So wie du bist - Corinne Frottier - E-Book

So wie du bist E-Book

Corinne Frottier

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Beschreibung

Auf der Suche nach Glück und Erfüllung suchen wir meistens das Angenehme, Schöne und Genussvolle. Alles, was unangenehm ist, versuchen wir zu vermeiden. Auch an uns selbst gibt es Seiten, die wir mögen und welche, die wir ablehnen. Der Kampf gegen all das, was wir lieber nicht hätten – im Leben oder an uns selbst – kostet Kraft. Er führt sehr oft dazu, dass wir uns innerlich leer und unglücklich fühlen.

Die Zen-Lehrerin Corinne Frottier zeigt, dass wir diesen Kampf beenden können, wenn wir die Aufmerksamkeit nach Innen wenden. Auf diesem Weg lernen wir unser eigenes „Selbst“ zu verstehen und uns mit uns selbst vertraut zu machen. Indem wir die große Herausforderung meistern, all das, was wir in uns vorfinden, voll und ganz anzunehmen, können wir wahres Glück erfahren.

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EPUB
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Seitenzahl: 210

Veröffentlichungsjahr: 2016

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ÜBER DAS BUCH

Umarme, was du bist

Möge ich glücklich sein.

Möge ich gesund sein.

Möge ich frei sein von Gefahren und Leid.

Möge ich mich geborgen fühlen.

Möge mein Geist frei von Verwirrung sein.

Die Zen-Lehrerin Corinne Frottier zeigt, wie wir die Ursachen unserer Gefühle von Einsamkeit und Selbst-Ungewissheit verstehen und sie überwinden können: Indem wir uns selbst voll und ganz annehmen, wie wir in jedem Augenblick sind, öffnet sich uns der Weg zu einem glücklichen und erfüllten Leben.

Corinne Frottier, österreichisch-französische Zen-Lehrerin, wuchs in einer vielfältig spirituell interessierten Familie auf. Seit 1989 beschäftigt sich die studierte Filmwissenschaftlerin, freie Autorin und Hörspielregisseurin mit Zen. Nach einem Aufenthalt im Zen-Zentrum Dana in Montreuil (bei Paris) erhielt sie 2009 die Übertragung durch Roshi Catherine Genno Pagès und gründete die Zen-Sangha GenjoAn e.V. in Hamburg. Seither geht sie ihrerLehrtätigkeit in Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Österreich und Deutschland nach.

www.corinnefrottier.de

www.genjoan.net

Wir alle strengen uns an, einem Idealbild von uns selbst zu entsprechen. Wir geben uns große Mühe, vor anderen als souverän, begehrenswert, erfolgreich zu erscheinen und in unserem Inneren all das unter Verschluss zu halten, was unserem Streben nach Achtung und Zuneigung schaden könnte. Einen bedeutenden Teil unserer Aufmerksamkeit verwenden wir darauf, zu unterscheiden und auszuwählen, welche Anteile in uns selbst wir zulassen und welche wir dringend unterdrücken sollten, je nachdem, welche Erfahrungen durch sie zu erwarten sind. Und bei all dem fragen wir uns, ob das nun die Eigenschaften sind, die uns definieren, ob sie das sind, was unser „Ich“ ausmacht. Dabei befallen uns umso mehr Zweifel und Existenzängste und wir suchen verzweifelt nach einem Ausweg, uns mit unserem »Selbst« zu versöhnen.

Der buddhistische Blick auf dieses Dilemma kann hilfreich sein: Die Zen-Lehrerin Corinne Frottier zeigt einen Weg auf, das, was wir als unser »Selbst« ansehen, zu verstehen, uns damit vertraut zu machen und die große Herausforderung zu meistern, all das, was wir dabei vorfinden, wirklich anzunehmen. Dieser Prozess ebnet uns den Weg zu wahrer Befreiung und einem erfüllten Leben.

Corinne Frottier

So wie du bist

Der buddhistische Weg

zur Selbstannahme

Kösel

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Copyright © 2016 Kösel-Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlag: Weiss Werkstatt, München

Umschlagmotiv: © shutterstock/Pakrova

Satz: Leingärtner, Nabburg

ISBN 978-3-641-18795-8V002

www.koesel.de

Meinen Lehrerinnen Roshi Catherine Genno Pagès und Lies Groening

in großer Dankbarkeit gewidmet.

Sie haben mich beide gelehrt, mich so anzunehmen, wie ich bin.

Inhalt

Vorwort

I. Selbst-Bild

Koan I

Du bist falsch

Die unbeachteten Pralinen

Ich muss mich ändern

Der perfekte Mensch

Welchen Sinn hat mein Leben?

Weh, was ist das?

Ich bin ich

Ich hier drinnen, da draußen die Welt

Der Kern in der Kirsche

Richtig und Falsch

Es war einmal

Hier und Jetzt

Werden und Vergehen

Erkenne dich selbst

II. Selbst-Annahme

Koan II

In Zeitlupe durch den verregneten Park

Innehalten

Sich selbst vergeben

Ungeladene Gäste

Annehmen heißt nicht hinnehmen

Lotus oder Zyklame

Einatmen, Ausatmen

Der stille Zeuge

Was ist, ist

Wissen und Nicht-Wissen

Das Persönliche im Unpersönlichen

Ein leeres Boot

Indras Netz

So wie du bist

Der Mensch, der an einem Ast hängt

III. Übungen

Koan III

Sutra der liebenden Güte

Sich einen Baum aussuchen

Wie fühlt sich mein Körper an

Wahrnehmen, nicht verändern

Meditation der liebenden Güte

Das Herzkreis-Ritual

Was ist ein Koan?

Danksagung

Anhang

Literaturhinweise

Anmerkungen

Vorwort

Zen-Meister Huai-jang von Nan-yüeh1 suchte den Sechsten Patriarchen Dajian Huineng2 auf, um mit diesem zu studieren.

Der Sechste Patriarch sagte: »Wo kommst du her?«

Nan-yüeh sagte: »Ich komme vom Berg Song.«

Der Sechste Patriarch fragte: »Und was ist es, was da so daherkommt?«

Nan-yüeh wusste nichts zu antworten. Er diente dem Meister acht Jahre lang und ergründete die Frage. Eines Tages sagte er zum Sechsten Patriarchen: »Jetzt verstehe ich es. Als ich zum ersten Mal zu dir kam, fragtest du mich, ›Was ist es, was da so daherkommt?‹«

Der Sechste Patriarch sagte: »Wie verstehst du es denn?«

Nan-yüeh antwortete: »Etwas darüber zu sagen, heißt: es verfehlen.«3

Aus buddhistischer Sicht etwas über Selbst-Annahme zu sagen, heißt, nicht umhin zu können, es zu verfehlen. Denn was auf den ersten Blick so selbstverständlich scheint, nämlich sich selbst liebevoll anzunehmen, wirft gemäß der Lehre Buddhas eine wesentliche Frage auf: Wer ist es, der wen mit liebender Güte annimmt? Unser »Ich«, unsere Identität, deren Wesenheit wir uns so sicher sind und mit der wir selbstverständlich unseren Alltag bewältigen, Verabredungen treffen, den nächsten Urlaub planen, ist bei näherer Betrachtung nicht so konsistent und fassbar, wie es unserem Empfinden nach scheint. Das Bestreben, diese Wesenheit zu beschreiben und mit Worten auf eine Dinglichkeit festzulegen, ist daher ebenso müßig wie der Versuch, den Himmel in einem Schmetterlingsnetz einzufangen zu wollen.

Und doch müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass wir morgens mit einem konsistenten »Ich«-Gefühl aufwachen und mit demselben Gefühl abends einschlafen. Wir müssen akzeptieren, dass dieses »Ich« zuweilen leidet, sich ängstigt und Sehnsucht nach Sicherheit und Geborgenheit hat. Leider sind die Wege, die wir dafür einschlagen, meistens nicht die besten und selten von dauerhaftem Erfolg gekrönt. Das wiederholte Scheitern unserer Bemühungen lasten wir in der Regel den Umständen und/oder unseren eigenen Entscheidungen und den daraus erfolgten Handlungen an. Vorwürfe und Selbstvorwürfe häufen sich in unserem Bewusstsein an und allmählich sind wir überzeugt, der Wunsch nach einem glücklichen und zufriedenen Leben werde für immer unerfüllt bleiben und dies sei unsere eigene Schuld.

Was wir dabei übersehen, ist die Tatsache, dass wir uns nie fragen, wer eigentlich so unglücklich oder frustriert ist und endlich aus dieser Gefangenschaft befreit werden möchte. Selbst-Annahme und Selbst-Erkenntnis bilden in der buddhistischen Lehre daher eine untrennbare, einander bedingende Einheit. Die Einsicht, dass wir keinen Wesenskern besitzen, der von festgelegten Eigenschaften wie Geschlecht, Hautfarbe, Nationalität, sozialer Herkunft und bestimmten Charakterzügen definiert wird, erlaubt uns einen umwälzenden Perspektivenwechsel, der in sich ein unvorstellbares Befreiungspotential zu einem erfüllteren Leben birgt.

Um das eingehender darzulegen, habe ich den ersten Teil des vorliegenden Buches einer ausführlichen Beschreibung dessen gewidmet, was wir gewöhnlich für unser »Ich« halten. Natürlich ist unser Identitätsgefühl von den Merkmalen der westlichen Kultur geprägt, ihren Wertvorstellungen und Ansichten darüber, was entsprechend unseres Geschlechts, unserer nationalen und sozialen Herkunft als angemessenes Verhalten betrachtet wird. Es sind dies die Ingredienzien, mit denen wir unser Selbst-Bild erschaffen und an dem wir unsere Identität festmachen. Den Prozess dieser Selbst-Bildschöpfung habe ich nicht zuletzt in autobiographischen Beispielen zu verdeutlichen versucht.

Dabei ging es mir nicht darum, aktuelle gesellschaftliche und religiöse Gegebenheiten zu analysieren, wie ich auch die Ergebnisse der modernen neurowissenschaftlichen Forschung in meiner Betrachtung nur am Rande streife.

Ich habe mich vielmehr bemüht, die Bedingungen, die zu unserem »Ich«-Gefühl führen, möglichst nachvollziehbar darzustellen, sodass ein besseres Verständnis des eigentlichen Themas, nämlich der Selbst-Annahme, ermöglicht wird, und hoffe, dass es mir in einer Form gelungen ist, die das Lesevergnügen trotzdem erhält.

Das eigentliche Thema des Buches, nämlich die Selbst-Annahme aus buddhistischer Sicht, habe ich ausführlich im zweiten Teil ausgeführt. Darin beschreibe ich nicht nur, was Selbst-Annahme bedeutet, sondern auch, welche Wege uns dahin führen.

Im dritten und letzten Teil sind Übungen beschrieben, mit denen das zuvor Gelesene praktisch überprüft und umgesetzt werden kann. Denn die Worte Buddhas, dass wir weder den Schriften noch den Lehrern, die sie predigen, ja selbst ihm, dem Erwachten, irgendetwas unhinterfragt glauben sollten, haben mich bei meiner ersten Begegnung mit dem Buddhismus am meisten beeindruckt.

Schließlich findet sich am Ende des Buches ein von mir aus dem Französischen ins Deutsche übersetzter Text meiner Lehrerin, Catherine Genno Pagès Roshi, in dem sie ausführlich erläutert, was ein Koan ist. An dieser Stelle soll nur gesagt werden, dass Koans kurze Anekdoten sind, die uns aus der buddhistischen Tradition des alten China überliefert wurden. Sie bestehen zumeist aus einem Dialog zwischen einem Lehrer und seinem Schüler. Die Antwort des Lehrers ist in den meisten Fällen rätselhaft und mit unserer gewohnten Alltagslogik nicht zu begreifen. Genau darin liegt ihre Sprengkraft. Durch diese mysteriös anmutenden und doppeldeutigen Bemerkungen wird unser Verstand gezwungen, so lange andere Gedankenwege einzuschlagen, bis wir schließlich kapitulieren und erkennen, dass uns keine vernunftgemäße Überlegung die Lösung bringen wird. Das ist meistens der Moment, in dem die Kontrolle durch gewohnte Denkmuster aufgegeben wird und wir uns von der Fessel unserer Selbst-Bilder befreien. Dadurch wird eine plötzliche, intuitive Sicht auf die Frage möglich, und die Antwort zeigt sich wie von selbst, ein überaus beglückender Augenblick. Wir alle kennen diese kreativen Augenblicke, in denen eine lang gesuchte Lösung unerwartet aus der intuitiven Sicht hervortritt. Aus diesem Grund sind Koans in der Tradition des Zen eine beliebte Schulungsmethode.

Den einzelnen Teilen habe ich ein solches Koan vorangestellt und mit Absicht keine Erläuterungen hinzugefügt. Dadurch soll dem Leser/der Leserin die Möglichkeit gegeben werden, sich intuitiv dem Inhalt der Geschichte zu nähern und dem eigenen kreativen Erkenntnisimpuls Raum zu gewähren und ihm zu vertrauen. Es gibt keine richtige, falsche oder endgültige Antwort. Bei jedem erneuten Lesen und Ergründen der Fragen mag sich eine neue Perspektive ergeben, so wie das Licht sich auf ständig neue und unerwartete Weise in den einzelnen Facetten eines Diamanten bricht. Das einzig Beständige ist die Erkenntnis, dass jede »Antwort« Ausdruck unserer unmittelbaren, sich ständig wandelnden, wahren Natur ist, und dass wir nicht anders können, als sie bedingungslos so anzunehmen, wie sie sich von Augenblick zu Augenblick entfaltet.

In einer meiner Lieblings-Zen-Geschichten fragt ein Zen-Mönch seinen Meister, was sich denn unter dessen Mönchsrobe befände. »Intimsein« antwortet der Meister.4 Wenn die bedingungslose Annahme dessen, was sich in jedem Augenblick unseres Lebens zeigt, zu unserer natürlichen Haltung wird – und das schließt auch und vor allem uns selbst mit ein – entwickelt sich stetig und unaufhaltsam eine Vertrautheit mit uns und allen Dingen, wie wir es zuvor nie für möglich gehalten hätten. Die Vorstellung einer uns feindlich gesinnten Außenwelt oder uns bedrohender Gefühle und Gedanken, die es abzuwehren oder zu manipulieren gilt, löst sich zugunsten von liebender Güte und Mitgefühl auf. In der Begegnung mit anderen geschieht es immer seltener, dass wir uns zu schützen, zu verbergen suchen. Furchtlos geben wir uns ganz und gar preis und erlauben dadurch uns und dem anderen, die Begegnung selbst in ihrer unerschöpflichen Fülle zu erfahren. Im Zen nennt man dies die Begegnung von Herz zu Herz. Das trifft auch auf uns selbst zu. Wir erleben in der Begegnung mit uns selbst eine Vertrautheit, die schließlich so radikal ist, dass da keiner mehr ist, der begegnet, keiner mehr, dem begegnet wird. Das ist das wahre Intimsein, das wir unter unserem Hemd tragen und welches die Wunde des Getrenntseins endlich heilt, sodass sich unser Wunsch nach einem glücklichen und erfüllten Leben von selbst verwirklicht.

Corinne Frottier

Ahrensfelde, Mai 2016

I. Selbst-Bild

Koan I

Neun Jahre lang saß Bodhidharma5 mit dem Gesicht zur Wand. Es war am Abend des 9. Dezember, als Huike6 zu ihm kam. Es schneite heftig, aber Bodhidharma erlaubte ihm nicht hereinzukommen. Die ganze Nacht über stand Huike im Freien, während es weiter schneite. Am Morgen hatte der Schnee die Knie erreicht. Er wollte unbedingt die absolute Wahrheit erfahren, auch auf die Gefahr hin, sein Leben zu gefährden. Als Bodhidharma das sah, bekam er Mitleid und fragte ihn: »Der du da im Schnee stehst, was ist dein Begehren?«

In Tränen aufgelöst antwortete Huike: »Bitte, Euer Ehrwürden, öffnet das Tor der Barmherzigkeit und errettet alle Lebewesen!«

Bodhidharma antwortete: »Ohne ein sehr langes Training und schier unerträglich harter Arbeit kann der höchste, geheimnisvolle Buddha-Weg nicht beschritten werden. Niemals kann man ES erreichen mit Eigendünkel, schwächlicher Tugend, oberflächlicher Weisheit und halbherzigem Einsatz.« Danach wandte er sich nicht mehr um. Umso mehr aber wuchs Huikes Sehnsucht nach dem WEG. Er zog ein kleines Schwert, das er bei sich trug, schnitt sich den linken Arm bis zum Ellbogen ab und zeigte ihn zum Zeichen seiner verzweifelten Entschlossenheit Bodhidharma. Da erlaubte ihm dieser zum ersten Mal, in den Raum einzutreten, und ihm eine Frage zu stellen: »Der Geist deines Schülers hat noch keinen Frieden. Ich bitte Euch, Meister, bringt ihn zur Ruhe!« bat Huike.

Darauf sagte Bodhidharma: »So bringe mir deinen Geist, ich will ihn befrieden.«

Huike zog sich zurück und suchte mit aller Kraft nach seinem Geist, konnte ihn aber nirgends finden.« Nach einiger Zeit suchte er den Meister wieder auf und sagte: »Mit Leib und Seele habe ich gesucht, aber ich konnte keinen Geist finden.«

Bodhidharma antwortete: »So habe ich Deinen Geist schon zur Ruhe gebracht.«7

Du bist falsch

Vor einigen Jahren, nachdem ihr zweiter Mann gestorben war, beschloss meine Mutter, eine Woche in einem Nonnenkloster zu verbringen. Neben der Möglichkeit, sich eine stille Auszeit zu gewähren, gab es dort für die Gäste verschiedene Angebote: Man konnte ein Yoga-Workshop besuchen oder Qi-Gong üben, in einer Gruppe das Umland erwandern oder an einem konfessionellen Gesprächskreis teilnehmen. Zu meiner Überraschung und der meiner Geschwister wählte meine Mutter eine einwöchige Gesprächstherapie bei einer psychologisch ausgebildeten Nonne.

»Beim ersten Treffen«, so erzählte sie uns später, »stellte mir Schwester Margaretha ein paar Fragen. Nachdem ich sie alle beantwortet hatte, sagte sie schließlich: ›Ich weiß jetzt, womit wir uns diese Woche beschäftigen werden, nämlich mit den Worten Jesu Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Wobei es der zweite Teil des Satzes ist, dem unser besonderes Augenmerk gelten wird.‹«

Es ist schon oft darüber geschrieben worden, dass unser geringes Selbstwertgefühl ein trauriges Erbe der christlichen Kultur ist. Unabhängig davon, ob wir in einer religiös geprägten oder in einer atheistischen Umgebung aufgewachsen sind, wir alle sind beeinflusst von der christlich-theologischen Auslegung dessen, was die Kirche unter der Erbsünde versteht. Danach ist unser Menschsein vor Gott ein schuldbeladener, unvollkommener Zustand, von dem einzig die göttliche Gnade beziehungsweise Jesu Opfertod am Kreuze uns erlösen kann. Da in der biblischen Erzählung von der Vertreibung aus dem Paradies vor allem Eva die Verantwortung für diese Ur-Verfehlung der Menschheit gegeben wird, weil sie der Verführungskunst einer teuflischen Schlange nicht widerstehen konnte, sind Frauen natürlich besonders von diesem Menschheitsmakel betroffen. Das bekam ich schon früh deutlich zu spüren.

Nach der Trennung meiner Eltern verbrachte ich zwei Jahre lang in einem Kinderheim in Kitzbühel. Dort kam ich in die dritte Klasse der »Mädchen-Volksschule« und hatte einige Mühe, mich vom großstädtischen, frankophonen Leben in Brüssel, wo ich geboren wurde und bis dahin aufgewachsen war, auf die bäuerlich-dörfliche und zutiefst konservativ-katholische Umgebung umzustellen.

Jeden Montag hatten wir in der ersten Stunde Religionsunterricht. Der Dorfpfarrer, unser Religionslehrer, hatte dadurch die Möglichkeit, sich nach den Gründen zu erkundigen, warum man nicht zum sonntäglichen Kindergottesdienst erschienen war, was er nach eigenem Gutdünken auch tat. Natürlich wurde keine Entschuldigung von ihm akzeptiert, es sei denn, es lag in der Familie ein schwerer Krankheits- oder gar ein Todesfall vor.

In einer dieser Stunden, ich war damals neun Jahre alt, nahmen wir die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies durch. Leidenschaftlich erläuterte uns der Pfarrer Evas Schuld am betrüblichen Verlauf dieser Geschichte und folglich auch die Schuld aller Frauen daran, Elend und Tod über die Menschheit gebracht zu haben. Völlig verstört saß ich in der Schulbank und konnte nicht begreifen, welche meiner Verfehlungen ein derartiges Unglück zu verantworten hatte. Der Pfarrer, dessen Autorität wir nicht zu hinterfragen wagten, ließ jedoch keinen Zweifel an seiner Aussage zu, und ich habe daher viele Jahre mit dieser für mich unverständlichen Schuld gehadert, denn ich war in meinem kindlichen Glauben sehr gottesfürchtig und bezweifelte nichts von dem, was man mir in diesem Zusammenhang erzählte. Erst als ich achtzehn wurde, wandte ich mich endgültig vom katholischen Glauben ab und trat bald danach aus der Kirche aus.

Das Gefühl, wegen dieser Erbschuld, mit der ich als Frau von der Kirche gebrandmarkt wurde, minderwertig zu sein, habe ich jedoch viel länger mit mir herumgetragen, denn den christlichen Glauben, der Vollkommenheit Gottes stünde die menschliche Unvollkommenheit gegenüber, hatte ich im Laufe der Jahre erfolgreich verinnerlicht. Sie stellt den Nährboden dar, auf dem heute unsere Schuldgefühle wachsen und auf dessen Grundlage der Optimierungswahn ins nahezu Unbegrenzte getrieben wird. Dem Menschen, der in dieser Kultur aufwächst, vermittelt sich von Kindesbeinen an ein Gefühl des Ungenügens. So als wäre er eine Fehlfarbe oder ein Mängelexemplar, ein Montagsprodukt. Obwohl es ebenfalls in der Schöpfungsgeschichte heißt, Gott hätte uns nach seinem Ebenbild erschaffen, scheint diese Aussage nach Evas und Adams Genuss des berüchtigten Apfels in Vergessenheit geraten zu sein. Stattdessen werden wir hartnäckig aufgefordert zu prüfen, auf welche Weise und in welchen Bereichen wir den verschiedenen Vollkommenheitsanforderungen nicht genügen.

Es sind aber nicht nur religiöse Überzeugungen, die unser Selbstgefühl auf bestimmte Muster festlegen. Jenseits ethischer Grundsätze, die nach neueren Forschungsergebnissen in unserem Menschsein angelegt sind, bringt man uns eine Fülle von Regeln bei, die hauptsächlich in kulturellen Traditionen ihren Ursprung haben, das heißt, in den überlieferten Vorstellungen der Gemeinschaft, in der wir aufwachsen. Je rigider diese Vorstellungen sind und je unflexibler an ihnen festgehalten wird, desto leidvoller werden sie sich auf unser Selbstgefühl auswirken. Kleine Kinder haben noch keinerlei Bewusstsein bezüglich ihres Geschlechts, ihrer Staatsangehörigkeit, ihrer Hautfarbe, ihrer sozialen, religiösen oder kulturellen Herkunft. Erst im Laufe ihres Heranwachsens wird ihnen beigebracht, wie sie sich diesen Gegebenheiten entsprechend zu verhalten haben, um ein akzeptiertes Mitglied der Gemeinschaft zu werden und von ihr Liebe und Anerkennung zu finden. Entsprechen wir aus welchen Gründen auch immer diesen Erwartungen nicht, erleben wir oft schon in frühen Jahren den Schmerz des Ausgegrenztwerdens.

Obwohl ich zweisprachig aufgewachsen bin, tat ich mich anfänglich mit dem Tiroler Dialekt meiner Kitzbühler Mitschülerinnen ziemlich schwer. Trotzdem gewöhnte ich mich rasch ein und wurde als sympathische Französisch und Deutsch sprechende Exotin in den Klassenverband aufgenommen. Bis zu dem Tag, an dem die historische Schlacht am Bergisel im »Heimatkunde-Unterricht« durchgenommen wurde. (Es ist dies die Schlacht, die die aufständischen Tiroler Bauern unter der Führung ihres Freiheitskämpfers Andreas Hofer gegen die napoleonischen Truppen verloren. Durch Verrat wurde Hofer in der Folge gefangen genommen und in Mantua exekutiert.) Drei Tage lang sprach keines der Mädchen mehr ein Wort mit mir. Plötzlich wurde ich mit den verhassten Franzosen, die ihren Nationalhelden zum Tode verurteilt und hingerichtet hatten, identifiziert. Ich verstand die Welt nicht mehr. Was hatte ich mit irgendwelchen Soldaten aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts zu tun und noch viel mehr mit einem Todesurteil über einen Tiroler Gastwirt, von dem ich bis dahin noch nie gehört hatte? Meine nationale Herkunft schien so sehr ein Teil von mir, dass es in den Augen meiner Mitschülerinnen offenbar den vorübergehenden Ausschluss aus der Klassengemeinschaft rechtfertigte. Der Eindruck, nicht dazuzugehören, als »Fremde« nur geduldet zu sein, wurde zu einer prägenden Erfahrung meiner Selbstwahrnehmung, die dazu führte, dass ich mich auch später im Leben in jeder Situation wie ein »Gast« fühlte und mich auch so verhielt.

Durch unsere andauernden Bemühungen, einem Bild zu entsprechen, das meist nur wenig mit unserem Seins-Gefühl übereinstimmt, verlieren wir immer mehr das, was der tibetische Lehrer Tsoknyi Rinpoche »das Erkennen unserer grundlegenden Offenheit, Klarheit und Liebe« nennt.

Das trifft auch dann zu, wenn wir eine unrealistisch hohe Meinung von unseren Qualitäten haben. Damit überspielen wir in Wahrheit nur einen tiefempfundenen Minderwert, den wir sowohl vor uns selbst als auch vor anderen verbergen wollen. Wir sind nicht mehr in der Lage, das Bild, das wir von uns selbst haben, von unserem wahren Seins-Grund zu unterscheiden, und können uns nicht erklären, woher das undeutliche Gefühl kommt, die meiste Zeit mit uns selbst in einem Zustand der Anspannung und feindseligen Belagerung zu sein.

Die unbeachteten Pralinen

Nachdem ich mein Studium der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft in Köln abgeschlossen hatte, zog ich nach Hamburg. Ich war gerade dreißig geworden und hatte vage Vorstellungen, was ich mit diesem Examen nun beginnen wollte. Aus meinen Absichten wurde aber nichts, ich blieb arbeitslos und geriet in eine tiefe Krise, die unter anderem Panikattacken in mir auslöste.

Ein junger Mann, der inzwischen mein ältester und bester Freund geworden ist, empfahl mir eines Tages, eine alte Dame aufzusuchen, die mir vielleicht helfen könne. Sie hieß Lies Groening, war Atemtherapeutin und hatte Ende der Fünfzigerjahre als eine der ersten Frauen längere Zeit in einem japanischen Zen-Kloster verbracht. Diesen Aufenthalt beschrieb sie in dem vielbeachteten Buch Die lautlose Stimme der einen Hand, das ich zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht kannte. Als sie sich schweren Herzens von ihrem Lehrer, Daizohkutsu Ohtsu, verabschiedete, überreichte er ihr seinen Zen-Stab, wodurch er ihre Meisterschaft bekundete.

Aus Japan zurückgekehrt, lebte Groening San, wie ihre Schüler sie liebevoll nannten, inzwischen in Hamburg in einer kleinen Erdgeschosswohnung mit Garten. Dort hielt sie trotz ihres hohen Alters, sie war damals 84 Jahre alt, und ihrer fast vollständigen Erblindung immer noch meditative Treffen ab.

Da ich nichts zu verlieren hatte, verabredete ich mich mit ihr und suchte sie bald danach in ihrer Wohnung auf. Sie empfing mich in ihrem Wohnzimmer, hatte Tee vorbereitet und bat mich, uns beiden einzuschenken. Ich blickte verlegen durch die großen Fenster in den Garten und wartete, dass sie mich zum Sprechen aufforderte. Frau Groening ließ sich Zeit, zog eine Schale mit Schokoladenkonfekt näher an sich heran, lehnte sich dann aber zurück, ohne sich daraus bedient zu haben. »Was bedrückt dich, mein Kind?«, fragte sie schließlich leise. Unerwartet brach es aus mir heraus, als ob durch ihre sanft geäußerte Frage plötzlich ein Damm gesprengt worden sei. All die innere Not der letzten Zeit, die quälenden Ängste, Zweifel und Unsicherheiten drängten aus meinem Inneren und stürzten ungehemmt hervor. Ich bemerkte es zuerst gar nicht. Erst als diese ungestüme Bewegung sich langsam beruhigte, nahm ich meine innere wie äußere Atemlosigkeit wahr und erschrak. Wie lange hatte ich so auf sie eingeredet und was würde sie mir jetzt entgegnen? Ich schämte mich entsetzlich, alles in mir zog sich zusammen, und ich machte mich auf das Schlimmste gefasst.

Frau Groening beugte sich vor und bat mich, ihr eine weitere Tasse Tee einzuschenken. Dann trank sie einen Schluck, lehnte sich wieder zurück und begann vergnügt über ihre portugiesische Zugehfrau, wie sie sie nannte, zu erzählen. Ich war perplex. War sie nicht nur blind, sondern auch taub? Hatte sie nichts von dem gehört, was ich in den vergangenen Minuten so aufgeregt berichtet hatte?

Ich war aber auch zu wohlerzogen, um sie zu unterbrechen oder gar um eine Antwort auf das eben Geschilderte zu bitten. Hingegen erinnerte ich mich plötzlich an einen Satz aus irgendeinem Zen-Buch, das ich vor längerer Zeit mal gelesen hatte (den Titel hatte ich längst vergessen), in dem einem Zen-Schüler von seinem Lehrer nahegelegt wurde, ihm bedingungslos und immer zuzuhören, selbst dann, wenn ihm der Sinn des Gesagten verhüllt bliebe. Deutlich hörte ich in mir eine Stimme, die mir riet, nicht weiter über die seltsame Situation nachzudenken, sondern mich ebenso zu verhalten, wie es der Meister seinem Schüler geraten hatte.

Frau Groening fuhr also fort, von ihrer portugiesischen Putzfrau namens Rosa zu berichten, wie häufig diese jede Woche kam, um aufzuräumen, etwaige Besorgungen zu erledigen und natürlich auch ein Schwätzchen zu halten, denn seit Frau Groening von ihrem zweiten Aufenthalt in einem Zen-Kloster in Japan zurückgekehrt sei, hätte sie sich nach und nach mit den meisten ihrer Freunde überworfen oder diese seien zu alt und gebrechlich, um sie zu besuchen, oder bereits gestorben, und so hätte sie nicht mehr viel Gelegenheit, sich mit anderen Menschen zu unterhalten, lesen könne sie auch nicht mehr, denn dazu seien ihre Augen zu schlecht, und daher fühle sie sich oft einsam, obwohl es ja auch noch das Fernsehen gäbe.

So plätscherte ihr Reden dahin und allmählich musste ich innerlich schmunzeln und dachte: »Vielleicht ist all das, was ich vorgebracht habe, ja auch nicht der Rede wert und diese alte Dame braucht ein wenig Gesellschaft, warum sollte ich ihr diese für eine kurze Weile nicht gewähren?« Inzwischen war von Rosas Ehrlichkeit die Rede, Frau Groening erklärte, dass sie in der obersten Schublade der chinesischen Kommode, die neben der Tür, die zur Diele führte, an der Wand stand, immer ein paar Hundertmarkscheine liegen hätte, nicht zuletzt auch, um die Putzfrau zu bezahlen, aber nie in all den Jahren hätte diese sich aus der Schublade etwas genommen, eher hätte sie noch zwanzig Mark dazugelegt. Plötzlich merkte ich, wie ihr Erzählton sich veränderte. Rosa und sie hätten eines Nachmittags an diesem Tisch gesessen, um die monatliche Abrechnung vorzunehmen. Ebenso wie heute hätte sich eine Schale mit Schokoladenkonfekt darauf befunden. Frau Groening hätte Rosa aufgefordert, sich ein Konfekt zu nehmen, worauf diese offenherzig erwiderte habe: »Frau Groening, das habe ich bereits getan!«

Jetzt sah Frau Groening mich unvermittelt mit ihren fast erblindeten Augen an, ergriff meine Hand und rief aus: »Siehst du, mein Kind, und das ist dein Problem: Du nimmst dir die Pralinen nicht, die vor dir stehen!«