Söhne ohne Väter - Stephen T. Sirridge - E-Book

Söhne ohne Väter E-Book

Stephen T. Sirridge

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Beschreibung

Wer oder was ist der vielzitierte »neue Mann« der 90er Jahre? Zwei Therapeuten, die seit Jahren mit Männern und Männergruppen arbeiten, bestimmen hier die Position des Mannes im Rahmen der Geschlechterdiskussion. Sie spüren den Ursachen von Beziehungslosigkeit, innerer Einsamkeit und Suchtanfälligkeit nach – und bieten ausführliche, schrittweise Lösungen an. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

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Seitenzahl: 351

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Gregor M. Vogt | Stephen T. Sirridge

Söhne ohne Väter

Vom Fehlen des männlichen Vorbilds

Aus dem Amerikanischen von Klara Vogel

FISCHER Digital

Inhalt

Dieses Buch ist Max [...]1 Einladung zu Veränderungen2 Muttergebundene Männer3 Der Körper des Vaters als Herausforderung4 Der Körper des Vaters als Schild5 Der Körper des Vaters als Uterus6 Der Umgang mit Schmerz und Trauer7 Freunde und Feinde8 Söhne am Arbeitsplatz9 Der abwesende Mann10 Der besondere Lehrer11 Die innere Versöhnung von Vater und Sohn12 Die vollständige Versöhnung von Vater und Sohn13 Der Segen des Vaters14 Unterstützung durch Therapie15 Unterstützung durch Gruppen und Gruppenübungen

Dieses Buch ist Max und Lance gewidmet.

– GMV

 

Für William Thomas und Nathaniel Thomas, Vater und Sohn

– STS

1 Einladung zu Veränderungen

In unserer Zeit hat sich ein neuer Typ von Mann herausgebildet. Es ist ein Mann mit einem starken Bewußtsein seiner eigenen Maskulinität, der die ihn eingrenzenden stereotypen Rollenbilder durchbricht. Er ist dabei, die Bedeutung und die Freude wiederzuentdecken, die es heißt, ein Mann zu sein, ein Vater und ein Sohn. Er ist dabei, das schlafende Wesen in sich selbst zu wecken, den kreativen, genußfähigen, gefühlsmäßig eingebundenen Mann. Er ist produktiv in der Arbeitswelt und dennoch zutiefst an den Entwicklungen seiner Familie interessiert, verfügbar für seine Kinder und seine Partnerin. Er ist dabei, neue Möglichkeiten der Freundschaft mit anderen Männern zu entdecken, die die Bindungen, die er bereits zu ihnen hat, vertiefen und verstärken. Er entdeckt, wie wertvoll gleichberechtigte und dauerhafte Beziehungen zu Frauen sind. Er ist sexuell aktiv und leidenschaftlich, und dennoch fürsorglich und einfühlsam anderen gegenüber. Er ist dabei zu lernen, wie man spielt, wie man sich freuen kann, und dennoch in höchstem Maße engagiert und effizient seiner Arbeit nachgeht. Er stellt die Beziehungen zu seiner Ursprungsfamilie wieder her und zeigt ein tiefes Interesse an der Geschichte der Generationen, die vor ihm gelebt haben. Er tut sein Bestes, Kontakte mit Männern seines eigenen Alters, aber auch mit älteren und jüngeren Männern zu fördern und zu bewahren. Er ist bereit, die Entwicklung jüngerer Männer mit eigener Kraft und Zeit zu fördern und selbst den Rat und die Hilfe älterer Männer in Anspruch zu nehmen. Er ist ein Mann mit ausgeprägten Fähigkeiten, Kraft, Bindungswillen und ethischen Werten. Diese neuen Männer der neunziger Jahre treten in immer größerer Anzahl auf. Sie sind eine Herausforderung für das Klischee, daß Männer sich den Definitionen des Mann-Seins anzupassen hätten, die man ihnen als Rolle auf den Leib geschrieben hat. Sie weigern sich, sich mit den Rollen und den Erwartungen abzufinden, die von so vielen Männern in der westlichen Gesellschaft akzeptiert werden.

Unglückseligerweise beschreiben viele dieser letztgenannten Männer ihr Leben als isoliert, von Süchten regiert und als vom Mangel an Nähe sowohl zu Männern wie Frauen gezeichnet. Die Häufigkeit schwerer Depressionen unter Männern ist stark angestiegen, bei jungen wie bei alten. Männer sterben im Durchschnitt fast zehn Jahre früher als Frauen. Männer sind der Alkohol- oder der Drogensucht in einem Verhältnis von vier süchtigen Männern zu einer süchtigen Frau verfallen. Alle streßbedingten, tödlichen Krankheiten treten in signifikant höherem Maße unter Männern auf. Männer begehen viel häufiger Gewaltverbrechen als Frauen.

Doch überall in den westlichen Ländern unternehmen Männer etwas gegen diese Probleme. Sie arbeiten an Veränderungen in ihren Beziehungen zueinander und zu ihren Familien. Eine immer schneller anwachsende Zahl von Männern ist bereit, die eigene Isolation zu durchbrechen und die Nähe zu anderen Männern und Frauen zu vertiefen. Sie wollen tiefe, dauerhafte Bindungen aufbauen. Sie arbeiten hart daran, in ihrer Männlichkeit einen neuen Sinn und eine neue Quelle der Freude zu entdecken, und sie suchen neue Definitionen dafür, was es heißt, »ein Mann zu sein«. Sie besitzen eine neue innere Bereitschaft und einen neuen Wunsch nach Befriedigung in allen Bereichen ihres Lebens – bei ihrer Arbeit, in ihren Familien, in ihren Freundschaften und in ihren Liebesbeziehungen. Wir laden Sie ein, an diesen Veränderungen teilzunehmen und die Zufriedenheit mit Ihrem Leben zu steigern und zu vertiefen.

Es gibt viele Möglichkeiten, um das zu erreichen, was Sie sich wirklich von Ihren Beziehungen mit anderen Menschen und auch zu sich selbst erhoffen. Wir haben dieses Buch geschrieben, um Ihnen Hilfsmittel zur Hand zu geben, die nicht nur Ihr Verständnis dessen, was ein Mann ist, fördern, sondern Ihnen direkte Möglichkeiten zeigen, die Ihnen in allen Aspekten Ihres inneren und äußeren Lebens helfen. Wir haben die wichtigsten Bereiche im Leben des Mannes berücksichtigt, von der Arbeit, der Liebe, dem Spiel, dem Suchtverhalten bis hin zum Verhältnis zur Ursprungsfamilie. Es ist unser Anliegen, daß Sie ein grundlegendes Verständnis dafür entwickeln, was schiefgelaufen ist, und wir wollen Ihnen all das vermitteln, was Sie benötigen, um daran arbeiten zu können, für sich selbst und Ihre Beziehungen »die Dinge wieder ins richtige Maß zu bringen«.

Das Buch setzt an drei verschiedenen Punkten an. Zum ersten wird in jedem Kapitel ein grundlegender »Bereich« Ihrer Beziehung zu sich selbst und zu anderen systematisch durchleuchtet. Wir wollen Ihnen ein solides, grundlegendes und für Sie brauchbares Verständnis der Schwierigkeiten und Probleme vermitteln, die auftreten können, und auch der Gründe, wieso sie für den einzelnen Mann entstehen können. Als zweiten Punkt bieten wir sofort anwendbare Übungen und Aufforderungen für Männer an, die jeder individuell oder auch in Gruppen dazu nutzen kann, Veränderungen herbeizuführen. Als dritten Punkt nennen wir Ihnen zusätzliche Hilfsmittel, um Ihre eigene Arbeit zu erweitern und zu vertiefen und um mit anderen in Verbindung treten zu können, die sich wie Sie der eigenen positiven Entwicklung verschrieben haben. Sie können diese drei Wege einzeln oder insgesamt nutzen.

In jedem Kapitel sind spezielle Übungen für Männer aufgeführt. Diese Übungen sind manchmal allein durchzuführen, manchmal mit einer weiteren Person und manchmal am sinnvollsten in einer Gruppe. Es gibt keine richtigen oder falschen Antworten im Rahmen der Fragebögen, noch gibt es eine »richtige« Art und Weise, die Übungen anzuwenden, bis auf ganz wenige Fälle. Probieren Sie so viele der Übungen aus und nehmen Sie so viele der Herausforderungen an, die sie bieten, wie Sie nur können. Verwenden Sie unsere Rollenmuster und schaffen Sie sich Ihre eigenen. Einige der Übungen und der Informationen können zu sofortigen Veränderungen führen. Andere Veränderungen brauchen länger – Wochen, Monate, sogar Jahre. Einige der Dinge, zu denen wir Sie auffordern, können ein ganzes Leben lang brauchen, bis sie ihre Wirkung zeigen, denn sie setzen bei Veränderungen des grundlegenden Musters von Beziehungen an, die in Ihrer Familie und in Ihrer Kultur seit vielen Generationen entwickelt wurden.

Denken, fühlen, empfinden Sie Ihren Körper, seien Sie sich Ihrer selbst bewußt. Dies ist es, was viele Männer nicht mehr können, was sie vergessen haben. Dieses Buch bietet Ihnen Gedanken, Gefühle, Wahrnehmungen und Erinnerungen. Wir haben es als Handbuch verfaßt und hoffen, daß es bald Eselsohren haben wird, wenn Sie, während Ihrer Arbeit an Ihren Beziehungen zu anderen und mit sich selbst, wieder und wieder darauf zurückgreifen.

Und nun lassen Sie uns damit beginnen, darüber zu sprechen, »wie die Männer zu dem wurden, was sie sind«. Sobald Sie einen guten Überblick darüber haben, werden Sie erkennen, was Sie daran hindert, was Sie schockiert, sich in der Art und Weise weiterzuentwickeln, in der Sie es gern möchten. Eines der grundlegendsten Elemente in der Herausbildung von Beziehungsmustern bei Männern ist die Beziehung zwischen Sohn und Vater. Diese Beziehung beeinflußt alles im Leben eines Mannes, von der Art, wie er sich selbst innerlich begreift, bis zu der Art, wie er alle anderen Menschen, aber auch Macht, die Wirtschaft, Politik und sogar seine Wahrnehmung der Natur sieht.

Einige Schriftsteller und Philosophen gehen davon aus, daß das Gefühl des Verletztseins, das so viele Männer haben, ihre Distanziertheit, Desillusionierung und ihr Entfremdetsein auf viele traditionelle männliche Tugenden und Wertvorstellungen zurückzuführen sind, wie etwa Tapferkeit, Wettbewerbsgeist, Wille zum Sieg, Aggression, Stärke und zielgerichtetes oder lineares Denken. Diese Eigenschaften, die oft als »patriarchalisch« oder als »Eigenschaften des Patriarchats« gelten, werden von diesen Kultursoziologen als schädigend, destruktiv, entzweiend und hierarchisch angesehen. Dies legt nicht nur nahe, daß die traditionellen männlichen Eigenschaften an sich in Zweifel gezogen werden, sondern darüber hinaus als logische Konsequenz, daß die traditionelle Art und Weise, wie ein Vater seinen Sohn großzieht, ernsthaft in Frage zu stellen ist.

In diesem Buch verwenden wir die Begriffe männlich und maskulin, weiblich und feminin, und zwar in den folgenden Bedeutungen: Männlich und weiblich beziehen sich auf die biologische Geschlechterdifferenz, auf Männer und Frauen. Maskulin und feminin sind Eigenschaften der Geschlechter, die keine biologischen Wurzeln haben, sondern von der herrschenden Kultur definiert werden. In einer Kultur mag zu einer bestimmten Zeit üppige, grelle und aufgeputzte Kleidung als maskulin gelten; zur gleichen Zeit in einer anderen Kultur als feminin. Im Rahmen der Zielsetzung dieses Buches gebrauchen wir den Begriff maskulin als gleichbedeutend mit Stärke, Entschlossenheit, Direktheit, Virilität, Mut, Ausdauer und Willensstärke. Diese Eigenschaften sind bei Frauen ebensogut anzutreffen (wenn vielleicht auch in anderer Form als bei Männern). Das vorliegende Buch jedoch konzentriert sich auf die Männer und deren Erfahrung von Maskulinität.

Heutzutage wachsen viele Jungen ohne ein Rollenmuster der Maskulinität auf. Sie wachsen zu Männern heran ohne die Gegenwart eines Vaters, entweder buchstäblich ohne Vater – in einer Einelternfamilie mit nur der Mutter – oder ohne die Gegenwart eines selbstsicheren, gefühlsmäßig offenen Vaters. Viele Väter wissen heutzutage nicht, was sie mit ihren Söhnen anfangen sollen, und sie fühlen sich als Väter hilflos und wie erfroren. Es sind viele Faktoren, die zu diesem Gefühl des Verletztseins und der Entfremdung beigetragen haben, das die Männer heute erfüllt – wirtschaftliche, soziale, kulturelle und politische Faktoren spielen eine große Rolle. Und dennoch ist einer der wichtigsten Auslöser dieses Gefühls der Verlorenheit bei heutigen Männern das Ergebnis des Zusammenbruchs der Beziehungen zwischen Söhnen und Vätern. Heute beschreiben viele Söhne – und das betrifft auch Väter, die natürlich selbst ebenfalls Söhne sind – ihre Erfahrung als die des Verrats und des Im-Stich-gelassen-Werdens durch ihre Väter. Viele Väter beschreiben, daß sie nicht wissen, wie sie mit ihren Söhnen umgehen sollen. Jugendliche lassen sich ziellos treiben, Väter mittleren Alters kämpfen gegen Süchte an, ältere Väter und Großväter sind geplagt von Lethargie und Desillusionierung. Viele Männer gehen durchs Leben, ohne jede Verbindung zu anderen Männern, die ihnen gleichen. Ihre Verzweiflung beginnt schon früh mit dem vagen Gefühl von Wurzellosigkeit und endet oft in Bedauern, vertanen Gelegenheiten und Einsamkeit. Ein bekannter Familientherapeut, Augustus Napier, schreibt, daß eine überproportionale Anzahl von Männern zurückgewiesene Kinder sind. Die Jungen fühlen sich nicht nur von ihren anderweitig beschäftigten und psychologisch unerreichbaren Vätern verlassen, sie sind auch dem Ärger ihrer unglücklichen Mütter ausgesetzt. Es gibt eine Menge soziologischen Beweismaterials, das darauf hinweist, daß diese Zurückweisung ein zentrales Problem bei Männern ist: vom höheren Aufkommen des Alkoholismus und der Drogensucht, von der viel höheren Selbstmordrate bis zur generellen gefühlsmäßigen Isolation der Männer.

Wie also sind wir zu »zurückgewiesenen Kindern« geworden? Was ist schiefgelaufen? Ein Teil der Antwort ist in der sich verändernden Struktur der Familie zu finden. Wenn vierzig Prozent aller Ehen (und sechzig Prozent aller Zweitehen) auseinanderbrechen, weiß man, daß es eine große Anzahl von Jungen und Mädchen gibt, die tagein, tagaus ohne die körperliche Anwesenheit eines Vaters leben. Darüber hinaus führen die Anforderungen ihres Berufes dazu, daß sich die Männer von allen Erlebnissen und Aktivitäten, die die Woche über zu Hause stattfinden, entfernen. Dadurch geht nicht nur die Macht und die Möglichkeit verloren, mit der der Vater bei der Erstellung von Ordnung und Disziplin helfen kann, sondern auch die notwendige Balance von Energie und Augenmaß für die Dinge, die Vater und Mutter gemeinsam einbringen. Die Söhne sind der Möglichkeit beraubt, auf dem Weg ins Nebenzimmer buchstäblich auf den Vater zu stoßen, Hilfe bei ihren Mathematikaufgaben einzuholen oder von ihm ins Bett gebracht zu werden. Die Jungen lernen, daß die Zeit mit dem Vater vorherbestimmt und begrenzt ist und sich auf ein ferienartiges Wochenende beschränkt, das vollgestopft ist mit Kinobesuchen, Pizza, Ausnahmen von Regeln und Kartoffelchips. Nicht mehr gegeben sind ruhige Momente, tägliche Routine, »Regelmäßigkeit« – das Gefühl, in Frieden Tag für Tag miteinander zu leben.

Was bewirkt diese Situation in der nächsten Generation? Sie schafft ein alle Generationen umfassendes Problem männlicher Isolierung und Entbundenheit gegenüber allen Verpflichtungen. Leider wächst heutzutage ein Sohn zum Vater heran mit dem Gefühl, daß es »natürlicher« ist, abwesend als vorhanden zu sein, ein Außenseiter zu sein, der von außen einen Blick wirft und sich nur vage der Nähe in der Familie bewußt ist, die für ihn nicht greifbar ist.

Eine weitere Antwort auf die Frage nach den Ursprüngen dieses Gefühls der Entfremdung liegt in dem pausenlosen kulturellen Beschuß mit Bildern »echter Männer«, denen wir ausgesetzt sind, und die diese als gänzlich mit sich selbst beschäftigte und »rauhe Individualisten« zeigen. Die Aufmerksamkeit gilt in viel höherem Maße dem Wettbewerb als der Kooperation. Wettbewerb ist natürlich wichtig, doch als der höchste Wert auf der Werteskala bewirkt er vor allem die tiefe Isolation des einzelnen Mannes.

Ein Mitglied unserer Männergruppe, George, bemerkte neulich, daß er keine »wahren Freunde« habe. Alle Männer, mit denen er umgeht, sind nichts weiter als Mitarbeiter, Kollegen. Er glaubt, daß ihnen, gäbe er Informationen über sich selbst preis, »nicht zu trauen ist«, weil sie »mögliche Konkurrenten« sein könnten. Es ist ihm sogar aufgefallen, daß er versucht hat, seinen »besten Freund« dazu zu überreden, sich finanziell an einem guten Geschäft zu beteiligen, über das er gerade verhandelte. Glücklicherweise erwiderte der andere Mann, daß er »lieber ein Freund bleiben, als wegen einer finanziellen Transaktion einen verlieren wolle«. George wurde klar, daß er »sauer« war, weil der andere Mann nicht investieren wollte, doch er sah auch die. Weisheit dieser Entscheidung, eine Grenze zu ziehen und der Freundschaft mehr Wert beizumessen als den paar Dollar, die zu verdienen gewesen wären. Dennoch fällt George auf, daß er diesem Freund immer noch nicht traut, und er führt das auf die Vorstellung zurück, »daß man einfach nicht weiß, wann jemand nicht doch zum Konkurrenten wird, und man will ja nicht, daß er dann auch nur über den geringsten Vorteil verfügt«.

Männern werden folgende Wertungen beigebracht:

Wettbewerb gilt mehr als Kooperation

Tun gilt mehr als Sein und Dazugehören

Effizienz gilt mehr als Moral

Gewinnen gilt mehr als Genießen

das Individuum gilt mehr als die Gruppe

Schuldzuweisung gilt mehr als Verantwortung

Die Suche – im Alleingang – nach äußerlichen Vergütungen ist eine Wertvorstellung, die weit über der des Dazugehörens, des Genießens und tiefer gefühlsmäßiger Bindungen steht. Kulturell vermittelte Werte haben einen tiefen Einfluß auf die Art und Weise, in welcher Männer versuchen, sich selbst positiv zu akzeptieren, und auch auf das Maß an Energie, das sie in Beziehungen, Familie, ethische Werte und das Bewußtsein ihrer selbst einzubringen gewillt sind.

Für Jungen, die in den Familien der 40er, 50er und 60er Jahre heranwuchsen, waren die Väter oft körperlich abwesend oder gefühlsmäßig »einfach nicht vorhanden, selbst wenn sie da waren«. Die Männer waren in Kriegen, versteckten sich hinter Zeitungen, verbrachten ihre Zeit in Clubs oder Vereinen oder allein mit Basteleien in der Garage oder sogar damit, daß sie sich betranken. Die letzten Generationen von Männern wuchsen ohne die »beständige Präsenz« des Vaters auf. Und wenn sie selbst später eine Familie gründeten, dann standen ihnen nicht viel mehr als ein paar hohle Fernsehbilder zur Verfügung, auf die sie hätten zurückgreifen können: eine Phantasievorstellung des idealen Vaters – ein liebenswerter, nicht allzu heller Trottel, der stets auf gütige Art im Hause herumzuhängen schien, wenn man ihn brauchte. Die wirklichen Väter waren Phantome oder Fremde, die aus dem Krieg heimkehrten, und selbst jene Söhne, die von sich behaupten, daß sie eine Beziehung zu ihrem Vater haben, fragen sich, ob sie ihn je wirklich gekannt haben. Viele von uns sagen, daß wir eine gute, enge Beziehung zu unseren Vätern haben, und finden, wenn wir darüber nachdenken, doch nicht viel mehr, was uns mit ihnen verbindet, als den Sport und das Wetter.

Während der letzten fünfzehn Jahre unserer Arbeit als Lehrer und Therapeuten haben wir uns angehört, was Männer übereinander sagen, haben ihre Verwirrung und Frustration über sich selbst und über andere Männer vernommen. Hier eine kleine Aufstellung von Aussagen, die gemacht wurden:

Was sagen die Söhne über die Väter?

humorlos und gefühlskalt

in Traditionen erstarrt

rigide und konservativ

stets geistig abwesend

innerlich abwesend und unbeteiligt

engstirnig und jeglicher Veränderung abhold

besessen von Pflicht, Ehre und Geld

Was sagen die Väter über ihre Söhne?

mangelnde Motivation und fehlendes Durchhaltevermögen

zu niedrige Frustrationsschwelle

suchen nur das Triviale und Oberflächliche

haben keine Arbeitsmoral

übernehmen keine Verantwortung

keine Wertschätzung von Qualität und Tradition

suchen stets den leichtesten Weg, den schlauen Trick

fehlender Respekt und gewöhnlich undankbar

Väter und Söhne haben auch, nachdem sie sich gegenseitig die Schuld zugewiesen und sich kritisiert haben, über ihr eigenes Versagen und ihre Zweifel gesprochen.

Was sagen Väter über sich selbst?

Wir sind nicht besonders gut, was Beziehungen, Gefühle oder Nähe angeht.

Niemand will unseren Rat; warum?

Es scheint, als könnten wir keine Verbindung zu unseren Söhnen aufnehmen, ohne zurückgewiesen zu werden.

Wir wünschen uns, daß unsere Söhne uns respektieren.

Wir wünschen uns, daß wir mehr als Geld zu geben hätten.

Wir fühlen uns hilflos in unserer Sprachlosigkeit und wegen der fehlenden Möglichkeiten, eine Verbindung zu unseren Söhnen herzustellen.

Was sagen die Söhne über sich selbst?

Wer braucht schon Väter? Wir schaffen es auch allein.

Wir fühlen uns als Versager.

Wir wissen nicht, wie wir unsere Väter zufriedenstellen könnten.

Wie sollen wir es schaffen, daß unsere Väter stolz auf uns sind?

Wir erfüllen weder unsere eigenen Erwartungen noch die unserer Väter.

Wir fühlen uns hilflos in unserer Sprachlosigkeit und wegen der fehlenden Möglichkeiten, eine Verbindung zu unseren Vätern herzustellen.

Das ist ein echtes Unentschieden, oder? Wenn die Kommunikation zwischen zwei Parteien so stagniert, so eingefroren ist, werden immer ungelöste Dilemmata zurückbleiben. Einige der ungelösten Probleme zwischen Söhnen und Vätern, die wir oft beobachten, sind unter anderem:

Söhne, die die Erwartungen des Vaters erfüllen/nicht erfüllen; das Ansehen des Vaters erreichen/nicht erreichen.

Söhne und Väter, die eine zu geringe oder gar keine Beziehung zueinander haben.

Väter, die die Muster der inneren Unbeteiligtheit in ihren Ursprungsfamilien wiederholen und damit die Verbindung zu ihren Söhnen verlieren.

Väter und Söhne, die sich gleichermaßen ungewürdigt und unrespektiert fühlen.

Väter und Söhne, die gleichermaßen den Schmerz ihrer Isolation voneinander spüren sowie das Fehlen notwendiger Nähe.

Väter und Söhne, die zuwenig Gemeinsamkeiten finden.

Väter und Söhne, die gleichermaßen intolerant den Wertvorstellungen und den einzigartigen Begabungen des anderen gegenüber sind.

Väter und Söhne, die in die Sucht flüchten.

Väter und Söhne, die darum kämpfen, miteinander einen Platz innerhalb der Familie und innerhalb der Gruppen ihresgleichen zu finden.

Väter und Söhne, die, jeder auf seine Weise, versuchen, »ihre Spur in der Welt zu hinterlassen«, und denen es beiden an Selbstvertrauen und Wissen fehlt, wo und wie sie es erreichen sollten.

Wie können Väter und Söhne einander so fremd sein? Ein Teil der Antwort darauf liegt in den Veränderungen, die sich am Arbeitsplatz vollzogen haben. Als die Technologie die Väter auf Arbeitsplätze zwang, die »auf der anderen Seite der Stadt« lagen, verloren kleine Jungen den Kontakt zu ihrem Vater. Ihnen war es auch nicht mehr vergönnt, andere, ältere Männer zu erleben, wie zum Beispiel die Mitarbeiter des Vaters, ihre Großväter und Onkel. In vergangenen Zeiten galt es als ein wichtiges Ritual, daß der Vater sein Wissen, wie man in der Welt »besteht« und wie man die Welt »sich aneignet«, an den Sohn weitergab. Der Sohn erlernte eine spezielle Fähigkeit und etablierte damit eine Verbindung zu seinem Vater in der Welt der Männer. Das Erlernen einer bestimmten beruflichen Fähigkeit – eine so wichtige direkte Verbindung zwischen Vater und Sohn – ist uns in unserer heutigen Welt fast vollkommen verlorengegangen. Auf ganz ähnliche Weise ist das meiste, was wir an unserem modernen Arbeitsplatz tun, keine wirklich sichtbare Tätigkeit mehr. Wir sitzen in Büros und »schieben Faxe hin und her« und kommunizieren mit Bildschirmen. Ein gewisser Grad von Abstraktion haftet dem an, was viele von uns tun.

Söhne: »Papa, was machst du bei der Arbeit?«

Väter: »Ich verkaufe Aktien«; »ich bearbeite die Versicherungen eines Emissionskonsortiums«; »ich diagnostiziere Schizophrenie«.

Wie kann man solche Arbeitsbereiche einem kleinen Jungen erklären? Oder andersherum gefragt, wie können wir uns diese Bereiche selbst erklären? Wenn Sie einen Sohn haben oder einen kleinen Jungen kennen, machen Sie einmal ein Experiment. Sprechen Sie mit ihm darüber, was Sie tun und wie Sie es tun. Versuchen Sie, es ihm so klar darzulegen wie nur möglich, und geben Sie sich alle Mühe, um auch ganz sicherzugehen, daß er Sie versteht. Beobachten Sie Ihre eigenen Reaktionen, während Sie ihm das erklären. Ziehen Sie dann in Erwägung, ihn an Ihren Arbeitsplatz mitzunehmen und ihm dort alles zu zeigen. Zeigen Sie ihm genau, wo Sie arbeiten und was Sie tun. Das gilt selbst für diejenigen unter uns, die als Handwerker arbeiten – Schreiner, Maurer, Fabrikarbeiter, Verkäufer. Wissen unsere Söhne und wissen wir selbst wirklich, warum und zu welchem Zweck wir arbeiten? Sehen uns unsere Söhne bei der Arbeit? Haben wir unsere Väter arbeiten sehen?

Als wir die direkte und konkrete Verbindung zu dem, was wir tun, verloren, haben wir auch das Gefühl für die Verbindung der verschiedenen Generationen untereinander verloren. Heutzutage geht der Vater zur Arbeit, und sein achtjähriger Sohn wird nach der Schule nicht bei ihm vorbeischauen oder ihm zuwinken; auch der Großvater wird nicht mehr einfach »im Büro vorbeischauen«, um ihn zu sehen. Für die meisten von uns hat die Arbeit eine geographische Distanz zwischen Heim und Arbeit und Gemeinde/Nachbarschaft geschaffen. Der Vater des Vaters ist nicht mehr wirklich am Leben seines Sohnes oder seines Enkels beteiligt. Dem Enkel wird wenig Gelegenheit geboten, seinen Vater als Sohn zu sehen.

Wir sehen oft, wie junge Männer durch die Einkaufszonen streifen, ihrem »zweiten Zuhause«, ohne daß sie auch nur das geringste Bewußtsein einer Gemeinschaft aller Männer hätten. Sie verbringen ihre Zeit ausschließlich in der Gesellschaft anderer Jugendlicher – gelangweilt, ziellos, eine Art von »Obdachlosigkeit«. Ist es dann ein Wunder, daß Männer, die ihre Zeit nur unter Gleichaltrigen verbringen, eine kindliche Maskulinität mit sich herumtragen, die sich in ihrer Kindheit gründet? Die Beziehungen von Vätern und Söhnen haben auch unter den altmodischen und unveränderten Rollenmustern der Maskulinität gelitten. Betty Friedan schreibt, daß Männer »genauso Opfer sind, die unter einem altmodischen Männlichkeitsmythos leiden, der ihnen ohne jegliche Notwendigkeit das Gefühl der Unzulänglichkeit vermittelt, wo es keine Bären mehr zu erlegen gibt«.

Wir haben noch keine alternativen Formen gefunden, die uns erlaubten, unserem körperlichen Selbst Ausdruck zu verleihen und uns das Gefühl von Adäquatheit und Wichtigkeit vermitteln. Viele Männer rennen heute durch die Welt und haben ihre Gefühle ebenso abgeschaltet wie ihr Körperbewußtsein, sie sind eingesperrt in den Wiederholungszwang, »Adäquatheit durch Dominanz« zu erreichen, was sie all ihrer Kreativität und Leidenschaftlichkeit beraubt. Die Söhne beobachten ihre Väter, wie sie drohen, stampfen, dominieren und manipulieren bei ihrem Versuch, eine Alternative für das »Erlegen der Bären« zu finden. Der besessene »laß uns ein großes Geschäft abschließen«-Mann, der »Macho«, der »Brötchenverdiener« der 50er Jahre, der »sanfte, entspannte« Mann der 60er Jahre, der »sensible« Mann der 70er Jahre, der »unternehmerisch begabte« oder auch der »New Age«-Mann der 80er Jahre – all diese Stereotypen lassen die Männer sich unvollkommen und unerfüllt fühlen. Sie haben eigentlich nichts mit dem lebendigen, atmenden Mann zu tun, es sind leere Idealvorstellungen.

Der Vater, jener Kerl, dessen Menschlichkeit noch intakt ist und der sich tatsächlich im Hause aufhält und seinem Sohn Aufmerksamkeit schenkt, ist die absolut beste Chance, die ein Junge hat, in sich selbst gefestigt und mit sich selbst im reinen aufzuwachsen. Die körperliche Präsenz des Vaters ist eine große Macht. Wenn ein Junge aufwächst und den Körper eines erwachsenen Mannes berühren kann, kann er viele Dinge über einen Mann fühlen, wahrnehmen, erfahren: die Kraft der Muskeln, die Größe und den Geruch seines Körpers, den Klang seines Herzschlags, das Gewicht des väterlichen Körpers, wenn er sich an ihn preßt. Diese konkreten Sinneseindrücke entstehen aus der körperlichen Nähe zum Vater und zu anderen Menschen, und sie sind lebenswichtig für die Entwicklung des Bewußtseins unserer Menschlichkeit in Fleisch und Blut. Mein eigener kleiner Sohn kommt und riecht an mir, nachdem ich im Garten gearbeitet habe. Er rast auf mich zu und »drückt« den Teil von mir, den er gerade erwischt. Er sieht mich an und schreit: »Papa!« und macht dabei das wildeste Gesicht, das er fertigbringt. Er ist dabei, sich durch den engen Kontakt zu mir das Wissen um sein eigenes Wesen zu erarbeiten, um seinen physischen und gefühlsmäßigen Körper.

In den folgenden Kapiteln haben wir versucht, ein praktizierbares, konkretes Modell für Väter und Söhne in ihrer Beziehung zueinander zu entwerfen, das auch für erwachsene Männer in ihrer Gemeinschaft mit anderen Männern gilt. Wir möchten Ihnen Mut machen, sich die Befindlichkeit Ihrer augenblicklichen Beziehung zu Ihrem Vater oder Sohn genauer anzusehen, wenn Sie dieses Kapitel gelesen haben. Sinn und Zweck ist, daß Sie Konfliktbereiche oder Bereiche der Vernachlässigung genauer festmachen können und damit die folgenden Kapitel für sich selbst aufschlußreicher machen, die sich auf die Fragen konzentrieren werden »wie es dazu kommen konnte« und »was kann ich jetzt dagegen tun«.

Die ersten beiden Kapitel betonen die Anwesenheit des Vaters als die entscheidende, wesentliche Erfahrung, die alle Männer brauchen. Im zweiten Kapitel, »Muttergebundene Männer«, sprechen wir über einige problematische Bereiche im Leben der Söhne, die sich in einer zu engen Bindung an die Mutter wiederfinden und denen es nicht gelingt, sich daraus zu befreien. Wir sprechen das Thema männlicher Energie im Vater an und wie besonders wichtig seine Macht ist, den Sohn auf positive Weise aus dessen Platz in der »mütterlichen Umlaufbahn« zu lösen und ihm zu helfen, sein Selbstbewußtsein als Mann zu entwickeln.

Im dritten bis fünften Kapitel haben wir eine ganze Reihe von Gleichnissen entworfen, um zu beschreiben, wie die muskel-sinnliche Erfahrung der Maskulinität vom Körper des erwachsenen Mannes an den kleinen Jungen weitergegeben wird. Der Vater fordert heraus, schützt, nährt und verteidigt, und er vermittelt ein Leben lang das Gefühl von Geheimnis und von Ehrfurcht, was der Sohn erst in dieser Form kennenlernen wird, wenn er selbst Vater ist.

Die mittleren Kapitel (6–9) folgen den Spuren des Mannes, wie er als Erwachsener in der Welt draußen existiert. Zentrale Erfahrungen wie Arbeit, Freundschaft und Beziehungen zu Frauen werden aufgegriffen. Ständiges Leitmotiv in diesen Kapiteln ist, wie sehr Männer sich nach den frühen Mustern der Sohn-Vater-Beziehung verhalten, der ungeheure Einfluß dieser Beziehung. Männer, die Maskulinität nur begrenzt, reduziert, »stereotypisch« erfahren haben, werden sich äußerst schwertun, ein befriedigendes Leben zu führen. Sobald Kreativität und Veränderung unterdrückt werden, wenden sich viele Männer dem verzweifelten Gebrauch von bewußtseinsverändernden Drogen oder anderen süchtig machenden Aktivitäten zu, in dem Versuch, dem Gefängnis der Freudlosigkeit zu entfliehen. Wir beschreiben die Chancen von Männern, sich von ihren Süchten zu befreien, und sprechen über die Herausforderung, die sich uns bietet, mit den natürlichen Rhythmen des eigenen Körpers zu leben. Die letzte Gruppe von Kapiteln (10–12) beschreibt den Prozeß des Heilens, der Versöhnung und die Chancen für ein neuerliches Wachstum. Der verwundete Mann muß zuallererst mit sich selbst Frieden schließen, was eine Reihe von Schritten voraussetzt, die wir anführen. Dann ist er in der Lage, sein Wissen in die Beziehungen mit anderen einfließen zu lassen. Ein Kapitel über den »Mentor« bespricht die außerordentlich wichtige Rolle, die die »weisen Männer«, die älteren Männer, für uns im Verlauf unseres Lebens spielen. Diese Mentoren würdigen Aspekte unserer selbst, die unsere Familien nicht sehen können oder wollen.

Das Buch schließt mit dem »Segen des Vaters«, eine Art Segnung der Beziehung von Vater und Sohn, die wir als so lebensnotwendig und grundlegend für das geistige Leben aller Männer ansehen. Unsere Hoffnung ist es, daß die Zukunft Möglichkeiten umfassenderer und positiverer Beziehungen zwischen den Generationen bietet, bereicherte Freundschaften und auch das Gefühl, in der Gemeinschaft der Männer »zu Hause« zu sein, und daß dieses Buch auf seine Art dazu beiträgt, daß Sie dieses Zuhause finden werden.

2 Muttergebundene Männer

Die Hatchers suchten mich für eine Familientherapie auf. Don Hatcher ist fünfundzwanzig Jahre alt, und ihm ist jetzt erst der Gedanke gekommen, von zu Hause auszuziehen; vielleicht würde er schon ganz bald zu Hause ausziehen, erzählt er seinen Kameraden. Der Vater des »Jungen«, Ted, ist Alkoholiker und verhält sich Don gegenüber sehr distanziert und kühl. Ted macht als Ingenieur fast ständig Überstunden und ist viel beruflich unterwegs. Er ist, finanziell gesehen, der »Ernährer« und geht äußerst fürsorglich mit seiner Frau Theresa um. Er kauft ihr auf seinen Geschäftsreisen Geschenke, nimmt sie zweimal jährlich auf eine Reise nach Paris mit, geht die meiste Zeit äußerst höflich mit ihr um und wird nur selten laut – und dann nur, weil sie sich über Don streiten. Ted ruft seine eigene Mutter einmal wöchentlich an. Das Hauptthema ihrer Gespräche ist für gewöhnlich, »was man wegen Don tun könnte«. Theresas Verhältnis zu Don ist geprägt von großer Wärme, Verständnis und Unterstützung. Sie versucht, ihrem Sohn dabei zu helfen, herauszufinden, was er mit seinem Leben anfangen möchte, wie er Verabredungen treffen könnte, wie er mit Mädchen umgehen sollte, welche Art von gesellschaftlichem Leben er sich wünscht, wie er mit seinem Vater auskommen könnte und wie er den Mißbrauch von Alkohol und Drogen vermeiden kann. Don hat gerade angefangen, auf ziemlich breiter Basis mit Drogen zu experimentieren, und ist die meiste Zeit launenhaft und mürrisch. Theresa versucht mit aller Kraft, ihn durch Gespräche und Aufklärung von Alkohol und Drogen abzubringen, ihm dabei behilfich zu sein, Arbeit zu finden, oder ihn zu motivieren, zurück auf die Universität zu gehen. Don schläft oft bis mittags. Wenn er aufsteht, kocht Theresa ihm sein Mittagessen. Don hatte für ein Jahr sein Elternhaus verlassen, um eine Universität zu besuchen, doch dort hatte er vollkommen versagt. Eine der Bemerkungen, die er über diese Zeit fallenließ, war, daß er seine Mutter sehr vermißt hatte. Er wußte, daß es sich für einen Kerl in seinem Alter nicht mehr schickte und daß er sein Leben selber in die Hände nehmen sollte, und dennoch sei es einfach wahr gewesen. Er vermißte die Unterstützung durch seine Mutter, er vermißte ihre stete Präsenz, die ihm erlaubte, sie anzurufen oder kurz zu besuchen. Selbst als er auf der Universität war, wusch sie seine Wäsche und stellte ihm »care-Pakete« zusammen – Kekse und Bananenbrot und Rosinenstollen – als nährende »Rucksäcke«, damit er draußen in der Welt überleben konnte.

Don saß da und blickte auf seine Eltern, während sie ihn beschrieben. Er sah aus, als amüsiere ihn dieses Porträt seiner selbst und seiner Familie. Dann ergriff er selbst das Wort. Don erklärte mir, und er lachte dabei, daß es wirklich so sei, als seien er und seine Mutter verheiratet, während sein Vater einfach wie ein Untermieter vorhanden war, wie ein weiterer – doch vollkommen unwichtiger – Mann im Hause. Er sagte: »Natürlich gibt es keinen Sex, aber andererseits gibt es den zwischen ihnen beiden doch auch nicht, oder nicht?« Ein breites Lächeln begleitete diesen schlauen Kommentar. Er fing sich einen bitterbösen Blick von seinem Vater ein, der wenig Eindruck machte. Ted errötete vor Verlegenheit und zischte Don zwischen zusammengebissenen Zähnen zu: »Das geht dich gar nichts an. Davon verstehst du überhaupt nichts.« »Doch, das tut er«, sagte Theresa ganz verlegen und vermied es, einen der beiden Männer anzusehen. Don kreuzte die Arme auf der Brust und blickte höchst selbstzufrieden drein.

Die Verbindung oder gefühlsmäßige »Ehe« zwischen Theresa und Don machte Ted effektiv zum Außenseiter, zum »dritten Rad am Wagen«. Und unglückseligerweise bedeutete das für Don, daß all die Energie, die er gebraucht hätte, um sein eigenes Leben zu gestalten, in diese alles andere ausschließende enge Beziehung zu seiner Mutter floß. Jungen werden sehr häufig in unserer Kultur an ihre Mütter gebunden oder »bleiben bei ihnen stecken«, manche auf eher offensichtliche Weise, wie Don, doch viele auch in weniger ersichtlichen Weisen, wie etwa Ted an seine Mutter. Es gibt eine ganz bestimmte gefühlsmäßige Bindung, die entsteht, wenn ein Junge aufwächst und zu sehr von seiner Mutter abhängig ist. Daraus entsteht dieses »Steckenbleiben bei Mutter«, wenn der Junge erwachsen wird – und sie die Frau ist, zu der er die engste Beziehung hat –, wenn es ihm nicht gelungen ist, diese intensive, alles andere ausschließende Beziehung vorher zu durchtrennen.

Jack, ein zweiundvierzigjähriger Krankenpfleger, wurde in der psychiatrischen Ambulanz eines Krankenhauses wegen seines zweiten schweren Anfalls von Depressionen behandelt. Er wurde von seiner siebenundsechzigjährigen Mutter in das Krankenhaus gebracht, weil er aufgehört hatte zu arbeiten, kaum noch schlief und schwermütig war. Jack hatte immer eine enge Beziehung zu seinen Eltern. Er lebte bei ihnen. Sein Vater war gestorben, als er sechsundzwanzig war, und sein Tod hatte Jack zum einzigen Gefährten seiner Mutter während der letzten sechzehn Jahre gemacht. Er ist mit einigen, wenigen Frauen ausgegangen, doch keine dieser Beziehungen dauerte länger als zwei Monate. Er hat sehr häufig den Arbeitsplatz gewechselt, dazwischen lagen Perioden der Gefühllosigkeit und Teilnahmslosigkeit. Seine Mutter, die an Herzschwäche leidet, hat ihm erklärt, daß sie sterben würde, wenn er auszöge, obgleich sein ganzes Sehnen einem eigenständigen Leben gilt. Er ist sich nicht sicher, wie sein Leben aussehen würde ohne die stetige Präsenz seiner Mutter.

Wie Jacks Leben beispielhaft darstellt, kann es eine Art sakramentales Element in der Beziehung zwischen Mutter und Sohn geben, eine Verbindung, die darin endet, daß beide ihre Eigenständigkeit und Freiheit opfern. Sie treten allmählich so auf, als hätten sie ein Gelübde abgelegt, immer aneinander »stecken oder kleben« zu bleiben. Sie werden sehr häufig Männer mittleren Alters oder auch ältere Männer antreffen, die stets mit ihren Müttern gelebt haben. Sie alle bilden mit der Zeit gemeinsam mit ihrer Mutter eine Art »ältliches Ehepaar«, da das Alter selbst einen neutralisierenden Effekt auf den Altersunterschied zu haben scheint. Und diese Männer finden niemals wirklich einen Platz für sich selbst in der Welt, außerhalb dieser Beziehung. Sie bilden mit ihrer Mutter ein unzertrennliches Paar, und psychologisch gesehen heiraten sie einander.

Diese beiden Fälle sind die offensichtlichsten Beispiele dafür, was geschieht, wenn Männer an ihre Mutter gebunden sind, wobei auf den ersten Blick zu erkennen ist, daß sie entweder mit ihnen leben oder aber viel Zeit damit verbringen, sie zu besuchen. Diese Söhne können sogar verheiratet sein, und doch spürt die Frau, daß der Ehemann sich zuallererst seiner Mutter gegenüber verpflichtet fühlt. Uns sind viele Fälle bekannt, in denen die Männer ihre Freizeit hauptsächlich damit verbringen, für ihre Mütter Botengänge zu erledigen und Reparaturen auszuführen, lange bevor sie bereit sind, diese in ihrem eigenen Heim zu leisten. Sie sind bereit, den Rasen der Mutter zu mähen und die anfallenden Klempnerarbeiten zu übernehmen und selbst das Dach auszubessern, während dieselben Notwendigkeiten in ihrem eigenen Zuhause oft unerledigt bleiben, da ihre Bindung so stark ist, daß sie immer noch glauben, der eigenen Mutter als erster verpflichtet zu sein.

Wie entsteht nun ein solch verschworener Bund zwischen einer Mutter und ihrem Sohn? Einer der Faktoren, die dazu beitragen, liegt in der Beschaffenheit der Beziehungen zwischen den Ehegatten. Wenn die Beziehung zwischen der Mutter und dem Vater als Ehegatten nicht besonders stark entwickelt ist, liegt es oft daran, daß die innere Bindung von Mann und/oder Frau an die eigene Mutter oder den Vater sehr intensiv ist. Auf die eine oder andere Weise haben der eine oder auch beide Ehepartner niemals das Modell einer wirklich engen ehelichen Beziehung erfahren können, und sie sind daher nicht in der Lage, der Beziehung zum Partner eine echte Tiefe zu verleihen.

Wenn dann ein Kind auf der Bildfläche erscheint, ist es das einfachste für den einen Elternteil oder gar für beide – in diesem Fall beziehen wir uns vor allem auf die Mutter –, dem Muster weiterhin zu folgen, das bereits in ihrer eigenen Ursprungsfamilie vorgegeben war. Seit ihrer Kindheit hat sie eine stärkere, wirklichere Beziehung zwischen sich und ihrer Mutter als zwischen ihren beiden Eltern wahrgenommen. Diese Erfahrung bildet die Basis für die spätere, sehr intensive Kommunikation zwischen Mutter und Kind, von der der Vater ausgeschlossen ist. Dieses Muster der Eltern-Kind-Beziehung zeigt sich schon vor der Geburt des Kindes – wenn die Beziehung zwischen den Elternteilen schwach und fragil ist. In solchen Fällen hat das Paar zwar vielleicht gemeinsame Interessen, doch es entwickelt kein wirklich enges, tiefes Verhältnis zueinander.

Ein Beispiel für solch eine vollkommen auf das Kind ausgerichtete Ehe bildet die Familie von Linda. Linda, eine alleinerziehende Mutter, brachte ihren fünfzehnjährigen Sohn Sean wegen seiner fortwährenden Zornesausbrüche und Anfällen von Zerstörungswut gegenüber Gegenständen in die Therapie. Ein Blick in seine Akte zeigte, daß Sean im Alter von viereinhalb Jahren bereits einem Psychologen vorgestellt worden war, wobei die Empfehlung des Psychologen damals gelautet hatte, daß Linda ihre Aufmerksamkeit nicht mehr ganz so geballt auf Sean richten solle, um Überfürsorglichkeit zu vermeiden, daß sich Sean normaler entwickeln würde, wenn ihm Mut zu größerer Eigenständigkeit gemacht würde, und daß Linda selbst sich stärker ihrem eigenen Leben zuwenden solle, zu ihrem wie zu dem Wohl ihres Sohnes. Linda ignorierte diese Ratschläge, ja sie verwandte noch mehr Zeit und Aufmerksamkeit auf Sean, der weiterhin ein Problemkind blieb, den die Mutter stets aus schwierigen Situationen rettete, in die er sich brachte. In der Akte ebenfalls vermerkt war ein dreiwöchiger Aufenthalt in der Psychiatrie, den der Jugendrichter angeordnet hatte, nachdem Sean im Haus eines Nachbarn, der verreist war, Sachwerte zerstört hatte und verhaftet worden war.

Als Sean zehn Jahre alt war, heiratete Linda Robert. Robert beschwerte sich wiederholt, daß Linda sich mehr um Sean als um ihn selbst kümmere, und schien wenig Interesse für seinen Stiefsohn aufzubringen. Nach Seans Aufenthalt in der Psychiatrie wurde die ganze Familie für eine Familientherapie an mich überwiesen. Als die drei bei mir erschienen, sprachen Robert und Linda kaum noch miteinander, hatten wenig gemeinsame Interessen und sahen ihre Ehe eher als »sachlich-kühl« an, obwohl sie zugaben, daß sie »wahnsinnig verliebt« gewesen waren, als sie sich kennengelernt und geheiratet hatten. Robert war überzeugt, daß der Grund, weshalb die Ehe gescheitert war, darin lag, daß »Sean und Linda aufeinanderkleben – für mich ist da gar kein Platz«. Linda war überzeugt, daß es darin lag, daß »Robert Sean nicht akzeptiert«. Sean weigerte sich, überhaupt etwas zu sagen, und verbrachte die Sitzung damit, auf seine Schuhe zu starren, Robert und mir böse Blicke zuzuwerfen oder uns verächtlich anzuschnauben und seine Mutter immerzu zu fragen, ob er gehen könne, »kurz draußen eine rauchen« dürfe, auf die Toilette könne oder überhaupt die Fragen beantworten müsse, die ich ihm stellte.

Ein neugeborener Sohn (oder eine Tochter) zerren – wie dies auch bei Sean und seinen Eltern der Fall war – an den vorhandenen schwächsten Gliedern des Bandes zwischen Eheleuten, und sie finden schließlich einen Platz für sich zwischen den beiden. Der Vater, der oft von der frühen Versorgung des Kindes ausgeschlossen ist, beginnt, sich von der Familie ab- und seiner Arbeit oder seinem Freundeskreis zuzuwenden, oder er wartet, wie es manchmal der Fall ist, auf die Geburt des zweiten Kindes, das er dann bevorzugen kann. Ein weiterer Punkt, der zur Reibungsfläche in der Beziehung der Eltern untereinander werden kann, ist die natürliche Konsequenz der Jahre, die verstreichen. Frauen klagen oft darüber, daß sich ihre Ehemänner im Laufe der Zeit verändert hätten. Wir hören so oft von Frauen, daß ihr Mann, als sie ihn kennenlernten, noch über eine Art jugendlicher männlicher Überschwenglichkeit, eine Verspieltheit, eine besondere Art Freude sowie über wesentlich mehr sexuelle Energie verfügt habe. Sie entwickelt eine Beziehung mit diesem Jungen – denn er ist in vieler Hinsicht noch ein Junge, wenn sie sich kennenlernen –, doch dann mit den Jahren beschäftigt sich der Ehemann häufig intensiver mit seiner Karriere oder anderen Ereignissen auf dieser Welt, und ein Teil von seinem jungenhaften Überschwang, von seinem Übermut und seiner Begeisterung am Dasein nimmt ab. Seine Arbeit, das Geldverdienen, sein »Ansehen« und seine Geschäftspartner nehmen ihn stärker in Anspruch.

Wenn dann ein Sohn zur Welt kommt, sieht die Mutter in ihm manchmal die Möglichkeit einer Art neuen »geistigen« Ehe. Sie hat noch einmal die Chance, in ihrem Sohn diesen jungenhaften männlichen Überschwang, diese draufgängerische, laute Begeisterung zu erleben, die sie so erregt hatten, als sie ihren Mann kennenlernte. Ihr Ehemann scheint ihr diese spielerische Art nicht mehr bieten zu können, doch in ihrem jungen Sohn steht sie ihr wieder zur Verfügung. Sie fühlt sich sehr zu dieser Begeisterung und dem Gefühl ihres jungen Sohnes, daß die Welt noch so neu ist, hingezogen. In der Familie Hatcher hatte Theresa das Interesse an Ted durch dessen viele lange Reisen und dessen enge Bindung zur Mutter verloren. Don schien sie soviel stärker zu schätzen und soviel leichter zufriedenzustellen, daß ihr die Begeisterung ganz natürlich vorkam.

Es handelt sich hier um eine interessante und häufige Familienkonstellation, die unserer Meinung nach auch als Grundstruktur für das Buch und den Film Zeit der Zärtlichkeit diente. Der Vater wird als ernsthafter, passiver und zurückhaltender Anwaltstyp dargestellt. Schon bald wird uns bewußt, daß die Mutter in der Tat eine Art Liebesbeziehung mit dem ältesten Sohn gelebt hat, der in hohem Maße überschwenglich und lebenslustig gewesen war. Nicht zufällig hieß er Buck – auf deutsch im zoologischen Sinne »Bock«, also das Männchen. Wenn man den Sohn neben den Vater stellte, war es nicht schwer zu sehen, wer das Interesse der Mutter eher fesselte. Bucks Hoffnungen, seine Träume, seine Leidenschaften, seine »Körperlichkeit«, seine Spielfreude und seine Jungenhaftigkeit übten, derart gebündelt, eine hohe Anziehungskraft auf die Mutter aus. Und natürlich war sie nicht in der Lage, eine wirkliche Beziehung zu ihrem zweiten Sohn aufzubauen, der dem Vater so sehr viel mehr glich. Er war in sich gekehrt, ernsthaft, still. Seine Leidenschaften fanden nicht denselben Ausdruck wie die des älteren Sohnes. Der Kern des Problems dieser Mutter-Sohn-Beziehung lag darin, daß diese jungenhafte Person, die sie liebte – Buck –, starb, und sie nicht nur mit diesem furchtbaren Verlust fertigwerden mußte, sondern auch mit der Tatsache, daß zwei Männer um sie waren, die sich so sehr von dem Jungen unterschieden, der ihre ganze Leidenschaft gewesen war.