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Methoden, seinen Hund zu erziehen, gibt es viele. Aber nur wer weiß, was in seinem Hund vorgeht, wie er lernt und wie man sich ihm verständlich machen kann, wird schnell Fortschritte erzielen. Wie Sie die verschiedenen Lernmechanismen, Hör- und Sichtzeichen sowie Motivation und Korrektur wohlüberlegt und gezielt in der Hundeerziehung einsetzen, verrät Ihnen Sabine Winkler. Nachvollziehbar erklärt sie, wie Übungen vermittelt und dann gefestigt werden.
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Seitenzahl: 388
Veröffentlichungsjahr: 2013
Dieses Buch handelt vom Lernverhalten des Hundes und beschreibt das ganze Spektrum der bekannten Möglichkeiten, durch gesteuerte Lernerfahrungen sein Verhalten zu beeinflussen. Das Normalverhalten von Hunden und die Erfordernisse einer art- und rassegerechten Haltung sind nicht Thema des Buches und kommen daher nur am Rande vor. Dadurch könnte der Eindruck entstehen, Hunde wären über die richtige Lehrmethode beliebig manipulierbar und man brauchte auf ihre Bedürfnisse keinerlei Rücksicht zu nehmen. Dem ist aber natürlich nicht so! Sähe man im Hund keine eigenständige „Persönlichkeit“, sondern nur ein Objekt, entginge einem außerdem viel von dem, was Hundehaltung so anziehend macht.
Manches am Hund entzieht sich ganz unserer Einflussnahme. In anderen Bereichen nimmt man zwar Einfluss, aber das hat nichts mit dem Thema Lernen zu tun (z.B. Kastration). Oder das Ziel – z. B. dass ein junger Hund den Garten nicht verlässt – ist weitaus einfacher durch Managementmaßnahmen (Gartenzaun, Laufleine) als durch Training zu erreichen. Lernen und Lehren ist also nicht alles, aber trotzdem ist Lernverhalten nicht nur ein absolut faszinierendes, sondern auch äußerst wichtiges Thema für jeden Hundehalter. Und eine fachgerechte Erziehung und Ausbildung ist eines der besten Mittel das wir haben, um intensiv mit einem Hund zu kommunizieren und eine enge und beglückende Beziehung zu ihm aufzubauen.
Auch in dieser Auflage habe ich mich dafür entschieden, weitgehend auf eine Erläuterung der Vorgänge zu verzichten, die beim Lernen im Körper ablaufen. Alle Lernvorgänge haben Entsprechungen im Gehirn. Lernt der Hund (oder Mensch), verändert sich auf neuronaler Ebene und auf der Ebene von Botenstoffen im Gehirn etwas. Diese handfesten, messbaren „Gedächtnisspuren“ (Engramme) sind zweifellos ebenfalls ein sehr faszinierendes Thema und werden immer besser erforscht. Sie sind aber ein sehr komplexer Stoff und man kann die Zusammenhänge beim Lernen im Großen und Ganzen auch ohne ihn nachvollziehen.
Will man theoretische Hintergründe erläutern, kommt man nicht ohne Fremdwörter und Begriffe aus. Ich mute Ihnen denn auch eine ganze Menge Begriffe zu, manchmal auch mehrere für dieselbe Sache, wenn verschiedene Versionen gebräuchlich sind (z.B. die ursprüngliche englische Bezeichnung und die deutsche Übersetzung). Um Zusammenhänge zu verstehen, ist es aber nicht unbedingt nötig, sich jeden einzelnen dieser Begriffe zu merken. Einige davon werden daher auch nur in Klammern erwähnt für diejenigen Leser, die selber weiter recherchieren oder mit Ausdrücken wie „exzitatorische Konditionierung“ brillieren wollen.
Begriffe, Definitionen und Theorien dienen dazu, Erkenntnisse zu strukturieren und erleichtern eine präzise Verständigung über die gefundenen oder vermuteten Zusammenhänge. Jedoch sollte man nicht vergessen, dass es sich dabei nur um menschengemachte Beschreibungen handelt, die helfen sollen, die Wirklichkeit zu verstehen. Sie sind nicht die Wirklichkeit selbst, und eine Theorie kann meistens nicht sämtliche Phänomene erklären. Auch unterliegen Begriffe, Theorien und Definitionen manchmal im Laufe der Zeit Änderungen und werden auch teilweise von verschiedenen Autoren verschieden definiert und benutzt. Die im Folgenden verwendeten Begriffe entsprechen aber dem in der Lernforschung normalerweise üblichen Sprachgebrauch.
Hunde wurden Jahrzehntelang von der Forschung mehr oder weniger links liegen gelassen. Man ging davon aus, dass sie als Haustiere zu „künstlich“ seien, als dass es sich lohnen würde, Grundlagenforschung an ihnen zu betreiben. Dieser Blickwinkel hat sich geändert, seit sich mehr und mehr die Ansicht durchgesetzt hat, Hunde als eine Tierart zu betrachten, die, wie andere Tierarten auch, perfekt an ihre ökologische Nische angepasst ist – nämlich an das Zusammenleben mit Menschen. Dadurch sind Hunde für die Wissenschaft wieder interessant geworden, denn durch sie können wir etwas über uns und unsere Entwicklung erfahren. Ein Vorteil bei Hunden ist natürlich auch, dass sie als „Versuchsobjekte“ leicht zugänglich und besonders kooperativ sind. In der vergleichenden Forschung über Lernvermögen und kognitive Fähigkeiten dienen Hunde daher oft als eine Art Zwischenstufe zwischen wilden Tieren und Menschen. Und es laufen erstmals vergleichende Untersuchungen über verschiedene Trainingsmethoden. Dieser Trend hat uns in den letzten zehn Jahren erfreulicherweise eine Fülle von neuen und aufregenden Erkenntnissen über unsere Hunde beschert und wird dies wohl auch in den nächsten Jahren tun. Es bleibt also auch in Zukunft spannend!
Mit einer „moralischen“ Bewertung der verschiedenen Ausbildungsarten halte ich mich bewusst zurück. Einige wenige Stellen, an denen ich glaube, dass es interessant für den Leser sein könnte, meine persönliche Einstellung zu erfahren, sind entsprechend kenntlich gemacht.
Lernen dient der besseren Anpassung eines Individuums an seine Umwelt. Bestimmten Situationen begegnet man im Laufe des Lebens immer wieder. Es wäre von Nachteil, wenn man jedes Mal von neuem ausprobieren müsste, wie man mit der betreffenden Situation am besten umgeht. In vielen Fällen hat die Natur das Problem dadurch gelöst, dass entsprechende Verhaltensweisen sowie die Erkennung der zugehörigen Auslöser angeboren sind. Ein stark genetisch festgelegtes Programm hat jedoch seine Tücken: Verhaltensänderungen sind nur über etliche Generationen hinweg möglich. Viele Lebewesen haben daher im Laufe der Evolution die Fähigkeit zum Lernen entwickelt, um sich auch kurzfristig und individuell veränderten Gegebenheiten anpassen zu können.
Ob und was ein Tier gelernt hat, kann man erst im Nachhinein, am Ergebnis, feststellen. Dass es sein Verhalten geändert hat, heißt allerdings noch nicht unbedingt, dass es etwas gelernt hat. Wenn ein Hund mehrfach in die gleiche Situation kommt und sich dabei anders als beim ersten Mal verhält, kann das viele Gründe haben. Vielleicht ist er aufgeregter, hungriger oder müder als beim vorigen Mal, vielleicht handelt es sich auch einfach um Zufall oder ist Folge davon, dass er älter geworden ist oder eine Krankheit ihn beeinträchtigt. Ist die Änderung seines Verhaltens aber über einen längeren Zeitraum beständig und außerdem durch Erfahrung bedingt, betrachtet man sie als erlernt.
Das Ergebnis von Lernen ist also immer eine dauerhafte Verhaltensänderung. Hat der Hund sein Verhalten nicht verändert, hat er nichts gelernt. Eigentlich ganz klar – doch wie oft gehen verärgerte Hundehalter davon aus, dass ihr Hund »genau weiß, was er soll«, obwohl das Verhalten des Hundes das Gegenteil beweist? Und wie oft erlebt man, dass jemand monatelang dieselben Erziehungsmaßnahmen anwendet, obwohl sich am Verhalten des Hundes offensichtlich nichts ändert?
Lernen lässt sich nicht abschalten. Es findet immer statt, in jedem wachen Augenblick und vielleicht sogar noch im Traum, das ganze Leben lang. Alles, was man als Mensch in Bezug auf seinen Hund tut oder lässt, löst auch und vor allem Lernvorgänge bei ihm aus. Man bekommt das Verhalten, das man – womöglich unabsichtlich oder unbewusst – verstärkt hat, auch wenn es nicht immer das ist, was man haben wollte.
Lernen folgt bestimmten Gesetzmäßigkeiten, die nicht zuletzt an Hunden eingehend erforscht worden sind. Obwohl natürlich noch viele Fragen unbeantwortet und viele Einzelheiten unverstanden sind, haben die bisher gewonnenen Erkenntnisse der Lernforschung doch erwiesenermaßen Gültigkeit. Sich ihnen zu verschließen oder zu glauben, man käme ohne sie aus, ist daher ungefähr so sinnvoll, wie gegen die Schwerkraft zu sein. »Ihr Hund mag Ihnen gegenüber vielleicht ungehorsam sein, aber den Gesetzmäßigkeiten des Lernens gehorcht er stets ausnahmslos und perfekt.« (Jean Donaldson in ihrem Buch »Hunde sind anders«.)
Hundeausbildung wird oft »aus dem Bauch heraus« betrieben, folgt Traditionen oder rein praktischen Erfahrungen, die durch Bücher oder in direktem Kontakt als mehr oder weniger genaue Anleitungen weitergegeben und oft wenig hinterfragt werden. Das geht so weit, dass viele durchaus erfolgreiche Praktiker nicht wirklich erklären können, wie und warum ihre Methode wirkt oder sogar völlig falsche Vorstellungen darüber haben und diese auch an ihre zweibeinigen Schüler weitergeben. Manchmal funktioniert das zwar trotzdem ganz gut, stößt jedoch spätestens dann an Grenzen, wenn die »Kochrezepte« einmal in einem bestimmten Fall versagen. Hat man dann keinen oder einen falschen theoretischen Hintergrund, weiß man sich gar nicht mehr zu helfen. Zudem kann man sein Training – egal welche Methode man bevorzugt – umso effektiver gestalten, je besser man weiß, auf welchen Grundlagen es beruht. Mangel an Verständnis vom Verhalten und Lernvermögen des Hundes kann außerdem leicht zu unabsichtlicher Tierquälerei führen. Wer mit Hunden umgeht, muss daher auch wissen, wie sie lernen.
Im Folgenden geht es um die verschiedenen Lernarten, die in der Praxis natürlich kaum je in reiner Form auftreten, sondern meist ineinander greifen oder sich vermischen.
Gewöhnung (= Habituation) ist eine Sonderform des Lernens, weil dabei nichts Neues gelernt, sondern nur etwas verlernt wird, und zwar die Reaktion auf einen ganz bestimmten Reiz (= Sinneswahrnehmung). Wenn man z. B. vor einem Welpen plötzlich einen Regenschirm öffnet, wird er wahrscheinlich erschreckt fliehen. Wiederholt man den Vorgang, gewöhnt er sich aber bald daran, d. h. er reagiert nicht mehr darauf. Das heißt aber nicht, dass der Welpe sich das Fliehen abgewöhnt hat, sondern es hat nur der Reiz des Schirms an Wirkung verloren: Lässt man hinter dem Welpen einen Topfdeckel zu Boden fallen, löst das wieder eine starke Fluchtreaktion aus.
Eine Gewöhnung tritt naturgemäß eher gegenüber schwachen und neutralen Reizen ein als gegenüber sehr starken Reizen oder solchen, die Angst hervorrufen oder schmerzhaft sind. Diese führen eher zum Gegenteil der Gewöhnung, zur Sensibilisierung (= empfindlicher werden). Der Welpe aus unserem Beispiel könnte also auch mit jeder Wiederholung des Schirm-Aufspannens immer verstörter reagieren, statt sich an den Anblick zu gewöhnen. Bei einer Sensibilisierung wird der Hund oft auch allgemein, gegenüber allen möglichen Reizen, empfindlicher. Ursache dafür ist die insgesamt gesteigerte Erregung des Hundes. Nachdem unser Welpe sich gerade vor dem Schirm erschreckt hat, fährt er also vielleicht auch bei einem lauten Geräusch nervös herum oder fürchtet sich vor einem flatternden Regencape, obwohl ihm dies normalerweise nichts ausgemacht hätte. Im Unterschied dazu bezieht sich eine Gewöhnung nur auf einen bestimmten Reiz oder wird allenfalls auf sehr ähnliche Reize übertragen.
Die Gegenspieler Gewöhnung und Sensibilisierung sind praktisch immer zusätzlich zu anderen Lernarten am Werk und spielen eine wichtige, vielfach unterschätzte Rolle. Gewöhnen soll sich der Hund z. B. an Alltagsgeräusche, Halsband, Maulkorb, Autofahren, sich bürsten lassen usw. Gegenüber Tadel und Strafen oder Kommandoworten ist eine Gewöhnung (= Abstumpfung!) dagegen unerwünscht. Man sollte bei allen neuen Eindrücken, mit denen man einen Hund konfrontieren will, vorab überlegen, ob er sich daran gewöhnen soll (d. h. er reagiert später wenig oder gar nicht darauf) oder ob er ihnen gegenüber sensibler werden soll (d. h. er reagiert später sehr empfindlich darauf).
Ist eine Gewöhnung erwünscht, beginnt man vorsichtshalber mit einer niedrigen Reizstärke und steigert sie erst dann, wenn sicher ist, dass der Hund keine Angst vor dem neuen Erlebnis (wie z. B. dem Autofahren) hat. Geht man mit der gebotenen Vorsicht vor, ist es sogar möglich, den Hund an Reize zu gewöhnen, die normalerweise eher zu einer Sensibilisierung führen würden, wenn er sie gleich beim ersten Mal in voller Stärke erleben würde (z. B. Schießlärm). Nur wenn es sich um schwache und nicht besonders unangenehme Reize handelt, kann man den Hund ohne besonderes Risiko auch einfach der neuen Erfahrung so lange oder häufig aussetzen, bis er sich vollständig daran gewöhnt hat (z. B. Halsband).
Motorisches Lernen oder Bewegungslernen ist das »Auswendiglernen« von bestimmten Bewegungen oder Abfolgen von Bewegungen, indem diese wieder und wieder durchgespielt und schließlich im so genannten Muskelgedächtnis gespeichert werden. Eine solche durch vielfache Übung eingeschliffene Bewegungsfolge kann z. B. das Laufen auf vertrauten Fluchtwegen sein. Auch Fertigkeiten wie Stricken, Autofahren oder Schreiben werden zwar operant gelernt, aber durch motorisches Lernen vervollkommnet. Zuerst stellt man sich ungeschickt an, muss sich sehr konzentrieren und eine bewusste Anstrengung machen, um die benötigten Bewegungen durchzuführen. Mit genügend Übung laufen sie dann flüssig und ganz automatisch ab.
Motorisches Lernen spielt in der Hundeausbildung eine eher geringe Rolle, denn die meisten Bewegungen, die ein Hund in der Grundausbildung lernen soll (z. B. sich setzen oder legen), kann er schon längst. Er muss nur noch lernen, auf welches Signal hin (»Sitz«, »Platz«) er sie zeigen soll. Nur wenn man erreichen möchte, dass der Hund diese Bewegungen in einer ganz bestimmten Weise ausführt, wie es z. B. manchmal im Hundesport der Fall ist, spielt dabei das Bewegungslernen eine Rolle. Soll der Hund etwa in Sphinxstellung liegen statt mit gekipptem Hinterteil oder mit den Vorderbeinen genau an derselben Stelle bleiben, während er vom Liegen ins Stehen geht, muss dies »auswendig gelernt« werden. Auch einige für den Hund eher künstliche Bewegungsformen, wie z. B. das Durchlaufen des Agility-Slaloms oder Leiterklettern, erfordern ein gut Teil motorisches Lernen und damit viel Übung der Bewegung an sich.
Unter »Prägung« versteht man in der Biologie Lernprozesse, bei denen die Lernfähigkeit für ganz bestimmte Dinge auf eine zeitlich begrenzte sensible Phase beschränkt ist und das Lernergebnis außerdem besonders stabil ist. Verstreicht die sensible Phase ungenutzt, kann dies zu ernsten Verhaltensstörungen führen. Bei Hunden gibt es allerdings keine Prägung im engeren Sinne wie etwa die Nachlaufprägung bei Entenküken, die ihre ganze Jugend hindurch, statt ihrer Entenmutter zu folgen, einem bestimmten Menschen oder sogar einem Fußball nachlaufen, falls sie in den ersten Stunden nach dem Schlüpfen darauf geprägt werden. Biologen verwenden daher bei Hunden lieber den Begriff Sozialisierung (oder auch: Sozialisation).
Nach neueren Forschungen ist die sensible Phase bei Hunden wesentlich kürzer, als man früher gedacht hat. Zwar erkennen Welpen nachweislich Gerüche wieder, denen sie direkt nach der Geburt ausgesetzt sind, und zeigen später mehr Interesse am Menschen, wenn sie zu diesem Zeitpunkt an Menschenhänden schnuppern konnten. Aber die wichtigste Zeit für die Gehirnentwicklung setzt bei ihnen erst mit dem vollständigen Erwachen der Sinne und der Beweglichkeit in der 3. Woche ein. Die folgenden zwei Wochen (3. bis 5. Woche) sind die wichtigste Zeit im Leben des Welpen, denn nur in diesem Alter nähert er sich neuen Dingen völlig unbefangen, da sein Nervensystem in dieser Zeit sozusagen von Natur aus auf Neugier und Entspannung gepolt ist. Dadurch verknüpft der Welpe alles, was er jetzt kennenlernt, als »bekannt« und »ungefährlich«.
Es ist sehr wichtig, dass der Welpe jetzt viele verschiedene Sinnesreize erfährt und engen Kontakt zu Sozialpartnern (Menschen und Hunden) hat. Denn er bildet dann leicht so genannte Geborgenheitsreize (maintenance stimuli) aus. Darunter versteht man Sinneseindrücke, die mit positiven emotionalen Zuständen assoziiert worden sind und dem Hund später helfen, im emotionalen Gleichgewicht zu bleiben, indem sie ihm auch bei Stress oder in fremder Umgebung Sicherheit geben. Man kann sich das etwa so vorstellen wie den Teddybären, den ein Kleinkind mit ins Bett nimmt, oder das Fotos von seinen Liebsten, das man sich in einem kahlen Hotelzimmer zum Trost aufs Nachtischchen stellt. Natürlich können auch Sozialpartner diese Funktion haben. Je weniger Geborgenheitsreize man hat, desto löchriger und störanfälliger ist das emotionale Sicherheitsnetz – wie bei einem Kind, das nur einschlafen kann, wenn es einen ganz bestimmten Teddy bei sich hat.
Von der 5. bis zur 8. Woche weicht der anfängliche Entspannungszustand einer größeren Aktivität und Reaktionsfähigkeit und einem höheren Erregungsniveau. Die Wahrscheinlichkeit von negativen Emotionen wie Angst, Stress und Schreckhaftigkeit ist jetzt vorübergehend erhöht. Der Welpe lernt nun nämlich vor allem, mit Neuem umzugehen und milde Stressreize zu bewältigen. Dafür braucht er die Gelegenheit, immer wieder neue Dinge und Umgebungen zu erkunden. Wichtig ist dabei allerdings, dass er das in seinem eigenen Tempo, also »auf eigenen Füßen«, tun kann und dass dabei genügend Anbindung an bisher schon aufgebaute Geborgenheitsreize besteht. Denn die geben ihm eine sichere Basis für seine »Expeditionen«. Es ist also keine gute Idee, die Welpen in diesem Alter schon ins nächste Einkaufszentrum zu fahren, wohl aber, sie nach und nach mit Mutterhündin, Geschwistern oder dem menschlichen Betreuer weitere Räume des Hauses erkunden zu lassen und ihnen in ihrem Gehege immer wieder neue Materialien, Klettergeräte, Spielsachen, Geräusche usw. anzubieten.
Verbringt ein Hund die Zeit vor der achten Woche hauptsächlich in einer reizarmen Umgebung (z. B. Zwinger in Massenzuchtbetrieben, Pferdebox), erhöht das nachgewiesenermaßen die Wahrscheinlichkeit für spätere Angst- und Aggressionsprobleme. Im Extremfall kann sogar seine Lernfähigkeit als solche irreparabel geschädigt sein. Zudem wird er lebenslang überempfindlich gegenüber neuen Reizen und Stress sein, was z. B. eine Neigung zur Hyperaktivität begünstigen kann. Das Zeitfenster für die Gewöhnung an Sozialpartner und Umwelt schließt sich etwa mit der 14. Woche endgültig. Welpen, die bis zu diesem Alter keinen Menschenkontakt hatten, bleiben zeitlebens scheu wie Wildtiere. Und bringt man sie erst in diesem Alter erstmals in eine ihnen völlig fremde Umgebung, verfallen sie regelrecht in eine Angststarre. Untersuchungen haben ergeben, dass Welpen ab der vierten Lebenswoche mindestens zweimal pro Woche systematisch und ausgiebig einer Reihe von neuen Eindrücken ausgesetzt werden und engen Umgang mit wechselnden Menschen verschiedenen Alters und Geschlechts haben müssen, um ausreichend sozialisiert zu werden.
Nach neueren Erkenntnissen muss das in der sensiblen Phase Gelernte übrigens auch in den Monaten danach und in der Pubertät noch weiter geübt und sozusagen bestätigt werden. Sonst geht es wieder verloren. Das heißt, dass der junge Hund das ganze erste Lebensjahr hindurch weiterhin viele verschiedene Umweltreize geboten bekommen und viele neue Umgebungen kennen lernen muss, um wirklich zu einem gelassenen, umweltsicheren Hund heranwachsen zu können.
Die Golden Retriever-Hündin Paula verbrachte die ersten fünf Monate ihres Lebens mit den anderen Hunden im Garten der Züchterin – wohl auch, weil diese schwer erkrankt war. Als die Besitzerin Paula übernahm, kannte diese weder Halsband noch Leine und hatte das Grundstück noch nie verlassen. Die ersten Wochen traute Paula sich kaum aus dem Haus und versteckte sich hinter dem Sofa, wenn Besuch kam. Draußen verließ sie das Grundstück nur unter Zwang und zog dann panisch an der Leine. Mit einem Jahr hatte Paula sich soweit gewöhnt, dass man auf einigen wenigen vertrauten Wegen und in freier Natur relativ normal mit ihr spazieren gehen konnte. Bog man aber auch nur in eine ihr unbekannte Seitenstraße ab, geriet sie wieder in Panik. Tauchten fremde Menschen auf, erstarrte sie vor Angst. Im Garten verbellte sie hysterisch vorbeigehende Passanten. Nur Hunden gegenüber war sie zwar etwas nervös und übertrieben unterwürfig, aber freundlich und interessiert.
Verhaltensforscher haben ganz bestimmte Kriterien für echtes Lernen durch Nachahmung aufgestellt. Demnach hat ein Tier nur dann wirklich durch Nachahmung gelernt, wenn es allein aufgrund der zuvor gemachten Beobachtung eines anderen Tieres – ohne vorherige eigene Erfahrung – etwas tut, das es bisher noch nicht konnte und das auch nicht angeboren ist. Bis vor wenigen Jahren ging die Wissenschaft davon aus, dass diese Lernart bei Hunden – anders als etwa bei Katzen – kaum oder gar nicht vorhanden wäre.
Zwar gibt es natürlich Alltagsbeobachtungen, die von Hundehaltern seit jeher als »nachahmen« oder »abgucken« geschildert werden. So hört man z. B. oft, ein Hund habe sich von einem anderen Hund das Jagen oder das Klauen von Essen »abgeguckt«. Aber solche Beispiele erfüllen normalerweise nicht die oben genannten strengen Kriterien. Meist handelt es sich dabei eher um so genannte soziale Anregung, auch Stimmungsübertragung genannt. Dies ist ein Mechanismus, der fast ebenso leistungsfähig ist wie echte Nachahmung und dieser auf den ersten Blick sehr ähnelt. Es ist typisch für Hunde, ganz besonders für junge Hunde, dass sie sich an anderen Hunden orientieren und ihnen nachlaufen. Dadurch gerät der junge Hund in dieselbe Situation wie sein »Mentor«, wird denselben Reizen ausgesetzt wie dieser und reagiert dann natürlich oft, wenn auch nicht immer, ebenso wie dieser. Der junge oder unerfahrene Hund kommt so schneller als ohne »Vorbild« in Situationen, in denen er mit großer Wahrscheinlichkeit bestimmte Lernerfahrungen macht.
Manchmal lernt ein Hund durch soziale Anregung auch einfach nur den Ort oder das Objekt kennen, an dem es sich lohnt, ein bestimmtes, instinktiv verankertes oder bereits früher durch eigene Erfahrung erlerntes Verhalten auszuführen – z. B. wo es Wild zu hetzen oder Abfalleimer zu plündern gibt. Dieses einfache »Mitmachen« führt z. B. auch dazu, dass Meute- oder Hütehunde ihre Aufgabe tatsächlich schneller lernen, wenn sie einen erfahrenen Althund als »Lehrer« haben, ohne dass man dabei von echter Nachahmung reden könnte. Und natürlich helfen das Folgen und die Stimmungsübertragung einem Hund auch bei der Umweltgewöhnung, da er sich mit einem anderen Hund als »Geborgenheitsreiz« sicherer fühlt und sich mit ihm zusammen z. B. eher traut, erstmals durch einen Tunnel zu laufen.
Inzwischen hat aber auch die Forschung bestätigt, dass Hunde durchaus zu echtem Nachahmungslernen fähig sind. Als Nachweis diente z. B. ein Experiment von Friederike Range und ihrem Team, bei dem Hunde zusehen konnten, wie ihr Mensch die Schiebetür einer Kiste entweder mit dem Kopf oder mit der Hand öffnete. Anschließend wurden die Hunde mit Futterbelohnung an derselben Aufgabe trainiert. Dabei zeigte sich, dass Hunde, die die Kiste auf dieselbe Art wie zuvor ihr Mensch öffnen sollten, dies sehr schnell lernten. Hunde, die die entgegengesetzte Öffnungsmethode lernen sollten, brauchten dagegen sehr viel mehr Wiederholungen.
Auch ist es schon vielfach gelungen, Hunden das Konzept der Nachahmung beizubringen, auch wenn dazu meist ein erheblicher Trainingsaufwand nötig ist. Dabei sieht der Hund zu, wie ein Artgenosse (oder Mensch) etwas tut (sich drehen, auf einen Tisch klettern …) und bekommt danach das Signal für »mach es nach«. Er ist nach entsprechendem Training dann tatsächlich in der Lage, das Gesehene auf Anhieb zu imitieren, sogar wenn er es selbst noch nie getan hat (wobei die ersten Versuche natürlich oft noch etwas ungeschickt ausfallen).
Meine dreijährige Kurzhaarcollie-HündinIndy ist ein richtiger Abgucker. Da sie als Zweithund aufgewachsen ist, habe ich sie seit dem Welpenalter oft abwechselnd mit meiner neunjährigen Jamie trainiert und ganz bewusst meistens Jamie zuerst die Übungen machen lassen. Schon mehrfach hat Indy dann auf Anhieb Übungen richtig ausgeführt, die ich vorher noch nie mit ihr geübt hatte, oder sie in erstaunlich kurzer Zeit gelernt. Indy ist ein sehr »selbstständiger« Typ, ein ausgeprägter »Augenhund« und besonders sozial mit anderen Hunden – vermutlich günstige Eigenschaften fürs Nachahmen.
Lernen durch Einsicht (auch: kognitives Lernen) beruht auf der Neuordnung von Wissen durch Denkvorgänge und bedarf der Fähigkeit, Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zu durchschauen und vor dem eigentlichen Tun in Gedanken verschiedene Handlungsmöglichkeiten durchzugehen. Um andere Lernformen zweifelsfrei ausschließen zu können, muss sicher sein, dass das Tier vorher niemals solch ein Verhalten ausprobieren konnte, sodass es womöglich das Ergebnis eines, wenn auch noch so kurzen, Lernens durch Versuch und Irrtum (= operantes Lernen) ist. Ferner darf es sich nicht etwa um einen reinen Zufallserfolg handeln.
Einsichtiges Handeln ist daher schwer nachzuweisen. Ein Hinweis darauf kann es sein, wenn zuerst eine Phase des Bedenkens zu beobachten ist (das Tier verharrt still), auf die dann eine Phase gezielten und nahezu fehlerfreien Handelns folgt. Ein Klassiker zum Test des Lernens aus Einsicht sind z. B. Umwegversuche, bei denen dem Tier auf der anderen Seite eines Zaunes etwas Begehrenswertes gezeigt wird. Das hierbei nötige Weglaufen von einem nahen Ziel, um sich ihm auf anderem Wege zu nähern, ist für ein Tier schon eine höhere Verstandesleistung und auch manche Hunde kommen nur durch Zufall auf die richtige Lösung, nachdem sie es eine ganze Weile mit Bellen, Kratzen, Springen oder resigniertem Warten versucht haben. Löst der Hund so ein Umwegproblem auf Anhieb, kann er mit Recht als intelligent bezeichnet werden.
Beagle-Hündin Aletta sitzt im Garten und guckt sehnsuchtsvoll zu der Mieterin der oberen Wohnung, die ihr an der Haustür Wurstreste anbietet – allerdings getrennt durch eine unüberwindbare Brücke aus grobmaschigem Gitterrost. Aletta schaut eine Weile reglos herüber, dann läuft sie plötzlich zielstrebig los: von der oberen Ebene des Gartens die Steintreppe hinunter auf die untere Ebene, durch die Hintertür ins Haus, im Haus zwei Treppen hoch bis zur Wohnungstür der Mieterin, an der sie kratzt – und sich so die verdiente Belohnung für diese Denkleistung abholt.
Wie steht es nun darüber hinaus bei Hunden mit dem Lernen durch Einsicht? Neuere Forschungen haben auch in diesem Bereich weitaus größere Fähigkeiten zutage gebracht, als man früher geglaubt hätte. Man benutzt dabei häufig Tests, wie man sie auch bei Kleinkindern anwendet, die noch nicht sprechen können. Die Ergebnisse sind allerdings zwiespältig. Im physikalischen Bereich zeigen Hunde ein gewisses Grundverständnis, stoßen aber recht schnell an Grenzen, wenn die Aufgaben komplizierter werden. Dagegen glänzen sie im Bereich der sozialen Intelligenz, vor allem wenn es um die Einschätzung von Menschenverhalten und um die Verständigung mit Menschen geht. Von manchen Wissenschaftlern wird das mit der evolutionären Anpassung von Hunden an uns Menschen als ihren »Lebensraum« erklärt. Da in diesem Bereich zurzeit besonders viel geforscht wird, ist es nicht möglich, hier alle interessanten Versuche aufzuführen, daher im Folgenden nur einige Beispiele für kognitive Fähigkeiten von Hunden:
Hunde verfügen wie vier Monate alte Säuglinge über Objektpermanenz, d. h. sie wissen, dass ein Gegenstand nicht verschwunden ist, wenn er außer Sicht gebracht wird, und suchen z. B. unter einem Topf oder hinter einem Wandschirm gezielt danach. Diese Fähigkeit teilen sie mit einigen anderen Tierarten, z. B. Menschenaffen, Katzen und Krähen. Ebenso wie acht bis zwölf Monate alte Kinder machen sie dabei aber den so genannten A-nicht-B-Suchfehler. D. h. wenn man das Objekt erst an der einen Stelle versteckt, es gleich danach aber vor ihren Augen an eine andere Stelle legt, laufen sie dennoch zuerst zum ersten Versteck. Menschenaffen und handaufgezogene Wölfe machen diesen Fehler nicht. Und auch Hunde kommen mit diesem Problem besser zurecht, wenn nicht ein Mensch den Gegenstand versteckt, sondern eine maschinelle Anordnung benutzt wird. Daher vermutet man, dass ihr starker Bezug zu Menschen sie hier »ablenkt« und sie einfach gucken »müssen«, was der Mensch am ersten Versteck getan hat.
Für diese Interpretation spricht auch ein weiterer Versuch, bei dem Hunde zeigen sollten, dass sie das Ausschlussprinzip verstehen: Unter einem von zwei Behältern wird ein Leckerchen versteckt. Dann hebt man kurz den Behälter an, unter dem nichts ist. Versteht der Hund, dass das Leckerchen nun unter dem anderen Behälter sein muss? Auch hier schaffen Hunde diese Aufgabe, wenn sie maschinell gestellt wird. Hebt aber ein Mensch den Behälter an, laufen sie in der Regel zuerst zu dem Behälter, den der Mensch zuletzt angefasst hat, obwohl nichts darunter ist.
Katzen und Schimpansen können das Hütchenspiel, bei dem ein Objekt unter einem von drei Hütchen versteckt wird, die der Spielleiter danach einige Male schnell verschiebt; man muss dann raten, unter welchem Hütchen das Objekt ist. Auch dieses Spiel erfordert Objektpermanenz, aber darüber hinaus auch das Nachvollziehen von Bewegungen nicht sichtbarer Objekte. Hunde haben Probleme mit diesem Spiel und schaffen es höchstens, solange die Hütchen nicht überkreuz verschoben werden. Sie suchen normalerweise da nach dem Objekt, wo sie es zuletzt gesehen haben.
Im Object-Choice-Test (Objekt-Auswahl-Test) wird wieder ein Leckerchen oder Spielzeug in einem von zwei Behältern versteckt, wobei der Hund nicht zusehen kann. Bevor er aber die Wahl treffen soll, zeigt ein Mensch mit der Hand auf den Behälter, in dem das Objekt ist, und geht dann weg. Hunde entscheiden sich danach fast immer richtig für den Behälter, auf den der Mensch gezeigt hat. Schimpansen kümmern sich dagegen nicht um solche Hinweise und suchen wahllos. Wieder ein Hinweis darauf, wie gut Hunde sich an Menschen angepasst haben. Das zeigt sich auch dadurch, dass Hunde in vielen Versuchsanordnungen Blickkontakt zum Menschen suchen und versuchen, diesen »um Hilfe zu bitten«, wenn sie die Aufgabe nicht lösen können. Zahme Wölfe tun das nicht.
Mit dem Begriff Theory of Mind (ToM) wird die Fähigkeit bezeichnet, Annahmen über die Bewusstheitszustände eines anderen Lebewesens aufzustellen, sich also in es hineinzuversetzen. Bis vor kurzem glaubte man, dass dies nur bei Menschen und vielleicht Menschenaffen vorkommt. Inzwischen weiß man aber auch, dass einige wenige andere Tiere, auch Hunde, über einfachere Varianten der Theory of Mind verfügen. Ein Experiment dazu kann z. B. so aussehen, dass das Versuchstier sehen kann, wie ein anderes Tier (oder ein Mensch) etwas intensiv beobachtet, das jedoch dem Blick des Versuchstieres z. B. durch einen Wandschirm verborgen ist. Versteht das Versuchstier, dass das andere Tier etwas anderes wahrnimmt als es selbst, wird es seinen Standort wechseln, um selbst hinter den Wandschirm sehen zu können. Obwohl diese Schlussfolgerung einfach erscheinen mag, erfordert sie doch, sich in den anderen hineinversetzen zu können.
Berühmt geworden ist der Border Collie Rico, der 1999 in der Sendung »Wetten dass« zeigte, dass er 77 verschiedene Namen den entsprechenden Spielzeugen zuordnen konnte. Danach wurde das Phänomen vielfach erforscht. Den Rekord hält bisher die Border-Collie-Hündin Chaser, die lernte, 1022 Gegenstände zu unterscheiden. Besonders spannend ist, dass Hunde wie Rico und Chaser neue Worte dabei wie Menschenkinder über eine Art Ausschlussverfahren, das so genannte Fast Mapping (schnelles Zuordnen), lernen. D. h. wenn man einen neuen Gegenstand zwischen bereits bekannte Gegenstände legt und den Hund mit einem ihm unbekannten Wort auffordert, etwas zu holen, bringt er den neuen Gegenstand. Er versteht also, dass mit dem neuen Wort nur der ihm unbekannte Gegenstand gemeint sein kann, da die anderen Gegenstände ja alle schon andere Namen haben.
Aus der Praxis und aus Lernexperimenten wie dem oben beschriebenen Zuordnen von Worten zu Gegenständen weiß man heute auch, dass Hunde durch gezieltes Training lernen können, einfache Konzepte (Grundvorstellungen) zu verstehen. Man kann einem Hund z. B. beibringen, oben und unten oder links und rechts zu unterscheiden oder den jeweils größten oder kleinsten Gegenstand auszuwählen. Er kann sogar lernen, kreativ zu sein und sich neue Verhaltensvarianten auszudenken, wenn man ihn in einer bestimmten, wiedererkennbaren Trainingssituation dafür belohnt, dass er immer wieder neue Verhaltensweisen anbietet. Auch bei dem oben erwähnten Nachahmen eines anderen Hundes oder eines Menschen auf Kommando handelt es sich um Konzepttraining, d. h. der Hund lernt dabei ein Stück weit, übergeordnete Zusammenhänge zu begreifen.
In den Zwanzigerjahren untersuchte der Russe Iwan Pawlow (1849–1936) an Hunden Menge und Zusammensetzung des Speichels bei der Nahrungsaufnahme. Die Hunde hatten bei den Experimenten eine einfache Aufgabe: Ihr Job war es, zu fressen, wobei ihr Speichel aufgefangen wurde. Eines Tages bemerkte Pawlow, dass die Hunde nicht nur speichelten, wenn sie das Futter vorgesetzt bekamen, sondern auch, wenn der Assistent, der gewöhnlich das Futter brachte, ohne Futter den Raum betrat. In gezielten Versuchsreihen, bei denen das Futter mit einer Glocke angekündigt wurde, ging Pawlow der Sache auf den Grund.
Die Lernart, die er erforschte, bekam den Namen »klassische« oder »Pawlow’sche Konditionierung«. Dabei handelt es sich um einen Lernvorgang, durch den ein neutraler Reiz eine Bedeutung bekommt, also um eine Verknüpfung oder Assoziation. Konditionierung funktioniert, weil zwei Reize (= Sinneswahrnehmungen), die wiederholt ganz kurz nacheinander oder sich überschneidend wahrgenommen werden, im Gehirn automatisch miteinander in Verbindung gebracht werden. Ertönt also immer bevor das Futter präsentiert wird eine Glocke, verknüpft der Hund nach einigen Wiederholungen beides miteinander. Ist die Verknüpfung erfolgt, reagiert der Hund auf den ehemals unbedeutenden Reiz (Glocke) ebenso wie zuvor nur auf den bereits bedeutungsvollen Reiz (Futter). Dies ermöglicht es ihm, gewissermaßen vorbeugend zu handeln, und steigert unter normalen Bedingungen die Überlebenschancen.
Mein Vater stellt einen Mixer an, um Farbe anzurühren. Im Nu stehen die beiden Weißen Schäferhunde Yessi und Antis erwartungsvoll neben ihm. Wenn meine Mutter mit dem Handmixer Sahne schlägt, dürfen sie sonst immer die Quirle ablecken.
Das Futter, auf das der Hund von Natur aus, auch ohne vorhergehendes Training, automatisch und reflexartig reagiert, ist der
»unkonditionierte Reiz«
oder »
unbedingte Reiz
« (auf Englisch »
unconditioned stimulus
«, abgekürzt
US
)
.
Vor dem Trainingsprozess hat die Glocke keine besondere Bedeutung für den Hund und wird zu diesem Zeitpunkt
neutraler Reiz
(auf Englisch »
neutral stimulus
«, abgekürzt
NS
) genannt.
Nach dem Trainingsprozess ist die Glocke der neu erlernte Reiz, der nun die gleiche Reaktion auslöst wie das Futter. Man bezeichnet sie jetzt als
»konditionierter Reiz«
oder
»bedingter Reiz
« (auf Englisch »
conditioned stimulus
«, abgekürzt
CS
).
Die auch ohne Training durch das Futter ausgelöste reflexartige Reaktion, das Speicheln, heißt zunächst
»unkonditionierte Reaktion«
oder »
unbedingte Reaktion
« (auf Englisch »
unconditioned response
«, abgekürzt
UR
)
.
Kann das Speicheln nach erfolgtem Training auch allein durch den Glockenton ausgelöst werden, nennt man es die
»konditionierte Reaktion«
oder »
bedingte Reaktion
« (auf Englisch »
conditioned response
«, abgekürzt
CR
)
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Die Meinung darüber, was alles mit dem Begriff klassische Konditionierung erklärt werden kann, ist geteilt. Das liegt daran, dass solche Begriffe der Lernpsychologie oder Verhaltensforschung keine Naturkonstanten, sondern immer nur Definitionen sind, in die nicht nur Fakten, sondern auch persönliche Ansichten mit einfließen. Klassische Konditionierung im engeren Sinne, wie Pawlow sie erforschte, befasste sich ursprünglich nur mit Lernvorgängen, bei denen ein Reflex mit einem neuen Reiz verknüpft wird.
Unter einem Reflex versteht man eine unwillkürliche (automatische) und rasche, immer gleichartige Reaktion des Organismus auf einen Reiz hin. Beispiele dafür sind der Speichelfluss beim Anblick und Geruch von Essen, der Lidschlagreflex wenn sich etwas dem Auge nähert oder das Wegziehen der Hand von einer heißen Herdplatte. Aber auch Emotionen und die dazu gehörigen unwillkürlichen Reaktionen (z. B. trockener Mund, feuchte Hände, Herzklopfen, Erröten), die oft mit einem Reflex einhergehen, werden zusammen mit diesem klassisch konditioniert. Ein Beispiel ist etwa die Nervosität (konditionierte oder bedingte Reaktion), die einen automatisch beim typischen Geruch einer Zahnarztpraxis (konditionierter oder bedingter Reiz) überkommt. Eine solcherart erlernte emotionale Reaktion nennt man konditionierte emotionale Reaktion (auf Englisch conditioned emotional response, CER). Bei Hunden erklärt sie unter anderem, warum sie in bestimmten Situationen wie »auf Knopfdruck« sehr erregt werden, etwa wenn man nur die Leine vom Haken nimmt oder vor ihren Augen selbst an der Haustür klingelt.
Nach einer erweiterten Auffassung des Konzepts der klassischen Konditionierung, der ich mich im Folgenden anschließen möchte, kann zusätzlich auch die Verknüpfung eines neuen Reizes mit einer bereits zuvor erlernten Verhaltensweise als klassisch konditioniert angesehen werden, z. B. wenn der Hund lernt, das Wort »Platz« (konditionierter Reiz) mit der Handlung »hinlegen« (konditionierte Reaktion) zu verknüpfen. Oder wenn ein Hund bereits beim Läuten der Türglocke (konditionierter Reiz) anfängt zu bellen (konditionierte Reaktion), weil er diese mit dem Auftauchen von Besuchern (unkonditionierter Reiz) assoziiert hat. Das Anbellen von Besuchern als solches ist dabei, im Gegensatz zum Speichelfluss beim Essen, den niemand willentlich unterdrücken kann, kein angeborener Reflex, sondern ein erlerntes Verhalten: Der Hund könnte prinzipiell auch still sein und sich setzen, wenn Besuch kommt. Auch überfällt einen zwar das Gefühl der Nervosität beim Betreten der Zahnarztpraxis automatisch. Wie man daraufhin handelt, unterliegt aber der Kontrolle durch Einsicht (»Eine Behandlung ist nun mal nötig«), momentaner Gefühlslage (»Heute ertrage ich das nicht«) und zuvor operant gelernten Verhaltensmustern (»Wenn ich tief durchatme und mich in eine Zeitschrift vertiefe, fühle ich mich gleich besser«).
Klassische Konditionierung ist eine der wenigen Lernformen, die ohne Motivation auskommt. Sie erfolgt automatisch und unbewusst und ist willentlich nicht zu beeinflussen. Das kann man z. B. zeigen, wenn man einen Menschen darauf konditioniert, auf einen Summton (bedingter Reiz) zu zwinkern (bedingte Reaktion), indem jeweils nach dem Summton als ursprünglicher, unbedingter Reiz ein Luftstrom aufs Auge geblasen wird. Sogar wenn die Versuchsperson versucht, sich zu weigern: Nach einer genügenden Anzahl an Wiederholungen der Abfolge Summton – Luftstrom zwinkert sie, wenn der Summer ertönt. Auch bei der Hundeerziehung kann man die klassische Konditionierung nicht einfach abstellen. Verknüpfungen, gerade auch konditionierte emotionale Reaktionen, entstehen bei praktisch jedem Lernprozess »ganz nebenbei«, ob man will oder nicht. Da man auch nicht immer steuern kann, was der Hund womit verknüpft, und in fast jeder Situation mehrere Sinnesreize auf ihn einwirken, kann es schnell einmal zu unerwünschten Verknüpfungen kommen.
Ganz entscheidend für den Erfolg einer klassischen Konditionierung ist der Zeitfaktor (Kontiguität). Der ursprünglich neutrale Reiz, den man konditionieren will, muss dem unkonditionierten (unbedingten) Reiz zeitlich vorausgehen. Umgekehrt funktioniert es dagegen nicht: wenn der neutrale Reiz genau gleichzeitig mit dem unbedingten Reiz oder erst nach diesem wahrgenommen wird, kommt normalerweise keine Assoziation zustande. Der zu konditionierende Reiz hat dann keinen vorhersagenden Charakter mehr und wird vom Gehirn als bedeutungslos eingestuft.
Wie groß der zeitliche Abstand zwischen den beiden Reizen sein darf, sodass noch eine Konditionierung erfolgt, hängt auch ein wenig davon ab, was verknüpft werden soll. Geht es um muskuläre Reaktionen wie z. B. den Lidschlussreflex, erzielt man normalerweise das beste Ergebnis, wenn der neu zu erlernende (neutrale) Reiz 0,5 Sekunden vor dem unbedingten Reiz erfolgt. Reaktionen des autonomen Nervensystems wie z. B. der Speichelfluss funktionieren dagegen auch noch bei einem zeitlichen Abstand der Reize von 2 bis maximal 3 Sekunden. Bei einem noch größeren zeitlichen Abstand kann eine Konditionierung aber auf alle Fälle nur noch unter sehr günstigen Bedingungen erfolgen (z. B. Laborsituation ohne Ablenkung).
Bei der
Spurkonditionierung
(trace conditioning) ist der neutrale/zu konditionierende Reiz durch eine kurze Zeitlücke vom unbedingten Reiz getrennt: erst ertönt die Glocke, einen Moment später wird das Futter gereicht.
Bei der
Verzögerungskonditionierung
(delayed conditioning) überlappen sich der neutrale/zu konditionierende Reiz und der unbedingte Reiz zeitlich. Der neutrale Reiz muss aber zuerst anfangen: Die Glocke ertönt, und noch während sie läutet, bekommt der Hund sein Futter.
In Versuchen hat sich die Verzögerungskonditionierung als noch etwas effektiver erweisen als die Spurkonditionierung, falls die Verzögerung nur sehr kurz ist (short delayed conditioning).
Noch wichtiger als der Zeitfaktor ist eine möglichst konsequente Verknüpfung der Reize. Damit der zu konditionierende (neutrale) Reiz überhaupt eine Bedeutung bekommen kann, muss er den unbedingten Reiz zuverlässig ankündigen. Dies geschieht umso besser, je enger der Zusammenhang zwischen den beiden Reizen (Kontingenz) ist. Der Hund sollte also z. B. möglichst immer Futter bekommen, nachdem die Glocke läutet. (Idealerweise würde er sogar nur noch dann Futter bekommen, wenn vorher die Glocke ertönte.) Jedes Mal, wenn der Hund das Glockensignal hört, ohne dass er Futter bekommt, verlangsamt das den Lernprozess und schwächt die Verknüpfung und damit die Stärke und Zuverlässigkeit der Reaktion. Und bei ungenügender Kontingenz während der Lernphase kann die Konditionierung gar nicht erst erfolgen.
Das ist auch sinnvoll, denn warum sollte der Organismus sich einen Zusammenhang zwischen den beiden Reizen merken, wenn der neutrale Reiz den unbedingten Reiz nicht zuverlässig voraussagt? So reagieren viele Hunde z. B. weitaus besser auf das Rascheln einer Tüte als auf ihren Namen, da zwischen dem Tütenrascheln und einer Futtergabe eine viel stärkere Kontingenz besteht als zwischen ihrem Namen und einer (Leckerchen-)Belohnung.
Die Hunde, die ich hatte, ehe ich begann, eine Hundeschule zu betreiben, gerieten teilweise in eine freudige Übererregung, wenn ich Jacke und Stiefel anzog. Besonders die Weiße Schäferhündin Ziska kreischte fast vor Aufregung in Erwartung des nun mit Sicherheit folgenden Spaziergangs. Seit ich Hundetrainerin bin, regen meine Hunde sich längst nicht mehr so auf, wenn ich meine »Hundeklamotten« anziehe. Denn in etwa 50 % der Fälle fahre ich danach ohne meine Hunde zu Kursen oder Einzelstunden.
Normalerweise sind für eine klassische Konditionierung einige Wiederholungen nötig. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Hund auf den konditionierten Reiz reagiert, steigt dabei im Laufe der Konditionierung an, ohne dass es einen bestimmten Zeitpunkt gibt, ab dem man sagen könnte, dass der Hund die Verknüpfung nun gelernt hat und von da an immer auf den konditionierten Reiz reagieren wird. Bildlich ausgedrückt handelt es sich um einen Pfad, der umso breiter wird, je öfter man ihn geht. Und ebenso wie der Pfad langsam wieder zuwächst, wenn er nicht regelmäßig begangen wird, wird auch die Konditionierung schwächer, wenn dem konditionierten/bedingten Reiz nicht jedes Mal wieder der unkonditionierte/unbedingte Reiz folgt (= die Kontingenz nicht mehr gegeben ist).
Im Einzelfall kann eine Assoziation allerdings auch sehr schnell zustande kommen, und zwar immer dann, wenn besonders starke Emotionen positiver oder negativer Art im Spiel sind. Denn normalerweise rufen stärkere unkonditionierte Reize eine stärkere Reaktion und damit einen schnelleren und nachhaltigeren Lernprozess hervor als schwache. Im Extremfall kann so aufgrund eines einzigen Angst- oder Schmerzerlebnisses eine dauerhafte Phobie entstehen, wie viele Hunde zeigen, die nach einer einmaligen schmerzhaften Behandlung dauerhaft Angst vorm Tierarzt haben.
Der Lernprozess wird auch von den Eigenschaften des zu konditionierenden, zunächst neutralen Reizes beeinflusst. Je eindeutiger und unverwechselbarer er ist, desto besser. Auch hier werden stärkere Reize (z. B. laute Töne) schneller verknüpft als schwächere. Wenn das Tier an einen Reiz bereits gewöhnt ist, dauert es deutlich länger, diesen Reiz als konditionierten Reiz zu etablieren. Auch die Biologie entscheidet mit darüber, welche Reize leichter und welche schwerer verknüpft werden. Manche Reize sind anscheinend für eine bestimmte Reaktion von Natur aus »logischer« als andere und werden besonders schnell gelernt. Dieses Phänomen nennt man selektive Assoziation (auch: Garcia-Effekt oder Preparedness). Verknüpft man z. B. einen Glockenton mit Futter, sind nur ca. 20 Wiederholungen für eine volle Reaktion in Form von starkem Speichelfluss auf den Glockenton hin nötig. Für die Konditionierung eines Summtons mit dem Lidschlagreflex benötigt man dagegen mindestens 80 bis 100 Wiederholungen. Auch können Ratten einen bestimmten Geschmack sehr schnell mit anschließender Übelkeit verbinden und meiden danach Wasser mit diesem Geschmack. Sie sind aber nicht in der Lage, eine entsprechende Verknüpfung zwischen einem Ton beim Wassertrinken und darauf folgendem Unwohlsein zu machen, da so eine Verbindung in der Natur nicht vorkommt. Die biologische Ausstattung der Lebewesen entscheidet außerdem darüber, auf welche Reize sie besonders achten und sie somit leichter verknüpfen. Menschen können z. B. besser auf optische Reize konditioniert werden als auf akustische, bei Ratten ist es dagegen umgekehrt. Bei Hunden werden besonders leicht Orte, die Körpersprache des Menschen und natürlich Gerüche zu bedingten Reizen.
Durch klassische Konditionierung können auch ganze Ketten von Reizen entstehen. Wenn der Hund z. B. schon gelernt hat, bei einem Glockenton Futter zu erwarten, und man dann jeweils kurz vor dem Glockenton eine Lampe anschaltet, wird der Hund bald auch schon beim Aufleuchten der Lampe anfangen zu speicheln. Denn die Lampe kündigt die Glocke an, die wiederum das Futter ankündigt. Solche Verkettungen führen leider auch dazu, dass Ängste dazu neigen, immer weiter um sich zu greifen: Der Hund fürchtet sich erst nur vor Autos, dann auch vor der Straße, auf der Autos fahren, dann vor dem Gang durchs Treppenhaus, der auf die Straße zu den Autos führt, und schließlich sogar vorm Anleinen, das immer vor dem Gang ins Treppenhaus erfolgt.
Zu einem solchen »um sich greifen« von konditionierten emotionalen Reaktionen gerade auch im Angstbereich trägt auch eine eher ungewöhnliche Art der klassischen Konditionierung bei, die ohne unkonditionierten (unbedingten) Reiz auskommt. Eine Variante nennt man Konditionierung zweiter (oder höherer) Ordnung. Dabei erhält ein neutraler Reiz eine Bedeutung, indem er ausschließlich mit einem konditionierten Reiz (bedingten Reiz) verknüpft wird. Man würde also z. B. zuerst wie gehabt die Glocke mit dem Futter verknüpfen. Danach verknüpft man einige Male einen neutralen Reiz (Pawlow nahm ein schwarzes Quadrat) mit dem Glockenton, ohne dem Ganzen jedoch Futter folgen zu lassen. Danach löst auch der Anblick des schwarzen Quadrats Speichelfluss aus (konditionierte Reaktion), obwohl es nie selbst mit dem Futter (unbedingter Reiz) in Verbindung stand.
Die andere Variante heißt sensorische Präkonditionierung. Hierbei ist der Lernprozess umgekehrt: zuerst wird z. B. das schwarze Quadrat mit dem Glockenton verknüpft. Erst danach erfolgt die Konditionierung Glockenton – Futter. Nun wird der Hund ebenfalls mit Speichelfluss auf das schwarze Quadrat reagieren, da dieses in etwa dasselbe für ihn bedeutet wie der Glockenton. Allerdings ist bei beiden Varianten die konditionierte Reaktion schwächer, als wenn das Quadrat direkt mit Futter verknüpft worden wäre.
Indy kommt mit der Nase an einen Elektrozaun, der eine Kuhweide einfasst. Bald zeigt sich, dass sie vor dem Ort Angst hat. Außerdem hat sie Angst vor Kühen, obwohl gar keine Kühe auf der Weide waren, als der »Unfall« passierte. Jedoch hatte sie an dieser Stelle ein paar Tage zuvor Kühe gesehen und sie fasziniert beobachtet. Es dauert Monate, bis sie wieder relativ entspannt an Kühen bzw. an der betreffenden Weide vorbeigeht.
Bietet man beim Konditionieren von Anfang zwei oder mehr verschiedene Reize gleichzeitig an (z. B. Glockenton plus Lichtblitz), kann es zu so genannten Reizkombinationen oder zu Überschattungen der Reize kommen. Bei der Reizkombination würde der Hund nach erfolgter Konditionierung weder auf das Licht noch auf die Glocke allein reagieren, sondern nur, wenn beide Reize zusammen auftreten. Bei der Überschattung sucht der Hund sich sozusagen einen der Reize heraus, der für ihn offensichtlicher ist als der andere, und blendet den anderen vollkommen aus, sodass darauf keine Konditionierung erfolgt. Man würde dann z. B. feststellen, dass der Hund zwar auf den Glockenton allein, nicht aber auf die Lampe allein mit Speicheln reagiert.
Sozusagen einen Spezialfall der Überschattung stellt das so genannte Blocking dar. Der Effekt wurde entdeckt, als man zu Versuchszwecken ebenfalls bei der Konditionierung zwei Reize – z. B. Glocke und Licht – gleichzeitig anbot, von denen aber einer (Glocke) schon zuvor als konditionierter Reiz (CS) etabliert worden war. Unter diesen Umständen wird der neue Reiz (Licht) der Kombination ebenfalls gar nicht erst verknüpft, sondern durch den bereits konditionierten »Partner« (Glocke) blockiert. So stellte man fest, dass neutrale Reize nur dann als konditionierte Reize verknüpft werden, wenn der darauf folgende unkonditionierte Reiz (Futter) sozusagen »überraschend« kommt. Da im Versuch das Tier schon durch den Glockenton wusste, dass Futter kommt, enthielt der Lichtreiz keine neuen Informationen mehr und wurde als unbedeutend ausgeblendet. Im Hundetraining begegnet uns das Blocking z. B. bei der Konditionierung eines Markersignals (siehe hier). Hat der Hund bereits verknüpft, dass der Reiz »mein Mensch greift in die Leckerchentasche« Futter ankündigt, lernt er die Bedeutung des neuen Click-Geräusches nicht, wenn gleichzeitig mit dem Clicken der Griff zur Tasche geht.
Operante Konditionierung (oder instrumentelle Konditionierung) ist eigentlich nur der wissenschaftliche Ausdruck für Lernen durch Versuch und Irrtum oder treffender ausgedrückt: durch Versuch und Erfolg. Dieses Lernen durch Ausprobieren ist die wohl wichtigste Lernart aller höheren Tiere und erklärt z. B., wie ein Hund lernt, eine Tür aufzumachen, bei Tisch zu betteln oder bei Fuß zu gehen. Menschen lernen durch operante Konditionierung (außerdem aber natürlich gleichzeitig durch Einsicht und/oder Nachahmung) einen Lift per Knopfdruck ins Erdgeschoss zu holen, ein Spiegelei zuzubereiten, eine Fremdsprache zu sprechen, Tennis zu spielen usw.
Die operante Konditionierung ist schon vor Jahrzehnten wissenschaftlich erforscht worden. Der Amerikaner E.L. Thorndike (1874-1949) steckte zu diesem Zweck hungrige Katzen in eine Box mit einem relativ komplizierten Verschluss, den die Katzen aber mit den Pfoten aufmachen konnten. Vor die Box stellte er eine Schüssel Futter, damit die Katze motiviert war, einen Ausweg aus der Box zu suchen. Thorndike stellte fest, dass die Katzen anfangs nur in der Box umherliefen und alles untersuchten. Irgendwann betätigten sie dabei ganz zufällig und offenbar unbewusst den Verschluss und entkamen aus der Box. Bei Wiederholungen des Versuchs fanden die Katzen dann immer schneller die richtige Lösung, bis sie sich schließlich regelmäßig mit wenigen gezielten »Handgriffen« befreien konnten. Sie hatten durch Ausprobieren gelernt.
