So still die Toten - Mary Burton - E-Book

So still die Toten E-Book

Mary Burton

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Beschreibung

Nichts wird an dich erinnern ... Nur einen Haufen blank polierter Knochen - mehr lässt der Serienkiller nicht von seinen Opfern übrig. Detective Malcolm Kier hat den sadistischen Arzt Dr. James Dixon im Verdacht, der dank seiner Anwältin Angie Carlson jedoch bisher immer freigesprochen wurde. Aber dann gerät auch Angie ins Visier des Killers - und Kier steht mit seinen Ermittlungen wieder ganz am Anfang. Und immer mehr Knochen von jungen Frauen werden in Virginia gefunden ... "Bei diesem Thriller läuft es dem Leser eiskalt den Rücken hinunter!" Library Journal Weitere Romantic-Suspense-Titel von Mary Burton bei beTHRILLED: Die Alexandria-Reihe: Das Flüstern der Albträume. So still die Toten. Der Preis der Sünde. Die Richmond-Reihe: Mein Wille sei dein Wille. Niemand hört dich schreien. Die Texas-Reihe: Das siebte Opfer. Dunkles Leid. Niemals vergeben, niemals vergessen. eBooks von beTHRILLED - mörderisch gute Unterhaltung.

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Seitenzahl: 528

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Inhalt

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Weitere Titel der Autorin

Die Alexandria-Reihe

Band 1: Das Flüstern der Alpträume

Band 3: Der Preis der Sünde

Die Richmond-Reihe

Band 1: Mein Wille sei dein Wille

Band 2: Niemand hört dich schreien

Die Texas-Reihe

Band 1: Das siebte Opfer

Band 2: Dunkles Leid

Band 3: Niemals vergeben, niemals vergessen

Über dieses Buch

Nichts wird an dich erinnern …

Nur einen Haufen blank polierter Knochen – mehr lässt der Serienkiller nicht von seinen Opfern übrig. Detective Malcolm Kier hat den sadistischen Arzt Dr. James Dixon im Verdacht, der dank seiner Anwältin Angie Carlson jedoch bisher immer freigesprochen wurde. Aber dann gerät auch Angie ins Visier des Killers – und Kier steht mit seinen Ermittlungen wieder ganz am Anfang. Und immer mehr Knochen von jungen Frauen werden in Virginia gefunden …

Über die Autorin

Mary Burton ist im Süden der USA aufgewachsen und hat an der Universität von Virginia Englisch studiert. Nach einer Karriere im Bereich Marketing begann sie äußerst erfolgreich Thriller zu schreiben. Burton lebt und arbeitet in Virginia. Weitere Informationen über die Autorin finden Sie unter: www.maryburton.com.

MARY BURTON

So still die Toten

Aus dem amerikanischen Englisch von Karin Will

beTHRILLED

Digitale Neuausgabe

»be« – Das eBook-Imprint der Bastei Lübbe AG

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2011 by Mary Burton

Titel der amerikanischen Originalausgabe: »Merciless«

Originalverlag: Zebra Books als Teil der Kensington Publishing Corp., New York, NY, USA

Published by arrangement with Kensington Publishing Corp., New York, NY, USA.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover

Für diese Ausgabe:

Copyright © 2013/2019 by LYX/Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Claudia Schlottmann

Covergestaltung: Tanja Østlyngen unter Verwendung von Motiven von © Shutterstock: AlexanderTrou | ileana_bt

eBook-Erstellung: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-7325-7554-1

www.be-ebooks.de

www.lesejury.de

Prolog

Der faulige Geruch nach verwesendem Fleisch weckte die Frau aus dem Dämmerschlaf der Betäubungsmittel und brannte ihr in Nase und Lunge, als hätte jemand soeben eine Ammoniakampulle geöffnet.

Sie blinzelte, kämpfte sich ins Bewusstsein zurück und suchte in der pechschwarzen Finsternis nach irgendeinem Hinweis auf Ort oder Zeit. Aber da war nichts außer dem Gestank, der mit jedem Atemzug stärker wurde. Sie hustete und würgte. Ihr Magen zog sich zusammen, und sein Inhalt stieg ihr in die Kehle.

Sie hob eine zitternde Hand zum Mund und spürte bei der leichten Bewegung einen stechenden Schmerz in Muskeln und Rippen. Sie hielt inne und wagte aus Angst vor weiteren Schmerzen nicht mehr, sich zu bewegen. Doch die Übelkeit war stärker als alles andere und zwang sie schließlich, sich auf die Seite zu rollen. Tränen stiegen ihr in die Augen, als sie den Rand des Metalltischs umklammerte und sich erbrach, bis ihre Kehle brannte.

Als das Schlimmste überstanden war, drehte sie sich wieder auf den Rücken und atmete nur noch flach, während sie in die Dunkelheit starrte. Sie schloss die tränenden Augen und wischte sich mit den Fingerspitzen vorsichtig den Mund ab. Der Geruch hing immer noch in der Luft, aber die schlimmste Übelkeit war vorüber.

Nachdem sie dem Brechreiz nachgegeben hatte, blieb nur noch der Schmerz. Nur. Jeder Quadratzentimeter ihres Körpers brannte, pochte, pulsierte.

Furcht stieg in ihr auf, doch sie bezwang sie schnell. Jetzt war nicht der richtige Moment für einen Zusammenbruch.

Sie blinzelte. Ein Mal, zwei Mal. Doch die stinkende Finsternis wollte nicht weichen. Es konnte helllichter Tag sein oder Nacht, Winter oder Sommer. Unmöglich zu sagen.

Noch ein Mal versuchte sie, sich aufzurichten, doch alles in ihr schrie vor Schmerz, und sie sank wieder zurück.

Wo war sie? Was war geschehen? Sie musste hier raus.

Versuch, dich zu erinnern.

Während der letzten Wochen hatte sie das Gefühl gehabt, dass jemand sie beobachtete. Zunächst hatte sie geglaubt, es sei nur Einbildung. Doch sosehr sie das Gefühl auch zu verdrängen versuchte, jedes Mal, wenn sie ihre Wohnung verließ, zur Arbeit ging oder am Pilateskurs teilnahm, wurde es stärker. Sehr bald überlegte sie es sich zweimal, ehe sie das Haus verließ. Sie war nicht mehr ins Fitnessstudio gegangen und auch nicht in ihre Lieblingsklubs. Ihre Welt war auf den kurzen Weg zwischen ihrem Zuhause und ihrer Arbeitsstelle zusammengeschrumpft.

Und dann waren die Briefe gekommen. Ich liebe dich. Für immer vereint. Du bist immer in meinen Gedanken.

Die Botschaften waren eine Erleichterung gewesen. Bei der ersten hatte sie sogar lachen müssen. Natürlich! Ihr Ex war der Stalker. Sie hatten sich seit drei Wochen nicht gesehen, aber sie wusste, dass er der Spanner war. Er liebte dunkle, erotische Spiele. Er jagte ihr gern Angst ein, und es gefiel ihm, sie aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Nachdem sie wusste, dass er es war, der sie beobachtete, hatte sie engere Röcke und Pullis getragen, sich einen aufreizenden Gang angewöhnt und gehofft, dass ihn Eifersucht quälen würde. Sie hatte einen jüngeren Mann kennengelernt, und es hatte ihr Spaß gemacht, mit ihm herumzuknutschen, wissend, dass ihr Ex sich im Schatten herumdrückte.

Als sie das rote Samtkästchen mit dem Elfenbeinanhänger gefunden hatte, war ihr klar gewesen, dass sie gewonnen hatte. Sie hatte Macht über ihn, und bald würde er um Verzeihung betteln. Das hatte sie beflügelt. Männer waren simpel. Und schwach.

»Oh Gott«, flüsterte sie.

Es war tatsächlich jemand hinter ihr her gewesen. Hatte sie beobachtet und Pläne geschmiedet. Doch es war nicht ihr ehemaliger Liebhaber gewesen.

Trotz Schmerzen und Übelkeit kämpfte sie sich hoch. »Ich bin am Leben. Und das zählt.« Sie wiederholte die Worte wie ein Mantra.

Immer wieder blinzelte sie. Die Schwärze sollte weichen, Gestank und Schmerz sollten sich in Luft auflösen. Aber kein Licht ging auf magische Weise an. Das Atmen tat weh, und der Fluss ihrer Gedanken stockte wie dunkles Brackwasser.

Wo war sie zuletzt gewesen? Im Theater? In ihrer Wohnung? Im Klub?

Und dann fiel es ihr wieder ein. Sie war ins Duke Street Café gegangen, wo eine spontane Party stattgefunden hatte. Jemand hatte beschlossen, eine großzügige Spende an das Theater zu feiern. Durch die Zuwendung konnten die Gehälter weiterbezahlt und im Frühjahr eine größere, teurere Inszenierung auf die Beine gestellt werden.

Es war ein ausgelassenes, glanzvolles Fest gewesen, und sie hatte sich gut amüsiert. Der Champagner war in Strömen geflossen – am Ende hatte sie gar nicht mehr mitgezählt, wie oft der Ober ihr Glas nachgefüllt hatte. Ihr Ex war natürlich nicht gekommen. Auf öffentlichen Veranstaltungen traf er sich nie mit ihr. Aber ein anderer Exfreund von ihr hatte sie angegraben, und weil sie sich so gut gefühlt hatte, hatte sie zurückgeflirtet. Es war lustig gewesen, berauschend.

Wie nur war sie nach einer solch wundervollen Party in diese Horrorhöhle gelangt?

Sie rief sich den Ablauf des Abends ins Gedächtnis. Champagner. Musik. Gesang. Eine Kleinigkeit zu essen. Irgendein Typ, ein Kumpel ihres Exfreunds, hatte ihr Kokain angeboten, aber sie hatte abgelehnt, weil sie wusste, dass sie dann die ganze Nacht aufgedreht sein würde. Sie hätte beim Fototermin am nächsten Morgen zu verquollen ausgesehen.

Hatten der Schauspieler und sein Freund ihr doch etwas untergejubelt?

Die Gedanken in ihrem Kopf verschwammen. Es gelang ihr nicht, die Erinnerungsfetzen beiseitezuschieben, um an die entscheidenden Details heranzukommen. Sie hatte nur die Party und danach dieses dunkle, feuchte Loch, in dem es nach Tod roch. Der Teil dazwischen fehlte.

Es spielte keine Rolle, wie sie hierhergelangt war. Wichtig war, dass sie wieder herauskam. Und wenn sie überhaupt in irgendetwas gut war, dann in Schadensbegrenzung.

Sosehr sie ihre Augen auch anstrengte, sie konnte nichts um sich herum erkennen. Es war still wie in einem Grab. Und dann hörte sie plötzlich, wie ein Wasserhahn aufgedreht wurde und Wasser plätscherte.

Sie drehte den Kopf. »Ist da jemand?«

Das Wasser gurgelte und blubberte, doch niemand antwortete.

Während die Angst ihr fast die Luft abschnürte, schob sie die Beine über den Rand des Metalltisches. Ihr war schwindlig, der Schmerz war kaum auszuhalten, und wieder revoltierte ihr Magen. Sie hielt inne und wartete, bis ihr Körper sich beruhigt hatte.

Vorsichtig setzte sie die Füße auf den kalten, nassen Steinboden. Unwillkürlich verkrampften sich ihre Zehen. Die schleimige Fläche, die an den Grund eines Sees erinnerte, ekelte sie.

Ihre Beine zitterten heftig, als sie aufstand und ihr Gewicht auf die Füße verlagerte. Jeder einzelne Muskel tat ihr weh. Ihr Kleid fühlte sich feucht an, aber sie hatte keine Ahnung, warum.

Das beruhigende Tröpfeln des Wassers blieb weiter ihre einzige Orientierungshilfe. Es klang, als wäre es irgendwo rechts von ihr. Zumindest hatte sie jetzt eine Richtung.

Wenn sie das Wasser gefunden hatte, würde sie überlegen, was als Nächstes zu tun war.

Sie tat einen zaghaften Schritt vom Tisch weg. Ihr Körper war schweißnass. Das Kleid klebte ihr an den Brüsten und schmiegte sich so eng an ihre Brustwarzen, dass sie sich nackt fühlte. Doch so gern sie ihre Blöße mit den Händen bedeckt hätte, sie brauchte ihre ausgestreckten Arme, um das Gleichgewicht zu halten.

Mit jedem Schritt wurde der Gestank schlimmer und der Drang, sich abzuwenden, stärker. Trotzdem bewegte sie sich langsam in Richtung des Wassers. Ohne Vorwarnung stieß ihr Knie gegen etwas, das eine riesige Metallwanne sein musste. Ein heftiger Schmerz durchzuckte ihr Bein. Sie keuchte auf, und beinahe hätte der üble Geruch sie überwältigt.

Instinktiv drehte sie sich von der Wanne weg. »Mist.«

Sie hatte nicht die Kraft, zum Tisch zurückzugehen, den inzwischen das undurchdringliche Dunkel verschluckt hatte.

Tränen stiegen ihr in die Augen und liefen ihr über die Wangen. Es wäre so leicht gewesen, aufzugeben. Doch sie war noch nie jemand gewesen, der schnell aufgab.

Mit dem gebieterischsten Ton, zu dem sie fähig war, sagte sie: »Ich will wissen, ob jemand hier ist.«

Die Schatten um sie herum schwiegen hartnäckig, ruhig und unbeeindruckt von der Strenge in ihrer Stimme. Die einzige Antwort auf ihre Worte war das stete, leise Tröpfeln in die Wanne.

»Ich dürfte gar nicht hier sein«, sagte sie. »Das ist ein schreckliches Missverständnis. Bei der Arbeit warten sie auf mich. Wenn ich nicht komme, rufen sie die Polizei an.«

Sie fuhr sich mit zittrigen Fingern durch die zerzausten Locken und straffte ihre Schultern. Ihre Knochen knackten, als wäre sie gerade neunzig geworden und nicht einundzwanzig. Was war ihr nur zugestoßen? »Ich verlange zu erfahren, wo ich bin.«

Diesmal regte sich etwas in einer Ecke. »Du verlangst? An deiner Stelle würde ich nichts verlangen. Ich würde betteln.«

Beim Klang der rauen, abgehackten Stimme drehte sie ruckartig den Kopf. »Warum sollte ich betteln?« Schon als sie die Frage stellte, wusste sie, wie absurd sie war. Sie würde betteln und alles tun, was von ihr verlangt wurde, um hier herauszukommen. »Um was soll ich betteln?«

»Vielleicht zunächst ein Mal um dein Leben.« Seine Stimme war so sanft, beinahe samtig. Und für einen Augenblick klang sie sehr vertraut. War er auf der Party gewesen? Wo hatte sie diese Stimme schon ein Mal gehört?

Sie lehnte sich gegen die Wanne, weil sie fürchtete, ihre Beine könnten unter ihr nachgeben. »Ich habe keine Angst.«

Durch die Finsternis schlängelte sich ein leises Lachen, das sie mehr erschreckte, als wenn der Schattenmann Drohungen ausgestoßen hätte. »Du solltest aber Angst haben.«

Tränen strömten ihr über die Wangen, doch sie hob entschlossen das Kinn. »Was ist das für ein Geruch?«

»Verwesendes Fleisch.«

Dieses Mal wurden ihr die Knie weich. Sie sank zu Boden und versuchte, mit langen Fingern Halt auf dem Stein zu finden. »Warum?«

»Warum? Warum du hier bist? Warum sich verwesendes Fleisch im Raum befindet? Warum was?«

Seine Stimme bohrte sich wie ein Messer in ihren Körper. »Warum ich?«

Sie hörte Schritte auf dem Steinboden, die sich zu entfernen schienen. Einen panischen Augenblick lang dachte sie, er würde sie in diesem grauenvollen Verlies allein lassen. Stattdessen knipste er das Licht an.

Augenblicklich durchflutete Neonlicht den Raum. Sie zuckte unwillkürlich zusammen und schloss die Augen, um sie vor der Helligkeit zu schützen. Dann öffnete sie die Lider vorsichtig wieder und gewährte dem Licht nach und nach Einlass in ihre Pupillen.

Als sie ihren Kerkermeister schließlich scharf sehen konnte, stand er genau vor ihr. Er trug enge Jeans, einen dunklen Pulli und Gummihandschuhe. Er sah so normal aus. Sogar attraktiv.

»Kenne ich Sie?«

»Spielt keine Rolle.« Er klatschte in die Hände. »Möchtest du dich umsehen, ehe wir mit der Arbeit anfangen?«

Sie drehte sich zu der Wanne um, die offenbar die Quelle des Gestanks war. Sie enthielt eine widerwärtige, faulige Brühe aus dunklem, schleimigem Wasser. An der Oberfläche trieben undefinierbare schmierige Fetzen. Verdammter Mist! War das etwa Fleisch, das noch halb am Knochen hing?

Sie stieß einen Schrei aus und wandte sich ab. »Was ist das?«

»Hier beginnt der Prozess der Säuberung. Das Fleisch muss vom Knochen abgelöst werden, bevor ich ihn polieren kann.« Sie hörte seiner Stimme an, dass er den Augenblick genoss. »Wir fangen jetzt besser an. Es gibt viel zu tun.«

»Was zu tun? Wo sind wir hier?«

»Weit weg von allen, die dir helfen könnten.«

Sie begann am ganzen Leib zu zittern. »Wo bin ich?«

»Wo ich meiner Arbeit nachgehe. Meine Kunst erschaffe.«

»Was für eine Kunst?«

»Schau dich um.«

Sie drehte den Kopf nach hinten und sah eine Werkbank, ausgestattet mit Sägen, Schnitzmessern und Polierschwämmen. Sie fühlte sich an die Werkstatt eines Juweliers erinnert. Bis sie ihn sah – den polierten, weißen Oberschenkelknochen.

»Das ist keine Kunst!«

»Die Kamee, die ich dir geschenkt habe, schien dir zu gefallen.«

Sie hob die Hand an die Halsgrube, wo sie den Anhänger noch vor wenigen Tagen getragen hatte. »Die war aus Knochen?«

Er zwinkerte ihr zu. »Ich mag es, wie Knochen im Licht glänzt, du auch? Menschenknochen lassen sich schnitzen wie Sandstein.«

»Sie müssen wahnsinnig sein.«

Die blauen Augen funkelten. »Jedem das Seine.«

»Bitte, tun Sie mir das nicht an.«

»Es geht jetzt nicht mehr anders.«

»Natürlich geht es. Ich werde nichts verraten.«

Dann, als hätte sie überhaupt nichts gesagt, meinte er: »Wenn wir jetzt anfangen, sind wir nächste Woche um diese Zeit fertig.« Mit seiner ruhigen, behandschuhten Hand ergriff er ihren Ellbogen und zog sie zum Stehen hoch. »Bringen wir dich zum Tisch zurück.«

Ihre Beine schienen aus Gummi zu sein, und ihr Inneres brannte wie Feuer. Als sie an sich hinabblickte, sah sie, dass ihr Kleid und ihre Beine blutverschmiert waren. Der Boden zu ihren Füßen war voller kleiner, dunkelroter Blutstropfen.

»Was haben Sie mit mir gemacht?«

Er führte sie zum Tisch. »Ich habe gar nichts gemacht. Hinauf mit dir.«

»Mir tut alles weh.« Jemand war in sie eingedrungen, hatte sie verletzt. Erinnerungsfetzen blitzten vor ihrem geistigen Auge auf: jemand, der mit solcher Brutalität in sie hineinstieß, dass sie laut aufschrie. Er hatte gelacht und noch härter zugestoßen, und dann hatte er sich herabgebeugt und ihr in die Schulter gebissen, bis sie blutete. Er hatte Fotos gemacht. »Sie haben das mit mir gemacht! Sie!«

»Nicht ich. Er.«

Ihr war schwindlig, und der Schmerz lähmte ihre Muskeln. »Es gibt noch jemanden?«

Er ignorierte die Frage. »Du hast eine perfekte Knochenstruktur. Deine Wangenknochen sind vollkommen symmetrisch. Als hätte ein Künstler sie geformt.«

»Bitte«, flüsterte sie.

»Mutter Natur kann so launisch sein, aber bei dir hat sie sich wirklich selbst übertroffen.«

Sie legte sich nach hinten auf das kalte Metall. Ihr Körper gab der Erschöpfung nach. Ihre letzten Reserven waren aufgebraucht. Sie war vollkommen leer. »Was werden Sie mit mir machen?«

Aus den Schatten trat ein zweiter Mann. Diesen Mann kannte sie. Sie hatte ihre Finger durch sein Haar gleiten lassen. Sein Gesicht geküsst. Sie wusste, wie seine breiten Schulterblätter sich unter ihren Händen anfühlten. »Du hast mir das angetan.«

Lächelnd schoss er ein Foto. »Ich bin mit ihr fertig. Jetzt gehört sie dir.«

»Nein, bitte«, flehte sie.

Er gab keine Antwort, sondern wandte sich einfach ab. Er ließ sie zurück bei dem Anderen, der lächelte und eines der Messer auf der Werkbank auswählte.

»Lass mich nicht mit ihm allein!«, schrie sie.

Die Tür fiel ins Schloss.

Licht spiegelte sich auf dem Messer in der Hand des Anderen. »Ich werde dafür sorgen, dass es nicht mehr wehtut.«

Auch wenn sie vor Schmerzen kaum atmen konnte, bedeutete das immerhin, dass sie am Leben war. Ohne die Schmerzen wäre es aus mit ihr. »Ich will weg hier.«

Sanft strich er mit den Fingerspitzen über ihre Stirn. »Schsch. Das geht nicht.«

Bei der sanften Berührung erschauderte sie heftig. Und dann zog er die rasiermesserscharfe Klinge über die zarte Haut an ihrem Hals. Ein plötzlicher, durchdringender Schmerz. Gleich darauf quoll Blut aus der Wunde.

Sie holte Luft, aber ihre Lunge reagierte nicht. Erneut versuchte sie zu atmen. Nichts. Blinde Panik erfasste sie, und sie lenkte ihre ganze Kraft in ihre Lungenflügel.

Atme! Atme!

Ein gurgelndes Geräusch drang aus ihrer Brust, als die Luft durch die Wunde nach außen strömte. Immer mehr Blut sammelte sich um ihren Oberkörper. Sie krallte sich an den Tisch, klammerte sich an die letzte Verbindung zum Leben.

Immer wieder strich er ihr besänftigend über den Kopf. »Kämpf nicht dagegen an. Das macht es nur schlimmer. Nur noch ein paar Sekunden, dann ist alles vorbei, und ich bringe dich zu den anderen in die Wanne.«

Ihre Sicht verschwamm. Ihre Lunge, alles in ihr schrie nach Luft. Die sanften Finger streichelten ihr Haar und ihre Wangen.

»So hübsch.«

Seine Augen glänzten vor Freude. Je mehr sie nach Luft rang, desto mehr genoss er es. In den letzten Augenblicken ihres Lebens wurde ihr klar, dass der Anblick ihres Sterbens für ihn die reinste Wonne war.

Von den Rändern ihres Blickfelds kehrte die Schwärze zurück, und mit jeder Sekunde drang weniger Licht durch ihre Pupillen.

Sie hatte keine Luft mehr, um zu schreien.

Und dann, wie der letzte Vorhang im Theater, senkte sich die Finsternis endgültig herab.

Er sah sie an. Es war ein Wunder, dass sie vom Tisch geklettert war. Nach dem, was der Erste mit ihr gemacht hatte, war es erstaunlich, dass sie danach überhaupt noch am Leben gewesen war. Aber wenn sie dabei gestorben wäre, hätte er getobt. Das Töten war seine Sache, seine wohlverdiente Belohnung.

Er hatte nicht erwartet, dass sie eine solche Kämpferin sein würde. Sie war eine schöne Frau, gewöhnt, ihr Äußeres als Mittel zum Zweck einzusetzen. Sie hatte die Härte nie erlebt, die das Leben manchmal mit sich brachte.

Er knipste einen Deckenstrahler an und betrachtete ihr Gesicht, das zerschunden und voller blauer Flecken war. Jeder, der sie jetzt gesehen hätte, wäre entsetzt gewesen. Es war ihm zuwider, wenn die Haut so übel zugerichtet wurde.

Doch zum Glück gingen ihre Verletzungen nicht tiefer. Die Haut war zwar zerfetzt, aber die Knochen waren fest und stark.

Sie würde sich wunderbar in seine Sammlung fügen.

1

Dienstag, 4. Oktober, 21:00 Uhr

Die blinkenden Lichter der Streifenwagen am Eingang zum Angel Park zerrten an Detective Malcolm Kiers Nerven, als er seine Polizeimarke aus dem Handschuhfach holte und sie sich um den Hals hängte. Die letzten drei Tage war er in den Bergen gewesen und hatte in der kleinen Hütte, die ihm dort gehörte, einen dringend benötigten Urlaub verbracht. Die Hütte lag im Shenandoah Valley direkt am See, auf einem zwölf Hektar großen Stück Land, das durch eine Schotterpiste, die sich ins Gebirge hinaufschlängelte, mit der Hauptstraße verbunden war. Der nächste Laden war dreißig Kilometer entfernt.

Die von ihm selbst erbaute Blockhütte hatte kleine Fenster mit Klappläden, die im Sommer die Mücken und im Winter die Kälte aussperrten. Vorne gab es eine Veranda mit Blick auf den See, doch sie bot nur Platz für zwei Stühle. Ein Generator erzeugte Strom für einen kleinen Kühlschrank, der primitive Herd wurde durch eine Propanflasche mit Gas versorgt. In der Küche gab es nur kaltes Wasser, und bis Malcolm den Kredit für das Land abgezahlt hatte, war ein voll ausgestattetes Badezimmer der Traum – die Realität war ein Plumpsklo.

Jeder normale Mensch hätte sich gefragt, was er mit so einer Hütte sollte. Doch Malcolm hatte sich schon beim ersten Blick auf das Grundstück zu Hause gefühlt. Inneren Frieden empfunden.

Nein, hier gab es keinerlei Komfort, aber genau das gefiel ihm. Er fand es gut, dass sich an diesem Ort nicht jeder einfach so wohlfühlen konnte. Er genoss es, dass er hier keinen Straßenstaub roch, kein Sirenengeheul hörte und keine Verbrechensopfer sah.

Die meisten Cops, mit denen er zusammenarbeitete, hätten die vollkommene Stille verflucht, aber er liebte sie. Wenn er ein paar Tage Urlaub von seinem anstrengenden Job als Detective des Morddezernats machte, hatte er hier wegen des fehlenden Handyempfangs wirklich frei.

Seine Freundin Olivia hatte wochenlang darauf gedrängt, dass er sie mit zu seiner Hütte nahm. Er hatte nachgegeben, in der Hoffnung, dass sie über die fehlenden Bequemlichkeiten hinwegsehen und den Ort ins Herz schließen würde. Aber bei ihrem ersten und letzten Besuch war eine Schlange an ihren Füßen vorbeigeglitten, als sie gerade das Plumpsklo benutzte. Ihr Schrei hätte Gläser zerspringen lassen können. Sie war aus dem Häuschen gestürzt und hatte sich im Laufen die Hose hochgezogen, während er die Geistesgegenwart besessen hatte, nicht zu lachen. Er hatte die Schlange gefunden und Olivia erklärt, dass sie nicht giftig sei. Olivia hatte sich inzwischen wieder einigermaßen beruhigt und verkündet, das sei ihr egal. Sie werde nicht wieder herkommen. Sie liebe ihn zwar noch, aber dies sei ein Teil seines Lebens, an dem sie nicht teilhaben wolle.

Ein Lächeln zuckte um Malcolms Lippen, als er daran dachte, wie sie zu seinem Wagen gestapft war und dabei laut vor sich hin geschimpft hatte.

Während der letzten drei Tage hatte er sein Mädchen vermisst und war in Versuchung gewesen, hinunterzufahren und sie von der Stadt aus anzurufen. Aber die Verlockungen der Stille waren stärker gewesen als sein Redebedürfnis, und am Ende hatte er sich gar nicht bei ihr gemeldet.

Als Malcolm Kier noch dreißig Kilometer von Alexandria, Virginia, entfernt war, hatte sein Handy geklingelt. Das Geräusch, das er seit zweiundsiebzig Stunden nicht mehr gehört hatte, hatte ihn aufgeschreckt. Ein Blick auf das Display hatte genügt, um zu wissen, dass der Anruf aus der Zentrale kam und sein Urlaub offiziell beendet war.

Jetzt holte er Holster und Revolver unter dem Autositz hervor und stieg aus. Er legte das Holster über seinem schwarzen Flanellhemd an und schlüpfte dann in seine Jeansjacke.

Angel Park war ein etwa fünf Hektar großes Naherholungsgebiet zwischen Duke und King Street. Es gab dort Picknickbereiche, Spielfelder für Ballspiele und jede Menge Platz für Kinder zum Fangen und Verstecken spielen.

An warmen Tagen wimmelte es hier wahrscheinlich von Familien, und man hörte Gelächter und das Quietschen von Schaukeln.

Es machte Malcolm wütend, dass der Mörder einen Ort besudelt hatte, der den Kindern gehörte. An Plätzen wie diesem hatten der Tod und das Böse nichts zu suchen. Andererseits hatte der Detective schon vor langer Zeit gelernt, dass Mörder gegen alle geltenden Regeln verstießen.

Malcolm sah zu dem gelben Absperrband hinüber und entdeckte seinen Partner, Detective Deacon Garrison. Garrison war ein hochgewachsener Mann, der die meisten anderen Polizeibeamten um Haupteslänge überragte. Malcolms Schultern waren genauso breit wie seine, vielleicht sogar muskulöser, aber mit seinen eins siebenundsiebzig musste Malcolm den Kopf in den Nacken legen, um seinem Partner in die Augen zu sehen.

Garrison verfügte über ein Tausendwattlächeln, das er gezielt einsetzte, um Zeugen zu entwaffnen, Richter für sich einzunehmen und Verteidiger zu verärgern. Kier hatte oft gewitzelt, mit diesem Lächeln könne sein Partner Kühlschränke an Eskimos verkaufen.

Malcolm stapfte an den uniformierten Beamten vorbei, nickte ihnen zu und tauchte unter dem Absperrband hindurch. Er trat neben seinen Partner, der gerade einen nichtssagenden Flecken Erde betrachtete. »Nicht eben die Begrüßung, die ich mir für meine Rückkehr erhofft hatte.«

Garrison deutete ein Lächeln an. »Schönen Urlaub gehabt?«

»Jep. Der Wald weckt jedes Mal meine Lebensgeister.«

Garrison schüttelte den Kopf und schob eine Hand in die Hosentasche. »Wenn deine Hütte nur halb so schlimm ist, wie du sagst, verstehe ich nicht, wieso. Eigentlich müsste es genau umgekehrt sein.«

Malcolm zuckte die Achseln. »Hey, wenn du mich je richtig leiden lassen willst, musst du mich in deinen Hangar einsperren und an dem Blechhaufen arbeiten lassen, den du Flugzeug nennst.«

Garrisons Lächeln wurde breiter. »Es handelt sich um eine alte achtunddreißiger Beechcraft. Unter dem Rost verbirgt sich große Schönheit.«

»Wenn du es sagst, Boss.« Malcolm und sein Partner waren in vielerlei Hinsicht Gegensätze. Garrison konnte noch in den ärgsten Situationen lächeln und so tun, als wäre alles in bester Ordnung. Malcolm hingegen, der sich selbst als Pulverfass bezeichnete, ging schnell in die Luft und machte keinen Hehl daraus, wenn er verärgert war.

Mit einem Nicken wies Malcolm auf eine Stelle, die mit Scheinwerfern ausgeleuchtet und mit gelbem Plastikband abgesperrt war. Wahrscheinlich würden sie von den Anwohnern des Parks Beschwerden wegen des grellen Lichts zu hören bekommen. »Ist die Leiche da drüben?«

»Warte, bis du sie siehst.« Unbehagen vertiefte die Linien in Garrisons Gesicht. Sie schritten auf den Unterstand zu, der dem Wald am nächsten lag.

Malcolm wappnete sich innerlich und fragte sich, was ihn Schreckliches erwartete.

Auf einem Picknicktisch lagen Knochen, fein säuberlich zu einem Quadrat aufgehäuft. In der Mitte des Knochenquadrats ruhte der Schädel und starrte Malcolm mit blicklosen Augen an.

Die Knochen waren weder von der Sonne gebleicht noch dunkel und modrig, als hätten sie lange unter der Erde gelegen. Sie waren cremefarben, seltsam glatt und vollkommen frei von Fleisch.

»Der Mörder hat sich Zeit für die Anordnung der Knochen genommen.«

Garrison nickte. »Ja.«

»Zeit, in der ihn jemand hätte beobachten können.« Malcolm stützte die Hände in die Hüften und beugte sich vor, um besser sehen zu können. »Er ist pedantisch. Detailversessen. Schätzt ein geregeltes Leben. Ist stolz auf seine Arbeit.«

»Kann schon sein. Der Täter wollte Aufmerksamkeit erregen.«

Malcolm versuchte sich vorzustellen, wie der Mörder die Knochen arrangierte und dann zurücktrat, um sein Werk zu begutachten. Der Detective hatte die Gabe, sich in die Menschen hineinzuversetzen, denen er auf den Fersen war. Das machte ihn zu einem guten Polizisten, mitunter aber zu einem schlechten Freund, Sohn oder Bruder. »Das Knochenarrangement ist furchterregend und für die Polizei eine harte Nuss.«

»Klingt plausibel.«

»Ein normaler Mörder macht so etwas nicht.«

»Ganz bestimmt nicht.« Garrison stieß einen Seufzer aus. Im letzten Jahr war Alexandria von einer besonders ungewöhnlichen Mordserie heimgesucht worden. Die Täterin hatte ihre Opfer, allesamt Verbindungsstudentinnen, nicht nur zur Schau gestellt, sondern am ersten Tatort auch einen Brand gelegt, um Aufmerksamkeit zu erregen. Sie war inzwischen zu lebenslänglich verurteilt worden und saß im Gefängnis.

»Wo bleibt die Spurensicherung?« Malcolm musterte das halbe Dutzend Polizeiautos. Normalerweise war die Spurensicherung vor den Detectives am Tatort.

»Ist auf dem Weg. Diese Einbruchsserie hält sie ziemlich in Atem. Im Moment drehen sie sich im Kreis.«

»Wer hat die Knochen gefunden?«

»Ein Polizist hat drei Jungs beobachtet, die gegafft und mit dem Finger in die Richtung gezeigt haben. Er hatte gerade Dienstschluss und ging mit seinem Hund spazieren. Als er sie gerufen hat, sind sie weggerannt. Aber der Hund ist ein ehemaliger Spürhund von uns.«

Malcolm grinste. »Sie sind also nicht weit gekommen.«

»Genau.«

»Wo sind sie jetzt?«

»Stehen sich da drüben die Beine in den Bauch«, sagte Garrison.

Malcolm sah drei halbwüchsige Jungs, die an einem Streifenwagen lehnten. Sie hatten die Arme verschränkt und gaben sich große Mühe, cool zu wirken, doch ihre gesenkten Köpfe verrieten inneren Aufruhr. Baggy Pants, weiße T-Shirts, Lederjacken mit gelben Halstüchern um den rechten Unterarm ließen auf eine Bandenzugehörigkeit schließen.

»Es könnte irgendwas mit Jugendgangs zu tun haben«, meinte Garrison. »Das Knochenarrangement könnte eine Art Initiationsritus sein. Knochen zu hinterlassen, wäre eine klare Botschaft.«

Malcolm musterte die Jungs. »Sie sehen nicht so aus, als wären sie clever oder auch nur geduldig genug, um Knochen aufzustapeln.«

»Man erlebt immer wieder Überraschungen.«

Malcolm blickte in Richtung des gelben Absperrbandes und sah einen dünnen Mann mit schütter werdendem Haar und Brille, in deren Gläsern sich das Licht der Scheinwerfer spiegelte. Paulie Sommers, Kriminaltechniker. Gründlich, kurz angebunden bis zur Unhöflichkeit.

»Was gibt’s?« Paulie tauchte unter dem Absperrband hindurch und kam zu ihnen.

Malcolm machte ihm Platz. Er hatte immer Spaß daran, den Mann aufzuziehen. »Du bist auch nicht mehr der Schnellste.«

»Sag den Jungs vom Raubdezernat, sie sollen den Mistkerl schnappen, der überall in der Stadt in Juweliergeschäfte einbricht. Dann hab ich auch wieder Zeit für anspruchsvollere Verbrechen wie eure Morde.« Es klang sarkastisch.

»Ich werde ihnen ein Memo schicken.«

»Tu das.«

Die meisten Leute verstanden nicht, wie Polizisten im Angesicht des Todes so locker sein konnten. Doch genau diese innere Distanz und der schwarze Humor halfen ihnen, sich die Schrecken vom Leib zu halten, mit denen sie konfrontiert wurden. »Wir haben einen Haufen Knochen, ordentlich aufgestapelt. Ich brauche alles, was du hier in der Nähe an Hinweisen finden kannst.«

Paulie zwinkerte. »Eigentlich müsste es Fußspuren geben. Der Boden ist vom Regen gestern ganz durchweicht.« Er schaute zu der Menschenmenge hinüber, die sich jenseits des Absperrbandes versammelt hatte. »Aber wer weiß, wie viele von denen da drüben hier rumgelatscht sind und den Tatort kontaminiert haben.«

»Genau deswegen hat man dich gerufen, mein Freund«, sagte Garrison. »Du vollbringst schließlich Wunder.«

»Blas mir keinen Zucker in den Hintern.« Paulie hob seine Digitalkamera hoch und drückte ab. »Und jetzt verschwinde von meinem Arbeitsplatz.«

»Charmant wie immer«, sagte Malcolm.

»Du kannst mich mal.«

Garrison lachte. »Was ist denn los mit dir, dass du noch schlechtere Laune hast als sonst, Paulie?«

»Es ist scheißkalt hier draußen. Außerdem musste ich wegen dieser verdammten Raubüberfälle und weil Lorraine Marcus immer noch in Mutterschutz ist, von einem Abendessen weg, das jetzt wahrscheinlich kalt ist.«

Malcolm legte sich dramatisch eine Hand aufs Herz. »Hör auf, sonst fange ich noch an zu weinen.«

Paulie murmelte etwas Unverständliches, und der Detective trat beiseite, damit der Kollege von der Spurensicherung die Knochensammlung ablichten konnte.

Malcolm massierte sich den Nacken und wünschte, er hätte sich aus dem Kofferraum einen Energieriegel mitgenommen. Es war ungefähr drei Stunden her, seit er zuletzt etwas gegessen hatte, und es würde eine lange Nacht werden.

Während Paulie weiter fotografierte, zog Malcolm einen Notizblock aus seiner Gesäßtasche. Der Kollege würde zwar alle Einzelheiten dokumentieren, Malcolm fertigte sich aber trotzdem immer eigene Zeichnungen vom Tatort an. Und er machte sich fortwährend Notizen, denn er wusste, dass das entscheidend sein konnte, wenn ihn im Gerichtssaal ein Anwalt am Wickel hatte. »Ich rede erst mal mit dem Officer, damit er endlich nach Hause kommt. Die Jungs können warten.«

»Lass dir Zeit«, sagte Garrison. »Paulie braucht noch eine Weile.«

Malcolm ging an den Uniformierten vorbei und fand den Polizisten und seinen Schäferhund hinten auf der Ladefläche eines roten Pick-ups. Der Mann trug Jeans und eine abgewetzte Lederjacke, hatte kurzes Haar, einen dichten Schnurrbart und rauchte. Der Hund lag auf einer Decke und schlief.

Als der Cop, der längst Feierabend hatte, Malcolm kommen sah, zog er ein letztes Mal an seiner Zigarette und drückte sie auf der Ladefläche aus. »Sie haben Fragen?«

Malcolm streckte die Hand aus. »Jede Menge. Ich bin Malcolm Kier.«

Der andere ergriff seine Hand. »Aus Richmond.«

»Schön zu hören, dass man mich kennt.«

»Alexandria ist ein großes Dorf. Ich bin Grant McCabe. Vom Drogendezernat.«

»Toller Ausklang für einen Abend.«

»Wem sagen Sie das.« Die Schultern des Cops sackten wie unter einem schweren Gewicht nach unten.

»Erzählen Sie mir, was passiert ist.«

»Ich bin um sieben Uhr nach Hause gekommen. Ich hatte zwar schon seit sieben Uhr früh Dienst, konnte aber erst nach sechs Uhr weg, weil ich in der Notaufnahme auf eine drogenabhängige Jugendliche aufpassen musste. Hab sie in der Nähe einer Crackhöhle aufgegriffen, die ich observiert hatte. Jedenfalls bin ich nach Hause gekommen, hab mich schnell umgezogen und bin dann direkt mit Striker rausgegangen. Er ist ein guter Hund, meistens kann ich ihn von der Leine lassen. Heute Abend ist er stehen geblieben, als wir in den Park kamen, und dann ist er wie ein geölter Blitz am Spielplatz vorbeigerast. Ich dachte, er wäre hinter einem Eichhörnchen her. Seit er im Ruhestand ist, wird der alte Striker im Oktober immer ein bisschen wunderlich. Es waren aber die Jungs, die um den Unterstand herumlungerten.«

»Haben sie zu dem Tisch geschaut, oder haben sie die Knochen da aufgestapelt?«

»Nur hingeschaut. Sie hatten die Arme vor der Brust verschränkt. Sie wirkten aufgeregt. Verstört, fast verängstigt.«

Das konnte von Bedeutung sein oder auch nicht. Mörder bekamen oft Angst, wenn ihnen klar wurde, was sie getan hatten. »Erzählen Sie weiter.«

»Ich rufe also hinüber und frage, was los ist. Statt zu antworten, hauen sie ab. Ich rase hinter ihnen her und fluche dabei wie ein Bierkutscher. Striker rennt vorneweg und bringt die Jungs zum Stehen. Als ich sie einhole, sind sie kurz davor, sich in die Hosen zu machen. Ich rufe Striker zu mir. Der alte Junge sah mächtig stolz aus. Um es kurz zu machen, ich zeige den Burschen meine Marke und schleife sie zurück zum Unterstand. Striker fängt an zu bellen wie ein Verrückter.«

Der Schäferhund legte den Kopf schief und blickte zu McCabe auf. Der kraulte ihn zwischen den Ohren. »Ich leuchte also mit der Taschenlampe auf den Tisch. Da sehe ich Ihr Opfer.«

Malcolms Opfer. Er war noch nicht richtig aus dem Urlaub zurück und trug schon die Verantwortung für eine Leiche. »Sie haben es gemeldet.«

»Umgehend.«

»Irgendwelche Beobachtungen?«

»Ihr Partner hat schon alles abgefragt. Nein, ich hab nichts gesehen. Keine Autos auf dem Parkplatz, niemand, der sich im Wald herumgetrieben hat. Keine unheimlichen Geräusche oder Gerüche. Es war alles wie immer, bis Striker die Witterung der Knochen aufgenommen hat.«

»Danke, McCabe.« Malcolm schrieb sich die Kontaktdaten des Officers auf. »Wollen Sie nicht nach Hause gehen? Falls ich Sie brauche, weiß ich ja, wo ich Sie finde.«

McCabe stand vorsichtig auf, als täte ihm alles weh. »Bei Gott, ich spür’s in den Knochen, dass der Winter bald kommt.«

»Sie sind zu jung für morsche Knochen, Mann.«

McCabe lachte. »Rugby in der Highschool und im College. Hat mich fertiggemacht.«

Striker sprang von der Ladefläche und trottete zur Fahrerseite des Pick-ups.

»Man sieht sich, Kier.«

»Klar doch, McCabe.«

Während Malcolm darauf wartete, dass Paulie Sommers am Tatort fertig wurde, ging er zu seinem Wagen und holte ein paar Energieriegel aus dem Kofferraum. Nicht gerade Haute Cuisine, doch sie würden den Hunger stillen, bis er etwas Richtiges zwischen die Zähne bekam.

Es war nach ein Uhr morgens, als der Kriminaltechniker verkündete, die Knochen könnten jetzt vom Tisch entfernt und in einem Leichensack verstaut werden. Er hatte die gesamte Umgebung abgelichtet, die genaue Lage der Knochen vermerkt und Abdrücke sämtlicher Fußspuren im Schlamm angefertigt.

Paulie kam mit gebeugten Schultern zu ihnen. »Ich hab die Pathologin angerufen und ihr Bescheid gesagt. Sie müsste jede Minute hier sein.«

Malcolm zog eine Augenbraue hoch. Die Pathologin, Dr. Amanda Henson, kam selten zu einem Tatort. Sie sah keinen Sinn darin, den Schauplatz eines Mordes aufzusuchen, solange sie im Autopsieraum alle Hände voll zu tun hatte.

Aber ein Fall wie dieser kam ihr vermutlich selten unter, und sie war bestimmt neugierig. Eigentlich hatte Malcolm nichts dagegen, wenn die Kavallerie hier auflief, denn er sagte schließlich auch nie Nein, wenn man ihn um Mithilfe in einer Mordermittlung bat.

Dr. Henson stellte ihren schwarzen Geländewagen hinter den Polizeiautos ab und stieg aus. Sie hatte ihr rotes Haar unter eine Baseballkappe gestopft und trug eine weite Regenjacke über ihren Jeans. Die Füße steckten in abgetragenen Turnschuhen.

Dr. Henson bewegte sich rasch und zielstrebig, mit einer Energie, die nicht recht zu dieser nächtlichen Stunde zu passen schien. Sie tauchte unter dem Absperrband hindurch und schüttelte Garrison, Malcolm und Paulie die Hand. Ihr Händedruck war schnell und fest, ihre Hände klein, fast schon zart, die Nägel kurz geschnitten. Malcolm hatte diese Finger bei der letztjährigen Weihnachtsfeier der Pathologie ebenso geschickt Gitarre spielen sehen, wie sie sonst bei Autopsien mit dem Bolzenschneider einen Brustkorb öffneten.

»Paulie hat mir gesagt, Sie haben hier einen ungewöhnlichen Fall.« Sie hob niemals die Stimme, doch das tat ihrer Autorität keinen Abbruch.

»Im Moment haben wir nur Knochen«, sagte Malcolm.

»Sehen Sie sich mal die Fotos an.« Paulie schaltete das Display seiner Kamera ein.

Dr. Henson blinzelte, klickte sich durch mehrere Bilder und gab Paulie die Kamera dann zurück. »Die Knochen sind jetzt im Leichensack?«

»Genau«, sagte Malcolm.

Die Pathologin nickte, ging an ihm vorbei, zog Handschuhe über und schaute in den Leichensack. Vorsichtig nahm sie einen Knochen heraus und betrachtete ihn unter dem grellen Scheinwerferlicht. Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen.

»Und was denken Sie, Doc?«, fragte Malcolm.

»Wie lange waren die Knochen der Witterung ausgesetzt?«, fragte sie.

»Die Jungs sagen, sie seien gestern durch den Park gekommen. Anscheinend ist der Unterstand ihr Lieblingstreffpunkt«, erklärte Garrison. »Hier dealen sie mit Drogen. Wie auch immer, gestern waren hier noch keine Knochen.«

Dr. Henson runzelte die Stirn. »Wir können also davon ausgehen, dass die Knochen gestern am späten Abend oder heute früh hier deponiert wurden.«

»Aufgestapelt wie Bauklötze.«

»Sie sind wohl der Einzige, der Knochen mit Kinderspielzeug vergleichen würde, Detective Kier. C. G. Jung hätte seine helle Freude an Ihrer Kindheit.«

Unbeeindruckt hielt Malcolm ihrem Blick stand. »Meine Kindheit war normal, ich war nur kein normales Kind.«

»Wer kann das schon von sich sagen?«, meinte Garrison. »Normale Menschen würden nicht um ein Uhr morgens Knochen anstarren.«

Dr. Henson, der die tiefere Wahrheit in seinen Worten nicht entging, nickte. »Sie waren also nicht der Witterung ausgesetzt?«

»Jedenfalls nicht hier«, sagte Malcolm.

»Interessant.« Sie schaute erneut in den Leichensack und nahm den Schädel heraus. »Das Opfer ist weiblich.«

Malcolm sah sie überrascht an. »Woher wissen Sie das?«

»Die zarten Schläfen und die hohen Wangenknochen sind Charakteristika, die auf eine Frau hindeuten. Ich würde außerdem vermuten, dass sie weiß und etwa dreißig Jahre alt war.«

Der Detective machte Notizen. »Und warum?«

Dr. Henson fuhr mit dem Finger über das Schädeldach. »Die engen Nasendurchgänge deuten auf eine Weiße hin. Und sehen Sie diese Linien hier oben?«

»Ja.«

»Die entstehen erst mit Mitte zwanzig.«

»Tatsächlich?«

»Wenn man sie zu deuten versteht, können Knochen Geschichten erzählen.« Behutsam legte sie den Schädel zurück in den Leichensack. »Diese Knochen hier sind nicht brüchig oder alt, wie es lange Zeit nach dem Tod der Fall wäre.«

»Irgendwelche Vermutungen, was den Todeszeitpunkt angeht?«

Dr. Henson hob eine sorgfältig gezupfte Augenbraue, und erstmals sah er so etwas wie Belustigung in ihren Augen. »Tut mir leid, aber dafür brauche ich etwas länger.«

»Fragen schadet ja nichts.«

»Ich würde vorschlagen, Sie nehmen Verbindung mit der Vermisstenstelle auf und erkundigen sich nach weißen Frauen zwischen fünfundzwanzig und fünfunddreißig.«

Malcolm holte sein Handy aus der Tasche an seinem Gürtel. »Steht ganz oben auf meiner Liste, Doc.«

2

Mittwoch, 5. Oktober, 6:01 Uhr

Die Vermisstenstelle hatte vier Frauen, bei denen es sich um Malcolms Opfer handeln konnte. Zwei Prostituierte, eine Drogenabhängige und eine Schauspielerin. Malcolm versuchte, mit den Leuten Kontakt aufzunehmen, die die Prostituierten und die Drogenabhängige vermisst gemeldet hatten, aber bei den Telefonnummern, die in den Berichten vermerkt waren, nahm niemand ab. Nicht sehr überraschend. Prostituierte und Drogenabhängige lebten am Rande der Gesellschaft, und ihre Beziehungen waren eher unverbindlich. Das machte sie auch zu leichter Beute für Mörder.

Die Letzte auf der Liste war die Schauspielerin. Sierra Day. Terry Burgess, der Mann, der die Vermisstenmeldung aufgegeben hatte, leitete das West End Theater und führte außerdem bei Sierras neuestem Stück Regie.

Nachdem er Burgess’ Nummer gewählt hatte, hörte Malcolm zu seiner Verblüffung ein hektisches, fast schon ärgerliches »Was!«

»Hier spricht Detective Malcolm Kier von der Alexandria City Police.«

»Aha?« Die Stimme des Mannes klang genervt.

Malcolms Nackenhaare stellten sich auf, doch er bemühte sich um einen gleichmütigen Ton. »Ich rufe wegen einer Vermisstenmeldung an, die Sie aufgegeben haben.«

»Ah ja, genau. Sierra Day. Haben Sie sie gefunden?«

»Genau darüber würde ich gern mit Ihnen reden. Können wir uns treffen?«

»Es passt gerade schlecht. Ich stecke bis über beide Ohren in Arbeit. In neun Tagen ist Premiere.«

»Es muss aber jetzt sein.« Malcolms Stimme klang so grimmig, als würde er die Zähne fletschen.

»Na gut. Ich bin im Theater.« Burgess seufzte und gab die Adresse durch.

Malcolm notierte sie sich, legte auf und sah Garrison an. »Noch so ein reizender Bürger, der glaubt, uns einen Gefallen zu tun.«

»Nimm es nicht persönlich.«

»Leichter gesagt als getan.«

Garrison zuckte die Achseln. Der Rat war gut gemeint, doch sie wussten beide, dass auch er den Job zuweilen zu persönlich nahm.

»Laut der Vermisstenmeldung von Burgess ist Sierra Day, die Hauptdarstellerin seiner Inszenierung von Der Widerspenstigen Zähmung, nicht zu den Proben erschienen.«

»Wann war das?«

»Vor zehn Tagen. Als sie einen wichtigen Fototermin versäumt hat, hat er die Polizei verständigt.«

»Sie ist seit anderthalb Wochen verschwunden? An den Knochen war absolut kein Fleisch mehr. Bei dem kühlen Wetter würde eine Leiche nicht so schnell verwesen. Passt eigentlich nicht.«

»Nein, aber die Frau ist im Moment unsere einzige Spur.«

Als Malcolm und Garrison im West End Theater ankamen, war es kurz nach halb sieben. Sie hatten sich durch Seitenstraßen geschlängelt, um den morgendlichen Pendlerverkehr zu umgehen, der den Washington Beltway verstopfte.

Um die Mittagszeit war es eine Herausforderung, in der historischen Altstadt von Alexandria einen Parkplatz zu finden, doch so früh am Morgen stellte es kein großes Problem dar. Die Straßen waren gepflastert, und die jahrhundertealten Bauten beherbergten angesagte Läden, Restaurants und Museen, die die Touristen magisch anzogen.

Zu dieser Tageszeit hatte noch alles geschlossen, abgesehen von ein paar Cafés, die von Mitarbeitern des Dienstleistungsgewerbes, der Hotels und Restaurants frequentiert wurden.

Garrison bog in eine Seitenstraße ein und parkte genau vor dem freistehenden alten Backsteingebäude an der Ecke, in dem sich das West End Theater befand. Hinter einem schmiedeeisernen Zaun lag ein Hof mit einer einfachen Steinbühne, umgeben von Sitzbänken aus demselben Stein. Das Ganze erinnerte an ein Amphitheater. Im Sommer waren die Bäume sicher üppig belaubt und die Pflanzkübel voller blühender Blumen. Doch jetzt waren die Äste nahezu kahl und der Boden mit braunen Blättern bedeckt.

Malcolm blickte auf den Bildschirm des Laptops zwischen den vorderen Sitzen ihres Crown Vic. »Auf der Website des Theaters steht, dass sie seit 1934 hier sind.« Er schüttelte den Kopf und betrachtete das Gebäude. »Ich bin hier oft genug vorbeigekommen, hab aber nie angehalten. Olivia will immer, dass ich mit ihr ins Theater gehe, aber ich vertröste sie jedes Mal.«

»Ich bin auch nicht gerade ein großer Theaterfan. Mom und Carrie haben mich vor zwei Monaten in ein Stück geschleift. Ich bin mittendrin eingeschlafen.«

»Haben sie dich erwischt?«

»Meine kleine Schwester ja, aber sie hat mich nicht verpetzt.« Carrie, die mit fünf Jahren von Garrisons Eltern adoptiert worden war, war inzwischen fünfzehn. Sie war ein frühreifes junges Mädchen, in dessen braunen Augen sich die Verluste spiegelten, die sie als kleines Kind hatte verschmerzen müssen. Garrison pflegte zu sagen, sie sei fünfzehn und gehe stramm auf die Fünfzig zu.

»Teenagern entgeht so schnell nichts. Genau wie Erzieherinnen.«

»Hat Olivia dich bei irgendwas erwischt?«

Malcolm zuckte die Schultern. »Kurz bevor ich in die Berge gefahren bin, hat sie das H-Wort fallen lassen. Ich wusste ja, die Steaks und das selbst gebackene Brot waren zu gut, um wahr zu sein.«

»Sie möchte heiraten.«

»Ja. Aber sie hat gesagt, dass ich sie nicht jetzt gleich heiraten muss. Sie will nur einen ungefähren Fahrplan.«

Garrison grinste. »Ein Ultimatum.«

»Sie will Klarheit.«

»Und was hast du gesagt?«

Malcolm öffnete die Autotür und stieg aus. »Ich hab die ganze Zeit gelächelt und gesagt, wie toll das Essen schmeckt und wie toll sie ist.« Es beunruhigte ihn, dass er nicht einfach Ja sagen konnte. Ob im Guten oder im Schlechten, er traf seine Entscheidungen stets rasch und ohne nachträgliches Bedauern. Nur diesmal nicht.

Garrison stieg ebenfalls aus. »Du triffst dich ganz schön oft mit ihr. Sie scheint in dein Beuteschema zu passen.«

»Welches Beuteschema?«

»Hübsch, tolle Köchin, locker. Will Kinder.«

»Ich mag sie. Ich habe sie gern um mich.«

»Dann läuten also bald die Hochzeitsglocken?«

Malcolm warf die Autotür zu und verriegelte sie. »Das sollte ich eher dich fragen. Du und Eva, ihr seid seit über einem Jahr zusammen.«

»Hey, Eva und ich sind voller Gegensätze. Wenn man uns analysieren würde, käme heraus, dass aus uns nichts werden kann.«

»Trotzdem seid ihr immer noch zusammen.«

Garrison schüttelte den Kopf. »Die Frau treibt mich in den Wahnsinn.«

»Im guten oder im schlechten Sinn?«

»Beides. Gestern Abend im King’s haben wir uns in die Haare gekriegt.« Eva arbeitete als Kellnerin und Barkeeperin in dem Pub und kümmerte sich außerdem um die Buchhaltung. Sie war achtundzwanzig und hatte gerade erst ihr drittes Collegejahr begonnen. Zwar hatte sie ihr Studium schon als Siebzehnjährige aufgenommen, doch dann hatte sie zehn Jahre wegen eines Mordes im Gefängnis gesessen, den sie nicht begangen hatte, deshalb die Verzögerung. Letztes Jahr war die wahre Mörderin gefasst und Evas Verurteilung aufgehoben worden, und sie dachte selten zurück. Sie war zutiefst unabhängig, scheute keinen Konflikt, und ihr IQ war jenseits von Gut und Böse.

»Arbeitet sie immer noch in diesem Übergangsheim für Exknackis?«

»Ja.« Garrison schüttelte den Kopf. »Verdammt gefährlich. Letzte Woche gab es dort eine Messerstecherei.«

»Und Eva mittendrin?«

»Oh, sie hat sie beendet. Ich hab’s erst gestern gehört. Der Beamte, der vor Ort war, hat es mir erzählt.« Garrisons düsterer Blick zeigte deutlich seinen Verdruss.

»Eva ist ein bisschen zu unerschrocken.«

»Muss wohl in der Familie liegen.« Evas ältere Schwester war Angie Carlson, Anwältin, intelligent, fleißig und zäh. Manche Polizisten nannten sie deshalb »Barrakuda«. Malcolm hatte nur wenige Male mit ihr die Klingen gekreuzt, doch bei diesen Begegnungen hatte sich gezeigt, dass sie für die Verteidigung ihrer Mandanten zu allem bereit war.

»Die beiden sind verschieden wie Tag und Nacht«, meinte Garrison.

»Äußerlich vielleicht, aber darunter … Die genetische Verwandtschaft lässt sich nicht leugnen.«

Garrison runzelte die Stirn. Angie Carlsons Sturheit war legendär. »Willst du mich ärgern?«

»Halt dich aus meinem Liebesleben raus, dann tu ich dasselbe bei deinem.«

»Einverstanden.«

Sie gingen auf die rote Eingangstür des Theaters zu, an deren beiden Flügeln verwitterte Türklopfer aus Messing befestigt waren. Rechts neben der Tür hing eine Liste mit den Stücken der kommenden Spielzeit, beginnend mit der Premiere von Der Widerspenstigen Zähmung in der nächsten Woche. Es gab zwei Stücke, die Malcolm nicht kannte: die Komödie Der nackte Wahnsinn und das Drama Terra Nova. Eine Weihnachtsgeschichte, welches im Dezember gespielt werden würde.

»Der Website des Theaters zufolge stand hier früher, als die Stadt noch eine blühende Hafenstadt war, ein Lagerhaus. In den dreißiger Jahren sollte das Gebäude abgerissen werden, da haben ein paar reiche Ladys es gekauft und das Theater gegründet. Auf die Art haben sie während der Großen Depression Arbeitsplätze geschaffen und für Unterhaltung gesorgt.«

Garrison klopfte gegen die Eingangstür. »Schauen wir mal, was wir über Sierra Day in Erfahrung bringen können.«

Im Inneren des Gebäudes erklangen schwere Schritte, und Sekunden später ging die Tür auf.

Ein kleiner Mann mit rot geränderten Augen, sorgfältig gestutztem Bart und einem Drahtgestell auf der Nase starrte sie finster an. Er trug Jeans, ein schwarzes T-Shirt mit Stones-Aufdruck und glänzende schwarze Cowboystiefel. »Sind Sie Kier?«

Malcolm nickte. »Genau. Und Sie sind Terry Burgess?«

»Ja.«

»Das ist mein Partner, Detective Deacon Garrison. Danke, dass Sie sich Zeit für uns nehmen.«

»Hat sich nicht so angehört, als hätte ich eine Wahl.« Burgess machte einen Schritt zur Seite, sodass sie eintreten konnten.

Den Eingangsbereich säumten Hunderte gerahmte Fotos, während zahlloser Aufführungen aufgenommen. Eine an der Decke angebrachte Glühbirne spendete nicht genug Licht, um das Foyer vollständig zu erhellen, doch Malcolm vermutete Absicht dahinter. Bei guter Beleuchtung wären Alter und Abnutzung des Gebäudes wohl stärker aufgefallen. An der Wand waren Dutzende braune Schachteln gestapelt, auf denen das Logo A&A DRUCK prangte.

»Fangen Sie immer so früh an zu arbeiten?«, fragte Malcolm.

»Für mich ist es spät. Ich bin seit sechsunddreißig Stunden hier.« Die Stimme des Mannes klang gereizt.

Malcolm bemühte sich, ruhig zu bleiben, und rief sich ins Gedächtnis, dass er ebenfalls unter Schlafmangel litt. »Das ist hart.«

Burgess massierte sich den Nasenrücken. »Es war eine lange Nacht. Meine Zweitbesetzung für Sierra Day ist eine Katastrophe. So, wie sie spielt, schreiben uns die Kritiker bei der Eröffnung nächste Woche in Grund und Boden. Können wir bitte einfach nur über die Vermisstenmeldung reden?«

»Sie haben schon einen Ersatz für Sierra Day?«

»Ich habe zwei Tage gewartet, aber ich musste weitermachen. An diesem Stück arbeiten eine Menge Leute mit, das kostet mich ein Vermögen.«

»Könnte sie vielleicht einfach abgehauen sein?«, fragte Malcolm.

»Sierra ist aufbrausend, zickig und sehr schwierig, aber sie verpasst nie eine Probe oder einen Fototermin. Dafür ist sie viel zu eitel. Und zu ehrgeizig.«

»Was ist mit einem Mann oder mit Drogen?«, erkundigte sich Garrison.

»Unwahrscheinlich. Wobei, sie hatte schon reichlich Männerbekanntschaften. Aber das Theater kommt immer an erster Stelle. Sie liebt es. Und sie hat noch nie Drogen genommen.«

»War sie wegen irgendetwas verärgert? Hatten Sie beide Streit miteinander?«

»Als sie das letzte Mal hier war, haben wir uns wegen der Beleuchtung in die Wolle gekriegt. Unser neuer PR-Mann meinte, das Licht wirke warm, und da machte sie sich Sorgen, sie würde auf der Bühne anfangen zu schwitzen, und das Publikum könnte es sehen.«

»War es ein heftiger Streit?«

»Wir haben uns angeschrien. Und uns ein paar Beleidigungen an den Kopf geworfen. Aber so läuft das bei uns. Wenn ich sie zickig nenne, meine ich das nur freundlich.«

»Sie war also wütend, als sie gegangen ist«, sagte Malcolm. »Könnte es nicht sein, dass sie sich irgendwo versteckt hält und abwartet, um Sie schmoren zu lassen?«

»Das sollte sie lieber nicht tun. Sonst drehe ich ihr womöglich eigenhändig den Hals um.« Burgess’ übertriebene Betonung nahm seinen Worten die Spitze. Er klang wie ein Schauspieler auf der Bühne.

Malcolm zog die Augenbrauen hoch. »Warum das denn?«

»Ich habe dieses Stück wegen ihr ausgesucht. Sierra ist die perfekte Katherine. Die Rolle ist ihr wie auf den Leib geschrieben, und ich hatte auf beste Kritiken gehofft. Dann ist sie auf einmal weg.«

»Haben Sie ein Foto von Ms Day?«

Der Regisseur nickte und griff in eine der Schachteln von A&A DRUCK. »Ist gerade gekommen. Jetzt müssen wir eine Berichtigung drucken lassen.« In der Schachtel befanden sich Programmhefte für Der Widerspenstigen Zähmung. Burgess schlug ein Heft auf Seite drei auf und zeigte den beiden Detectives das Foto einer Blondine mit strahlenden Augen und einem Lächeln, mit dem sie vermutlich jedem Mann den Kopf verdrehen konnte.

Malcolm wusste nicht, ob es sich bei der Schauspielerin um ihr Opfer handelte, aber die Vorstellung, einer so jungen, lebhaften Frau könnte die Identität genommen worden sein, machte ihn krank.

»Haben Sie Sierra nun gefunden oder nicht?«, fragte Burgess.

»Wir haben eine Leiche gefunden«, antwortete Malcolm und wählte seine Worte mit Bedacht. »Aber wir haben noch keine Identifizierung.«

Burgess erbleichte. »Sie können das Foto nicht mit der Leiche vergleichen?«

»Leider nein.« Und ohne zu viel preiszugeben, fügte er hinzu: »Der Mörder hat nicht viel übrig gelassen.«

Burgess sah entsetzt aus. »Wie ist sie gestorben?«

»Kann ich noch nicht sagen. Im Moment versuchen wir erst ein Mal, die Identität zu bestimmen. Die Vermisstenmeldung von Sierra Day passt zu dem, was wir über unser Opfer wissen. Gibt es irgendjemanden, der Sierra etwas angetan haben könnte?«

»Fragen Sie lieber, wer es nicht getan haben könnte.«

Malcolm hob die Augenbrauen und zog seinen Notizblock heraus. »Fangen Sie ganz von vorn an.«

Terry Burgess starrte auf den Stift, der schreibbereit über dem Notizblock schwebte. »Hey, als ich gesagt habe, ich könnte Sierra umbringen, habe ich das nicht wörtlich gemeint.«

»Ist notiert«, sagte Malcolm. »Wer hat Sierra gehasst?«

»Zum Beispiel ihr zukünftiger Exmann. Er heißt Brian Humphrey und spielt hier ab und zu in einem Stück mit. Als Schauspieler war er nie so gut wie Sierra, und ich glaube, das hat ihrer Ehe nicht besonders gutgetan. Außerdem ist Sierra manchmal ein Luder und, na ja, Sie wissen schon, was ich meine.«

»Sierra hat herumgeschlafen?«

»Brian zufolge hat sie zwei Monate nach ihren Flitterwochen etwas mit einem anderen Schauspieler von uns angefangen.«

Garrison runzelte die Stirn. »Zwei Monate. Wer war der Typ?«

»Ich weiß es nicht. Da müssen Sie Brian fragen. Aber ich kann Ihnen sagen, Brian war mächtig sauer. Er kam einige Male während der Proben hierher, und er und Sierra haben sich bis aufs Blut gestritten. Beim letzten Mal hat sie ihn geohrfeigt.«

»Wann war das?«, fragte Kier.

»Vor ungefähr drei Wochen.«

»Was können Sie uns über Sierra erzählen?«

»Sie sieht umwerfend aus und ist sehr begabt. Sie schlüpft in eine Rolle, wie Sie und ich einen Mantel anziehen. Sie hat das gewisse Etwas.«

»Weiß sie, dass sie gut ist?«

»Oh ja, auf jeden Fall. Sie ist intelligent. Sie weiß, dass sie das Zeug hat, es weit zu bringen. Und sie scheut sich nicht, alles zu tun, um ihren Willen zu bekommen.«

»Können Sie das genauer erklären?«

»Vor zwei Jahren war sie in einem Stück die zweite Besetzung. Am Abend vor der Premiere wurde es der Hauptdarstellerin, die sonst immer vor Gesundheit strotzte, sterbensübel. Sie erbrach sich so oft, dass sie ins Krankenhaus musste und Infusionen brauchte. Sierra sprang für sie ein. Die Hauptdarstellerin wurde wieder gesund, aber es dauerte zwei Wochen, bis sie wieder arbeiten konnte. Bis dahin hatte Sierra alle Premierenkritiken und Zeitungsberichte eingeheimst. Diese Auftritte brachten ihr schnell eine größere Rolle ein. Sie hatte schon den Broadway und Hollywood im Visier.«

»Wie heißt die Schauspielerin, die krank geworden ist?«, fragte Malcolm.

»Zoe Morgan.«

»Wo finde ich sie?«

»Sie arbeitet jetzt beim Ballett. Ich weiß nicht, wo sie wohnt.« Burgess seufzte. »Wegen Sierra lief der Vorverkauf bisher gut. Sie ist hier eine kleine Berühmtheit. Ich mag gar nicht daran denken, wie viele Leute ihre Karten zurückgeben werden, wenn sich herumspricht, dass Sierra in dem Stück gar nicht mitspielt.«

»Sie sagten, sie habe Hollywood und den Broadway im Blick gehabt?«

»Das hier ist ihre letzte Spielzeit bei uns. An Weihnachten, nach ihrer Operation, wollte sie weg.«

»Operation?«

»Sie wollte sich die Brüste vergrößern lassen.«

Malcolm schüttelte den Kopf. »Das hat sie Ihnen erzählt?«

»Oh ja. Sie sprach ganz offen über ihre Pläne. Ihr war klar, dass ihre Rollenangebote auf lange Sicht besser sein würden, wenn sie größere Brüste hätte. Sie hat ihre Scheidung vorangetrieben, um eine Abfindung zu bekommen. Das Geld brauchte sie für die Operation.« Burgess kratzte sich am Hinterkopf. »Letztens hat sie mit ihrer Anwältin telefoniert und wegen eines Gerichtstermins herumgebrüllt.«

»Wer ist ihre Anwältin?«, fragte Garrison.

»Den Namen werde ich nie vergessen. Ich habe schließlich oft genug gehört, wie Sierra ihn geschrien hat. Angie Carlson.«

Evas Schwester. Der Barrakuda.

Garrison versteifte sich.

Malcolm murmelte einen Fluch. »Passt.«

»Sie kennen die Frau?«, fragte der Regisseur.

»Jep.« Letztes Frühjahr hatte Angie Carlson den plastischen Chirurgen James Dixon aus Alexandria verteidigt, dem man den versuchten Mord an einer Prostituierten zur Last gelegt hatte. Malcolm und seine Kollegen im Morddezernat hatten Dixon verdächtigt, etwas mit dem Verschwinden von mehreren anderen Prostituierten zu tun zu haben, hatten es jedoch nicht beweisen können. DNA-Spuren hatten den Chirurgen mit einigen der Frauen in Verbindung gebracht, doch für den Zeitpunkt ihres Verschwindens hatte er immer ein Alibi gehabt.

Die Prostituierte, die ihr Stelldichein mit Dixon überlebt hatte, war blutüberströmt aus ihrem Motelzimmer geflüchtet, nachdem sie mehrere Stunden lang seinen sadistischen Neigungen ausgeliefert gewesen war. Schreiend war sie durch eine dunkle Straße gelaufen, bis eine verdeckte Ermittlerin von der Sitte sie aufgehalten hatte. Die junge Frau hatte atemlos berichtet, was ihr passiert war, und die Polizistin hatte sofort eine Fahndung nach Dixon eingeleitet. Kurze Zeit später wurde er ganz in der Nähe festgenommen.

Dixon war wegen versuchten Mordes angeklagt worden, doch seine Verteidigerin Angie Carlson hatte die Aussage der Prostituierten im Zeugenstand zerpflückt. Sie hatte nachgewiesen, dass die Frau drogenabhängig und eine notorische Lügnerin war. Die Jury erkannte die Ausführungen der Anwältin vollständig an und stufte die Aussage der Prostituierten als unglaubwürdig ein. Dixon wurde für nicht schuldig befunden.

Malcolm glaubte nicht an Dixons Unschuld. Der Mann mochte sich im Laufe des letzten Jahres mustergültig verhalten haben, dennoch war er wie eine Spinne, die in ihrem Netz saß und auf das richtige Opfer wartete, ehe sie zuschlug.

»Hat sie mal den Namen ihres Schönheitschirurgen erwähnt?«, fragte Malcolm.

»Ja. Sie sprach viel über ihn. James Dixon.«

»Sagen Sie das noch ein Mal«, forderte Malcolm den Theatermann auf.

»James Dixon sollte sie operieren.« Burgess nickte. »Ich weiß, wer er ist, und ich hab ihr sogar gesagt, sie soll sich von ihm fernhalten. Aber ihr gefiel das Drama, das mit seiner Person verbunden war. Sierra steht auf Drama.«

Malcolm biss die Zähne zusammen und sah Garrison an. »Carlson und Dixon. Das dynamische Duo.«

»Mit den beiden hat sie sicher die nötige Dosis Drama bekommen«, meinte Garrison.

Malcolm bemühte sich, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. »Hat Sierra Day einen Zahnarzt?«

»Vermutlich schon. Ihr Mann müsste das wissen. Warum?«

»Weil wir die Unterlagen des Zahnarztes brauchen werden, um unser Opfer zu identifizieren.«

3

Mittwoch, 5. Oktober, 7:05 Uhr

Angie Carlson ging ein geregelter Tagesablauf über alles.

Aufstehen um fünf, Ankunft im Fitnessstudio um sechs, dreißig Minuten schwimmen auf Bahn vier, duschen. Zum Frühstück gab es einen Bagel bei Bill, und um halb acht war sie im Büro.

Ihre Tage als Anwältin waren vollgestopft mit Meetings, Eingaben, Anträgen und Gerichtsterminen, und es blieb kaum Zeit für etwas anderes als Schwimmen, Arbeiten und vielleicht ein Abendessen mit ihrer Schwester Eva.

Ihr Leben war in hohem Maße vorhersehbar, und das gefiel ihr.

Die Tatsache, dass sie mit ihrem Zeitplan heute eine Stunde im Rückstand war, ärgerte sie. Letzte Nacht hatte sie nicht gut geschlafen, und sie hatte den Schlummerknopf ihres Weckers ein Mal zu oft gedrückt.

Vergangene Woche hatte sie ihre jährliche Computertomografie gehabt, außerdem die Blutuntersuchung und einen Röntgen-Thorax, um festzustellen, ob der Krebs zurückgekehrt war. Die Ergebnisse waren heute Vormittag fällig. Obwohl sie seit ihrer Operation vor etwas weniger als sieben Jahren gesund war, wurde Angie die Angst niemals los, dass die Krankheit, die ihre Mutter umgebracht hatte, zurückgekehrt sein könnte.

Als sie aus der Umkleide kam und sah, dass jemand auf Bahn vier schwamm, verdüsterte sich ihre ohnehin schlechte Stimmung nur noch mehr. Noch während Enttäuschung und Ärger sich in ihr breitmachten, ging ihr auf, wie albern das war. Eine Bahn war nur eine Bahn und alles andere als lebenswichtig. Ihrem Körper war es egal, wo sie schwamm, solange sie nur schwamm. Doch es war ungefährlicher, sich über eine Bahn im Schwimmbecken aufzuregen als über eine Krebserkrankung, daher gestattete sie es sich, zu schmollen.

Angie stopfte ihr schulterlanges blondes Haar unter die Badekappe und schob sich die Schwimmbrille auf die Stirn. Sie ließ den Blick über das Becken schweifen und stellte fest, dass die anderen Bahnen ebenfalls besetzt waren. Mist.

Der Schwimmer auf Bahn vier hielt sich am Beckenrand fest und sah zu Angie hoch. Er hatte einen gebräunten, muskulösen Körper und volles dunkles Haar, das ihm in die blauen Augen fiel. Mit einer raschen Kopfbewegung schüttelte er es zur Seite. Der Mann grinste sie unbekümmert an. »Wollen wir uns die Bahn teilen?«

Angie erwiderte das Lächeln. »Ja, das wäre toll.«

»Ich halte mich rechts.«

»Dann bleibe ich links.«

Der Mann stieß sich vom Beckenrand ab und schwamm weiter. Mühelos durchpflügte er das Wasser mit langen, eleganten Zügen. Leicht gereizt stellte Angie fest, dass er ein guter Schwimmer war. Und ein verdammt gut aussehender Mann. Sie spürte einen leichten Anflug von Begehren, was sie überraschte. Es war beinahe anderthalb Jahre her, dass sie mit jemandem ausgegangen war, die Berührungen eines Mannes genossen und die schmerzhafte Lektion gelernt hatte, dass sie besser daran tat, allein zu bleiben.

Angie ließ sich ins Becken gleiten und unterdrückte einen Fluch. Sie hasste die Kälte des Wassers im ersten Moment.

Voller Ungeduld, endlich loszulegen, stellte sie den Timer ihrer wasserdichten Armbanduhr ein, zog die Schwimmbrille über die Augen und stieß sich vom Rand ab. Ihre ersten fröstelnden Schwimmzüge waren unbeholfen und steif, doch bald fand sie ihren Rhythmus: ausholen, ziehen, atmen, ausholen, ziehen, atmen.

Mühelos glitten sie und der andere Schwimmer aneinander vorbei, und schon bald hatte sie ihn vergessen. Ihr Körper wurde warm, und ihre Gedanken schweiften ab.

Das Schwimmen war Angies tägliche Therapie, es hielt sie geistig gesund.