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Die Mehrheit der Führungskräfte sind heutzutage immer noch Männer. Viele von ihnen haben lange dafür gearbeitet, in die Position zu kommen, in der sie nun sind. Und dennoch schleicht sich bei einigen auch Unzufriedenheit mit ihrem Job ein. So stellt sich für immer mehr Führungskräfte die Frage, die Spur zu wechseln und in einer sinnvollen Selbständigkeit ihre Aufgabe und Erfüllung zu finden. Das ist das Thema von Bernhard Fangers Buch. Er beschreibt, wie er selbst als Topmanager seinen Weg fand, und erklärt, was die Hürden und Stolpersteine in diesem Prozess sind. In einfachen Schritten zeigt er, wie man sein Herzensthema findet und warum es nicht zwingend notwendig ist, sofort ins kalte Wasser zu springen. Schließlich gibt es viele Wege, ans Ziel zu gelangen. Wie unterschiedlich diese sein können, beschreiben die vielen von Fanger befragten Spurwechsler aus dem mittleren und Topmanagement. So ist etwa ein ehemaliger Marketing Direktor heute Inhaber eines Herstellers von hochwertigem Convenience-Food, ein früherer Finanzvorstand eines britischen Bankhauses nun Meditationslehrer und ein tschechischer Telekommunikationsmanager betreibt zusätzlich zu seinem Job ein Boutique-Hotel in der südmährischen Weingegend. Gemeinsam mit dem Autor ermuntern sie den Leser zu einem Neuanfang - ein Schritt, der ihnen deutlich mehr Lebenssinn und Zufriedenheit gebracht hat. Und auch wenn nur fünf bis zehn Prozent aller Manager diesen Befreiungsschlag wagen, sollte jeder, der mit einem solchen Gedanken spielt, sich mit seinen Zielen und Möglichkeiten auseinandersetzen und sich nicht zum Opfer der Umstände machen. Egal, ob er darüber "nur" seine grundsätzliche Einstellung ändert, aber weiter im Unternehmen bleibt. Oder eben komplett die Spur wechselt. Bernhard Fangers Buch macht Mut, eine Entscheidung in die eine oder andere Richtung zu treffen. Er weiß auch, welchen Ängsten sich Manager gegenübersehen. Da ist nicht nur der Angst vor finanziellen Einbußen, sondern auch vor Statusverlust und Perspektivlosigkeit. Fanger kennt all die Fragen, die dann aufkommen, wie: Was tun ohne das Sicherheitsnetz, die Struktur und das Ansehen des Unternehmens? Was sagen Freunde und Familie? Kann ich in meinem Alter noch etwas Neues wagen? Wo und wie finde ich Unterstützung? Auf all diese Fragen geht er offen, ehrlich und einfühlsam ein, um potenziellen Spurwechslern Orientierung zu geben und einen guten Start zu ermöglichen.
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Seitenzahl: 293
Veröffentlichungsjahr: 2021
Alle Bücher von WILEY-VCH werden sorgfältig erarbeitet. Dennoch übernehmen Autoren, Herausgeber und Verlag in keinem Fall, einschließlich des vorliegenden Werkes, für die Richtigkeit von Angaben, Hinweisen und Ratschlägen sowie für eventuelle Druckfehler irgendeine Haftung
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Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.
Print ISBN: 978-3-527-51052-8ePub ISBN: 978-3-527-83468-6Illustrationen Yara FangerUmschlaggestaltung Torge Stoffers, LeipzigBildrechte:stock.adobe.com
Cover
Titelblatt
Impressum
1 »Edeka«
Teil I: AUF DER STANDSPUR
2 Krise = Chance
Anmerkungen
3 Mann, Oh Mann
A man's world
Wenn die Maske fällt
Gefangen ohne Gitter
Das Schweigen der Männer
Anmerkungen
4 Berufsglück gibt's nicht auf Rezept
Einzigartigkeit
Selbsterkenntnis
Teil II: DIE BREMSE LÖSEN
5 Spielbrett für Spurwechsler
6 Arschtritte ins Abenteuer
Auslöser für einen Spurwechsel
Privates Umfeld
Berufliches Umfeld
Die 4 Phasen einer Konzernkarriere
Leben im falschen Film
7 »Die meisten suchen nach etwas, was sie wirklich zufrieden macht!« – ein Karriereberater erzählt
Drei Antreiber für erfülltes Arbeiten
Hinweis
8 Vorangehende Mutmacher – »Den Absprung schaffen«
»Je länger Du bleibst, umso mehr zieht es Dich runter« – Alex Edwards
»Die Welt hat mehr zu bieten als am Schreibtisch zu sitzen« – Kari Honkaniemi
Anmerkungen
9 Die größten Bremsklötze
Wer, wenn nicht wir? Wann, wenn nicht jetzt?
»Dafür bin ich einfach zu alt«
Glaubenssätze – die unsichtbare Bremse
Angst vor einem Scheitern
Angst vor dem »Nicht-mehr-dazugehören«
Angst vor Statusverlust
Das liebe Geld
Anmerkungen
10 Wann ist ein Mann ein Mann?
Männer ohne Väter
Sei (k)ein Mann
Anmerkungen
11 Vorsicht, Falle!
Prokrastination und Perfektionismus
(Zu) Frühes Feedback
Wissens- und Kenntnislücken
Abweichungen von Eigen- und Fremdbild
Ziele – zu hoch, zu niedrig, genau richtig
12 Wo ist die Idee zu meinem Herzensprojekt?
Analysemethoden – die linke Hirnhälfte nutzen
Kreativität ermöglichen – mit der rechten Hirnhälfte
Anmerkungen
13 Vorangehende Mut-Macher – »Alles anders«
»Die ersten fünf Jahre waren hart« – Arno de Jong, Mountain Guide
»Ich versuche, Arschlöchern aus dem Weg zu gehen« – Werner Aigner, Holzbildhauer
Anmerkungen
14 Was schafft Zufriedenheit im Job?
Acht Faktoren der Arbeitszufriedenheit
Anmerkungen
15 Die Sache mit dem Sinn
Das Ikigai-Modell: Mehr Sinn im Leben finden 1
Anwendungsbereiche des Ikigai-Modells
In Search of Purpose
»Folge deiner Leidenschaft« – stimmt das immer?
Anmerkungen
16 Vorangehende Mut-Macher – »Business mit Sinn«
»Geschafft: Radiowecker entsorgt« – Thomas Grünschläger, Gründer des »Anderen Burnout Cafés«
»This is not a business, it is a life project« – Patrick Kim, Brückenbauer
Anmerkungen
17 JA! zur Sinnlichkeit
18 Vorangehende Mut-Macher – »Mit allen Sinnen«
»Wenn ich früher aus der U-Bahn Richtung Arbeit ging, hatte ich oft einen Knoten im Bauch« – Robert Weiss, Kaffeeröster
»Ich hätte es aus eigenem Antrieb nicht gemacht« – Klaus Spiegel, Veranstalter von Tangoreisen
Anmerkungen
Teil III: GAS GEBEN
19 Die richtige Strategie
Timing – »All in« oder »erst mal Testen«?
Parallel-Betrieb statt Umsteigen
20 Vorangehende Mutmacher – »Im Parallel-Betrieb«
»Ich gehe keine unternehmerischen Risiken ein” – Markus Lindner, Weinhändler im Nebenjob
»Es sieht wie Zufall aus, aber vielleicht hatte ich es schon immer in meinem Kopf und Herzen!” – Petr Štajner, Boutique-Hotelier
Anmerkungen
21 Ein geiler Plan – Business-Pläne mal ganz anders
Mythen über Business-Pläne
Mehr als Zahlen – ein paar Ideen zum Business-Plan
»Was würde Martin sagen?”
22 »Helfen Sie mir nicht, alleine ist es schwer genug!«
Das soziale Netz
Verbände und Institutionen
Coaching und Mentoring
Förderung
Finde Deinen Stamm
Der größte Unterstützer
Auch ein Helfer gewinnt
Anmerkungen
23 Die große Pause
»Disconnect to Re-connect”
In Bewegung kommen
Auszeit? Welche Auszeit?
Ziele und Resultate
Anmerkungen
24 Vorangehende Mut-Macher – »Nimm dir die Zeit, die Du brauchst«
»Du musst erst mal den Konzern aus den Kleidern schütteln” – Lars Schepp, Erfinder des »Restaurants im Glas”
»Ich brauchte erst mal Zeit für mich” – João Perre Viana, Wander-Mentor
Anmerkungen
Teil IV: DIE SPUR WECHSELN
25 Alles so schön bunt hier – Über das Entscheiden
Reden ist Gold!
Kein 100% richtig, kein 100% falsch
Was brauche ich selbst
Richtung vor Geschwindigkeit
Kopf oder Bauch – wer hat recht
Fragen und Unterstützung suchen
Anmerkungen
26 Verantwortung übernehmen statt Schwanz einziehen
Verantwortung übernehmen – erstmal nur für Dich!
Selbst- und Zeitmanagement
Ausgeglichen auf sechs Beinen stehen
Dein persönliches Stressbarometer
Das Energiekonto
Anmerkungen
27 Deine ganz persönliche Heldenreise … startet hier
Die Phasen der Heldenreise
Was hat das mit Dir zu tun?
Anmerkungen
28 Vorangehende Mutmacher – »Auf Heldenreise«
»Ich habe das alles nur für mich gemacht” – Stephan Meurisch, Weitwanderer
»Der Kreis schließt sich” – Peter Weiss, Reisender in Sachen Menschlichkeit
Anmerkungen
29 Sichtbarkeit aufbauen!
Paradigmenwechsel
»Deutsche sind viel zu vorsichtig” findet Verkaufsexpertin Dr. Renée Moore
Wenn es plötzlich »Bang!” macht – über exponentielles Wachstum
Social Proof oder wie man Glaubwürdigkeit erzeugt
»Positionierung ist der Schlüssel”
Vorsicht vor großen Versprechen
Anmerkungen
Teil V: IN DER NEUEN SPUR
30 Auf Kurs bleiben
31 Vorangehende Mut-Macher – In der Spur bleiben
»Ich lasse mich nie von Gästen einladen” – Jörg Hertzner, Hotelier in der Sonne
»Ich wollte immer etwas Eigenes machen” – Matthias Thieme, Bier-Aficionado
Anmerkungen
32 Stärke ist Schwäche – Schwäche ist Stärke
Hinweis
33 Vorangehende Mut-Macher – Auf der Reise nach innen
»Ich mache nichts halbherzig” – Balbinder Dobe, Mediationslehrer
»I had to be broken” – Guy Bullen, Mentor
Anmerkungen
34 Was zeichnet Spurwechsler aus?
Teil VI: SPECIAL FÜR UNTERNEHMEN & UNTERNEHMER
35 Zur artgerechten Haltung von Spurwechslern
Der wertvolle Narr
Mehr Engagement, bitte!
Untätigkeit kostet
Weshalb Change-Programme scheitern
Ken-Wilber-Matrix
Das richtige Management-Team zusammenstellen
Diversity
Ein einziger Mitarbeiter kann den Unterschied machen
Anmerkungen
36 Vorangehende Mut-Macher – »Freie Radikale«
»Gut, dass alles so gekommen ist” – Johann Hofmann, Industrie-4.0-Experte
Hinweis
Teil VII: BEVOR DU DIESES BUCH WEGLEGST
37 »Es gibt nichts Gutes, außer …«
Klein starten
Planung – vom großen Ganzen zum Detail
Deine Zeit ist »Jetzt« – es gibt keine andere
Ein Wunsch zum Schluss
Hinweis
Danksagung
Der Autor
Quellenverzeichnis / Referenzen
Literatur
Webseiten
End User License Agreement
Chapter 2
Abb. 2.1: Pot enzial ausgeschöpft?
Chapter 3
Abb. 3.1: Vier grundlegende Gefühle
Chapter 4
Abb. 4.1: Mindmap »Was motiviert mich?«
Chapter 5
Abb. 5.1: Spielbrett für Spurwechsler
Chapter 6
Abb. 6.1: Glückskurve nach Blanchflower / Oswald, 2017 (schematisiert)
Chapter 7
Abb. 7.1: Wie deckt mein berufliches Umfeld meine Werte ab?
Chapter 9
Abb. 9.1: Gründungs-Erfolg in Abhängigkeit zum Gründeralter
Abb. 9.2: Ausgabenübersicht
Chapter 11
Abb. 11.1: Dunning-Kruger-Effekt und Impostor-Syndrom
Abb. 11.2: 45 Grad ist der optimale Abwurfwinkel
Chapter 12
Abb. 12.1: Theory U im Überblick
Chapter 14
Abb. 14.1: Vorlage Job-Rad leer
Abb. 14.2: Beispiel für ein ausgefülltes Job-Rad
Chapter 15
Abb. 15.1: Das IKIGAI-Modell
Abb. 15.2: The Golden Circle, Simon Sinek 2015
Chapter 22
Abb. 22.1: Unterstützer finden
Chapter 23
Abb. 23.1: Gehen befördert die Kreativität. Gezeigt wird dies in der Abbildu...
Chapter 25
Abb. 25.1: Richtung vor Geschwindigkeit
Chapter 26
Abb. 26.1: Tabelle für Lebenspizza
Abb. 26.2: Lebenspizza graphisch
Abb. 26.3: Käfermodell nach Dr. Miriam Preiss
Abb. 26.4: Das Stressbarometer © Bernhard Fanger
Abb. 26.5: Energie am Beispiel »Füllstand der Wasserkaraffe«
Abb. 26.6: Hier kannst Du Deine Werte eintragen
Abb. 26.7: Beispiel für ein ausgefülltes Energiekonto
Chapter 29
Abb. 29.1: Exponentielles Wachstum spürt man längere Zeit nicht
Chapter 32
Abb. 32.1: Schwächen sind übertriebene Stärken
Chapter 34
Abb. 34.1: Zufriedenheit steigt immer, Einkommen eher nicht
Abb. 34.2: Gemeinsamkeiten der Spurwechsler
Chapter 35
Abb. 35.1: Kosten einer typischen »Burnout Karriere«, für einen Mittelmanage...
Abb. 35.2: AQAL-Matrix von Ken Wilber
Abb. 35.3: Typischer Verlauf eines Change-Prozesses
Abb. 35.4: Ein nachhaltiger Change-Prozesses
Abb. 35.5: Diversity zahlt sich aus
Chapter 37
Abb. 37.1: Vom Großen zum Kleinen – wie man Ziele herunterbricht
Abb. 37.2: Deine Zeit ist JETZT
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Inhaltsverzeichnis
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Ich bin sauer. Verbittert. Frustriert und machtlos. Und ziemlich überflüssig.
So fühle ich mich während der letzten Tage meines Arbeitsverhältnisses bei einem internationalem Telekommunikationsunternehmen. Gekündigt nach über einem Jahrzehnt im Unternehmen per Aufhebungsvertrag. Nach Tausenden von unbezahlten Überstunden und einem Burnout ersetzt, noch während der Krankschreibung. Gewinner vor dem Arbeitsgericht, geschätzt von Kollegen, Lieferanten und Geschäftspartnern – und dennoch ein Loser. Zumindest fühle ich mich so.
»Edeka« hat das mal ein Kollege von mir genannt und meinte mit dieser Formel das »Ende der Karriere«. Ja, so empfinde ich das und kann noch nicht sehen, dass es auch ein Anfang von etwas anderem, etwas Neuem, etwas Besserem sein kann.
Ich werde zu einem Verwaltungsvorgang, zu einer Nummer. Fülle Formulare aus, gebe Autoschlüssel und Firmenausweis ab. Plötzlich sind Vorgesetzte nicht mehr zu sprechen, stattdessen erhalte ich Schreiben von Anwälten, die sich noch nicht einmal in den Fall eingearbeitet haben. Kein nächster Karriereschritt. Keine Abschiedsfeier. Keine Notiz im Intranet. Auf meine Frage, weshalb er mir aus dem Weg gehe, antwortet der Vorgesetzte meines Chefs etwas hilflos mit: »Ich dachte, das Thema wäre schon kommerziell gelöst.« Ich bin also ein »Thema«, das »gelöst« werden soll. Ich bin also kein Mensch mehr, viel eher ein Störfaktor.
Gleichzeitig spüre ich eine große Euphorie: Ich bin frei und mit einem finanziellen Polster ausgestattet. Ich muss keine taktischen Rücksichten mehr nehmen und bekomme Zuspruch von vielen Mitarbeitern, die mich als Chef und Kollegen schätzen. Doch: What's next? Von meiner beruflichen Neuausrichtung habe ich nur eine diffuse Vorstellung: Consulting, Training, Burnout-Prävention, Executive Coaching, Auszeit für Führungskräfte – das und noch viel mehr schwirrt mir durch den Kopf. Irgendwie alles und für jeden und am besten sofort! Gleichzeitig habe ich wenig Ahnung, wie ich das umsetzen werde nach Jahrzehnten im Angestelltendasein, trotz viel Erfahrung und Führungspositionen im In- und Ausland.
Dazu kommen immer wieder Zweifel, Ängste und auch Alpträume. Mit über 50 Jahren noch mal neu anfangen? Ich verstehe immer mehr, dass ein solcher Abschied aus einem Unternehmen – auch wenn es eine teilweise durchaus toxische Umgebung war – eine tiefe Kränkung darstellt. Und ich kann auf keine positiven Vorbilder zurückgreifen, die eine solche Situation für sich genutzt und ihre Verunsicherung und ihre Zweifel überwunden haben. Ich fühle mich sehr allein und suche mentale Unterstützung. Immer wieder lerne ich über Kollegen, durch Freunde meiner Frau, im eigenen Freundeskreis und per Internet Menschen kennen, die einen Neustart in der Lebensmitte gewagt haben. Einige wurden – wie ich – dazu gezwungen, andere planten diesen Schritt schon lange und bei wieder anderen war es schlicht eine günstige Gelegenheit, die sie beim Schopf ergriffen.
Gerade die ehemaligen Manager und Führungskräfte, die aus relativ gesicherten und angesehenen Positionen kamen, interessieren mich. Ich komme mit ersten ins Gespräch und sie alle erzählen mir, dass ihr Wunsch, sich zu verändern, fast nie spontan in ihr Leben trat, sondern meist schon lange Zeit in ihnen wuchs. Bis durch einen Rausschmiss oder eine andere Chance der entscheidende Moment da war und sie sich für eine Weiterentwicklung Richtung Selbstständigkeit entschieden.
Das Thema fasziniert mich so sehr, dass ich überlege, ein Buch dazu zu schreiben. Für dieses beginne ich »Spurwechsler«, wie ich sie bald nenne, zu interviewen. Diejenigen, die aus meinem bisherigen Umfeld kommen, lerne ich dabei noch einmal ganz neu kennen. Als sehr sympathische Menschen, denen Geld und Statussymbole mit der Zeit nicht mehr so wichtig waren. Ihre Position im Unternehmen und das damit verbundene Ansehen tauschten sie gegen innere und äußere Freiheit und eine deutlich höhere Lebensqualität. Und auch wenn sie sich immer wieder kleinen und großen Herausforderungen gegenübersehen, sind sie alle glücklicher als zuvor in der Corporate World. Etwa Lars Schepp, ein ehemaliger Marketing Direktor eines internationalen Konzerns. Er vertreibt heute gesundes Convenience-Essen. Bal Dobe, früher Finanzvorstand eines britischen Bankhauses, ist heute Meditationslehrer und Petr Štajner, ein bekannter tschechischer Telekommunikationsmanager, führt neben seinem Job ein Boutiquehotel in der südmährischen Weingegend. Alex Edwards, der ehemalige COO einer innovativen Internetplattform, hat sein Glück in Neuseeland gefunden. Er bietet dort Touren mit Pferden für Besucher und Touristen an. Und Werner Aigner, vorher zwei Jahrzehnte lang im Textil-Einzelhandel aktiv, arbeitet heute als Holzbildhauer.
Insgesamt habe ich über 20 Spurwechsler interviewt und mich dabei ganz bewusst auf Männer fokussiert. Denn während viele Frauen ab etwa 40 Jahren noch mal richtig Gas geben und neu durchstarten, weil ihnen die mittlerweile fast erwachsenen Kinder neue Freiheiten gewähren, resignieren Männer oft und gehen in die innere Emigration. Sie bleiben in der Rolle des Versorgers und teilweise auch des Opfers stecken. Oftmals fehlt ihnen der Mut, in der Lebensmitte etwas Neues zu wagen und altbekanntes Terrain zu verlassen. Sie fürchten bei einem Neustart insbesondere, ihren Status zu verlieren und sozial abzusteigen. Sind sich unsicher, ob ihre Partnerin und die Familie ihre Entscheidung mittragen würde. Gleichzeitig blockieren sie finanzielle Verpflichtungen. Etwa abzuzahlende Hypotheken für das Haus oder die zusätzlichen Kosten für die Ausbildung der Kinder. Der selbstgeschaffene goldene Käfig.
Es gibt viele Programme und Netzwerke speziell für Frauen. Das ist gut und richtig. Immer noch sind Frauen in Führungspositionen und auch in technischen (MINT-)Bereichen deutlich unterrepräsentiert. Aber sie holen auf, sie vernetzen und unterstützen sich gegenseitig, während Männer oft als einzelkämpferische Alpha-Tiere unterwegs sind. Von außen betrachtet sicher und entscheidungsstark, innerlich aber oftmals verzweifelt und erstarrt. Eingeschnürt in ein Korsett aus Verpflichtungen und gefühlten Verantwortungen, haben sie nicht gelernt, Hilfe zu suchen oder anzunehmen. Läuft es dann einmal nicht mehr ganz rund, weil die Karriere ins Stocken gerät oder familiäre Probleme auftauchen, ist es oft nur ein kleiner Schritt, der zu einem Absturz oder einer Erkrankung führt.
Viele sind auch unzufrieden mit ihrem Job und durch den sich permanent erhöhenden Anforderungsdruck Burnout-gefährdet. Denn das Rad dreht sich immer schneller. Wir stehen erst am Anfang der vierten industriellen Revolution: Gekennzeichnet durch Digitalisierung, Automatisierung und künstliche Intelligenz, nimmt ein immer agiler und globaler werdender Wettbewerb gerade erst richtig Fahrt auf. Die Folgen sind zunehmende Verunsicherung und die Angst um den eigenen Arbeitsplatz, wenn Produktionsstätten in Billiglohnländer und neue Absatzmärkte verlagert werden, es zu Verschlankung und zu Stellenabbau kommt. Viele bislang sehr erfolgreiche Player werden gezwungen, sich komplett neu zu erfinden. Daher stellt sich für viele Führungskräfte drängender denn je die Frage nach einer Alternative: Würde nicht ein Wechsel in die Selbständigkeit mehr Sinn und Erfüllung bieten?
Nach meiner Erfahrung sind es eher Ausnahmen, vielleicht fünf bis zehn Prozent aller Manager, die irgendwann diesen Weg einschlagen. Dennoch sollte jede Führungskraft, ob in Umbruch-Situationen oder nicht, sich mit ihren Zielen und Möglichkeiten auseinandersetzen und sich nicht zum Opfer der Umstände machen. Selbst, wenn sie darüber »nur« ihre grundsätzlichen Haltungen und Werte hinterfragt und gegebenenfalls ändert, aber weiter im Unternehmen bleibt. Dann aber noch mehr aus der Überzeugung heraus, derzeit dort am richtigen Platz zu sein. Auch dafür gibt es einige Beispiele in den folgenden Kapiteln.
Grundsätzlich möchte ich mit diesem Buch jeden unterstützen, der sein derzeitiges Leben auf den Prüfstand stellen möchte und überlegt, ihm eine neue Richtung zu geben. Ein sehr persönlicher Prozess, deswegen auch die Du-Anrede in diesem Buch. Das heißt, auch wenn Du sozusagen als Amateur beginnst, der bestimmt nicht alles im Griff hat, und es Mut braucht, die vertraute Corporate Culture hinter sich zu lassen, lautet mein Appell: Trau dich! Nutze die Anregungen dieses Buchs, dich inspirieren zu lassen und frisch zu denken. Nutze die Hilfen, die praktischen Tipps und Erfahrungen anderer. Lass dich von ihren Geschichten begeistern und prüfe, ob du ein »Spurwechsler-Gen« in dir trägst und es ausbauen möchtest. Finde heraus, was Du alternativ machen und mit welcher Strategie Du am besten ins Abenteuer »Spurwechsel« starten kannst. In diesem Buch findest Du nicht nur Mut-Macher, sondern auch Inspirationen und Tools für diesen Schritt, bei dem ich aus verschiedenen Perspektiven auf das Thema blicke.
Die Tipps und Beispiele sollen dich unterstützen, deinen eigenen Weg zu finden. Welcher das sein wird, welcher zu dir und deinem Leben passt, entscheidest Du! Es gibt keinen Königsweg und kein allgemein gültiges Rezept für diesen Prozess. Demzufolge sind alle Übungen, alle Konzepte, Beispiele und Lebensgeschichten nur Anregungen. Auf jeden Fall kannst Du viel von anderen lernen und Dir dadurch einige Umwege und Kosten ersparen.
Wie der französische Schriftsteller und Maler Francis Picabia (1879-1953) so treffend formulierte: »Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.« Und es ist sehr bereichernd, genau dies zu tun und einmal über den Konzern-Tellerrand zu sehen! Ich möchte meine Unabhängigkeit gegen keine Unternehmens-Karriere der Welt mehr eintauschen. Denn sie bietet mir nicht nur viel Freiheit, sondern ich konnte damit auch mein Herzensthema »Bewegung, Kreativität und Natur« in meinen beruflichen Alltag integrieren. Das ist ein großes Geschenk, und die größte Motivation für mich sind die glücklichen Gesichter meiner Kunden, wenn ich sie nach einigen Monaten wieder treffe.
In diesem Sinne wünsche ich Dir Spaß beim Lesen und viel Inspiration für deine weitere berufliche Zukunft, vielleicht sogar als Spurwechsler.
Während meiner Arbeit an diesem Buch erfahren wir alle am Beispiel der Corona-Infektionswelle, was es bedeutet, in einer Krisensituation zu stecken. Wir fühlen uns ohnmächtig und ängstlich. Wir sind verunsichert durch die veränderte, nicht plan- und kontrollierbare Situation. Doch jede Krise stellt auch eine Chance dar: Sie bringt Neues hervor und zwingt uns, in Bewegung zu kommen. Dieses Potenzial und seine Möglichkeiten möchte ich anhand meiner Erfahrungen und der der über 20 Spurwechsler, die ich für dieses Buch in 2019 und 2020 interviewt habe, zeigen.
Ich kenne die Frustration, die gefühlte Sinnleere und die Zwänge, die in vielen Unternehmen herrschen. Nicht weil diese per se schlecht sind, sondern weil sich die Bedürfnisse der Mitarbeiter im Lauf der Zeit geändert haben. Oft fängt es an ernst zu werden, wenn eine oder beide Seiten das Gefühl hat: »Es passt nicht mehr so richtig.«
Bis es soweit kommt, muss viel geschehen. Und schließlich haben wir alle gutes Sitzfleisch, sprich eine gewisse Trägheit: »Better the devil you know«, drückte ein englischer Kollege mir gegenüber dieses Festhalten an der schon gewohnten Situation so treffend aus. Schließlich ist diese relativ sicher und meist gut bezahlt. Vielen angestellten Managern fehlt auch schlicht die Perspektive, etwas Neues, ganz anderes anzufangen. Und es gibt große Ängste, die wir oft nicht benennen können oder wollen. Angst vor Versagen und Statusverlust etwa.
Wenn Du schon länger diese Gefühle kennst, kannst Du Dir sicher sein: Du bist nicht allein! Die Gallup-Studie zum Mitarbeiterengagement bringt jedes Jahr fast identische Ergebnisse heraus.1 2019 waren nur 15% der deutschen Angestellten emotional engagiert für ihren Arbeitgeber, aber ebenso viele, 16%, aktiv un-engagiert. Das bedeutet im Klartext, dass sie zwar körperlich anwesend sind, aber geistig nicht. Sie lassen Kollegen ihre Unlust spüren, und arbeiten schon mal aktiv gegen die Interessen des Arbeitgebers. Und der große Rest mit 69%? Die machen eben ihren Job, »Dienst nach Vorschrift« könnte man es auch nennen. Das ist schon irgendwie okay, aber eben nur irgendwie. Wenn man sich in den Tiefen einer Bürokratie verkriechen kann, wenn Vorgesetzter oder Arbeitgeber nicht zu anspruchsvoll sind, und wenn man selbst sich von weiteren Berufszielen verabschiedet hat. Wenn es keine Leidenschaft für die beruflichen Aufgaben mehr gibt.
Allerdings gibt es drei Probleme für die »weniger Engagierten«:
Unternehmen und die Leistungen der Mitarbeiter werden immer transparenter. Wenn man transparenter wird und die Leistung immer mehr messbar, wird es immer schwerer, sich zu verstecken und in der Masse mitzuschwimmen.
Durch die zunehmende Digitalisierung und Automatisierung fallen einfache, sich wiederholende Aufgaben als Erstes weg. Dabei reden wir nicht nur von manuellen Tätigkeiten wie dem Sitzen an der Kaufhauskasse. Auch Menschen in akademischen Berufen, wie Juristen oder Ärzte, werden spüren, dass immer mehr ihres Tätigkeitsspektrums automatisiert wird. Was bleibt, ist der »menschliche Teil«, also Kommunikation, Empathie, Gefühle. Alles, was von einem nicht engagierten Mitarbeiter kaum zu erwarten ist.
Es macht Mitarbeitern auf Dauer wenig Spaß, sich immer nur wegzuducken. Im Gegenteil, es ist ein Rezept für verlorene Lebenszeit, wenig Lebensfreude und Nährboden für Frustration und Depression. So wundert es nicht, wenn psychische Krankheiten als Ursache für Arbeitsausfälle mittlerweile an zweiter Stelle in der Statistik stehen.
Andererseits sehen 45% der deutschen Arbeitnehmer »ihr Potenzial nicht ausgeschöpft«, wie es in einer Studie von Avantgarde Experts2 heißt. Also knapp die Hälfte der Mitarbeiter würde sich gerne mehr engagieren, was sie in ihrem Arbeitsumfeld aber nicht dürfen oder nicht können. Dazu passt auch, was die überwiegende Mehrzahl meiner Gesprächspartner sagt: Sie wollten nicht weniger Arbeit, sondern eine sinnvollere und erfüllendere Tätigkeit. Aufgaben und Ziele, für die es sich zu kämpfen lohnt. Anstrengungen und Risiken, die Spaß machen. Dagegen stehen Angst vor Veränderung und die eigene Trägheit und Bequemlichkeit.
Abb. 2.1: Pot enzial ausgeschöpft?
Quelle: Avantgarde Experts Studie 2019, Befragung von mehr als 1000 deutschen Angestellten.
Eine Krise – sei es persönlich, beruflich oder auch im Umfeld – hilft uns, unsere Trägheit zu durchbrechen. Sie ist für viele eine Initialzündung, für manche auch so etwas wie ein Brandbeschleuniger. Sie ist eine Chance auf etwas Neues, an das man sich ansonsten nicht herangetraut hätte, wäre alles in geordneten Bahnen weitergelaufen.
1
https://www.gallup.com/de/engagement-index-deutschland.aspx
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https://www.avantgarde-experts.de/de/magazin/quo-vadis-arbeiten-in-deutschland-2019/
»It's a man's man's man's world!«, singt der US-amerikanische Musiker James Brown 1966 zum ersten und beileibe nicht letzten Mal. In seiner Welt waren Männer stark, ideenreich, ergriffen Initiative und übernahmen die Führung: Eine Krise gab's nicht. Dafür klare Rollenverteilungen. Der Mann ging in die Arbeit, die Frau war überwiegend zu Hause. Natürlich gilt das nicht pauschal – in der DDR oder bei Selbständigen war es durchaus auch anders – aber in der Tendenz sehr wohl. Solange ein Mann brav sein Geld verdiente und damit für die Familie sorgte, war er »ein guter Mann«. Doch die Rollenbilder haben sich gewandelt, und die Anforderungen an den Mann sind damit nicht niedriger geworden. Heute soll er darüber hinaus empathisch sein, gut aussehen, sportlich sein, Humor haben, sich durchsetzen können und an der Hausarbeit und Erziehung der Kinder aktiv und ohne vorherige Aufforderung beteiligen.
Viel Platz für Schwäche, für Fehler ist da nicht. Viele Männer resignieren, haben keine Energie mehr für sich selbst und verfallen in Apathie und Selbstmitleid. Burnout oder Suchtverhalten sind dann die extremeren Folgen. Zumindest aber kommen Selbstzweifel: »Wann ist ein Mann ein Mann?« fragt der deutsche Liedermacher Herbert Grönemeyer und beschreibt diese Zerrissenheit nicht weniger selbstironisch. »Männer haben's schwer, nehmen's leicht / Außen hart und innen ganz weich / Werden als Kind schon auf Mann geeicht«. Der deutsche Mann hat es schwer, und er nimmt es auch gerne schwer.
Ganz anders bei den Frauen. Ihnen scheint es im mittleren Lebensalter, wenn die Kinder langsam das Haus verlassen, viel leichter zu fallen, richtig Gas zu geben und etwas Neues ausprobieren. Ich habe einige Seminare zum Thema berufliche Neuorientierung und Positionierung besucht – in allen waren Frauen überdurchschnittlich repräsentiert. Männer dagegen resignieren oft und bleiben, wie eben schon erwähnt, in der Rolle des Versorgers und Opfers haften.
Es fehlt ihnen der Mut, etwas Neues zu starten und altbekanntes Terrain zu verlassen, denn sie sind voller Ängste. Sie fürchten bei einem Neustart insbesondere:
Statusverlust und sozialen Abstieg:
Das ist ein Faktor, den alle spüren und sich nur wenige in diesem Ausmaß und Bedeutung eingestehen. Denn er widerspricht dem Selbstbild von Stärke und Unabhängigkeit. Unabhängigkeit von der Strahlkraft eines Unternehmens oder dem Status einer Position. Ganz viele Männer definieren sich aber über ihre Position im Unternehmen. Denn die Frage »Und was machst Du so?« muss unbedingt so beantwortet werden können, dass das Gegenüber ein Mindestmaß an Interesse und Respekt zeigt.
Finanzielle Verpflichtungen,
weil das Gehalt typischerweise die Hypotheken für das Haus und die Ausbildungskosten der Kinder zahlt. Im Durchschnitt gilt: Männer tragen in konventionellen Mann/Frau Haushalten, mit oder ohne Kinder, etwa zwei Drittel zum Budget bei. Gerade für Führungskräfte ist das ein noch deutlich stärkerer Faktor. In der Gehaltsregion über 5000 € monatliches Nettoeinkommen finden sich 3,2% der deutschen Männer, aber nur 0,4% der deutschen Frauen
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. Ich will hier nicht die vielfältigen Gründe dafür diskutieren, aber Realität ist, dass gerade in Familien von Gutverdienern der Lebensstandard in der Regel sehr stark vom Gehalt des Mannes abhängt.
Unsicherheit
über die Meinung oder das Urteil der Partnerin und der Familie: Wir Männer beziehen einen hohen Teil unseres Selbstwerts und Selbstvertrauens aus der beruflichen Tätigkeit. In der Regel wirst Du nach Deinem Beruf oder Deinem Arbeitgeber gefragt, bevor sich jemand nach Deinen Hobbys erkundigt. So ist auch oftmals unsere Rolle und unsere Anerkennung durch Partner und Familie über die berufliche Stellung definiert.
Selbstzweifel:
Wer sind wir, wenn wir nicht mehr arbeiten? Wer sind wir, wenn wir anders arbeiten? Wenn wir aus dem Rattenrennen aussteigen? Wenn wir zu denen gehören, die wir bisher vielleicht eher abfällig beurteilt haben? Wenn wir, statt ständig getrieben und beschäftigt zu sein, zur Ruhe kommen? Was übrigens, entgegen landläufiger Meinung, sehr unangenehm sein kann. Denn wir müssen uns dann mit uns selbst auseinandersetzen! Dazu später mehr.
Einsamkeit:
Es würde uns die berufliche Heimat fehlen, das Netzwerk und auch die Welt der Vielbeschäftigten und Vielflieger mit Sprüchen in der Flughafen-Lounge wie »Du auch hier?«, »Wohin geht's denn heute?«… Man wäre nicht mehr Teil des Spiels. Und würde, was ich aus eigener Erfahrung und den Erzählungen vieler Kollegen kenne, sogar die politischen Positionen, Kämpfe und Scheinkämpfe vermissen. Den Surrogaten für ein wirkliches Leben.
Statt durchsetzungsstark und agil, wird der »Tiger«, wenn er nach Hause kommt, oft zum Bettvorleger. Häusliche Pflichten, die Kinder und die Partnerin fordern Zeit und Zuwendung. Soziale Begegnungen werden zunehmend zu Verpflichtungen, die lustlos abgearbeitet werden.
Wenn es dann einmal nicht mehr ganz rundläuft, wenn die Karriere ins Stocken gerät oder wenn familiäre Probleme auftauchen, ist es oft nicht weit bis zum Absturz oder einer Erkrankung. Dazu sagte mir ein renommierter Münchner Arbeitsrechtler: »Über ein Drittel meiner Fälle laufen so: Burnout oder Erkrankung, dann Mobbing, zum Beispiel Versetzung auf eine minderwertige Position, Prozess vor dem Arbeitsgericht und schließlich Abfindung. Die Leute wissen meist gar nicht, wie ihnen geschieht. Sie haben Jahrzehnte immer nur geleistet und stehen plötzlich vor einem Scherbenhaufen. Die Enttäuschung ist dann riesig.«
Spätestens dann ist es eben keine »Man's world« mehr: Die »starke Führungskraft« wird ihrer Insignien wie Titel, Team, Assistentin, Firmenwagen und jährlichem Bonus beraubt und merkt, dass sich das Leben ohne dieses stützende Gerüst erst mal ziemlich scheiße anfühlen kann.
Gerade Männer mit hoher Wettbewerbs- und Statusmotivation haben vor diesem scheinbaren Gesichtsverlust eine Heidenangst. Nämlich sich so zu zeigen, wie sie sind. Vor der Außenwelt, aber auch vor sich selbst. Lange haben Sie gelernt, immer stark zu sein, nicht aufzugeben, Erfolge und materielle Güter anzuhäufen. Bekommt dieses Bild Risse, wachsen Ängste und Selbstzweifel, wird die glatte Oberfläche langsam aber zunehmend brüchig. Diese Zweifel und auch das eigene Nicht-Perfektsein anzunehmen, ist extrem schwierig. Vor allem, wenn man jahrzehntelang – so wie ich auch – eine Fassade aufrechterhielt und glaubte, Anerkennung über Leistung, Zielerreichung und »Gefallen-wollen« erhalten zu müssen.
Bei mir kam – wie bei den meisten Männern – erschwerend hinzu, dass ich es nicht gewohnt war, Hilfe von anderen zu erbitten oder gar einzufordern. Auch wenn ich mehrere hundert Mitarbeiter hatte und Budgets im neunstelligen Bereich: Mein Anspruch an mich war, es selber am besten zu wissen und zu können. Nicht aufzugeben und auch immer noch für andere in die Bresche zu springen, obwohl ich selbst Hilfe gebraucht hätte.
Dann wieder neu anzufangen, als Amateur sozusagen, der bestimmt nicht alles im Griff hat, erfordert Mut und ist für viele ein großes Hindernis für einen Neustart. Schließlich kennt man Sprüche wie: »Schuster bleib bei deinen Leisten.« Also lieber in der gut vertrauten Misere auszuhalten, als etwas Neues zu wagen.
Heute arbeite ich in meiner beruflichen Praxis vor allem mit Führungskräften und Managern jenseits der 40 zusammen. Sie kommen zu mir, weil sie sich in ihrem Angestelltendasein nicht mehr wohlfühlen. Dabei unterscheide ich drei größere Gruppen:
Sehr vielen hilft schon, in ihrer derzeitigen Rolle anders aufzutreten, sich besser zu positionieren und abzugrenzen. Sie sind im Großen und Ganzen zufrieden in ihrer Branche und in ihrem Unternehmen und brauchen nur kleine Veränderungen, die einen großen Einfluss auf ihre (Arbeits-)Zufriedenheit haben. Das ist völlig in Ordnung!
Bei manchen ist ein Wechsel im oder außerhalb des Unternehmens angezeigt. Sie sind die typische Klientel der Headhunter und Berufsberater. Nur allzu verständlich. Doch Vorsicht: Oft kommen die gleichen Probleme beim nächsten Arbeitgeber nach einigen Monaten wieder. Denn ich nehme mich immer selbst mit! Sehr gerne projizieren wir unsere eigenen Themen und Probleme auf das Außen, das Unternehmen, die Kollegen und Vorgesetzten: »Neuer Zirkus, gleicher Clown« könnte man flapsig sagen.
Die dritte Gruppe hat den Wunsch, sich auf ganz andere Art und Weise ihren Lebenstraum zu erfüllen. Sie suchen nach Ideen, Vorbildern, Rat und vor allem nach Ermutigung und qualifiziertem Feedback. Meine Interviewpartner fallen in diese Kategorie.
Ich hoffe, dass Dich dieses Buch ermutigen wird. Entweder, weil Du den nächsten beruflichen Schritt planst und vor dir hast, oder aber, weil du ab und zu mit dem Gedanken an eine Veränderung spielst. Weil du immer wieder davon träumst »mal was ganz anderes zu machen«, aber den Mut nicht aufbringst oder ganz einfach nicht weißt, wie und wo du starten könntest. Gerade für dich habe ich gute Nachrichten: Du kannst klein anfangen, du kannst dich ausprobieren, darfst auch Fehler machen. Du darfst durchaus radikal sein, musst es aber garantiert nicht! Jede Persönlichkeit und jeder Weg ist anders, deshalb gibt es auch keinen Bauplan, kein für alle gültiges Rezept. Allerdings gibt es Anregungen, Hilfen, Erfahrungen von anderen, die ich hier gerne weitergebe.
Denn dies ist auch ein Buch über mich. Zum einen, da ich auch in diese dritte Gruppe falle, zum anderen, da mir in meiner Coaching-Praxis immer wieder direkt oder indirekt ähnliche Menschen begegnen: Menschen, in der Regel Männer, die auf der Suche sind. Zweifelnd, zumindest teilweise unzufrieden, mit großen, oft etwas diffusen Sehnsüchten. Gefangen in einem Berufs- und Lebensalltag, der ihnen wenig Spielraum für Selbstverwirklichung einräumt.
Als ich mein erstes Studium beendete, war für meinen Vater klar, dass ich »zum Siemens« gehen würde. Ich hatte schon ein Praktikum dort absolviert und ein paar Kontakte. Für meinen Vater, einen selbstständigen, aber verschuldeten Handwerker und Kleinunternehmer, der täglich zu kämpfen hatte, muss die Aussicht auf eine Position in einem Weltkonzern extrem attraktiv gewesen sein. Siemens galt als Inbegriff für eine sichere, gutbezahlte Stellung mit Status und Aufstiegschancen. Der heilige Gral des deutschen Ingenieurs.
In jedem Land, in jeder Kultur, in jeder Familie und in jedem Einzelnen von uns ist eine Vielzahl von Glaubenssätzen und Einstellungen abgespeichert (mehr dazu auch in Kapitel 9
