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Anke jobbt trotz eines Bachelor in BWL in einer Bäckerei auf Sylt und der neue Freund ihrer besten Freundin und Mitbewohnerin weckt Gefühle in ihr, die sie nicht zulassen darf! Einen guten ersten Eindruck hat Anke definitiv vermasselt und auch das zweite und dritte Zusammentreffen mit Jannek verläuft katastrophal! Das sollte ihr eigentlich egal sein, denn schließlich ist er der neue Freund von Katinka, ihrer besten Freundin forever! Sie flüchtet sich in die Arbeit und findet in ihrer Chefin Dörte eine Mentorin, der sie ihre Zukunftspläne anvertraut. Wird sie diesen Traum realisieren können und welche Rolle spielt Dörte dabei? Während Anke die Freundschaft zu Katinka nicht gefährden will, ändert sich plötzlich alles und sie nimmt die wichtigste Herausforderung ihres Lebens an. Wird sie lernen, ihrem Bauchgefühl zu vertrauen und sich ihren Traum erfüllen?
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Veröffentlichungsjahr: 2023
SO STÜRMISCH
DIE LIEBE
Hannah Herz
&
Liese von Freidorff
Liebesroman
Die Geschichte ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen und/oder realen Handlungen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Für Sabine
Sie ist alles in oin!
ACH JA: NIEMAND IST PERFEKT!
Daher bitte ich, eventuelle Rechtschreibfehla zu entschuldigen ...; )
© by Hannah Herz
Covergestaltung: EDITION MOTTOM
Impressum:
Hannah Herz c/o Tomkins, Am Wald 39, 24229 Strande
Ein Berg Krabben lag vor mir auf dem Tisch.
Hinnerk, der Kapitän vom Krabbenkutter in Hörnum, reichte mir alle 14 Tage zwei fangfrische Liter dieser Nordseeköstlichkeit von seinem Kutter und ich bildete mir ein, dass er mich mochte. Nicht etwa, weil er mit mir flirtete, sondern weil ich statt der bezahlten zwei Liter einfach viel mehr bekam! Kommentarlos! Und ich sagte auch nichts, denn Hinnerk war uralt und freute sich offenbar über den Smalltalk mit mir.
Mittlerweile pulte ich blind und in einer Geschwindigkeit, die jedes Fischweib vor Neid erblassen ließe.
»Mhhh«, seufzte ich voller Vorfreude auf die Krabbenbrötchen, die es heute Abend geben würde und mir lief bereits das Wasser im Mund zusammen. Ich hatte gestern die Remoulade angerührt und heute Morgen auf dem Markt Vollkornbrötchen, Butter, Kopfsalat und Petersilie gekauft. Meine Krabbenbrötchen waren die besten auf der ganzen Welt, zumindest laut meinen Freunden, die regelmäßig wie ein Rudel hungriger Wölfe darüber herfielen!
»Nun komm schon, sträub dich nicht so!«, sagte ich zu einer widerspenstigen Krabbe, als Katinka mit dem attraktivsten Mann, den ich je gesehen hatte, in unsere WG Küche kam.
»Anker, textest du mal wieder die Krabben zu?«
Ich starrte auf die athletische Figur, die braungelockten Haare und schließlich in die dunkelbraunen Augen, die von Lachfältchen umgeben waren.
»Äh, ja, ... ich war.., also ich bin gerade dabei...«, stotterte ich.
Aus irgendeinem Grund verweigerte mein Sprachzentrum die Mitarbeit und degradierte mich zum Volltrottel!
Katinka lachte, warf die blonden Haare zurück und wandte sich an Mr. Perfect.
»Jannek, das ist nicht nur die beste Mitbewohnerin der Welt, sondern auch die coolste Frau, die ich kenne! Anke Fiebig, aber alle sagen Anker!«
Schon klar, dachte ich. Nur die coolste Frau der Welt konnte in Jogginghose und Schlabbershirt, mit zerzausten Haaren und nach Fisch stinkend, vor einem Berg Krabben sitzen und Selbstgespräche führen!
»Moin, ich bin Jannek, schön, dich kennenzulernen!«
Er streckte mir seine Hand hin, zog sie aber mit einem Blick auf meine fischigen Hände zurück und lachte.
»Vielleicht schütteln wir die ein anderes Mal!«
Er deutete auf den Haufen Krabbenschalen, der auf dem Zeitungspapier vor mir lag.
»Die gibt es doch schon fix und fertig gepult, oder?«
»Vorsicht, Anker ist eine Krabbenexpertin!«, warnte Katinka.
»Na, ja Frische ist bei Krabben das Wichtigste!«
Ich hob entschuldigend die Schultern.
»Normalerweise sieht es hier nicht so aus. Ich bin grade erst nachhause gekommen und hab mich sofort an die Arbeit gemacht. Es gibt Krabbenbrötchen!«, erklärte ich und sah hilfesuchend zu meiner besten Freundin.
»Oh super! Niemand macht bessere Krabbenbrötchen als Anker, glaub mir!«, beteuerte Katinka,
schob Jannek an den Tisch und breitete vor ihm ein Stück Zeitung aus, bevor sie sich selbst setzte.
»Wir helfen dir!«
Jannek schaute zu, wie wir jeweils eine Krabbe nahmen, sie in der Mitte andrehten und die Schale abzogen.
Während Katinka eine in die Schüssel warf, hatte ich bereits drei gepult.
»Machst du das beruflich?«, fragte er voller Bewunderung.
»Ja klar, täglich von 8-17 Uhr, Vergütung nach Gewicht, aber manchmal schaffe ich den Mindestlohn von 9,50 Euro!«
»Ehrlich?«
»Nein, ehrlich bin ich Duftdesignerin bei Chanel und kreiere neue Linien für Parfüms. Das hier mach ich nach Feierabend, um die Nase frei zu bekommen!«
Er sah mich verdutzt an und hob schließlich anerkennend die Augenbrauen.
»Du scheinst wirklich die coolste Mitbewohnerin der Welt zu sein.«, grinste er, beugte sich zu Katinka hinüber und flüsterte ihr etwas ins Ohr. »Oh, ja. Das war kein Witz!«, kicherte sie.
»Allerdings mach ich das auch! Zumindest manchmal, wenn wir uns nicht einigen können, welche Netflix-Serie wir sehen sollen!«
Sie warf wieder ihre lange, blonde Mähne zurück und ich dachte neidlos, welch ein schönes Paar die beiden abgaben!
»Er hat gefragt, ob du wirklich mit Fischen sprichst.«, weihte Katinka mich ein und wies auf das kleine, viereckige Aquarium, in dem ein herrlich rot leuchtender Kampffisch von der Größe eines Fischstäbchens schwamm. Seine Flossen glitten wie wabernde Schleier aus Feuer durchs Wasser.
Als wir das kleine Haus am Waldesrand von Wenningstedt besichtigt hatten, war der Vormieter bereits ausgezogen und hatte das Aquarium mit dem Fisch zurückgelassen. Ich hatte ihn gefüttert und auf den Namen seines Vorbesitzers, Herrn Kowalsky, getauft.
Bei unserem neuen Zuhause handelte es sich um eine umgebaute Doppelgarage. Die beiden Schlafzimmer waren zwar klein, aber die Wohnküche mit Blick in den Garten und den angrenzenden Wald hatte uns sofort begeistert.
Die Miete für die 44 qm war selbst für Sylter Verhältnisse hoch, aber wir waren schließlich zu zweit!
Jannek sah hinüber zu dem Aquarium, das auf einer Kommode neben dem Fernseher stand.
»Die Wohnung ist zwar klein, aber wir haben mehr Platz als Herr Kowalsky!«, lachte Katinka.
»Die Reichen und Schönen wohnen in ihren reetgedeckten Häusern und wir sind halt nur schön!« Sie beugte sich hinüber zu Jannek und küsste ihn.
»Schön bist nur du!«, grinste ich.
»Ich bin cool und stinke nach totem Fisch!«
Jannek nickte mir schelmisch zu und zeigte auf die Schüssel mit dem Krabbenfleisch.
»Aber immerhin ist das frischer, toter Fisch!«
Während ich alle acht Brötchen belegte, deckten Katinka und Jannek den Tisch auf der Terrasse und zündeten den Feuerkorb an. Als ich den großen Teller mit den Krabbenbrötchen in die Mitte des Tisches stellte, schüttelte Jannek fassungslos den Kopf.
»Wer soll die alle essen?«
Ich öffnete die Bierflaschen und zwinkerte Katinka zu.
»Von der Mitte zur Titte, zum Sack, zack zack!«, rief sie und stieß mit mir an. Das war unser obligatorischer Trinkspruch und als wir Janneks entgeistertes Gesicht sahen, prusteten wir los und Biertropfen sprühten aus unseren Nasen.
»Jetzt greift zu, Krabben halten sich nicht ewig!«, sagte ich schließlich und nahm mir eines der Brötchen.
»Hammer!«, stöhnte Jannek mit vollem Mund, seufzte und warf mir einen anerkennenden Blick zu.
»Anker, das sind tatsächlich die besten Krabbenbrötchen der Welt!«
Als Katinka und ich jede zwei Brötchen vertilgt hatten und uns rund und gesund in unsere Sessel zurückfallen ließen, nahm er sich das letzte vom Teller und hielt es sich vor die Augen.
»Ihr habt es nicht verdient, im Müll zu landen!«, sagte er grinsend zu den Krabben und biss herzhaft zu.
Das war zu viel! Ich sprang auf, nahm die leeren Bierflaschen und rannte in die Küche.
»Sorry, bin gleich zurück!«, rief ich über die Schulter.
Was war nur los? Wieso war mir plötzlich nach Heulen zumute?
Ich atmete tief durch und brachte das Zeitungspapier mit den Krabbenschalen raus in den Müll. Nichts war schlimmer als Fischabfall über Nacht im Küchenmüll zu lassen. Jedenfalls nicht in einer umgebauten Doppelgarage.
Am liebsten wäre ich unter die Dusche gesprungen, hätte Make-up aufgelegt, mir die Haare geföhnt und andere Klamotten angezogen. Nur um zu zeigen, dass ich auch normal aussehen und gut riechen konnte!
Ich stellte mich in die Terrassentür und sah, dass Katinka sich auf Janneks Schoß gesetzt hatte und sie sich küssten.
»Gute Nacht, ihr Turteltäubchen! Ich geh schlafen, mein Wecker geht in 6 Stunden!«, rief ich und machte auf dem Absatz kehrt.
Als ich unter der Dusche stand, kam Katinka ins Bad und setzte sich auf die Toilette.
»Anker, nun sag mal, ist er nicht süß?«
»Ja, ist er wirklich!«, schrie ich und hielt meinen Kopf unter die Brause.
»Mach mal aus, sonst muss ich so schreien!«, rief sie und ich stellte das Wasser ab.
»Das Problem ist, dass wir uns noch nicht lange kennen und ich eigentlich mit ihm schlafen will, aber wegen schnell zu haben und so ist es vielleicht schlauer, wenn ich ihn nach Hause schicke? Ach Anker, HILFE!«
Wie sie da so auf dem Klo saß, den Kopf in die Hände gestützt und mit glänzenden Augen zu mir hochsah, konnte ich nicht anders, als aus der Dusche zu treten, ihr einen Kuss auf die Stirn zu geben und ihre Schultern zu umfassen.
»Du bist die beste Freundin, die es gibt! Für mich, aber auch für ihn! Lass deinen Bauch entscheiden! Und wenn er dir jemals weh tut, kriegt er es mit mir zu tun!«
»Anker, ich liebe dich!«
Damit verließ sie das Bad und ich ging zurück in die Dusche und stellte das Wasser auf eiskalt.
Als ich im Bett lag, versuchte ich verzweifelt, Janneks Blick, den er mir zugeworfen hatte, bevor er zu dem Krabbenbrötchen gesprochen hatte, zu verdrängen.
Zum ersten Mal in meinem Leben hätte ich alles dafür gegeben, die Uhr zurückdrehen zu können!
Der erste Eindruck war entscheidend und blieb für immer im Gedächtnis, das war wissenschaftlich belegt! Er würde in mir immer nur die stinkende, in Schlabberlook gekleidete, mit Fischen sprechende und alles in allem bemitleidenswerte Mitbewohnerin seiner Freundin sehen!
Weltbestes Krabbenbrötchen
1 Vollkornbrötchen
Butter zum Bestreichen
100g selbstgepulte Krabben (das schmeckt gleich viel besser!)
Salatblatt
frische Petersilie
Remoulade
Ein Ei, 250 g saure Sahne, Öl, Senf, Essig, saure Gurken, Zwiebel, frische Kräuter, Salz und Pfeffer verrühren.
Ohne Ei gehts auch, dann hält sie sich 3-4 Tage im Kühlschrank!
Also: Brötchenhälften mit Butter und oder Remoulade bestreichen, Salatblätter auf jede Hälfte, Krabben drauf, nochmal Remoulade und schließlich Petersilie als Garnitur – fertig!
Mein Handy riss mich jeden Morgen um vier Uhr aus dem Tiefschlaf. Diesen Tagesrhythmus wünschte ich nicht einmal meinem ärgsten Feind. Ich überlegte, ob ich einen ärgsten Feind hatte, aber es war einfach zu früh, um darüber nachzudenken.
Mit einem Grunzen, das jedem Wildschwein imponiert hätte, rollte ich mich zum Nachttisch und wischte mehrfach mit der ganzen Hand über das Display meines Handys. Zu mehr Feinmotorik war ich zu dieser frühen Stunde nicht in der Lage.
Der Grund, weshalb ich mitten in der Nacht aus dem Bett steigen musste, war, dass unzählige Leute morgens um 6 Uhr nach Kaffee und Brot verlangten. Und ich war diejenige, die ihnen beides mit einem Lächeln über den Ladentresen reichte.
Schlaftrunken wankte ich durch unsere Wohnküche an Herrn Kowalsky vorbei in Richtung Bad.
»Moin Kowalsky!«, flüsterte ich.
Morgens verzichtete ich auf die Anrede. Er konnte froh sein, dass ich ihn überhaupt grüßte! Irgendwie waren Fische nicht besonders empathisch.
Ich hatte Mühe, die Augen offenzuhalten und brauchte unbedingt einen Schwall kalten Wassers in meinem Gesicht.
Als ich zur Klinke griff, knallte die Badezimmertür wie ein Vorschlaghammer gegen meine Stirn und ich ging zu Boden.
Ehe ich begriff, was passiert war, beugte sich Jannek über mich.
»Oh Anker, sorry! Ich hatte nicht...«, stammelte er erschrocken.
»Ich hatte nicht damit gerechnet, dass du schon so früh auf bist. Anker?«
Er kniete neben mir und hielt meinen Kopf hoch. »Knock out in der ersten Runde!«, flüsterte ich und rappelte mich hoch. Wir standen uns im Halbdunkel der Wohnküche gegenüber und die schwache Beleuchtung des Aquariums genügte, um zu sehen, was ich auf keinen Fall sehen wollte.
»Du bist ja...!«
Ich starrte demonstrativ an die Zimmerdecke.
Jannek sah an sich herunter, flitzte zurück ins Bad und schlang sich ein Handtuch um die Hüfte.
»Sorry, wollte dich nicht erschrecken!«
»Nix, was ich noch nie gesehen hätte! Halb so wild!«, nuschelte ich verlegen.
»Was meinst du? Die Tür oder das Adamskostüm?«
Ich sah ihm in die Augen.
»Geh wieder schlafen, Jannek! Ich muss in 10 Minuten los und Herr Kowalsky guckt schon so komisch! Du musst wissen, er ist ein Kampffisch und hat geschworen, mich zu beschützen! Ich will nicht, dass er dich morgens um vier in unserer Küche aufs Kreuz legt!«
»Du bist verrückt, Anke Fiebig!«, lachte er leise und ging zum Sofa. Erst jetzt sah ich die zerknüllte Wolldecke und sofort durchströmte mich ein warmes Gefühl. Offenbar hatten Barbie und Ken keinen Sex gehabt und er hatte sich meinen Nachnamen gemerkt! Aus seinem Mund klang er wie eine kleine Symphonie!
»Du bist wirklich ok?«
»Alles gut!«
Ich verschwand im Bad, schloss die Tür hinter mir und lehnte mich dagegen. Mein Atem rasselte flach und ich spürte die Röte im Gesicht aufsteigen.
Das musste aufhören! Und zwar sofort! Jetzt wurde mir klar, dass es Katinka richtig erwischt haben musste, sonst hätte sie ihn in ihr Bett gelassen! Weder in der Oberstufe noch in den vergangenen Monaten hatte sie diesen Schnellzuhabengedanken gehabt! Dieser Mann war ihr wichtig und damit für mich tabu!
Ein Blick in den Spiegel bestätigte meine Befürchtung, dass sich auf der Stirn eine fette Beule bilden würde. Wie sollte ich das erklären? Hoffentlich würde Jannek Katinka von dieser nächtlichen Begegnung erzählen! War ja auch kein Geheimnis! Ich sah vor mir, wie sie sich vor Lachen den Bauch halten würde und sofort beruhigte sich mein Puls. Es war alles in Ordnung!
20 Minuten später parkte ich meinen alten Kombi auf dem Parkplatz am Lister Hafen. Trotz des Sommers zeigte die Temperaturanzeige zu dieser frühen Morgenstunde nur 14 Grad. Ich öffnete die Ladentür unter dem handbemalten Schild, auf dem in großen Lettern stand:
Laib und Seele
Das war der geniale Name der kleinen Backstube, in der ich arbeitete.
Der Geruch nach frischem Brot gab mir das Gefühl von Wärme und Geborgenheit. Ich liebte diesen Duft fast so sehr wie den von Pizzateig. Pizza war meine Leidenschaft und ich wurde nicht müde, an Teig, Soße und Belag herumzuexperimentieren. Ich war ein Pizzajunkie, aber ich war wählerisch. Pizzateig war eine Wissenschaft für sich und die perfekte Pizzasoße war vergleichbar mit dem Zaubertrank von Miraculix. Das Rezept war ein wohlgehütetes Geheimnis und wurde nur innerhalb eines erlauchten Kreises weitergegeben.
»Ich bin hier hinten!«, rief Dörte aus der Backstube.
Dörte war meine Chefin und Bäckerin mit Leib und Seele. Sie hatte ein ebenso simples wie geniales Geschäftskonzept entwickelt und der Erfolg gab ihr Recht. Nach nur zwei Jahren hatte sie die Maximalkapazität ihrer kleinen Backstube erreicht.
Natürlich war Bäckerin nicht der Job, den ich mir nach meinem Bachelor in Marketing erträumt hatte, aber ich musste zugeben, es gefiel mir viel besser als gedacht!
Vor einem halben Jahr hatte Katinka mich angerufen und nach Sylt eingeladen, wo sie für ein Hotel arbeitete. Für mich hatte die Aussicht auf eine Woche Urlaub bei meiner besten Freundin eine willkommene Abwechslung bedeutet. Ich hatte hunderte von Bewerbungen geschrieben und war es leid gewesen, nur Absagen zu bekommen! Also hatte ich eine Tasche gepackt und war am nächsten Tag in den Zug gestiegen. Als wir am ersten Abend auf dem Weg zu Gosch das Schild an der Straße gesehen hatten, auf dem Aushilfe gesucht und eine Telefonnummer gestanden hatte, war Katinka Feuer und Flamme gewesen.
»Anker, das ist doch was für dich!«
»Nee, ich bin doch keine Bäckerin!«, hatte ich abgewunken.
»Niemand weiß so viel über Pizzateig wie du und Teig ist Teig! Außerdem solltest du darüber nachdenken, deinen alten Blog zu reaktivieren!«
Tatsächlich hatte ich schon mit 13 Jahren in der Küche meiner Eltern an dem perfekten Pizzateig gearbeitet.
Später hatte ich einen eigenen Pizzablog erstellt, der schnell auf einige 1000 Follower gekommen war. Aber irgendwann im Studium war der Blog von Klausuren und Vorlesungen verdrängt worden und ich hatte ihn einschlafen lassen.
Am zweiten Tag auf Sylt hatte ich bei Dörte angerufen. Ich war an dem Punkt angelangt, mich auf JEDEN Job zu bewerben. Hauptsache, ich würde arbeiten und Geld verdienen! Außerdem hatte mir diese winterlich kalte und stürmische Insel gefallen.
Obwohl ich weder Bäckerin noch Verkäuferin gelernt hatte, bekam ich den Job sofort.
Am selben Abend hatte Katinka die kleine Wohnung in der alten Doppelgarage ausfindig gemacht und wir waren 2 Wochen später dort eingezogen.
»Anker, wie siehst du denn aus! Ist alles in Ordnung mit dir?«
Ich winkte ab.
»Schon gut, Dörte, ich bin heute morgen überfallen worden, aber Gott sei Dank wurde nichts gestohlen!«
»Was? Wo? Wie?«
Fürsorglich bugsierte sie mich zu dem einzigen Stuhl.
»Hast du schon die Polizei verständigt?«
»Scherz!«, rief ich lachend.
Sie stutzte und kitzelte mich im nächsten Moment durch.
»Na warte! Was fällt dir ein, eine alte Frau so zu erschrecken!«
Kreischend und juchzend lieferten wir uns eine Verfolgungsjagd quer durch die Backstube. Ich vergaß einmal mehr, dass Dörte doppelt so alt war wie ich und erzählte ihr schließlich von dem Zusammenstoß mit Katinkas Freund.
»Du solltest an deiner Beziehung zu Männern definitiv noch arbeiten!«, lachte sie.
»Ich habe keine Beziehung mit ihm!«
»Umso besser, dann kannst du bei ihm üben! Aber irgendwann solltest du dir einen eigenen Freund zulegen! Genug gequatscht, die Roggenbrote warten!«
Dörte klatschte in die Hände.
Sie hatte den Sauerteig bereits gestern angesetzt. Der Ofen würde bald die benötigte Temperatur erreichen und es mussten noch 300 Laibe geformt werden.
Das Laib und Seele hatte sechs Tage die Woche geöffnet und warb mit dem frischesten und natürlichsten Brot nördlich der Elbe. Es gab jeden Tag nur eine Brotsorte. Dreihundert Mal nur dieses eine Brot. So konnte sie sich auf ein Produkt am Tag konzentrieren.
Jeden Tag waren am späten Vormittag alle Brote verkauft und Dörte schloss die Ladentür ab. Sie hätte noch jemanden anstellen können, um mehr Brote zu backen und mehr Umsatz zu machen. Aber das war nicht ihr Ziel.
Arbeite, um zu leben und lebe nicht, um zu arbeiten, lautete ihr Wahlspruch.
Ich hatte in den letzten sechs Monaten so viel von ihr gelernt, nicht nur Brotbacken, sondern auch eine ganz spezielle Sicht auf das Leben.
Nachdem wir uns die Arbeitskittel übergezogen und eine Haube aufgesetzt hatten, begannen wir mit der Arbeit und waren nach einigen Minuten von Mehl bestäubt.
Konzentriert achtete ich darauf, dass die Laibe nicht alle gleich wurden. Dörte legte großen Wert darauf, dass die Kunden das Handwerk erkennen konnten. In unregelmäßigen Abständen arbeiteten wir entweder mit geschlossenen Augen oder stellten uns wie siamesische Zwillinge ganz dicht nebeneinander, legten einen Arm um die Hüfte der anderen und formten mit der jeweils freien Hand den Teig. Dörte verstand es, die Arbeit abwechslungsreich zu gestalten!
In ihrer Freizeit malte sie, nahm Klavierstunden und kümmerte sich um Hunde, die alt und krank waren und im Tierheim keinen Platz fanden. Sie wohnte in einer wunderschönen Reetdachkate am Lister Ellenbogen, die sie von ihren Großeltern geerbt hatte und fuhr bei jedem Wetter mit dem Fahrrad ins Geschäft. Alles in allem war Dörte die tollste Frau, die ich kannte!
Wir arbeiteten zwei Stunden in der Backstube, in denen wir uns phasenweise angeregt unterhielten oder einfach unseren Gedanken nachhingen. Früher hatte ich Schweigen immer als unangenehm empfunden und es mit Geplapper gefüllt, aber in den letzten sechs Monaten hatte ich gelernt, dass auch Schweigen zu einer Unterhaltung gehörte.
Hätte ich das nur heute Morgen bei dem Zusammenstoß mit Jannek beherzigt!
»Was hast du denn am Sonntag gemacht?«, fragte Dörte, während sie weiter Laib für Laib formte.
»Meinen Pizzablog upgedatet und Haushaltskram.«
Seit fünf Monaten kümmerte ich mich wieder um meinen Pizzablog und die Besucherzahlen stiegen überraschend schnell.
Offensichtlich gab es da draußen eine ganze Menge Pizzajunkies, so wie ich einer war.
»Ich hatte doch erzählt, dass ich den alten Mann von der Räucherei am Hafen fragen wollte, ob ich einen Beutel Asche aus seinem Ofen haben darf. Ich durfte! Das Ergebnis war ein schwarzgrauer Teig mit würzig-rauchigem Geschmack. Noch nicht perfekt, aber ausbaufähig!«
»Das hört sich super an!
