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Wir können unsere Zukunft glücklich und nachhaltig gestalten, wenn wir unsere Welt als vernetztes System begreifen und danach handeln. Wie werden wir als Menschheit die nächsten hundert Jahre überleben? Was bedeuten die anstehenden Herausforderungen wie Klimawandel, Energiewende und Welthunger für uns individuell? Um eine positive Perspektive für unsere Zukunft zu entwickeln, müssen wir zunächst unsere Stellung als Mensch in der Welt begreifen und erkennen, wie wir in unsere Umwelt eingebettet sind. Dazu wird eine Systemsicht der Welt anschaulich beschrieben. Unser Platz als Mensch in diesem System wird dann nachvollziehbar daraus abgeleitet. Gleichzeitig erhält der Leser einen tiefen Einblick in das Wesen der Realität mit ihren vielfältigen Facetten. Fragen, die beantwortet werden sind: Was unterscheidet Körper und Geist? Wie kann unser Wille frei sein, wenn die Naturgesetze alles Geschehen unveränderbar vorherbestimmen? Wie funktioniert unser Bewusstsein und wie können wir bewusste Entscheidungen treffen? Wieso sind wir für unser Tun verantwortlich? Das so entwickelte Gesamtbild zeichnet schließlich eine klare Richtung für unser Handeln vor, damit ein nachhaltiges und glückliches Leben auf unserem kleinen Planeten Erde auch in Zukunft gelingt.
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Seitenzahl: 762
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Appetithäppchen: Amuse-Gueule
Vorwort
Leben, Tod und Sterben
Evolution
Realität, Wissen und Wahrnehmung
Lernen und wissenschaftliche Erkenntnis
Wissenschaftliche Weltsicht
Gehirn, Bewusstsein, Selbst, Kausalität und freier Wille
Weltanschauung, Sinn und Ethik
Globale Ethik, individuelles Handeln
Gelungenes Leben, Menschsein
Dank und Abbitte
Anhang
11.1 Ergebnisse eigener Untersuchungen
11.2 Anmerkungen
We are here and it is now.
Further than that all human knowledge is moonshine.
(Henry L. Mencken, 1880 bis 1956, amerikanischer Journalist und Kritiker)
Morpheus: This is your last chance. After this, there is no turning back. You take the blue pill – the story ends, you wake up in your bed and believe whatever you want to believe. You take the red pill – you stay in Wonderland and I show you how deep the rabbit-hole goes.
Remember. All I’m offering is the truth – nothing more.
(Neo takes the red pill)
Follow me!
(Wachowski-Geschwister, The Matrix, 1999)
(Zitat von Novalis, 1772 bis 1801, deutscher Dichter, Graffiti gesehen in Krakau, 2010)
Kommunikation am Frühstückstisch, aus dem Zusammenhang zitiert:
A: „Der Mensch ist zum Denken geboren.“
C: „Das merkst du vielen aber nicht an.“
Und dennoch: „Alle Menschen sind Philosophen“, wenn es nach Karl Popper (1902 bis 1994) geht, einem der großen Philosophen des letzten Jahrhunderts. Dies sei so, weil jeder Mensch sich Gedanken über die grundlegenden Fragen des Lebens macht, beispielsweise über den Sinn des eigenen Lebens oder über den Tod und was danach kommt.
Diese und andere fundamentale Fragen stellen sich vermutlich viele Menschen. Aber häufig scheint es einfacher und letztendlich denkökonomischer zu sein, fertige Antworten zu übernehmen als selbst über diese Fragen wirklich nachzudenken und so zu eigenen Ansichten zu gelangen oder auch nur die angebotenen Antworten wirksam zu hinterfragen. Durch diese Denkbequemlichkeit halten wir uns den Kopf frei und ‚gewinnen‘ Zeit beispielsweise für die Bewältigung der alltäglichen Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen, oder für den Spaß, den wir uns für unser Leben gönnen, oder einfach für die alltägliche Daily-Soap am Abend.
Haben viele Menschen, haben Sie heute aber nicht den Kopf frei genug, auch wirklich selbst nachzudenken? Können fertige und statisch übernommene Antworten überhaupt sinnvoll sein in Zeiten wie diesen mit ihren schnellen Veränderungen? Bieten uns die neuesten Einsichten über uns selbst, beispielsweise zum Funktionieren unseres Gehirns, nicht ganz neue Denkansätze, die wir bei alten Philosophen gar nicht finden können, da ihnen diese Erkenntnisse noch gar nicht zur Verfügung standen? Und ist es vor dem Hintergrund der aktuellen globalen Herausforderungen zu Energieressourcen, Klima und der weiteren Globalisierung nicht sogar unsere einzige Chance, durch selbstständiges Denken nachhaltige Antworten beispielsweise zu Gerechtigkeitsfragen zu finden, die wir womöglich mit zunehmenden Einsichten immer wieder aktualisieren müssen? Dabei geht es nicht nur um ganz allgemeine Antworten auf die aktuellen Herausforderungen, sondern auch womöglich darum, unser individuelles Verhalten zu überdenken und gegebenenfalls aufgrund eigener Einsichten zu verändern. Wie selbstbestimmt leben wir also, wenn wir nicht immer ‘mal wieder nachdenken?
Entsprechend zu eigenem Denken angestoßen habe ich nachgedacht und meine Gedanken hier aufgeschrieben. Neben all den genannten Gründen hat es auch einfach viel Spaß und Freude gemacht, den eigenen Kopf zu dem zu gebrauchen, wofür er ‚gemacht‘ ist. Der Spaß resultiert auch daher, dass mich auf einem Stück dieses Weges Freunde und Bekannte in einem Denkzirkel begleitet haben, deren Ideen und Gedanken mit in diese Seiten eingeflossen sind. Diesen Menschen möchte ich an dieser Stelle für die offene und oftmals sehr persönliche Diskussion sehr herzlich danken. Ohne sie gäbe es diese Seiten nicht so, wie sie sind.
Dabei bin ich kein Philosoph – außer im Popper‘schen Sinne. Ich erhebe auch keinen Anspruch darauf, einen der vorgestellten Gedanken erstmalig gehabt zu haben. Dazu habe ich zu viel Literatur gelesen, Filme gesehen und Hörbücher gehört und jeweils versucht, die mir neuen Einsichten in mein eigenes Gedankengebäude schlüssig einzufügen, zu modifizieren oder durchdacht zu verwerfen. Da offensichtlich nur eine endliche Zeit zur Verfügung stand, diese Ideen zu sammeln und zusammenzufügen, sind mir mit Sicherheit viele wichtige Ideen entgangen. Das ist bereits eine der wesentlichen Einsichten: Wir haben nie alle Informationen umfassend verfügbar, sondern müssen unsere persönliche ‚Philosophie‘ immer auf fragmentarischem Wissen aufbauen – unsere Lebenszeit ist eben endlich, unser Gehirn begrenzt. Dennoch muss das Gedankengebäude einerseits ausreichend umfassend und andererseits für jeden selbst in sich schlüssig sein, um für das eigene Leben gute Antworten auf die grundlegenden Fragen zu ermöglichen.
In diesem Buch möchte ich Sie also auf eine Denkreise mitnehmen, die am Ende zu meinem in sich zusammenhängenden und einigermaßen konsistenten Gebäude von Antworten auf eine Reihe fundamentaler Fragen führen soll. Bevor diese Fragen beantwortet werden können, müssen zunächst die Grundlagen für eine belastbare Beantwortung gelegt werden. Beispielsweise muss zuerst geklärt werden, warum wir überhaupt verantwortlich sind und welchen Umfang diese Verantwortung haben kann, bevor die Frage überhaupt sinnvoll zu beantworten ist, wofür wir denn eigentlich verantwortlich sind. Entsprechend wird hier in aufeinander aufbauenden Schritten eine Sicht der Welt entwickelt, die am Ende Antworten auf die aktuellen Fragen und Herausforderungen gibt. Dies ist nur ein Weg, den Sie mitgehen und anschließend selbst weiter gehen können. Aber Sie können sich Ihren eigenen Weg angeregt durch diese Gedanken gerne auch anders suchen. Ich bin mir sogar sicher, dass selbst bei mir neue Einsichten gereift sein werden, bis Sie diese Seiten lesen. Es sollen hier also nicht vorrangig philosophische Fragen prinzipiell fundamental diskutiert werden, auch wenn an manchen Stellen eine solche Diskussion nötig ist und solche Diskussionen durchaus spannend sein können. Genauso wenig möchte ich vorrangig Probleme bestehender Denkansätze aufzeigen, ohne womöglich zum Schluss Lösungen anzubieten. Ich möchte Sie viel eher zum eigenen Denken einladen und womöglich durchaus auch den Stoff abgeben, an dem Sie Ihre persönlichen Ideen ‚reiben‘ können.
Auf diesem Weg zu meinem Gedankengebäude möchte ich Sie mitnehmen und dabei plausibel machen, wie sich die einzelnen Argumente und Einsichten in ein Gesamtbild einfügen. Aus diesem Ansatz resultiert auch, dass ich die Dinge so schreibe, als seien sie so – und eben in der Regel nicht diverse Optionen diskutiere. Natürlich ist es nicht an sich so, sondern zunächst nur in meinem Gedankengebäude. Ihr selbstbestimmtes Denken bedeutet, dass Sie diese Gedanken in ihr Gedankengebäude übernehmen können – oder eben auch nicht.
Hier möchte ich noch etwas zur Struktur des Geschriebenen vorausschicken. Ein geschriebenes Buch an sich wird der Struktur eines Gedankengebäudes offensichtlich nur bedingt gerecht, da das Gedankengebäude vielfach vernetzt ist. Um die Gedanken lesbar darzustellen, habe ich versucht, die Ideen und Gedanken entlang eines geordneten und möglichst wenige Sprünge und Abschweifungen enthaltenden roten Fadens anzuordnen. Ich habe mich auch bemüht, Vorwärtsverweise, die ich persönlich sehr unerfreulich finde, auf ein Minimum zu beschränken. Ich werde gelegentlich neue Gedanken in einem Sinnkontext lediglich kurz ansprechen und wenige erste Aspekte darstellen, um sie dann später weiter auszuführen, ohne immer explizit vorher darauf hinzuweisen. Andernfalls würde die Lesbarkeit deutlich leiden. Daher mögen Sie sich als Leseri gelegentlich bei einem zunächst nur angerissenen Thema fragen, ob das denn alles sei, was ich dazu zu schreiben beabsichtige, um dann hoffentlich an anderer Stelle die erwartete detailliertere Behandlung zu finden. Am Ende werden Sie dann alle Gedanken erfahren haben, die mir zu einem Thema wichtig waren.
So wünsche ich Ihnen nun viel Spaß und Anregung beim Lesen.
i Ich spreche Sie, lieber Leser, als Menschen an und nicht vorrangig als männlich oder weiblich und verzichte daher darauf, umständlich beide Geschlechtsformen oder unnatürlich geschlechtsneutral zu formulieren. Bereits über den Sinn oder Unsinn dieser Fußnote kann man länglich philosophieren. Aus pragmatischen Gründen – ich finde, es gibt viel Wichtigeres, auch in Bezug auf Gleichberechtigung – möchte ich hier darauf nicht eingehen.
Schon morgens wird in der Arbeitsgruppe erzählt: Manik ist wieder da (Name geändert). Nachdem er über zwei Monate in seiner Heimat Indonesien war, ist er – völlig unangekündigt – wieder da. Einfach so. Ich habe in diesen zwei Monaten nur zwei vereinzelte E-Mails von ihm erhalten, die von seinem Schicksal berichten. In seinem gebrochenen Deutsch hat er versucht zu schildern, was ihm begegnet ist. In der Gebrochenheit der Sprache hilflos und doch überdeutlich.
Nach meinen ersten Arbeitsterminen, in einer kurzen Pause bevor lange angekündigte Gäste eintreffen, finde ich nur kurz Zeit Manik zu sehen. Da steht er vor mir. Kaum 1,50 m groß und schmächtig. Ein kleiner Mensch in all seiner Zerbrechlichkeit. Und dann erzählt er: „Weißt Du, ich bin nach Indonesien gefahren. Meine Schwester wollte heiraten. Die Gäste sollten in einem Hotel wohnen. Das Hotel war gebucht. Und dann war das Erdbeben in meiner Stadt, in Padang.“ Er erzählt das langsam und suchend, nach Worten des Deutsch ringend. Das hat er mir auch schon in den zwei E-Mails geschrieben, aber ich lasse ihn sprechen, denn das Hervorbrechen der Gedanken und das Ablaufen seiner inneren Bilder möchte ich nicht – will ich nicht – unterbrechen. „Und alle Häuser sind kaputt. Das Hotel ist kaputt. Die Hochzeit fand dann nicht statt.“ Das scheint fast harmlos, denn ich weiß, was er mir schon in den E-Mails geschrieben hat. Gleichzeitig fühle ich mich so hilflos. Da steht er vor mir, dieser kleine Mensch, Manik. Mit allen seinen schmerzlichen Erfahrungen und Erinnerungen, über die er erzählt. Und ich stehe vor ihm, 1,90 m lang, sonst eher in Jeans aber heute wegen der Gäste in Anzug und Krawatte. Für diese Begegnung, bei der ich nur Mensch sein möchte, völlig unangemessen gekleidet, so, als wollte ich mich hinter der Anzug-Fassade verstecken. Aber ich fühle mich ganz als Mensch gegenüber diesem kleinen Menschen, fühle, wie meine Arme hilflos zu beiden Seiten meines Körpers herunterbaumeln, sinnlos, zwecklos, da sie mit Zupacken hier das Geschehene nicht mehr verändern können. Und dann nochmal: „Die Häuser sind kaputt. Und meine Großmutter konnte nicht mehr gut gehen.“ Wieder ringt er nach Worten. Also nehme ich es ihm ab. „Deine Großmutter ist gestorben.“ „Ja, meine Großmutter ist tot.“ Gleichzeitig sehe ich dieses imaginäre Bild vor mir von einem eingestürzten Haus, aus dem die Großmutter nicht mehr entkommen konnte. Manik steht davor und kann nicht mehr helfen.
Manik erzählt dann weiter, wie er dort geblieben ist. Er spricht in suchendem Deutsch, immer wieder unterbrochen von seinem nach dem richtigen Wort fragenden und für ihn so typischen „was ist das?“, das er bei jeder Wortsuche in den Satz einflicht, auch durchaus mehrmals in einem Satz. Nach drei Tagen kamen die indonesischen Hilfstrupps, nach einer Woche die internationale Hilfe. In den ersten drei Tagen war es schon alleine schwer auch nur Essen und Wasser zu besorgen, weil alles zerstört war. Es ging wirklich zuerst nur um das nackte Überleben. Manik hilft dann den internationalen Hilfsgruppen, indem er dolmetscht. Er begleitet eine Hilfsgruppe aus Ungarn. Viele Menschen in Indonesien können kein Englisch. Er kann Englisch. Also übersetzt er. Und dann erzählt er noch von dem Dorf unterhalb des Berges, das durch einen Erdrutsch verschüttet wurde. Er berichtet, dass sie praktisch keine Überlebenden gefunden haben aber auch keine Leichen, weil alles verschüttet war. Es hat nur schrecklich nach Verwesung gestunken.
Manik hat Schlimmes gesehen und erlebt. Und ich stehe da – hilflos stehe ich vor ihm. Und jetzt muss ich in den Seminarraum, denn es ist Zeit für die Gäste. Gleichzeitig weiß ich: Mit Manik muss ich noch einmal darüber sprechen, mit mehr Ruhe und ohne den nächsten Termin im Nacken. Ich möchte mehr wissen von dem, was er erlebt hat. Und er muss darüber sprechen können.
Sein Hiersein bekommt durch das Geschehene eine völlig andere Qualität. Wieso ist er eigentlich schon wieder hier? Gäbe es nicht viel wichtigere Dinge für ihn zu tun bei ihm zu Hause, in seiner Heimat? Für ihn ist das Hiersein anscheinend wichtiger. Er erzählt, dass er hier viel lernen möchte und später vorhat, zurück in seinem Land durch Beratung den Politikern zu helfen, die richtigen Entscheidungen für die Zukunft Indonesiens zu treffen.
Später habe ich mehr Zeit und gehe zu Manik, ohne einen nächsten Termin danach. Ich frage ihn noch einmal nach dem Erdbeben und dem Erlebten. Neben weiteren Erzählungen zeigt er mir Bilder auf seinem Computer: das eingestürzte Hotel, in dem die Hochzeitsgäste untergebracht werden sollten, der abgerutschte Hang, unter dem eine Siedlung verschwunden ist, aber auch Manik, wie er mit Helfern zusammensteht oder mit Regierungs-Offiziellen. Dabei ist auch ein Foto aus einem Fenster heraus, bei dem der Erdrutsch gezeigt ist, der gerade genau bis an die Hauswand dieses Hauses reicht: Glück im Unglück gehabt. Die Bilder erzählen eine überdeutliche Geschichte von dem Unglück, das die Menschen in Padang und Umgebung ereilt hat.
Die Auseinandersetzung mit solch einschneidenden persönlichen Ereignissen, zu denen auch der Tod nahestehender Menschen gehört, führt einen unweigerlich zu den zentralen Fragen nach Leben, Tod und Sterben, aber auch nach Gott und nach dem Sinn des eigenen Lebens. Diese Fragen sind auch Thema in diesem Buch. Wenden wir uns zunächst den vielleicht für uns persönlich schwierigsten Fragen zu, denen nach Leben, Tod und Sterben, die offensichtlich eng miteinander verknüpft sind. Die weiteren Fragen sind späteren Kapiteln vorbehalten.
Über meinen eigenen Tod wirklich nachzudenken ist mir zunächst sehr schwer gefallen, auch wenn mir rational natürlich immer klar war, dass mein Sterben unausweichlich ist1. Zunächst habe ich einfach Angst davor, nicht mehr zu sein. Diesen Zustand des Nicht-Seins kann ich mir nicht wirklich vorstellen und das an sich macht mir bereits Angst. Sich vorzustellen, dass die eigene Person, die da gerade denkt, nicht mehr existiert, ist auch logisch nicht ganz trivial. Man muss das eigene Denken weg-denken. Es kommt zum Denk-Ende des Denkenden. Das triviale Argument, das man gegen die Angst vor dem Nicht-Sein oft hört, dass wir ja auch vor unserer Geburt letztendlich in dem gleichen Zustand des Nichtseins waren, hilft da nur wenig, denn damals haben wir dies nicht vorausgesehen. Es gab uns, die wir hätten Ängste haben können, ja noch gar nicht. Da Ängste sich immer auf zukünftige Ereignisse beziehen, hatten wir nie Angst, vor unserer Geburt nicht zu sein. Dennoch hilft dieses Argument vielleicht ein wenig, wenn man sich so bewusst macht, dass wir genauso das eigene Nichtsein nicht mehr wirklich erfahren werden. Solange wir denken und empfinden, werden wir uns als denkende und empfindende Wesen wahrnehmen. Wenn wir nach dem Tod nicht mehr denken und empfinden, werden wir dies eben nicht mehr mit-er-leben. Wir können uns dies vielleicht vorstellen wie das Einschlafen in einen traumlosen Schlaf, aus dem wir nicht mehr erwachen.
Neben der direkten Angst vor dem Nichtsein gibt es weitere Facetten der Angst vor dem eigenen Tod. Wir planen den nächsten Tag und unsere weitere Zukunft. Dass da ein Zeitpunkt ist, jenseits dessen diese Planung für uns völlig sinnlos ist, können wir anscheinend nur schwer akzeptieren. Alltäglich werden wir zwar von gewissen Abweichungen zwischen unseren Planungen und der sich dann einfindenden Realität immer wieder eingeholt. Die prinzipielle Unplanbarkeit nach dem Tod ist allerdings fundamentaler und löst wiederum Ängste aus. Aber bereits wenn wir realisieren, dass ein wesentlicher Bestandteil der Ängste die Furcht vor der Unplanbarkeit ist, kann auch dies die Angst vor dem Tod an sich bereits wieder ein wenig weiter relativieren.
Ein weiterer Auslöser für Ängste ist wohl die Angst vor dem Prozess des Sterbens. So habe ich beispielsweise Angst davor, durch einen Unfall oder durch eine Krankheit zu sterben, und dadurch in meiner letzten Lebenszeit sehr große Schmerzen ertragen zu müssen. Das ist für mich persönlich die eigentliche Angst: die Angst vor dem Sterben und nicht die vor dem Tot-Sein.
Was haben wir beim Sterben an sich zu erwarten? Dem Sterben am nächsten sind Menschen gekommen, die wiederbelebt wurden und von denen einige über ihre Nahtoderfahrungen berichten. In diesen Berichten können wir nach Anhaltspunkten suchen für das, was uns beim Sterben erwartet. Auf die Nahtod-Berichte zur Klärung dieser Frage Bezug zu nehmen, ist gerechtfertigt, weil die Berichte eine ganze Reihe von immer wiederkehrenden Elementen enthalten, so dass wir davon ausgehen können, dass zumindest einige Elemente aus dem Berichteten womöglich auch für unser eigenes Sterben übertragbar sind. Menschen, die kurzzeitig klinisch tot waren und dann wiederbelebt wurden, beschreiben das Sterben fast immer positiv. Teilweise haben sich Menschen mit Nahtoderfahrungen daher sogar gegen die Rückkehr ins Leben ‚gewehrt‘. Beschrieben wird beispielsweise, dass man sich beim Sterben auf eine sehr weiße aber gleichzeitig außerordentlich emotional warme Lichtquelle zubewegt. Man fühlt sich dabei völlig angenommen. Auf dem Weg begleiten und unterstützen einen bereits verstorbene Angehörige und Freunde. Menschen mit Nahtoderfahrung berichten auch, dass sie nach dieser Erfahrung keine Angst mehr vor dem Sterben haben. Sie brauchen dann ja offensichtlich keine Angst mehr vor dem Unbekannten zu haben. Sie kennen es schon und hatten es zudem als durchaus nicht negativ erfahren. Die Details der Nahtoderfahrung sind dabei von der jeweiligen Kultur deutlich geprägt. Bei Hindus in Indien tauchen bei den Berichten beispielsweise heilige Kühe als Motiv auf, was im europäischen Kulturkreis fehlt. Von manchen wiederbelebten Selbstmördern wird dagegen berichtet, dass die Nahtod-Erfahrung sehr negativ war, geprägt von Ängsten und Zweifeln.
Natürlich haben wiederbelebte Menschen den Prozess des Sterbens offensichtlich noch nicht wirklich bis zum Ende vollständig durch-‚lebt‘, sie wurden ja ins Leben zurückgeholt. Die letztendlichen Ängste vor dem Sterben an sich können uns durch die Berichte von Nahtoderfahrungen also wenn überhaupt auch wieder nur partiell genommen werden.
Trotz der letztendlichen Zweifel können wir aber versuchen, aufbauend auf der Gesamtheit der Berichte zu Nahtoderfahrungen ein einigermaßen konsistentes Bild von dem zu entwerfen, wie wir das Sterben an sich eines Tages erleben werden. Beim Erlöschen des Lebens laufen im Gehirn anscheinend grundlegende Prozesse ab, die im Wesentlichen universell sind. Die individuell wahrgenommenen Inhalte dieser letzten Gehirnaktivitäten hängen allerdings neben kulturellen Einflüssen auch wesentlich von den persönlichen Erfahrungen und von den Gedanken kurz vor dem Sterben ab. Die Zweifel von Selbstmördern an dem Freitod verstärken sich im Sterben – soweit das mitteilbar ist – zu schrecklichen Sterbeerfahrungen. Fehlt der Zweifel, sind die Wahrnehmungen beim eigenen Sterben wohl insgesamt eher soweit ertragbar, teilweise sogar so positiv, dass wir keine Angst davor haben müssen. Dies passt auch zu den Berichten, die ich von Freunden und Verwandten gehört habe, die das Sterben anderer Menschen miterlebt haben. Der ‚letzte Schnaufer‘ war häufig ein eher friedlicher. Es scheint also so – soweit wir dies erahnen können –, dass unsere letzten wesentlichen Emotionen vor dem Sterben auch im Sterben das Er-‚lebte‘ mit beeinflussen. Umso wichtiger scheint es mir, bewusst seinen persönlichen Frieden mit dem eigenen Sterben gefunden zu haben, um so angstfrei wie möglich dem eigenen Tod begegnen zu können, wenn er einen denn eines Tages ereilt.
Was kann man daraus als Fazit ziehen? Der Tod ist nicht planbar. Er kann uns prinzipiell in jeder Sekunde ereilen. Wenn unser Erleben im Sterben auch von den Emotionen kurz vorher abhängt, so ist es wohl hilfreich, wenn wir versuchen dem Tod so akzeptierend wie möglich gegenüberzustehen und unsere Ängste abzubauen. Für mich selbst ist daher die Bewusstmachung dieser Zusammenhänge wichtig, denn so bin ich prinzipiell auf das Sterben vorbereitet und kann mich mit dem Tod – soweit wie dies im Vorhinein überhaupt möglich ist – ‚anfreunden‘. Zwar werden einem womöglich Gedanken durch den Kopf schießen, welche die Hinterbleibenden betreffen, deren emotionale Schmerzen und Sorgen wie sie womöglich nach dem eigenen Ableben weiter leben und wie sie versorgt sein werden. Diese Sorgen können je nach aktueller Lebenssituation sicher sehr berechtigt und drängend sein, beispielsweise wenn kleine Kinder zu versorgen sind oder wenn man selbst der Hauptverdiener in der Familie ist. Gleichzeitig ist aber auch klar, dass wenn der Tod denn wirklich ‚anklopft‘, man dies nicht ändern kann und einem nur bleibt, ihn mit einer möglichst entsprechenden Gelassenheit anzunehmen. Ich möchte dabei nicht den Eindruck erwecken, von irgendeiner morbiden Todessehnsucht oder Ähnlichem befallen zu sein. Ich glaube allerdings, dass wir üblicherweise den Tod so zu einem Tabuthema machen, dass eine durchaus sinnvolle Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod eher unterdrückt wird. Für mich selbst war es wichtig, dieses Tabu zu durchbrechen, weil ich eigentlich keinen wirklichen Grund für dieses Tabu sehe. Der Tod ist natürlicher Teil von jedem Leben. Dabei realisiere ich sehr wohl, dass unsere diffusen Ängste das Tabu unterstützen, wir uns also ungerne mit diesem Thema auseinandersetzen, weil wir womöglich Angst haben, dann mit unseren Urängsten unmittelbar konfrontiert zu sein und sie aushalten zu müssen.
Diese Überlegungen können einem zwar in gewisser Weise bezogen auf das eigene ‚Sterben an sich‘ helfen. Sie sind allerdings nicht relevant bezüglich der Angst vor großen Schmerzen beim Sterben. Aber auch hierzu gibt es einen gewissen Trost. Entweder die Schmerzen sind langanhaltend zum Beispiel aufgrund einer schweren Erkrankung oder sie ereilen einen plötzlich beispielsweise wegen eines tödlichen Unfalls. Im ersten Fall darf man heute auf die Medizin vertrauen, die entsprechend starke und wirksame Schmerzmittel verfügbar hat. Andererseits reagiert der Körper bei plötzlichen starken Schmerzen aber gnädig. Von einem Mitdenker des im Vorwort angesprochenen Denkkreises, der Mediziner ist, wurde mir versichert, dass das Bewusstsein abschaltet, wenn die Schmerzen zu stark werden. Man nimmt den Schmerz nicht mehr wahr. Diese Argumente können mir die letzte Angst vor den großen Schmerzen kurz vor meinem Tod nicht vollständig nehmen, sie können sie lediglich reduzieren. Alleine dies empfinde ich persönlich allerdings schon als eine große Hilfe.
Bis hierher habe ich Vorstellungen über das gar nicht berücksichtigt, was mit unserem Geist oder unserer Seele losgelöst von unserem Körper womöglich nach dem Tod geschieht. Gibt es ein Leben nach dem Tod? Sind wir dann bei Gott? Landen wir im Himmel oder in der Hölle oder sind diese Stadien nur ein Durchgangszustand vor unserer Wiedergeburt? Werden wir mit unserer Persönlichkeit wiedergeboren oder in einer transformierten Weise? Offensichtlich findet man in unterschiedlichen Kulturkreisen und Religionen sehr verschiedene Vorstellungen von dem, was mit unserem ‚Ich‘ nach dem Tod geschieht. Einige der religiösen Aspekte möchte ich etwas näher in Kapitel 7 behandeln. Im Kontext der Fragen zum Sterben soll es hier genügen festzustellen, dass zu den unsicheren Aussagen zum körperlichen Sterben dann ja noch die Unsicherheiten der jeweiligen Religion hinzukommen: Gibt es Gott? Woher wissen wir, dass die jeweiligen religiösen Vorstellungen zu Vorgängen nach dem Tod auch wirklich zutreffen? Mir scheint, wir würden mit solchen Vorstellungen eben nicht unsere Unsicherheit um das Sterben reduzieren, sonders stattdessen eher noch mehr offene Fragen zusätzlich erhalten. Die religiös geprägten Vorstellungen können also – wenn überhaupt – ebenfalls nur bedingt eine Hilfe sein.
Bei einer Idee der Religionen möchte ich hier aber gedanklich verweilen, weil sie in verschiedenen Religionen auftritt und auch unabhängig von Religion bedeutsam zu sein scheint: bei der Seele. In den meisten Religionen spielt die Seele des Menschen eine wesentliche Rolle. Mit ‚Seele‘ wird üblicherweise das bezeichnet, was am Menschen nicht-körperlich ist, was also den Teil des Menschseins ausmacht, den wir nicht direkt dem Körper zuordnen können, der also über den Körper hinausgeht. Seele umfasst einerseits den denkenden Geist mit allen Gedanken und Ideen, das Selbst, das Bewusstsein vom Selbst, aber auch Emotionen und Gefühle wie Ängste, Hoffnungen, Liebe, etc. Andererseits schließt die Seele in manchen Vorstellungen eine schwer zu beschreibende Eigenschaft mit ein, die sich auf das Belebtsein an sich bezieht. Letzteres wird beispielsweise betont, wenn wir davon sprechen, dass wir ‚beseelt‘ sind oder im Begriff des ‚Odems‘, der dem Menschen beispielsweise von Gott eingehaucht wird. Geist im engeren Sinne ist dabei alles das, was letztendlich in unserem Gehirn an bewussten Gedanken und Gefühlen abläuft. Seele umfasst auch dies in manchen Anschauungen, in manchen nicht, und kann eben auch mit dem Belebtsein an sich über den Geist hinausgehen. Dieser begrifflichen Unschärfe möchte ich im Folgenden insbesondere bei der Beschreibung meiner eigenen Vorstellungen möglichst Rechnung tragen.
Von besonderer Relevanz ist die Seele im Zusammenhang mit dem Tod des Körpers. Bereits bei den Ägyptern ist es das Ka, das nach dem Tod eine Wanderung antritt. In den christlichen Religionen ist es die Seele, die den Tod des Körpers übersteht und über die gerichtet wird, die ewig lebt, entweder im Paradies oder in der Verdammnis. Im Buddhismus ist der Begriff Seele etwas komplexer. Er bezeichnet nur oberflächlich das Gleiche wie bei den christlichen Religionen. Genauer betrachtet ist es zwar irgendetwas, was bei der Reinkarnation wiedergeboren wird. Dies ist aber eben nicht identisch zu dem, was die Persönlichkeit eines gestorbenen Menschen ausmachte.
Warum ist Seele ein so wesentlicher Begriff in den Religionen? Eine mögliche Erklärung möchte ich hier suchen. Der Mensch hat die fatale Eigenschaft, den eigenen individuellen Tod als eine Unabänderlichkeit bereits im Leben erkennen zu können. Diese Einsicht ist sicher eine Triebkraft für die Entstehung von Religionen, die konsistente Antworten auf die bereits angesprochenen fundamentalen Fragen des Menschen geben sollen. Von diesen sind hier die beiden folgenden besonders relevant:
Woher komme ich vor meiner Geburt?
Wohin gehe ich nach meinem Tod?
Genau diese Fragen resultieren aus der Todesvoraussicht einerseits und unserer lebenslangen Erfahrung der Kontinuität des eigenen Lebens andererseits.
Im Buddhismus werden diese beiden Fragen elegant gemeinsam mit der Reinkarnation beantwortet. In theistischen Religionen erfolgt die Antwort durch Verweis auf Gott. In den abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam ist es Gott, der jeden Menschen individuell erschaffen hat, der dadurch den Sinn des Lebens definiert und zu dem jeder nach seinem Tod zurückkehrt, wie dies in Bild 1 grafisch verdeutlicht ist. Damit Letzteres überhaupt möglich ist, wird das Konzept der Seele notwendig, da der Körper ja offensichtlich zerfällt und nicht zu Gott zurückkehrt – wenn man von der metaphysischen Deutung absieht, dass der Körper durch sein Zerfallen anderem Leben neue stoffliche Basis bietet. Die Seele erlaubt also dem Menschen in der religiösen Deutung, den Tod irgendwie zu umgehen, den Tod zumindest als Denkmöglichkeit zu überwinden.
Zu diesen Gründen, welche die Idee der Seele so attraktiv erscheinen lassen, kommt hinzu, dass der Mensch – wie bereits angesprochen – seine individuelle Zukunft als planbar und unendlich erfährt und dies durch den Tod zumindest für den Körper durchbrochen wird. Erst durch die Existenz der Seele wird hier trotz des offensichtlichen Zerfalls des Körpers nach dem Tod eine weitere Zukunft des Individuums über den unleugbaren körperlichen Tod hinaus überhaupt denkbar. Die Seele ist damit ein gedanklicher Rettungsanker gegen die Ängste vor dem Tod, besonders wenn man sich die Seele als unsterblich vorstellt. Auch hier ist mit Seele immer noch die unklare Mixtur angesprochen aus Denken und Gefühlen einerseits und andererseits aus dem Belebtsein an sich.
Bild 1: Grafische Veranschaulichung verschiedener religiöser Aussagen zur Seele von Lebewesen und deren Weitergabe.
Dieses Bild von der Seele wird also zu einem wesentlichen Teil von Grundängsten des Menschen geprägt. Persönlich finde ich das nicht befriedigend und wenig überzeugend. Wesentlich stärker überzeugen könnte mich dagegen eine von diesen Ängsten unabhängige Vorstellung zur Seele. Eine solche Sicht wird nun aber auch dadurch erschwert, dass sich der Mensch selbst in gewisser Weise als zweigeteilt erfährt: zwar als eine Einheit, die aber irgendwie aus Körper und Geist oder eben Seele zusammengesetzt ist. Selbst wenn der individuelle Körper alt wird, gebrechlich und irgendwann zerfällt, muss dies für den Geist nicht zutreffen, der dann mit Seele unscharf gleichgesetzt oder zusammengefasst wird. Auch in anderer Hinsicht tritt eine Unterscheidung auf: Unser Körper muss offensichtlich den physikalischen Gesetzen gehorchen. Das Denken empfinden wir dagegen als von diesen unabhängig, denn wir können uns völlig Unphysikalisches problemlos vorstellen. Dass wir im Denken von den Naturgesetzen unabhängig sind, lernen wir beispielsweise in unseren Träumen, in denen ich zumindest gelegentlich durch einfaches Armerudern fliegen kann, und bekommen es in vielen Science-Fiction- und Fantasy-Filmen eindrucksvoll vor Augen geführt2.
Diese wahrgenommene Zweiteilung ermöglicht dann tröstliche Deutungen wie die christliche oder die buddhistische. Einen objektiven Beleg für eine solche Zweiteilung zwischen Körper und Geist beziehungsweise Seele gibt es bisher nicht, insbesondere nicht für eine solche, bei der ein unkörperlicher Teil des Menschen den Tod überdauert. Die Erfahrung belegt eher das Gegenteil: Wenn der Körper nicht mehr lebt, ist auch von Geist und Seele des Verstorbenen als irgendwie nachweisbare Einheiten für uns Überlebende nichts mehr objektivierbar festzustellen. Die Frage ist, ob es hier einen nachvollziehbaren Ansatz gibt, dieses Dilemma zu überwinden: die Wahrnehmung einerseits von Zweigeteiltheit und andererseits die offensichtlich innige Bindung von Geist und Seele an die Existenz des Körpers. Schön wäre es auch, wenn eine alternative Deutung nicht die Widersprüche aufwiese wie die unterschiedlichen religiösen Auffassungen von der unsterblichen Seele.
Lassen Sie uns für einen Moment einige religiöse Deutungen etwas genauer anschauen. Nehmen wir als erstes Beispiel die Reinkarnation als Basis für ein Hinterfragen. Nach heutigem Verständnis entstand das Leben durch irgendeinen Zufall, der dazu führte, dass sich irgendwo ein spezifisches molekulares System entwickelte, das in der Lage war, sich selbst zu reproduzieren. Dies vielleicht nur in geeigneter Umgebung, aber in dieser war es in der Lage, anderen Molekülen seinen ‚Willen‘ derart aufzuprägen, dass diese sich so arrangierten, dass es selbst nachgebildet wurde und sich so vermehrte. Egal ob dies bereits als Leben angesehen wird oder ‚Leben‘ erst ein späteres Stadium charakterisieren soll, es hat zu irgendeinem Zeitpunkt ein erstes Lebewesen gegeben. Bereits dieses muss ja aber nun eine Seele besessen haben. Es ergeben sich zwei Fragen: Woher kommt diese erste Seele, wenn es vorher keine Lebewesen gab, die wiedergeboren hätten werden können? Gleichzeitig muss sich dieses erste Leben irgendwann vermehrt haben – dies ist ja eben eine der wesentlichen Eigenschaften von Leben und ist Voraussetzung dafür, dass wir überhaupt die Chance auf unser Leben haben. Woher kamen dann die Seelen der ersten Kindergeneration? Woher kommen also überhaupt die vielen Seelen, die den vielen Lebewesen heute innewohnen? Hier lassen sich sicher metaphysische Antworten ersinnen. Es ist aber offensichtlich, dass eine einfache Reinkarnations-Hypothese, bei der die Seele beim Sterben eines Individuums sich einen neuen Körper sucht, nicht zutreffen kann.
Bei den christlichen Religionen stellt sich die zunächst einfach erscheinende Frage danach, wann Gott dem Menschen seine Seele einhaucht. Ist dies bei der Befruchtung der Eizelle der Fall? Dies ist wohl die übliche Ansicht. Zur Erinnerung: Wenn Gott einem Menschen die Seele einhaucht, begründet er damit die sinnbestimmende Beziehung zwischen ihm und diesem Menschen. Es ergeben sich daraus für mich zwei Fragen: Warum ist diese sinnbestimmende Angelegenheit so eng mit der körperlichen verknüpft? Und: Was geschieht mit dieser beseelenden Sinnbestimmung, wenn der Embryo abstirbt, was ja oft genug während der ersten Schwangerschafts-Wochen geschieht, oder sich zu eineiigen Zwillingen teilt? In jedem Fall muss Gott anscheinend genau zum passenden Moment des jeweils körperlichen Prozesses eingreifen und die sinnbestimmende Beseelung vornehmen, erweitern oder gegebenenfalls auch wieder auflösen. Diese notwendige Kopplung von körperlichem Prozess und göttlichem Eingriff erscheint mir künstlich. Religiös formal betrachtet ist die Kopplung ein Mysterium, also nicht hinterfragend beantwortbar.
Ein weiterer Aspekt ist dabei zu bedenken: Bei dieser Deutung der Seele ist der geistig-emotionale Aspekt der Seele nicht mit berücksichtigt. Denken und fühlen kann die gerade befruchtete Eizelle sicherlich noch nicht – auch wenn dies womöglich von einigen behauptet wird. Bewusstsein und Gefühle sind auf einer zunächst noch vergleichsweise tiernahen Ebene zwar bereits deutlich vor der Geburt vorhanden, eine genauere Wahrnehmung des Selbst und der Umwelt erfolgt aber erst etwa ab dem dritten Lebensmonat nach der Geburt. Das, was wir als abstraktes Denken ansehen, setzt erst noch viel später ein. Diese Aspekte der Seele müssen also irgendwie anders mit ins Spiel kommen als durch die ursprüngliche sinngebende Beseelung durch Gott. Hier lassen sich sicherlich konzeptionelle Lösungen finden, wie beispielsweise eine Seele, die sich mit dem Menschen mitentwickelt. Eine solche Erklärung wäre letztendlich aber wieder nur als Mysterium zu interpretieren.
Der Versuch, religiöse Deutungen im Detail genauer zu verstehen, führt also durchaus zu Fragen und Herausforderungen. Diese sind sicher in den jeweiligen Religionen schlüssig durch entsprechende Ergänzungen auflösbar. Mir stellt sich dabei dennoch die Frage, ob es nicht doch eine einsehbare Deutung von Geist und Seele geben kann, die primär losgelöst von Religion ist, was den Vorteil aufwiese, dass sie religionsübergreifend annehmbar wäre. Es ist nämlich natürlich sowieso nicht einzusehen, warum einige Menschen reinkarniert werden und andere zu Gott zurückkehren.
Das Konzept der Seele setzt ja zunächst anscheinend voraus, dass das menschliche Sein gespalten ist in ein körperliches und ein nicht-körperliches. Diese These wird auch in der Philosophie als Körper-Geist- oder Körper-Seele-Problem vielfach diskutiert. Unabhängig von dieser fundamentalen Diskussion stellt sich pragmatisch die Frage, was sich ergäbe, wenn man annähme, dass zunächst nur die rein körperliche Struktur ‚Mensch‘ und insbesondere auch nur die körperliche Struktur des Gehirns existiert. Ist dann etwas wie Geist und Seele prinzipiell denkbar? Der Mensch ist nun offensichtlich eine komplexe Struktur und insbesondere das Gehirn zeichnet sich dadurch aus, dass die einzelnen Zellen auf eine höchst komplexe Art untereinander vernetzt sind und diese Vernetzung auch noch dynamischen Veränderungen unterliegt. Für solche komplexen Systeme weiß man heute, dass sich durch synergetische Effekte sogenannte emergente Eigenschaften ergeben können, wobei ‚emergent‘ bedeutet, dass die Eigenschaften neu auftauchen.
Eine emergente Eigenschaft bezeichnet dabei eine solche, die nicht bei den einzelnen Bausteinen des Systems – hier den Nervenzellen des Gehirns – auftritt und auf die auch nicht aufgrund einer genauen Kenntnis der Eigenschaften der Bausteine so einfach geschlossen werden kann. Eine emergente Eigenschaft ergibt sich also originär aufgrund der Komplexität des betrachteten Systems auf einer höheren Ebene. Die emergente Eigenschaft geht entsprechend über die Summe der Eigenschaften der Bausteine deutlich hinaus.
Ohne hier Emergenz auch nur annähernd umfassend diskutieren zu können, sollen zwei Beispiele verdeutlichen, dass Emergenz eigentlich etwas Alltägliches ist. Wenn sich beispielsweise Zucker-Moleküle aus Zuckerwasser beim Verdampfen des Wassers zu Zucker-Kristallen zusammenlagern, dann sind die Eigenschaften des Kristalls wie beispielsweise seine Härte emergent. Die Härte des Kristalls ist offensichtlich keine Eigenschaft der Zuckermoleküle.
Genauso ist die zusammenhängende Bewegung eines Fischschwarms, der einem Fressfeind ausweicht, eine emergente Eigenschaft. In beeindruckenden Dokumentationen über die Ozeane und ihre Lebewesen sieht man, wie ein Fischschwarm sich wie eine Wolke verhält, die sich als eine Einheit bewegt, in der aber immer genau da Löcher aufreißen, wo beispielsweise ein Hai zustößt, um Beute zu machen3. Trotz der immer wieder so entstehenden Löcher wird der Schwarm als Ganzes nicht zerteilt und bleibt als eine beeindruckende Masse an Fischen beieinander, in welcher der Hai keinen einzelnen Fisch als Beute ausmachen kann. Dieses Verhalten des Gesamtschwarms ist keine Eigenschaft der Einzelfische mit ihrem Verhalten, die nach ganz einfachen Regeln schwimmen und die den Schwarm als Ganzes ja vermutlich auch gar nicht wahrnehmen4.
In beiden Fällen sind die emergenten Eigenschaften des Gesamtsystems also keine Eigenschaften der Teile des Systems. Sie können auch keinen einzelnen Teilen zugeordnet werden, sondern ergeben sich erst durch das Zusammenspiel vieler Teile. Allerdings kann bei diesen Beispielen im Prinzip von den Eigenschaften der Teile auf die emergente Eigenschaft zurückgeschlossen werden, zum Beispiel mithilfe geeigneter Computermodelle. Es ist aber klar, dass dies umso schwieriger wird, je komplexer das Gesamtsystem ist. Zudem ist auch offensichtlich, dass eine Ableitung der emergenten Eigenschaft vorzugsweise im Nachhinein erfolgt, nachdem also prinzipiell verstanden ist, dass und wie sie sich aus den Eigenschaften der Teile grundsätzlich ergeben kann. Die Ableitung einer emergenten Eigenschaft aus dem Verhalten der Teile ist bei den Beispielen also zwar prinzipiell möglich aber nicht a priori offensichtlich.
Wohin führt es also, wenn man annimmt, dass der Geist eines Lebewesens eine emergente Eigenschaft seines komplexen Körpers ist? Geht man von dieser Annahme aus, so verschwindet das Körper-Geist-Problem. Der Körper ist ein komplexes Gebilde das emergente Eigenschaften entwickelt, die nicht unbedingt an einer definierten Stelle im Körper lokalisierbar sind. Stirbt der Körper, so erlöschen zwangsläufig auch die emergenten Eigenschaften, die mit ihm assoziiert sind. In diesem Bild kann ich zwar eine Aufteilung der Wahrnehmung in Körper und Geist verstehen, erkenne aber gleichzeitig, dass diese beiden gar nicht eigentlich geteilt sind. Somit löst sich das angesprochene Dilemma einfach auf. In diesem Absatz habe ich mich dabei bewusst auf den ‚Geist‘ des Menschen bezogen, um die Begriffe Geist und Seele nicht verwirrend zu vermischen. Geist lässt sich also als emergente Eigenschaft des Körpers konsistent verstehen.
Hier möchte ich nicht den Eindruck erwecken, als wäre der Geist des Menschen damit erklärt. Lediglich habe ich eine plausible Erklärung angegeben, wie Geist und Körper in Relation stehen können, ohne das genaue Wirken des Geistes damit aufzuschlüsseln. Dieses Aufschlüsseln ist aber auch hier nicht Thema und kann dies nicht sein. Erst weitere Ergebnisse im Bereich der Hirnforschung können uns dazu Aufschlüsse geben. Ein wenig werde ich dazu im Kapitel 6 zum Gehirn vertiefen.
Bei dem Begriff ‚Seele‘ ergibt sich die Schwierigkeit, dass sie sehr unterschiedlich interpretiert werden kann. Einerseits kann sie als etwas angesehen werden, das dem ‚Geist‘ des Menschen als Ratio verstanden sehr nahe steht aber über ihn hinausgeht, indem beispielsweise Gefühle mit eingeschlossen sind. Eine so verstandene Seele kann man aber ganz analog zum Geist als emergente Eigenschaft des komplexen Körpers ansehen. Auch der emotionale Aspekt der Seele als emergente Eigenschaft wird am Ende des körperlichen Lebens mit dem Körper erlöschen.
Die Annahme von Geist und Seele als emergente Eigenschaften des Körpers resultiert nun aber direkt in individuell trostlosen Aussichten: Vom Individuum bleibt nach seinem Tod nichts mehr übrig. Der Körper zerfällt und alles, was Seele sein könnte, erlischt ebenfalls mit dem Tod des Körpers.
Um einen Weg aus dieser Trostlosigkeit zu finden, stellt sich zunächst die Frage, was es denn eigentlich genau ist, was Seele als etwas ausmacht, das über den Geist hinausgeht. Wo bezieht sich in unserem Verständnis die Seele womöglich auf eine andere Kategorie, die sich fundamental von dem Geist unterscheidet? Hier soll versucht werden, die grundlegenden Einsichten der unterschiedlichen Religionen heranzuziehen, um vielleicht eine von Religionen unabhängige Deutung von Seele zu ermöglichen. Seele ist in praktisch allen Religionen etwas, was allem Leben innewohnt, nicht nur dem Menschen. Das Konzept der Reinkarnation bringt zum Ausdruck, dass es glaubbar ist, dass Seele von Generation zu Generation weitergegeben wird. Von dieser Grundeigenschaft ausgehend möchte ich eine alternative im Folgenden dargestellte Deutung versuchen.
Was ergibt sich, wenn Seele als ‚Belebstein an sich‘ gedeutet wird, als die Eigenschaft, die Leben an sich ausmacht und Lebewesen damit immer ‚beseelt‘ sind? Eine solche Deutung entspricht auch dem – womöglich als ‚Lebenskraft‘ oder ‚Lebensenergie‘ emotional gefärbt – was an manchen Stellen in der Literatur genau so formuliert zu finden ist. Seele so aufzufassen scheint also dem menschlichen Empfinden durchaus naheliegend zu sein. Auch die christliche Deutung der Beseelung durch Gott bei der Befruchtung ist nicht weit entfernt, auch wenn hier das ‚Belebtsein an sich‘ den Aspekt der persönlichen Beziehung zu einem Gott explizit eben nicht mit einschließen soll. Gleichzeitig klingt diese Deutung zunächst vielleicht tendenziell esoterisch, was aber nicht so gemeint ist und dem ich dadurch vorbeugen möchte, dass ich die Idee durch einige Gedanken konkretisieren und so zu einem recht pragmatischen Denkansatz entwickeln möchte.
Was meine ich mit Belebtsein an sich? Eine fundamentale Eigenschaft von Lebewesen ist, dass sie sich vermehren können. Dies muss auch bei dem ersten Auftreten von Leben auf der Erde so gewesen sein. Dabei ist es zunächst unabhängig davon, welche genaue Struktur dieses erste ‚Lebewesen‘ aufwies. Es wird sich wie bereits beschrieben zunächst vermutlich lediglich um Moleküle oder molekulare Systeme gehandelt haben, die ihre Struktur ‚vererben‘ konnten. Die Eigenschaft sich vermehren zu können wird nach dieser Minimal-Charakterisierung ebenfalls an die Nachkommen des ersten Lebewesens weitergegeben. Damit wird eine Kettenreaktion angestoßen. Nachkommen-Generation folgt unter geeigneten Bedingungen auf Nachkommen-Generation. In der Natur erfolgt die Weitergabe an die Nachkommen nicht immer exakt, zum Beispiel weil die Randbedingungen für die Vermehrung nicht immer optimal sind. Dadurch weicht ein Nachkomme von dem Elter ab. Dies kann dazu führen, dass die Eigenschaft sich fortzupflanzen bei dem Nachkommen verloren geht. Die entsprechende Fortpflanzungslinie ist damit beendet. In manchen Fällen muss die Veränderung die Fortpflanzungsfähigkeit nicht behindert haben. Solche Mutationen legen die Basis für die gesamte Evolution.
In dem hier betrachteten Zusammenhang ist es auch unerheblich, ob die Fortpflanzungsfähigkeit nur ein einziges Mal entwickelt wurde, ob es mehrere Anläufe gab, bis sich eine stabile Fortpflanzungslinie herausbildete, oder ob diese Eigenschaft parallel gleich mehrfach entwickelt wurde. Gerade letzteres eröffnet die Möglichkeit, dass sich unterschiedliche dieser Fortpflanzungslinien kreuzen oder symbiotisch zusammenschließen konnten. Genau dies wird für die Mitochondrien angenommen, welche sich als die für den Energiehaushalt wesentlichen Organellen in allen Zellen mit Zellkern befinden, also auch in jeder Zelle von uns Menschen. Die Mitochondrien besitzen ihre eigene Erbinformation, was nahelegt, dass sie ursprünglich als unabhängige Zellen unterwegs waren und erst später als Organellen in andere Zellen integriert wurden.
Wie kann nach diesen grundlegenden Gedanken nun ein Verständnis für Seele als ‚Belebtsein an sich‘ entwickelt werden, das ich hier einfach als ‚Belebtsein‘ bezeichnen möchte, auch um esoterischen Deutungen vorzubeugen? Wenn die Grundvoraussetzung für die Entwicklung aller Lebewesen, die wir heute kennen, die Möglichkeit zur Fortpflanzung ist, so können wir dies als ein wesentliches Element des Belebtseins und damit der Seele auffassen. Dabei ist dies explizit nur ein Teilaspekt dessen, was ein Lebewesen und sein Leben ausmacht sowie von dem, was wir üblicherweise als Seele verstehen5.
Dieses Belebtsein wohnt nun einerseits offensichtlich jedem Lebewesen inne. Andererseits wird das so verstandene Belebtsein in der Tat von Generation zu Generation weitergegeben. Diese Weitergabe geschieht genau in dem Moment der Befruchtung der Eizelle oder bei Einzellern im Moment der Zellteilung. Genau in diesem Moment wird jeweils die Möglichkeit für ein neues Lebewesen geschaffen. Diese Möglichkeit besteht beim Menschen eben in der Weitergabe des Zellapparates und eines vollständigen genetischen Codes. Natürlich wissen wir, dass nicht jede befruchtete Eizelle zu einem neuen Lebewesen heranreift. Leben ist besonders in der frühen Entwicklungsphase empfindlich gegenüber Einflüssen von außen. Ein vorzeitiges Sterben ist also kein Gegenargument gegen die dargestellte Deutung der Seele als ‚Belebtsein‘, weil diese sich ja ‚nur‘ auf die Möglichkeit zum Leben bezieht und eine weitergehende Deutung wie beispielsweise ein sinngebendes Element gerade nicht mit einschließt.
Damit geschieht die Reinkarnation – die Weitergabe des eigenen Belebtseins – also nicht im Moment des Todes, wie dies bei den religiös geprägten Deutungen der Seele impliziert wird und was dort zu gedanklichen Problemen führt, sondern im Moment der Zeugung. Durch diese Erklärung entstehen die oben dargestellten Probleme der einfachen Reinkarnations-Hypothese erst gar nicht. Lebewesen können sich vervielfachen und ihr Belebtsein auch mehrfach weitergeben. Die eigenen Nachkommen sind nach dieser Deutung also in übertragener Weise die ‚Reinkarnationen‘ des Selbst, sie tragen das Belebtsein der Elterngeneration weiter. Bei seinem Tod stirbt ein Lebewesen sowohl körperlich und geistig als auch seelisch. Auch das eigene Belebtsein stirbt also. Der Trost dieser Deutung der Seele als Belebtsein liegt darin, dass die individuelle Seele ja bereits vorher weitergegeben wurde, noch zu Lebzeiten an die Nachkommen. Die Nachkommen tragen also das Belebtsein als einen Aspekt der Seele der Eltern weiter.
Dieses Bild lässt sich im Vergleich zu den anderen Vorstellungen (vergleiche Bild 1) wie in Bild 2 gezeigt grafisch veranschaulichen, wobei dies sicher nur eine sehr schematische Darstellung sein kann. Es wird deutlich, dass die beschriebene Deutung eine Unterscheidung zwischen ungeschlechtlicher, also zellteilender, und geschlechtlicher Fortpflanzung erfordert, was aber ja keinen prinzipiellen Unterschied ausmacht. Genauso können in dieser schematischen Grafik nicht alle sich ergebenden Details wiedergegeben werden, die zum Beispiel daraus resultieren, dass manche Einzeller und auch höhere Lebewesen sich sowohl ungeschlechtlich als auch geschlechtlich fortpflanzen können oder daraus, dass bei der geschlechtlichen Fortpflanzung die Partner jeweils gewechselt werden können. Für die Deutung der Seele als Belebtsein ergeben sich baumartig verzweigende und bei der geschlechtlichen Fortpflanzung sich zusätzlich kreuzende Strukturen, mit der das Belebtsein weitergegeben wird. Jeder einzelne individuelle Ast endet, der Baum an sich wächst dagegen prinzipiell beliebig weiter.
Damit wird auch deutlich, dass die Seele als Belebtsein, als Potenz zum Leben unsterblich ist. Dieses Belebtsein ist zwar nicht prinzipiell unsterblich, aber es wird weitergereicht, solange es Leben auf der Erde gibt. In diesem Sinne ist also auch die Seele jedes Menschen unsterblich: Das Belebtsein an sich, an dem jeder Mensch teilhat, stirbt nicht, weil es an die Nachkommen weitergegeben wird, selbst wenn jeder Mensch und mit ihm sein individueller Anteil am Belebtsein sterblich ist.
Diese Deutung der Seele als Belebtsein scheint mir persönlich vergleichsweise sinnvoll, da sie einerseits viele Anklänge an die emotionale und spirituelle Interpretation der Seele aufweist, logisch konsequent verstehbar und vermittelbar ist, und viele der aufgezeigten Widersprüche der religiösen Bilder vermeidet. Die Seele als Belebtsein zu verstehen erscheint mir damit insgesamt belastbarer. In diesem Sinne finde ich diese Deutung auch als Trost für das Wissen um den eigenen Tod sehr hilfreich.
Bild 2: Grafische Veranschaulichung zur alternativen Deutung der Seele als Belebtsein und deren Weitergabe. Die Pfeile sollen die Entstehung eines neuen Lebewesens und die offenen Kreise dessen Tod andeuten.
Eine nun naheliegende Frage ist, ob dies auch Trost sein kann für Menschen, die keine Kinder haben oder gar keine bekommen können. Eine weitere Frage ist die, wie es mit der Unsterblichkeit des Geistes steht. Im Vorgriff auf die nächsten Kapitel sei erwähnt, dass jeder Mensch im Baum der Evolution seinen Platz und seinen Einfluss hat, damit also individuell Bedeutung erlangt. Evolution bezieht sich dabei nicht mehr ausschließlich auf die Weitergabe der Gene als Träger des Belebtseins, sondern auch auf die Weiterentwicklung der Menschen als kulturelle und gesellschaftliche Wesen. In solch einem Bild des Menschen trägt auch das zwischenmenschliche und gesellschaftliche Wirken jedes einzelnen Menschen immer zur Weiterentwicklung anderer Menschen bei, indem beispielsweise Gedanken, Traditionen – und auch Kochrezepte (Claudia, danke für diesen anschaulichen Hinweis) – weitergegeben werden. Damit trägt jeder einzelne Mensch gleichzeitig auch zur Entwicklung der Menschheit als Gesamtheit bei. Diese Interpretation wird aber wie erwähnt im nächsten Kapitel weiter ausgeführt und auch in späteren Kapiteln kommen immer wieder neue, abrundende Aspekte zu diesem Bild der Seele hinzu.
Dies kann auch beim Verstehen einer anderen Konsequenz aus dem Bild der Seele helfen, wie es hier gezeichnet wurde. Wenn im Alter die Zeugungsfähigkeit und damit die Möglichkeit der Weitergabe des Belebtseins nachlässt oder verschwindet, bedeutet das nicht bereits das Ende der eigenen Seele, weil der Mensch dann ja immer noch mit anderen Menschen kommuniziert, Informationen austauscht und gesellschaftlich wirksam ist. Zudem darf die Bedeutung der Seele in diesem Bild nicht überinterpretiert werden, denn sie umfasst nur einen einzigen Aspekt und klammert vieles von dem aus, was wir landläufig unter Belebtsein verstehen.
Kann die Interpretation der Seele als Belebtsein auch den Menschen etwas geben, die bezüglich des Trostes über den eigenen unausweichlichen Tod andere Ansichten vertreten? Gibt es weitere Einsichten zu gewinnen? Die beschriebenen Grundlagen können auch genutzt werden, eine Perspektive auf das Leben zu erkennen, die vielleicht nicht so bewusst ist – auch wenn sie weder von mir stammt6 noch auf den zweiten Blick wirklich überraschend ist. Sie trägt vielleicht einfach zu einem Perspektivenwechsel bei, der im folgenden Kapitel noch eine gewisse Bedeutung haben wird.
Wenden wir dazu den Blick in der Zeit von uns selbst ausgehend rückwärts. Wir tragen nicht nur die Gene, sondern auch das Belebtsein unserer Eltern in uns, das diese ihrerseits von ihren Eltern ererbt haben. Unabhängig davon, ob man das Belebtsein in seinem persönlichen Weltbild mit der Seele verknüpft, bilden diese Aussagen das ab, was real zutrifft. Wird dieser Gedanke weiter gedacht, so sind wir zeitlich rückwärts mit allen unseren Vorfahren über diese fundamentale Eigenschaft des Lebens verbunden. Über alle Menschenvorfahren, das heißt über alle Vormenschen, äffischen Vorfahren, säugetierischen, molluskenhaften, einzelligen und sonstigen Vorfahren sind wir letztendlich direkt mit dem ersten Lebewesen verbunden, egal wie primitiv dieses erste Leben war. Von diesem ersten Lebewesen, dessen Fortpflanzungsmechanismus sich in der Natur durchgesetzt hat, stammen wir über alle zufälligen kleinen erfolgreichen Mutations-Schritte der Evolution ab. Wir sind also über eine ganz direkte Linie unmittelbar Nachfahren dieser ersten erfolgreichen primitiven Lebensform.
Gleichzeitig erlaubt diese Deutung der Seele als Belebtsein die Einsicht, dass die Kraft des Lebens in allen heutigen Lebewesen gleichermaßen innewohnt. Alle anderen Lebewesen stammen anscheinend von dem gleichen Urlebewesen ab, zumindest wird dies zum Beispiel dadurch sehr stark nahegelegt, dass alle bekannten Lebensformen den gleichen genetischen Code verwenden. Eine entsprechende Verwandtschaft ‚erspüren‘ wir Menschen gelegentlich untereinander. Dieses Belebtsein verbindet nun aber eben nicht nur Menschen, sondern alle Lebewesen. Auch die Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen lebenden Strukturen legen nahe, dass alles heutige Leben sich von dem einen zufälligen Ursprung aus entwickelte, dessen Prinzip sich durchgesetzt hat. Gleichzeitig heißt dies auch, dass wir dieses Belebtsein mit wirklich allen Lebewesen teilen, also auch mit allen Tieren, Pflanzen und letztendlich auch mit jedem Einzeller. Dass es womöglich mehrere Startpunkte gab, von denen sich eine oder wenige Linien des Lebens, das heißt der Vermehrung durchgesetzt und womöglich auch gegenseitig zu komplexeren Strukturen verbunden haben, bedeutet dabei lediglich, dass wir uns statt eines Lebensbaumes ein Lebens-Netz vorstellen müssen. Dies ist auch beispielsweise aufgrund der möglichen Genübertragung bei Einzellern und der geschlechtlichen Fortpflanzung sicher das richtigere Bild für den Zusammenhang zwischen den Lebewesen. Es ändert aber wieder nichts an der prinzipiellen Aussage: Es gibt nur ein Leben, wie es Bill Bryson in „Eine kurze Geschichte von fast allem“ ausdrückt6.
Dieser Zusammenhang verdeutlicht nun auch andersherum, wie fundamental für das Leben und damit für uns die scheinbar so primitive Lebensvoraussetzung der Fortpflanzungsfähigkeit ist. Damit ergibt sich auch ohne Umschweife ein entsprechend wesentliches Ziel des Lebens: die Fortpflanzung. Sie ist Voraussetzung für die Fortführung der Linie des Belebtseins. Dies klingt wiederum vergleichsweise profan. Hier ist dieses Ziel aber nicht basierend auf den Grundbedürfnissen oder Trieben von irgendwelchen individuellen Lebewesen abgeleitet, sondern Ausgangspunkt waren die Existenz und die Fortführung des Lebens an sich.
Hier möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass die eben versuchte Deutung der Seele als Belebtsein natürlich auch zu Problemen führen kann, beispielsweise wenn man noch genauer nach den Ursprüngen des ersten Lebens fragt. Ist das Leben nicht deshalb möglich, weil die Atome sich zu geeigneten Molekülen zusammenlagern können, welche die Fortpflanzung erst ermöglichen? Sind also womöglich die Atome bereits belebt? In gewisser Weise wird sogar dies nahegelegt, denn in Versuchen konnte gezeigt werden, dass sich einige Aminosäuren – eine zentrale Sorte der Grundbausteine des heutigen Lebens – in einer Atmosphäre, die der irdischen Uratmosphäre entsprechen soll, im Labor in einem völlig sterilen Gefäß relativ einfach und reproduzierbar erzeugen lassen. Es muss lediglich Energie zugeführt werden, wobei man zunächst elektrische Funken verwendet hatte, die Blitze von Gewittern in der Uratmosphäre nachahmen sollten. Später konnte aber gezeigt werden, dass praktisch jede Form der Energie ein analoges Resultat ergibt. Noch einmal: Sind die Atome und – wenn man weiter fragt – letztendlich alle elementaren Bausteine unseres Universums bereits mit Lebensenergie oder Belebtsein ausgestattet?
Ich denke, hier muss man sich im Stuhl zurücklehnen und sich fragen, welche Art von Frage wir da gerade eigentlich stellen. Die Antwort auf die Frage nach der Seele zu suchen heißt, zu versuchen, eine möglichst klare Antwort auf eine Frage zu finden, die nach einem a priori unklaren Begriff und insbesondere einem Konstrukt des menschlichen Geistes sucht. Sich vorzustellen, dass dieses Unterfangen – nach einem unscharfen Konstrukt des menschlichen Geistes in der realen Welt zu suchen – zu einem vollständig unproblematischen Ergebnis führen muss, bedeutet zu erwarten, dass sich die Welt in der wir leben nach der begrenzten und ungenauen Vorstellungskraft unseres Geistes richtet und nicht umgekehrt. Dies ist nun sicher nicht so. Daher wird es bei dem Versuch, abstrakte menschliche Begriffe auf die Realität anzuwenden, immer wieder vorkommen, dass diese die Realität nur begrenzt beschreiben können. Je komplexer ein Begriff ist, so ist zu erwarten, desto eher werden die Grenzen der Anwendbarkeit erreicht werden können.
Unabhängig davon muss aber die klare Aussage sein, dass Atome und Moleküle nicht belebt sind. Belebtsein ist ja wiederum eine emergente Eigenschaft, die zwar auf den Eigenschaften der Atome und Moleküle aufbaut, wenn viele von ihnen sich zu einem komplexen System zusammenfinden. Belebtsein ist aber eine Eigenschaft, die sich auf der größeren Skala ganz neu ergibt und eben nicht den Elementen zugeordnet werden kann, aus denen sie aufgebaut ist.
Wenn die Aussagen zur Seele insgesamt doch recht unkonkret bleiben müssen, was ist dann aber überhaupt der Wert meines Versuchs, auf die Frage nach der Seele eine alternative Antwort zu finden? Sollte ich dies nicht einfach ganz unterlassen, weil es womöglich gar keine sinnvolle Antwort gibt? Nun, offensichtlich hängen wir in unserem Denken und Sein eben von genau den Gedankenkonstrukten ab, die wir uns basteln, um die Welt um uns zu verstehen oder zumindest zu interpretieren. Gerade die Seele spielt bei den so elementar wichtigen Fragen nach Leben und Tod eine für den heutigen Menschen zentrale Rolle. Also ist eine möglichst gute Antwort auf die Frage zu finden schon ein sinnvolles Unterfangen. Wann eine Antwort, also ein Bild, das wir uns von der Welt machen, ‚gut‘ ist, wird noch genauer in den Kapiteln 3 und 4 beleuchtet werden. Hier genügt es festzustellen, dass eine Antwort, die weniger Ungereimtheiten und Unsicherheiten aufweist als eine andere, die also konsistenter in sich und mit unseren Erfahrungen ist, als eine bessere Antwort angesehen werden kann. Viele der auftretenden Widersprüche in den vorhandenen, vorrangig religiösen Deutungen der Seele durch eine alternative Interpretation zu vermeiden, ist damit also bereits von Wert. Wenn wir in der Zukunft vielleicht einmal eine Kultur entwickelt haben werden, in der diese Frage nicht mehr so gestellt werden wird, weil man beispielsweise die Unmöglichkeit einer klaren Antwort eingesehen und mit dieser Einsicht lebensfroh umzugehen gelernt hat, dann würde natürlich auch jeder Antwortversuch sinnlos und könnte ohne Verlust unterlassen werden. Heute ist die Antwort auf diese Frage noch für unser Selbstverständnis als Menschen wesentlich oder zumindest hilfreich und damit ein Antwortversuch sinnvoll.
Ich möchte nun nicht den Eindruck erwecken, dass ich glaube, dass diese Interpretation der Seele die für alle Menschen optimal akzeptable ist. Mir ist es allerdings wichtig, diese Möglichkeit als eine sinnvolle und – wie ich finde – sehr belastbare Denkmöglichkeit dargestellt zu haben, als eine denkmögliche Facette unseres Bildes von der Seele.
Losgelöst von dem Inhalt dieser Diskussion erkennen wir auch, dass es hilfreich sein kann, sich immer wieder klar zu machen, was die Basis unseres philosophischen Fragens überhaupt ist und welche Natur unsere Antworten überhaupt haben können. Wie wir sind, wie wir zu dem geworden sind, was wir sind, und wie wir in den Rest der Welt eingebettet sind, dürfen wir meiner Meinung nach nicht aus den Augen verlieren, wenn wir einigermaßen umfassende Antworten auf die uns wichtigen Fragen finden wollen. Dazu gehört eben auch, die Grenzen der Beantwortbarkeit klar zu erkennen und zu formulieren. Daraus resultiert, dass wir mehrere Denkmöglichkeiten, die mit unserer bisherigen Welteinsicht konsistent sind und deren Wahrheitsgehalt wir nicht gegeneinander entscheiden können, gleichzeitig nebeneinander stehend akzeptieren müssen. Unsere menschlich begrenzten Begriffe sind wie Puzzlesteine, von denen ich mehrere benötige, um die Komplexität der Realität in ihrem Facettenreichtum abzubilden.
Am Ende dieses ersten Kapitels möchte ich als persönliches Fazit zum Ausdruck bringen, dass meine Auseinandersetzung mit dem Thema Tod und Sterben dazu geführt hat, dass ich Frieden gefunden habe und eine gewisse Gelassenheit, wenn es um meinen persönlichen Tod und das Sterben geht. Ich ahne ein wenig konkreter, was mich erwartet und bin mir bewusst, dass das, was beim Sterben geschieht, höchstens marginal von mir beeinflusst sein wird. Gleichzeitig weiß ich, dass diese Beschäftigung mit dem Tod und die gewonnene Gelassenheit womöglich auch wichtig dafür sind, im Sterben einfacher den Sterbeprozess zu bewältigen. Diese Gelassenheit ermöglicht mir auch das Loslassen bezüglich des Endes der Planbarkeit des Lebens am Tod, so dass ich auch mit der daraus resultierenden Angst besser umgehen kann. Dieses Verständnis für den Tod bedeutet also direkt auch einen veränderten Umgang mit meinem Leben heute.
Gleichzeitig habe ich ein Bild von Geist und Seele gewonnen, das unabhängig von den unterschiedlichen religiösen Deutungen Bestand haben kann. Geist kann als emergente Eigenschaft des Körpers verstanden werden, die sich aus der Komplexität der physischen Struktur von Lebewesen sowie aus den in dieser Struktur ablaufenden komplexen Prozessen ergibt. Die Deutung der Seele als Belebtsein stellt mich in einen größeren Kontext der Entwicklung von Leben und damit auch mit anderen Lebewesen. Die Seele als Belebtsein ist nun zwar nicht prinzipiell unsterblich, denn Leben könnte ja insgesamt aussterben. Vor dem Hintergrund des individuellen menschlichen Erfahrungshorizontes dürfen wir das Belebtsein aber sicher als unsterblich auffassen. Der Mensch wird mit diesem Bild der Seele gleichzeitig ein wenig aus dem Zentrum des eigenen Weltbildes herausgerückt. Dies soll im folgenden Kapitel weiter vertieft werden.
Was wir wahrnehmen, denken und damit über die Welt und über uns selbst erfahren können, hängt ganz wesentlich von unseren prinzipiellen körperlichen und geistigen Fähigkeiten ab. Daher können wir die uns wichtigen Fragen nur dann sinnvoll beantworten, wenn wir entsprechend berücksichtigen, was wir sind, wie wir ‚funktionieren‘ und wie wir zu dem geworden sind, was wir sind. Diesen Themen wende ich mich in den nächsten Kapiteln zu. Ausgehen möchte ich zunächst von der Evolution, um dann über einige weitere Schritte bis hin zu dem vorzudringen, was wir von unserem Denkorgan, dem Gehirn, womöglich auch bei der Beantwortung philosophischer Fragen überhaupt erwarten dürfen.
Wir entwickeln uns. Zunächst ist jeder von uns das Ergebnis einer ganz persönlichen Entwicklung von einer einzelnen befruchteten Eizelle bis zu einem fühlenden, wahrnehmenden, und denkenden Menschen. Der Mensch als Lebewesen ist ebenfalls aus einer stammesgeschichtlichen Entwicklung hervorgegangen, aber auch gesellschaftlich geht die Entwicklung stetig weiter, im Großen und Ganzen – wie uns scheint – zu immer höheren Stufen.
Ein eindrucksvolles Beispiel für solch eine Entwicklung, das ich sehr lebhaft aus eigenem Erleben vor Augen habe, ist der Fortschritt bei Computern. Ich erinnere mich noch an meinen ersten Programmierkurs, bei dem wir Lochkarten für die Speicherung des Programmes stanzen mussten. Einen ganzen Stapel dieser Karten – jede ungefähr so groß wie ein drittel DIN-A4-Blatt (s. Bild 3) und aus stabilem, etwas dickerem Papier – brachte man in einem flachen Karton zum Rechenzentrum. Dort wurden die Lochkarten dann ordentlich sortiert in der richtigen Reihenfolge in eine Lesemaschine gelegt, womöglich Hunderte von Karten in dem Stapel, der durchaus einige 10 cm lang sein konnte. Und dann las die Maschine die Karten ein, indem sie sie mit einem automatischen Einzug einzeln abarbeitete. Ging alles glatt, wurden die Berechnungen hinterher durch die Steuerkarten gestartet, welche die ersten Karten im Stapel waren. Oft ging es nicht glatt. In einigen Fällen, über die Bekannte und ich uns im Nachhinein amüsieren können, sprudelten die Karten in hohem Bogen beim Einlesen aus dem Lesegerät. Das bedeutete, dass man dann alle Karten einsammeln und versuchen musste, sie wieder in die richtige Reihenfolge zu bringen. Wem das einmal passiert war, der nummerierte seine Karten von da an durch, so dass zumindest dieses Sortieren einfacher wurde.
Bild 3: Lochkarte als Speichermedium für Programmzeilen.
Später gab es dann immerhin Terminals, an denen man die Programmzeilen direkt in den Computer tippen konnte. Allerdings war die ‚Workstation‘, an der ich für meine erste Studienarbeit arbeiten durfte, so gestaltet, dass ich immer nur eine einzelne Zeile sehen und bearbeiten konnte – und das auch noch mit völlig komplizierten Befehlen, mit denen ich dem ‚Computer‘ mitteilen musste, genau an der wievielten Stelle der Text einer Zeile durch einen neuen ersetzt, gelöscht oder ergänzt werden sollte.
Heute sieht man in einem Programm, das man eingibt, viele Zeilen wie die eines Briefes am Bildschirm vor sich. Ein modernes Editierprogramm analysiert direkt bei der Eingabe die eingegebenen Befehle, unterstützt einen bei der Strukturierung des Programmcodes, indem es Einrückungen und farbliche Hervorhebungen beispielsweise von bestimmten Schlüsselwörtern automatisch vornimmt, und es weist einen auf möglich Fehler wie fehlende Klammern in Formeln direkt hin. Während die ersten Maschinen, mit denen ich gearbeitet habe, schrankfüllende Monster waren, sitze ich heute mit mindestens so viel Rechenleistung als Laptop auf dem Schoß im Zug und bin auf dem Weg nach Hause. Computer sind also einerseits immer kleiner und leistungsfähiger geworden und andererseits hat sich ihre Bedienung mit der Zeit extrem erleichtert.
In diesem Zusammenhang erinnere ich mich immer auch an die Erzählungen eines älteren Kollegen, der bei den ersten war, die das Verhalten von chemischen Prozessen auf dem Rechner simulierten. Er war mit dem Leiter des Rechenzentrums der Uni gut befreundet, sodass er direkten Zugang zu dem Rechner hatte, einer ‚Zuse‘. Immer wenn eine größere Rechnung auf dem zimmergroßen Rechner lief, was Stunden und vorzugsweise Nächte auf der Relais-Maschine dauerte, übernachtete er daneben, um durch Klopfen nachzuhelfen, wenn er merkte, dass irgendwelche Relais beim Rechnen zu stocken begannen.
