagegensetzen, so bin ich mit Jim Morrison gekommen. Englisch habe ich nicht aus Grammatikbüchern gelernt, sondern durch den amerikanischen Soldatensender AFN.
Musik drückte die Forderung nach Freiheit aus, nach einem anderen Leben. Es war ja die Hippie-Zeit, der Rock’n’Roll. Und Musik hat sehr früh auch mobilisiert. Deine eigene Kraft zu nehmen und dich einzumischen in deine inneren Angelegenheiten. Deinen eigenen Akku aufzuladen, Emotionen zu mobilisieren, Lust zu haben und auch Mut zu bekommen auf und zum Widerstand. Es gab die großen Rock-gegen-Rechts-Konzerte in den 80er Jahren gegen die Republikaner, als die in diverse Landtage gewählt worden sind. Und natürlich hat mich das familiäre Leben mit Ton, Steine, Scherben tief geprägt – einer Band, die eine Stimme war für eine ganze Generation. Da war das Private unbedingt politisch.
Auch heute ist Musik ein permanenter Begleiter. Wenn ich wichtige Reden erarbeiten muss, suche ich mir ein Leitmotiv, suche ich mir eine Zeile, also den Sound einer Rede: Was muss sie aussagen, was soll sie vermitteln? Das tue ich entweder mit Songs, mit Texten oder mit Gedichten, vor allem von Brecht.
Kunst und Kultur spielten eine entscheidende Rolle in meiner Politisierung und Sozialisierung – und sind ein Reichtum in meinem Leben.
Fetsum Sebhat:
Mein erstes musikalisches Erlebnis war ganz unbewusst. Mit circa 16, 17 fiel mir auf, dass ich bei Dokus über arabische Länder immer eine Gänsehaut bekommen habe und wirklich Tränen in den Augen hatte, wenn im Hintergrund Muezzin-Gesang zu hören war – obwohl wir ja Christen sind. Irgendwann habe ich meine Mutter nach einer Erklärung gefragt. Und sie sagte, du bist doch in Kairo geboren, und in Dokki, dem Stadtteil, in dem wir gewohnt haben, hatten wir im direkten Umkreis mehrere Moscheen. Die ersten eineinhalb Jahre deines Lebens hast du einfach permanent Muezzin-Gesänge gehört.
Wahnsinn, wie früh sich Musik in einem manifestiert als Vibration und wie das als Information in einem bleibt. Völlig frei vom religiösen Kontext. Ich habe Muezzin-Gesangs-CDs zuhause und lege die manchmal ein, wenn ich das Bedürfnis habe, in Erinnerungen zu schwelgen.
Für meine Eltern war Musik etwas Grundlegendes. Sie sind ja als Jugendliche in den Krieg hineingezogen worden, in den Unabhängigkeitskampf zwischen Eritrea und Äthiopien, und da gab’s Sänger, die im Prinzip diesen Kampf in Revolutionsliedern vertont haben. Leute wie Yemane Baria und Bereket Menghestab gelten bis heute als große Helden. Ich erinnere mich, wie wir alle davon geprägt waren, auch später in Rom und in Stuttgart. Da gab es Feiern der eritreischen Diaspora oder Gemeindeversammlungen mit politischen Inhalten, da wurde ich als Kind natürlich immer mitgeschleift, und da spielte diese Musik eine große Rolle. Eigentlich haben alle Leute darauf gewartet, dass dieser Krieg endet und man zurückkehren kann. Und was ich später erst verstanden habe: Bei den Eritreern im Exil gab es immer das Schuldgefühl, dass man seine Familie zurückgelassen hat. Da waren diese Lieder natürlich immer Mutmacher. Deswegen war bei mir die Verbindung zwischen Musik und Politik schon ganz früh da. Musik war immer auch Ausdruck von Gedanken, das Kommentieren einer politischen Situation. Sie diente nie nur zur Belustigung.
Und dann die Hochzeiten – eine kleine eritreische Hochzeit hat 500 Gäste. Und da wurde natürlich getanzt und gesungen. Erstaunlich viele konnten die Kebero spielen, eine doppelseitige Handtrommel, die sich dann immer jemand umhängt, um den Rhythmus der Hochzeitsband auf der Tanzfläche zu verstärken.
Na ja, jedenfalls wollte ich mit fünf unbedingt Klavier lernen. Aber damals galt: Wer das Alphabet noch nicht kann, der kann keine Noten lernen, also nicht musizieren. Alle drei Musikschulen haben gesagt, er soll erst wiederkommen, wenn er eingeschult ist. Dann, als ich eingeschult war, war natürlich Fußball wichtiger. Ich würde diese Menschen gerne noch mal treffen, um ihnen zu sagen, was sie damals blockiert haben. Dass mein Weg mich trotzdem zur Musik geführt hat, relativ spät, zeigt ja nur, wie groß das Bedürfnis war, sich so auszudrücken.
Als ich meiner Mutter eröffnet habe, dass ich mein Politikstudium abbreche, um Musik zu machen, da hat sie, glaube ich, eine Woche lang geweint. Und meine Mutter war der einzige Mensch, dessen Zustimmung ich mir wünschte. Sie hat gesagt, du hast doch nur noch wenige Semester vor dir, mach das doch erst mal fertig. Sie wusste nicht, dass das schon drei Jahre in mir rumort hatte. Und es war einfach so eine Intuitionsgeschichte: Ich saß da und habe, glaube ich, für irgendeine Klausur gelernt und dachte plötzlich: jetzt oder nie.
Claudia Roth:
Erzähl doch mal mehr von deinen Eltern. Ich möchte verstehen, was dich antreibt, was dich bewegt und geprägt hat.
Fetsum Sebhat:
Meine Mutter ist 1974 mit 14 nachts abgehauen von zuhause, als einziges von acht Geschwistern, um in den Krieg zu gehen. Und mein leiblicher Vater mit 16.
Meine Mutter – so hat es mir auch mein leiblicher Vater erzählt – war in ihrer zehnköpfigen Einheit das einzige Mädel und dazu die Jüngste. Und deswegen war immer klar: Man hat sie zwar als gleichwertig mitkämpfen lassen, aber sie wurde auch am meisten beschützt. Und mein Vater hat sich halt besonders gut um sie gekümmert. Mit 16 war sie dann schwanger, und im dritten Monat wurde sie durch eine Granate verletzt. Und dann wurde sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zu Fuß über die Grenze in den Sudan gebracht, da an den Flughafen, und weil die ELF, die Eritrean Liberation Front, ihren Hauptsitz in Ägypten hatte, wurde sie nach Kairo geflogen und dort operiert. Bei ihr waren beide Trommelfelle gerissen. Als ich zur Welt kam, war sie taub. Aber nach einem Jahr hat sie ihr Gehör wiedergewonnen, was ein Wunder war. Sie kann zu 96 Prozent wieder hören, was großartig ist, aber vier Prozent sind viel mehr, als es klingt. Sie kann sich heute ganz normal unterhalten, aber sie ist lauter geworden. Manchmal dachten unsere Nachbarn, wir würden uns streiten, dabei haben wir uns ganz normal unterhalten. Eritreer reden eigentlich sehr leise und sind eher zurückhaltend; man nennt sie auch die Deutschen Afrikas. Na ja, vielleicht war es ja doch kein Zufall, dass wir am Ende unserer Reise in Deutschland gelandet sind.
Claudia Roth:
Dann bist du mit einer ganz starken Mutter aufgewachsen. Aber was haben denn ihre Eltern gesagt?
Fetsum Sebhat:
Sie ist ja abgehauen. Mein Großvater war im Exil in Saudi-Arabien, weil er auch gekämpft hat. Ihn haben sie aber gefangen und in Äthiopien ins Gefängnis geschmissen. Aber der Gefängnisdirektor war sein ehemaliger Klassenkamerad. Und der hat ihn nachts rausgelassen. So konnte mein Großvater sich in Sicherheit bringen. Meine Mutter hat ihre Eltern nach ihrem Verschwinden bei Nacht und Nebel 17 Jahre lang nicht gesehen.
Als wir 1992 zum ersten Mal wieder nach Eritrea gefahren sind, habe ich meine Mutter zusammenbrechen sehen, zum ersten Mal. Sie hat sich auf den Boden gesetzt und über zweieinhalb Stunden lang in den Schoß ihrer Mutter geweint. Da habe ich begriffen, dass sie ja auch nur das Kind von jemandem ist.
Und man darf nicht vergessen: Meine Mutter war alleinerziehend. Die wörtliche Übersetzung für »Hurensohn« im Tigrinischen, also der Hauptsprache Eritreas, lautet »Sohn einer alleinerziehenden Frau«.
Nach der damals herrschenden Meinung konnte eine alleinerziehende Frau keinen ganzen Mann formen. Meine Mutter hatte zwar immer einen Ausnahmestatus, weil sie eine Kämpferin war. Aber es drang natürlich schon durch. Und meine Mutter war auch untypisch für eritreische Frauen.
Geprägt durch ihre Erlebnisse hatte sie eine sehr selbstbewusste Art und mehr männliche Freunde als Freundinnen – was es nicht unbedingt leichter gemacht hat.
Als ich in Kairo geboren wurde, haben mein leiblicher Vater und die Einheit meiner Eltern erfahren, dass meine Mutter mich Atachilti genannt hat, das bedeutet »Wurzel«. Gut überlegt für ein im Exil geborenes Kind. Aber die ganze Einheit hat gesagt: Nee, er kann nicht Atachilti heißen, er muss Fetsum heißen. Dr. Fetsum war ein Militärarzt, der offenbar ganz vielen Menschen das Leben gerettet hat, dann aber im Krieg gefallen ist. Um ihn zu ehren, haben sie mich nach ihm benannt. Fetsum heißt in der eritreischen Metaphorik übrigens »Vollkommen«. Man merkt, das waren junge, idealistische Leute, meine Eltern. Eigentlich waren sie ja selbst noch Kinder.
Als meine Mutter ihr Gehör wiederhatte, wollte sie wieder zurück und weiterkämpfen. Und dann haben halt alle Leute, die da waren, gesagt: auf keinen Fall! Du bist Mutter, du kannst doch jetzt nicht diesen Jungen hier allein lassen. Und dann hieß es halt von der ELF, wir können dir Geld für ein Ticket geben und ein paar hundert Dollar, also wohin willst du? Meine Tante, die Schwester meiner Mutter, lebte zu diesem Zeitpunkt in Rom. Sie hat uns bei sich aufgenommen. Mein leiblicher Vater hat zu dem Zeitpunkt immer noch gekämpft. Meine Mutter hat sozusagen auf ihren Mann gewartet, obwohl nicht klar war, ob man sich überhaupt wiedersieht. Eine ganz unwirkliche Situation für eine 17-jährige. Anderthalb Wochen nach unserer Ankunft besuchte uns ein junger, 28-jähriger Psychiater bei meiner Tante, der Geflüchtete ehrenamtlich betreute. Und ich bin wohl auf ihn zugerannt und habe ihn »Papa« genannt. Ich habe ihn damit offenbar emotional so überrumpelt, dass er uns nach zwei Wochen angeboten hat, bei ihm und seiner Frau zu wohnen. Das wurde eigentlich unsere neue Familie. Wir hatten so ein extremes Glück. Bis heute unterscheiden wir diese Familie nicht von unserer Blutsverwandtschaft. Das ist so ein starkes Band – daher kommt auch meine starke Verbundenheit mit Italien. Zumal Italienisch die erste Sprache ist, die ich gesprochen habe. Und Marco, der leider nicht mehr lebt, ist bis heute eine Vaterfigur für mich geblieben.
Claudia Roth:
Ich komme aus einem Akademikerhaushalt. Vater Zahnarzt, Mutter Lehrerin. Man hat gar nicht gefragt, ob ich aufs Gymnasium will, das war sowieso klar. Und auch nicht gefragt, ob ich an die Uni will, das war eigentlich auch sowieso klar. Nur vor einem hat meine Mutter mich immer gewarnt. Sie hat gesagt: »Also, Kind, binde dich nicht zu früh, du musst jetzt erst mal selbstständig werden, du musst für dich selber sorgen können. So eine frühe Bindung, das bringt nichts.« Das hat sie mir gesagt, als ich 17, 18, 19 war. Vielleicht hatte sie auch Angst vor diversen Freunden, die bei uns auftauchten. Später hat sie dann lachend gesagt, ich hätte ihren Rat wohl zu ernst genommen.
Dabei hat sie selbst gar nicht die Erfahrung gemacht, durch die Ehe ihre Eigenständigkeit zu verlieren. Aber viele ihrer Altersgenossinnen eben doch. In dieser Zeit, in den 1950er und 1960er Jahren, waren Ehefrauen in Deutschland ja in einer Weise rechtlos, wie wir es uns heute kaum noch vorstellen können: Sie durften ohne Erlaubnis des Mannes kein eigenes Konto haben und keinen Arbeitsvertrag unterschreiben. Schläge des Mannes waren ebenso wenig strafbar wie eine Vergewaltigung innerhalb der Ehe. Es ist manchmal ganz hilfreich, sich klarzumachen, wie es bei uns noch vor wenigen Jahrzehnten aussah, um zu begreifen, was wir schon erreicht haben und wo wir noch weiter um Gleichberechtigung streiten müssen.
