Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Wenngleich der literarische Briefwechsel von Florentine Joop und Holger Much weiter geht und wir nunmehr auf zwei wundervoll illustrierte und erzählte Buchperlen blicken, beinhaltet das eBook „So weit die Flügel tragen…“ Buch #1 „Und wenn wir nicht gestorben sind…“ als Bonus, eingeleitet von einem Briefwechsel, den es nur im eBook gibt. Ja, Herr von Ableben und der stille Wanderer haben neue Begleiter bekommen, Reisen wurden unternommen, Kinder wuchsen ein Stück heran, eine Freundschaft geht in die Tiefe… So ist auch das Märchen, das sich die beiden im neuen Buch erzählen, wagemutiger, rasanter, stürmischer. Fast meint man die Raben zu hören, das Meer zu riechen, und atemlos und mit Spannung hofft man, dass am Ende alles gut wird. Ein alter todmüder Mann und das Meer, doch das ist nur der rabenschwarze Anfang einer rasanten Abenteuerreise von Raban und Kareen auf Rabenschwingen durch die Welt der Rabenkönige, des Meervolkes, der Luftgeister bis hoch hinauf zum Turm der Zeit. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann kann man ihr sehnsüchtiges Rufen immer noch hören, wenn im Frühling die Raben singen. Auch die Fortsetzung dieses märchenhaften Buchschatzes beinhaltet zahlreiche farbige Illustrationen von Florentine Joop und Holger Much.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 270
Veröffentlichungsjahr: 2024
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Impressum
Impressum
1. Auflage: 1. Juli 2024
© Edition Outbird, Gera
www.edition-outbird.de
Covergrafik & Illustrationen: Florentine Joop & Holger MuchLektorat: Dr. Katherina Heinrichs, Merri Holste, Vanessa-Marie Starker, Tristan RosenkranzeBook-Formatierung/-konvertierung: Danilo Schreiter, Telescope Verlag
ISBN: 978-3-948887-72-8
Preis: 9,99 €
Alle Rechte vorbehalten.
Liebe Freundin,
ach was waren das für Zeiten, als man Bücher schrub, die dann gedruckt wurden. Man landete - Schwupps - in der Spiegel-Bestsellerliste zwischen Werken über rührselige Bäume und den neuesten Ernährungstrend nach Paläo und Clean Eating, machte selbstzufrieden die Runde durch sämtliche Talkshows, wurde reich, kaufte sich eine Villa mit 24 Klos und 7 Pools in Äläjih, um dann an einem ebenjener Pools Mojitos mit Dwayne Johnson oder Selena Gomez zu kippen. Good old simple times.
Und heute? Heute meldet sich, kaum dass die hart erarbeitete Printversion des neuen Werkes unter Dach und Fach zu sein scheint, der Verleger, verschlagen kichernd, und fragt, ob man nicht noch zusätzlichen Content für das E-Book produzieren könne. Kurz mal. Schnell. So zwischendurch.
„Klar!“ höre ich mich sagen, während ich mich bereits gleichzeitig frage, wann zum Henker ich das denn noch unterbringen soll.
Überhaupt: E-Book! Was soll das denn? Liest das eine oder einer? Und wenn ja, warum? Um mit dem guten alten Marcel Reich-Ranicki zu sprechen: „Ist das überhaupt ein Buch? Ich glaube nein!“
Ich habe in der Tat noch nie ein E-Book gelesen. Ich habe noch nicht einmal so einen seltsamen Lesetaschenrechner in der Hand gehabt. Macht mich das zu einem hoffnungslos veralteten Paria des Literatur- und Buchbetriebes? Ich vermute ja. Ganz sicher sogar!
Doch wenn ich dann ab und zu nicht umhin kann, mitzubekommen, womit die Anbieter der für die digitale Lektüre notwendigen Devices - so sagt man heute wohl - werben, nämlich mit papierähnlichen Oberfläche und täuschend echt gestalteter Umblätterfunktion, dann fühle ich in mir exakt den Satz aus den Tiefen meiner zutiefst analogen Seele aufsteigen, den ich in Diskussionen zum Thema veganer Ernährung so oft von Fleischessern höre - und zutiefst hasse: „Wenn ihr doch eh alles faked, warum nehmt ihr dann nicht gleich das Original?“
Trotzdem. Zwischen Schnitzel aus Bohnenpampe und E-Books ist immer noch ein kleiner Unterschied - insert Zwinker- Smiley. Zwei Zwinker-Smileys.
Also gibt das hier nun etwas Sondercontent für die E-Book-Version, die ich nie lesen werde. Und logischerweise nie ins Regal stellen kann. Weil es ja nichts ins Regal zu stellen gibt.
Sowieso - diese Sache mit dem Regal, in das man etwas reinstellt. Das ist mir überraschend wichtig. Dinge die man anfassen kann. Sehen, anfassen, laufen, dann lesen - bei Büchern - oder hören - bei CDs oder LPs - und dann als gewichtigen Teil des eigenen Lebens und optimalerweise als doch sehr persönlichen Teil der eigenen kulturellen, geistigen Biographie eben ins Regal stellen. Dort bilden die er-lesenen und er-hörten Kunstwerke auf Vinyl oder Papier viele kleine, oder wenn man möchte, ein großes, wandelbares Denkmal seiner selbst. Man umgibt sich quasi mit Gedanken und Gefühlen anderer, zu denen man eine enge Beziehung spürt.
Wenn ich mir vorstelle, all die Bücher, die ich las, die mir so viel bedeuten, die mich prägten, oder all die Musik, die mich durch viele dunkle Stunden trug und mein Inneres formte – all das gäbe es nicht in physischer Form um
mich, sondern nur vereinzelt und körperlos irgendwo in einer Wolke – das fühlt sich für mich an, als würden wesentliche Teile meiner selbst ins Nichts diffundieren.
Um mich herum geben nur diese Dinge ein Gefühl von Geborgenheit. So wie das ausgebeulte Lieblingsjackett oder der alte Teddy aus Kindertagen. Ich höre nun schon manche Stimme, die mahnt, man dürfe sein Herz nicht so sehr an Dinge hängen. Und vielleicht mögen diese Leute recht haben.
Der stille Wanderer tritt leise raschelnd hinter mich und zupft sich versonnen Blätter vom vergangenen Jahr aus den Haaren. Er mag das mit den irdischen Habseligkeiten möglicherweise ähnlich sehen. Ziemlich sicher sogar.
Doch konnte ich mich dieser kühlen Nüchternheit nie öffnen. Solche sehr persönlichen Dinge, die ich eben aufzählte, verkörpern für mich Schönheit und das eigene Sein. Und beidem muss ich mich an und an vergewissern.
Sonst, so habe ich manchmal das Gefühl, löse ich mich auf wie Rauch um Mitternacht, so dass kein Bild und keine Erinnerung von mir bleiben.
(Was wiederum eine ganz bezaubernde Zeile von Mike Batt ist. Aber das würde nun zu weit führen. Ich brauche dringend einen Kaffee.)
Lieber Freund,
nun tippe ich hier auf meinem Handy, weil meine kleine Welt aufgrund eines Systemfehlers nicht mehr funktioniert. Mit vielen seltsamen Nachrichten aus den Tiefen meines Motherboards rauchte das Herzstück meiner unabhängigen Arbeitsweise ab und davon. Meine Abhängigkeit von meinem Notebook scheint größer als bisher angenommen. Mein Computer denkt es sei Oktober 2023. Was war da nochmal? Ebenso denkt er, dass das Internet böse ist und locked sich nicht mehr darin ein. Mit anderen Worten: meltdown.
In Zeiten, wo es drüber und drüber geht, sollten Autos und Computer uns zuverlässig zur Seite stehen, damit wir den teilweise selbstgewählten Alltagswahnsinn bewältigen können. Aber Pustekuchen. Reifen platzen, Computer haben plötzlich Schluckauf, Kinder übergeben sich, Ehemänner sind J.W.D.
Und es regnet. Kein Zwinker-Smiley.
Allein dieses kleine Zauberspiegelchen in meiner Hand, Spiegelein, Spieglein in der Hand, verbindet mich noch mit meinem alten, arbeitsamen Ich und der Welt da draußen. Zuverlässig.
Und dabei stolpere ich über deinen Rant (neudenglisch für: ich bin mit dem Allgemeinzustand unzufrieden!) bezüglich der oder des E-Books als solchen und im Besonderen. E-Books. Ich kann leider, leider, und es fällt mir wirklich nicht leicht, nicht ganz zustimmen. Ich erwähnte es vielleicht ein- oder 20.000-mal, dass aufgrund meines PTS und anderer Charakteristika, mithin Ticks und Toks, ich einen gewissen Hang zu Wiederholungen habe. Wiederholungen habe. Für einen dieser Wiederholungszwänge (vielleicht zu stark als Wort) passt da vielleicht eher childish ritualism…
Ach egal, ich habe immer und stets dieselben Musikalben, Bücher und Serien am Start, in jeder Form, analog, digital, Print … you name it.
Ob im Regal, im Computer, im TV-Gerät und nun natürlich auch im Handy. Wie Freunde im Taschenformat… Peinlich genug, dass sich da wenig und selten etwas Neues dazugesellt. Ich versuche es wirklich, immer wieder, tapfer und weltoffen, aber in diese spezielle Versammlung schaffen es eben nur wenige Exemplare. Wenn ich nun – das Muttersein treibt seltsame Blüten und man wird erfinderisch – lange, lange am Bettchen hockend, Händchen haltend der Kleinen beim Einschlafen assistierend, manchmal Fieber Säfte gebend, immer in leicht verrenkter Körperhaltung sitzend versteht sich, die Stunden zu Jahren vergehen spüre, an diesem halbdunklen Ort des Daseins, da entdeckte ich unlängst das sogenannte E-Book für mich.
Weil man nicht umhinkommt, sich erinnern zu wollen und dann will man es sofort, jetzt gleich, hier und nun und itzo, nachlesen, eintauchen und nachempfinden, was einen schon ein, zwei, hunderte Male entführte, erbaute und amüsierte. Ich kann in dieser unvorteilhaften Haltung, mit einer Hand verhaftet in des Kindes Hand, nicht aufstehen und gemütlich im Bücherregal im Wohnzimmer stöbern, ich kann auch nicht Licht anknipsen, weil das benötigte Licht, ich gestehe es hier und jetzt, damit ich lesen kann, immer heller brennen muss, scheinbar einem fortschreitenden Alterungsprozesses der Augen geschuldet.
Allein das Umblättern und Festhalten von teilweise ja doch schweren Papierprodukten, dem geliebten Fantasy Genre geschuldet, brauchte manche Autorin und Autor ja mehr als 1000 Seiten um die Geschichten sinnreich erzählen zu können, ist schlicht unmöglich. Da lud ich mir also diese und andere Apps runter, verknüpfte sie mit den einschlägigen Konten, und siehe da: Alle meine Bücher-Freunde waren nur drei Klicks entfernt. Und es sitzt sich viel gescheiter, ja, sinnstiftender, wenn man beim Warten auf Handfreigabe liest, statt sinnlos durch (un)soziale Medien zu scrollen. Dass in ein so kleines Dingelchen wie mein Handy meine gesamte Bibliothek passt, finde ich Star-Trek verdächtig genial – als Queen of Nerds darf ich das geil finden. Und nicht nur das; ich wage mich wieder an die durch Schule toxisch verstrahlten Bücher aus meiner Deutsch-Leistungskurs-Zeit ran – niemals würde ich in der Buchhandlung zu Thomas Mann oder Theodor Fontane greifen. Doch dieses kleine Format und die mütterliche Zwangshaltung machen es bedeutend zugriffsfreundlicher. Wenn ich mich urplötzlich im dunklen Raum zwischen Wachheit und Schlaf an etwas erinnere aus diesen Werken meiner Schulzeit, und dann kurz einfach mal reinschauen kann, um dann reif und erwachsen geworden festzustellen, während ich auf die regelmäßiger werdende Atmung meiner Kindtochter höre, dass „Effi Briest“ doch genauso todlangweilig ist, wie ich es in Erinnerung hatte. Sorry Theo (das Gesicht in den Händen versteckende Smiley folgt dem errötenden). Unlängst, und ich finde das fast filmreif, denn die Situation am Kinderbett ist ja noch ein paar Jahre eher nicht verhandelbar, las ich das Buch von Marilyn Manson und The Dirt von Mötley Crü. Während die Schreibenden sich durch die Clubs und Hotels der Großstädte der gesamten Welt drogten, Bars leersoffen, Sexorgien mit Groupies und Pornostars hatten, rehabten und relapsten und dem Gott des Rocks huldigten, während sie das Koks im Kreis snieften, saß ich auf meinem heiligen Mutterstuhl und hörte dabei La-Le-Lu aus der Toniebox dudeln. Das E-Book ist besser als sein Ruf, meiner Meinung nach ist es eben nur ein Werkzeug wie alles andere neumodische Zeugs auch. Und natürlich fehlt der Geruch von frischem Druckerzeugnis, die Haptik ist smartphonensisch, aber tatsächlich die einzige Möglichkeit für mich gerade überhaupt zu lesen. Würde ich versuchen, mich im Bett nach getaner Werks- und Familienarbeit, „gemütlich“ mit einem schönen Buch einzukuscheln, wie es immer so beschrieben wird, den neuesten Shady Grey mit Fifty oder so im Anschlag, dann könnte ich mich genauso gut mit Propofol ausknocken. Wobei das ja schon wieder Rock wäre. Oder Pop.
Rock sind wir allemal, unsere Bücher rocken gewaltig, egal in welcher Form, das ist doch die Hauptsache. Du hast neulich deine Leinwände aus dem Haus befördert, ich bewundere deine Kunst, die du digital zu tun vermagst, ich kann mir das ja nicht mal im Traum vorstellen, wie das überhaupt geht, da fehlt doch das Papier, die Flüche, wenn man am Schluss den Wasserbecher umkippt, der Geruch vom Fixativ, was so heißt, weil es einen total anfixt, aber unsere Illustrationen fügen sich magisch ineinander. Let them be, analog and digital, side by side in my hand … frei nach Paul McCartney…
Kaffee trinkend, den gibts nur real und schwarz, grüße ich Dich
(fröhlich winkendes Smiley)!
Vorwort
„Lieber Freund“
So beginnt dieser Roman, den Florentine Joop und Holger Much in Briefen aneinander geschrieben haben. Während die beiden in jenen Briefen von all dem erzählen, was ihren Alltag ausmacht, und dem geneigten Leser dabei tiefe Einblicke in ihre Persönlichkeiten gewähren, beginnen sie ebenso, sich darin ge- genseitig ein Märchen zu erzählen, das, ebenso wie ihre Alltags- betrachtungen, von Feinsinn, Melancholie und einer ganz eigenen Poesie geprägt ist.
Wir folgen Florentine Joop und Holger Much durch tägli- ches Einerlei und Erinnerungen, lernen Herrn von Ableben und seinen Gegenpart, der seinen Namen noch nicht verraten hat, ebenso kennen wie Frau Müde und die verwirrte und verwirrende Nachbarin. Wir begegnen dem Tassenschreck, einer Nacktschne- cke und einer irischen Pensionswirtin, Castus von Corvus Corax ebenso wie einer ganz und gar irdischen Fee namens Tinka und können allein anhand der geschilderten Begegnungen erkennen, wie besonders das Leben der beiden Schreibenden ist – und wie vertraut zugleich. Beide lassen uns an ihrer Liebe zur Musik teilha- ben und geben uns damit eine Playlist zur Hand, gleichsam zum Buch wie zu ihrem Leben.
Zwischen all diesen Einblicken in ihr Privat- und Seelenleben erblüht das Märchen, das sie sich zu erzählen beschlossen hatten. Wie Florentine Joop im ersten Brief schreibt: ZU RECHT, denn wir brauchen Märchen!
Und so folgen wir dem jungen Mädchen mit dem Herzen vol- ler Liebe, das sich nichts so sehnlich wünscht wie ein Brüderchen. Einen Bruder, den sie lieben, mit dem sie spielen, mit dem sieteilen kann. Unverstanden von ihren Eltern, die diesen Wunsch nicht begreifen können, da sie doch alles hat, was sie sich nur wün- schen kann, all das Spielzeug, die Kleider, den Tand, und man ihr, was immer sie noch haben möchte, kaufen kann. „Geh doch hinab in die Stadt und kauf dir schöne Kleider oder neue Schuhe!“, so raten sie dem Kind und sehen doch nicht das Loch in ihrem Her- zen, das kein Ding der Welt zu füllen vermag. Man muss nicht tief graben, um die Allegorie zum modernen Menschen zu erkennen, so tief versunken im Konsum, dass ihm gar keine Zeit bleibt, um eine Verbindung zu dem auszubauen, was er so dringend bräuchte – dem anderen Menschen.
Des jungen Mädchens Wunsch wird erfüllt, wenn auch, wie es sich für ein Märchen gehört, nicht so, wie es sich das erhoffi hat. Märchen sind grausam in ihrer Weisheit.
Florentine Joop schreibt: „Erzählt man Märchen ganz zu Ende, folgt man den Leben der Protagonistinnen und Protagonisten bis zum Schluss, so würden Märchen immer mit dem Tod enden.“
Ob die beiden für ihre Protagonisten ein „happily ever aher“ haben? Das finden Sie, geneigter Leser, heraus, wenn sie den bei- den folgen.
„Die Wälder der Märchen beginnen erst dort, wo alle Pfade enden“, schreibt Holger Much. Nehmen Sie dieses Buch und las- sen Sie die Pfade hinter sich. Sie werden überrascht sein, wie tief in die Wälder diese Seiten Sie führen werden.
Verzaubert,
Isa Theobald
Florentine Joop & Holger Much
Und wenn sie nicht Gestorben sind
- Bruderherz -
Lieber Freund,
da wunderte ich mich wachwerdend, dass der Sommer gar nicht Bescheid gegeben hatte, bevor er sich so locker französisch verabschiedete, dass stattdessen der Herbst uneingeladen unter den gefallenen Blättern hervorkroch, als es an die Tür klopfte. Ich war dabei, die Überreste diverser Mahlzeiten von meinem Esstisch zu kratzen – Du wirst ihn hoffentlich auch einmal an einer oder mehreren Stellen nutzen –, da wurde ich, nein, nicht vom Herbst gestört, nein, DOCH, aber obendrauf wurde ich von meiner Nachbarin unterbrochen.
Der Morgen war kurz gewesen, übersichtlich, denn nachts hatte ich wieder länger wach gelegen. Vertieft in Verhandlungen. Neuerdings verhandle ich nächtens mit meinem Mitbewohner, Herrn von Ableben. Er wohnt ja schon länger bei mir, seit dem Tag der Erkenntnis, dass auch ich sterblich bin, irgendwo zwischen Nacht und Morgen, in einer stillen Ecke sitzt er geduldig und macht nicht viel. Muss er ja auch nicht, denn er wird von mir gefüttert, genährt und gepflegt. Früher war er farb- und formlos gewesen, weniger greifbar, da bin ich ihm oft nachgelaufen, hab‘ ihn quasi eingeladen, doch er blieb in sicherer Distanz, unscheinbar. Neuerdings wandelt er auch schon mal tags herum. Aber viel öfter natürlich, wenn meine Schilde unten sind. Wenn ich besonders müde und erschöpft daliege, dann, wenn ich erholsamen Schlaf so dringend brauche, wenn ich aus bösen Träumen erwache und denke, ich sei dadurch in Sicherheit vor meinen eigenen erträumten Spukgestalten, dann setzt er sich elegant an mein Bett, leistet mir leise Gesellschaft, und um ihn nicht allzu sehr zu fürchten, verhandeln wir miteinander. Verhandeln ist die Sachebene, auf der alles Chaotische und Fürchterliche sich in überschaubare Zahlen verwandelt. Dabei geht es vor allem um die Zeit, die er mir noch zurechnet, ohne dabei scheinbar wirklich zurechnungsfähig zu sein. Zeit, die mir im nettesten Fall und bei guter Pflege und allgemeiner Achtsamkeit so bleibt. Solche Gespräche führen meist irgendwann in irgendeine Sackgasse, dead end, bildlich gesprochen, denn er ist für Verhandlungen gar nicht offen, ist eindeutig nicht derjenige, der verhandeln muss. Die Bank gewinnt immer, Herr Ableben auch. Am Ende wird man sehen, wer hier wann ablebt, sagt er dann immer. Auf das Wie gibt er sowieso keine Antwort, der Schlingel.
Ob ich auch so erschüttert sei, unterbrach meine Nachbarin meine morgendlichen Mordgedanken.
„Warum?“, fragte ich sie verwirrt. Was ist das für eine Frage? Erschüttert bin ich dauernd und ständig, aber schon gleich morgens kostet Erschüttert-Sein enorme Energie. Hätte sie gefragt, ob ich müde sei, ja, da hätte ich eine Antwort gewusst. Frau Müde ist, neben Herrn von Ableben, meine zweite ständige Begleiterin geworden. Sie wurde neben den ersten Kindern mitgeboren und zog auch gleich mit den beiden rosa Marzipanbabys ein. Eine noch nie gekannte, nicht mal erahnte Müdigkeit, rotäugig, stumpfhaarig, blass-matt, übelriechend, die die Knochen ächzen und das Gehirn aussetzen ließ. Die alles an Schläfrigkeit in den Schatten stellte, was ich in den Hangover-Jahren erlebt hatte. Damals war es auch nicht Frau Müde, eher Fräulein Fatigue, war sie doch posher und crazy und blieb, wie ein anständiger One-Night-Stand, auch nur höchstens bis nach dem späten Frühstück. Nichts, was zwei Kippen und drei Kaffees nicht hätten aus der Tür befördern können. Dagegen packt Frau Müde alle Wahrnehmung einerseits in eine Art Watte und gleichzeitig lässt sie alles irgendwie zu schrill wirken. Sie wird vielleicht ausziehen, sagt sie gähnend, kratzt sich dabei den schlampigen Haar-Dutt und zieht die hinfällige Jogginghose wieder über die Po-Ritze, wenn das letzte Kind aus dem Haus ist. Das wäre dann bei den derzeitigen Mietpreisen wohl in 25 Jahren, wenn die mittlerweile drei rosa Marzipanbabys fertig mit Studium und Ausbildung sind, eine eigene Privatpraxis eröffnet und einen Ehepartner gefunden haben, der oder die dem Regierungsadel angehört. On top hat Frau Müde durchklingen lassen, dass dann eventuell schon die senile Bettflucht vor der Tür wartet.
Ich lächelte in mich hinein, so wie Du hoffentlich grade, weil ich mir die Hochzeit vorstellte, grade die Royal Dudelsackpfeifer*innen dirigierte, da wurde ich schon wieder unterbrochen.
Oh, es sei doch ganz furchtbar traurig, oder nicht?
„Ja, sicher doch, ich bin dann ja schon MITTE siebzig!“, sagte ich und bemerkte an ihrem Ausdruck im Gesicht, dass ich meine Innenstimme mit meiner Außenstimme verwechselt hatte. Der Müdigkeit sei Dank bin ich kein echter Small-Talk-Partner mehr. Und seien die Ansprachen noch so beherzt vorgetragen. Und eine energische Dame ist meine Nachbarin allemal. So manches Mal hatte sie mich auf sommerlicher Bummeltour durch die Nachbarschaft abgefangen und an ihr Herz gedrückt. Meist war ich mir sicher, sie würde mich mit jemand anderem verwechseln. Vielleicht mit jemandem, den sie auch kennt. Wie dem auch sei, sie hatte schon immer diese direkte Art, aufs Wesentliche zu sprechen zu kommen. Nur Namen, die scheinen unwesentlich. Zumal sie meinen ja offenbar kennt. Du musst Dir die Dame so vorstellen:
Klein, sehr klein, kleiner noch… Stell Dir eine winzige Frau vor, und dann musst Du sie noch kleiner denken; Haare sind ein verblasstes Rot, zu einer Frisur getürmt, die an einen Filzhut erinnert, die Kleidung so zerknittert wie ihre Haut an Gesicht und Armen und Augen in blassem Blau, aber energisch ist sie immer. Sie trägt eisern roten Lippenstift, das imponiert mir kolossal, obgleich der Ort immer variabler wird, an dem der Lippenstift platziert wird. Nun reckte sie die Händchen empor zu mir, um mich in der Höhe zu erreichen, emotional und physisch.
„Sie ist tot!“, rief meine Nachbarin und rang dramatisch ihre Hände. Heute hat der Lippenstift beinahe am linken Ohr Platz gefunden.
„Sapperlot!“ Noch war mein Groschen im Einwurfschlitz gefangen. Warum sagt man das eigentlich? Der Groschen ist gefallen? Stelle nur ich mir dabei einen alten Kaugummiautomaten vor, wo man einen Groschen in diesen Drehschlitz stecken musste und dann drehen, bis man eine Art schnarrendes Plumpsen hörte - und ein leises Klötern, wenn der 1000-jährige Kaugummiball gegen die Klappe kullerte. Mein Verstand als rostiger Kaugummiautomat, der sich vehement gegen das Einwerfen von Groschen wehrt, schien trotzdem alarmiert. Bin ich da überhaupt in der richtigen Allegorie? Nicht zu verwechseln mit Allergologie. Die scheidet völlig aus. Da habe ich mich aber mal verlaufen. Frau Müde winkte aus ihrem Bademantel und steckte sich eine Kippe in den Mund. Wie schön es wäre, noch Raucher zu sein, dachte ich weh-müdig. Weh-Mut ist für Leute, die nachts schlafen.
„Was soll nur aus den Hunden werden?“
„Im Allgemeinen? Nun, vielleicht besinnen sich Hunde wieder eines Besseren, zerschlagen den ewigen Bund mit den Menschen und werden wieder Wölfe?“, schlug ich sinnsuchend vor. „Menschen gehen ja auch wieder vermehrt zurück zur Natur und ihren Ursprüngen. Into the wild und so…“ Mein inneres Auge zeigte mir automatisch einen Mops im Ur-Jaul-Seminar, in einem Erdbau, um den inneren Wildhund zu channeln.
„Sind Sie grade erst aufgestanden?“, fragte mich meine Nachbarin mit prüfendem Blick.
Ich schaute auf die Uhr, seltsame Frage, denn um sieben Uhr dreißig sind doch ALLE normalen Menschen grade erst aufgestanden.
„Man bangt ja immer ein bisschen mit bei denen da…“ Ihre winzige Hand zeigte irgendwo nach oben-drüben. Nördlich eher, und ich überlegte schwerfällig und doch willens, mich einzubringen, wer da so am Ende der Straße wohnte. Da ist der Kirchturm - am Ende Gott vielleicht?
„Und der Sohn, na ich weiß ja nicht, ob der das genauso kann, wie seine Mutter…“ Gott schied ergo aus, es heißt ja schließlich nicht: Mutter, Sohn und heilige Köter. Die arme Frau Nachbarin - und man könnte mich jetzt aufs Rad binden, ich wüsste nicht ihren Namen - war sichtlich verzweifelt, wobei ich nur so dastehen konnte, weil ich immer noch nicht wusste, um wen es sich handelte, und zweifelte sowieso, ob das der Grund war.
„In meinem Alter fühlt man die Grabeskälte in sich aufsteigen“, sagte sie noch und wandte sich zum Gehen. Hätte ich ihr vielleicht etwas anbieten sollen, einen Kaffee, einen Stuhl, echtes Verständnis? Sie winkte über die Schulter, und ich schloss freundlich die Tür. Wie das geht, fragst Du?
Na, so vorsichtig, durch den enger werdenden Türspalt schauend, ob sie noch einmal zurückkehrt … um am Ende doch ganz zuzumachen. Das Gegenteil von wütend zuschlagen.
Als ich später die Timeline meiner Social-Media-Seiten lese, wird mir klar, worum es in dem Gespräch mit meiner Nachbarin ging. Nachträglich hätte ich mit dem Wissen des späteren Morgens sicherlich eine erquicklichere Konversation geführt. Die Müdigkeit und der Rest meines Lebens schulden mir den Teil meines Gehirns, der sich angeregt unterhalten konnte. Früher, als Herr von Ableben noch weiter weg wohnte und Frau Müde noch Fräulein Fatigue hieß, da war ich viel gewitzter. Ehrlich.
Es blitzt und donnert gewaltig, während ich Dir schreibe. Herbstgewitter hauen um sich und die Nüsse vom Walnussbaum herunter. England hat jetzt einen König, und zwei Corgis suchen Asyl. Mein morbider Geist fragt sich, ob und wie lange Herr von Ableben schon bei der Queen rumsaß. Ob es derselbe, distinguiert bleiche Geselle war, der bei mir lebt, oder ein ganz anderer, royaler vielleicht, mit weißer Halskrause … so ein Thomas-Moore-artiger Typ. Mein Herr von Ableben ist das genaue Gegenteil von Frau Müde. Er ist immer elegant, wie zu einer Beerdigung gekleidet, lange, schlanke Hände, edle Nase, leise Stimme und vornehme Zurückhaltung. Ich beneide ihn darum, dass er nie müde ist. Ich bin immer müde.
Es wohnt jetzt übrigens eine Nacktschnecke bei uns, muss ich noch mehr sagen? Sie hat ein eigenes Zimmer im Gegensatz zu mir…
Aber wollte ich nicht eigentlich ein Märchen schreiben? Du siehst, meine Aufmerksamkeitsspanne reicht grade noch von hier bis was wollte ich sagen?
Ein Märchen also, ZURECHT, denn wir brauchen Märchen. Gute Märchen. Grausame Märchen! Mit Blut, Neid und Zorn und Gier und Blitzgewitter - und Liebe natürlich, denn im Märchen ist am Ende immer irgendwie alles gut, oder?
Und wenn ich nicht gestorben bin, so schreibe ich:
Bruderherz
Es war einmal ein kluges Mädchen, dessen Herz voller Liebe war. Ihre Eltern wunderten sich oft, denn Liebe war etwas, was ihre Eltern nicht verstanden. Das Mädchen sehnte sich nach einem Bruder, denn sie dachte, mit einem Bruder könnte sie ihr Herz teilen. Aber so sehr sie sich auch einen Bruder wünschte, so blieb ihr Wunsch doch unerfüllt. Ihre Eltern wunderten sich immer nur, weil es ihnen unverständlich erschien, dass ein Kind die Liebe der Eltern mit einem weiteren Geschwisterchen teilen wollte.
„Sei nicht dumm“, sagte ihre Mutter, „dann bleibt doch mehr für dich!“
Der Vater, der den Wunsch der Tochter nicht verstand, bedachte sie mit allem, was er dachte, das ein junges Mädchen sich wünschen könnte - kostbare Kleider, Schmuck, eine Kutsche mit zwei Pferden -, die Mutter richtete ihr Zimmer ein in schönsten Stoffen und mit seidenen Kissen, und teure Maler wurden eingeladen, die Wände ihres Zimmers zu gestalten. Da wurden wundervolle Vögel, Einhörner in Zauberwäldern, Kätzchen und Blumenranken an ihre Wände und Decken gemalt, wertvolle Möbel mit weichen Stoffen bezogen.
„Bitte, male mir einen Bruder“, sagte das Mädchen zu einem der Maler, der sie überrascht ansah.
„Wie soll er denn aussehen?“, fragte der Maler das Mädchen, und sie überlegte nicht lange.
„Das ist mir egal.“ Und sie zeigte auf einen noch freien Platz an der Wand.
Da malte er einen Jungen an diese Stelle auf die Wand, dabei schaute er das Mädchen manchmal an und dachte bei sich, wie wunderlich doch Kinder wären. Der Maler war ein sensibler Mann und fühlte, dass das Mädchen traurig war. Er sah sich um und fand es sonderbar, schien es ihr doch an nichts zu fehlen. Das Mädchen schaute gebannt dabei zu, wie er ihr einen Bruder auf die Wand malte.
Als der Maler fertig war, setzte sich das Mädchen mit einem Buch neben ihren gemalten Bruder und begann vorzulesen.
„Es waren einmal Brüderchen und Schwesterchen…“
Der Maler schaute noch einmal zurück, packte seine Farben ein und ging.
So saß sie nun tagein, tagaus vor der Stelle an der Wand, wo ihr gemalter Bruder im Garten zwischen den wunderlichen Tieren und Pflanzen stand und verließ diesen Ort kaum noch.
Die Jahre vergingen, sie wuchs heran, und so wuchs auch ihr Herz…
Liebe Freundin,
ach ja, die Müdigkeit. Manchmal, wenn ich wie jetzt ganz still sitze, die Augen geschlossen halte – natürlich nur, wenn ich nicht gerade tippe, was ich briefeschreibenderweise doch recht häufig zu tun pflege –, also in solchen Momenten stellte auch ich mir schon öfter die Frage, ob es je eine Zeit in meinem Leben gab, in der ich nicht müde war. Lauerte, als sich der kleine Holger im Kindergarten schmollend in eine Ecke setzte und nur deshalb nicht zum kompletten Außenseiter wurde, weil er schon damals zeichnen konnte, auch in jeder Minute diese Müdigkeit hinter den Augenlidern, um sich jederzeit bleischwer auf Glieder und Gedanken zu legen? Oder war sie Begleiter des jungen Mannes, der wochenlang durch Irland zog und in der kalten, salzigen Brise des Atlantiks auf den damals noch eher menschenleeren Cliffs of Moher Flöte spielte? Ich weiß es offen gesagt nicht mehr.
Vielleicht war, da ich mich so gar nicht daran erinnere, diese Müdigkeit in diesen Tagen tatsächlich einfach noch nicht Teil meines Lebens. Oder ich bin schon deutlich vergesslicher, als ich es selbst gerne glauben wollen würde. Oder beides. Und ja, falls Dir angesichts dieses schrecklich klischeehaften Bildes leichte Zweifel kommen und Du zu fragen gedenkst: Ich habe tatsächlich am Rande der Cliffs of Moher zum Rauschen des Meeres Flöte gespielt. Ich hatte wohl schon immer einen Hang zum leichten bis mittelschweren Kitsch. Und zum Meer. Und zu Irland. Und zu Flöten.
Vielleicht lebt man so vor sich hin, baut Mist, liebt, lacht, entliebt sich, träumt und zeichnet und weint, und tut ab und zu sogar all das, nein, MANCHES von dem, was man selbst und andere von einem erwarten. Und dann kommt, irgendwann und vermutlich gänzlich unverdient – das ist jetzt sehr doppeldeutig, merke ich gerade –, der Moment, in dem man den Zustand des Erwachsenseins erreicht, wie immer man diesen Zustand definieren möchte. Und dann – zack! – wird man müde.
Das gehört einfach zusammen. Und das geht nie, nie wieder weg. Bis zum Schluss, bis zur letzten, großen, überwältigenden Müdigkeit, die einen mitnimmt.
Wohin, das hat mir der Beobachter, der stille Wanderer, nie erzählt. Ich bin entzückt zu lesen, welch wunderbaren Namen Dein diesbezüglicher Gefährte trägt: Herr von Ableben. Wie wundervoll!
Sollte mein stiller Beobachter tatsächlich auch einen Namen haben, so hat er ihn mir bis heute nicht verraten. Im Gegensatz zu seinem offenbar distinguierten und deutlich gesprächigeren Bruder, der sich mit Dir am Rande des Bettes sitzend über die letzten Dinge unterhält, ist der Kollege, der sich auf den zugigen Höhen der Alb herumdrückt, von eindeutig schweigsamerer Art, umweht von eher mittelalterlichem Gaukler-Flair, wenngleich erstaunlicherweise ähnlich kultiviert.
Noch nie sprach er auch nur ein Wort zu mir. Vielmehr hat er es sich seit frühester Jugend, also der meinen, nicht der seinen, zur Angewohnheit gemacht, regelmäßig irgendwo zu stehen und mir aus der Ferne zuzuwinken. Dieser irritierenden, mir mittlerweile aber fast lieb gewordenen Angewohnheit habe ich sogar schon ein Gedicht und ein Lied gewidmet.
Wenn ich nun einen Schluck aus meiner Kaffeetasse nehme, hoffend, dass Du diese Zeilen in einem Moment der Ruhe und mit einem Getränk in den Händen lesen kannst, vielleicht an dem zu Zeiten essensresteverkrusteten Tisch, an dem eines Tages mit Dir zu plaudern ich mich außerordentlich freue, dann wird mir klar, dass diese Situation – da steht einer, stumm, und winkt Dir zu – extrem nach spooky Psychopatenthriller klingt. Aber mir ist klar, dass hier weder ein schwäbischer Jeffrey Dahmer noch ein irrer Clown mit rotem Luftballon steht, sondern nur der Tod. Oder einer von ihnen. Das beruhigt doch ungemein, oder nicht?
Und man spürt zudem den Frieden und die Liebe, die von ihm ausgehen. Und ein leises, melancholisches Bedauern. Aber vielleicht bilde ich mir das nur ein, und das melancholische Bedauern liegt ganz und ausschließlich auf meiner Seite.
Auf jeden Fall winke ich dann meist unauffällig zurück, wir schauen uns an, und ich denke: „Noch nicht.“ Und er nickt dann stets unmerklich, vielleicht lächelt er sogar ganz, ganz kurz und verschwindet. Wohin er geht, das weiß ich nicht, denn er spricht wie gesagt nie. Nicht mit Worten zumindest. Seine Pfade bleiben, wenn sie nicht die meinen kreuzen, im Dunkeln. Und doch weiß ich, dass er wiedererscheinen und mir zuwinken wird, wie er es so viele Male getan hat, und wie er es, so hoffe ich, noch viele Male tun wird, bis ich auf seinen fragenden Blick nicht mehr „noch nicht“ flüstern werde. Doch bis dahin, wenn ich nicht gestorben bin, tippe und zeichne ich noch ein wenig weiter.
Verzeih, an exakt dieser Stelle musste ich mir unbedingt einen neuen Kaffee holen. „Eins, zwei, Kaffee kommt vorbei“ steht auf der Tasse, und ich pfeife unbewusst ein kleines, gruseliges Kinderlied, während ich mir überlege, welch ungemein bedeutsamen Gedanken ich hier, exakt an dieser Stelle, nun einbringen wollte. Natürlich ist der Gedanke weg, und auch der dritte Schluck heißen Kaffees, der pflichtschuldigst dutzende kleiner, fröhlicher und pausbäckiger Koffein-Heinzelmännchen Hey-Ho-singend im Gänsemarsch und mit Zipfelmützchen ausgestattet in mein träges Sonntagsnachmittagshirn schickt, um dort die mürrisch-maulenden Adenosin-Kobolde zu vertreiben, bringt ihn nicht zurück. Vielleicht sollte ich Dir mal ein paar dieser unausstehlich gut gelaunten Heinzelmännchen vorbeischicken, damit sie Frau Müde mit ihrer zuckrig-disneyesken Wachheit einen gehörigen Schrecken einjagen? So ganz liebevoll nur, versteht sich.
Draußen schreitet der Sturm durch die Wälder und Gassen und verkündet die Herrschaft des Herbstes. Wolken ziehen eilig über den grauen Himmel, als hätten sie irgendwo irgendetwas sehr Bedeutsames zu erledigen. Und drinnen in der Kritzelkammer duftet der Kaffee in der Freddy-Krügbar-Tasse, und es erklingt leise Lautenmusik von John Dowland. Leise Lautenmusik, welch netter Calembour.
Herbst ist Dowland-Zeit, die Harmonien tanzen in einer unnachahmlichen Mischung aus stiller Heiterkeit und einer genau abgemessenen Prise Tristesse ins Ohr wie die bunten Blätter von den Bäumen. Ein Klischee, sagst Du vielleicht und hast natürlich recht damit. Doch sind viele Klischees nicht gerade deshalb welche, weil sie eben zutreffen? Ich mag diese Melange aus Jahresendstimmung und süßem Weltschmerz, aus einsamen Spaziergängen und Begegnungen mit dem stillen Wanderer und flackernden Kerzen, während man Dowland hört, Bach, Clannad oder das Album „If on a Winter‘s Night...“ von Sting. Nein, nicht Sting. Noch nicht. Diese wunderbaren Klänge sollten dem strengeren Bruder des Herbstes vorbehalten bleiben und eher die Seele wärmen, wenn draußen die Eisfeen klirrend lachen.
Ich finde den Gedanken im Übrigen sehr, sehr schön und irgendwie tröstlich, dass Herr von Ableben, der sich in Großbritannien vielleicht Sir Percy Passaway nennt, in den letzten Stunden am Bett der Queen saß und sie sich unterhalten haben über all die Dinge, die sie in den vielen vergangenen Jahrzehnten gemeinsam erlebt haben. Denn vielleicht saß er auch bei ihr immer wieder in der Ecke und sah sie an, so wie Dich manchmal. Vielleicht stand er auch draußen, im Dämmerlicht und im Nebel, der abends vom Fluss Dee in der Nähe von Balmoral Castle aufsteigt, und winkte ihr zu und sagte nichts, so wie er es bei mir zu tun pflegt.
